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«Worum geht’s denn?», fragte Arnold. Er verschloss die Tür und rüttelte dann probeweise am äußeren Knauf.
«Der Chief möchte mit Ihnen sprechen. Mehr weiß ich auch nicht», antwortete Jennings leichthin.
Arnold suchte den Zündschlüssel aus seinem Schlüsselbund heraus und nahm Kurs auf seinen Wagen. Jennings ging neben ihm her. «Wenn Sie jetzt keine Zeit haben mitzukommen, wird er morgen Vormittag bei Ihnen zu Hause vorbeischauen», sagte der Lieutenant.
«Nein, nein, es geht schon. Ich bin jetzt zwar verabredet, aber das ist nicht … Ich meine, das kann ich absagen. Hören Sie, wenn’s um die Parkerei vor unserem Laden geht …»
«Mein Wagen steht hier», erklärte Jennings. «Ich fahre hinter Ihnen her.»
«Ist der Chief auf dem Revier?»
«Ja.»
Als sie eintrafen, rief Arnold von einem Münzfernsprecher aus bei Leah an. «Hör mal, Leah, mir ist was dazwischengekommen. Ich habe vielleicht noch eine Zeit lang zu tun.»
«Ach, das macht nichts. Es ist sogar ganz gut. Ich habe den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt. Wahrscheinlich hab ich mir was aufgeschnappt. Am besten gehe ich gleich ins Bett.»
«War das ein Anwalt, den Sie da angerufen haben?», erkundigte sich Lanigan freundlich.
«Nein, das war das Mädchen, mit dem ich verabredet war. Warum sollte ich einen Anwalt anrufen? Hören Sie, was soll das überhaupt?»
«Kommen Sie rein und setzen Sie sich.» Lanigan ging voraus in sein Büro und wartete, bis der junge Mann Platz genommen hatte. «Ich frage nur, weil manche Leute meinen, dass sie einen Anwalt brauchen, wenn sie hierher aufs Revier kommen», erklärte Lanigan jovial. «Sie waren früher schon einmal hier in der Stadt, nicht wahr?»
«Natürlich. Ich bin hier geboren. Das wissen Sie doch.»
«Nein, ich meine kürzlich», korrigierte Lanigan. «Sie waren vor zwei Wochen hier. Ist das richtig?»
«Ja, ich hatte eine Woche Urlaub und bin nach Hause gekommen. Wieso?»
«Und während Sie hier waren, haben Sie im Geschäft mitgearbeitet, nicht wahr?»
«Ganz recht. An einem Abend. Es gab viel zu tun, deswegen habe ich ausgeholfen.»
«Das war am Abend des Unwetters?»
«Jawohl.»
«Sie haben in der Rezeptur gearbeitet, Rezepte angefertigt?»
«Ganz recht.»
«Und Sie waren die ganze Zeit dort?»
«Ja. Mein Vater war vorn, und Ross McLane, der andere Apotheker, hatte einen Haufen Rezepte, die alle noch rausgehen mussten, darum habe ich ihm geholfen. Hören Sie, was soll das? Wenn Sie Bedenken wegen meiner Zulassung für Massachusetts haben …»
«Alles der Reihe nach, Arnold. Also – ist, während Sie in der Rezeptur arbeiteten, irgendetwas Außergewöhnliches passiert?»
«Außergewöhnlich? Wie meinen Sie das? In welcher Hinsicht außergewöhnlich?»
«In jeder Hinsicht», sagte Lanigan. «Außergewöhnlich in jeder nur möglichen Hinsicht. Außerhalb der normalen Routine. Ein außergewöhnliches Rezept vielleicht, oder ein außergewöhnliches Problem bei der Anfertigung.»
Jetzt dämmerte es. «Ach, Sie meinen, als ich den Hustensaft umgestoßen habe? Woher wissen Sie denn davon?»
«Spielt keine Rolle. Erzählen Sie.»
«Tja, also, da kam ein Kunde mit einem Rezept für Hustensaft, und Ross fing an, den Saft abzufüllen. Wir kriegen ihn in Fünfliterballons, wissen Sie. In diesem Ballon war aber nicht mehr genug drin, deswegen hätte er ins Lager gehen und einen neuen Ballon holen müssen. Aber es war genau derselbe Hustensaft, den diese Firma für uns unter unserem eigenen Namen in 0,12-Liter-Flaschen abfüllt. Deswegen wollte er einfach eine von den kleineren Flaschen holen und den Saft daraus abfüllen, statt erst den großen Ballon aus dem Lager herzuschleppen.»
«Warum hat er dem Kunden nicht einfach eine von den kleinen Flaschen gegeben, die die Firma für Sie abfüllt?», erkundigte sich Lanigan interessiert.
«Oh, aber so was ist ausgeschlossen», erwiderte Arnold rasch.
«Wieso?», fragte der Chief. «Weil sie billiger sind und Sie nicht so viel daran verdienen?»
«Nun ja, das auch. Aber wenn ein Kunde mit einem Rezept kommt, kann man ihm keine frei verkäufliche Medizin darauf geben. Der Kunde hätte dann das Gefühl, na ja, der Arzt hätte ihn betrogen. Und der Arzt würde das auch nicht dulden. Der würde uns die Hölle heiß machen. Und außerdem würde sie dem Patienten auch nicht so gut helfen. Verstehen Sie, wie ich das meine?»
«Ich glaube schon. Und was war dann?»
«Da kam ein Kunde mit einem Rezept, der es sehr eilig hatte», berichtete Arnold weiter. «Wie ich vermute, eines von den großen Tieren. Darum ließ McLane die halb volle Flasche stehen, um zunächst das Rezept dieses Kunden anzufertigen …»
«Weil er so gute Beziehungen hatte?»
