Kapitel 6

Der Krankensaal von Harwood ist ein höllischer Ort. Eine erdrückende Hitze schlägt mir entgegen, so als wäre eine Ofentür geöffnet worden. Das Kaminfeuer am anderen Ende des Zimmers brennt lichterloh, der Raum ist klein und stickig. Die schweren Vorhänge sind zugezogen; Kerzen werfen unheimliche Schatten an die Wände. Ein Dutzend Patientinnen liegt weinend und hustend in den schmalen Metallbetten, in der Luft hängt der Geruch von Kupfer oder Blut.

In einer Ecke ruft ein Mädchen im Schlaf nach seiner Mutter. Ein anderes dünnes Mädchen wird von einem fürchterlichen trockenen Husten geplagt. Addie sitzt neben einer zum Skelett abgemagerten alten Frau, die die Luft so scharf und schnarrend einsaugt, als wäre jeder Atemzug ihr letzter. Addie sieht so jung aus neben ihr, den Kopf zum Gebet gesenkt, die glatten braunen Haare zu einem Nackenknoten zurückgebunden. Sie berührt die Hand der Frau, die daraufhin in einen sanften Schlaf fällt.

Zögernd bleibe ich in der Tür stehen, auf meinem Rücken sammelt sich der Schweiß. Ich will da nicht hineingehen. Es erinnert mich viel zu sehr an das Krankenzimmer meiner Mutter, an Tod und Sterben. Die beiden Krankenschwestern, die ihre Aufgaben in die fürsorglichen Hände der Schwestern gelegt haben, stehen am anderen Ende des Ganges und unterhalten sich lachend.

Schwester Sophia kommt auf mich zu. »Da ist eine Patientin, die meine Fähigkeiten übersteigt. Könntest du dich kurz zu ihr setzen und ihr vielleicht helfen?«

Sophia führt mich zu einer Frau, die sich stöhnend im Bett hin und her wirft. Sie hat dunkle lilafarbene Schatten unter den Augen. Als sie sich an den geschwollenen Bauch fasst, beschleicht mich ein furchtbarer Verdacht.

»Bitte«, bettelt sie mit blauen Augen, die voller Tränen stehen. »Bitte, bringen Sie mir meine Tochter. Ich will sie sehen. Nur einmal, bevor sie weggebracht wird.«

Ich sehe Schwester Sophia an, die ganz leicht den Kopf schüttelt und damit meine Vermutung bestätigt. Das Kind ist tot.

»Sie hat geweint, und dann … hat sie aufgehört, und jetzt darf ich sie nicht mehr sehen. Wo ist sie?«

Schwester Sophia stößt mich leicht auf die Frau zu. Ich will weglaufen. Was für eine Hilfe kann ich dieser Frau schon sein, angesichts solch unermesslichen Kummers?

»Schwester, bitte«, flüstert die Frau mit blutleeren, trockenen Lippen. Ich sehe noch einmal zurück zu Schwester Sophia, bis mir klar wird, dass sie mit mir redet. Aus dem Krug auf dem Nachttisch schenke ich ihr ein Glas trübes Wasser ein und halte es ihr an den Mund.

Die Frau nimmt einen Schluck, dann dreht sie den Kopf weg. »Ich will mein Kind«, sagt sie grimmig. Das blasse Haar fällt ihr über die Schultern.

»Es tut mir leid«, sage ich. Was musste diese Frau wohl sonst noch erleiden? Warum ist sie an diesem Ort? »Es tut mir schrecklich leid, dass Sie Ihr Kind verloren haben.«

Doch damit habe ich offenbar das Falsche gesagt.

»Nein.« Ihr Blick ist auf einmal wild, und sie wirft sich auf die andere Seite des Bettes, entschlossen, aufzustehen und ihr Kind suchen zu gehen. »Nein! Sie lügen. Ich habe sie weinen gehört.«

Ich greife nach ihrem dünnen Handgelenk und ziehe sie zurück auf ihr Kissen, bevor sie sich noch aus dem Bett wirft. »Hören Sie auf. Es geht Ihnen nicht gut, Ma’am. Sie tun sich noch weh.«

Meine Worte sind ruhig, aber in mir ist alles in Aufruhr vor Entsetzen. Die Frau ist schrecklich krank. Ich kann es fühlen, jetzt da ich sie berühre. Es ist ein Wunder, dass sie und das Kind nicht beide tot sind.

»Das ist mir egal!« Sie entreißt mir ihren Arm. »Ich sterbe lieber, als den Rest meines Lebens in dieser Hölle zu verbringen. Dann bin ich wenigstens bei ihr. Sie haben gesagt, dass es ein Mädchen ist. Meine einzige Tochter!«

Ich stürze mich auf dieses bisschen an Information. »Sie haben Söhne?«

Sie nickt und wischt sich die Tränen mit dem Handrücken ab. »Zwei.«

»Dann sollten Sie gut auf sich achten. Sie brauchen ihre Mutter.«

Noch mehr Tränen laufen ihr übers Gesicht. »Ich werde sie nie wiedersehen. Und sie werden mich dafür verachten, dass ich sie allein gelassen habe«, wimmert sie.

