18. Kapitel
13. Februar 2010
New Orleans, Louisiana
10.05 Uhr
Später beim Frühstück unterrichtete Ondragon seine Assistentin von seinen Plänen. Charlize, die ihm mitleidig ins sonnenverbrannte Gesicht blickte, erklärte sich sofort bereit, Erkundigungen über Darwin Inc. einzuholen.
„Gut, ich hätte dich sowieso darauf angesetzt“, sagte Ondragon und trank von seinem Espresso. „Flieg direkt nach Portland und schnüffel dort ein bisschen rum. Befrag Angestellte, Arbeiter und Caretaker. Aber mach es bitte diskret, Rod hat mich darum gebeten. Es darf nichts auf DeForce zurückfallen.“
„Geht klar. Und was wirst du tun?“, fragte Charlize und aß den letzten Löffel ihres Obstsalates.
„Zuerst werden wir beide Madame Tombeau aufsuchen und mit ihr zusammen die Geschehnisse des Abends rekonstruieren, an dem ich entführt worden bin. Vielleicht bekommen wir einen Hinweis auf meine Entführer und ihr Motiv. Als zweites werde ich Vorkehrungen für eine Reise nach Haiti treffen.“
„Da willst du wirklich hin?“
„Ich fürchte, es geht kein Weg daran vorbei. Nur vor Ort kann ich mir ein Bild von diesem ominösen Labor machen. Ich vermute nämlich einen Zusammenhang zwischen dem, wonach dort geforscht wurde, dem Verschwinden von Tyler Ellys und dem Zombie-Spuk rund um Bolič und Co.“
„Aber willst du ganz allein dorthin? Du benötigst Unterstützung. Ich kann mit dir kommen, wenn du möchtest“, bot Charlize an.
„Nein, dich brauche ich im Kielwasser von Darwin Inc. Häng dich an die dran wie ein Hai und lass erst los, wenn du einen verwertbaren Bissen hast! Für Haiti werde ich schon jemanden finden. Ich rufe unsere französische Geheimwaffe an, vielleicht kommt er aus Afrika rüber.“
„Achille ist gerade in Mauretanien unterwegs, wegen des verschwundenen TV-Teams. Kann sein, dass er mitten in der Wüste steckt.“
„Ich werde ihn schon irgendwie an die Strippe kriegen.“ Ondragon dachte an seinen Mitarbeiter. Achille Mercier lebte in Marrakesch und arbeitete seit sieben Jahren für Ondragon Consulting. Zumeist schickte Ondragon ihn aus, um die weniger komplizierten Probleme der Kategorie Standard und Sherlock im afrikanischen Raum zu lösen. Achille war äußerst zuverlässig und so blieb Ondragon selbst mehr Zeit, sich um seine Lieblinge zu kümmern, die Magnum-Probleme der höchsten Kategorie.
„Kommen wir zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung“, sagte er zu Charlize. „Ich brauche eine neue Waffe.“
„Du kannst meine haben und ich besorge mir eine neue.“
„Danke, Charlize, aber deine Kanone ist mir viel zu unhandlich. Ich brauche was Leichteres. Und ich weiß auch schon, wo ich das bekomme.“ Ondragon erhob sich und bedeutete seiner Assistentin, ihm zu folgen. Sie verließen den Frühstücksraum und begaben sich in die Tiefgarage, wo sie in einer der hinteren Ecken den Mustang fanden. Mit seinem mattschwarzen Lack stand er da, alles Licht absorbierend wie ein dunkler Panzer. Tja, beim Valet-Parken brauchte er sich den Schlüssel wohl nicht abzuholen, dachte Ondragon und öffnete den Kofferraum mit seinem Dietrich. Charlize hielt derweil Wache.
„Hab ich es mir doch gedacht!“, stieß er wütend hervor.
„Was ist?“, fragte Charlize.
