31. Kapitel
16. Februar 2010
Haiti, Golf von Jacmel
Kurz vor Mitternacht
Ruhig steuerte Ondragon das Boot gen Süden. Zuerst mussten sie den Golf von Jacmel hinter sich bringen, bevor er auf einen westlichen Kurs einschwenken konnte. An der Steuerbordseite zog Haitis Landmasse wie ein schwarzer Scherenschnitt vorbei, unbeweglich darüber der dunkelblaue Nachthimmel.
Die Madame hatte sich mit dem Mädchen in die Kabine mit den leeren Benzinkanistern zurückgezogen, und Rod saß hinten am Heck und rauchte eine Zigarre. Mit halber Kraft glitt das Boot über die im Sternenlicht glitzernde See, und frisch wehte der Fahrtwind die Gedanken davon … aber leider nur jene Gedanken, die flüchtig waren wie eine in der Wüste verdunstende Pfütze. Der giftige Bodensatz blieb, schwer und unverdaulich. Erinnerungen wie Blei … an das düstere Land und seine alles vernichtende schwarze Aura.
Es erschien Ondragon unwirklich wie in einem Traum, doch er wusste, dass alles wahr war. Wahr wie der pochende Schmerz in seiner geschwollenen Wange. Alles, was er in der Mine zu Gesicht bekommen hatte, alles, was dort geschehen war. Eines der abscheulichsten Verbrechen, die ihm je während seiner Jobs begegnet waren. Ein Verbrechen, in das er sich einmischen wollte, aber nicht konnte, denn sein Gegner war ein multinationaler Konzern. Und sich mit einem solchen anzulegen, konnte äußert hässlich enden – für beide Seiten. Bei Auseinandersetzungen dieser Kategorie konnte es nur Verlierer geben. Es war sozusagen das Gegenteil einer Win-Win-Situation. Und es lag nicht in seiner Natur, sich auf Duelle einzulassen, bei denen hinterher beide blutend am Boden lagen. Er musste definitiv ausführlicher darüber nachdenken. Lose lose kam nicht in Frage.
Er holte sein Handy hervor und wählte eine Nummer.
„Hallo, Chef“, antwortete Charlize am anderen Ende.
„Mission Complete! Wir sind auf dem Rückweg. Wenn alles glatt geht, sind wir morgen Mittag in New Orleans. Wie sieht es bei dir aus?“ Er musste gegen den Lärm der Motoren anbrüllen.
„Ich hab was für dich. Warte, ich les es dir vor.“
„Schick es mir lieber per Mail, mein Akku macht gleich schlapp.“
„Ok, dann mach ich jetzt wohl besser Schluss. Ich komme nach New Orleans zurück, sobald ich das Gefühl habe, hier nichts mehr zu erreichen.“
„Geht klar, Charlize, bis dann.“
„Bis dann, Chef.“
Ondragon legte auf, und wenig später bekam er die Mail. Er öffnete sie und las, eine Hand auf dem Steuer des Bootes:
Hey Chef,
es war nicht leicht, mit Dr. Brouwers Kontakt aufzunehmen, denn er war nicht mehr wohnhaft in Boise. Nach einigen Nachforschungen fand ich heraus, dass er nicht mehr lebt und deshalb aus dem Einwohnerregister verschwunden ist. Es gibt allerdings eine Witwe und zwei mittlerweile erwachsene Kinder, die nach seinem Tod nach St. Louis gezogen sind. Ich habe sie auch erreicht. Leider wollte mir Mrs. Brouwers beim ersten Gespräch nicht viel über ihren Mann und seine Forschungen erzählen. Ich hatte das Gefühl, dass sie große Angst vor etwas hat. Beim zweiten Gespräch wurde sie sogar schroff und sagte, ich solle mich raushalten und die alten Wunden nicht wieder aufreißen. Daraufhin versuchte ich es bei zwei weiteren Mitgliedern der damaligen Forschungsgruppe von Brouwers, die, oh Wunder, nach dessen Tod aufgelöst worden war. Aber auch hier lief ich gegen geschlossene Türen an. Dann habe ich mich nach der Todesursache umgetan und einen Zeitungsartikel gefunden. Du findest ihn im Anhang. Wenn du mich fragst, haben wir hier einen ersten Hinweis darauf, was mit den DeForce-Männern passiert sein könnte!
