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Der Wetterbericht am Mittag hatte sich fast ausschließlich mit dem Hurricane Betsy beschäftigt. Es gab Bilder von den Verheerungen, die der Sturm bereits an der Küste von Carolina angerichtet hatte, und Satellitenfotos von der Ostküste, die darauf schließen ließen, dass das südliche New England dem Sturm nicht ganz entgehen würde. Aber niemand machte sich große Sorgen, denn es regnete nicht, und die Luft war, bis auf gelegentliche Windböen, sehr mild. Und wenn auch dicke, schwere Wolken den Himmel bedeckten, so lugte immer wieder einmal für einige Minuten die Sonne hindurch, mit goldenen Lichtstrahlen, die vor dem dunklen Wolkenhintergrund deutlich sichtbar waren.

Am frühen Nachmittag war die Flut außergewöhnlich hoch, hatte aber noch nicht ihren höchsten Stand erreicht. Der ganze Strand war von Autos gesäumt, deren Insassen gekommen waren, um die majestätische Wut der Brandung zu betrachten. An verschiedenen Punkten der Kaimauer, dort, wo das Land ins Wasser hineinragte, war die Brandung besonders stark, und hier hatten sich Teenager versammelt, um den Elementen zu trotzen. Wenn eine riesige Woge sich an den Felsen brach und dann wieder zurückrollte, wagten sie sich bis an den Rand des Wassers heran, um die nächste große Welle herauszufordern, und wichen anschließend hastig zurück, um der Gischt zu entgehen, wenn sie brach. Manchmal warteten sie zu lange, oder die Woge war mächtiger, als sie dachten; dann wurden sie jedes Mal klatschnass, während ihre vorsichtigeren Freunde aus sicherer Entfernung in lautes Hohngelächter ausbrachen.

Jonathan, der fünfjährige Sohn des Rabbi, hatte einen großen Teil des Nachmittags spielend im Garten verbracht. Jetzt kam er ins Haus gelaufen und erzählte, sein Freund von nebenan habe in Begleitung zum nahen Strand gehen dürfen, um der Brandung zuzusehen, und er wolle ebenfalls dorthin. Er wandte sich mit dieser Bitte natürlich an seine Mutter, die ihrem Ehemann daraufhin mitteilte, nachdem er den ganzen Nachmittag lang in seinem Studierzimmer gehockt habe, werde ihm ein bisschen frische Luft bestimmt gut tun. So trabte der Rabbi, den ungeduldig vorwärts strebenden Jonathan fest an der Hand, am Strand entlang und blieb immer wieder einmal stehen, um zu beobachten, wie ein besonders großer Brecher auf sie zugerollt kam, der dann gegen die Felsen schlug und sich schaumspritzend auflöste.

Der Rabbi hörte, wie sein Name gerufen wurde, und als er sich umsah, entdeckte er Akiva Rokeach, der ihm zuwinkte. Er wartete, bis der junge Mann sie erreicht hatte. «Mit Unterstützung meiner Frau», sagte er, «ist mir schließlich eingefallen, oder ich habe vielmehr erraten, wer Sie sind. Sie sind der Sohn des Drugstorebesitzers, nicht wahr? Mr. Aptaker? Es kommt zwar ein bisschen spät, aber ich möchte Ihnen trotzdem danken für das, was Sie vor ein paar Jahren einmal mitten in der Nacht für uns getan haben.»

Akiva zuckte lächelnd die Achseln.

Rabbi Small fuhr sogleich fort: «Sie werden verstehen, dass ich während der nächsten ein, zwei Tage ans Haus gefesselt war, um unseren Jonathan hier zu betreuen, doch dann ging ich gleich zu ihrem Geschäft, um die Medizin zu bezahlen und Ihnen vielmals zu danken. Aber Sie waren fort.»

Akiva grinste. «Ja, ich bin sofort am nächsten Tag weg, damals.»

«Das hatte hoffentlich nichts mit dem zu tun, was Sie für uns getan haben.»

«Aber nein! Darum hatte mich mein Vater gebeten. Dafür gab er mir ein großes Lob!»

