Kapitel 12
Die angespannte Lage im Kloster spitzt sich am nächsten Nachmittag während des Unterrichts zur Geschichte der Hexerei noch weiter zu. Schwester Sophia vertritt die betagte Schwester Evelyn, die die Eingangstreppe hinuntergestürzt ist und sich den Arm gebrochen hat, genau wie von Tess vorhergesagt. In den meisten Kursen sind wir nach unseren magischen Fähigkeiten und nicht nach Alter zusammengesetzt, aber in Geschichte der Hexerei ist es anders; der Kurs besteht aus den zwölf ältesten Klosterschülerinnen. Wir sitzen in ordentlichen Reihen zu viert nebeneinander auf unseren Plätzen – engen Holzbänken mit zerkratzen schrägen Tischplatten –, die letzte Reihe ist leer.
Schwester Sophia liest uns etwas über die zunehmend einschränkenden Gesetze der Bruderschaft Anfang des 19. Jahrhunderts vor, als erstmals Theater und öffentliche Tanzveranstaltungen verboten wurden. Es kommt mir merkwürdig vor, mich auf Dinge zu konzentrieren, die vor fast hundert Jahren passiert sind, wenn wir über den Protest gestern oder all die gefangenen Mädchen reden könnten. Kaum eine passt auf. Das Feuer im Kamin brennt so heiß, dass die Luft im Raum stickig und einschläfernd ist. Vor mir macht sich die beflissene Pearl auf ihrer Schiefertafel Notizen, doch Alexas blonder Schopf ist nach vorne gesunken, als wäre sie eingenickt, und Maud und Eugenia schreiben sich Nachrichten. Links von mir malt Rilla Herzen auf ihre Tafel.
Rechts neben mir sitzt Mei und zählt ihre Gebetsperlen aus Elfenbein. Sie macht sich Sorgen um ihre Schwestern, seit gestern Abend ihr Bruder Yang zum Kloster kam und die beunruhigende Nachricht überbrachte, dass Li und Hua sich zu den Protesten geschlichen hätten und unter den zweihundert Leuten seien, die von den Wachen der Brüder verhaftet wurden. Da im Gefängnis nicht genug Platz für sie alle ist, werden sie jetzt wie Vieh in einer Lagerhalle unten am Fluss festgehalten.
»Baba ist sie besuchen gegangen, und die Wachen haben ihm eine Standpauke gehalten, wie er Mädchen großziehen könne, die solche Schwierigkeiten machten«, erzählte uns Mei gestern Abend. »Er glaubt, die Männer werden nur ein paar Tage festgehalten, um ihnen eine Lektion zu erteilen, aber den Frauen wird wohl wegen öffentlichen Ärgernisses der Prozess gemacht.«
Das kann ja nicht gut ausgehen. Ich sehe zu Mei hinüber, die stumm ihr Mantra vor sich hin betet, während sie die Perlen der Gebetskette mit dem Daumen über den Mittelfinger bewegt.
Da ertönen schwere Schritte auf dem Flur, und im nächsten Moment erscheint Schwester Gretchen in der Tür. »Entschuldige bitte, Sophia. Ich unterbreche nur ungern, aber Cora verlangt nach dir.«
Schwester Sophia schlägt das Buch mit einem lauten Knall zu, sodass Alexa aufwacht und alle anderen aus ihrer Betäubung hochschrecken. »Mädchen, ihr könnt gehen.«
Schwester Cora muss schlimme Schmerzen haben, wenn sie Sophia aus dem Unterricht kommen lässt.
»Stirbt Schwester Cora?«, fragt Daisy Schwester Sophia. Als ich mich zu ihr umdrehe, bemerke ich, dass sie und Rory Stadt, Land, Fluss auf ihren Schiefertafeln gespielt haben. Rory ist nicht besonders viel eingefallen, und beim Anblick ihres halb fertigen Galgenmännchens läuft es mir trotz der Hitze im Klassenraum kalt den Rücken hinunter.
»Heute nicht«, sagt Schwester Sophia schnell. »Wenn es schon so weit wäre, dann gäbe es für mich nichts mehr zu tun.«
Als sie den Gang hinuntergeht, fasse ich sie am Ärmel ihres gelben Seidenkleids. »Kann ich helfen?«
Sie tätschelt mir mit einem besorgten Lächeln die Schulter. »Nein, meine Gute, aber es ist lieb von dir, dass du fragst.«
Dann verschwinden Schwester Sophia und Schwester Gretchen flüsternd. Obwohl der Unterricht zu Ende ist, bleiben wir alle erschüttert auf unseren Plätzen sitzen. Zum ersten Mal hat eine unserer Lehrerinnen offen zugegeben, dass Schwester Cora im Sterben liegt.
»Ich habe sie heute Morgen auf dem Flur getroffen, als ich etwas für Schwester Gretchen besorgt habe«, sagt Daisy in ihrem breiten Dialekt und wischt mit einem Lappen das Spiel von ihrer Tafel. »Sie sah furchtbar aus. Sie konnte kaum laufen.«
Rilla legt ihren Stift hin. »Als ich beim Frühstück in der Küche geholfen habe, hat Schwester Gretchen erzählt, außer Brühe und Tee behielte Cora nichts mehr bei sich. Es wird wahrscheinlich nicht mehr lange dauern. Meiner Großmutter ging es am Ende genauso.«
Da schlendert Maura nach vorne, schiebt den Stapel Bücher auf Schwester Evelyns Pult zur Seite und setzt sich auf den Tisch. »Wir sollten Schwester Inez schon jetzt zur Schulleiterin erklären, damit wir etwas unternehmen können, statt einfach nur darauf zu warten, dass Cora stirbt. Jetzt, da die Brüder alle mit dem Protest und der Jagd nach der Seherin beschäftigt sind, wäre der perfekte Zeitpunkt zuzuschlagen.«
Mei zuckt zusammen und steckt die Gebetsperlen zurück in die Tasche ihres orangefarbenen Kleids. »Es ist eine gefährliche Zeit, weil wegen der Nationalratssitzung so viele Brüder in der Stadt sind. Schwester Cora sagt, wir müssen jetzt besonders auf der Hut sein.«
»Schwester Cora ist viel zu alt und vorsichtig. Wir brauchen eine Frau mit Schneid, die uns führt«, sagt Maura und baumelt mit den Beinen wie ein kleines Kind. Sie trägt braune Absatzschuhe mit Goldtroddeln an den Spitzen. »Ein Dutzend Mädchen wurden gefangen genommen und werden in diesem Moment ohne Prozess festgehalten. Denkt doch nur, was für Aufsehen es erregen würde, wenn wir sie aus dem Nationalratsgebäude befreiten! Die Brüder wären außer sich vor Wut.«
»Das ist unmöglich«, platzt Eugenia heraus. Sie wagt einen Blick über die Schulter auf Alice und spielt nervös mit ihrem braunen Nackenknoten. »Das Nationalratsgebäude ist eine Festung. Bruder Covington hat eine riesige Wohnung darin. Die Wachen der Brüder patrouillieren Tag und Nacht vor dem Gebäude.«
Auf einmal kommt es mir vor wie ein Déjà-vu: Ich sehe Rory im Wohnzimmer vor mir, die mich fragt: Meinst du, es ist möglich, jemanden aus Harwood zu befreien?