Charlize
Tragischer Unfall im Berufsverkehr
25.01.2007, Idaho Statesman
Am Dienstagabend ereignete sich gegen 17 Uhr auf der Broadway Avenue kurz vor der Auffahrt zum Interstate 84 ein schwerer Autounfall. Ein 55-jähriger, landesweit bekannter Wissenschaftler aus Boise geriet aus bisher unbekannter Ursache mit seinem Mercedes in den Gegenverkehr und kollidierte frontal mit dem Chevrolet einer 45-Jährigen. Beide Fahrer verstarben noch an der Unfallstelle. Die Polizei vermutet als Unfallursache einen Herzinfarkt des 55-Jährigen, wodurch dieser bewusstlos wurde und die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor. Der Sachschaden wird auf 54.000 Dollar geschätzt. Die Fahrerin des Chevrolets hinterlässt einen Mann und drei Kinder.
Ondragon schaltete sein Handy aus. Den letzten Saft wollte er sparen. Nachdenklich tippte er sich mit dem Gerät gegen die Lippen, während das Boot aus dem Golf von Jacmel glitt und er den Kurs auf West änderte.
Dass es sich bei diesem Unfall, bei dem Dr. Brouwers ums Leben gekommen war, nicht um einen Zufall handeln konnte, war sicher! Und wer hinter dem vorzeitigen Abgang des Wissenschaftlers steckte, war auch klar. Dr. Brouwers und seine Gruppe musste einem gewissen Biotech-Unternehmen aus Oregon mit ihren Forschungen zu der neuen, tödlichen Pilzinfektion wohl entschieden zu nahe gekommen sein. Und dann hatte man Maßnahmen ergriffen …
Maßnahmen wie hier in Haiti.
Maßnahmen wie in New Orleans.
Wie in Tucson.
Und Miami.
Charlize hatte recht, es gab endlich eine heiße Spur.
Tief in Gedanken versunken und mit einem Lächeln der Kategorie „Sieger“ auf den Lippen lenkte Ondragon das Boot in die nächtliche karibische See hinaus und nahm die Hände erst vom Steuer, als Rod kam und ihn ablöste.
Im Morgengrauen tauchte die Küste Jamaicas als graues gezacktes Band vor ihnen auf. Der Himmel war mit fedrigem Dunst verhangen, der sich bald rosa und dann glühend orange einfärbte, als sich der Glutball der Sonne über die scharfe Linie des Horizonts stemmte.
Ondragon erwachte von selbst auf dem ausgebreiteten Schlafsack am Heck des Bootes und erhob sich blinzelnd und mit einem protestierenden Pochen unter seinem Jochbein. Zum Glück war die Schwellung nicht schlimmer geworden und hatte das Auge frei gelassen. Mit lahmen Knochen stakste er auf den Steuerstand zu Rod, der für die Schönheit des Sonnenaufgangs in seinem Rücken kein Auge hatte und stur geradeaus starrte, wo die Gestade Jamaicas immer greifbarer wurden.
„Morgen, Rod.“
„Morgen, Ecks. Oh boy, du siehst aus, als hättest du dir Omas Pflaumenmus ins Gesicht geschmiert.“
„Schmeckt aber nicht so gut! Dein Gesicht ist im Übrigen auch hübsch verziert.“ Er deutete auf die Kratzer, welche die Fingernägel des ‚Zombies’ bei Rod hinterlassen hatten.