»Nein. Sie sind ihre Mutter. Sie werden es verstehen, wenn sie älter sind.« Ich wünschte, ich könnte ihr versprechen, dass sie diesen Ort dereinst verlassen wird, dass sie ihre Kinder wiedersehen wird. Aber warum sollte sie mir, die ich in das Gewand der Schwesternschaft gekleidet bin, glauben? Und kann ich so etwas überhaupt versprechen?

»Was wissen Sie denn schon? Verheiratet mit dem Herrgott«, spottet sie. »Sie werden niemals Mutter sein.«

Oh. Ich wäre gerne Mutter. Eines Tages.

Ich denke an die Söhne dieser Frau. Ich stelle sie mir als zwei flachsblonde kleine Jungen vor, deren Lippen zittern, als sie vom Tod ihrer Mutter hören. Den Kummer kenne ich sehr gut. Ich umfasse ihr Handgelenk und wünsche mir, dass sie zu ihren kleinen Jungen nach Hause gehen kann, damit sie nicht erfahren müssen, wie es ist, sie zu verlieren. Ich wünsche mir, dass sie stark genug ist, um zu kämpfen, wenn es so weit ist.

Die Magie durchströmt mich. Sie dreht mir den Magen um, stülpt mein Inneres nach außen und lässt mich vollkommen leer zurück.

Oh, es schmerzt. Es schmerzt. Es ist viel schlimmer als das Mal, als ich Mei geheilt habe.

Ich sacke über dem Bett der Frau zusammen, in meinem Kopf dreht sich alles, aber ich konzentriere mich weiter auf das Bild der zwei Jungen. Ich lasse das Handgelenk der Frau nicht los. Ich kann es. Ich muss es können.

»Cate.« Schwester Sophia legt mir eine Hand auf die Schulter und zieht mich zurück, sodass ich die Frau loslassen muss.

Mit verschwommenem Blick sehe ich die Patientin an. Ich habe hämmernde Kopfschmerzen. Sie sieht kein bisschen anders aus, nur etwas verwirrt darüber, dass ich beinah über ihr in Ohnmacht gefallen bin. Hat die Magie gewirkt? Ich kann es nicht sagen, ohne sie zu berühren, aber wenn ich sie noch einmal anfasse, werde ich das Bewusstsein verlieren.

Schwester Sophia entschuldigt sich bei der Frau – sagt, dass ich noch neu bin und von ihrem Verlust überwältigt wurde –, und dann legt sie den Arm um mich und führt mich aus dem Zimmer, den Flur entlang und hinaus in den Schnee. Ich übergebe mich neben dem Weg auf den Rasen, und Sophia steckt mich in die Kutsche und weist mich an, mich auf der ledernen Bank hinzulegen. Erst jetzt kann ich die Frage stellen, die mich die ganze Zeit schon beschäftigt:

»Wird sie überleben?« War es genug? War ich genug?

Es erstaunt mich, wie sehr ich mir wünsche, dass meine Magie gewirkt hat.

Schwester Sophia sieht mich prüfend an. Sie ist so lieb; dabei besitzt sie auch einen herausragenden Verstand und Kenntnisse der Anatomie und Biologie, die denen der männlichen Ärzteschaft vollkommen ebenbürtig sind. Ich habe die anderen Mädchen flüstern hören, dass sie sogar schon einmal eine menschliche Leiche seziert hat.

Sie streicht mir das Haar aus dem Gesicht, und die mütterliche Geste bricht mir das Herz. »Du hast eine starke Verbindung zu ihr gefühlt, oder?«

Ich nicke, und alles um mich herum dreht sich. »Ich kenne das Gefühl, eine Mutter zu verlieren.«

»Ich dachte mir schon, dass ihr Fall dich ansprechen könnte, in Anbetracht deiner eigenen Geschichte«, gibt Schwester Sophia zu. »Sie wird sich erholen. Hast du nicht gemerkt, dass dein Zauber erfolgreich war?«

»Ich glaube, ich war zu sehr auf mein Ziel konzentriert.«

»Das kann manchmal passieren, wenn du jemanden unbedingt heilen willst. Es ist schwierig, das richtige Gleichgewicht zu finden. Unsere Arbeit erfordert Einfühlungsvermögen, aber du musst trotzdem distanziert genug sein, um zu merken, ob die Magie wirkt und wann du aufhören musst. Wenn du versuchst, eine Krankheit zu heilen, die deine Fähigkeiten übersteigt, kann es dich selbst sehr krank machen.«

Die Übelkeit und das Schwindelgefühl lassen langsam ein wenig nach. Ich schwinge die Füße auf den Holzboden der Kutsche und setze mich auf.

»Diese Frau wäre ohne richtige medizinische Betreuung gestorben«, fährt Schwester Sophia fort und sieht mich mit ihren braunen Augen ruhig an. »Du hast ihr Leben gerettet, Cate. Darauf kannst du stolz sein.«

»Ich … danke.« Die Vorstellung, stolz auf meine magischen Fähigkeiten zu sein, darauf, eine Hexe zu sein, kommt mir falsch vor. Aber das Leben dieser Frau gerettet zu haben, nicht. Es war schmerzhaft und schwierig, aber richtig.