Ausnahmsweise denke ich mal nicht lange nach. »Wenn wir schon darüber reden, einen Ausbruch zu planen«, sage ich langsam, den Blick auf Rory geheftet, »wie wäre es dann mit Harwood?«
Rorys Schiefertafel rutscht ihr aus der Hand und fällt klappernd zu Boden. »Wirklich?«, keucht sie.
Maura verschränkt die Arme über ihrem cremefarbenen Mieder. »Die Mädchen dort befinden sich nicht in akuter Gefahr.«
»Aber die Seherin ist dort.« Ich trommle mit den Fingern auf die Tischplatte vor mir. »Brenna ist diejenige, die alle anderen in Gefahr bringt, uns eingeschlossen. Wenn wir Brenna befreien könnten …«
»Und Sachi!«, unterbricht mich Rory und beugt sich vor, um ihre Tafel aufzuheben.
»Wir wissen bereits, wie wir hineinkommen. Cate, Pearl und ich sind dort jede Woche auf Heilmission«, erklärt Mei. »Die Frage ist nur, wie wir die Frauen dort hinausbekommen sollen.«
»Nanu, Cate Cahill.« Alice sieht mich mit zusammengekniffenen blauen Augen und geschürzten Lippen an. »Da sind ja vielleicht doch ein paar ganz gute Ideen in deinem Kopf. Wenn wir schon unser Leben riskieren, um Mädchen zu befreien, können es auch ebenso gut gleich Hexen sein. Und wo gibt es mehr potenzielle Hexen als in Harwood? Abgesehen von hier, natürlich.«
»Wenn wir sie befreien – mal angenommen, in Harwood bricht ein Feuer aus –, könnten wir unsere Anzahl für den bevorstehenden Krieg vergrößern«, überlegt Maura. Nun lässt sie sich doch von der Begeisterung der anderen mitreißen.
»Ein Feuer?« Ich schüttle den Kopf. »Die Frauen dort stehen unter dem Einfluss von starken Arzneimitteln. Wie viele von ihnen würden bei lebendigem Leibe in ihren Betten verbrennen!«
»Es muss ja kein Feuer sein«, schnauzt Alice mich an und verdreht die Augen. »Wir müssen die Krankenschwestern nur in Aufregung versetzen, sodass sie die Feuerwehr rufen, das Tor offen stehen lassen und es nicht merken, wenn in all dem Durcheinander ein paar Mädchen entkommen. Wir könnten dafür sorgen, dass deine Schwester rauskommt, Rory.«
»Was ist mit der Schwester von Lucy Wheeler? Sie ist auch da, aber sie ist keine Hexe«, sagt Daisy und zieht die dunklen Augenbrauen hoch.
»Ich denke, wir sollten uns auf die Hexen beschränken«, erklärt Alice. »Wir können nicht alle retten.«
»Das ist grausam.« Mei streicht sich den Pony aus den Augen. »Ich sag es euch gleich, wenn Li und Hua nach Harwood geschickt werden, werde ich sie nicht dort verrotten lassen, nur weil sie keine Hexen sind. Sie sind immerhin meine Schwestern.«
Maud wedelt mit der Hand in der Luft, als würde sie auf Erlaubnis warten zu reden, und ich nicke ihr zu. Sie ist ein kleines Mädchen mit roten Haaren – nicht zu vergleichen mit Mauras schönen Locken, es sind glatte karottenrote Haare – und mehr Sommersprossen, als ich jemals in meinem Leben bei einem Menschen gesehen habe. »Meine Cousine Caroline ist auch da«, sagt sie. »Sie ist allerdings keine Hexe. Sie wurde verhaftet, weil sie ein Verhältnis mit einem der Brüder aus unserem Stadtrat hatte. Er war bereits verheiratet, aber er hat überhaupt keinen Ärger bekommen.«
»So ist es doch immer«, sagt Rory verbittert und zieht an der rosafarbenen Spitze ihres Ärmels.
»Ich stimme mit Alice überein. Es sind Hunderte Mädchen in Harwood. Wir können sie nicht alle bei der Schwesternschaft unterbringen. Auch wenn sie zuerst vielleicht dankbar dafür wären, von uns gerettet worden zu sein, wer weiß, ob sie unser Geheimnis bewahren könnten?« Maura streicht sich den cremefarbenen Rock glatt. »Die Sicherheit der Schwesternschaft muss an erster Stelle stehen.«
»Du bist doch mit dem Architekten befreundet, der mit dem Umbau von Harwood beauftragt wurde, nicht wahr?« Alice lächelt Maura berechnend an. »Wenn du ein bisschen mit ihm schäkerst, kannst du sicherlich herausfinden, wie wir es anstellen können. Wir geben uns den Anschein von Bauarbeitern, dann sorgen wir für die nötige Ablenkung, und mitten in dem ganzen Durcheinander schleichen wir uns mit den Hexen davon.«
Auf einmal habe ich einen Verdacht, was für ein Auftrag Paul zurück nach New London gebracht hat. Anscheinend ist es seine Firma, die den Umbau von Harwood beaufsichtigt. Seltsam, dass Maura das überhaupt nicht erwähnt hat. Ich beiße mir auf die Lippe. Wie kommt es, dass sie und Alice so schnell die Führung übernommen haben? Es war doch meine Idee, und jetzt sind sie diejenigen, die Anweisungen geben und Entscheidungen darüber treffen, welche Mädchen gerettet werden!
