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Auf dem Heimweg parkte Lanigan seinen Wagen, einer spontanen Eingebung folgend, an der Ecke, statt in die Straße einzubiegen. Wie immer zuckte er zusammen, als er die grelle Neonreklame sah: YE OLDE CORNER DRUGGE STORE, JOS. TIMILTY, REG. PHARM., PROP, aber er trat trotzdem ein. Timilty, ein kleiner, dunkler, untersetzter Mann, kam sofort herbeigeeilt. Seine hellgrüne Nylontunika im russischen Stil, mit dem Namenszug Ye Olde Drugge Store in Dunkelgrün auf die Brusttasche gestickt, hatte kurze Ärmel, die haarige Unterarme freiließen. Er war kahl, hatte aber, wie zum Ausgleich dafür, buschige, schwarze Brauen, die von dem schweren, dunklen Brillengestell noch betont wurden. Seine Wangen hatten selbst unmittelbar nach dem Rasieren einen leicht bläulichen Schimmer; jetzt, am Spätnachmittag, wirkten sie blauschwarz. «Und womit kann ich Ihnen dienen?», fragte er, um die Bedeutung des jeweiligen Kunden zu unterstreichen, wie man es in dem Verkaufskursus lernte, an dem er gerade teilnahm. Er hatte das Geschäft vor knapp einem Jahr erst von den Brundages gekauft, die es vor ihm besessen hatten, solange sich Lanigan erinnern konnte.

Ein wenig peinlich berührt von dieser direkten Attacke, überlegte Lanigan, was er kaufen könnte. Sein Blick wanderte über die Auslagen, die Salznüsse, die Pralinenschachteln, die Parfüms; die Hundehalsbänder, -leinen und -gummiknochen; Futter für Kanarienvögel und Sittiche. Kinderspielsachen. Aber er hatte weder Hund noch Kanarienvogel, hatte nicht einmal ein Kind und wusste, wenn er Pralinen oder Parfüm heimbrachte, würde Amy vermuten, er sei betrunken.

Dann fiel ihm die kleine Flasche mit den Pillen ein, das Ärztemuster, das Dr. Cohen ihm gegeben hatte. Er zog sie heraus.

«Mir ist heute Vormittag was ganz Komisches passiert», begann er. «Ich war in meinem Büro unten auf dem Revier und überprüfte gerade ein paar Akten, da bückte ich mich, und verflixt, ich konnte mich nicht wieder aufrichten.»

«Sacroiliacum.» Timilty nickte weise. «War das das erste Mal?»

«Nein, aber so schlimm war’s noch nie.» Er berichtete, wie er Dr. Cohen angerufen hatte. «… und diese Pillen, die der mir gegeben hat, also, die haben wahre Wunder gewirkt. Eine halbe Stunde später war ich praktisch wie neu.» Timilty nickte und lächelte das überlegene Lächeln des Eingeweihten über den Laien, der die Wunder der Wissenschaft bestaunt.

«Gewöhnlich dauert so ein Anfall ungefähr zwei Wochen, aber diesmal – eine halbe Stunde, und weg war’s. Darum wollte ich fragen, ob Sie diese Pillen haben … Das hier ist nur ein Ärztemuster, das Dr. Cohen zufällig zu Hause hatte … Na ja, ich könnte mir ja einen kleinen Vorrat zulegen. Wenn’s dann wieder passiert, brauche ich nicht erst den Arzt zu rufen.»

Timilty warf einen Blick auf das Glasfläschchen, das der Polizeichef ihm zeigte. «Aber sicher haben wir die. Es gibt mehrere Präparate, die die gleiche Wirkung haben; wir nennen so etwas ein Muskelrelaxans. Aber Sie müssen aufpassen beim Autofahren, wenn Sie die Dinger nehmen. Die machen müde.»

«Brauche ich ein Rezept? Dann würde ich nämlich …»

«Nein, Sie brauchen kein Rezept. Wie viele wollen Sie?»

«Tja, ich weiß nicht. Ein Dutzend vielleicht?», meinte der Chief.

«Selbstverständlich. Sie können jederzeit mehr haben, wenn Sie wollen.» Er ging nach hinten in die Rezeptur, und Lanigan folgte ihm.

«Himmel, wie halten Sie bloß all diese vielen Medikamente auseinander?»

«Ach, das ist nicht weiter schwierig, wenn man ein bestimmtes System hat.» Er lachte. «Der alte Brundage hat vermutlich alles instinktiv gemacht.» Er nahm die Plastikröhrchen und ein Etikett heraus. «Ich kann nur die Bezeichnung des Medikaments auf das Etikett schreiben», erklärte er. «Den Namen des Arztes und die Dosierung können Sie selbst drauf schreiben, wenn Sie das wollen. Ich darf das nicht ohne Rezept.»

«Ach, das macht nichts», sagte Lanigan obenhin. «Fertigen Sie eine Menge Rezepte an?»