»Bevor die anderen Mädchen kommen …« Schwester Sophia beugt sich vor und stützt die Ellenbogen auf die Knie. »Deine Fähigkeit zu heilen ist sehr stark. Du könntest eine Menge Gutes damit bewirken. Aber es gibt etwas, das du wissen musst. Darf ich ehrlich zu dir sein?«

»Bitte.«

»Zunächst einmal musst du sehr vorsichtig sein mit der Arbeit, die du hier im Krankenzimmer oder an irgendeinem öffentlichen Ort vollführst, oder an irgendeiner Person, die nicht weiß, dass du eine Hexe bist. Die Krankenschwestern hier sind nicht aufmerksam genug, als dass sie Verdacht schöpfen würden. Aber wenn wir eine ganze Reihe Patientinnen auf einmal heilen würden, könnten wir damit die Aufmerksamkeit auf unsere Besuche lenken – auf dich, und die gesamte Schwesternschaft.«

Oh. Ich hatte gar nicht daran gedacht, dass es einen Unterschied machen könnte, ob ich einer Patientin kurze Erleichterung verschaffe oder sie richtig heile, und wie riskant Letzteres ist.

»Guter Gott, daran habe ich überhaupt nicht …«

Schwester Sophia streckt die Hand nach mir aus. »Nein, es ist einfach unglaublich, wozu du fähig bist. Aber da sind noch diejenigen, die daraus ihren Nutzen ziehen wollen. Sie werden herausfinden wollen, wo die Grenzen deiner Macht liegen und wie sie deine Gabe für die Schwesternschaft einsetzen können. Es gibt Grenzen; wir sind keine göttlichen Wesen. Das müssen wir respektieren, oder wir gefährden unsere Gesundheit, sowohl körperlich als auch geistig.«

Ich nicke. »Ich verstehe.«

»Da bin ich mir nicht sicher.« Schwester Sophia seufzt. »Leben und Tod sind zwei Seiten derselben Medaille. Das Leben eines Menschen in ihm flackern zu spüren … das kann verführerisch sein. Es hat Hexen gegeben, die ihre Heilkräfte missbraucht haben. Die sie gegen ihre Feinde eingesetzt haben.«

»Wie haben sie ihre Heilkräfte missbraucht?« Ich bin verwirrt. »Soll das heißen … wir können Leute krank machen? Könnte ich jemandem Kopfschmerzen bereiten, statt sie ihm zu nehmen?« Das hat sie im Unterricht noch nie erwähnt.

Ich dachte, Heilen wäre gut. Rein.

Ich hätte es besser wissen sollen. Magie ist niemals einfach.

Schwester Sophia nickt. »Du kannst niemandem aus dem Nichts Schmerzen bereiten, aber du kannst sie enorm vergrößern. Ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist gerade erst dabei, dir der Tragweite deiner Fähigkeiten bewusst zu werden, Cate. Was wir tun können, ist – in den richtigen Händen – eine Gabe. Geistliche und Ärzte bezeichnen ihre Arbeit oft als eine Berufung. Ich glaube, meine Arbeit ist auch eine Berufung. Vom Herrn oder von Persephone oder vielleicht auch von ganz jemand anderem, aber ich bin dankbar dafür.«

»Oh, ich …« Ich breche mitten im Satz ab, als Pearl die Kutschentür öffnet und zusammen mit den anderen einsteigt.

»Ich bin dankbar dafür, vier so wundervolle Schülerinnen zu haben.« Schwester Sophia lächelt uns an. »Die Nebenwirkungen des Heilens halten die meisten Mädchen davon ab, es ernsthaft zu erlernen – ganz zu schweigen von der lächerlichen Vorstellung, dass Biologie und Anatomie undamenhaft seien. Das ist Unsinn.«

Sie ist wieder einmal bei ihrem Lieblingsthema, als die Kutsche ratternd die Auffahrt hinunterfährt. Aber ich höre gar nicht richtig zu. Ich habe früher nie gedacht, dass meine Magie eine Gabe sein könnte, ich hielt sie immer nur für einen Fluch. Und dann dachte ich, dass es sich mit dem Heilen vielleicht auch anders verhalten könnte. Dass Heilen weniger problematisch wäre als Gedankenmagie. Eine Möglichkeit, den Menschen zu helfen und ihnen zu zeigen, dass die Brüder unrecht haben, wenn sie behaupten, alle Magie sei böse. Doch wie bei jeder Art von Macht kommt es wohl auch hierbei auf den Charakter der Person an, die sie ausübt.

Als wir wieder im Kloster ankommen, sind alle in heller Aufregung, weil meine Schwestern eingetroffen sind. Der Nachmittagstee ist gerade vorbei, und die Mädchen sind schon wieder auf dem Weg in die Bibliothek oder poltern die Treppen zu ihren Zimmern hinauf. Alle sind am Tuscheln: Prophezeiung. Maura und Tess. Die Cahill-Schwestern.

Ich laufe zum Wohnzimmer und bleibe an der Türschwelle wie angewurzelt stehen.

Sie sind da.

Ich habe mir den ganzen letzten Monat nichts so sehr gewünscht. Aber jetzt, da sie hier sind, bin ich sonderbar nervös. Ich bin nicht mehr die gleiche Cate, die sie vor einem Monat am Kirchentor verlassen hat. Ob sie sich in meiner Abwesenheit auch verändert haben?