Rilla schüttelt den Kopf, dass ihre braunen Locken nur so fliegen. »Ich denke, Mei hat recht. Wenn nur ein paar der Mädchen entkommen, werden sich die Brüder dann nicht an den übrigen rächen? Wenn die Verhältnisse dort jetzt schon so schlimm sind, wie ihr sagt …«
»Sind sie«, antworten Mei und Pearl gleichzeitig.
»Ich werde Caroline nicht zurücklassen, damit sie für die Aktion bestraft wird«, sagt Maud störrisch.
»Ja, gut, wir werden deine blöde Cousine auch retten. Aber wir können uns nicht um alle kümmern. Es ist nun mal nicht ganz ungefährlich, einen Krieg zu führen«, sagt Alice. Auch wenn ich weiß, dass sie recht hat – und sogar Schwester Cora würde mit ihr übereinstimmen –, gefällt es mir ganz und gar nicht.
Ich stehe auf. »Ich war in Harwood und habe gesehen, wie die Verhältnisse dort sind. Es ist schrecklich. Ich bin dafür, dass wir weiter nachdenken, bis wir einen Weg gefunden haben, alle Mädchen zu befreien, ob sie nun Hexen sind oder nicht.«
Mei hält in ihrem Mantra inne. »Ich stimme Cate zu.«
»Ich auch«, sagen Rilla und Maud und Daisy und Pearl.
»Aber ihr denkt nicht zu lange darüber nach? Wir lassen sie nicht für immer dort schmoren?«, drängt Rory.
Sie denkt dabei bestimmt an Sachi, an die Verhandlung, die morgen stattfindet. »Nein, natürlich nicht. Wir werden einen Weg finden.«
»Ich bin von euch allen enttäuscht.« Maura blickt mich finster an. »Ich wusste, dass Cate es nicht ernst damit ist, aber ich hätte nicht gedacht, dass ihr euch alle wie verängstigte Küken anschließt. Das hier kann funktionieren, ich weiß es. Und wenn eine der Krankenschwestern etwas sehen sollte, was nicht für ihre Augen bestimmt ist, würden Alice und ich einfach ihr Gedächtnis löschen.«
»Darum geht es doch gar nicht«, entgegne ich und setze mich auf meinen Tisch.
»Und was ist, wenn es mehr als eine Zeugin gibt?« Zum ersten Mal ergreift Vi das Wort und lässt ihren Tisch mit einem lauten, quietschenden Geräusch weg von Alice’ schießen. »Was ist, wenn eure Trugbilder auffliegen und ihr uns alle verratet? Ihr werdet damit nicht durchkommen.«
»Was soll das denn heißen?«, fährt Alice sie an und spielt mit ihrem Onyxohrring. »Maura ist großartig in Gedankenmagie, und ich werde da sein und ihr helfen.«
»Und was ist, wenn du ihr nicht helfen kannst? Wenn herauskommt, dass die Schwesternschaft ein Nest voller Hexen ist, was passiert dann mit uns allen? Und mit meinem Vater?«
»Sei doch nicht dumm«, schnauzt Alice sie an. »Dein Vater könnte allen erzählen, dass wir Gedankenmagie bei ihm angewendet haben und er nichts davon wusste. Ich könnte sein Gedächtnis löschen, dann würde er noch nicht einmal lügen.«
Da knallt Vi ihre Tafel so heftig auf den Tisch, dass sie in zwei Teile zerbricht und alle anderen auf ihren Plätzen zusammenzucken. »Den Teufel wirst du tun!«
»Vi!«, keucht Alice. Ihre Ohren sind knallrot angelaufen.
»Nein! Gedankenmagie ist kein Spiel. Ihr müsst gar nicht so damit angeben. Ich werde nicht zulassen, dass du ihn so ruinierst wie das arme Mädchen letztes Jahr.«
Alice fasst sich an die Brust. Wenn sie ein Herz darin hätte, würde sie mir leid tun. »Wie kannst du nur!«
Vi blickt ihre beste Freundin herausfordernd an. »Du würdest mich besser verstehen, wenn dein Vater dir mehr bedeuten würde als sein Geldbeutel.«
Alice kommt hinter ihrem Tisch hervor und stampft aufgebracht nach vorne zu Maura. »Nun, damit ist wohl klar, wer meine wirkliche Freundin ist.«
»Diese Angelegenheit ist zu wichtig, um noch länger zu warten. Wenn wir mehr Hexen hätten, die der Gedankenmagie fähig wären, könnten wir uns selbst schützen«, erklärt Maura. Offenbar will sie sich nicht eingestehen, dass sie die Mehrheit nicht länger hinter sich hat. »Dann müssten wir nicht mitansehen, wie die Brüder uns eine nach der anderen mitnehmen. Sondern wir könnten den Spieß umdrehen.«
»Wie denn?« Violet schnaubt sehr undamenhaft. »Du kannst doch nicht bei jedem Bruder, dem du auf der Straße begegnest, Gedankenmagie anwenden.«
Alice wirft ihr einen vernichtenden Blick zu. »Warum nicht? Es wäre jedenfalls besser, als hier rumzusitzen und darauf zu warten, dass diese verrückte Seherin uns verrät. Wir sollten etwas tun, und ich zumindest bin froh, dass wir hier eine Person haben«, und damit wirft sie einen Blick auf Maura, »die nicht so ein feiger Angsthase ist.«
»Es ist nicht feige, die Dinge zu durchdenken, statt sie zu überstürzen«, argumentiere ich und recke störrisch das Kinn vor.
»Vielleicht willst du aber auch nur verhindern, dass wir die Brüder angreifen. Vielleicht hast du wegen deines Liebsten mehr für sie übrig, als du zugeben willst«, spottet Alice, und mir sinkt das Herz. Hat Maura ihr etwa erzählt, dass ich mich immer noch mit Finn treffe? »Es ist wirklich bemitleidenswert, dass du dich mit einem Mann einlässt, der dich sitzen gelassen hat.«
»Du hattest einen Liebsten, der bei der Bruderschaft ist?«, keucht Rilla neben mir. »Das hast du mir nie erzählt!«
»Das machst du doch immer, Alice«, klagt Vi. »Du machst dich über alle lustig, die nicht mit dir übereinstimmen. Wir anderen dürfen ja wohl auch noch eine Meinung haben.«
»Du bist doch bloß eifersüchtig, weil wir dich bei dieser Sache nicht gebrauchen können. Du kannst eben keine Gedankenmagie, und deine Illusionen sind furchtbar. Wenn dein Vater nicht angeboten hätte, ohne Bezahlung als Kutscher zu arbeiten, hätte es sich noch nicht einmal gelohnt, dich zu retten!«, ruft Alice. Ihr hübsches Gesicht ist knallrot.
