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Der Rabbi lehnte an der Küchentür und sah zu, wie Miriam herumwirtschaftete. «Hättest du Lust, ein bisschen aufs Land rauszufahren und das Herbstlaub anzusehen?»

«Mit den Kindern? Hepsibah wird schlecht im Wagen.»

«Nein, nicht mit den Kindern. Nur wir beide. Kann Sandy heute Nachmittag nicht die Kinder hüten?»

«Sie kommt heute Abend, David. Weißt du nicht mehr? Wir sind bei den Bernsteins eingeladen.»

«Ach ja. Nun, vielleicht kann sie den ganzen Tag kommen. Ruf sie doch an.»

Sandy konnte. Also machten der Rabbi und Miriam sich mit einer Plastiktüte voll Sandwiches, Obst und einer Thermosflasche Kaffee auf den Weg.

«Das Herbstlaub ist hier in der Gegend wahrscheinlich genauso schön wie weiter nördlich», meinte Miriam.

«Gewiss, aber ich fahre lieber da oben hin. Wir nehmen Nebenstraßen und halten an, wenn wir Lust haben. Wenn wir Hunger haben, essen wir, und dann …»

«Hast du ein besonderes Ziel im Sinn, David?»

«Nein, einfach nur raus.»

«Einen besonderen Grund für dieses Davonlaufen?»

«Ich laufe nicht davon. Ich will einfach nicht zu Hause bleiben. Ich habe keine Lust, rumzusitzen und an den Nägeln zu kauen, während ich darauf warte, dass jemand mich anruft oder eine Delegation des Vorstands kommt, um mir mitzuteilen, dass sie über den Beschluss, den Goralsky-Block zu verkaufen, nicht noch einmal abstimmen werden.»

«Du glaubst wirklich, dass sie gegen dich stimmen werden?»

«Ich halte es für ziemlich sicher.»

«Und was hast du vor?», erkundigte sie sich besorgt.

Er grinste. «Das, was ich jetzt gerade tue. Nicht darüber nachzudenken. Und wir werden auch nicht darüber diskutieren. Sieh dir mal den Ahorn an!»

Es war ein schöner, sonniger Tag mit blauem Himmel und malerischen weißen Wolken. Und da sie sich an Nebenstraßen hielten, herrschte auch fast kein Verkehr. Einmal machten sie halt und sahen zu, wie mit viel Mühe ein großes Boot zur Überwinterung aus dem Wasser an Land geholt wurde. Ein anderes Mal hielten sie in einem kleinen Ort an, um einem Footballspiel zuzusehen, und aßen dabei, im Wagen sitzend, ihre Sandwiches. Zumeist jedoch fuhren sie und wiesen einander auf die interessanten Dinge hin, die zu sehen waren: ein zwischen Bergen gebetteter See, ein majestätischer Baumriese in leuchtendem Rot und Gold, eine grasende Kuhherde auf einem Weidehang. Wenn sie eine Abzweigung sahen, die viel versprechend wirkte, bogen sie ab, und wenn es ihnen zu langweilig wurde, nahmen sie eine andere Straße.

«Hast du eine Ahnung, wo wir sind, David?», erkundigte sich Miriam einmal.

«Nein, aber wir fahren nach Norden – mehr oder weniger.»

«Woher weißt du das?»

«Das sehe ich am Stand der Sonne», erwiderte er herablassend. «Wenn man gewohnt ist, sich beim Beten nach Osten zu wenden, entwickelt man ein Gespür für Himmelsrichtungen.»

«Und bei Nacht?»

«Richtet man sich nach dem Polarstern.»

«Und wenn der Himmel bedeckt ist?»

«Ach, da gibt’s immer Möglichkeiten», antwortete er obenhin. «Du hast sicher schon mal von dem chassidischen rebbe von Chelm gehört, dem Dorf der Dummköpfe. Für den war es leicht, denn er konnte Wunder vollbringen. Wohin er sich beim Gebet auch immer wandte, es war automatisch der Osten.»

Sie hielten zum Tanken und stellten fest, wo sie waren. «Wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein wollen, müssen wir umkehren», meinte er.

«Weißt du, welche Straße wir nehmen müssen?»

«Nein, aber wir fahren immer nach Süden. Dann müssten wir gegen sechs zu Hause sein.»

Zu Miriams größtem Erstaunen war es tatsächlich genau sechs Uhr, als sie den Turm der Stadthalle von Barnard’s Crossing sichteten. Die Kinder lagen völlig vertieft auf dem Bauch vor dem Fernsehschirm und begrüßten sie – wie zu erwarten war – nur flüchtig. Miriam stellte dem Babysitter die üblichen Fragen. Waren sie artig? Haben sie schön gegessen?

