3. Kapitel

06. Februar 2010

Tucson, Arizona

1.05 Uhr

 

Eine Weile wartete Ondragon und blickte durch die Frontscheibe des Wagens hinaus in die Dunkelheit, die in der Wüste eine beinahe stoffliche Qualität besaß. Trotz der Straßenbeleuchtung erkannte er kaum mehr als die geisterhaften Fassaden der Häuser des Neighborhood. Nirgendwo brannte ein Licht hinter den Fenstern. Alle braven Bürger schliefen um diese Uhrzeit.

Leise öffnete er die Wagentür, stieg aus und lief geduckt zwischen den Häusern hindurch. Im Schatten des kleinen Weges, der zu den Rückseiten der Grundstücke führte, zog er sich die Softshell-Gesichtsmaske über Mund und Nase, mit der er zwar aussah wie der kleine Bruder von Dr. Lecter, aber dafür erkannte man ihn nicht so schnell. Gekleidet war er in eine schwarze Hose und eine gleichfarbige Bomberjacke, die er in der Mall gekauft hatte. Dazu noch Tesafilm und ein großes Bowiemesser, das er an seinem Gürtel trug. Seine Hände steckten in dünnen dunklen Lederhandschuhen.

Darum bemüht, keine Geräusche zu verursachen, kletterte Ondragon über den Lattenzaun in Tyler Ellys‘ Garten und huschte zur hinteren Veranda, wo er sich mit einem Dietrich an der Tür zu schaffen machte. Das Schloss klickte und Ondragon schob die Tür auf, doch weiter als einen armdicken Spalt konnte er sie nicht öffnen. Mindestens vier Sicherheitsketten, die von innen angebracht waren, verhinderten sein weiteres Eindringen.

Damn it! Einen Bolzenschneider hatte er natürlich nicht dabei. Warum hatte der Springer ihm nichts von den Schlössern erzählt? Jetzt musste er notgedrungen durch die Vordertür rein.

Vorsichtig schlich Ondragon ums Haus, spähte auf die leere Straße und versenkte seinen Dietrich schließlich im Schloss, das schon nach wenigen Sekunden nachgab. Die Tür schwang auf und Ondragon schlüpfte in die noch schwärzere Finsternis des Hauses. Nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, knipste er eine winzige Diodenlampe mit einer kleinen Gummischlaufe an, die er sich über seinen Zeigefinger streifte.

Im bläulich matten Schimmer der Lampe kontrollierte er zuerst, ob die Vorhänge tatsächlich alle geschlossen waren und begann anschließend, sich im Wohnzimmer umzusehen. Beinahe zaghaft ließ er den Lichtschein über die Möbel und Gegenstände gleiten, die sich darin befanden. Eine durchgesessene braune Couch, ein niedriger Tisch davor mit einer Vielzahl dunkler Ringe auf der Holzplatte, die wohl von gut gekühlten Flaschen oder Dosen herrührten. Gegenüber der Couch stand ein teurer Sony-Flachbildfernseher mit Blu-ray-Player. Hier hatte Tyler Ellys sich was gegönnt.

Der Lichtschein huschte weiter. Über dem Fernseher hingen drei gerahmte Fotos. Eines zeigte Ellys mit GI-Bürstenhaarschnitt, roten Wangen und blauen Augen. Sein muskulöser Körper steckte in einem Hawaiihemd. Im Hintergrund war ein Strand mit Palmen zu erkennen. Ellys hielt grinsend einen Cocktail in der Hand und hatte den anderen Arm um einen blonden Mann gelegt. Das nächste Bild war ein weiterer Klassiker der amerikanischen Hobbyfotografie und durfte in keinem Wohnzimmer fehlen: Ellys mit einer Angel und einem Mörderbrocken von Fisch am Haken, Sonnenbrille auf der Nase und Zigarre im Mundwinkel. Ondragon fragte sich, wo man hier in der Wüste wohl den nächsten Fisch fing. Auf dem dritten Foto waren wieder Ellys und der blonde Typ abgebildet. Mit orangefarbenen, überdimensionalen Cowboyhüten auf dem Kopf und so vielen glitzernden Mardi-Gras-Ketten um den Hals, dass sie den Massaifrauen in Afrika Konkurrenz machten, grinsten sie ganz offensichtlich angetrunken in die Kamera. Na, das war ja ein richtiger Prachtbursche!