»Ach ja, ist das so?« Vi kneift die Augen zusammen, und auf einmal krabbeln lauter Spinnen über Alice’ grünes Kleid. Hunderte von Spinnen.
Es ist ein Illusionszauber – ein schrecklicher Zauber für Leute, die Angst vor Spinnen haben. Und so wie Alice schreit und herumspringt, hat sie ziemliche Angst vor Spinnen. »Mach sie weg! Mach sie weg!«
Maura geht zu Alice und streicht ein paar Spinnen von ihr, aber längst nicht alle. Die wenigen Exemplare, die auf dem Boden landen, hasten mit überraschender Geschwindigkeit davon, und mehrere Mädchen ziehen kreischend die Füße auf ihre Stühle. Daisy wirft ein Buch auf eine besonders große Spinne und drückt sie damit platt.
»Beruhig dich. Die sind nicht echt. Du kannst nicht dagegen ankämpfen, solange du dich nicht konzentrieren kannst«, sagt Maura zu Alice.
»Die beiden sollten sich sowieso nicht bekämpfen«, sage ich, aber mit Mauras Hilfe scheint Alice wieder zur Vernunft gekommen zu sein. Sie lässt die Spinnen verschwinden.
»Ich kann also keine Illusionen? Und ob!«, sagt Vi, und dann wächst Alice, sie wird größer als ich, so groß wie die Bücherregale an der hinteren Wand. Zwei geschwungene Hörner wie von einem Schafbock ragen durch das goldene Haar, und ihre Haut bekommt eine schauerliche olivgrüne Farbe. Sie sieht aus wie ein Ungeheuer aus einem Märchenbuch.
Rilla fängt an zu kichern. Pearl lacht hinter vorgehaltener Hand. Sogar Eugenia und Maud, die sich Alice normalerweise fügen, können sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Alice rennt schreiend zu dem mit Goldschnitt versehenen Spiegel über dem Kamin und beugt sich so weit hinunter, dass sie ihr Gesicht sehen kann, woraufhin sie wieder losschreit.
»Vi, das ist genug«, mahne ich und erhebe mich von meinem Tisch.
»Nein, ist es nicht«, erwidert Vi und zaubert Alice eine Schweinenase. Rory hinter mir lacht schnaubend. »Sie spielt sich immer derartig auf, dabei ist sie noch nicht einmal die beste Hexe hier.«
»Das bist du auch nicht. Bild dir bloß nichts ein«, fährt Maura sie an, und gleich darauf wird Vis Rücken buckelig, ihr Haar grau, die ebenmäßige Haut faltig, der Mund um die fehlenden Zähne eingefallen, bis sie schließlich aussieht wie ein altes Weib. Die Mädchen keuchen entsetzt, und Alice gackert. Die Illusion wirkt so echt, dass sogar ich erschreckt einen Schritt zurück mache.
»Maura«, stöhne ich, »du bist keine Hilfe.«
Maura grinst mich an. »Brich den Zauber doch, wenn du es schaffst.«
Das werde ich auch – nicht nur, weil ich auf Vis Seite bin, sondern auch, weil Maura eine Herausforderung daraus gemacht hat, und ich war noch nie eine, die vor Herausforderungen zurückgeschreckt. Ich horche in mich hinein und finde meine Magie, durch Angst und Wut geschürt, schon bereit. Trotzdem zögere ich. Wenn es mir nicht gelingt, Mauras Illusionszauber zu breche, wird sie mich das nie vergessen lassen. Und wenn ich es schaffe, wenn ich sie vor einem Dutzend Zeuginnen vorführe – wird sie mir dann jemals verzeihen?
»Was hast du mit mir gemacht?«, fragt Vi und betastet ihr verhutzeltes Gesicht.
»Sie hat dafür gesorgt, dass du von außen genauso hässlich bist wie von innen«, höhnt Alice.
»Es reicht!«, rufe ich. Ich konzentriere mich zuerst auf Vi, denn Mauras Zauber wird schwieriger zu brechen sein. Wie immer, wenn ich unter Stress stehe, spreche ich meinen Zauber laut. »Acclaro!«
Es ist nicht leicht. Als ich mit meiner Magie gegen den Zauber tippe, widersetzt er sich mir hartnäckig. Ich schubse dagegen, und er gerät ins Wanken. Maura beobachtet mich mit einem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck. Dann stoße ich noch einmal kräftiger zu, der Zauber bricht, und Vi ist wieder das schöne sechzehnjährige Mädchen, das sie vorher war.
»Und was ist mir mir?« Die riesige Alice stürmt wütend auf mich los und wirft dabei die Tische um, die ihr im Weg stehen. »Du kannst mich doch nicht so lassen!«
Maura wedelt mit der Hand, woraufhin Alice wieder zu ihrer normalen Größe schrumpft, die Hörner verschwinden und ihre Haut sich aufhellt.
Mei sieht ängstlich zum Flur. »Wenn Schwester Inez uns erwischt, bekommt sie einen Anfall.«
»Wir haben doch nur ein bisschen Spaß gemacht. Sei nicht so eine Spielverderberin«, schnauzt Maura.
Alice fährt sich schniefend mit den Fingern durch die zerzausten goldenen Haare. »Vi hat angefangen.«
»Weil du sie provoziert hast«, erkläre ich.
»Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du mir vorschreiben kannst, was ich zu tun oder zu lassen habe? Du bist keine Lehrerin, du …«
Diesmal zaubere ich lautlos, und Alice verstummt und fasst sich an die Kehle. Wütend starrt sie mich an.
