Kapitel 4
Es gibt nicht genug Kutschen für uns alle, also gehen wir zu Fuß zurück zum Kloster. Es ist ein langer Weg, und der Abend ist bitterkalt geworden. Wir laufen in Zweier- und Dreierreihen über die Gehwege aus Kopfsteinpflaster, die Hände in Fellmuffe oder die Taschen unserer Umhänge gesteckt. Die Stimmung ist gedrückt, noch nicht einmal Rilla bemüht sich um ein Gespräch. Jede Menge Leute strömen an uns vorbei: Väter, die schläfrige Kinder tragen, und Frauen, die sich mit ihren behandschuhten Händen bei ihren Ehemännern untergehakt haben. Ein säuerlich riechender Mann rempelt mich an und entschuldigt sich noch nicht einmal.
Wir verlassen das Regierungsviertel und erreichen das Marktviertel. Bei Tage geht es hier zu wie im Tollhaus mit den vielen Leuten, die bei den Käsehändlern, den Schneidereien und beim Schlachter ein und aus gehen, doch um diese Zeit sind die Läden alle geschlossen. Nur in den Wohnungen darüber flackern jetzt die Kerzen auf, als die Ladenbesitzer von der Bücherverbrennung nach Hause kommen. Schließlich erreichen wir unser eigenes ruhiges Quartier, wo nur noch wenige Menschen zu Fuß unterwegs sind. Die meisten Leute, die in diesen feinen Häusern wohnen, haben die nötigen Mittel, um mit der Kutsche zu fahren. Ich streiche mit den Fingern an einem mit roten Rosen bewachsenen Gitter entlang und atme den süßen Duft ein.
Als wir die Marmorstufen des Klosters erreichen, sehe ich sehnsüchtig zu meinem Zimmer im dritten Stock hinauf.
Drinnen wartet Schwester Cora bereits mit sorgenvoller Miene auf uns. Als alle in der Eingangshalle versammelt sind, hält sie eine Hand hoch, und wir verstummen. »Was wir heute Abend miterleben mussten, war furchtbar. Es tut mir leid, dass ihr das mitansehen musstet. Aber es dient uns als wichtige Erinnerung daran, dass wir unsere Magie unter Kontrolle halten müssen. Was dieser jungen Hexe heute Abend passiert ist, könnte jeder von uns passieren, wenn sie in Wut gerät. Jetzt, da die Brüder nach der neuen Seherin suchen, ist besondere Vorsicht geboten.«
»Das Mädchen war eine Närrin.« Alice legt ihren Umhang ab. Darunter trägt sie ein schwarzes Brokatkleid mit Samtschärpe.
»Das Mädchen war meine Freundin«, fahre ich sie an. »Ist meine Freundin«, verbessere ich mich entsetzt. Sachi ist nicht tot.
Alice verschränkt die Arme vor ihrem üppigen Busen. »Und indem du da gestanden hast, während sie verhaftet wurde, hast du Aufmerksamkeit auf uns alle gezogen. Du kannst von Glück sagen, dass die Wachen dich nicht befragt haben.«
»Catherine hätte sich sicherlich zu helfen gewusst, wenn sie befragt worden wäre«, sagt Schwester Cora. Ihre Stimme wird wieder lauter. »Seid vorsichtig, Mädchen, und verliert die Hoffnung nicht. Diese finsteren Zeiten werden nicht ewig andauern.«
Damit dreht sie sich um und verschwindet die Treppe hinauf im Dunkeln. Die Mädchen hängen ihre Umhänge an Haken in der Eingangshalle, dann verteilen sie sich in alle Richtungen. Die meisten eilen hinauf in ihre Zimmer, manche gehen in die Bibliothek, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wie sie jetzt noch lernen können, einige laufen ins Wohnzimmer, um über die Schrecken des Abends zu sprechen. Meine Hand liegt bereits auf dem hölzernen Treppengeländer, als Rilla mich abfängt.
»Komm, trink noch einen Kakao mit uns«, drängt sie mich. »Du solltest jetzt nicht allein sein.«
Doch allein sein ist genau das, was ich jetzt will. Aber habe ich nicht versprochen, mich zu bemühen, eine bessere Freundin zu sein? Also lasse ich mich von ihr ins Wohnzimmer ziehen. Es gibt zwei Wohnzimmer im Kloster. Eines, das mehr für die privaten und eines, das mehr für die öffentlichen Belange der Schwesternschaft gedacht ist. Letzteres ist der Salon. Im Schülerinnen-Wohnzimmer nehmen wir nach dem Unterricht immer unseren Tee ein, und hier treffen sich die Mädchen abends, um sich zu unterhalten. Es ist ein freundlicher Raum mit blau karierten Baumwollvorhängen, glühenden Gaslampen und bunten im Kettenstich bestickten Teppichen. Es gibt ein Klavier, ein Schachbrett auf einem kleinen Teetisch, einen Korb mit Stricksachen und einen ganzen Stoß Modezeitschriften.
Mei lässt sich in einen blau karierten Sessel fallen, und ich setze mich auf die Ottomane zu ihren Füßen, während Rilla in die Küche läuft und Kakao holt. Alice und Violet nehmen wie üblich auf dem plüschigen rosafarbenen Sofa Platz, und ein paar andere Mädchen verteilen sich auf den verschiedenen Stühlen und Hockern im Zimmer. Ein paar Minuten lang ist das Knistern der Holzscheite im Kamin das einzige Geräusch.
