16. Kapitel
Im Sumpf - dritte Nacht
Im letzten Licht der Dämmerung durchsuchte Ondragon die Hütte, in der schon lange niemand mehr gewesen war. Das verrieten ihm die dicke Staubschicht und die Spinnweben auf der spärlichen Einrichtung, die aus zwei wackeligen Stühlen, einem Tisch, einer vermoderten Matratze und mehreren Bierkästen bestand. In einem schiefen Regal fand Ondragon weiteren Müll, zerfledderte Pornomagazine, eine Kiste mit Angelködern, schmutzige Blechteller mit Besteck, einen Eimer, einen löchrigen Kescher, eine Öllampe, Streichhölzer und Konservendosen, die bis auf eine alle leer waren. Ondragon widerstand dem ersten Impuls, sich auf die Dose zu stürzen, und sah sich weiter um.
An der gegenüberliegenden Wand hingen an Nägeln eine ausgeblichene Baseballmütze und ein Sweatshirt mit undefinierbarer Farbe. Desweiteren entdeckte er ein Messer, das im Balken des Türsturzes streckte. Leider war es stumpf. Ende der Bestandaufnahme.
Er kehrte zu dem Regal zurück und holte die Lampe sowie die Streichhölzer hervor. Besonders viel Öl war nicht mehr in dem kleinen Container, dennoch gelang es ihm, den kurzen Docht zum Brennen zu bringen. Im gelblichen Lichtschein sah das Innere der Hütte noch schmuddeliger aus. Aber wenn er so an sich herunterblickte, gab er auch keinen gepflegteren Eindruck ab. Und schließlich sollte er sich darüber freuen, die Nacht nicht auf einem Baum verbringen zu müssen, auch wenn er um die schimmlige Matratze einen großen Bogen zu machen gedachte.
Mit der Laterne in der Hand schloss er die Tür, um die Mücken auszusperren, und machte sich daran, die letzte volle Dose zu untersuchen. Das Etikett war abgefallen, aber er fand es unter den anderen leeren Behältnissen. Es zeigte ein vergilbtes Bild der Pop-Art-Ikone Andy Warhol: Peach Halves von Del Monte. Pfirsiche im eigenen Saft!
Haltbar bis zum 22.04.2007. Also seit fast drei Jahren abgelaufen. Egal. Da Ondragon keine Energie zum Angeln hatte, musste diese Dose seine Rettung sein. Nur wie sollte er sie aufbekommen?
Ein weiteres Mal durchsuchte er die Hütte, fand aber keinen Dosenöffner. Er blickte auf das stumpfe Messer. Damit allein würde er den Deckel nicht aufbekommen, er brauchte etwas Schweres, um die Klinge in das Metall zu treiben. Kurzerhand schlug er einen der Stühle entzwei und verwendete eines der Beine als Hammer. Wie der erste Mensch begann er daraufhin, die Dose zu bearbeiten. Mehrmals glitt die Klinge ab und hätte ihn beinahe verletzt, dennoch versuchte er es weiter, fluchend und schwitzend, bis die Spitze des Messers endlich ein kleines Loch in den Deckel stanzte. Hastig schlug er noch einen zweiten Auslass in das Metall, hob die Dose an den Mund und trank gierig und ohne vorher zu probieren, ob der Inhalt überhaupt genießbar war. Der Saft schmeckte metallisch und höllisch süß, aber es war reine Energie! Ondragon saugte den letzten Tropfen aus dem Loch und fuhr sich zufrieden mit der Zunge über die Lippen. Das war das hors d’oeuvre gewesen, jetzt kam der Hauptgang. Er legte die Dose auf den Boden, setzte das Messer auf die Seitenwand und trieb es tief in den Bauch der Konserve. Immer wieder schlug er mit dem Stuhlbein zu, bis er das Behältnis so weit aufklappen konnte, dass er an den glitschigen Inhalt kam. Seufzend und mit bloßen Fingern verschlang er die gezuckerten Früchte und spürte das Leben in seinen ausgelaugten Körper zurückkehren. Noch nie hatte ihm Pop Art so gut geschmeckt! Wenn er jetzt noch die Campbells Tomato Soup vom selben Künstler hätte … aber leider war das Festmahl vorbei. Nun gut.