«So ungefähr fünfzig, sechzig pro Tag»

«Sie füllen die Pillen aus den großen Flaschen in die kleinen um, nicht wahr?»

Timilty hätte am liebsten überheblich erwidert, so etwas erforderte große Verantwortung, aber er sagte sich, Lanigan sei ein wichtiger Mann in der Stadt. Also zwinkerte er ihm zu und antwortete grinsend: «Ja, so ungefähr.»

«Richtig zusammenmixen tun Sie wohl überhaupt nichts mehr.»

«O doch! Flüssige Medikamente, Salben, Suppositorien, manchmal sogar auch noch Pillen. Einige alte Leute hier haben ihre Spezialrezepte für Pillen, und die mixe ich dann zusammen und fülle sie in Plastikkapseln. Als ich mit der Pharmazie anfing, hatten die großen Chemiewerke das bereits alles organisiert.»

«Haben Sie je einen Fehler gemacht?»

Timilty schüttelte ernst den Kopf. «Nicht bei Arzneimitteln. Das tut kein Apotheker. Sonst hätte er seine Lizenz nicht mehr.»

«Aber einige Apotheker …»

Timilty schüttelte hartnäckig den Kopf. «Ich laufe nicht rum und werfe der Konkurrenz Knüppel zwischen die Beine, aber ein Apotheker kann es sich einfach nicht leisten, bei einem Rezept einen Fehler zu machen. Manchmal verschreibt der Arzt das Präparat einer bestimmten Firma, sagen wir Squibb, und davon hat man gerade nichts mehr. Nun hat man vielleicht das entsprechende Präparat von, sagen wir, Parke-Davis. Also, ich kenne Apotheker, die dann das Parke-Davis-Medikament geben. Das ist eigentlich kein richtiger Fehler. Aber es ist unethisch. Und einige Ärzte sehen darüber hinweg, während andere ein Mordstheater machen. Mein Grundsatz ist, immer zunächst den Arzt anrufen und ihn fragen, ob wir das andere Präparat geben dürfen. Sonst händige ich es nicht aus.»

«Dann geben Sie dem Kunden das Rezept zurück und erklären ihm, Sie hätten das Medikament nicht?»

Abermals blinzelte ihm Timilty zu. «Normalerweise sagen wir ihm, es werde ein Weilchen dauern, und bieten ihm an, ihm das Medikament zu liefern.»

«Aha.» Lanigan grinste. «Mir ist das auch schon mal passiert. Und ich fragte mich, als ich die Pillen bekam, was denn so Besonderes dran sei, warum es so lange gedauert habe, da sie doch offensichtlich maschinell hergestellt worden waren. Ich meine, der Apotheker hatte sie doch nicht selbst gedreht.»

«Das ist Geschäft. Ein guter Geschäftsmann versucht seine Kunden zu halten.»

«Ja, vermutlich. Aber sehen Sie mal, es gibt doch sicher Apotheker, die zuverlässiger sind als andere.»

«Nicht beim Anfertigen eines Rezepts», antwortete der Apotheker. «Jedenfalls nicht, wenn sie ihre Lizenz noch haben.»

«Aber wie konkurriert ihr denn miteinander?»

«Auf den Sektoren Preis, Geschäftslage, Persönlichkeit. Genau wie bei den Lebensmittelgeschäften. Die Campbell-Suppen sind in dem einen Laden bestimmt die gleichen wie in dem anderen. Der eine Laden aber ist billiger oder näher oder sauberer. Also gehen Sie in den.»

«Oder man bekommt da ein bisschen mehr als in dem anderen», ergänzte Lanigan.

«Wie meinen Sie das?»

«Na ja, nehmen wir an, ich komme mit einem Rezept für Pillen. Der eine Apotheker füllt einfach die Flasche, während der andere vielleicht sehr viel mehr Watte mit reintut.»

Timilty schüttelte entschieden den Kopf. «Der Arzt bestimmt auf dem Rezept genau, wie viel er von dem Medikament braucht, und genau so viel gebe ich dem Patienten. Wir haben eine ganze Menge Präparate, von denen der Arzt nur ganz genau soundso viele Pillen verabreichen will, und keine mehr. Oder er will, dass der Patient die gesamte Menge nimmt, egal, wie gesund er sich schon nach der Hälfte fühlt. Also geben wir exakt die Menge, die der Arzt verschreibt, nicht mehr und nicht weniger. Außerdem, bei diesen Pillen, die pro Stück bis zu siebzig oder achtzig Cent kosten, gibt Ihnen bestimmt niemand eine extra.»

«Was ist mit den Apothekern, die bei Ihnen angestellt sind?»

«Die verhalten sich beim Abfüllen von Medikamenten auch nicht anders.»

«Vermutlich signiert jeder Apotheker das Rezept, das er ausführt.»

«Wozu? Was wäre der Zweck?»

«Na ja, zum Beispiel, falls etwas schief geht.»

Timilty starrte ihn verwundert an. «Was kann da schief gehen?»