10. Kapitel
09. Februar 2010
Chalmette, Louisiana
1.57 Uhr
Mehr oder weniger schweigend fuhren sie durch das nächtliche New Orleans. Als sie nach dreißig Minuten in die Straße einbogen, in der Sterns Haus stand, überkamen Ondragon Zweifel. Würde Madame Tombeau den Mailman tatsächlich heilen können?
Ach was, heilen! Richtiger wäre: Würde sie ihn von den Toten auferwecken? Das erschien ihm doch reichlich suspekt, ja, vollkommen absurd. Jetzt, da er sich hier in seinem Wagen befand und die Wirkung der magischen Atmosphäre der Zeremonie nachgelassen hatte, fand er die angebliche Hexenkunst der Madame noch amateurhafter als zuvor. Er warf seiner Beifahrerin einen kurzen Seitenblick zu.
Hatte sie ihn tatsächlich von einem Musikbann befreit? Er lachte lautlos. Wohl eher nicht. Vielmehr war er auf die kleine Zaubervorstellung der Madame reingefallen. Und diese hatte nur dazu gedient, ihn von etwas zu überzeugen, das es gar nicht gab. Auch spürte er keinerlei Kopfschmerz oder Schwindel mehr. Das war alles bloß Einbildung gewesen, wie so oft, wenn man es mit mystisch angehauchtem Aberglauben zu tun bekam. Die Einbildung hatte bekanntlich schon so manchen Menschen zu den abstrusesten Glaubensspinnereien veranlasst. Und mit Hilfe der richtigen Drogen konnte ein Pseudo-Priester sein Opfer in alle möglichen Zustände befördern, in denen es bereitwillig und vorbehaltlos an die irrationalsten Dinge glaubte. An Zombies zum Beispiel. Wieder stieß er ein tonloses Lachen aus.
„Sie denken noch immer, ich spiele mit falschen Karten!“
Ertappt blinzelte Ondragon und war froh, dass die Madame es in der Dunkelheit des Wagens nicht sehen konnte. „Ich denke gar nichts!“, antwortete er barsch. „Ich will nur endlich wissen, warum jemand Menschen verfolgt und aus ihnen … lebende Tote macht.“
„Dabei kann ich Ihnen leider nicht helfen. Ich kann Ihnen nur sagen, ob es ein Zombie ist oder bloß ein Scheintoter. Und ich könnte ihn womöglich heilen. Das Warum müssen Sie selbst klären.“ Ihr Ton klang hochmütig. Hatte sie etwa geglaubt, sie hätte ihn überzeugt? Nun, da hatte sie ihn falsch eingeschätzt.
Sie erreichten die Adresse des Mailman, und Ondragon parkte an derselben unbebauten Stelle wie vorher. Im Schutz der Dunkelheit schlichen sie in Sterns verwahrlosten Garten und durch die Hintertür ins Haus. Erst jetzt knipste Ondragon seine kleine Fingerlampe an.
Madame Tombeau schnalzte mit der Zunge. „Sie sind aber gut ausgerüstet!“
„Es ist mein Job, gut ausgerüstet zu sein“, erwiderte er trocken.
„Ah ja, ich vergaß.“
War das etwa Sarkasmus?
Ondragon hielt sich nicht weiter damit auf. Wenn er sie nicht ganz für voll nahm, hatte sie das gute Recht, mit ihm genauso zu verfahren. Das konnte er ihr nicht übelnehmen.
Mit der Madame im Schlepptau stieg er die Treppe hinauf und hielt vor der geschlossenen Tür von Sterns Schlafzimmer an. Der Gestank war noch immer atemberaubend. Mit dem Daumen deutete er auf die Tür. „Da drinnen ist er, aber erschrecken Sie sich nicht. Er sieht nicht gerade appetitlich aus.“
„Besten Dank für Ihre Fürsorge, aber ich habe schon einige Leichen zu Gesicht bekommen.“
„Auch Zombies?“
Die Madame schnaubte verächtlich, natürlich hatte sie seine Zweifel herausgehört.
Sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifend, streckte Ondragon die Hand aus, um die Tür aufzudrücken, da klingelte sein Telefon. Beide fuhren zusammen.
Leise fluchend holte Ondragon es hervor und sah auf das Display. Es war Rod! Ausgerechnet jetzt. Er ging dran. „He, Rod. Es ist gerade äußerst unpassend. Ich ruf dich gleich zurück, ja?“
„Vögelst du gerade ‘ne heiße Braut, oder was?“
„Schön wär’s. Bis später.“ Er legte auf.
„Ihr Boss?“, fragte die Madame schnippisch.