Vorläufig gesättigt leckte er sich die klebrigen Finger ab und sah sich nach einer Ecke um, wo er sich zum Schlafen niederlassen konnte, ohne gleich von Ungeziefer aufgefressen zu werden. Die zweite Glückseligkeit des Tages erfüllte ihn, als er endlich ausgestreckt dalag mit seinem zusammengeknüllten Jackett als Kopfkissen und versonnen zu den Deckenbalken hinaufstarrte. Schon bald merkte er, wie seine Lider schwer wurden, und löschte die Lampe. In der Geborgenheit der Hütte kam der Schlaf schnell und nahm ihn mit in sein Reich aus watteweicher Betäubung.
Am Morgen rumorte sein Verdauungstrakt gewaltig, ob nun wegen der ungewohnten Nahrung oder doch eher wegen der nicht ganz so optimalen Bekömmlichkeit, auf jeden Fall musste Ondragon sich beeilen, aus der Hütte zum Steg zu kommen.
Nachdem die Krämpfe nachgelassen hatten, wusch er sich mit dem Wasser des Bayou und kehrte mit wackeligen Beinen in die Hütte zurück, wo er die wenigen nützlichen Dinge zusammensuchte, welche die marode Behausung zu bieten hatte. Mit Angelhaken und Schnur nähte er die untere Öffnung des verstaubten Sweatshirts zu, steckte die spärliche Ausrüstung durch den Halsausschnitt in den entstanden Sack und hängte sich die zusammengeknoteten Ärmel über die Schulter. So hatte er beim Gehen wenigstens die Hände frei.
Mit Sonnenaufgang verließ er die Hütte und setzte seinen Weg entlang des Wasserarms fort, dabei hoffte er, ein Airboat möge endlich vorbeikommen, ihn aufnehmen und zurück in die saubere und kühle Umgebung eines Hotelzimmers bringen. Aber nichts geschah, kein Boot kam und auch keine Angler. Stattdessen stellten sich recht bald extreme Sonneneinstrahlung und noch extremerer Durst ein.
Ondragon schleppte sich weiter. Sein linker Fuß ohne Schuh schmerzte, weil er ständig auf spitze Äste trat und mit den Zehen gegen Steine stieß. Ein offenes Alligatormaul konnte sich nicht schlimmer anfühlen! Er blinzelte durch den Schweiß, der ihm in die Augen lief, und versuchte die Wasserfläche des Bayou nicht aus dem Blick zu lassen. Wie viele Meilen würde er wohl noch laufen müssen – noch laufen können?
Die Hitze wurde immer unerträglicher und lastete als physisch spürbares Gewicht auf jedem Quadratzoll seines ausgezehrten Körpers. Wie ferngesteuert arbeitete er sich durch das lauwarme Sumpfwasser. Schritt für Schritt. Moskitos attackierten ihn aus der Luft und drohten, ihm den letzten Tropfen Flüssigkeit aus seiner Blutbahn zu saugen, und immer häufiger erfasste ihn ein heftiges Schwindelgefühl, das sich bis in seine wackeligen Beine fortsetzte und ihn dazu zwang, sich so lange auf seinen Stock zu stützen, bis er wieder bei Kräften war.
„Du taugst eben nicht für die Wildnis, Paul. Bist total verweichlicht, du Großstadt-Nerd!“
Erschrocken hob Ondragon den Blick. Wer hatte das gesagt? Er sah, wie eine kleine Gestalt im Schilf zu seiner Rechten erschien.
Es war Per.
Sein verstorbener Bruder verschränkte die Arme und blitzte ihn belustigt an. Er schwebte über dem Wasser, als sei er ein zweiter wiederauferstandener Jesus. Doch sein Gesicht war bleich wie ein Alligatorbauch und seine Lippen reptilienartig grau. Ondragon meinte, dazwischen sogar kleine spitze Zähne aufblitzen zu sehen.