Ondragon leuchtete das Regal neben den Bildern ab und pfiff leise durch die Zähne, als er an die tausend DVDs entdeckte. Das war mal eine Bibliothek nach seinem Geschmack. Sonst gab es nicht viel in dem Zimmer, nur ein nagelneues Dolby-Surround System, wie Ondragon es selbst zu Hause hatte, rundete das Bild eines Filmliebhabers ab. Was für ein Glück für ihn, dass der Typ keine Bücher sammelte! Aber das hätte er bei einem Mailman auch nicht erwartet.

Eine Weile ließ Ondragon den Raum auf sich wirken. Eigentlich machte er nur sehr ungern Hausdurchsuchungen. Der Grund dafür war jedoch nicht nur seine Angst vor einer etwaigen Begegnung mit dem verhassten Papierprodukt, er fühlte sich auch jedes Mal wie ein Einbrecher, selbst wenn er dabei nichts entwendete. Die privaten Sachen eines Menschen zu durchwühlen hatte etwas Erniedrigendes. Nichtsdestotrotz musste Ondragon des Öfteren in den sauren Apfel beißen. Schließlich versprach das Motto seines kleinen Unternehmens, jedes, aber auch wirklich jedes Problem zu lösen. Folglich musste er sich auch daran halten. Außerdem wusste er, dass er neben vielen anderen Talenten auch eine besondere Gabe dafür besaß, Störungen in Mustern zu erkennen, und sei es auch nur das kleinste Pixel, das von seinem Platz verrückt worden war. Vereinfacht hieß das, er war in der Lage, den Fehler im Bild zu finden. Leider stimmte in dem Bild, das er im Augenblick vor sich hatte, alles. Nicht eine Unregelmäßigkeit war zu entdecken.

Ondragon ging zum Fernseher, schaltete den Blu-ray-Player ein und öffnete das DVD-Fach. Er nahm die Disc heraus und las den Titel. Der neueste „Star Trek“-Film. Mit einer Hand holte er den Tesafilm aus der Tasche, drückte einen kleinen Streifen davon auf die Disc und zog ihn langsam wieder ab. Mit der Diodenlampe beleuchtete er den gut erkennbaren Fingerabdruck. Ondragon brauchte ihn, damit er ihn später mit denen auf dem Brief vergleichen konnte.

Er legte die Disc zurück und nahm sich den nächsten Raum vor. Ein Esszimmer mit offener Küche. Das Mobiliar wirkte billig und heruntergekommen, die Küche schmuddelig. Offenbar investierte Ellys sein Geld im Wesentlichen in technische Highend-Geräte. In Gedanken machte Ondragon sich einen Vermerk, später unbedingt nach dem Computer zu suchen, über den Tyler Ellys den Kontakt zu DeForce hielt. Zunächst aber durchstöberte er systematisch sämtliche Schubladen und Schränke der Küche, klopfte alles nach verborgenen Fächern ab. Er entdeckte nichts, nur Brotkrümel. Er tastete sogar die Unterseite des Esstisches ab und Bingo … eine 9-mm-Beretta-92FS Semiautomatik kam zum Vorschein. Sie war mit Panzerband unter den Tisch geklebt worden. Da war Springer Bolič aber nicht besonders sorgfältig mit seiner Durchsuchung gewesen, dachte Ondragon, und steckte die Waffe in seine Jackentasche.

Als nächstes verfuhr er desgleichen mit Schlafzimmer, Flur, Bad, Abstellkammer und einem Arbeitszimmer, in dem es zwar ein nacktes Netzwerk-Kabel gab, das aus der Dose ragte, aber keinen PC oder Laptop. Den hatte Ellys oder jemand anderes mitsamt dem Router vom Kabel gezogen und mitgenommen. Leider verhielt es sich genauso mit dem Mobiltelefon. Keine Spur davon. Dabei musste Ellys eines haben, denn er besaß sonst keinen Festnetzanschluss. Ratlos schaute Ondragon hinauf zur Zimmerdecke. Ob es noch einen Dachboden in diesem Haus gab?