„Nein, meine Mutter!“ Ondragon steckte das Telefon weg und boxte gegen die Tür, so dass sie aufschwang. Den Toten konnte man eh nicht mehr in seiner Ruhe stören. Er richtete den Strahl der Lampe auf das Bett.
„Er ist weg“, konstatierte die Madame.
Schnell ließ Ondragon das Licht durch den Raum gleiten. Leider war Stern auch nicht aus dem Bett gerollt und lag jetzt auf dem Boden. Wie sollte er auch, er war tot! Aber wieso war er dann nicht hier? In seinem Kopf begann die Zentrifuge alarmierend schnell zu kreisen. Saß er hier einem großen Schwindel auf? Einem Scherz, den Rod ausgeheckt hatte? Der guten alten Zeiten wegen? Er riss das Telefon aus seiner Tasche und drückte auf Rückruf.
„Fertig?“, nahm Rod amüsiert den Anruf entgegen.
„Rod, du sagst mir jetzt augenblicklich, was hier gespielt wird! Ich finde das langsam nicht mehr lustig. Außerdem mag ich es ganz und gar nicht, wenn man mir meine Zeit stiehlt!“
„Wovon redest du, Ecks?“
„Von dem geschmacklosen Scherz, den du hier aufgezogen hast. Sag deinen Leuten, sie können rauskommen und aufhören zu lachen!“
„Ich verstehe dich immer noch nicht. Was ist geschehen?“
„Du …“, Ondragon versuchte, seinen Zorn zu bändigen, „du hast dir diesen Blödsinn mit den Zombies nicht ausgedacht?“
„Zombies?“ Schallendes Gelächter drang aus dem Telefon. „Holy shit! Von was, um alles in der Welt, redest du da?“
Ondragon starrte gegen die Wand. Also hatte Rod keine Ahnung …
Ein Poltern aus dem Erdgeschoss drang an sein Ohr. Sofort drückte Ondragon das Gespräch weg. Rod musste warten. Er sah die Madame an und sie nickte. Dann knipste er die Lampe aus, zog seine Waffe und ging voran die Treppe hinab. Noch bevor er den Absatz erreicht hatte, erklang ein langgezogenes Stöhnen aus dem Wohnzimmer, und Ondragon verharrte mit dem Rücken an die Wand gepresst. Die Pistole im Anschlag lauschte er auf die schwerfälligen Schritte, mit denen der Unbekannte über den Teppich schlurfte. Ondragon fühlte ein Zupfen am Ärmel seines Jacketts und wandte den Kopf. Die Madame sah zu ihm auf, das Weiß ihrer Augen leuchtete gespenstisch in der Dunkelheit und ihr Mund formte ein Wort: ZOMBIE!
Ein erneuter Laut drang aus dem Wohnzimmer, und ohne Vorwarnung spurtete Ondragon los. Es war das Klappen der Hintertür gewesen. Als er sie erreichte und durch sie hindurch wollte, wurde er jäh gestoppt.
„Fuck!“ Wütend rieb er sich die schmerzende Schulter. „Der Mistkerl hat sie abgeschlossen!“ Er holte sein Dietrichset hervor, und nach einer scheinbar endlosen Minute war die Tür wieder auf. Beinahe erleichtert traten sie hinaus und lauschten in die mondlose Nacht. Leise Schritte klangen von der Straße zu ihnen her.
Geduckt lief Ondragon um das Haus und spähte auf die nur spärlich erhellte Straße. Ein Schatten stolperte auf dem Gehweg von ihnen fort. Er stieß gedämpfte Röchellaute aus, so als sei er lungenkrank. Mit Bedacht nahm Ondragon die Verfolgung auf und arbeitete sich von Vorgarten zu Vorgarten. Die Madame folgte ihm unbeirrt. Dabei verhielt sie sich erstaunlich geschickt, bewegte sich trotz ihrer hochhackigen Schuhe lautlos wie eine Schlange.
Nach einigen hundert Yards gelangten sie an eine Kreuzung und verharrten hinter einem Busch. Wo war der Mann – oder was auch immer es sein mochte – hin? War er nach rechts oder links abgebogen?
„Dort!“, sagte die Madame an seiner Seite und zeigte nach links in die Straße.
In der Ferne erkannte Ondragon eine schemenhafte Gestalt und war überrascht, dass sie sich so schnell fortbewegte, obwohl sie torkelte wie ein angeschossener Bär. Wie konnte man bei einer derart unkontrollierten Gangart eine solche Geschwindigkeit erreichen?
