13. Kapitel
Im Sumpf - zweite Nacht
Die Sonne ging unter, ohne dass sich etwas an der Situation geändert hätte. Mit mächtig knurrenden Mägen belauerte man sich auf beiden Seiten.
Tief versunken in schwarze Gedankenwolken starrte Ondragon von seinem Ast auf die hübsche Versammlung der National Alligator Association unter dem Baum. Er zählte an die sieben Mitglieder, während der letzte Schimmer Abendrot allmählich verblasste und die Nacht den Sumpf eroberte, was wiederum von einer ohrenbetäubenden Diskussion der vereinten Gewerkschaft der Frösche untermalt wurde. Konnten die Krokos sich nicht von ihren amphibischen Kollegen ernähren und ihn in Ruhe lassen?
Frustriert hangelte Ondragon sich in eine Astgabel, die ihm einigermaßen bequem erschien und band sich mit Gürtel und Holster am Baum fest, um nicht im Schlaf herunterzufallen. Erneut umarmte ihn undurchdringliche Dunkelheit, und er verbrachte nun schon die zweite Nacht im Sumpf, ohne sich nennenswert vom Fleck bewegt zu haben. Wie sollte er mit diesem Schneckentempo hier rauskommen? Die Chance auf Rettung sank mit jeder Stunde, die er ungenutzt verstreichen ließ. Aber Ondragon wusste auch, dass er Schlaf brauchte, denn nur ausgeruht würde er eine größere Strecke zurücklegen können. Vorausgesetzt die Alligator-Versammlung würde morgen ihren Tagungsort verlegen.
Seinen Kopf gegen den rauen Stamm der Sumpfeiche gebettet, schloss er die Augen und lauschte dem Quaken und Zirpen. Es gab bessere Schlaflieder, aber auch schlechtere. Dank der Anstrengung und Entbehrungen war sein Körper bereits ermattet und hing schlaff in der Astgabel, fehlte nur noch, dass sein Geist einsah, dass auch er Ruhe brauchte. Die Zentrifuge rotierte jedoch munter weiter und präsentierte ihm in endloser Wiederholung Bilder von den Ereignissen des Tages, in die sich immer häufiger sein Bruder mogelte. Konnte dieser kleine Quälgeist nicht einmal jetzt eine Pause einlegen? Er brauchte dringend Schlaf!
Aber Per scherte sich nicht darum. Er saß neben Ondragon in einer benachbarten Astgabel und grinste spöttisch zu ihm herüber. Sein durchdringender Blick sagte alles: „Sitzt wohl mächtig in der Scheiße, was, oh großer Paul?“ Und immer, wenn Ondragon die Augen zufielen, erhielt er einen fiesen Stupser mit dem kleinen spitzen Zeigefinger seines Bruders. Jedes Mal schreckte er verwirrt hoch, begleitet von Pers höhnischem Gelächter.
Stöhnend wand Ondragon sich in seinem Sicherheitsgeschirr. Seine Lider flackerten, aber seine Sehnerven registrierten keinen Unterschied zwischen der Schwärze der Nacht vor oder den Schatten hinter den geschlossenen Lidern. De facto war es ihm unmöglich zu erkennen, ob er nun wach war oder tatsächlich träumte. Sein Gehirn lief auf Hochtouren, aber seine Glieder hingen erschlafft im Geäst. Was war nun Einbildung und was Realität?
Eine Antwort auf diese beinahe philosophische Frage bekam er, als ein Schrei in seinen Gehörgang schnitt, was ihn jäh seine Augen aufreißen ließ. Kristallklar empfingen alle seine Sinne jedes noch so kleine Geräusch: das leise Zirpen der Grillen, das leichte Schwanken und Knarren der Äste, das Rascheln der Blätter und … der Schrei, der sich wiederholte! Schlagartig stellten sich die Härchen auf Ondragons Armen auf. Der Laut war von dort unten gekommen und er hatte sich auf schreckliche Weise verzweifelt angehört. Was war das gewesen? Ein Mensch?
Ondragon beugte sich vor, um etwas sehen zu können, doch die Schwärze hinderte ihn daran, auch nur weiter als bis zu seinen Fußspitzen zu blicken. Plötzlich setzte ein lautes Getöse ein. Ein Platschen und Klatschen und wieder der Schrei, diesmal voller Panik. Ondragon war sich jetzt sicher, dass es ein Tier war. Vielleicht ein Hirsch, der um sein Leben rannte … weil sieben Alligatoren hinter ihm her waren?
Ondragon lauschte gebannt. Das rhythmische Platschen, vermutlich die Sprünge des Hirsches, entfernten sich, wurden kurz darauf aber von einem explosionsartigen Geräusch gestoppt. Ein letzter Schrei erklang und dann nur noch tödliches Wasserrauschen, während die stummen Jäger sich um die Beute stritten, sie mit der Todesrolle zerrissen und verschlangen. Ondragon konnte das Reißen der Kiefer hören und das Aufeinanderschlagen von Zähnen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. So würde er auch enden, in Häppchen.
Er hob den Blick und erschrak.
Direkt vor ihm saß Per und grinste ihn an!