»Ich bin die stärkste Hexe hier im Raum, nur damit du es weißt.« Die Worte sind heraus, bevor ich darüber nachdenken kann. Maura zuckt zusammen, als hätte ich sie geschlagen, aber Rilla und Mei drehen sich mir zu und grinsen mich von ihren Plätzen aus an. »Die Lage wird immer schlechter. Die Brüder waren hier, in unserem Zuhause, wo wir eigentlich sicher sein sollten, und sie haben Hope mitgenommen. Ich weiß, dass ihr wütend seid. Ich bin auch wütend. Aber wir müssen zusammenhalten. Wir dürfen uns nicht gegenseitig bekämpfen, und wir dürfen auch keine verrückten Sachen unternehmen, ohne sie vorher durchdacht und allen die Gelegenheit gegeben zu haben, ihre Meinung zu sagen.«
»Was für eine beeindruckende Rede.« Schwester Inez schreitet mit klappernden Absätzen durch den Raum. »Aber ich darf Sie daran erinnern, dass Sie hier noch nicht die Leitung innehaben, Miss Cahill.«
Genauso wenig wie Sie, denke ich, und mein Misstrauen ihr gegenüber verhärtet sich zu etwas Kälterem.
»Befreien Sie Miss Auclair von Ihrem Zauber.«
Ich komme ihrem Befehl nach und verkneife mir ein Lächeln. Wenn Inez mich darum bitten muss, dann bedeutet das, der Zauber ist zu stark für sie. Ich senke den Blick, damit sie den Triumph darin nicht sieht. »Ich hatte nicht vor, anmaßend zu sein. Sie waren nicht hier«, sage ich.
Das muss als Entschuldigung reichen.
»Es ist nicht erlaubt, dass Sie aneinander Magie anwenden, ohne dass eine Lehrerin zugegen ist, wie Sie alle sehr wohl wissen«, sagt Schwester Inez. »Da Sie sich anscheinend nicht ordentlich selbst beschäftigen können, dürfen Sie jetzt drei Seiten über die Gesetzgebung des Nationalrats in den letzten fünfzig Jahren schreiben. Vielleicht fangen Sie gleich damit an, bevor ich es mir anders überlege und fünf Seiten daraus mache.«
Die Mädchen laufen alle auseinander. »Das war großartig«, flüstert Rilla und hüpft neben mir her.
»Alice’ Gesichtsausdruck, als du sie ruhiggestellt hast, war einfach unbeschreiblich«, fügt Rory hinzu.
Pearl schenkt mir ein breites Grinsen.
»Entschuldigung. Ich würde gerne kurz mit meiner Schwester sprechen.« Maura fasst mich am Ellbogen und zieht mich über den Flur in den leeren Klassenraum für Literatur.
»Wie konntest du nur?«, keift sie mich an, nachdem sie die Tür hinter uns zugeschlagen hat.
Ich lasse mich hinter einen der Tische fallen. In so kurzen Abständen so viel zu zaubern, hat mich ermüdet, und ich habe ehrlich gesagt keine große Lust, mich mit ihr zu streiten. »Wie konnte ich nur was? Mit dir und Alice nicht übereinstimmen? Sie ist vielleicht ein Ekel, aber sie denkt offenbar, dass du sie wirklich magst.«
»Du bist ja nur neidisch, weil ich beliebter bin als du!«
Oh, nein, nicht das schon wieder. »Das ist mir doch egal, und wenn du hundert neue Freundinnen hättest. Ich mache mir vielmehr Sorgen um die Art deiner Freundinnen. Du hast in letzter Zeit nicht unbedingt das beste Urteilsvermögen bewiesen.«
»Das war ja klar, dass du mir das vorhalten würdest.« Mauras Wangen färben sich rosa. »Elena mochte mich übrigens sehr wohl. Das hat sie später zugegeben. Sie hat dich bloß angelogen, um dich zu besänftigen und dich zur Schwesternschaft zu bekommen und um ihrem blöden Schatz Schwester Cora zu gefallen.«
»Das tut mir leid«, sage ich aufrichtig. »Es tut mir leid, dass sie dich verletzt hat und dass ich mit ein Grund dafür war. Aber es gefällt mir nicht, wie du dich eben benommen hast. In letzter Zeit kommst du mir vor wie eine vollkommen andere Person, Maura. Als würdest du alles tun, nur um dich Schwester Inez zu beweisen.«
»Vielleicht will ich ja eine andere Person sein! Ich bin es leid, bloß eins der Cahill-Mädchen zu sein – die dumme Romantische, Hübsche, auf die aufgepasst werden muss, damit sie nichts Unüberlegtes tut.« Maura wirft aufgebracht die Hände in die Luft. »Was nützt es, hübsch zu sein, wenn ich bei nichts mitreden darf?«
Ich beiße die Zähne zusammen. Damit hat sie einen wunden Punkt bei mir getroffen. »Keine Ahnung. Du warst ja schließlich immer die Hübsche.«
Meine Schwester läuft im Zimmer auf und ab und um die Tische herum. »Du hast gerade alles getan, um meine Vorschläge in einem schlechten Licht dastehen zu lassen. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, hast du auch noch behauptet, dass du die stärkste Hexe bist; so, als wäre das eine Tatsache! Ich will die Schwesternschaft anführen, wenn ich volljährig werde. Du willst heiraten und Kinder kriegen und ein hübsches kleines Haus mit Garten haben. Warum stellst du dich mir entgegen?«
Weil ich glaube, dass sie nicht so umsichtig ist, wie sie sein sollte. Weil ich langsam denke, dass die einzige Person, der ich die Führung der Schwesternschaft anvertrauen würde, bis Tess volljährig wird, ich bin.
»Vielleicht könnte ich beides«, sage ich und blicke auf den zerkratzten Holzfußboden.
»Du bist ja so verdammt egoistisch!«, ruft Maura. Um Fassung bemüht, schließt sie die Augen. »Du willst noch nicht mal deine Prüfung in Gedankenmagie ablegen. Wie willst du eigentlich regieren, ohne Gedankenmagie anzuwenden?«
Ich denke an Bruder Ishida. Soll ich ihr davon erzählen? Nein, sie wird mir bloß vorwerfen, dass ich es nur wegen Finn getan hätte, als wäre ich eine liebeskranke Närrin. »Ich kann sie anwenden, wenn es sein muss.«
»Ach ja, kannst du das? Oder würdest du so lange hin und her überlegen, bis die Gelegenheit verstrichen ist? Alice und ich hatten eine Idee, wie wir die Mädchen aus Harwood befreien können, und nur weil es nicht deine Idee war und sie nicht mit deinen edlen Prinzipien vereinbar war, hast du alle dagegen aufgewiegelt!«
»Ich war nicht die Einzige, die ihre Zweifel hatte«, protestiere ich zitternd. Dieser Raum wurde heute noch nicht benutzt, und im Kamin ist bloß kalte Asche.