„Bist du gekommen, um mich zu nerven?“, blaffte er die Erscheinung an.
Gleichmütig schüttelte Per den Kopf. „Du bist jämmerlich, Paul Eckbert, guck dich doch mal an! Was ist aus dir geworden in deinem verzweifelten Versuch, nicht zu sein wie unser Vater? Was hat er dir getan, dass du ihn noch immer so sehr hasst? Er wollte doch nur unser Bestes!“ Auch seine Zunge war alligatorscharf! Die Worte trafen zuverlässig ins Ziel.
Ondragon verengte die Augen zu Schlitzen. „Frage nicht, was Vater mir angetan hat, frage lieber, was er UNS angetan hat!“
„DU hast das Bücherregal doch umgeworfen! DU warst es!“, schrie Per, sein Mund eine schwarze Höhlung.
„ICH? Aber das … stimmt nicht! Vater hat uns in der Bibliothek eingesperrt!“
„Du hast das Bücheregal umgeworfen, weil du eifersüchtig auf mich warst, weil Vater mich bevorzugt hat!“ Auch diese Spitze saß. Tatsächlich hatte Ondragon immer das Gefühl gehabt, sein Vater hätte Per größere Freiheiten eingeräumt und ihn liebevoller behandelt. Plötzlich spürte er, wie er in der Zeit zurückgerissen wurde. Er sah die verhasste Tür zur Kairoer Bibliothek seines Vaters vor sich, sah, wie sie sich öffnete, sah, wie die Tonnen von verstaubten Büchern ihn angrinsten und hämisch kicherten. Kleine, böse Raubtiere, die seine Angst witterten und ihr entgegengeiferten. Nein, das war nicht ganz richtig. Seine Angst vor den verfluchten Büchern war erst nach dem Unfall gekommen! Diese Angst hier war anders. Irgendwie ahnungsvoller, instinktiver. Auch sie begleitete ihn schon eine sehr lange Zeit. Aber je mehr er sich anstrengte, das Gefühl zu definieren, das ihn übermannt hatte, desto schneller entglitt es ihm wieder, und ehe er sich versah, fühlte er, wie eine harte Hand ihn in die Bibliothek stieß. Knallend fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, und er war allein mit all dem bedruckten Papier! Und mit Per!
Aber was war eigentlich geschehen? Er konnte sich noch daran erinnern, dass er aus Zorn gegen seinen Vater eine kleine ägyptische Figur gegen die Reihe aus Buchrücken geschleudert hatte, wodurch das Regal ins Schwanken geraten … und schließlich eingestürzt war. Eine Lawine von steinharten Büchern hatte sich über sie ergossen und unter sich begraben. Sie hatten Paul fast erstickt und Per den Schädel eingeschlagen! Insofern war er tatsächlich schuld an dem Geschehen, schuld am Tod seines Bruders. Aber konnte eine kleine Figur, gerade mal so groß wie ein Taschenmesser, ein zwei Mannslängen hohes Bücherregal umwerfen?
Ondragon schlug die Hände vors Gesicht. Etwas stimmte an seiner Erinnerung nicht. Die Bilder in seinem Kopf waren unscharf, und er hatte den Eindruck, als gaukelten sie ihm eine falsche Wahrheit vor. Seine Hände wanderten zu seiner Brust hinab, wo er sie faltete. Er sah seinen Bruder an, der geduldig im Sumpf neben ihm wartete. „Per, es tut mir leid! Bitte, du musst mir glauben, es geschah nicht mit Absicht. Sicher war ich eifersüchtig auf dich, aber ich wollte dir niemals ein Leid zufügen. Ich habe dich doch geliebt. Du bist wie ich, du bist mein Zwilling!“ Flehend sah er Per an. Wenn sein Bruder ihm schon nicht persönlich vergeben konnte, dann vielleicht diese durchscheinende Projektion seines ewig schlechten Gewissens. „Ich bitte dich, Per, nimm meine Entschuldigung an.“
„Damit du mich vergessen kannst? Pah, das hast du dir so gedacht. Zuerst wirst du dich mit Vater versöhnen!“ Per Gustavs jungenhaftes Gesicht war in strenge Falten gelegt.