«Sie haben sehr gut gegessen, und geschlafen haben sie mittags auch», berichtete Sandy. «Jedenfalls Hepsibah hat geschlafen, Jonathan nur ein bisschen. Und sie haben schon Abendbrot gegessen. Aber es sind mehrere Anrufe für Sie gekommen, Rabbi. Hier ist eine Liste. Einige wollten wissen, wann Sie wieder zurück wären.»

«Und was hast du ihnen gesagt?»

«Dass ich es nicht genau wüsste», erwiderte Sandy. «Aber ganz bestimmt vor acht, weil Sie heute Abend eingeladen sind.»

«Gut so, Mädchen.»

Sie nahmen einen kleinen Imbiss zu sich, und während Miriam anschließend die Kinder zu Bett brachte, ging der Rabbi in sein Arbeitszimmer, um sich dem Abendgebet zu widmen. Er war kaum ins Wohnzimmer zurückgekehrt, als es klingelte. Es war Dr. Muntz.

«Ich hatte schon früher angerufen, aber Sie waren nicht da», erklärte er. «Als ich eben vorbeifuhr, sah ich jedoch Ihren Wagen in der Einfahrt.»

«Kommen Sie herein, Doktor.»

«Da Sie –», er kicherte –, «auf Aufforderung hin nicht an der Sitzung teilgenommen haben, meinte Chester Kaplan, dass man Sie benachrichtigen müsse.»

«Aber ihm war es peinlich, selber zu kommen, da er mich geschlagen hatte, darum hat er Sie geschickt.»

Muntz lachte abermals. «So ungefähr. Chet ist ein sehr sensibler Mensch. Die Abstimmung ist fünfzehn zu fünf ausgefallen.»

Der Rabbi nickte. «Das ist besser, als ich erwartet hatte.»

«Einige, vielleicht sogar die meisten, haben nur gegen Sie gestimmt, weil sie fanden, der Verkauf sei ein gutes Geschäft für die Synagoge, und das wollten sie nicht gern verlieren.»

«Für eine Neuabstimmung zu stimmen bedeutete aber nicht unbedingt, dass der Block nicht verkauft werden kann, sondern nur, dass man auf Aptaker Rücksicht nehmen muss.»

«Nun», sagte Al Muntz, «es gab auch einige, die das Gefühl hatten, man sei ihm keine Rücksicht schuldig, da er nicht Mitglied der Gemeinde sei und so gut wie gar keinen Kontakt mit der jüdischen Bevölkerung habe. Er kümmert sich nicht um uns, warum sollten wir uns um ihn kümmern? Das war die Einstellung einiger Vorstandsmitglieder. Aber selbst von Ihrem Standpunkt aus, Rabbi, finde ich, sollten Sie sich nicht allzu viel Sorgen um Aptaker machen. Vermutlich wird er seinen Laden früher oder später doch aufgeben müssen. Er ist zuletzt reichlich achtlos beim Anfertigen von Rezepten geworden. Vor ein paar Tagen erst hat er eines für eine meiner Patientinnen verpfuscht. Zum Glück ist kein Schaden daraus entstanden, aber es hat schon andere Fälle gegeben. Und was meinen Sie, wie lange es dauert, bis sich das herumspricht? Wer wird dann noch mit einem Rezept zu ihm kommen, selbst wenn seine Zulassung nicht gesperrt wird?»

«Wie kann er in den letzten paar Tagen einen Fehler gemacht haben, wenn er seit zwei Wochen im Krankenhaus liegt?», protestierte der Rabbi aufgebracht.

«Ich meine, ich habe erst vor ein paar Tagen davon gehört», verbesserte sich Dr. Muntz. «Passiert ist es, als Marcus Aptaker noch selbst im Geschäft war.» Und er berichtete von den Ereignissen am Abend des Sturms.

«Was war denn nun mit diesen Pillen?»

«Gar nichts. Die Pillen, die Safferstein am nächsten Tag holte, als Ersatz für diejenigen, die in seinem Mantel steckten, waren in Ordnung, und seiner Frau ging es bald wieder gut. Aber vor ein paar Tagen fand er die ursprüngliche Flasche, und da stellte er fest, dass diese Pillen anders aussahen als die späteren. Sie waren anders gefärbt als die Nachfüllpillen. Also machte er sich natürlich Gedanken. Welche waren nun die richtigen? Wenn seine Frau die falschen Pillen genommen hatte, gab es irgendwelche Nachwirkungen? Sie wissen ja, was man sich so denkt. Also rief er mich an, und ich fuhr auf dem Heimweg dort vorbei und sah sie mir an.» Dr. Muntz hielt inne, um seinen Worten einen dramatischen Effekt zu verleihen. «Rabbi, es waren die falschen Pillen. Es waren nicht die, die ich Mrs. Safferstein verschrieben hatte. Das Etikett war richtig, aber die Pillen waren falsch.»