„Sie haben mein Präzisionsgewehr mitgenommen. Der Koffer, in dem ich es verstaut hatte, ist verschwunden.“ Er knallte den Kofferraumdeckel zu, ging zur Beifahrertür und öffnete sie. Kopfvoran kroch er in den Fußraum, wo er ein Geheimfach freilegte, das sich hinter der Teppichverkleidung verbarg. Mit einer Pistole in der Hand tauchte er wieder auf. Es war die Waffe von Bolič, die er aus dessen Hotelzimmer mitgenommen hatte, eine Walther P99. Etwas größer und schwerer als seine Sig Sauer, aber damit konnte er erst mal arbeiten. Lediglich ein zusätzliches Magazin mit Munition würde er sich besorgen müssen. Den Rest der Ausrüstung wollte er sich im Schutze der Nacht aus dem gut bestückten secret room im Hause Stern beschaffen.
Ondragon steckte die Pistole hinten in den Bund seiner Jeans und verbarg sie unter der Windjacke. Sein Blick fiel auf den Rücksitz, wo die Voodoo-Kerze von Madame Tombeau lag. Er fischte sie aus dem Wagen und ließ sie in der Jackentasche verschwinden. Dann schloss er die Türen und sang dabei leise: „Uhh, uhh, lalala, I was dancing with the Queen of New Orleans, uhh, uhh, lalala, dancing cheek to cheek on Bourbon Street.“ Er drehte sich zu Charlize um. „I was a deer in the lights of a speeding car – auf zu Madame Tombeau! In ihrem Büro können wir uns ungestört unterhalten.“
„Oh ja“, sagte seine Assistentin bedeutungsvoll, „das Büro kenne ich schon!“
„Aha. Und was hältst du von der Madame?“, wollte Ondragon wissen. Er steuerte auf den Fahrstuhl zu, der sie nach oben in die Lobby des Hotels bringen würde.
„Nun, ich habe mich mehrmals mit ihr unterhalten“, erwiderte Charlize, „und sie macht einen seriösen Eindruck. Zumindest scheint es, als nehme sie das, was sie tut, sehr ernst.“
„Den Voodoo-Quatsch“, sagte Ondragon abfällig. Sie betraten den Fahrstuhl.
„Naja, als Quatsch würde ich das nicht unbedingt bezeichnen. Es gibt Leute, die daran glauben. Und jeder hat schließlich das Recht zu glauben, was er will, oder etwa nicht? Ob nun an Voodoo, an Jesus oder an sein Smartphone. Fakt ist doch, dass die Menschen so etwas wie Religion und den Glauben an eine höhere Macht brauchen.“
Ondragon seufzte. Jetzt sprang Charlize auch noch für die Madame in die Bresche. „Hauptsache du konvertierst nicht zum Voodoo!“, entgegnete er spöttisch.
„Nein, Chef. Das werde ich nicht, keine Sorge. Aber du musst doch zugeben, dass Mari-Jeanne eine sehr faszinierende Frau ist.“
Dem konnte er nicht widersprechen. Die Fahrstuhltür öffnete sich und sie gingen durch die Lobby auf die große Ausgangstür zu.
„Aber können wir ihr auch vertrauen?“, fragte Ondragon und winkte der Rezeptionistin zu, die lächelnd zurücknickte.
„Du meinst, sie könnte etwas mit deiner Entführung zu tun haben?“ Charlize blickte nachdenklich drein. Dabei kräuselten sich ihre Brauen über ihren wunderbaren asiatischen Augen.
Ondragon ignorierte den Blick des Portiers, der ihnen die Tür aufhielt, und als sie draußen auf die Straße in das helle Sonnenlicht traten, sagte er: „Ich denke nicht, warum hätte sie sonst tagelang mein Hotelzimmer weiterzahlen und am Ende mit dir Kontakt aufnehmen sollen. Das ergäbe keinen Sinn.“
Charlize nickte. „Außerdem klang ihre Sorge um dich aufrichtig, Chef. Ich glaube nicht, dass sie da mit drinsteckt.“
Sie gingen die Bourbon Street entlang und betraten nur wenige Minuten später den CaptainZombie-Laden. Mittlerweile kam Ondragon der muffig süßliche Geruch schon vertraut vor, genau wie das misstrauische Gesicht von Natalie, die sie nur widerwillig nach hinten zur Madame ins Büro ließ.