Ondragon stand mit offenem Mund da. Was sein Bruder da von ihm verlangte, war unmöglich. Er konnte sich nicht mit seinem Vater versöhnen. Ihre Differenzen waren, wie sagte man so schön, unüberbrückbar. Das hatte er auch letztes Jahr wieder zu spüren bekommen, als er nach der Sache in Minnesota nach Berlin geflogen war, um sich nach langer Zeit mal wieder mit seinen Eltern zu treffen, ja, und auch um einen erneuten Versuch zu unternehmen, sich seinem Vater anzunähern. Aber alles, was der alte Stinkstiefel getan hatte, war, ihm zu zeigen, dass eine Beilegeng des alten Zwistes von seiner Seite aus nicht erwünscht war. Ondragon hatte sich trotz allem bemüht, mit ihm zu kommunizieren, wie auch seine Mutter sich befleißigt hatte, zwischen ihnen zu vermitteln, aber ihre Anstrengung war umsonst gewesen, genau wie die ganze Reise!
Schon nach drei Tagen war Ondragon wieder aus Berlin abgereist. Enttäuscht, desillusioniert und jeglicher Hoffnung beraubt. Das Schlimmste aber war, dass der alte Hass wieder aufgeflammt war und ihn innerlich aushöhlte. Nun würde es wieder Jahrzehnte dauern, ehe er ihn soweit im Griff haben würde, ihn wenigstens ignorieren zu können.
Obwohl … ganz umsonst war die Reise dann doch nicht gewesen, denn schließlich war er auch nach Berlin gekommen, um herauszufinden, ob an dem Spionageverdacht seiner Mutter etwas dran war, mit dem ein Insasse der Klinik in Minnesota sie damals belastet hatte. Jener unangenehme Zeitgenosse hatte eine angebliche Quelle aufgetan, die behauptete, Ava Birgitta Ondragon sei eine schwedische Agentin und habe als Ehefrau eines deutschen Diplomaten für ihre Regierung spioniert. Ondragon hatte immer schon vermutet, dass dies bloß eine Lüge gewesen war, die nur dazu gedient hatte, ihn zu verunsichern, aber dennoch wollte er auf Nummer sicher gehen. Ohne Vorwarnung hatte er seine Mutter in einem ungestörten Moment damit konfrontiert. Als Antwort hatte Ava Birgitta lediglich gelächelt. Und was sie ihm daraufhin über ihre Ehe mit Siegfried Ondragon, ihre Zeit beim schwedischen Militär und ihre regelmäßigen Reisen in die skandinavische Heimat erzählte, gab ihm neue und tiefe Einblicke in das komplizierte Leben an der Seite eines Diplomaten.
Ava Ondragon hatte all diese Schwierigkeit gemeistert. Sie war ihrem Mann bereitwillig alle drei Jahre in eine andere fremde Stadt gefolgt, hatte sich auf offiziellen Veranstaltungen als treusorgende Ehefrau und Mutter präsentiert und sich einen Ruf als kulturell interessierte Frau erarbeitet. Innerlich aber hatte sie zuerst den Tod eines ihrer Söhne verkraften müssen, welcher ihr viele Jahre die Seele verdüstert hatte, und dann die Abkehr des zweiten Kindes von der Familie. Doch auch damals war ihre Loyalität klar positioniert gewesen. Auch wenn sie der Verlust beider Söhne schmerzte, hatte sie doch immer zu ihrem Mann gehalten. Sie war unerschütterlich an seiner Seite geblieben bis zu seiner Pensionierung in Berlin. Jedoch – und das lastete Ondragon mehr auf dem Herzen, als ihm lieb war – gab seine Mutter sich heute längst nicht mehr so unerschütterlich wie damals, weil sie wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Den Fehler, ihn, Paul Eckbert Ondragon, damals einfach so gehen zu lassen.