Sein Freund knurrte: „Im Flugzeug haben wir Eis. Und Whiskey.“
„Bestens.“ Ondragon sah auf den mit Palmen gesäumten Küstenstreifen vor ihnen und war erleichtert, die Söldnerkleidung bald wieder an den Nagel hängen zu können. Schließlich gab es einen guten Grund dafür, dass er damals seinen Job als Mailman gekündigt hatte. Natürlich war es auch so gewesen, dass er ein Einzelgänger war und er seine eigene Geschäftsidee verfolgte. Aber da war auch noch etwas anderes. Es war etwas, das sich nicht so leicht in Worte fassen ließ. Über die Jahre bei DeForce hatte sich bei ihm eine gewisse Abneigung entwickelt. Ein Widerwillen gegen die Notwendigkeit, sich ständig der Gefahr auszusetzen. Das klang lächerlich, denn auch heute übte er nicht gerade eine sichere Arbeit aus. Es war vielmehr die Art der Gefahr. Die Jobs bei DeForce waren schmutzig, roh und direkt. Der direkte und unerbittliche Kampf des Überlebens ohne viel Finesse oder Cleverness. Und davon hatte er die Nase voll gehabt. Er hatte es nicht mehr ertragen, ständig im schlammigen Auswurf der Gesellschaft herumzuwühlen und die Abgestumpftheit in den Augen der Menschen zu sehen. Diese Hoffnungslosigkeit und der Schmutz derer, die ganz unten waren. Und unten war da, wo er nicht sein wollte, nicht mal als Zuschauer.
Letzten Endes war das wohl der Unterschied zwischen ihm und Rod, dachte Ondragon. Rod war mit Vorliebe da, wo er sich überlegen fühlte, er wühlte gerne im Schmutz.
„He, Ecks, wenn wir im Flugzeug sind, verrätst du mir dann endlich, was du herausgefunden hast?“, riss Rod ihn schließlich aus seinen Gedanken.
Ondragon sah seinen Freund an. „Selbstverständlich.“
„Fine.“ Roderick DeForce nickte. „Wir sind bald da.“
Als Rod eineinhalb Stunden später die Motoren drosselte und mit blubberndem Sound das Heck des Bootes so nah wie möglich an den Strand manövrierte, erschien die Madame auf dem Deck. Sie sah taufrisch aus, was Ondragon beinahe eifersüchtig machte, denn er selbst musste aussehen wie ein zermatschter Blaubeermuffin. Woher hatte sie bloß diese blendende Kondition?
„Wir sind da“, sagte er trocken. „Holen Sie die Kleine hoch.“
Sie nickte, verschwand in der Kabine und kam wenige Minuten später mit dem Mädchen im Arm wieder heraus. Christine war wach, schien aber nicht viel von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Ihr von den Schmerzmitteln glasiger Blick starrte entrückt ins Leere. Vorsichtig bettete die Madame sie auf den Schlafsack am Heck und half den beiden Männern anschließend dabei, die Ausrüstung zusammenzupacken.
Ein Jeep erschien am Strand. Darin zwei Männer, von denen einer in den Sand sprang und ins flache Meer watete. Der braungebrannte Kerl packte das Seil, das Rod ihm zuwarf, und zog das Gefährt noch näher an den Strand heran. Dann schwangen sich Ondragon und Rod ins Wasser und schafften die Ausrüstung in den Jeep. Als letztes trugen sie Christine hinüber und legten sie vorsichtig auf die Pritsche des Wagens. Die Madame setzte sich neben sie und hielt ihre kleine Hand.
In nur fünf Minuten fuhr der Jeep zu der leuchtend weißen Gulfstream, wo die Piloten bereits auf sie warteten.
„Startgenehmigung in dreißig Minuten!“, rief einer der beiden.
„Jolly good!“, brüllte Rod gegen den Leerlauf der Turbinen am Heck des Flugzeugs an.