Mari-Jeanne Tombeau schien überrascht. Sie schaute von ihrem steril ausgestatteten Schreibtisch auf und ein erleichtertes Lächeln trat auf ihre Züge, als sie Ondragon erkannte. Sie erhob sich und kam ihnen entgegen.
„Monsieur Ondragon, wie ich sehe, sind Sie wohlauf. Das freut mich sehr. Ich hatte schon Angst um Sie. Und Charlize, mon ti chéri, kommen Sie und setzten Sie sich. Schön, Sie zu sehen.“ Sie nahm Charlize bei der Hand und führte sie zu einem der Stühle, eifersüchtig beobachtet von Ondragon, dem die Intimität der beiden Frauen suspekt war. Verdrossen ließ er sich auf den zweiten Stuhl sinken und nahm das angebotene Wasser von der Madame an. Er ergriff das Wort, nachdem die Priesterin, die heute ein graues Businesskostüm mit roten Schuhen trug, sich endlich gesetzt hatte.
„Madame Tombeau, vorweg möchte ich Ihnen meinen Dank aussprechen, dass Sie sich während meiner Abwesenheit um meine Belange gekümmert und meine Assistentin verständigt haben. Das hätten Sie nicht tun müssen.“ Er bemerkte, wie Charlize ihm einen tadelnden Blick zuwarf und danach entschuldigend die Madame ansah. Die beiden Frauen hatten sich also schon verschworen. Er räusperte sich. „Ich meinte, das war sehr nett von Ihnen, und ich möchte Ihnen gerne die daraus entstandenen Unkosten erstatten.“ Er zückte seine Kreditkarte.
Madame Tombeau hob ablehnend die Hand. „Ich nage nicht gerade am Hungertuch, Monsieur. Nehmen Sie meine Hilfe als Gefallen, den ich Ihnen mit Freuden getan habe. Vielleicht können Sie ihn mir ja eines Tages zurückgeben. Wenn es Ihnen jedoch nicht behagt, in meiner Schuld zu stehen, so nehme ich Ihr Geld gerne in Form einer Spende für meinen Tempel an.“ Sie sah ihm in die Augen, wirkte dabei aber keineswegs ironisch.
Ondragon merkte, dass sie ihn ziemlich gut einzuschätzen verstand. Möglich war aber auch, dass Charlize ein wenig zu viel über ihn ausgeplaudert hatte. Er setzte ein geschäftliches Lächeln der Kategorie „Ich nehme den Deal an“ auf und steckte die Kreditkarte weg. Er ahnte, dass er die Madame beleidigt hätte, wenn er darauf bestünde, seine Schuld mit Geld zu begleichen. Das wäre zu einfach gewesen. Außerdem konnte man sich von einem Gefallen nicht einfach so freikaufen. Ein Gefallen war etwas viel Gewichtigeres als profane Dollars. Es war die Art, mit der die Madame ihm gegenüber ihr Vertrauen ausgedrückt hatte. Und das hatte er zu respektieren, ob es ihm nun passte, bei einer Voodoo-Königin in der Kreide zu stehen, oder nicht. Freundlich erwiderte er ihren Blick und nickte kaum merklich. Danach setzte er die Madame über die Geschehnisse der vergangenen vier Tage ins Bild.