Er ging hinüber in den Flur und fand die Luke. Mit der dafür vorgesehenen Stange öffnete er sie, klappte die Leiter nach unten und stieg in das staubige Refugium der vergessenen Dinge hinauf. Leise knarrten die Dielen unter seinen Sohlen, während er die Kisten und Plastiksäcke auf dem niedrigen Dachboden durchsuchte. Aber auch hier kam ihm nichts Ungewöhnliches unter die Finger. Unzufrieden stieg Ondragon wieder hinab und stand eine Weile auf seiner Lippe kauend im Flur.

„Wo hast du’s versteckt?“ Er dachte nach. Ellys war ein Mailman. Und ein solcher besaß ein ganzes Arsenal an Waffen und einschlägiger Ausrüstung, die ein Cop als illegal bezeichnen würde. Die Polizei hatte aber keine Waffen gefunden, nicht einmal die Pistole unter dem Tisch, und der Springer hatte ihm gegenüber auch nichts von einem Versteck oder Tresor erwähnt, was immerhin ein gutes Licht auf Ellys warf, der sein Equipment gewissenhaft versteckt hatte. Denn üblicherweise sollte im normalen Leben der Personen, die für DeForce Deliveries arbeiteten, nichts darauf hindeuten, dass sie einen etwas „ungewöhnlicheren“ Job machten.

Bleibt nur noch die Garage, dachte Ondragon schlecht gelaunt. Sollte er womöglich hier rausgehen, ohne etwas Nennenswertes in Erfahrung gebracht zu haben? Hatte er umsonst im Müll eines anderen Menschen gewühlt?

„Verschwendete Zeit!“, schimpfte er gedämpft und überprüfte die Tür, von der aus man vom Flur in die Garage kam. Sie war mit ebenso vielen nagelneuen Sicherheitsschlössern versehen wie die Haus-und Verandatür. Wovor hatte ein unerschrockener Mailman wie Ellys solche Angst gehabt, dass er sich derartig verbarrikadierte? Ondragon öffnete ein Schloss nach dem anderen und spähte in die dunkle Garage, bereit, jederzeit seine Waffe zu ziehen.

Aber alles wirkte ruhig, und er schlüpfte hinein.

Tyler Ellys‘ dunkelblauer Pickup stand wie ein stummer, glänzender Riesenkäfer in dem geräumigen Anbau. Der Dodge war frisch gewaschen und offen. Ondragon stieg ein, sah im Handschuhfach und hinter den Sonnenblenden nach. Nada. Er durchwühlte die Seitenfächer. Viel Müll, ein Feuerzeug, ein Taschenmesser, eine schwere Maglite-Taschenlampe, sonst nichts.

Ondragon stieg aus und beugte sich mit dem Oberkörper wieder ins Wageninnere, um mit seiner Lampe unter die Sitze zu leuchten. Krümel, Sand, ein vertrockneter Kaugummi, Klettband. Aha. Zumindest hier hatte Ellys eine weitere Waffe versteckt gehabt. Plötzlich drang ein Geräusch an seine Ohren und er hielt inne. Es war von dem Rolltor der Garage gekommen. Ein leises Schaben. Sehr leise. Dennoch hatte er es gehört.

Das Geräusch wiederholte sich. Diesmal ein paar Meter weiter an einer anderen Stelle des Tores. Ein Schaben, als streife etwas ganz flüchtig über das Metall. Ondragon wartete. Als es jedoch still blieb, wandte er sich wieder dem Wagen zu. Wahrscheinlich war es nur eine Katze gewesen oder ein Kojote, der sich in den Vorort verirrt hatte, um im Müll zu stöbern.

Nachdem er die Rückbank des Pickup, die Ladefläche mit der festinstallierten Box und sogar den Unterboden untersucht hatte, richtete er sich auf und blickte mit in die Hüfte gestemmten Händen auf das Fahrzeug. Es war verdammt nochmal sauber!

Er sah sich in der Garage um. Werkzeug hing wohlgeordnet an der Rückwand, und Gartengeräte, die bestimmt noch nie benutzt worden waren, standen in der Ecke daneben – das Klischee einer amerikanischen Garage. Ondragons Blick glitt über die Werkbank und die Benzinkanister darunter und blieb an einem Fetzen Kaugummipapier hängen, das unter der Werkbank lag. Plötzlich spürte er ein Kribbeln in den Fingerspitzen; ein untrügliches Zeichen dafür, dass an diesem Bild etwas nicht stimmte.