«N-nein, aber der Hustensaftkunde war noch damit beschäftigt, andere Sachen einzukaufen, und hatte es nicht besonders eilig, und Ross musste sowieso erst eine Flasche von unserem Hustensaft holen …»
«Okay, verstehe.»
«Daher stand die halb volle Flasche offen auf dem Tisch, und ich stieß sie zufällig um. Ross ging natürlich sofort in die Luft, denn das Zeug tropfte auf den Fußboden, und wenn man reintritt, ist es verdammt …»
«Klebrig.»
«Ja. Also, Ross hat dann aufgewischt. Ich meine, ich wusste ja nicht, wo der Wischlappen war …»
«Und wo war er?»
«In der Toilette direkt neben der Rezeptur. Ich wollte es tun, aber Ross fing sofort selber an mit dem Aufwischen.»
«Und das war das einzige Außergewöhnliche, was an jenem Abend passiert ist?», fragte Lanigan.
«Ich glaube schon. Jedenfalls fällt mir nichts anderes ein.»
«Auch nicht etwas Besonderes bei den Rezepten, die Sie ausführen mussten?» Aptaker schüttelte verwundert den Kopf.
Lanigan blickte zur Decke empor. «Erinnern Sie sich an ein Rezept für einen gewissen J. Kestler?»
«Wie soll ich mich an ein Rezept erinnern, das ich vor vierzehn Tagen angefertigt habe?»
Lanigan richtete einen scharfen, abwägenden Blick auf den jungen Mann. «Also, hören Sie, Arnold, Sie kannten doch mal einen Mann namens Kestler, nicht wahr?»
«Gewiss. Ich kannte einen Mann namens Kestler. Wieso?»
«Sie erinnern sich nicht, ein Rezept für ihn angefertigt zu haben?»
«Nein.»
«Und der Name sagte Ihnen gar nichts?»
«Nein.»
«Sie haben nicht irgendwie reagiert, als Sie den Namen auf dem Rezept sahen?», drängte Lanigan.
Aptaker schüttelte den Kopf.
«Na schön, lassen wir das. Das war also das einzige Mal, dass Sie im Geschäft geholfen haben?»
«Ganz recht.»
«Warum?»
«Was soll das heißen – warum?»
«Warum haben Sie am nächsten Tag nicht auch wieder geholfen?», fragte der Chief. «War dieser Streit mit McLane der Grund?»
«Ich hatte keinen Streit mit McLane.»
«Ach! Ich dachte, Sie hätten gesagt, er wäre in die Luft gegangen.»
«Na ja, aber doch nur ganz kurz. Nein, ich habe nicht noch einmal geholfen, weil … weil ich am nächsten Tag wieder abgefahren bin.»
«Nach Philadelphia?»
«Ganz recht.»
«Womit waren Sie nach Barnard’s Crossing gekommen?»
«Mit dem Auto.»
«Wann?»
«Am Dienstag.»
«Und am Donnerstag sind Sie wieder abgereist?», fragte Lanigan. «Das ist eine lange Fahrt für einen so kurzen Besuch. Warum?»
Arnold wand sich auf seinem Stuhl. Die Richtung, die diese Befragung nahm, passte ihm gar nicht. Das heißt, es hatte ihm von vornherein überhaupt nicht gepasst, dass man ihn hier so ausfragte. Er hatte noch nie mit der Polizei zu tun gehabt, aber während der zwei Wanderjahre durchs ganze Land war er häufig in Gesellschaft von Leuten gewesen, die darin erfahren waren, und einer von ihnen hatte ihrer aller Taktik in einem Satz zusammengefasst: «Wenn man auffliegt, hält man die Klappe, man redet nicht bei den Bullen.» Voll Unbehagen fragte er sich, ob er nicht schon zu viel gesagt habe.
Der junge Aptaker kam zu einem Entschluss. Er setzte sich gerade hin und verschränkte die Arme vor der Brust. «Ich sage kein weiteres Wort, ehe Sie mir nicht mitteilen, worauf Sie hinauswollen.»
Lanigan nickte. «Klug von Ihnen. Vielleicht möchten Sie Ihren Anwalt anrufen.»
«Ich brauche keinen Anwalt.»
«Nun, dann vielleicht Ihre Mutter. Sie …»
«Ich rufe auch nicht meine Mutter an. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin volljährig … Hören Sie, bin ich irgendwie verhaftet?»
Lanigan schüttelte den Kopf.
«Heißt das, dass ich gehen kann? Ich kann einfach hier aus dem Zimmer gehen?»
«Sicher.»
«Tja, dann … Was passiert dann? Was haben Sie vor?»
«Oh, wenn Sie jetzt gehen, werden wir Ermittlungen anstellen müssen. Ich dachte, Sie wären vielleicht zur Zusammenarbeit mit uns bereit. Ich dachte, wir könnten uns ganz zwanglos unterhalten.»
Arnold spürte die Falle, und seine Gedanken rasten auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihr zu entgehen. Wenn er in Philadelphia wäre, würde er Reb Mendel anrufen. Der würde wissen, was zu tun war. Vielleicht konnte er ein Ferngespräch … Dann kam ihm plötzlich eine Idee. «Na schön», sagte er. «Ich möchte doch jemanden anrufen.»
Lanigan schob ihm das Telefon hinüber. «Nur zu.»
«Ich brauche das Telefonbuch.»
Lanigan langte in die unterste Schublade und reichte ihm das Telefonverzeichnis. «Wen wollen Sie anrufen?»
«Rabbi Small.»