Maura sitzt neben Alice auf dem rosafarbenen Sofa. Sie sieht wunderschön aus in ihrem smaragdfarbenen Kleid, das ihre grünen Augen leuchten lässt wie Gras im Frühling. Die roten Haare trägt sie zu einer Pompadour-Frisur hochgesteckt, die mit edelsteinbesetzten Kämmen fixiert ist, und die Füße stecken in rosafarbenen Samtschuhen mit grünen Borten.

»Ich hatte schon immer eine ziemlich starke Intuition«, sagt sie, wobei sie bescheiden mit den Wimpern flattert. »Ich spüre einfach, was mit den Leuten los ist.«

»Was zum Beispiel?«, fragt Vi gespannt. Sie hat sich auf Alice’ anderer Seite mit aufs Sofa gequetscht, doch ihre voluminösen lavendelfarbenen Röcke haben nicht mehr mit daraufgepasst und plustern sich vor ihr auf. Vi ist ungefähr so dünn wie ich und braucht eine Tournüre, um ihre Figur besser zur Geltung zu bringen.

»Ach«, winkt Maura ab. »Wozu sie fähig sind. Ob sie vertrauenswürdig sind. Solche Sachen. Ich rechne jeden Tag damit, richtige Vorhersehungen zu haben.«

Als ich an ihr vorbeisehe, erblicke ich Tess, die neben Rory auf einer Ottomane sitzt. Ihr Haar ist in geflochtenen Zöpfen um den Kopf gewunden, genau wie meines. Sie trägt ein rot kariertes Kleid und sieht mit ihren rosigen Wangen recht gesund aus – wenn auch ein bisschen skeptisch, was Mauras neu entdeckte hellseherische Fähigkeiten angeht. Als sie mich erblickt, springt sie auf. Ich könnte schwören, dass sie mindestens zwei Zentimeter gewachsen ist, seit ich sie zuletzt gesehen habe.

»Cate!« Sie wirft sich in meine Arme, und ich drücke sie so fest, dass sie ein leises Kreischen von sich gibt. Dann lacht sie, und ich falle mit ein.

Da erhebt sich auch Maura und umarmt mich flüchtig. Sie riecht süßlich und nach Zitrone, wie Zitronenstrauch. »Da bist du ja endlich! Wir warten schon seit Ewigkeiten auf dich.«

»Tut mir leid, dass ich nicht hier war, als ihr angekommen seid. Ich habe euch so vermisst«, sage ich und sehe Maura prüfend an. Ist sie immer noch böse auf mich, weil ich sie zurückgelassen habe?

Ich bin froh, dass die beiden hier sind. Die Schwesternschaft ist zwar nicht das, was ich für sie gewollt hätte, aber sie ist trotzdem nicht so schlimm, wie Mutter es immer dargestellt hat. Und vielleicht sollte es auch nicht alleine meine Entscheidung sein. Die beiden sind noch größer und hübscher und erwachsener denn je, und mit einem Mal wird mir klar: Sie sind keine Kinder mehr. Sie haben das Recht, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden.

Maura wendet sich wieder ihrem unfreiwilligen Publikum zu und drückt sich theatralisch die Hände auf die Brust. Alle Blicke sind auf sie gerichtet, genau wie sie es mag. »Es war furchtbar, so ganz alleine auf dem Land.«

Tess schlägt Maura auf den Arm. »Du warst gar nicht alleine, du dumme Gans! Ich war auch da!«

»Ach, du weißt doch, was ich meine.« Mauras Lachen ist hell und temperamentvoll. »Chatham ist einfach schrecklich langweilig. Wir haben dort überhaupt keine anderen Hexen kennengelernt. Unsere Mutter war so streng, wir durften so gut wie nie üben. Ich will alles über die Schwesternschaft und die Geschichte der Magie erfahren. Ich beneide euch alle so sehr; ich bin für mein Alter leider schrecklich hinterher.«

Mauras Stirn ist von Sorgenfalten durchzogen. Dabei hat es ihr noch nie an Selbstbewusstsein gemangelt. Aber es ist genau die richtige Taktik; Alice und Vi und ihre Lakaien überschlagen sich förmlich, Maura Nachhilfe oder irgendeine andere Unterstützung anzubieten. Ich wende mich wieder Tess zu. »Deine Frisur gefällt mir. Und was bist du groß geworden. Dabei hab ich dir nur kurz den Rücken zugedreht, und schon gehst du mir bis zum Kinn.«

»Ich bin eine absolute Riesin.« Tess grinst mich an. »Ach Cate, ich bin so froh, dich zu sehen. Ich habe dich vermisst!«

»Ich hab dich noch viel mehr vermisst.« Ich sehe mich um, wer sich mit uns im Raum befindet: Rebekah und Lucy sitzen am Klavier, aber sie haben zu spielen aufgehört. Mei schlägt Rilla gerade mühelos beim Schach. Ein paar von Alice’ Lakaien liegen auf dem Boden vor dem Kamin und blättern in Zeitschriften. Aber es sind keine Lehrerinnen da. »Ist Elena auch hier?«

Bei dem Namen merkt Maura auf. »Natürlich. Sie ist gerade bei Schwester Inez. Sie und Paul haben uns hierhergebracht.«

»Paul McLeod? Mein Paul?« Er ist der Letzte, von dem ich gedacht hätte, dass er meine Schwestern begleitet.