Maura wirft wieder stöhnend die Hände in die Luft. Sie trägt bereits einen dünnen Silberring an der rechten Hand. Ihn ziert zwar noch nicht die Gravur der Schwesternschaft, aber es ist trotzdem ein eindeutiges Zeichen von Mauras Ergebenheit. »Wenn durch Brennas Gerede noch jemand umgebracht wird, während du in Ruhe nachdenkst, dann geht das auf deine Kappe.«
Ich erhebe mich. »Du warst nicht in Harwood, Maura. Du hast nicht gesehen, wie es dort ist. Wenn ich es mache, dann will ich es richtig machen.«
»Wenn«, äfft Maura mich nach und beugt sich dabei so weit vor, dass ich ihren Zitronenstrauchduft rieche. »Du bist doch viel zu feige, um tatsächlich irgendwas zu tun, Cate. Das ist das Problem mit dir.«
»Ich werde sie retten.« Ich stemme die Hände in die Hüften und verhake die Daumen unter der blauen Schärpe, die um meine Taille liegt. »Wart’s nur ab.«
»Wart du nur mal schön ab. Sobald Cora tot ist, wird Inez die Führung übernehmen. Und sie wird mich zu ihrer Stellvertreterin machen, nicht dich. Sie benutzt dich doch nur, um Informationen aus Finn herauszubekommen.«
Ich packe sie am Arm und reiße sie herum, wobei sich meine Finger in den cremefarbenen Taft an ihrem Handgelenk bohren. »Kannst du ihr denn auch nur im Mindesten mehr vertrauen als Elena? Glaubst du wirklich, wenn sie Coras Nachfolge antritt und die Bruderschaft absetzt, wird sie dir einfach so die Macht überlassen, sobald du bereit bist, die Führung zu übernehmen?«
Maura starrt mich an. »Inez glaubt an mich.«
Ich schüttle den Kopf. »Ich glaube an dich! Ich glaube, dass du klüger bist, als du dich gerade verhältst.«
Ich kann Maura förmlich ansehen, wie sie wütend wird, ihre Lippen werden schmal, und sie kneift die Augen zusammen, und im nächsten Moment fliege ich auch schon ein Dutzend Schritte rückwärts. Ich knalle mit dem Rücken gegen die Tafel, richtig hart, und sinke wie eine von einem Riesen hingeworfene Stoffpuppe zu Boden. Meine grauen Röcke ergießen sich wasserfallartig um mich.
Mit funkelnden blauen Augen sieht meine Schwester auf mich herab. »Ich habe vor, die Schwesternschaft anzuführen, Cate. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du dich mir nicht in den Weg stellen würdest. Die Zeit des Nettseins ist vorbei.«
Ich zucke zusammen, als ich mich wieder aufrapple, und fasse nach meinem Ellbogen, der gegen das Kreidekästchen geknallt ist. Das wird einen blauen Fleck geben. »Deswegen erzählst du also allen, ich wäre von Finn sitzen gelassen worden und dumm und feige, damit du mich erniedrigen kannst? Um mich bei jeder Gelegenheit vorzuführen?«
Meine Schwester reibt sich über das herzförmige Gesicht. »Das hier wäre alles so viel einfacher ohne dich«, sagt sie nur, und mir läuft es kalt den Rücken hinunter.
Oh.
»Was meinst du damit?«, flüstere ich mit klopfendem Herzen.
Sie weicht zurück und bleibt neben Schwester Gretchens Pult stehen. »Du bringst mich dazu, dass ich immer wieder aus der Fassung gerate und dumme, verletzende Sachen sage, die ich nicht so meine, und … Ich kann es eben nicht vergessen, wie du Elena dazu gebracht hast, sich gegen mich zu wenden. Sie setzt sich für dich ein, weißt du? Sie sagt zwar, dass sie mich gerne hat, aber sie denkt, du wärst die bessere Anführerin.« Maura lacht rau und blickt mir in die Augen. »Wenn du nicht wärst, hätte ich alles, was ich will.«
Ich habe Fehler gemacht, sicher. Vielleicht war ich gedankenlos, sturköpfig, aber ich war niemals absichtlich unfreundlich. Ich liebe Maura. Ich würde alles für sie tun.
»Ich will dich nicht bekämpfen, Cate, wirklich nicht«, sagt sie. »Aber ich werde auch nicht klein beigeben.«
»Das werde ich auch nicht.« Das kann ich nicht. Nicht, wenn die Zukunft der Schwesternschaft und all der Mädchen in Harwood auf dem Spiel steht.
Ich sehe meine Schwester an, und obwohl sie genau hier vor mir steht, im gleichen Raum wie ich, scheint sie mir meilenweit entfernt.
Ich weiß nicht mehr, wie ich sie erreichen soll.
Beim Abendessen kommt Schwester Sophia auf mich zu und zieht die Blicke all der anderen Mädchen auf mich.
»Entschuldige, dass ich deine Mahlzeit unterbreche, Cate«, sagt sie und berührt mich an der Schulter. »Cora verlangt nach dir.«
Die Unterhaltung an unserem Tisch stockt und hört schließlich ganz auf. Überall im Esszimmer wird auf einmal getuschelt.
»Natürlich«, sage ich, falte meine Serviette und lege sie auf den Tisch. Es muss wirklich schlimm sein, wenn Sophia nicht mehr helfen kann.
»Soll ich dir das Essen auf dein Zimmer bringen?«, fragt Tess. Sie sitzt beim Frühstück immer mit Lucy und Rebekah und den jüngeren Mädchen zusammen, aber abends isst sie mit mir.
»Nein, danke.« Ich werfe einen bedauernden Blick auf die gebratenen Süßkartoffeln, den Flaschenkürbis und das Hühnchen auf meinem Teller. Nach dem Heilen werde ich nichts davon mehr essen wollen, und es ist besser, derlei Magie nicht mit vollem Magen zu praktizieren.
Im Esszimmer stehen fünf lange Eichentische – vier für die Schülerinnen und einer für die Lehrerinnen. Nach ihrem Streit mit Alice heute Nachmittag hat Vi sich an unseren Tisch gesetzt und damit viel Aufsehen erregt. Maud ist mit ihr gekommen, sie blickt jedoch immer wieder ängstlich zu Alice’ Tisch hinüber.
So wie ich. Als ich sehe, dass Maura mich anstarrt, blicke ich schnell wieder weg.
