Kapitel 19

Ich stolpere auf den Flur. Immer noch laufen Patientinnen die Treppen hinunter und aus den Türen, und Schwester Edith und Maud weisen ihnen den Weg. Finn und Elena stehen an die dreckige Wand gelehnt da und warten auf mich.

Als Finn mich mit seinen freundlichen braunen Augen ansieht, fange ich an zu weinen.

»Zara ist tot. Ich … ich habe sie umgebracht.«

»Cate.« Finn nimmt mich in die Arme. »Ihre Verletzungen waren … sehr schwer. Du konntest sie nicht retten, aber das heißt nicht, dass du sie umgebracht hast.«

»Doch, das habe ich. Sie hat mich darum gebeten.« Die Nachwehen des Ganzen treffen mich mit solcher Wucht, dass ich an der Wand zu Boden sinke. Elena schiebt mir einen Blecheimer zu, und sofort entleere ich den Inhalt meines Magens hinein. Dann sinke ich zurück gegen die kalte Wand. Ich fühle mich so elend, dass ich mich noch nicht einmal schäme. Wie kann es sein, dass Töten sich genauso anfühlt wie Heilen?

Finn und Elena diskutieren flüsternd über etwas, wovon ich kein Wort verstehe. Meine Gedanken kreisen nur darum, dass Zara tot ist. Zara kann jetzt nicht mehr die Prophezeiungen studieren oder uns Geschichten von unserer Mutter als Schulmädchen erzählen. Sie ist fort, für immer, und ich habe es getan.

Da kniet Elena sich neben mich, ihre rosafarbenen Röcke bauschen sich um sie. »Cate, wie viel von deiner Magie hast du verbraucht?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie zuvor jemanden getötet.« Ich schließe die Augen, um sie auszublenden.

Elena fasst mich am Kinn. »Versuch, deine Magie zu benutzen. Versuch irgendetwas. Mach mein Kleid rot.«

Ich versuche, meine Magie heraufzubeschwören, aber es ist ungefähr so, also wollte ich ein abgebranntes Streichholz anzünden. Funken sprühen, Rauch steigt auf, aber es will kein Feuer entstehen. Ich schüttle den Kopf. »Ich kann nicht.«

Sie erhebt sich und wendet sich an Finn. »In Ordnung, du hast recht. So ist sie uns hier nicht von Nutzen. Bring sie nach Hause.«

Dann ist auf einmal Sachi da und beugt sich zu mir herunter. Es ist seltsam, sie so zu sehen, ohne ihre fröhlichen Kleider, in der hässlichen weißen Bluse und dem groben braunen Rock, die Haare zu einem langen schwarzen Zopf geflochten, der ihr den Rücken hinabfällt. Ihr muss kalt sein. Warum trägt sie denn nicht den Umhang, den wir für sie mitgebracht haben? Ich halte meinen schmerzenden Kopf zwischen den Händen.

Rory beugt sich auf meiner anderen Seite zu mir herab. Sie sieht besorgt aus. Ich dachte, sie würde sich freuen, dass Sachi frei ist. »Sachi und ich kommen heute nicht mit zurück ins Kloster. Wir fahren den Wagen, den Mélisande übernehmen sollte. Aber wir sind bald wieder da. Geht es dir gut?«

»Cate.« Sachi schnippt mit den Fingern vor meinem Gesicht, aber sie scheint sehr weit entfernt zu sein, hinter einem Vorhang von schwarzen Punkten.

»Sie fällt gleich in Ohnmacht«, sagt Brenna, doch das hat sie wohl auch ohne ihre hellseherischen Fähigkeiten erkennen können.

Ich kann mich kaum daran erinnern, wie ich aus der Anstalt herausgekommen bin.

Ich glaube, Finn hat mich getragen.

Jetzt bin ich in der Kutsche, wo ich zusammengerollt unter einer kratzigen Wolldecke auf der Sitzbank liege und hinaus in den Regen sehe, hinter dem verschwommen die Straßen von New London zu erkennen sind.