Nur langsam tauchte Ondragon aus seinen Erinnerungen auf.
„Ich kann mich mit Vater nicht versöhnen, verstehst du?“, sagte er und hob dem bleichen Geist seines Bruders eine Hand entgegen. Der starrte mit zusammengepressten Lippen zurück. „Das mit Vater ist vorbei, für immer! Ich habe es versucht, aber … ich habe es nicht geschafft.“
„Du hast es nicht wirklich versucht, Paul!“ Die Stimme des Geistes klang hart.
„Oh doch, das habe ich, verdammt noch mal! Dieser Mann, der sich unser Vater schimpft, ist ein sturer Bock! Ein verknöcherter alter Bastard, dessen einziges Vergnügen es war, mich zu demütigen.“ Aufgeregt gestikulierte Ondragon mit den Händen. „Kapier das endlich und verschwinde!“ Er hatte die Sticheleien satt. Mit einem letzten Winken setzte er sich wieder in Bewegung und ließ Per hinter sich.
Stumpfsinnig watete Ondragon weiter, Meile um Meile. Aber sein Wille war noch immer ungebrochen. Wie ein maroder Akku trieb er ihn an. Marode zwar, aber immer noch funktionstüchtig.
Wenigstens ließ Per ihn jetzt in Ruhe!
Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen, um nicht über die Hoffnungslosigkeit seiner Situation nachzudenken, aber immer öfter blieb er mit den Füßen im Schlamm hängen, was ihn aus der Balance brachte, und als ihn schließlich die Kraft verließ, stolperte er und fiel mit den Knien voran ins Wasser.
Gottverdammter Scheißsumpf! Trockenlegen sollte man dich. Naturparadies? Am Arsch!
So etwas in der Art hätte er am liebsten laut herausgeschrien und dabei mit dem Wanderstab auf die Wasseroberfläche eingedroschen, doch ihm fehlte die Energie dafür.
Eine Weile verharrte er auf allen vieren, den Kopf eingezogen, der Atem flach. Sein Herz vollführte aberwitzige kardiologische Kapriolen, unkontrolliert wie die Ausschläge eines Seismografen. Wiederholt wurde ihm schwarz vor Augen und er musste schlucken, doch sein Kehlkopf war wie ein Brocken Zement, trocken und sperrig und groß wie ein Haus. Hilflos keuchte er gegen die Atemnot an, während die Krämpfe in seinem Unterleib zuschlugen wie die unbarmherzigen Fäuste eines Boxers. War es das jetzt? War das das Ende?
Nein, das war es nicht!
Mit einer letzten großen Willensanstrengung stemmte sich Ondragon auf die Beine und ging mit hängenden Armen und schlaffem Rückgrat weiter. Platsch, platsch, platsch – das Geräusch seiner Schritte im Wasser, sonst war da nichts. Nur Hoffnungslosigkeit …
Plötzlich sackte sein rechter Fuß ins Leere, und Ondragon tauchte unter Wasser. Prustend um sich schlagend kam er wieder hoch und sah sich blinzelnd um. Er war in den Bayou gestürzt!
Paddelnd wie ein ertrinkender Hund rettete er sich an das nahe Ufer und blieb um Atem ringend auf dem Bauch liegen. Die Sonne schlug ihm heiß auf den nassen Rücken.
Klack, klack!
Ihre Strahlen klangen mechanisch, so als sende sie ein robotischer Himmelskörper aus.
Klack, klack! Peitschenschläge wie von einem Automaten. Klack, klack!
„Dreh dich um!“
Das war Per. Schon wieder dieser Quälgeist! Er flüsterte ihm direkt ins Ohr: „Dreh dich um!“
„Ach, lass mich!“, wehrte Ondragon ab. „Ich kann nicht mehr.“
„Dreh dich verdammt nochmal um, du Weichei!“
Klack, klack!