»Ist er dein?« Maura grinst. »Er hat uns mehrere Besuche abgestattet, seit du fort warst.«

Tess hat das Bücherregal mit Schauerromanen entdeckt, doch jetzt sieht sie wieder mich an. »Er hat sich Sorgen um dich gemacht.«

»Ach ja? Mir gegenüber hat er Cate kaum erwähnt«, stichelt Maura, und ich spüre, wie ich rot werde. Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie untröstlich wegen Elenas Verrat. »Wo warst du überhaupt? Niemand hat es uns gesagt.«

Ich zittere unwillkürlich und lasse mich gegen die blau geblümte Tapete fallen. »Ich war in Harwood.«

»Was?«, keucht Maura. All ihre aufgesetzte Fröhlichkeit ist auf einmal verflogen. Sie lässt sich wieder auf das rosafarbene Sofa fallen, und Alice tätschelt ihr mitfühlend den Arm.

Tess schmiegt sich an mich. Ihre grauen Augen sind voller Sorge. »Ist alles in Ordnung?«

Ich presse mir die Fingerspitzen an die Schläfen und massiere gegen die Kopfschmerzen an, die wieder schlimmer geworden sind. »Es geht mir gut. Ich war auf einer Heilmission dort. Schwester Cora wollte, dass ich mit Zara spreche, weil sie die Orakel studiert hat.«

»Zara ist unsere Patentante«, erklärt Maura den anderen, obwohl Zara in Wirklichkeit allein meine Patentante ist. »Sie ist eine mächtige Hexe und geniale Gelehrte.«

Gespannt beugt Alice sich vor und stützt die Ellbogen auf die Knie. Sie trägt heute ein purpurnes Samtkleid. »Was hat sie dir erzählt?«

Ich rufe mir Zara wieder ins Gedächtnis: dunkle Locken, verträumte Augen und das Goldmedaillon. »Sie ist ein bisschen durcheinander von dem Laudanum, aber ich habe sie dazu gebracht, mir von den zwei Seherinnen zu erzählen, die es vor Brenna gab. Die Brüder hielten sie in Harwood gefangen und folterten sie, um die Prophezeiungen aus ihnen herauszubekommen.«

»Sie haben sie gefoltert?«, flüstert Tess und zupft an ihren Spitzenmanschetten.

Ich nicke. Maura, Tess und ich sehen einander an, geeint in unserer Angst, und ich beschließe, die grausamen Details für mich zu behalten.

»Hast du irgendwelche Vorhersehungen gehabt? Hat Schwester Cora dich deswegen zu ihr geschickt?«, fragt Alice.

»Nein. Bisher nicht«, sage ich, und es kommt mir vor, als würde der gesamte Raum einen Seufzer der Enttäuschung ausstoßen. »Ich weiß nicht, warum – Brenna hatte schon mit fünfzehn ihre ersten Vorhersehungen, und Zara sagte, die anderen waren zwölf und vierzehn, als die Brüder sie fassten.«

»Vielleicht bist du einfach etwas spät in deiner Entwicklung«, sagt Alice mit einem vielsagenden Blick auf das schwarze Bombasinkleid, das meine flache Brust noch betont.

Wieder schießt mir das Blut in den Kopf. Die Tracht der Schwesternschaft ist nicht gerade vorteilhaft für mich. »Nun, ich wünschte auch, es würde möglichst bald passieren – wenn ich es denn bin. Es kommt mir vor, als würde ich darauf warten, vom Blitz erschlagen zu werden.«

»Wir dürfen die Hoffnung niemals aufgeben«, spottet Alice und schürzt die rosafarbenen Lippen.

Maura dreht sich zu ihr um. »So redest du gefälligst nicht mit meiner Schwester.«

Alice starrt sie an. »Wie bitte?«

»Du hast mich schon richtig verstanden.« Maura zeigt lächelnd die Zähne. »Wenn Cate die verkündete Seherin ist, dann ist sie die mächtigste Hexe in diesem Zimmer. Sie verdient deinen Respekt. Vergiss das nicht.«

Alice weicht zurück, so weit es auf dem Sofa geht. Es ist das erste Mal, dass ich sie eingeschüchtert erlebe, und ein Lächeln huscht mir übers Gesicht. Ich hätte gedacht, dass Maura wütend auf mich ist, nicht, dass sie mich verteidigt. Ich hatte ganz vergessen, wie entschieden sie zu mir stehen kann.

»Schließt du bereits neue Freundschaften, Maura?« Elena Robichaud gleitet in einem raschelnden Taftkleid an mir vorbei ins Zimmer. Ihre dunkle Haut hebt sich schimmernd von dem cremefarbenen Stoff ab. Sie ist wunderschön.

»Ich habe Cate gerade erzählt, wie einsam Tess und ich uns letzten Monat gefühlt hätten, wenn du nicht gewesen wärst«, sagt Maura kühl und vermittelt dabei genau das Gegenteil von dem, was sie sagt. Ihre Schultern sind starr, ihr Lächeln ist kalt.

Elena schenkt ihr gar keine Beachtung, sondern streicht sich bloß die dunklen Locken zurück. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sie für ebenso nervös halten wie Maura. »Hallo, Cate.«

Ich lächle sie gelassen an, obwohl ich ihr immer noch am liebsten den Hals umdrehen würde, weil sie meiner Schwester das Herz gebrochen hat. »Hallo.«

»Hilf uns doch beim Auspacken, Cate.« Maura erhebt sich und wirft den anderen Mädchen ihr bezauberndstes Lächeln zu, während sie mit Elena, Tess und mir auf den Flur hinausgeht. »Ich bin so froh, endlich hier zu sein. Ich hoffe, wir werden alle dicke Freundinnen.«

»Es besteht ja wohl kein Zweifel daran, wer die Familienschönheit ist«, sagt Vi laut genug, dass wir es noch hören können.