„Hmm, das klingt, als hätte es jemand auf Sie abgesehen, Monsieur. Aber wer könnte das sein?“
„Nun, ich denke“, setzte Ondragon zu einem Resümee an, „es waren mindestens zwei Personen, wenn nicht sogar drei. Sie haben mir das Licht ausgeknipst – wie auch Ihnen, Madame – und mich mit einem Auto oder Van aus Chalmette weggeschafft, während Sie offensichtlich nicht wichtig für die Kerle waren, denn sie haben Sie an Ort und Stelle bewusstlos liegenlassen. Die Typen haben mein Auto durchsucht, aber nicht gründlich genug, und sie haben mir nahezu sämtliche Habseligkeiten abgenommen. An einem uns unbekannten Ort haben sie mich dann eine gewisse Zeit lang festgehalten und wahrscheinlich mit Drogen vollgepumpt. Ich habe nur ganz abstruse Erinnerungen daran, ähnlich wie die Bilder eines Albtraums – was meine Drogen-Theorie untermauert. Danach haben die Kerle mich im Sumpf ausgesetzt. Dafür könnte es zwei Absichten geben. Erstens: Sie wollten, dass ich ganz langsam krepiere, was diesen Schweinehunden einen äußerst sadistischen Charakter attestiert und in meiner Branche äußerst unprofessionell ist. Zudem wäre meine Leiche niemals gefunden worden. Die zweite Absicht dieser Typen könnte es gewesen sein – und zu der Interpretation tendiere ich –, dass sie mich testen wollten! In diesem Fall hätten wir es mit einem hochprofessionellen und weit ausgekochteren Feind zu tun als nur mit einem Sadisten, denn solche Leute weisen ein gewisses Potential an Scharfsinn und Planungsgeschick auf. Außerdem – und das sage ich jetzt nicht, um euch Angst einzujagen – können wir davon ausgehen, dass wir alle in diesem Augenblick unter ihrer Beobachtung stehen. Warum?“ Ondragon hob die Schultern. „Vielleicht wollten sie wissen, mit welchem Gegner sie es zu tun haben, ohne mich gleich umzunieten. Das bringt mich zu dem Schluss, dass sie entweder Respekt haben oder beabsichtigen, eine Art Katz-und-Maus-Spiel zu spielen. Womöglich war es auch eine Warnung.“
„Eine reichlich riskante Warnung, wenn Sie mich fragen“, warf Madame Tombeau ein. „Sie hätten draufgehen oder ich einen von ihnen erkennen können. Leider habe ich außer dem Zombie, der vor uns floh, nicht viel gesehen, was uns weiterhelfen könnte. Sicher ist, dass ein Zombie nicht in der Lage gewesen wäre, so etwas selbst zu planen. Er könnte niemals auch nur einen Schritt dieses Komplotts einfädeln.“
„Und wenn es kein Zombie war?“, fragte Ondragon.
Die Madame sah ihn an. „Selbstverständlich steht es Ihnen frei, daran zu glauben oder auch nicht, Monsieur. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es sich bei dem Mann durchaus um einen Zombie gehandelt haben könnte! Sie haben doch selbst gesehen, wie er sich bewegt hat. Das war typisch. Dieses Wanken und Schlurfen, scheinbar orientierungslos, aber in einem unheimlich schnellen Tempo. Zombies haben mehr Kraft als normale Menschen. Ihr Körper ist das Einzige, was noch funktioniert, deshalb konzentriert sich ihr ganzes Sein nur noch auf das Körperliche. Außerdem waren Sie es, Monsieur, der gesagt hat, Sie hätten ihn zuvor tot im Haus vorgefunden. Dafür gibt es nur eine Erklärung. Der Bokor hat den Mann zum Zombie gemacht!“
Ondragon verzog das Gesicht. Er weigerte sich noch immer, diesen Spuk zu glauben, obwohl ihm eine Tatsache äußerst stutzig machte. Er presste die Lippen zusammen und sah in die Runde. Schließlich sagte er zögerlich: „Da gibt es noch etwas, das mir aufgefallen ist, bevor ich bewusstlos wurde. Der Arm, der mich gewürgt hat, trug das Bugs-Bunny-Tattoo, das alle Mailmen von DeForce haben.“
„Aber damit haben wir doch den Beweis“, rief Charlize aus. „Stern ist der Zombie. Und er arbeitet für die Entführer. Das ist doch möglich, oder nicht?“ Sie sah die Madame an, die nickte.