„Scheiße, Per, du kannst einfach nicht aufhören, was?“ Ondragon drehte sich mühsam auf den Rücken, die Augen gegen die peitschenden Strahlen der Sonne geschlossen. „Bist du jetzt zufrieden? Ist es so schöner zu sterben, auf dem Rücken?“
„Nein! Mach die Augen auf! Los!“
Klack, klack.
Ondragon seufzte. Na gut, dann mach ich die Augen auf. Ist jetzt eh egal, ob ich mir auch noch die Netzhaut versenge. Er hob die geschwollenen Lider, aber was er sah, konnte er zunächst nicht einordnen. Ein schwarzes Band schob sich durch sein Gesichtsfeld und blockte die Sonnenenergie ab.
Klack, klack.
Das Schattenband gab diese Geräusche von sich. Klack, klack.
Abrupt hob Ondragon den Oberkörper. Konnte das wirklich sein? Oder gaukelte ihm sein verdorrter Verstand ein Trugbild vor? Er rieb sich die Augen und betrachtete mit geschärftem Blick das schwarze Band.
Klack, klack.
Es war der Interstate 10!
Nicht zu fassen. Er war gerettet!
Mit Hilfe des Stockes kam er auf die Füße und legte den Kopf in den Nacken. Beinahe majestätisch erhob sich der Highway vor ihm …
Auf zwanzig Yards hohen Betonpfeilern!
Diese Erkenntnis trat zwar mit Verzögerung ein, traf ihn aber dennoch wie ein Hammer auf den Schädel. Erschüttert blickte Ondragon auf das Bauwerk. Die Verheißung, die Rettung, der Weg in die Zivilisation. Er war so nah dran … und doch so fern.
Niedergeschlagen ließ Ondragon die Schultern sacken. Wie sollte er auf diesen beschissenen Betonviadukt hinaufkommen? Die Pfeiler sahen glatt und unnahbar aus, nicht einmal der Weltmeister im Freeclimbing wäre dort raufgekommen.
Er legte die Hände an den Mund und begann zu rufen. Heiser hallte seine Stimme zusammen mit dem stetigen Klacken, das von den fahrenden Autos verursacht wurde, von der Unterseite der Autobahnbrücke zurück. Es herrschte anscheinend viel Verkehr dort oben, Menschen fuhren vorbei, ohne etwas von ihm zu ahnen. Und hören konnten sie ihn auch nicht. Er gab das Rufen auf und dachte nach. Die Zentrifuge war schon längst außer Betrieb und weigerte sich, in Schwung zu kommen. Er gab ihr einen imaginären Tritt. Stotternd bewegte sie sich vorwärts, blieb aber gleich wieder stehen. Verdammt! Rühr dich, Mistding! Ein weiterer Tritt setzte die Zentrifuge dann doch in Gang. Eiernd und unter quietschendem Protest lieferte sie einige Vorschläge:
„Pfeiler untersuchen – STOP – muss Wartungsleiter geben – STOP – Leiter finden und hinaufklettern – STOP – Auto anhalten – STOP – um Hilfe bitten – STOP – dir selbst einen Arschtritt geben, um endlich loszulegen – STOP – Gruß, Per – STOP!“
Nun gut, du Nervensäge. Dann mal los, dachte er mit einem bissigen Grinsen und begann mit der aufmunternden Melodie von Indiana Jones im Kopf seinen Inspektionsgang durch das hüfttiefe Wasser. Er umrundete jeden Betonpfeiler und suchte ihn nach eingelassenen Eisen-Sprossen ab.
Bei Pfeiler Nummer sieben wurde ihm erneut schwarz vor Augen, und er brauchte eine Weile, bis er weitergehen konnte. Anstatt in seinem Darm rumorte es nun in seinen Gedanken. Es konnte natürlich auch sein, dass Per ihm einen letzten bösen Streich gespielt hatte. Als Ironie des Schicksals sozusagen. Er hatte ihn hierher zum Highway gelockt, damit er mit Blick darauf verrecken konnte. Ein finaler Arschtritt! Pers Rache.