Er trat an die Werkbank, ging in die Hocke und betrachtete das Silberpapier.

Es klemmte unter dem rechten vorderen Tischbein der Werkbank. Wie konnte das sein?

Ondragon zog daran. Es zerriss.

Er richtete sich auf und tastete das Holz des Tisches ab. Seine Finger fanden eine Vertiefung an der Kante der Platte und drückten hinein. Ein leises Klicken ertönte, und der Tisch schwang nach vorn, als sei er schwerelos. Ondragon trat zur Seite und richtete den Schein seiner kleinen Lampe in den Hohlraum, der hinter dem Tisch in der Wand zum Vorschein kam.

Hier war also das Versteck. Die Garage besaß eine doppelte Rückwand. Tricky.

Auf allen vieren kroch Ondragon in die Öffnung. Dahinter war ein schmaler Raum, der zu beiden Seiten von Stahlregalen gesäumt war und zwischen denen sich ein Mann gerade so hindurchzwängen konnte. Er besah sich die Regale. Sie waren gefüllt mit einer Vielzahl von nummerierten Alukoffern, Holzkisten mit dem Aufdruck „US Army“, in denen er Waffen und Munition vermutete, und … Ondragon vergaß zu atmen und starrte auf das Regal … Bücher!

Schlagartig brach ihm der Schweiß aus und seine Kopfhaut zog sich zusammen, als erfasse ihn eine eiskalte Böe. Er musste schlucken, spürte, wie seine Finger in den Handschuhen feucht wurden.

Verdammte Scheißbücher! Warum komme ich nicht endlich damit zurecht?, dachte er gereizt und versuchte, seinen überreagierenden Metabolismus unter Kontrolle zu bringen. Unwillkürlich musste er an seinen toten Bruder denken. Wie eine Fata Morgana stand dessen Bild vor seinem inneren Auge. Per Gustav Ondragon.

Es hatte 31 Jahre gedauert, sich wieder an ihn zu erinnern.

Das war letzten Sommer gewesen, in dieser gruseligen Psychoklinik in Minnesota, wo er in einen wirklich merkwürdigen, ja, geradezu mysteriösen Fall hineingeschlittert war. Und seitdem bekam er seinen verstorbenen Bruder nicht mehr aus dem Kopf. Per Gustav war zu einem stillen Begleiter geworden, der immer dann auftauchte, wenn er es nicht gebrauchen konnte. Wie ein mahnender Erzengel.

Dr. Arthur hatte ihn damals behandelt und den vergessenen Bruder aus den verwesten Tiefen seines Unterbewusstsein wieder ans Licht gezerrt … und mit ihm die unheilvollen Geister einer Vergangenheit, die Ondragon am liebsten wieder in jene Tiefen zurückverbannen würde, in denen sie gut aufgehoben gewesen waren.

Er biss sich auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. Der Schmerz half ihm, wieder klar denken zu können. Er zwang seinen Blick auf die Bücher in der hinteren Ecke des Regals und las verdutzt die Titel: Mein Kampf auf Deutsch, sowie als englische Übersetzung, dazu diverse Biografien von NS-Verbrechern und jede Menge „White Power“-Pamphlete. An der Wand hinter den Büchern prangte eine Hakenkreuzflagge mit einem Runenwappen darunter.

Ondragon fragte sich, ob Roderick DeForce wusste, dass Tyler Ellys ein verkappter Neonazi war.

Mit seinem iPhone fotografierte er die Buchrücken samt Titel und wandte sich dann den Alukoffern zu. Am Griff zog er den Koffer mit der Nummer eins aus dem Regal. Aufgrund der stärkeren Abnutzungsspuren tippte Ondragon darauf, dass dies Ellys‘ erste Wahl war, wenn er für einen Job verreiste. Er ließ die Verschlüsse aufschnappen, hob den Deckel an und sah hinein. Ein merkwürdig unförmiges Gebilde lag oben auf dem schwarzen Schaumstoff, mit dem das Innere gepolstert war. Ondragon nahm es heraus und drehte es zwischen den behandschuhten Fingern hin und her. Ein kleiner Sack aus schmutzigem Leinen, oben zusammengebunden mit grobem, schwarzem Garn, das eine große Schlaufe bildete, als könne man sich das Ding um den Hals hängen. In dem Knoten an dem Säckchen steckten schwarze Vogelfedern und etwas, das Ondragon für einen getrockneten Hühnerfuß hielt. Demnach konnte es sich bei den braunen Flecken auf dem Stoff durchaus um Blut handeln. Ondragon hielt sich das Ding unter die Nase. Ein penetranter Geruch ging davon aus, dumpf und süßlich wie von Patchouli und Zersetzung von Fleisch. Ekelhaft. Wofür brauchte Ellys so etwas? War das ein Amulett? Ein Fetisch?