»Sie hat Schneid, das muss ich schon sagen«, stimmt Alice ihr zu.

Tess lässt ihre kleine Hand in die meine gleiten. »Hör nicht auf sie.«

»Ach, das tue ich nie.« Doch es schmerzt, wie schnell sie Maura akzeptiert haben. Sie hat es innerhalb von fünf Minuten geschafft, ihren Respekt zu gewinnen, was mir noch nicht einmal in einem Monat gelungen ist. Plötzlich fällt mir wieder ein, wie die Leute früher auf der Straße immer stehen geblieben sind, um meiner Mutter zu sagen, was für ein hübsches Kind Maura doch sei. Sie schenkten Maura Bonbons, streichelten ihr über die roten Locken und stellten ihr alle möglichen Fragen, die sie mit ihrem entzückenden Lispeln beantwortete. Ich dagegen war die Unscheinbare mit dem dünnen, glatten Haar, das sich immer wieder aus den Zöpfen löste, egal wie fest Mutter sie geflochten hatte. Mein Rocksaum war ständig schmutzig, weil ich so viel im Dreck herumtollte, und ich hatte keinerlei Interesse daran, mich mit fremden Leuten zu unterhalten. Manchmal bekam ich trotzdem Süßigkeiten, aber es fiel den Leuten meistens erst sehr spät ein.

Die Menschen mögen Maura, sie fühlen sich von ihrer lebhaften Art und ihrer Schönheit angezogen. So war es schon immer. Zu Hause in Chatham war es nicht so offensichtlich, aber jetzt komme ich mir wieder vor wie ein Kind, dem keine Beachtung geschenkt wird. Sollte ich nicht langsam darüber hinweg sein?

Am Fuße der Treppe bleibt Elena stehen. »Das war ja eine schöne Vorführung.«

Maura wirft ihr einen eisigen Blick zu. »Ich habe jedes einzelne Wort so gemeint.«

»Aber natürlich hast du das. Du bist in letzter Zeit sehr ehrgeizig.«

Ich bin erstaunt über die Verbitterung in Elenas Stimme. Es war doch ihr Ziel, uns drei davon zu überzeugen, der Schwesternschaft beizutreten. Deswegen wurde sie überhaupt nur nach Chatham geschickt. Sie müsste doch eigentlich begeistert sein.

Maura hebt eine Augenbraue. »Das klingt, als würde es dir missfallen.«

»Nein. Ich sehe nur nicht gerne mit an, wie du im Streben nach Beliebtheit jegliches Feingefühl vermissen lässt.«

Maura schnaubt. »Ich glaube kaum, dass ausgerechnet du mir einen Vortrag über Feingefühl halten solltest.«

Mit schwingenden Hüften läuft sie die Treppe hinauf, Tess folgt ihr.

Ich zögere, eine Hand auf dem Geländer. »Ich habe Maura und dich noch nie so streiten gehört.«

Elena zuckt mit den Schultern. »Sie hat mir eben immer noch nicht verziehen.«

Auf der untersten Stufe stehend bin ich größer als Elena. Ich hatte ganz vergessen, wie klein sie ist; sie wirkt gar nicht so. »Das kann ich gut verstehen. Du hast ja auch ganz schön mit ihren Gefühlen gespielt, um mich zu bekommen.«

»Ich habe es mir selbst auch nicht verziehen, falls das hilft.« Elena lässt den Blick auf die Bodendielen fallen. »Sei vorsichtig, Cate. Ich bin nicht die Einzige, auf die sie immer noch wütend ist.«

»Cate! Komm schon!«, ruft Maura im Befehlston von oben.

»Du solltest besser gehen. Sie wartet nicht gerne«, seufzt Elena.

»Du kommst nicht mit?« Die Elena, die ich vor einem Monat verlassen habe, hätte sich nur zu gerne in unser Gespräch eingemischt.

»Nein. Macht das mal lieber unter euch aus.«

Meine Schwestern führen mich zu ihrem Zimmer im zweiten Stock. Maura zieht die schweren grünen Vorhänge zurück und blickt hinaus auf den schneebedeckten Garten, während Tess ihren Koffer Stück für Stück zum Bücherregal zerrt. Dann kniet sie sich hin und entfernt die Satinfütterung am Boden, unter der ungefähr zwei Dutzend Bücher versteckt sind. Tess nimmt ein zerfleddertes Exemplar der Metamorphosen heraus und drückt es sich an die Brust.