„Ein Zombie macht das, was sein Herr ihm befiehlt“, bestätigte die Priesterin. „Er könnte durchaus ein Werkzeug dieser Leute sein.“
Ondragon schüttelte den Kopf. „Es könnte jeder gewesen sein, der dieses Tattoo hat. Jeder Mailman. Theoretisch auch Bolič, ich habe Bugs auch bei ihm gesehen.“
„Aber Bolič ist in Tucson“, gab Charlize zu bedenken. „Wie soll der hierhergekommen sein? Und dann noch als Zombie.“
„Der Mann mit dem Zylinder hat ihn nach New Orleans gebracht. Baron Samedi!“, sagte Ondragon scherzhaft mit unheimlicher Stimme.
„Das könnte natürlich sein“, überlegte Charlize ernsthaft.
Ondragon sah seine Assistentin tadelnd an. „Jetzt mach aber mal halblang! Du glaubst doch nicht wirklich an diesen Humbug?“
„Mari-Jeanne hat es mir erklärt. Es ist ein Pulver aus verschiedenen Zutaten, mit dem man Menschen zu willenlosen Sklaven machen kann. Ein Gift.“
„Ein Gift, das nicht tötet, sondern nur scheintot macht?“, warf er bissig ein.
„Das coup poudre kann Krankheit bringen oder den Tod! Und nach dem Tod benötigt man Magie, um den Toten wieder aufzuwecken“, erklärte die Madame sachlich.
Ondragon warf beide Hände an den Kopf. „Ich glaub es nicht, dass ich über so etwas diskutiere!“
„Aber das Pulver war in all diesen Briefen“, fuhr Charlize unbeirrt fort. „Das ist sicher. Warum sollte das also nicht funktionieren? Irgendjemand macht die Mailmen mit einem Gift zu Zombies und benutzt sie. Warum er das macht, müssen wir herausfinden. Aber es könnte doch sein, dass Stern und die Verschwundenen, Ellys und Green, bei dem Job in Haiti etwas gesehen haben, das sie besser nicht hätten sehen sollen. Und Bolič ist ein Kollateralschaden. Er hat seine Nase zu tief in den Fall gesteckt und ist den Hintermännern zu dicht auf die Pelle gerückt, deshalb haben sie ihn aus dem Weg geräumt. Vielleicht sind es Leute von dieser Firma aus Oregon, die dahinterstecken.“
„Und warum bin ich dann nicht auch zum Zombie geworden? Ich bin denen doch ebenfalls zu nahe gekommen und ich hatte Kontakt mit dem Pulver“, warf Ondragon ein.
„Sie hatten Glück!“, mischte sich die Priesterin ein.
Ondragon hob den Zeigefinger. „Das ist doch alles reine Spekulation!“
„Aber Chef, waren es nicht deine Worte, die besagten, es gäbe da vielleicht mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als ein Mensch fähig ist zu begreifen? Das war kurz nach deiner Begegnung mit diesem – wie hieß es noch mal – ah ja, dem Wendigo! Wenn du überzeugt bist, dass es dieses Waldmonster gibt, warum dann nicht auch Zombies?“
„Es gibt Zombies!“, mahnte die Madame.
Ondragon rollte mit den Augen. Die zwei Frauen nahmen ihn doch tatsächlich in die Zange. Aber darauf würde er sich nicht einlassen. „Ist es möglich, wieder auf die sachliche Ebene zurückkehren?“ Er faltete die Hände auf seinem Schoß. „Danke! Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass etwas sehr Seltsames mit Bolič und Stern passiert ist, das sie hinterher scheintot wirken ließ. Vielleicht sind sie tatsächlich Opfer einer größeren Verschwörung von Leuten, die sie nur als Werkzeuge benutzen. Was diese Verschwörung bezweckt, bleibt noch zu klären, aber sie meinen es ernst. Ihre Drohung ist bei mir angekommen. Auch sind wir uns einig, dass es etwas mit dem Job in Haiti zu tun hat.“
Charlize und Madame Tombeau nickten.