Er warf das Souvenir wieder zurück in den Koffer und durchsuchte den Rest des Inhalts, der nichts Besonderes mehr bereithielt. Die pistolenförmigen Aussparungen in dem Schaumstoff waren leer. Auch das Munitionsfach. Ellys musste die beiden Waffen an sich genommen haben.

Ondragon öffnete noch drei weitere Koffer, in denen sich gut gepflegte Waffen aller Gattungen befanden: Messer, Granaten, Handfeuerwaffen und ein Präzisionsgewehr, wie auch er selbst eines immer in seinem Mustang spazierenfuhr – für alle Fälle.

Er schloss die Koffer, legte die im Esszimmer gefundene Beretta ins Regal und verließ den geheimen Raum. Die Werkbank schwang bei Knopfdruck wieder vor die Öffnung – ein unauffälliger Wächter der Illusion.

Nach einem wiederholten Gang durch das Haus und einem Blick auf die Uhr erklärte Ondragon die Durchsuchung für beendet. Punkt 2.20 Uhr machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Mietwagen. Als er die Zündung betätigte und auf die Straße einbog, dachte er noch einmal nach. In Tyler Ellys‘ Haus hatte er keine Spuren hinterlassen, lediglich alle Gegenstände von Bedeutung mit seinem iPhone fotografiert. Dennoch hatte er das Gefühl, dass er nicht sauber genug gearbeitet und irgendetwas übersehen hatte. Wie ein unheimlicher Schatten schwebte diese Ahnung hinter ihm auf dem Rücksitz. Aber als er sich umdrehte, war dieser leer.

Natürlich.

Über den Highway fuhr er zurück zum Hotel und betrat um 2.45 Uhr die Lobby. Eine Menge junger Leute feierte dort geräuschvoll und ausgelassen eine Studentenfete. Ondragon bahnte sich seinen Weg durch die alkoholisierten Twens und schlich nach oben. So blieb er zumindest unbemerkt.

 

Am nächsten Morgen betrat Ondragon das Hotelrestaurant, als die Swing-Band in der Lobby gerade eine Pause einlegte. Es gab einen Brunch und das Restaurant war demensprechend voll. Gut, dass er sich einen Tisch reserviert hatte. Er nahm mit dem Rücken zur Wand und dem Gesicht zum Eingang Platz. Das war reiner Instinkt, er musste immer alles im Blick haben, besonders die Menschen, die den Raum betraten.

Bei der Kellnerin bestellte er sich einen dreifachen Espresso und nicht, wie sonst üblich, seinen obligatorischen Porridge nach schwedischer Art, sondern ein Müsli mit Joghurt und frischen Früchten. Während er aß, sah er sich die Fotos von der Durchsuchung auf seinem iPhone an und ließ gemütlich die Zentrifuge kreisen, so nannte der den Prozess des Denkens, der sich in seinem Kopf zumeist von ganz alleine in Gang setzte. Sollte jemand ihn beobachten, würde er ihn für einen Businesstypen halten, der Geschäfte über sein Smartphone abwickelte. Niemand würde darauf kommen, dass er ein besonderer Mensch mit einem besonderen Job war.