«Und wenn Mrs. Safferstein die Pillen geschluckt hätte?»

«Nun, zufällig hätten sie keinen Schaden angerichtet. Aber das ist nicht der springende Punkt. Der springende Punkt ist, dass es die falschen Pillen waren. Also, wie oft kann ein Apotheker so einen Fehler machen, bis er keine Kunden mehr hat?»

«Haben Sie das dem Vorstand berichtet?», fragte der Rabbi.

«Aber nein! Hätte ich das getan, wär’s am nächsten Tag in der ganzen Stadt rum gewesen. Ihnen sage ich es nur, weil … na ja, weil ich weiß, dass Sie keinen Gebrauch davon machen, und weil Sie sich so aufgeregt haben über das Unrecht, das wir Aptaker angeblich zufügen wollen, dass Sie sogar angedeutet haben, Sie würden zurücktreten. Ich fand, Sie müssten über alle Tatsachen informiert sein, bevor Sie einen schwer wiegenden Entschluss fassen. Hinsichtlich Ihres Rücktritts, meine ich.»

Der Rabbi sah ihn überrascht an. «Fürchten Sie etwa, dass ich …»

«Ich möchte nicht, dass Sie zurücktreten.»

«Seltsam», sagte der Rabbi sinnend. «Ich hätte nie gedacht, dass Sie …»

«Dass ich auf Ihrer Seite bin?» Muntz lachte. «Es ist aber so, Rabbi. Sehen Sie, Chet Kaplan ist zwar ein guter Freund von mir, in bestimmten Dingen ist er aber ein verdammter Narr. Er ist so verbohrt, was die Klausur und die Religion betrifft, dass er nicht mehr vernünftig denken kann. Tja, und ich finde, die Gemeinde braucht Sie als Gegengewicht.»

«Ich verstehe.» Der Rabbi lächelte. «Sie wollen, dass ich hier Rabbi bleibe, weil Sie fürchten, mein Nachfolger könnte ein religiöser Rabbi sein.»

Der Arzt lachte laut auf. «Es klingt zwar komisch, so wie Sie es ausdrücken, aber ich glaube, Sie haben mich verstanden.»

«Das habe ich. Nur möchte ich wissen, ob Sie sich auch selbst richtig verstehen.»

«Wie bitte?», fragte Muntz.

«Nun, die meisten Juden verwenden, wie die Menschen heutzutage allgemein, wenig Gedanken auf die Religion. Dennoch haben sie ein instinktives Gefühl dafür. Und manchmal, wenn sie mit großer Begeisterung darangehen, geschieht das mehr oder weniger blindlings, und so laufen sie Gefahr, den falschen Weg einzuschlagen, wie Mr. Kaplan. Daher haben Sie wahrscheinlich das Gefühl, dass sein Judentum nicht ganz mit dem übereinstimmt, was Sie instinktiv empfinden. Denn sehen Sie, Doktor, unsere Religion ist eine moralische Religion, ein Lebensstil.»

«Sind das nicht alle Religionen?»

Der Rabbi schürzte die Lippen. «O nein. Das Christentum zum Beispiel ist eine mystische Religion.»

«Sie meinen, die Christen sind nicht moralisch?»

Der Rabbi machte eine ungeduldige Geste. «Selbstverständlich sind sie das. Aber bei ihnen kommt das erst in zweiter Linie. Was ihnen vor allem eingeschärft wird, ist der Glaube an den Menschengott Jesus. Und ihre Moral entspringt dem Grundsatz, dass sie, wenn sie an Jesus als den Sohn Gottes und den Heiland glauben, versuchen werden, ihm nachzueifern und daher moralisch handeln werden. Außerdem herrscht, vor allem bei den evangelischen Sekten, der Glaube, wenn man wahrhaft glaubt, ‹wenn man Jesus in seinem Herzen aufnimmt› heißt es wohl üblicherweise, komme das moralische Verhalten von selbst. Und manchmal stimmt das sogar.» Er legte den Kopf schief und überlegte. Dann nickte er energisch. «Natürlich. Wenn man die Gedanken auf den Himmel richtet, ist man weniger versucht, die Dinge dieser Welt zu begehren. Gewiss, hin und wieder mag man ausrutschen, aber nicht so oft, wie wenn man an gar nichts anderes denkt. Andererseits neigt man vielleicht zu der Auffassung, dass jede Laune, die einem in den Kopf kommt, das Wort Gottes sein muss.