Schnell verstauten sie die Ausrüstung in der Maschine und fanden für Christine einen bequemen Platz quer über zwei Sitzen. Die Flugzeugtür schloss sich, und kurz darauf rollte die Gulfstream zur Startbahn.
Nach dem Take-off schloss Ondragon kurz die Augen und atmete tief die von der Klimaanlage gekühlte Luft der Kabine ein. Rod schenkte ihm derweil einen großzügigen Drink aus der Bordbar ein, reichte ihm das Glas und stieß mit ihm an.
„Mission Complete! Gut gemacht, Ecks.“
„Danke. Cheers!“
Beide nahmen einen großen Schluck.
„Ahhh, das tut gut“, seufzte Rod und lachte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich noch mal den Job meiner Jungs mache!“
„Tja, dann weißt du ja jetzt, wie das ist, für dich den Arsch hinzuhalten!“, scherzte Ondragon und schüttete den Rest seines Drinks in sich hinein. Warm floss der Whiskey durch seine Blutbahn und dämpfte die pochenden Schmerzen in seiner Wange. Er spürte, wie er schläfrig wurde, zwang sich aber, wach zu bleiben, denn schließlich hatte er Rod versprochen, ihn endlich aufzuklären. Er warf einen Blick auf die Madame, die sich geradezu rührend um das Mädchen kümmerte und gar nicht zu merken schien, dass er sie ansah.
„Okay, Rod“, sagte er schließlich an seinen Freund gewandt. „Ich verrate dir jetzt, was ich über die ganze Sache denke, und dann gehe ich endlich unter die Dusche!“
Rod grinste. „Nur zu, mein Jet ist auch dein Jet!“
Ondragon lehnte sich vor, denn er wollte nicht, dass die Madame etwas mitbekam. „Was ich dir jetzt erzähle, beruht alles lediglich auf meinen Vermutungen.“
„Ist mir klar. Aber jetzt mach nicht so ein Geheimnis daraus!“ In Rods Eisbonbonaugen leuchtete es wissbegierig auf.
Ondragon befeuchtete seine Lippen und begann: „Also, Darwin Inc. hat eine Art Super-Mais entwickelt, in dessen Gene Bestandteile einer anderen DNA eingeschleust wurden. Bei der DNA handelt es sich um Genmaterial eines Mikropilzes, der beim Menschen eine tödliche Infektion auslösen kann. Cryptococcus mattesii lethaliensis. Sie haben bereits in Portland daran geforscht, doch der Pilz ist irgendwie aus dem Labor entwichen und hat Menschen infiziert und getötet. Darwin Inc. geriet unter Druck, weil die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde. Sie hatten keine andere Wahl, als das Labor in Portland zu schließen und es heimlich nach Haiti zu verlegen. Gegenüber der Presse behaupteten sie natürlich, nichts mit dem Pilz zu tun zu haben. Und am neuen Standort forschten sie dann fern von Behörden und störenden ethischen Grundsätzen fröhlich weiter. Das passt mit den Zeiträumen, die Charlize ermittelt hat, perfekt zusammen. 2006 kam der Pilzskandal ans Licht und 2007 wurde das Labor in der Mine gebaut.“
„Was will Darwin Inc. mit diesem Mais? Was ist daran so wichtig?“
Ondragon hob einen Finger. „Es war ihr Anliegen, mithilfe dieser eingeschleusten Pilz-DNA eine neue schädlingsresistente Maissorte zu designen. Auch sollte die Sorte immun gegen das neue Pflanzenschutzmittel Weedsweep II sein. Mit Weedsweep I hat Darwin Inc. zurzeit ja so seine Probleme. Es ist giftig und kann bei zu häufigem Kontakt zu einer Schädigung des zentralen Nervensystems führen. Weltweit gibt es schon mehrere Klagen gegen Darwin deswegen. Deshalb die Forschungen zu einem neuen Produkt, das natürlich auch getestet werden musste.“