Gut. Wenigstens etwas, dachte Ondragon und fuhr fort: „Unser Augenmerk sollte sich deshalb als nächstes auf die Frage richten, was genau dort in Haiti geschehen ist und was für ein Labor das war. Zudem bin ich mir sicher, dass wir einen Teil der Lösungen für dieses Rätsel erhalten, wenn wir wissen, was in diesem Zombiepulver ist. Leider hat mein Chemiker noch kein Ergebnis. Sie wollen mir den Inhalt nicht vielleicht doch verraten?“
„Manchmal ist es besser, Dinge nicht zu wissen.“ Madame Tombeau funkelte ihn an. Offenbar mochte sie es nicht, wenn man ihrem Zauber mit der Wissenschaft auf den Pelz rückte.
„Sparen Sie sich Ihre mysteriösen Warnungen. Da sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich will immer und alles wissen!“, sagte Ondragon mit einem spöttischen Lächeln. „So, und jetzt, da wir Motiv und Täterkreis abgeklopft haben, würde ich Ihnen gerne noch ein paar Fragen über Haiti stellen, Madame.“ Er blickte die Priesterin an, deren Wissen über den schicksalsgebeutelten Karibikstaat er jetzt anzapfen wollte. „Ich habe von meinem Auftraggeber den genauen Ort des Einsatzes erhalten. Es handelt sich um ein Dorf namens Nan Margot, westlich von der Hafenstadt Jacmel an der Südküste der Insel. Oben in den Bergen soll das Labor liegen, es ist in einem Minenschacht verborgen. Sagt Ihnen das etwas?“
Die Züge der Voodoo-Priesterin hellten sich um eine Nuance auf. „Ich kenne Jacmel. Es ist eine schöne Stadt. Zumindest war sie das vor dem Erdbeben. Ich habe gehört, dass dort viel zerstört worden ist. Meine Kindheit habe ich allerdings in Cap-Haïtien verbracht, das liegt im Norden. Mit meinem Vater, der ein angesehener Houngan war, bin ich viel im Land herumgereist.“
„Nun, ich brauche möglichst präzise Angaben für meine Planung, vielleicht können Sie mir beschreiben, wie es dort aussieht und was mich erwartet.“
„Ich kann sogar noch etwas viel Besseres, Monsieur!“ Die Madame lächelte hintergründig.
„Und das wäre?“
Das Lächeln der Priesterin wurde breiter. „Ich werde Sie begleiten!“
Ondragon lehnte sich überrascht zurück. Einen Moment lang sagte niemand etwas.
„Aber das ist doch die Lösung, Chef!“, sagte Charlize schließlich. „Mari-Jeanne kennt sich dort hervorragend aus und du bist nicht allein unterwegs. Außerdem spricht sie Kreolisch, und ohne das ist man in Haiti aufgeschmissen, habe ich mir sagen lassen.“
Ondragon dachte eine Weile nach. Sollte er mit dieser Frau tatsächlich nach Haiti reisen? Zugegeben, rein optisch hätte er nichts dagegen, aber er fürchtete eine weitere Bekehrungs-Attacke und dass sie ihm bei seinen operativen Bewegungen hinderlich sein könnte. Demgegenüber boten Madames Kenntnisse über Sprache und Kultur des Landes wertvolle Vorteile.
„Ich habe Sie ein Mal aus den Augen verloren, Monsieur, das werde ich kein zweites Mal tun!“, sagte Madame Tombeau fest entschlossen. „Haiti ist kein Pauschalreiseland. Dort unterwegs zu sein, bedeutet ständig auf der Hut zu sein. Erst recht jetzt nach der Erdbebenkatastrophe. In meiner Heimat herrschen Anarchie und Gewalt – leider“, fügte sie traurig hinzu.
Ondragon sah auf. „Wenn ich Sie mitnähme, Madame, dann stünde ich gleich zweimal in Ihrer Schuld!“
„Monsieur Ondragon, das hier ist kein Gefallen!“ Die Madame sah ihn mit ernstem Ausdruck an. „Auch mir steht es zu, herauszufinden, wer mir diese Beule verpasst hat.“ Sie strich sich über ihren Hinterkopf. „Außerdem gilt es, denjenigen zu finden, der es wagt, mit dem coup poudre herumzuspielen. Und wenn es ein und dieselbe Person ist, werde ich sie zur Strecke bringen!“
„Sie meinen den Schwarzmagier?“, wollte Ondragon wissen.