Ondragon, der sich der Einzigartigkeit seines Berufes bewusst war, blickte kurz auf und beobachtete die plaudernden Menschen am Nebentisch. Die frühe Wüstensonne warf scharfe Schatten in ihre Gesichter und wärmte seine rechte Körperseite. Er musste immerzu auf der Hut sein, und nur sehr selten bekam er Sehnsucht nach einem normalen Leben. Danach, so zu sein wie sie, die gewöhnlichen Menschen, und plaudernd ein Frühstück mit Freunden genießen zu können, arglos und vollkommen entspannt. Ondragon nahm einen Schluck von dem Triple-Espresso. Heute war zum Glück nicht solch ein Tag. Heute liebte er seinen Job, schließlich hatte er ihn sich selbst ausgesucht. Amüsiert verzog er die Lippen. Was hieß eigentlich ausgesucht? Er hatte ihn sich selbst erschaffen! Für Paul Eckbert Ondragon hatte es keinen Beruf auf der ganzen Welt gegeben, der zu ihm gepasst hätte. Deshalb hatte er sich einen erfunden, hatte sich selbst erfunden. Dabei konnte er nicht einmal sagen, welche offizielle Bezeichnung es für seine Profession geben könnte: Problemlöser, Auftragsspion, Berufskiller, Consultant, privater Agent? Er war wohl ein bisschen von allem.

Er wandte sich wieder dem Display seines iPhones zu. Es zeigte das Foto der Naziflagge und Ondragon überlegte, ob Tyler Ellys‘ Gesinnung etwas mit seinem Verschwinden zu tun haben könnte. Er sah auf die Uhr – in Dubai war es jetzt acht Uhr am Abend – und wählte die Nummer von Roderick DeForce.

Eine freundliche Frauenstimme erklärte ihm, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei und verwies auf eine Sprachbox. Ondragon legte auf. Er hinterließ niemals Nachrichten.

Um noch einmal alles an Informationen zu sichten, zog er seinen kleinen Notizblock aus der Hosentasche und blätterte darin herum. Bereits gestern hatte er sämtliche Eintragungen aus Boličs Notizblock in seinen eigenen übertragen. Was der Springer zusammengetragen hatte, war stümperhaft wenig. In diesem Punkt hatte Roderick recht gehabt, seine Leute waren nicht dafür ausgebildet. Immerhin hatte Bolič sich die Mühe gemacht und Ellys‘ Papierkram durchgesehen. Ein Vermerk besagte, dass er dabei weder Ellys‘ Reisepass noch dessen Führerschein und auch keine alten Flugtickets gefunden hatte. Ondragon konnte das nur ergänzend bestätigen, denn auch in dem secret room in der Garage hatte er keinerlei Dokumente ausfindig machen können. Er blätterte zu Ellys‘ Freundesliste zurück. Es standen ganze zwei Namen darauf. Ondragon wunderte das nicht, denn Mailmen waren Einzelgänger. Bolič hatte neben den Namen notiert, dass es sich dabei um Kollegen von der DeForce-Einheit handelte, zu der Tyler Ellys gehörte, der Mittel-und Südamerika-Crew.

Ondragon trank den Rest seines Espressos aus und begab sich nach oben auf sein Zimmer. Zuerst wählte er die Nummer von Bolič. Keine Antwort. Als nächstes versuchte er es bei der ersten Nummer von der Freundesliste. Sie gehörte einem gewissen Alejandro Green aus Miami. Auch er ging nicht dran. Das Gleiche mit dem zweiten Freund, Sylvester Stern, wohnhaft in Chalmette bei New Orleans. Verdrossen sah Ondragon auf sein Handy. Hatte er etwas nicht mitbekommen? Einen Streik in der Mobilfunkbranche, oder so etwas? Nun gut, die beiden DeForce-Mitarbeiter konnten gerade bei einem Job und deshalb nicht erreichbar sein. Ondragon versuchte es noch einmal bei Roderick, jener Person, die ihm darüber am besten Auskunft hätte erteilen können, doch leider erklang stattdessen wieder die Frauenstimme: The person you want to recieve … Fuck! Er warf das Telefon auf das Bett. Wie sollte man so arbeiten können?

Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, wandte er sich der Untersuchung des Briefes zu, wovon er sich allerdings auch nicht viel erhoffte. Er setzte sich an den kleinen Tisch und zog die Zipbag aus seiner Reisetasche. Die Hände mit Gummihandschuhen geschützt, öffnete er den Plastikbeutel, entnahm den zerknitterten Brief und hielt ihn vors Licht. Das Papier war von der billigen Sorte aus dem Supermarkt und die Schrift mit einem herkömmlichen schwarzen Filzstift aufgetragen.