«Aha. Dann nehme ich an, Sie sind gegangen, weil Sie eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Vater hatten.»

«So kann man’s auch nennen.» Akiva lachte. «Himmel, Sie sind genau wie mein rebbe. Ihr seid anscheinend alle gleich. Ich sage was, und aus einem einzigen Wort, vielleicht nur aus dem Ton, in dem es gesprochen wurde, leitet er ein ganzes Buch ab.»

«Tut mir Leid, ich wollte nicht neugierig sein.»

«Ach, das macht nichts, Rabbi. Ich hatte tatsächlich einen verdammt schlimmen Krach mit meinem Vater. Deshalb bin ich gegangen. Und wollte nie wieder zurückkommen.»

«Aber Sie sind doch gekommen.»

«Nur für ein paar Tage. Und das auch nur, weil Reb Mendel – das ist mein rebbe – es mir befohlen hat.» Er beschrieb Reb Mendel und die chavura.

«Sie tun alles, was er Ihnen sagt?»

«Ich gebe mir Mühe. Ich hatte eine Woche Urlaub, den ich in seinem Haus verbringen wollte. Er hat so einen riesigen Kasten von Haus, in dem seine chassidim manchmal ein paar Tage mit intensiven Studien verbringen. Aber er befahl mir, lieber nach Hause zu meinen Eltern zu fahren. Also habe ich getan, was er sagte.»

«Einfach so?»

«Hm-hm.»

«Stört es Sie denn nicht, dass ein anderer Ihr Leben bestimmt, Ihnen alle Entscheidungen abnimmt?» fragte der Rabbi.

«Nein. Weil er tiefere Einsicht hat. Er sieht klarer und weiter als ich. Das ist, als würden ein paar Leute in der Wüste umherirren und wüssten nicht, welche Richtung sie einschlagen müssten, aber einer hätte einen Feldstecher und sagte, er könne im Westen ein Dorf sehen. Würden sie nicht alle auf ihn hören und in die von ihm bestimmte Richtung gehen?»

«Ich würde ihn wahrscheinlich bitten, auch einmal durch den Feldstecher sehen zu dürfen», antwortete der Rabbi trocken.

«Na schön, nehmen wir an, er hätte keinen Feldstecher, sondern könnte nur besser sehen?»

«Dann würde ich Beweise verlangen, bevor ich mich in Marsch setzte», sagte der Rabbi ein wenig lächelnd.

«O ja, ich weiß, ihr normalen Rabbis macht euch immer über den rebbe lustig, aber …»

«Wir normalen Rabbis sollen nichts weiter sein als Rechtsgelehrte», unterbrach ihn Rabbi Small. «Keine Wundertäter wie ein rebbe. Meine Predigten sind im Wesentlichen Auslegungen des Rechts und unserer Tradition. Trotzdem, wenn Sie zu mir als Freund gekommen wären und mich um meinen Rat gebeten hätten, wäre ich wohl auch der Ansicht gewesen, es sei an der Zeit, Ihre Eltern aufzusuchen und Frieden mit ihnen zu schließen. Aber das hätte ich Ihnen als Freund vorgeschlagen; ich hätte es Ihnen bestimmt nicht befohlen, weil ich ein Rabbiner bin. Die Entscheidung hätte einzig und allein bei Ihnen gelegen.»

«Aber angenommen, Sie wüssten es, wüssten es hundertprozentig?»

«Niemand weiß etwas hundertprozentig, Mr. Rokeach. Ihr rebbe, sagen Sie, ist Psychologe. Nach meiner Erfahrung ist das nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem Verstehen der Motivationen der Menschen, sondern bedeutet lediglich eine besondere Geschicklichkeit im Ersinnen von Erklärungen für ihr Verhalten, welche zutreffen mögen oder auch nicht und welche, so oder so, nicht bewiesen werden können. Ihr rebbe ist wahrscheinlich ein kluger Mann und besitzt daher die tiefere Einsicht, die jeder intelligente Mensch besitzt. Mehr nicht.»

«Aber wenn er doch immer Recht hat?»