Die Madame nickte.
„Aber der Bokor ist doch hier in den Staaten. Laut Ihnen lenkt er Bolič und Stern aus nächster Nähe. Warum wollen Sie dann mit mir nach Haiti reisen, ausgerechnet jetzt, wo es dort so gefährlich ist, wie Sie sagen?“
Die Madame nahm ihre Brille ab und sah ihn direkt an. „Ich weiß, dass der Feind hier auf Sie lauert, hier in meiner Stadt! Deshalb fühle ich mich auch für Sie verantwortlich. Ein Bokor ist hinter Ihnen her. Und nur eine in die Praktiken der Magie eingeweihte Person kann Sie vor seinem Zauber beschützen. Er wird Ihnen folgen, vielleicht bis nach Haiti, aber ich werde bei Ihnen sein und helfen, ihn zu besiegen! Dem Bokor gehört das Handwerk gelegt, denn er zieht die Ehre unserer Profession in den Schmutz! Das kann ich nicht zulassen. Verstehen Sie das?“
Ondragon wusste noch immer nicht, ob er sich auf seiner Mission mit dieser Frau belasten sollte. Das konnte riskant sein. Andererseits hatte sie bewiesen, dass sie einen wachen Verstand besaß und im passenden Augenblick erfreulich pragmatisch sein konnte. Zumindest wusste sie, wie man ein Auto kurzschloss. Und das tat nicht jede Frau.
„Können Sie mit einer Waffe umgehen?“, fragte er sie.
„Bien sûr!“ Sie sah ihn selbstbewusst an. „Wir leben doch in Amerika, oder nicht?“
Ondragon überhörte den Anflug von Spott und wägte ihren Nutzen ab. Schließlich lehnte er sich vor. Als Frau bot sie ihm eine gute Tarnung und wenn es brenzlig werden würde, konnte er immer noch Egoist sein und seine eigene Haut retten. „In Ordnung, Madame! Ich nehme Sie mit“, sagte er und streckte seine Hand aus. „Aber unter zwei Voraussetzungen: Sie reden so wenig wie möglich über Voodoo und Sie lassen ihre Highheels zu Hause!“
Mit einem grimmigen Lächeln schlug die Madame ein, erstarrte aber jäh, als ihre Hand die seine berührte. Mehrere Herzschläge lang saß sie da und sah ihn reglos an. Nein, sie sah nicht ihn direkt an. Ihr Blick war trüb und entrückt, so als blicke sie über seine Schulter hinweg in eine andere Welt.
Unheimliche Stille breitete sich aus, und plötzlich schienen all die Masken und Fetische aus dem Zauber-Laden zu ihnen in den Raum zu dringen, der bis vor kurzem noch ein nüchtern eingerichtetes Büro gewesen war.
„Was ist?“, fragte Charlize an Ondragons Seite besorgt. Unbehaglich rutsche sie auf dem Stuhl hin und her.
Aber Ondragon wusste es auch nicht, er konnte sich nicht rühren.
Mit einem Mal blinzelte die Madame und raunte: „Ihr Marassa war da. Er hat sich gezeigt! Es ist Ihr Zwilling, Paul.“
Ondragon schreckte verblüfft zurück und ließ die Hand der Priesterin los. Sofort verebbte das Kribbeln auf seiner Handfläche, und stattdessen erfüllte ein elektrisches Knistern die Luft. Was, zum Teufel …? Woher wusste die Madame, dass er einen Bruder hatte? Sein Kopf schnellte herum zu Charlize.
„Hast du ihr von meinem Bruder erzählt?“, fragte er verärgert.
Charlize befeuchtete nervös ihre Lippen.
