15. Kapitel

Im Sumpf – zweiter Tag

 

Ondragon öffnete die Augen und blinzelte in das orangefarbene Licht, das durch das Blätterdach der Sumpfeiche fiel. Höllische Schmerzen begleiteten den Ablauf des Erwachens. Sein Rücken fühlte sich an, als sei er mit der Rinde des Baumes verwachsen, und sein Hintern war taub vom harten Holz. Nur knirschend bekam er beides aus der verkrampften Position gelöst.

Ondragon entfuhr ein Stöhnen. Wer immer ihm dies hier angetan hatte, er würde es ihm dreifach zurückzahlen! In seinem Kopf pochte es infernalisch und sein Hals war steif. Es dauerte, bis seine Muskeln und Gelenke soweit geschmeidig waren, dass sie sich bewegen ließen, ohne zu versagen. Erst jetzt löste er seinen Sicherheitsgurt. An den Stamm geklammert richtete er sich auf und wagte einen ersten Blick hinab. Er erwartete dort sieben dunkle Silhouetten zu sehen und war einigermaßen überrascht, als dies nicht der Fall war. Schnell kletterte er weiter nach unten und suchte die Umgebung rund um den Baum ab. Das Wasser war spiegelglatt und ruhig. Kein Alligator zu entdecken. Aber der Schein konnte trügen, das wusste er. Womöglich lauerten die Biester unter der Oberfläche. Er bastelte sich die Angelleine vom Vortag und ließ sie mehrmals ins schmutzige Wasser platschen.

Während er dies tat, entsann er sich der Vorkommnisse der vergangenen Nacht. Die Alligator-Gang hatte Besuch bekommen – vermutlich von einem Hirsch, oder einem vergleichbaren Säugetier. Und die hungrigen Reptilien hatten sich ihm in der freundlichsten Art angenommen, zu der sie fähig waren: Sie hatten dem Hirsch zuerst ihr Lächeln gezeigt und ihn dann bei lebendigem Leib zerfetzt.

Ondragon kontrollierte noch einmal die Oberfläche. Nichts deutete auf das Massaker hin, das sich vor wenigen Stunden dort abgespielt hatte. Keine Kadaverteile trieben im Wasser oder sonst irgendwelche Rückstände des Festmahls. Nirgendwo war Blut zu sehen. Auch auf die Schuhangel gab es null Reaktion. Die Alligatoren waren entweder satt oder verschwunden. Der Zufall hatte ihm eine Lücke in der Aufmerksamkeit seiner Belagerer beschert. Im Geiste dankte Ondragon dem Hirsch für sein hingebungsvolles Opfer und schwang sich kurzerhand vom Baum. Er musste diese Gelegenheit nutzen.

 

Nach einem weiteren erfolglosen Tag Wanderung durch Schlamm und Wasser, das in seiner Tiefe von knöcheltief bis hüfthoch variierte, lehnte Ondragon sich erschöpft an einen Baumstamm, um zu verschnaufen. Ihm war schwindelig vor Hunger und Durst, und Hitze und Moskitos machten ihn zusätzlich fertig. An einem abgestorbenen Gewächs hatte er sich einen soliden Ast abgebrochen, den er wahlweise als Gehstütze, Lot oder Knüppel verwendete.

Er sah hinauf in den Himmel und versuchte, anhand des Sonnenstandes seine Richtung zu bestimmen. Leider gab es einen riesigen Unterschied zwischen dem urbanen Orientierungsinn des modernen Menschen (der bei ihm hervorragend funktionierte) und dem urtümlichen Umgebungs-Instinkt, der dem Homo Erectus vor Tausenden von Jahren auf der ersten Sprosse der Evolutionsleiter zu eigen gewesen war. Der Cro-Magnon-Mensch hätte bestimmt genau gewusst, wie spät es war und in welcher Richtung Norden lag. Aber man schrieb das Jahr 2010 und der Ondragon-Mensch war ohne technische Hilfsmittel so gut wie hilflos.

So gut wie.

Immerhin gab es noch rudimentäre Erinnerungsfetzen an den Kampf des Überlebens seiner Vorfahren – das instinktive Bauchgefühl sozusagen. Leider war das bei ihm eher im Blinddarm angesiedelt. Und dieser sagte ihm, dass dort vor ihm auf dem Wasser etwas schwamm, das da nicht hingehörte.

Ondragon beugte sich vor und fischte den Gegenstand aus dem Wasser. Es war eine Plastikflasche. Dr. Pepper! Leider leer.

„Wenigstens ein Behältnis, in dem ich Wasser sammeln kann“, dachte er laut und band sich die Flasche mit seiner Krawatte am Gürtel fest. Plötzlich erhellte ein Lächeln seine müden Züge. „Du warst schon immer unverwüstlich zuversichtlich, Paul Eckbert!“, sagte er und kicherte. „Nicht unterkriegen lassen. Das ist die Devise. Auch wenn dich nur noch geschätzte zwölf Stunden vom Tod durch Verdursten trennen.“

Immer noch hysterisch kichernd ging er weiter, während die Sonne tiefer sank und die Schatten der Dämmerung den Sumpf eroberten. Auch setzte das obligatorische Froschkonzert wieder ein. Vielleicht das Letzte, was er hören sollte, dachte Ondragon, riss sich aber zusammen. Was hatte er sich eben noch gesagt? Nicht unterkriegen lassen!

Er watete durch einen flachen Wasserarm und stieß im Kraut des bewachsenen Ufers auf eine zweite Plastikflasche und wenig später auf eine dritte. Müll, den Touristen weggeworfen hatten, oder die typische Entsorgungsmentalität der amerikanischen Unterschicht. Einfach wegwerfen – aus den Augen, aus dem Sinn!

Nachdenklich hielt er inne. Neben den PET-Flaschen dümpelten noch Bierdosen und Plastikverpackungen von Chips und Grillfleisch im schmutzigen Wasser. Grillfleisch?

Ondragon spürte einen Schub an Energie durch seine Adern pulsieren. Er betrachtete die Verpackung. Porterhouse Steak. Demnach musste hier irgendwo ein Barbecue stattgefunden haben, was wiederrum bedeutete, dass es eine größere Fläche festen Landes geben musste. Oder hatte jemand auf einem Boot gegrillt?

Ondragon sah sich um und verfolgte die Müllspur, in der er noch weitere Indizien für einen ausschweifenden Grillabend fand. Bei dem Anblick knurrte sein Magen, der seit annähernd drei Tagen auf Zwangsdiät war. Suchend wandte Ondragon sich um die eigene Achse und spähte in die Umgebung. Eine dunkle Struktur hob sich vor einem Gebüsch zu seiner Linken ab wie eine Verdichtung von Schatten. Er ging in die Richtung, und der Schatten nahm Kontur an. Er wurde eckig. Ondragon spürte, wie ihn unglaubliche Freude überwältigte.

Es war eine Hütte! Verborgen im Schilf stand sie im Schatten hoher Sumpfzypressen. Von der Holzveranda ragte ein Steg ins offene Wasser des Bayou. Der Ort sah verlassen aus, aber, hey, es war eine Hütte!

„Siehst du, niemals unterkriegen lassen!“, flüsterte Ondragon triumphierend und stapfte mit einem breiten Grinsen los.

 

 

 

Anette Strohmeyer - Ondragon 02 - Totenernte
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