Rasch folgten sie dem schwankenden Schatten, duckten sich hinter Mülltonnen und Zäune und ließen ihn nicht mehr aus den Augen. Der mutmaßliche Untote marschierte weiter mit entschlossener Zielstrebigkeit.
Wo wollte er hin? Rief sein Meister nach ihm?
Sie blieben dran, bis die Gestalt eine Reihe Autos erreichte, die am Straßenrand geparkt waren. Nur noch zwei Blocks trennten ihn von der nachts rege befahrenen Hauptstraße.
Jetzt oder nie, dachte Ondragon und setzte ohne Rücksicht auf die Madame zu einem Sprint an. Was auch immer das für ein Kerl war, ob Zombie oder nicht, er würde ihn jetzt zur Strecke bringen!
Als hätte der Zombie etwas vernommen, drehte er ruckartig den Kopf und blickte in seine Richtung. Ondragon hatte keine Zeit, auf offener Straße in Deckung zu gehen und entschied sich daher, aufs Ganze zu gehen. Noch im Laufen hob er die Pistole und rief: „Stehen bleiben!“
Erstaunlicherweise tat der Zombie, wie ihm geheißen, und erstarrte inmitten seines grotesken Schlurflaufs. Mit hängenden Armen stand er da wie eine große Puppe, deren Batterien plötzlich versagten. Ondragon bemühte sich, in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch er konnte nicht einmal sagen, ob die Haare des Kerls hell oder dunkel waren.
Als nur noch geschätzte fünfzehn Schritte zwischen ihm und dem Typen lagen, wurde er langsamer. Zwar schien der Andere unbewaffnet zu sein, aber lieber ein Mr. Play-it-save als ein Mr. Autopsy. Das war schon immer seine Devise gewesen.
Noch bevor Ondragon reagieren konnte, sprang die Gestalt mit unglaublicher Gewandtheit los. Doch nicht etwa auf ihn zu, wie erwartet, sondern in die Lücke zwischen einem Lieferwagen und einem Pick-up. Fluchend setzte Ondragon ihm nach und richtete seine Waffe auf die Lücke.
Doch da war nichts!
„Scheiße!“ Er ließ sich auf alle viere fallen und zielte mit der Sig Sauer unter beide Autos.
Zum Teufel!
Auch da war nichts zu sehen.
Er sprang wieder auf und umrundete die Fahrzeuge. Wohin konnte der Kerl verschwunden sein? Das gab es doch gar nicht.
Ondragon ließ die Waffe sinken. Erst jetzt erinnerte er sich an Madame Tombeau und drehte sich zu ihr um. Aber die Straße hinter ihm war leer. Angestrengt starrte er in die von schlafenden Häusern gesäumte Dunkelheit. War Madame Tombeau mit ihren hochhackigen Schuhen irgendwo stecken geblieben? Oder sie hatte vielleicht doch Angst bekommen und sich versteckt.
„Madame?“, rief er gedämpft und drehte sich um die eigene Achse. „Wo sind Sie? Kommen Sie raus. Der Kerl ist weg.“ Keine Antwort. Spielte sie ihm einen Streich?
Das tat sie nicht.
Diese Erkenntnis traf Ondragon, als Bugs Bunny vor seinen Augen auftauchte und ihn mit seinen Hasenzähnen angrinste, kurz bevor der Arm sich um seinen Hals legte und zudrückte.
Lag er in seinem Bett? Träumte er?
Als was konnte man diesen absonderlichen Zustand sonst bezeichnen, wenn nicht als Traum?
Ondragon kannte diese Art von Albträumen, bei denen man im Bett lag und Bilder sah, die einen zu Tode erschreckten. So war es auch jetzt. Er fühlte, dass er auf einer Matratze mit Laken lag. Das Zimmer war dunkel, bis auf einen Spalt hellen Lichts, der durch eine leicht geöffnete Tür fiel. Er hörte undefinierbare Sprachfetzen. Ein Lachen. Dann war es wieder ruhig. Ondragon atmete gleichmäßig. Nur nicht aufregen, erfahrungsgemäß gingen solche Träume auch wieder vorbei. Doch die Stimmen erklangen erneut und plötzlich wurde der Türspalt größer, immer heller werdendes Licht fiel in das Zimmer auf sein Bett. Auf ihn!
Ein Schatten erschien in der Tür. Ein kleiner zwergenhafter Schatten.
Ondragon drehte den Kopf, er wollte sehen, wer das war.
Der Zwerg kam langsam auf ihn zu, streckte eine Hand nach ihm aus und krächzte fremdartig tonlos … und auf Schwedisch „Paul, du bist schuld. Du bist schuld an meinem Tod!“
Oh mein Gott, das war Per!