»Ich konnte einfach nicht zulassen, dass sie von der Bruderschaft verbrannt werden«, sagt sie und erwidert mein Lächeln. Dann wühlt sie sich durch die restlichen Bücher und reicht mir Arabella, die Mutige und Wahrhaftige. »Das soll ich dir von Mrs Belastra geben.«

Ganz gerührt, dass Marianne an mich gedacht hat, blättere ich durch das Lieblingsbuch meiner Kindheit. Ich hoffe, dass ich es eines Tages wiedergutmachen kann, dass ich ihr zeigen kann, wie dankbar ich für das Opfer bin, das sie für Finn und mich gebracht hat, auch wenn es zu der Zeit überhaupt nicht so aussah. »Wie geht es Marianne?«

»Wusstest du, dass sie die meisten ihrer Bücher verbrannt haben?« Tess’ graue Augen blitzen empört auf. »Sie hatte ein paar Bücher zu Kunden wie Vater geschmuggelt, aber der Rest – sie haben ein riesiges Feuer direkt auf dem Marktplatz gemacht und die Bücher mit der Schubkarre hineingeworfen. Bruder Winfield hat sogar eine Rede darüber gehalten, wie wichtig es ist, unseren Geist gegen die heimtückische Sünde von Romanen zu schützen!«

»Das muss furchtbar für Marianne gewesen sein.« Und ihr Sohn war noch nicht einmal da, um sie zu trösten. Die Schuldgefühle nagen an mir.

»Der Rauch war kilometerweit zu sehen. Wir haben ihn bis nach Hause riechen können.« Tess umarmt ihr Buch, als wolle sie es vor dem schrecklichen Schicksal seiner Freunde bewahren. »Vater war außer sich. Ich war außer mir.«

»Wo wir gerade von Marianne sprechen«, sagt Maura vom Fenster aus, »ich kann es gar nicht fassen, dass Finn Belastra der Bruderschaft beigetreten ist. Das scheint mir so gar nicht zu ihm zu passen.«

Sie sieht mich an und erwartet ganz offensichtlich eine Antwort von mir. Wie viel weiß sie? »Da hast du wohl recht.«

»Zu Hause sagen sie alle, dass du deswegen der Schwesternschaft beigetreten bist. Weil Finn dich sitzen gelassen hat.« Maura zieht sich die edelsteinbesetzten Kämme aus den Haaren und legt sie auf den Frisiertisch. »Stimmt das?«

Ich stemme die Hände in die Hüften. »Nein. Ich bin der Schwesternschaft beigetreten, um euch beide zu beschützen. Das weißt du doch.«

»Wie schade«, seufzt Maura. »Ich war ziemlich beeindruckt. Meine große Schwester, die eine skandalöse Liebesaffäre mit dem Gärtner hat! Wie im Roman. Du sagst also, da war nichts zwischen euch? Keine verstohlenen Küsse im Pavillon?«

»Nein. Na ja, schon. Ich meine, es ist nicht, wie du denkst«, beteuere ich. Auf einmal bin ich ganz durcheinander, und ich merke, wie ich rot werde. »Er hat mich nicht sitzen gelassen. So ist er nicht.«

»Natürlich ist er das. Du armes Ding.« Maura starrt mich über den Spiegel an. Auch Tess sieht mich an, und ihre grauen Augen sind voll Mitgefühl. »Es muss ein furchtbarer Schock gewesen sein. Erst verrät er seine Mutter, und dann lässt er dich sitzen. Aber er war schon immer ziemlich ehrgeizig, nicht wahr? Ich kann mich noch daran erinnern, wie er in der Sonntagsschule war. Ein schrecklicher Besserwisser.«

»Maura!«, schilt Tess. »Sie will nicht darüber reden. Hör auf, sie zu piesacken.«

»Ich piesacke sie doch nicht. Ich tröste. Aber vielleicht bin ich nicht besonders gut darin.«

Maura kniet sich hin und zieht ein schimmerndes Goldkleid aus einem ihrer Koffer. Als sie zu mir hochblickt, ist ihr Gesicht traurig, verwundbar. »Ich weiß, wie es ist, ausgenutzt zu werden. Du hättest doch zu mir kommen können, Cate. Du hättest dich mir anvertrauen können.«

»So war es aber nicht mit Finn«, protestiere ich. »Es war nicht so wie mit dir und Elena.«

Als sie wieder aufsteht, ist ihr Gesicht verändert. »Natürlich nicht. Sicherlich war das, was ihr zusammen hattet, sehr viel tiefgründiger – bis er dich wegen Bruder Ishida sitzen gelassen hat. Aber wenigstens wissen wir jetzt, warum du Paul nicht heiraten wolltest. Tess, hilfst du mir mal beim Aufknöpfen?« Maura dreht uns den Rücken zu.

Verdammt. Ich habe mal wieder das Falsche gesagt. Wie kommt es, dass ich immer das Falsche zu Maura sage?

Tess knöpft artig Mauras Kleid auf. Ich schließe die Augen und bete um Geduld. »Ich habe Paul nicht geliebt. Hast du mir nicht einmal gesagt, ich solle niemanden heiraten, der mein Herz nicht schneller schlagen lässt?«

Maura sieht mich verstohlen im Spiegel an. »Du musst dir wegen Paul keine Sorgen machen. Er war überrascht, das sicherlich, aber er scheint auch ohne dich ganz gut zurechtzukommen.«

»Das freut mich«, sage ich trocken. »Dann ist er jetzt also wieder in New London?«

»Ja.« Mauras Stimme klingt gedämpft, als Tess ihr das Kleid über den Kopf zieht. »Er hat jetzt eine Anstellung in Mr Jones Architekturbüro. Er sagte, es hält ihn nichts mehr in Chatham.«