Sie ist wütend auf mich und eifersüchtig. Doch darüber wird sie hinwegkommen. So ist es nun einmal unter Schwestern; es ist ja beileibe nicht das erste Mal, dass ein Konkurrenzkampf zwischen uns entbrannt ist.
Aber das hier ist wichtiger, als die Frage, zu welcher von uns beiden Tess zuerst krabbeln wird, wer Mutter in die Stadt begleiten darf oder wer ein neues Kleid bekommt. Das hier offenbart im Grunde, wer wir wirklich sind und wozu wir bestimmt sind.
Maura hat noch nie einen Hehl daraus gemacht, klüger, hübscher, ehrgeiziger, interessanter und talentierter zu sein als ich. Bisher habe ich das so hingenommen und den Stachel ignoriert.
Ich habe immer gedacht, sie hätte recht damit.
Ich stehe auf und entferne mich hoch erhobenen Hauptes vom Tisch, ohne dem Tuscheln Beachtung zu schenken. Ich bin diejenige, nach der Schwester Cora verlangt; ich bin die Einzige, die ihr helfen kann. Das muss doch irgendetwas zählen.
Sophia bringt mich in Coras Wohnzimmer und bleibt wie ein flatternder heller Nachtfalter in der Tür stehen. Ich setze mich auf den geblümten Sessel neben Coras. Eine Kanne dampfender Tee steht zwischen uns auf dem Tisch. Cora hat sich selbst bereits eine Tasse eingeschenkt und gießt jetzt auch mir ein.
»Du kannst gehen, Sophia. Danke dir«, sagt sie.
Sophia schlüpft aus dem Zimmer und lässt uns im Halbdunkel zurück. Die Gaslampe auf Coras Schreibtisch wirft nur einen kleinen Lichtkegel, der uns nicht ganz erreicht.
»Sophia sagte, du hättest angeboten, mich zu heilen, Catherine.« Cora trägt einen kornblumenblauen Morgenrock, über ihrem Schoß liegt eine weiße Decke. Das Haar fällt ihr in einem langen Zopf über die rechte Schulter. »Ich bin dir dafür sehr dankbar. Schon ein paar Stunden wieder klar denken zu können, wäre eine große Hilfe.«
Panik steigt in mir auf. »Ich habe die Grenzen meiner Heilkunst noch nicht herausgefunden. Vielleicht …«
Cora schüttelt den Kopf. »Du sollst meinetwegen nicht deine Grenzen überschreiten. Ich bin bereit zu sterben, so weit eine Frau dazu breit sein kann. Ich hoffe bloß auf ein paar Stunden ohne große Schmerzen, um meine Angelegenheiten regeln zu können.« Sie setzt ihre Tasse ab und hält mir die Hand hin, die Handfläche nach oben gewendet. Es ist alles sehr geschäftsmäßig: ticktack, keine Zeit verschwenden.
Ich umfasse ihre Hand, die weich und immer noch warm vom Tee ist. Meine Magie schreckt vor der Krankheit in ihr zurück.
Ich umklammere ihre Hand fester und denke daran, wie sehr wir Schwester Cora brauchen.
Ich bin noch nicht bereit, die Führung zu übernehmen. Tess ist auch noch nicht bereit.
Sie braucht Zeit. Wir brauchen Zeit.
Ich lasse meine Magie fließen, und der Schmerz ist unmittelbar und durchdringend.
Ich keuche, krümme mich, und mein Magen krampft sich zusammen. In meinem Kopf verschwimmt alles; mir ist heiß und schlecht. Aber ich kämpfe weiter gegen die Krankheit in ihr an. Ich denke an die Mädchen – die hochnäsigen wie Alice, ehrgeizige wie Maura, die süßen wie Lucy und die verzweifelten wie Rory. Schwester Cora rettet jedes Jahr ein halbes Dutzend Mädchen vor den Brüdern. Das ist doch Grund genug, für sie zu kämpfen, oder nicht?
Mehr als genug.
Der Schmerz fühlt sich an wie tausend Messerstiche in meinem Magen, in meinem Kopf.
Es ist viel schlimmer als der stechende Schmerz damals, als ich von der Mauer des Schweinestalls gefallen bin und mir das Fußgelenk verstaucht habe. Viel schlimmer als jeder körperliche Schmerz, den ich jemals durchlitten habe.
Mein Blick ist verschwommen, von Dunkelheit umflort, aber ich mache weiter. Ich spüre, dass die Magie wirkt, fühle, wie die Krankheit sich fortstiehlt, schrumpft, sich in ihr dunkles Versteck zurückzieht.
Schließlich spreche ich es laut aus. Es ist ein Keuchen, ein Zauberspruch, ein Schluchzen. Sie darf nicht sterben. Noch nicht.
Die Magie springt von meinem Körper in den ihren über und lässt mich leer, ausgewrungen und von Übelkeit erfüllt zurück. Meine Wirbelsäule ist nur noch ein substanzloses, gummiartiges Ding. Ich falle zur Seite, ihre Hand entgleitet mir. Ich höre auf zu kämpfen.
Mit dem Kopf auf dem Teetisch erwache ich wieder. Das Erste, was ich sehe, ist eine Teetasse. Dann erblicke ich Schwester Coras Silberringe, die das Licht der Lampe reflektieren, während Cora ein Fläschchen Riechsalz unter meine Nase hält. Ich will mich schon über den furchtbaren stechenden Geruch beschweren, aber ich habe Angst, dass ich mich übergeben muss, wenn ich den Mund aufmache. Also sage ich nichts, sondern setze mich einfach nur auf.
Cora kniet neben mir. Ihre Wangen sind jetzt etwas rosiger. »Geht es dir gut?«, fragt sie.
Ich nicke, die Hand abwehrend gehoben, und warte darauf, dass die Übelkeit verschwindet.
»Das war wirklich außergewöhnlich«, sagt sie und erhebt sich. Unter ihrem blauen Rocksaum schauen ihre nackten Füße hervor. »Ich fühle mich fast wieder wie ich selbst.«
Ich darf ihr keine falschen Hoffnungen machen. Vielleicht weiß sie es nicht, aber …
»Es tut mir leid, ich konnte …«
»Wage es nicht, dich zu entschuldigen. Du hast mir genau das gegeben, worum ich dich gebeten habe, und – lass dir das nicht zu Kopf steigen, aber mir geht es zehnmal besser als nach Sophias Besuch. Mir geht es so gut wie vor zwei Monaten.« Cora hebt die weiße Decke vom Boden auf und faltet sie zusammen. »Was du getan hast, war absolut selbstlos.«
Wenn ich mich nicht fühlte, als wäre ich gerade von einem Pferdegespann überrollt worden, würde ich jetzt lachen. In letzter Zeit wurde mir eher das Gegenteil vorgeworfen.