Bei uns dagegen hat der Glaube im christlichen Sinne so gut wie gar keine Bedeutung, da Gott für uns unerkennbar ist. Was kann es bedeuten, wenn ich sage, ich glaube an etwas, das ich nicht kenne und auch nicht erkennen kann? Theoretisch haben die Christen dieselbe Auffassung von Gott, und darum wurde Sein Sohn auf Erden geboren und lebte als Mensch. Denn da er ein Mensch war, konnte Er erkannt werden. Wir aber teilen diesen Glauben nicht. Unsere Religion ist ein Moralkodex. Der Kodex Mosis, die Thora, ist eine Reihe von Verhaltensregeln und -gesetzen. Und die Rabbis, aus deren Diskussionen und Debatten der Talmud besteht, befassten sich mit der Aufgabe, bis ins kleinste Detail festzuhalten, wie diese allgemeinen Verhaltensregeln erfüllt werden sollen. Ich möchte nebenbei erwähnen, dass dies der Grund ist, warum in all den Jahren so wenige Menschen zum Judentum übergetreten sind. Weil wir nichts zu verkaufen haben: keine Geheimnisse, keine Zauberformel, keine zeremonielle Einweihungsfeier, die das Tor des Himmels öffnet. Wenn ein Christ zu mir kommt, der übertreten will, wie es hin und wieder geschieht, erkläre ich ihm genau das, denn wir haben tatsächlich nichts weiter zu bieten als unsere Moral und unseren Lebensstil. Und wenn er sagt, dafür interessiere er sich ja gerade, daran möchte er teilnehmen, antworte ich ihm, das solle er nur tun, nichts könne ihn daran hindern, ein moralischer Christ stehe in unseren Augen ebenso hoch vor Gott wie der Hohepriester von Israel.»

«Wollen Sie sagen, das ist alles, was unsere Religion darstellt? Nur die Moral?»

«Das wäre alles, wenn wir Roboter mit einem Verstand wären, der von Computern programmiert wurde. Da wir jedoch Menschen sind, mit allen üblichen menschlichen Fehlern und Unzulänglichkeiten, brauchen wir Riten, Symbole und Zeremonien, die uns daran erinnern und uns zu einer festen Gruppe zusammenschmieden. Außerdem lernen einige von uns auf diese Weise besser. Und weil wir uns erinnern, gewinnen unsere Geschichte und unsere Tradition an Bedeutung. Die Basis unserer Religion aber ist unsere Moral.»

«Aber manchmal nehmen Sie doch Konvertiten auf, nicht wahr?»

Der Rabbi nickte. «Ja. Ein Übertritt erfolgt zumeist bei der Eheschließung mit einem Juden. Es gibt bestimmte Praktiken und Zeremonien, im Grunde Stammesbräuche, die unsere Moralvorstellungen ergänzen und vertiefen. Und die Konversion ist weitgehend eine Aufnahme in den Stamm. Der Konvertit nimmt einen neuen Namen an, und es ist, als wäre er als Jude geboren. Doch das ist etwas ganz anderes als der Übertritt zu einer der mystischen Religionen.»

«Aber hat es denn nicht auch jüdische Mystiker gegeben?», wandte Dr. Muntz ein. «Ich habe gelesen …»

«O ja», unterbrach ihn der Rabbi ungeduldig. «Die Essener, die Gemeinde von Qumran, die Kabbalisten, die Sabbatbewegung und, wie ich hinzufügen möchte, die Christen – sie alle waren mystische Bewegungen innerhalb des Judentums. Aber wir schüttelten sie ab, da sie vom Standpunkt des traditionellen, zentralen Judentums aus Irrtümer waren. Nur die Chassidim sind übrig geblieben, und das nur, weil ihr Mystizismus die traditionelle Moral und die jüdischen Gebräuche, die diese Moral widerspiegeln und symbolisieren, ergänzt. Die chassidischen Legenden von Wunder wirkenden rebbes sind weiter nichts als abergläubischer Unsinn. Ein chassidischer rebbe jedoch, der aufgrund seines wohltätigen Lebens, seiner Besorgnis um die Menschen zum Heiligen geworden ist, der wird von allen am meisten verehrt.»

Rabbi Small beugte sich vor. «Ich bestreite keineswegs die Gültigkeit der mystischen Erfahrung. Ich neige nur eben nicht dazu. Vielleicht ist das sogar ein Fehler. In diesem Fall jedoch übertreten wir ein Talmudgesetz, das eindeutig moralisch ist – und speziell jüdisch, möchte ich hinzufügen –, um nicht die Religion zu fördern, sondern die religiöse Schwärmerei. Sie deuten an, dass Mr. Aptaker unsere Rücksichtnahme nicht verdient. Was aber ist mit Mr. Goralsky?»

Das Telefon klingelte, der Rabbi nahm den Hörer ab. Während er lauschte, wurde seine Miene ernst. Schließlich sagte er: «Ja, gut. Ich komme sofort.» Er wandte sich an den Arzt. «Es tut mir Leid, aber Sie müssen mich entschuldigen.»