Ich kann nicht aufhören zu zittern. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie sich Zaras heiße, trockene Haut angefühlt hat, wie blutig ihr Atem gerochen hat, wie sie mich mit ihren blinden braunen Augen angestarrt hat.

Wir halten vor dem Kloster. Finn bindet die Pferde an und kommt um die Kutsche, um uns herauszuhelfen. Brenna ignoriert seine Hand und springt wie ein Kind hinunter. Sie ist frei. Wenigstens das habe ich erreicht.

Finn hilft mir auf den Gehsteig hinunter und legt den Arm um mich. Ich zittere. Ich zittere, seit ich Zara berührt habe. Ich kann einfach nicht damit aufhören.

Die Tür des Klosters schlägt auf, und ein Dreieck aus goldenem Licht durchdringt die Dunkelheit. Maura eilt die Stufen herab auf mich zu. Sie hat sich nicht die Mühe gemacht, ihren Umhang überzuziehen; sie trägt bloß ihr hellblaues Kleid.

»Wir haben es geschafft!«, jubelt sie. »Alle elf, die da waren. Einer war krank und ist nicht zur Sitzung gekommen, aber der Rest von ihnen kann sich noch nicht einmal mehr an den eigenen Namen erinnern.«

Finn dreht sich zu ihr um. »Und darauf bist du stolz?«

»Ja!«, ruft sie trotzig. »Aber von dir habe ich auch kein Verständnis erwartet.«

»Was ich verstehe, ist, dass es kein Zurück mehr gibt nach dem, was ihr heute Abend getan habt. Sie haben nur darauf gewartet, einen Grund geliefert zu bekommen, die Hexenverbrennungen wieder einzuführen. Bist du dazu bereit?«, fragt Finn.

»Ja«, fährt Maura ihn an. »Cora ist tot, und Inez ist jetzt die Leiterin der Schwesternschaft. Wir haben nicht vor, weiter mit den Brüdern zusammenzuarbeiten. Du kannst gehen.«

»Den Teufel werde ich tun.« Seine Stimme ist rau, und er hält mich fest im Arm. »Ich liebe deine Schwester, Maura, und das wird sich auch nicht ändern, also solltet Inez und du euch besser daran gewöhnen, dass ich an ihrer Seite bin. Und ich werde sie sicherlich nicht in diesem Zustand alleine lassen.«

Maura sieht mich an. »Was ist los mit ihr? Ich dachte, wenn Brenna hier ist, ist alles gut gegangen. Ist etwas passiert?«

»Zara ist tot. Ich habe sie umgebracht.« Die Worte kommen nur sehr leise aus mir heraus. »Die Krankenschwester hatte sie angeschossen – sie wäre ohnehin gestorben, ich … ich habe es nur beschleunigt.«

Maura kommt einen Schritt auf mich zu. »Du hast was getan?«

Ich greife in meine Tasche und taste nach Zaras goldener Kette, während ich Finn ansehe. »Das habe ich nie gewollt. Ich dachte, Heilen wäre gute Magie. Aber Zara hat mich darum gebeten. Ich habe ihr doch einen Gefallen getan, als ich sie von ihrer Qual erlöste, oder nicht? Es war doch nicht schlecht?«

»Natürlich nicht.« Der Regen lässt sein kupferfarbenes Haar dunkler erscheinen und läuft ihm in kleinen Rinnsalen die Brillengläser hinab, aber er setzt sich trotzdem nicht die Kapuze auf.

»Ich kümmere mich um sie«, sagt Maura. »Sie sollte hinein ins Warme.«

Finn beugt sich zu mir herab und küsst mich, mitten auf der Straße. Ich erwidere seinen Kuss. Ich bin eben doch ein schlechtes Mädchen.

Wenn die Brüder wüssten, was ich getan habe, würden sie mich auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Vielleicht hätten sie recht damit.

»Gute Nacht«, sage ich zu ihm.