Ich sollte nicht fragen. Sie wartet nur darauf, und die Genugtuung gebe ich ihr nur äußerst ungern. Aber ich kann meine Neugier einfach nicht im Zaum halten. »Als wir unten waren, hast du gesagt … du hast angedeutet … dass Paul dich besuchen kam?«

»Überrascht dich das?« Maura lacht. »Ich bin eben einfach hinreißend.«

»Ja, ich weiß.« Sie ist schöner als ich, mitteilsamer und klüger. Sie liebt die Großstadt, genau wie Paul, und sie will das Abenteuer. Es ist nicht zum ersten Mal, dass ich denke, sie würden gut zusammenpassen, aber trotzdem bin ich überrascht. »Es ist ja nur, weil er das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, um meine Hand angehalten hat, und das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, warst du …«

»Das letzte Mal, als du mich gesehen hast, war ich ein Dummkopf. Meine Gefühle für Elena waren nichts weiter als eine zweiminütige Vernarrtheit in eine Lehrerin. Ich war einsam, und sie schmeichelte mir, gab mir das Gefühl, wichtig zu sein. Und ich war so dumm zu denken, dass es mehr bedeutete. Aber darüber bin ich jetzt hinweg.« Mauras Worte sind knapp und klingen wütend; gar nicht so, als wäre sie darüber hinweg.

»Und jetzt bist du in Paul verliebt.« Ich sehe meine Schwester an, wie sie vollkommen unbefangen in ihrem elfenbeinfarbenen Mieder und Unterrock dasteht, die roten Locken ihr über den Rücken fallen, und auf einmal fühle ich mich seltsam unsicher, als würde ich eine Fremde ansehen. Kenne ich sie überhaupt?

»Du sagtest, ich würde es mir mit dem Heiraten sicher anders überlegen, wenn ich erst einmal den Richtigen gefunden hätte. Vielleicht habe ich das ja jetzt. Und Paul war wirklich tief getroffen, nachdem du gegangen warst. Du hast dich noch nicht einmal verabschiedet, geschweige denn ihm eine Antwort auf seinen Antrag gegeben. Das hat er nicht verdient.«

Das kann ich nicht abstreiten, aber …

»Er hat mit dir darüber geredet?« Paul war immer mein Freund. Maura war die Pest, die uns ständig hinterherlaufende kleine Schwester.

Maura nickt. »Er wollte eine Erklärung. Ich konnte ihm natürlich nicht die Wahrheit über die Schwesternschaft sagen, also habe ich ihn glauben lassen, dass es wegen Finn Belastra war. Es tut mir leid, aber es lässt dich wohl ziemlich bemitleidenswert erscheinen.«

Tess zieht Maura das goldene Kleid über die Schultern. »Cate hatte sicherlich ihre Gründe.«

»Cate hat immer ihre Gründe. Nur teilt sie sie leider nicht mit uns, also können wir nur mutmaßen«, sagt Maura leichthin, während sie das Kleid über ihren Hüften zurechtzieht. »Wie auch immer, Paul sagte, er will sich mit mir treffen, wenn wir uns erst einmal eingelebt haben. Vielleicht kann ich ihn überreden, mit mir einkaufen zu gehen. Tess, du könntest mich begleiten. Ich würde ja dich fragen, Cate, aber das wäre wahrscheinlich ein bisschen unpassend.«

»Nein. Ich würde deinem Vergnügen nicht im Weg stehen wollen«, stimme ich ihr zu.

»Das ist sehr nett von dir. Ich kann es gar nicht erwarten, mir die Stadt anzusehen. Gott sei Dank, dass es Brenna und diese neue Prophezeiung gibt. Ich hatte schon Angst, ich müsste den Rest meines Lebens in Chatham versauern!«, seufzt Maura.

»Zu Hause ist es gar nicht so schlecht«, sagt Tess und legt Maura eine breite braune Samtschärpe um die Taille.

»Ach, du weißt doch, was ich meine. Es ändert alles. Elena sagt, die Schwesternschaft ist sich gar nicht mehr so sicher, dass du die verkündete Hexe bist, Cate. Es könnte jede von uns sein.«

»Hör auf, Maura.« Tess sieht aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen. »Musst du dich unbedingt streiten? Wir werden schon noch früh genug herausfinden, welche von uns die Seherin ist, aber jetzt sind wir erst einmal endlich wieder zusammen. Freust du dich denn nicht?«

Maura sieht mich beklommen an, als würde sie sich etwas vergeben, wenn sie zugäbe, mich vermisst zu haben. Und vielleicht wäre es ja auch so.

»Es tut mir leid. Ich muss mich wohl bei euch entschuldigen.« Ich hole tief Luft. »Besonders bei dir, Maura. Die Entscheidung, hierherzukommen und euch beide zu Hause zu lassen – wir hätten diese Entscheidung gemeinsam treffen sollen. Ihr seid beide alt genug, um mitzureden, wenn es um eure Zukunft geht. Das habt ihr mir oft genug gesagt, und ich habe nicht zugehört. Ich … bin manchmal keine besonders gute Zuhörerin.«

»Manchmal?«, spottet Maura und verdreht die Augen.

»Maura!«, ruft Tess.

Ich halte Maura die Hand hin. Sie sieht sie lange an, bevor sie sie nimmt.

»In Ordnung«, sagt sie. »Ich habe dich auch vermisst.«