„An Menschen?“
„Ja.“
„Und woher haben sie die Testpersonen?“
„Dazu komme ich gleich.“ Ondragon zog die beiden Mappen aus dem Rucksack. „Das hier stammt aus dem Labor und ich habe es während der Rückfahrt auf dem Boot gelesen. Ich bin kein Biochemiker, aber ich verstehe zu achtzig Prozent, was da drin steht! Der Cryptococcus-Pilz ist für den menschlichen Organismus gefährlich, aber er scheint auch eine andere besondere Fähigkeit zu besitzen. Er wirkt sich tödlich auf bestimmte Schädlingsinsekten aus, die in einigen Regionen der Welt immer wieder komplette Maisernten vernichten. Erst einmal auf den Markt gebracht, sollte der Super-Mais, der übrigens die Bezeichnung DWIN 411-Crypt trägt, laut Firmenphilosophie das Hungerproblem der ganzen Welt lösen. Was Darwin Inc. aber tatsächlich bezweckt, ist, sich mit dem Mais und Weedsweep II die Taschen zu füllen. Ganz offensichtlich gibt es aber noch erhebliche Probleme bei der Bekömmlichkeit dieser Nutzpflanze, die sie, wie wir wissen, nicht nur an Versuchstieren getestet haben. Ich habe Gefängniszellen in der unterirdischen Anlage gesehen, in denen sie die Probanden eingesperrt hatten. Ich habe gesehen, was sie mit diesen Menschen angestellt haben. Sie wiesen genau die Symptome auf, wie man sie bei einer Infektion mit dem Pilz vorfindet: erhöhte Schleimbildung in Nase und Rachen, Gewichtsverlust und Bildung von Beulen an Kopf und Hals.“ Ondragon schlug auf die Mappe. „Es liegt auf der Hand, dass Darwin Inc. es noch nicht in den Griff bekommen hat, den Mais auch für Menschen ungefährlich zu machen. Sie haben systematisch Versuche durchgeführt, gaben den Probanden Maisbrei zu essen und beobachteten, was geschah. Alle Probanden wurden krank und starben an der schlimmsten Auswirkung der Pilzinfektion, einer Hirnhautentzündung! Und das waren bis zu jenem Zeitpunkt dreizehn Menschen, so steht es in dem Bericht in dieser Mappe.“ Er machte eine kurze Pause, um einen Schluck Wasser zu trinken, den er sich in das Whiskeyglas füllte. „Kommen wir jetzt zu den Geschehnissen im Labor nach dem Beben. Durch die Erdstöße sind einige Dinge über und unter der Erdoberfläche zerstört worden. Zum Einen ist die Treppe im Schacht eingestürzt und hat die fünf Mitarbeiter quasi dort unten eingesperrt. Dass ihnen nach dem Beben von den verbliebenen Mitarbeitern an der Oberfläche niemand zu Hilfe kam, kann nur bedeuten, dass sie ebenfalls nicht mehr am Leben waren. Was mit ihnen passiert ist, bleibt unklar. Dazu fehlen in den Berichten der Mailmen, die ja die Leichen gefunden haben, jede Angaben. Wäre also interessant zu wissen, was mit denen passiert ist. Leider können wir keinen der Mailmen mehr dazu befragen.