Cora hängt die Decke ordentlich über die Sessellehne, dann reicht sie mir meine Teetasse. »Der ist aus geraspeltem Ingwer, um deinen Magen zu beruhigen. Sophia hat ihn gekocht.«
Mir ist zu schlecht, um Ausflüchte zu machen. »Ich konnte Sie nicht retten. Ich glaube, ich kann niemanden retten.«
Schwester Cora lacht ihr lautes, heiseres Lachen. Es lässt sie jung und voller Leben erscheinen, obwohl sie keins von beidem ist. »Genau deswegen solltest du die Schwesternschaft anführen, Catherine.«
»Aber Maura ist diejenige, die es unbedingt will«, gestehe ich. »Sie ist bereit, alles dafür zu tun. Sie haben sicherlich schon gehört, dass sie sechs Mädchen ihrem Willen unterworfen hat.«
»Ich würde dich jederzeit gegen deine Schwester unterstützen«, sagt Cora, als sie sich setzt. Ein kleiner Teil von mir, noch ganz neu und grün sprießend, ist begeistert von ihren Worten. »Wenn sie die Schwesternschaft anführen würde, wäre sie dann in der Lage, ihre eigenen Gefühle außer Acht zu lassen und das zu tun, was für unsere Mädchen am besten ist? Oder würde sie sich von ihren Gefühlen leiten lassen? Von ihrem Stolz?«
Ich lehne den Kopf gegen den weichen grün-weißen Satinbezug des Sessels und denke an die vielen Vorwürfe, die Maura mir heute Nachmittag an den Kopf geworfen hat. »Ich will helfen. Aber was ist, wenn das nicht ausreicht? Was ist, wenn ich nicht ausreiche?« Ich schließe die Augen, denn es ist mir peinlich, wie pathetisch ich klingen muss. Was ist, wenn ich wirklich zu schwerfällig und vorsichtig bin; wenn etwas Schreckliches passiert, nur weil ich Brenna nicht rechtzeitig befreit habe?
Ich kann das Lächeln in Schwester Coras Stimme hören. »Darüber machen wir alle uns immer wieder Gedanken. Ich stelle mich jeden Tag aufs Neue infrage. An dieser Stelle kommt der Glaube ins Spiel. Wir müssen Vertrauen in die Prophezeiung und die Richtigkeit unserer Sache haben.«
»Das ist aber eine ganz schöne Menge Vertrauen«, sage ich zweifelnd, während ich die flackernde Gasflamme hinter dem Glasschirm der Schreibtischlampe beobachte. »Die Prophezeiung besagt auch, dass eine von uns noch vor der Jahrhundertwende sterben wird. Darein kann ich mein Vertrauen nicht setzen. Ich glaube lieber daran, dass wir unser Schicksal in der Hand haben, dass unsere Entscheidungen ebenso von Bedeutung sind wie unsere Sterne.«
Cora beugt sich auf ihrem Sessel vor. »Natürlich sind unsere Entscheidungen von Bedeutung, Catherine. Sie machen uns erst zu dem, was wir sind. Du bist gegen deinen Willen hierhergekommen, um deine Schwestern und diesen jungen Mann zu beschützen. Das zeugt von deiner Selbstlosigkeit, genau wie es dein Heilen tut.«
»Ich verstehe nicht ganz«, gebe ich zu und werfe ihr einen kurzen Blick zu.
Schwester Cora legt mir eine Hand aufs Knie. Sie bewegt sich jetzt freier, nicht mehr so, als würde ihr jede Bewegung wehtun. »Ich möchte, dass du auf dich selbst vertraust.«
Als ob das so einfach wäre.
»Auch wenn du nicht die Verkündete sein solltest, Catherine, würde ich dich dennoch zu meiner Nachfolgerin wählen«, sagt sie leise. »Inez ist zu rücksichtslos, Maura ihr viel zu ähnlich, und Teresa ist noch zu jung. Wenn die Schwestern wieder an die Macht gelangen, dürfen wir nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Wir brauchen eine Frau, die auch moralische Bedenken äußert.«
Ich blicke in meine Teetasse. Bin ich verrückt, überhaupt darüber nachzudenken? Mich gegen Maura und Inez aufzulehnen, die Führung zu übernehmen, obwohl ich es nicht muss? Wäre es denn so schlimm, Inez die Kontrolle zu überlassen, bis Tess volljährig ist? Ja, sagt mein Gewissen. Was könnte Inez in vier Jahren alles anstellen? Würde sie die Führung der Schwesternschaft nach so einer langen Zeit wirklich wieder aufgeben, oder würde sie einen Weg finden, an der Macht zu bleiben?
»Aber ich will immer noch Finn heiraten«, bekenne ich. »Eine Familie gründen. Ich weiß, das ist furchtbar selbstsüchtig, aber ich will nicht mein ganzes Leben für alle anderen opfern müssen.«
Schwester Cora lächelt. »Das musst du vielleicht gar nicht. Wenn die Dinge sich so entwickeln, wie wir uns das denken, könntest du als Krankenschwester arbeiten und deine eigene Familie haben und dabei helfen, die Schwesternschaft anzuführen. Du müsstest dich nicht entscheiden.«
Ich stelle mir vor, wie es wäre, einen eigenen Garten zu haben, hinter sommersprossigen kleinen Mädchen herzujagen, die Finns unordentliche Haare und meine Vorliebe, auf Bäume zu klettern, geerbt haben. Ich stelle mir vor, wie wir uns abends alle zusammen aufs Sofa kuscheln, während Finn uns Piratengeschichten vorliest. Meine Töchter wären vielleicht Hexen, aber wenn die Schwesternschaft Neuengland regierte, müssten sie keine Angst davor haben, entdeckt zu werden. Sie könnten lernen, ihre Magie weise zu handhaben, statt sie zu fürchten und sich dafür zu schämen.
Sie könnte eine Gabe sein, kein Fluch.
Vielleicht kann ich ihnen dieses Geschenk ja machen.