»Gute Nacht«, flüstert Finn und streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich liebe dich, Cate Cahill. Du bist wunderschön und mutig und stark. Was auch immer als Nächstes passiert, wir werden es gemeinsam schaffen.«

Ich nicke. Brenna tanzt die Marmorstufen zur Eingangstür hinauf, und ich folge ihr. Da höre ich auf einmal ein Geräusch – das Geräusch von jemandem, der auf das nasse Pflaster fällt. Ich drehe mich um, und sehe Finn auf Händen und Knien; er ist über die Bordsteinkante gestolpert. Er steht auf, rückt seine Brille zurecht und geht zurück zur Kutsche, doch seinem Gang fehlt die übliche Schlaksigkeit. Er hält kurz inne und betrachtet die Kutsche, als würde er sich über irgendetwas daran wundern.

»Ist alles in Ordnung?«, rufe ich.

Er sieht mich an, dann zieht er den Kopf ein. Seine Ohren sind vor Scham rot angelaufen. »Entschuldigung, Miss … Ist das hier meine Kutsche?«

Seine Stimme klingt verlegen, formell. Als würde er mit einer Fremden sprechen.

Die Worte hallen in meinem Kopf wieder: Entschuldigung, Miss.

Und ich dachte vorher, ich wäre innerlich zu Eis erstarrt. Doch dies hier ist noch schlimmer. Ich zittere nicht mehr, sondern ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich kann nicht zu ihm gehen, kann kaum noch atmen. Nur das schnelle, entsetzte Schlagen meines Herzens zeigt mir, dass ich noch am Leben bin.

Ich verstehe das nicht. Ich blicke die leere Straße hinab. Es sind doch nur Brenna und ich und Maura hier …

Maura.

Meine Schwester steht auf dem Gehweg und sieht Finn mit zusammengekniffenen Augen an. Meinen Finn.

Das würde sie nicht tun.

Nicht meine eigene Schwester.

»Ja, Bruder Belastra, es ist Ihre«, sagt Maura, ihre Stimme schallt durch den Regen. »Sie wollten gerade zurück zu Ihrem Nachtquartier.«

»Mein Nachtquartier. Ja. Richtig.« Finn fasst sich an den Kopf. »Entschuldigung, ich bin ein bisschen durcheinander. Ich habe schreckliche Kopfschmerzen.«

Ich stolpere die Stufen hinunter. »Finn …«

Maura wirft mir einen warnenden Blick zu, aber Finn lächelt mich schüchtern an, der Regen tropft ihm von der Nase. »Oh, ich kenne Sie, nicht wahr?«

»Ja.« Mir stockt der Atem. Er muss sich an mich erinnern. Egal, was Maura getan hat, sie kann dadurch nicht mich ausgelöscht haben.

»Sie kommen manchmal in die Buchhandlung, um Bücher für Ihren Vater abzuholen. Sie selbst lesen nicht besonders viel.« Finn schnippt mit den Fingern. »Miss Cahill, nicht wahr? Oder … Entschuldigung, ist es jetzt Schwester Cate?«

Schwester Cate. Meine Augen füllen sich mit Tränen des Entsetzens.

»Ja, Schwester Cate. Und Schwester Maura«, zwitschert meine verräterische Schwester. »Sie sind gekommen, um uns einen Besuch abzustatten und nach Neuigkeiten von zu Haus zu fragen. Es tut mir leid, dass es Ihnen nicht gut geht. Warum steigen Sie nicht in die Kutsche, sodass Sie nicht länger im Regen stehen? Wir holen unseren Kutscher, er kann Sie fahren.«

»Nun, ich möchte Ihnen keine Umstände machen«, sagt Finn, »aber mein Kopf schmerzt wirklich sehr. Ich kann kaum geradeaus sehen.«

»Nein, Sie machen uns keine Umstände. Ganz und gar nicht. Robert kann zurück laufen; es sind ja nur ein paar Straßen. Ich schicke ihn gleich hinaus.« Maura geleitet ihn zur Kutsche, während ich wie vom Donner gerührt dastehe und zusehe.

Unser erster Kuss, die Federn und die sanfte Berührung seiner Hände: weg.

Unser Gespräch über Piraten in unserem Garten: weg.

Sein Heiratsantrag, als er mir den Rubinring seiner Mutter gab: weg.