“ Ondragon legte die Handflächen aneinander. „Zusätzlich zum Einsturz der Treppe muss unten im Labor mit einem Schlag die Stromversorgung ausgefallen sein. Offensichtlich gab es auch keinen Notstrom, wahrscheinlich, weil auch die Dieselgeneratoren an der Oberfläche beschädigt waren. Einige der Schleusen und Türen in den drei Laboren funktionierten aber elektrisch. Wie dem auch sei, eine war jedenfalls die Schleuse zu dem Hochsicherheitsbereich, in dem mit dem Pilz hantiert wurde. Sie verriegelte sich nach dem Stromausfall von selbst und ließ sich danach anscheinend nicht mehr öffnen. Den zwei Mitarbeitern, die in dem Labor eingeschlossen waren, ging schließlich die künstlich eingeschleuste Atemluft aus, was sie dazu zwang, ihre Schutzanzüge zu öffnen. Sie müssen gewusst haben, dass sie niemand retten würde und sie deshalb lediglich ihre Art zu sterben wählen konnten. Sie steckten sich augenblicklich mit dem Pilz an und starben an den Folgen. Ich konnte durch das Schleusenfenster deutlich die Beulen an ihren Hälsen und Köpfen sehen. Eine andere Sache waren die Türen zu den Zellen mit den Probanden. Sie müssen sich im Gegensatz zu der Schleuse nach dem Stromausfall geöffnet und die Gefangenen freigelassen haben. Besser gesagt, den einen Gefangenen, der sich zu diesem Zeitpunkt noch darin befand. Er entwich aus dem Labor und überraschte die restlichen Mitarbeiter in der Kantine, wohin sie sich aufgrund des Bebens zurückgezogen hatten. Dort rächte er sich brutal an seinen Peinigern. Der Anblick war nicht schön. Ich hab hier ein paar Fotos.“ Ondragon reichte Rod die Kamera.
Der Brite verzog angewidert das Gesicht, während er durch die Bilder klickte. „Unser Versuchskaninchen hat ganz schön gewütet.“
„In der Tat. Danach schleppte er sich zurück in die Zelle und starb dort. Ich fand ihn auf seiner Pritsche, ebenfalls übersät mit Beulen.“
„Es ist ein Haitianer“, sagte Rod, als er bei den Bildern vom Inneren der Zelle angelangt war.
„Ja, und das bringt uns zu der Logistik, mit der sich das Labor seine Probanden beschafft hat.“ Ondragon sah Rod an. „Sie haben sie ganz einfach entführt. Hauptsächlich Menschen aus dem Dorf Nan Margot. Leider gibt es dafür noch keinen handfesten Beweis. Meine Vermutung aber ist, dass die Priesterin des Dorfes für Darwin Inc. gearbeitet hat. Sie hat ihnen die Kandidaten für ihre Versuche geliefert und dann das Gerücht verbreitet, dass die Verschwundenen von einem Schwarzmagier erwischt worden seien. Dass sie zu Zombies gemacht und verkauft worden waren, kam dann von ganz allein hinzu in diesem von Aberglauben zerfressenen Land!“
Ondragon hörte, wie die Madame sich räusperte, und sah zu ihr hinüber. Sie saß auf der Kante ihres Sessels, die Hände im Schoß gefaltet, und ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hörte sie schon eine ganze Weile zu.
„Verzeihung, habe ich irgendetwas gesagt, dass nicht zu Ihrer Zufriedenheit ist?“, fragte er bissig.
„Nicht direkt. Dass Sie mein Land nicht mögen, ist mir längst klar. Aber ich hätte da noch etwas zu Ihrer Theorie bezüglich der Priesterin von Nan Margot beizusteuern.“
„Dann mal los“, forderte Ondragon sie auf.