Sein Bruder! Jetzt, da er neben dem Bett stand, konnte Ondragon auch dessen blasse Züge erkennen. Ein tiefer Spalt klaffte in seiner Stirn. Blut und noch etwas Anderes quoll in dickflüssigen Fäden daraus hervor und lief wie schwarze Tränen über das Gesicht des Jungen.
Ondragon wollte den Mund öffnen, um Per zu beschwichtigen, um sich zu entschuldigen, doch es gelang ihm nicht. Sein Mund war plötzlich voll mit dieser zähen, schwarzen Masse, die immer mehr wurde, je öfter er sie auszuspucken versuchte. Verzweifelt nahm er seine Hände zu Hilfe und zog sich das widerliche Zeug aus dem Mund. Doch schnell waren auch sie verklebt mit dem teerartigen Brei, der ihn zu ersticken drohte …
Ersticken wie Per unter den Büchern!
Flehend hob Ondragon seinem Bruder die Hände entgegen. Der starrte ihn nur verständnislos an.
Nach einem schrecklich langen Moment, in dem er dachte, Per würde ihn einfach so sterben lassen, hob dieser ganz zaghaft eine Hand. Ondragon streckte sich, um sie zu berühren, um die Hilfe anzunehmen. Er wollte auf die Knie sinken und seinen Bruder für dessen Vergebung danken, doch kurz bevor sich ihre Fingerspitzen berührten, riss der Zehnjährige die Hand zurück. Sein Mund tat sich auf und ein fürchterliches Lachen drang daraus hervor. Zuerst gurgelnd und unartikuliert, dann satt und voller Verachtung. Er lachte und lachte, bis das Blut aus der Wunde an seiner Stirn zu sprudeln begann. In einem satten, heißen Strahl pulsierte es hervor, besudelte Bett, Kleidung und Ondragons Gesicht. Schnell schloss er die Lippen, doch es war zu spät. Der warme Lebenssaft seines Bruders vermischte sich mit der schwarzen Masse in seinem Mund zu einem süßlichen Mus, das ihn würgen ließ. Erfüllt von Ekel drehte er sich weg und spuckte aus. Immer wieder.
Als er sich nach einer Weile umwandte, war Per verschwunden und endlich auch das Zeug aus seinem Mund. Dafür stand ein neuer Schatten im hell erleuchteten Türspalt. Diesmal ein sehr großer, denn er reichte bis an den Türsturz. Der Schatten trug einen langen, dünnen Gegenstand in der Hand und hatte einen seltsam unförmigen Kopf, lang und eckig.
Wieder ertönte das fürchterliche Lachen. Diesmal wechselte es zu einem schrillen und hysterischen Stakkato. Ondragon bemühte sich, aus dem Albtraum zu erwachen und die Augen zu öffnen, doch seine Lider waren wie zugeklebt. Nur verschwommen konnte er beobachten, wie der Schatten sich langsam auf ihn zubewegte und dabei ein französisches Lied zu singen begann.
Fieberhaft warf Ondragon sich im Bett hin und her. Wenn er schon seine Augen nicht ganz aufbekam, so wollte er sich wenigstens von seiner Schlafstatt erheben und seinem Angreifer kampfbereit entgegenstellen. Mit Gewalt versuchte er, sich aus dem lähmenden Griff des Schlafs zu befreien, doch dieser hielt ihn wie einen Patienten in der psychiatrischen Anstalt auf seinem Bett festgeschnallt. Schreckensstarr blinzelte er dem Schatten entgegen, der mittlerweile bei ihm angelangt war und sich hinabbeugte. Ein Totenkopfgesicht schwebte auf ihn zu. Und erst jetzt registrierte Ondragon, dass die Schattengestalt einen Zylinder auf dem Kopf trug.
Baron Samedi!
War er gekommen, um einen Zombie aus ihm zu machen? Einen wandelnden Toten, wie sein Bruder Per einer war?
Ondragon wollte schreien, doch eine Hand legte sich auf seinen Mund. Der Totenkopf grinste. „Schlafe, Mensch, schlafe ein!“, flüsterte er und blies ihm ein Pulver ins Gesicht. Ondragon verspürte ein Jucken in der Nase und den Drang zu niesen, durch seinen Kopf schoss der Apell an seinen Körper, sich verdammt noch mal zu wehren, doch im selben Moment verschwamm das Bild des Totenschädels vor seinem Auge, und ein dunkler Wirbel aus feuchter Erde und zermalmten Knochen nahm dessen Stelle ein. Langsam, aber unaufhaltsam zerrte ihn dieser mahlende Sog zurück in die beklemmende Finsternis seines Albdrucks. Danach folgte nichts. Nur Grabesstille.