Unsere heimlichen Treffen an der Klosterpforte: weg.

Unser nächtlicher Besuch in der Bibliothek, als er mir das signierte Exemplar von Arabella zeigte: weg.

All das ist ausgelöscht. Alles, was uns zu Finn und Cate gemacht hat.

Maura räuspert sich. »Tut mir leid, Cate, aber … er ist nun mal ein Mitglied der Bruderschaft. Er ist der Feind. Er darf unsere Geheimnisse nicht kennen; du hast ja selbst gehört, wie er reagiert hat, als ich das vom Höchsten Rat erzählt habe. Du hättest ihm niemals von deiner Magie erzählen dürfen.«

Aber das alles ist eins. Unsere Liebe und meine Magie waren von Anfang an miteinander verbunden. Wenn ich keine Hexe wäre, wenn ich meine Schwestern nicht vor der Bruderschaft hätte beschützen müssen, hätte ich niemals Finn oder die verbotenen Bücher in der Buchhandlung seiner Mutter ausfindig gemacht.

Wenn ich keine Hexe wäre, wäre ich nicht die Frau, die er liebt.

Das begreife ich in diesem Moment.

Ich hebe den Kopf. Eis strömt durch meine Adern. »Hasst du mich so sehr?«

»Es hat nichts mit dir zu tun«, sagt Maura, doch sie senkt den Blick auf die regennasse Straße. »Inez hat mich gebeten, es zu tun. Um zu beweisen, dass ich meine Gefühle zur Seite stellen und das Notwendige tun kann. Und wenn ich erst einmal die Vorhersehungen habe …«

Ich sehe Maura an, ihr rotes Haar ist die einzige Farbe in der New Londoner Nacht, und ich weiß, sie ist das Kind, das früher hinter Paul und mir hergelaufen ist und uns angebettelt hat, mitspielen zu dürfen; das Mädchen, das Liebesromane unter dem Dielenboden versteckte und von weit entfernten Abenteuern träumte; die Schwester, für deren Wohl ich alles getan hätte.

Doch ich empfinde nichts als müde Verachtung für sie.

»Die wirst du nicht haben«, sage ich. »Du bist nicht die Seherin. Tess ist es. Sie war es schon die ganze Zeit. Ich wollte es dir sagen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie dir vertrauen kann. Und offensichtlich hatte sie recht damit; wir können dir nicht vertrauen.«

Maura stolpert rückwärts, als hätte ich sie geohrfeigt. »Nein.«

»Doch.« Ich schenke ihr ein Lächeln, das sämtliche Zähne aufblitzen lässt. Es ist kein Cate-Lächeln, aber ich fühle mich im Moment auch kaum mehr wie Cate.

Finn hat mich angesehen, als wäre ich eine Fremde. Als wäre ich nicht das Mädchen, das er noch vor fünf Minuten geküsst und wunderschön genannt hat. Als wäre ich nicht seine Cate.

Und ich bin es auch nicht. Nicht mehr. Länder werden von Kriegen geformt, und vielleicht werden es auch Mädchen. Neuengland und ich werden zusammen wiedergeboren in diesem Krieg zwischen den Hexen und den Brüdern. Zwischen Maura und mir.

Ich bin neu geschmiedet – ein Mädchen aus Stahl und Schnee und herzzerreißenden Abschieden.

Meine Magie ist durch den Liebeskummer wieder neu entflammt. Sie strömt aus meinen Fingerspitzen und tost um mich. Der Wind nimmt zu, er ist jetzt bitterkalt. Der Regen verwandelt sich mit einem Mal in Schnee, der die Gaslaternen mit einem Strahlenkranz versieht, sodass sie aussehen wie eiserne Engel. Riesige Schneeflocken fallen vom Himmel, schneller und immer schneller, verdecken meine Schwester und verstecken sie und Brenna und die Kutsche und das graue Steingebäude, das zu meinem Zuhause geworden ist.

Ich bin allein in einem Meer aus wirbelndem Weiß.

Es fühlt sich an, als sollte es so sein.