„Wie Sie wissen, war ich in dem Altarraum des Dorf-Tempels, wo ich die Zutaten für die Arzneien gefunden habe.“
„Den ranzigen Koffer.“
„Ja, unter anderem. In dem Raum war auch ein Versteck. Das habe ich nicht gleich gesehen. Ein ungewöhnlich großer Spiegel hing über dem Altar. Ein schönes und wertvolles Stück mit schwerem Rahmen. Der Spiegel symbolisiert das Tor zur Geisterwelt und irgendwie hat mich das an das Haus von diesem Stern erinnert. An den geheimen Raum hinter den Spiegel. Ich habe ihn von der Wand gerückt und dahinter ein Fach entdeckt. Zuerst habe ich gedacht, dass die Priesterin dort das coup poudre und die anderen magischen Pulver aufbewahrt, aber es war Geld darin. Dollars. Abgezählt in Bündeln. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches, denn Priester besitzen oft viel Geld, das sie für ihre Dienste bekommen, auch amerikanische Dollars. Aber es war eine viel zu große Summe für einen solch bedeutungslosen Humfó wie den von Nan Margot. Außerdem befand sich noch etwas Anderes in dem Versteck. Eine kleine Flasche, in der sich ein zusammengerolltes Stück Papier befand. Eine Liste mit Namen darauf. Eine ganze Reihe. Hinter sechzehn von den Namen war ein Haken gemacht worden. Einer davon war Etienne Dadou. In dem Moment habe ich mir noch nichts Verdächtiges dabei gedacht. Auch nicht, als ich den Bleistift entdeckte, mit dem die Mambo die Liste geschrieben hatte. Denn die Shanpwel haben oft Listen mit Personen, die unter ihrer besonderen Beobachtung stehen. Der Stift aber war grün und trug ein verkratztes weißes Symbol. Einen Erdball mit zwei Kornähren, die ihn umschließen.“ Sie wies auf die oberste Mappe, auf welcher dasselbe Logo prangte. In ihren Blick trat Bitterkeit. „Die Priesterin hat die Leute aus ihrem Dorf an den Bokor verkauft. Und dieser Bokor heißt: Darwin Inc.!“ Ihr Gesicht verzog sich hasserfüllt. „Sie hat diese Menschen an das Labor verkauft, an die blancs, als wären sie Vieh. Sie hat ihren Stand missbraucht und Lügen über schwarze Magie verbreitet. Sie ist eine Schande für die Priesterschaft. Dass die Shanpwel ihre Machenschaften zugelassen haben, wundert mich. Aber vielleicht war die Geheimgesellschaft, die ja jedes Dorf kontrolliert, auch noch nicht dahintergekommen. In jedem Fall hätten die Shanpwel sie verurteilt, wenn sie ihre Strafe nicht längst durch die Hand eines ihrer Opfer erhalten hätte. Offen gesagt bin ich froh, dass diese Person nicht mehr lebt und kein weiteres Unheil anrichten kann!“
„Hmm. Mich beschäftigt da noch etwas ganz anderes“, sagte Rod. „Und zwar der Mann, der uns auf dem Berg angegriffen und alle anderen Mitglieder der Expedition getötet hat. Etienne Dadou. Er stand also auf der Liste der Priesterin.“
Ondragon nickte. „Bei ihm muss es sich um einen Probanden handeln. Wie er allerdings aus dem Labor entkommen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber er war mit dem Pilz infiziert und nicht mehr klar bei Verstand. Wahrscheinlich litt er schon unter den Auswirkungen der Hirnhautentzündung, die bei schwerem Verlauf auch das Gehirn angreift.“
„Deshalb die Raserei und das Gemetzel an der Expeditionsgruppe“, sinnierte Rod und schenkte sich neuen Whiskey ein. „Darauf brauche ich erst noch einen!“ Er trank das Glas mit einem Zug aus und stellte es auf den kleinen Klapptisch. „Da haben wir ja einige Rätsel geknackt. Bleibt nur noch ein letztes. Und ich bin gespannt, was du dazu zu sagen hast, Ecks. Was, bei allen Voodoo-Göttern, ist mit meinen Mailmen passiert?“