Als er das nächste Mal so etwas wie einen Hauch von Realität verspürte, lag er nicht mehr in seinem Bett. Er war auch nicht mehr in einem Zimmer. Aber er konnte auch nicht sagen, wo er sich stattdessen befand. Zumindest lag er auf dem Rücken, so viel war schon mal klar, aber seine Sicht war so stark getrübt, als hätte man ihm eine viel zu starke Brille aufgesetzt. Egal, wie oft er blinzelte, alles, was er sehen konnte, waren grüne Schemen, die von hell zu dunkel wechselten und wieder zurück. Genauso schienen seine anderen Sinne nicht ganz intakt zu sein. Seine Nase und Zunge waren taub und sein Gehör verhielt sich wie nach einer Disconacht direkt neben den Musikboxen. Nur dumpf drangen Laute an die Nervenzellen in seinem Innenohr – ein Sirren und so etwas wie ein Klingeln.
Er wandte seinen Kopf auf dem weichen Untergrund. Spürte er dort etwa Feuchtigkeit auf seiner Haut? Sofort erfasste ihn Aufregung. Was, wenn er verletzt und es sein Blut war, das er da fühlte? Mit großer Mühe unternahm er einen Versuch, seine Arme zu bewegen, was ihm erst gelang, nachdem er begriffen hatte, dass sie eingeschlafen waren. Wie lange hatte er wohl schon darauf gelegen und sich das Blut abgeschnürt?
Mit einem schmerzhaften Kribbeln erwachten zuerst seine Finger zum Leben und danach seine Unter-und Oberarme. Als er sich darauf verlassen konnte, dass seine Gliedmaßen ihm gehorchten, rollte er sich vorsichtig auf die Seite. Doch schon bei dieser kleinsten Bewegung erfasste ihn jähe Übelkeit. Ondragon hielt inne, bis sich die säuregesättigten Wogen in seinem Magen geglättet hatten. Seine Finger gruben sich derweil in den feuchten Untergrund und fühlten und tasteten …
Was zum Teufel war das?
Es war nicht kalt, aber auch nicht sonderlich warm. War das Blut oder doch nur Wasser? Auch seine Kleidung war durchtränkt damit. Er hob eine Hand an den Kopf. Kleine Bröckchen hingen in seinem Haar. Sie fühlten sich irgendwie schleimig an.
Nachdem er einen Moment erfolglos gerätselt hatte, was für ein Zeug das sein könnte, setzte Ondragon die Reanimation seines Körpers fort. Inch um Inch hob sich seine physische Hülle aus dem feuchten Fundament, während sein Geist sich zu erinnern versuchte, was mit ihm geschehen war. Aber die Erkenntnis wollte sich nicht einstellen. Das Einzige, das immer wieder vor seinem inneren Auge aufflackerte, war ein grinsender Bugs Bunny. Absurd. Dafür wurde das dumpfe Klingeln in seinem Ohr allmählich klarer. Leider klang es immer noch verdächtig nach einem Tinnitus.
Eine ganze Weile saß er mit aufgerichtetem Oberkörper da, starrte und lauschte wie ein Blinder auf die leiseste Veränderung in der grünen Klangwelt, die ihn umfing. Bald bemerkte er, dass die Schemen vor seiner getrübten Linse dunklere Schattierungen annahmen und das Hellgrün einem gedeckten Tannengrün wich. Auch fühlte er auf seiner Gesichtshaut, dass die Temperatur um ihn herum sank. Und so als hätte ein DJ zu der wechselnden Stimmung eine passendere Platte aufgelegt, gesellte sich wenig später eine neue Oktave zu seinem Innenohrkonzert. Ein helles Trällern.
Ondragon hielt sich die Nase zu und blies Luft gegen den Druck auf seinen Trommelfellen. Als er die Hand wieder sinken ließ, setzten gleichzeitig sein Geruchs-und Geschmackssinn wieder ein und schlagartig wusste er nicht nur, was geschehen war, sondern auch wo er sich befand!
„Scheiße! Scheiße!“ Ruckartig sprang er auf die Beine, was eine kurze Schwarzblende vor seinen Augen verursachte, weil sein Kreislauf nicht mitkam. Sofort wurden seine Füße in den Schuhen nass, und der Untergrund begann, an ihnen zu saugen. Zumindest war er so weich, dass Ondragon bis zu den Knöcheln einsank. Entsetzt über die feuchte Realität stand er regungslos da.
Mitten im Sumpf!
Und was noch schlimmer war: Die Sonne ging gerade unter.
Das war die Zeit, in der die Alligatoren erwachten!