„Dein Körper soll eine leere Flasche sein.“ Ondragon hatte noch immer keinen Schimmer, was das bedeuten konnte. Er gab den Satz via iPhone bei Google ein, bekam aber leider kein brauchbares Ergebnis. Seufzend fischte er einen kleinen Alukoffer aus seiner Reisetasche und öffnete ihn. Darin befand sich seine Detektivausrüstung. Sorgfältig bearbeitete er den Brief von beiden Seiten mit einer Spurensicherungsfolie, die sich auch hervorragend dafür eignete, Fingerabdrücke zu „fälschen“ und für digitale Scanner zu benutzen. Die hauchdünne Gelatineschicht auf der flexiblen Folie nahm die Abdrücke gut auf und man musste sie anschließend nur noch fotografieren, um sie in eine Datenbank einspeisen zu können. Leider hatte er keine Datenbank.

Ondragon betrachtete die drei isolierten, aber nicht vollständigen Fingerprints mit der Lupe und verglich sie mit dem vom Tesafilm. Dann lehnte er sich zurück. Das brachte nichts. Er würde seinen Freund vom FBI fragen müssen, ob er sie in einem stillen Moment durch seinen Scanner jagen konnte.

Obwohl seine Motivation sank, nahm Ondragon sich als nächstes den Briefumschlag vor. Er trug keine Briefmarke und keine Aufschrift, war lediglich an der oberen Kante aufgerissen worden. Ondragon sah hinein. Nichts. Oder doch? Er drehte den Umschlag um und klopfte ihn mit der Öffnung auf die Tischplatte. Ein Pulver rieselte heraus. Nicht besonders viel, nur ein paar winzig kleine Krümel. Ondragon beugte sich vor und besah sich die Rückstände auf der Tischplatte mit der Lupe und angehaltenem Atem. Bräunlich, kristallin, gemischt mit amorphen Kügelchen.

Vielleicht war es eine Droge. Koks? Crystal Meth? Plötzlich musste Ondragon an die Grippesymptome des Bosniers denken und nahm hastig Abstand vom Umschlag.

Du Hornochse!

Pulver in Briefumschlägen! An was dachte man da normalerweise als erstes? Milzbrand natürlich! Aber verursachte der Bacillus anthracis derartige Beschwerden, wie der Springer sie gezeigt hatte? Schnell schob Ondragon die Reste zurück in den Umschlag und versiegelte ihn dreifach in Plastiktüten. Erst eine Untersuchung im Labor würde zeigen, worum es sich dabei wirklich handelte. Ob nun Drogen, Anthrax oder einfach nur Staub.

Eine Weile saß er da und starrte auf die geschlossenen Vorhänge. Zum Teufel, worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Und in was war Tyler Ellys da hineingeraten? War er als Neonazi Teil einer Terrorzelle, die einen Anschlag plante? Aber warum dann ein Anschlag auf Ellys mit diesem Brief? Ondragon gab sich einen Ruck. Hysterie war noch nie ein guter Ratgeber gewesen. Er wischte seine Besorgnis beiseite. Wer sollte Ellys einen Milzbrand-Brief schicken? Und warum? Das war völlig absurd. Der Brief hatte doch in der Mülltonne gelegen. Wahrscheinlich war dort nur Sand in den Umschlag geraten. Harmloser Wüstensand. Dennoch wollte er auf Nummer sicher gehen. Er würde das Pulver zu seinem verrückten Chemiker nach L.A. schicken. Mit dem Express-Kurier wäre es noch heute Abend dort. Aber jetzt erst mal zum nächsten Projekt: Die Befragung der Nachbarn.

 

 

 

Anette Strohmeyer - Ondragon 02 - Totenernte
titlepage.xhtml
Ondragon_02_-_Totenernte_split_000.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_001.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_002.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_003.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_004.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_005.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_006.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_007.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_008.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_009.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_010.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_011.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_012.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_013.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_014.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_015.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_016.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_017.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_018.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_019.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_020.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_021.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_022.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_023.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_024.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_025.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_026.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_027.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_028.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_029.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_030.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_031.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_032.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_033.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_034.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_035.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_036.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_037.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_038.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_039.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_040.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_041.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_042.html
Ondragon_02_-_Totenernte_split_043.html