Ondragon stieß angestrengt Luft aus. „Auch hierfür habe ich leider nur Vermutungen, das solltest du wissen. Aber Charlize hat da etwas herausbekommen, das ich für einen kleinen Durchbruch in der Sache halte. Ich will aber, dass du nicht gleich ausflippst, wenn ich es dir erzähle. Versprich mir, dass du nichts Übereiltes tun wirst!“
„Was soll das, Ecks? Du weißt doch, wie ich bin. Übereilte Aktionen gibt es bei mir nicht.“
„Schon klar Rod, trotzdem brauch ich dein Wort.“
„Nun gut, du kleine Nervensäge, du hast es. Goodness gracious, jetzt aber raus damit!“
„Okay. Ich habe dir doch von dem vertuschten Ausbruch des Pilzes aus dem Labor in Portland berichtet. Die Presse hat sich natürlich darauf gestürzt wie die Fliegen auf ein Stück Scheiße. Es gibt einige Zeitungsberichte darüber, und sogar das Gesundheitsamt hat gegen Darwin Inc. ermittelt, aber am Ende konnte ihnen nichts nachgewiesen werden. Auch eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler von der Boise State University hat den Pilz untersucht und wollte herausfinden, ob er nicht doch aus den Darwin-Laboratorien stammt. Diese Gruppe stand kurz vor dem Durchbruch, als der Chef des Ganzen, ein gewisser Dr. Brouwers, unerwartet bei einem Autounfall starb. Kurz darauf wurden die Forschungen aus unerfindlichen Gründen eingestellt. Na, wonach sieht das wohl aus?“
„Darwin Inc. hat den unbequemen Doktor beseitigt, damit er ihnen nicht auf die Schliche kommt. Und aus Angst vor weiteren Repressalien oder gar Todesfällen stellte seine Gruppe die Forschungen ein. Ziel erreicht! Sie haben die Leute zum Schweigen gebracht.“ Plötzlich verengten sich Rods Augen zu schmalen Schlitzen, so als wolle er mit seinen Lidern die eisigen Blitze aufhalten, die unkontrolliert daraus hervorzuschießen begannen. „Willst du etwa damit andeuten“, flüsterte er bedrohlich, „dass diese Hunde auch meine Mailmen beseitigt haben?“
„Gotcha! Darwin Inc. hat deine Leute für die Versiegelung engagiert und sie als mögliche Mitwisser hinterher beseitigt. Kreativ, wie sie waren, haben sie die Aktion als Voodoo-Zauber getarnt, was mich zugegeben noch immer etwas irritiert, aber wer weiß, mit welchen Leuten aus der Beseitigungsbranche die zusammenarbeiten.“
„Diese Bastarde! Wenn ich die in die Finger bekomme, werden sie es noch bereuen, sich mit mir angelegt zu haben … Ecks, du kennst doch einen guten Auftragskiller?!“
„Beruhige dich, Rod! Genau das meinte ich. Bleib cool.“ Es war ja nicht so, dass er seinen Freund nicht verstehen konnte. Auch ihn hätte es in seiner Berufsehre gekränkt, derart ausgenutzt und verraten zu werden. Aber sie mussten jetzt einen kühlen Kopf bewahren.
„Ecks, dieses Pack hat drei, ach was, vier meiner besten Männer umgelegt, wenn wir Bolič dazu zählen. Dafür werden sie büßen!“
„Ich bin ja ganz deiner Meinung, aber wir werden diese Scheißkerle schon drankriegen.“ Ondragon tippte auf die Mappen auf seinem Schoß. „Dafür brauchen wir bloß einen ausgeklügelten Plan. Und der erfordert Zeit. Können wir uns darauf einigen, dass ich die bekomme?“
Rod biss knurrend die Zähne aufeinander. „In Ordnung, aber nur, weil ich es dir versprochen habe!“
„Gut, dann gehe ich jetzt duschen. Drei Tage in denselben Klamotten! Die beginnen allmählich zu miefen.“ Er zwinkerte seinem Freund zu und erhob sich.
Erleichtert, endlich aus der Flugbahn der Eisblitze zu entkommen, ging Ondragon in der Flugzeugkabine nach hinten und öffnete die Tür, hinter der sich ein voll ausgestattetes Duschbad befand.