«Nein, er hat nicht immer Recht. Wenn er Recht hat, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass Sie davon hören. Und wenn er nicht Recht hat, schreiben Sie das vermutlich Ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu. Genauso wie Sie das Gute, das vielleicht unerwarteterweise aus Ihrem Besuch hier entsteht, der Fähigkeit Ihres rebbe, in die Zukunft zu sehen, zuschreiben werden. Passiert aber nicht weiter viel, werden Sie wahrscheinlich meinen, Sie hätten versäumt, irgendeine mizwe zu vollbringen. Beschweren Sie sich bei ihm, rät er ihnen höchstwahrscheinlich, Geduld zu haben, da Ihr Besuch hier – wie ein Stein, der in einen Teich fällt, Kreise auslöst, die bis ans Ufer ausstrahlen – der notwendige Beginn einer Folge von Ereignissen sei, die Ihnen letztlich zum Vorteil ausschlagen werden. Und Sie werden ihm glauben, vor allem, wenn später etwas geschieht, das Sie, wenn auch nur entfernt, mit Ihrem Besuch hier in Verbindung bringen können.»

«Aber wie steht’s mit dem Beweis meiner eigenen Gefühle», fragte Akiva. «Der Ruhe und Sicherheit, die ich empfinde, seit ich mich Reb Mendel und der chavura angeschlossen habe? Vorher konnte ich mich nie entscheiden, was ich tun sollte, wohin ich gehen sollte …»

«Das ist der Fluch des Denkvermögens», antwortete der Rabbi. «Darunter leiden wir alle mehr oder weniger. Die niederen Tiere, die nur nach ihrem Instinkt handeln, brauchen sich nicht mit diesem Problem rumzuschlagen. Der Impuls, etwas zu tun, unterbricht automatisch alle anderen Schaltkreise. Die Geschichte von dem Esel, der verhungert, weil er sich in gleichem Abstand von zwei genau gleichen Heuballen befindet, trifft weit eher auf Menschen zu als auf Esel. Es sind die Menschen, nicht die Tiere, die an zwei Plätzen zugleich sein wollen, die zwei Dinge gleichzeitig tun wollen. Das ist normal, aber zuweilen kommt es zu dem Punkt, da Handlungs- und Entscheidungswille gelähmt werden, und das Ergebnis ist Frustration, seelischer Schmerz, manchmal absolute Lebensunfähigkeit. Wenn man die Verantwortung für einen Teil seiner Entscheidungen einem anderen auflädt, so wie Sie Ihrem rebbe, kann es nicht überraschen, wenn die unmittelbare Wirkung dessen Ruhe und Erleichterung sind. Manche behaupten, die gleiche Wirkung zu spüren, wenn sie ihre Seele Jesus anempfehlen, jedenfalls nach Aussage eines meiner Bekannten, der sich der Bewegung ‹Juden für Jesus› angeschlossen hatte. Andere rufen die Jungfrau Maria an oder einen ganz bestimmten Heiligen oder auch den gerade besonders beliebten Guru des Ostens.»

«Aber wenn es doch hilft …»

Der Rabbi zuckte die Achseln. «Der Stress, der einen Kampf begleitet, endet stets mit der Kapitulation.»

Jonathan zog an der Hand seines Vaters. «Daddy, ich habe Hunger! Ich will nach Hause.»

«Schon gut, Jonathan. Wir gehen ja.» Und zu Akiva sagte er: «Dieser hier ist nämlich mein rebbe. Wenn er befiehlt, muss ich gehorchen.»

«Kommen Sie heute Abend zur Andacht, Rabbi? Werde ich Sie dort treffen?»

«Ich denke schon. Vielleicht lernen Sie auch Mr. Kaplan kennen, unseren Präsidenten. Bei ihm werden Sie ein offeneres Ohr für Ihre Einstellung finden.»

«Kaplan? Hat der eine Tochter namens Leah?»

«Ja. Woher wissen Sie das?»

Akiva lächelte. «Ich … ich bin mit einer Leah Kaplan zur Schule gegangen.»