„Das hat sie nicht!“, ergriff die Madame das Wort. „Er selbst hat sich mir offenbart. Dort in dem Spiegel hinter Ihnen an der Wand. So, wie er sich Ihnen bereits des Öfteren gezeigt hat, nicht wahr, Paul? Draußen im Sumpf. Er hat Ihnen geholfen … Dieses Mal.“
„Was soll das? Ist das wieder eines Ihrer Spielchen!“, blaffte Ondragon die Priesterin an.
„Kein Spiel. Die Macht der Geister! Ich habe die Fähigkeit, in ihre Welt zu blicken. Die Marassa sind die göttlichen Zwillinge. In unserem Glaubensuniversum gibt es immer zwei Aspekte. Tag und Nacht, Mann und Frau, gut und böse. Die Zwillinge verkörpern diese Vollkommenheit und jeder, der als Zwilling geboren wurde, wird von seiner Familie und der Gemeinde zutiefst verehrt. Doch etwas ist bei Ihnen seltsam …“ Sie runzelte die Stirn, ganz so als sähe sie noch immer ins Jenseits. „Ihr Marassa hat eine seltsame Aura, nicht die eines Loa und auch nicht die eines Geistes aus dem Totenreich. Sie wirkt eher lebendig. Wie … ist das möglich?“ Die Madame hob die Augenbrauen. „Dafür kann es nur eine Erklärung geben: Die Wiedervereinigung ist nicht vollkommen. Ihr Bruder ist …“
„Wenn Sie nicht gleich mit diesem Mist aufhören, dann ändere ich meine Meinung und nehme Sie nicht mit!“ Ondragon war von dem Stuhl hochgefahren und funkelte die Priesterin böse an. „Ich will nicht über meinen Bruder sprechen. Klar? Er ist schon seit über dreißig Jahren tot und damit basta!“
Stumm blickten ihn Madame Tombeau und Charlize an.
Hatte er etwa so laut geschrien?
Er ließ die Schultern hängen. Das mit Per Gustav ging ihm an die Nieren. Seit der psychotherapeutischen Behandlung in der Cedar Creek Lodge lastete sein Tod schwer wie ein Sargdeckel auf seinem Gewissen. Mit der Hand fuhr er sich über die gereizte Gesichtshaut. Dass sein Bruder ihm im Sumpf erschienen war, dafür gab es eine vernünftige Erklärung. Er hatte aufgrund des Wassermangels fantasiert und ihn sich eingebildet, weiter nichts. Was die Madame jedoch behauptete, löste ein ungleich beklemmenderes Gefühl aus. Wie konnte sie von Per wissen? Ondragon spürte eine lähmende Schwere in seinen Gliedern. Der entbehrungsreiche Trip durch die Wildnis steckte ihm noch ziemlich in den Knochen. Müde bedeutete er Charlize, dass er gehen wollte.
Seine Assistentin und Madame Tombeau erhoben sich gleichzeitig. „Und was machen wir jetzt?“, fragten beide gleichzeitig.
Ondragon war ganz schwindelig vor Erschöpfung. Er hob einen Finger in Richtung der Priesterin. „Sie halten sich bereit. Ich will so schnell wie möglich nach Haiti aufbrechen. Stellen Sie sich auf mindestens fünf Tage beschwerlichen Reisens ein. Und lassen Sie Ihren Reisepass zu Hause. Ich kümmere mich um die weitere Planung.“ Er senkte seine Stimme. „Und von meinem Bruder will ich nichts mehr hören, verstanden?“
„Verstanden, Monsieur. Verzeihen Sie mir.“
„Schon gut. Sie können eben nicht anders. Darin sind wir uns nicht ganz unähnlich.“ Er wandte sich an Charlize. „Und wir fahren jetzt in die Mall. Ich brauche neue Klamotten für unseren Ausflug.“
Noch lange nachdem die beiden Gäste das Büro verlassen hatten, starrte Madame Tombeau auf die geschlossene Tür und ignorierte den Blick, den ihr der Marassa von Paul Eckbert Ondragon vom Spiegel her zuwarf.