Ondragon hob den Kopf. „Wenn es das war, was du wolltest, dann hast du es geschafft. Bist du nun zufrieden?“, schrie er laut gegen die Brücke.
Klack, klack.
„Ist schon gut, du hast gewonnen.“ Er schloss die Augen, doch bevor tröstliche Schwärze ihn einhüllte, nahm er noch etwas wahr. Eine Struktur aus waagerechten Strichen. Er riss die Augen wieder auf und stellte fest, dass er sich nicht getäuscht hatte. Dort am gegenüberliegenden Pfeiler waren Eisensprossen eingelassen. Schnurgerade führten sie nach oben.
Hastig watete Ondragon zu der Leiter und begann mit dem Aufstieg. Dabei musste er öfter verschnaufen, als ihm lieb war, denn seine Arme vermochten ihn kaum noch zu halten. Wie ein schlapper Affe hing er an der Sprosse und wagte es nicht, nach unten zu schauen. Stattdessen heftete er seinen Blick an die Unterseite der Autobahnbrücke.
Es sind nur noch ein paar Yards. Du schafft das!
Er biss die Zähne zusammen und zog sich weiter nach oben. Kurz bevor er den Übergang zu dem Betongeländer erreichte, zwangen ihn seine schwindenden Kräfte dazu, noch einmal zu verschnaufen. Gerade mal eine Körperlänge trennte ihn noch von der Straße. Laut schwappte der Verkehrslärm zu ihm hinunter. Unter großer Mühe langte er nach der nächsten Sprosse und wäre beinahe abgerutscht. Doch es gelang ihm, sich mit zwei Fingern eisern an das rostige Metall zu klammen und so einen tödlichen Absturz zu verhindern. Heiß schoss das lang ersehnte Adrenalin durch seine Nervenbahnen und rüttelte ihn wach. Ondragon streckte seinen Arm und drückte sich mit seinen vor Anstrengung zitternden Beinen hoch.
Endlich hatte er den oberen Rand der Betonbrüstung erreicht und hievte sich stöhnend auf die andere Seite. Wie ein nasser Sack fiel er auf den heißen Asphalt.
Hupend rauschte ein Pickup an ihm vorbei.
Benommen stemmte sich Ondragon auf die Beine und winkte den vorbeifahrenden Autos um Hilfe. Schlurfend und sabbernd wie ein willenloser Zombie.
Doch niemand hielt an.
Das war nicht weiter verwunderlich. Eine vollkommen verdreckte Gestalt torkelte mit nur einem Schuh über den Highway und das mitten im Nirgendwo. Die Hilfsbereitschaft der Amerikaner in allen Ehren, aber nicht einmal Ondragon hätte in dieser Situation angehalten.
Resigniert blickte er die Fahrbahn entlang, die sich scheinbar endlos in beide Richtungen bis zum flachen, menschenleeren Horizont des Sumpflandes erstreckte. Er seufzte ergeben. Wenn das Schicksal es wollte, dass er lief, dann würde er eben laufen.
Schleppend setzte er sich in Gang und befand sich bereits wenige Augenblicke später in einem gleichgültigen Trott. Seine Sinne schalteten ab, und immer gedämpfter drang das Klacken der Brückenschwellen in sein Bewusstsein.
Klack, klack. Klack, klack. Klack, klack.
Plötzlich hörte er ein raues Hupen, und kurz darauf hielt ein Polizeiauto mit Blaulicht neben ihm an. Das Fenster auf der Beifahrerseite wurde heruntergekurbelt und ein Police Officer steckte seinen Kopf heraus. „Brauchen Sie Hilfe, Sir?”
Ach, nee!
„Sir, können Sie mich hören?“
Es kostete Ondragon unglaubliche Anstrengung, seinen Trott zu unterbrechen und sich dem Officer zuzuwenden. Sein Mund öffnete sich und gleichzeitig überfiel ihn die Sorge, seine Stimme könnte versagen. Doch seine Furcht war vollkommen unbegründet, denn laut und deutlich hörte er sich sagen:
„Da seid ihr ja endlich, ihr Penner!“