»Mama hat in einem Geheimfach in ihrem Schrank einen ganzen Haufen Romane versteckt«, platzt Lucy Wheeler schließlich heraus und rutscht unruhig auf dem Klavierhocker herum.
»Meine Tante bringt anderen die alten Tänze bei.« Daisy Reed ist ein groß gewachsenes Mädchen mit kakaofarbener Haut und breitem Akzent. »Sie unterrichtet bei sich in der Scheune. Die Mädchen kommen und tanzen zusammen, und mein Onkel spielt dazu schottische Volkslieder auf der Geige. Tante Sadie hat die Tänze von meiner Großmutter gelernt, und meine Großmutter von meiner Urgroßmutter.«
Daisys kleine Schwester, Rebekah, sitzt neben Lucy und knabbert an den Fingernägeln. »Aber sie halten es vor Opa geheim, weil er im Stadtrat ist.«
Mei zieht ihre Gebetskette aus Elfenbein hervor. »Meine Familie praktiziert immer noch ihre alte Religion. Wir sprechen zu Hause Chinesisch. Und wir sind Einwanderer, also sind wir von vornherein schon verdächtig.«
»Mein Vater begeht jeden Tag Verrat.« Violet van Buren ist die Tochter des Kutschers und die Busenfreundin von Alice. »Er würde mit Sicherheit hingerichtet werden.«
»Hört auf. Ihr benehmt euch wie verängstigte kleine Angsthasen, alle von euch. Das ist doch genau das, was sie erreichen wollen«, spottet Alice. »Sie wollen, dass wir Angst haben. Dass wir zu verängstigt sind, uns ihnen zu widersetzen.«
»Ich habe doch nur noch meinen Vater. Wenn ich daran denke, ihn auch noch zu verlieren …« Vi schluckt. Sie ist ein hübsches Mädchen mit glänzenden schwarzen Haaren und großen violetten Augen, deren Farbe zu ihrem Namen beigetragen haben muss.
Alice verdreht die Augen. »Du solltest auf deinen Vater stolz sein! Die meisten anderen Leute sind doch Schafe.«
Vi zieht sich die Nadeln aus dem Haar, legt sie auf die Sofalehne und fährt sich mit den Fingern durch die glänzenden Strähnen. Offensichtlich, um Alice’ Blick auszuweichen. »Ich bin ja auch stolz auf ihn. Aber das heißt nicht, dass ich mir keine Sorgen mache.«
»Ich frage mich, ob vielleicht noch mehr Menschen mit den Brüdern unzufrieden sind.« Meine Stimme ist leise, aber jeder Kopf im Raum dreht sich nach mir um. »Diese Jungen, die Mei mit dem Stein getroffen haben, hatten auf die Brüder gezielt. So etwas habe ich noch nie vorher gesehen.«
»Ich war gestern zu Hause«, sagt Mei und beugt sich vor, um ihre Stiefel aufzuschnüren. »Papa ist eigentlich nicht politisch, aber er hat richtig geschrien, so aufgebracht war er wegen des Verbots der Frauenarbeit. Meine Schwester Li ist vor ein paar Wochen sechzehn geworden, und sie hat sofort eine Anstellung gefunden, wo sie Mieder bestickt und gutes Geld verdient hat. Papa hofft, dass sie wenigstens von zu Hause aus nähen darf, aber wenn nicht …«
»Für die Menschen mit genug Geld wird es gar keinen Unterschied machen. Die Frauen und Töchter der Wohlhabenden gehen sowieso nicht arbeiten«, sagt Alice und klackert unruhig mit ihren Absätzen auf den Holzdielen.
Ich merke, wie ich rot werde. Vater hat auch einmal als armer Lehrer angefangen, doch als er das Reedereigeschäft seines Onkels erbte, wurde er Kaufmann wie Alice’ Vater. Seitdem haben wir immer genug Geld gehabt, und meine Schwestern und ich mussten nie arbeiten. Finn hatte Angst, die Leute könnten sagen, ich würde unter meinem Stand heiraten, wenn ich ihn zum Mann nähme. Er fürchtete, dass ich es ihm letztendlich übel nehmen könnte, meine Knöpfe selbst annähen und mein Essen selbst kochen zu müssen. Das war unter anderem einer der Gründe dafür, dass er der Bruderschaft beigetreten ist – um sich eine Frau leisten zu können.
Seine Nachricht fällt mir wieder ein.
Komm um Mitternacht zur Gartenpforte. Ich muss mit dir reden.
Das war alles.
»Mit mir redet Papa ja kaum über Politik, aber ich wette, es ist ihm absolut gleichgültig«, fährt Alice fort. »Jemandem wie ihm würden die Brüder vielleicht zuhören – jemandem, den sie respektieren –, aber doch nicht irgendwelchen Ladenbesitzern.«
»Aber wenn erst einmal genug Menschen aufgebracht sind …«, setze ich wieder an. Auf der Ottomane sitzend, mit den Knien fast neben den Ohren komme ich mir vor wie ein kleines Kind, das nicht ernst genommen wird, also stehe ich auf.
»Das würde überhaupt nichts ändern. Wir müssen etwas ändern. Warum siehst du das nicht ein?« Alice wirft die Hände in die Luft. »›Diese finsteren Zeiten werden nicht ewig andauern‹, sagt Schwester Cora, aber sie werden auch nicht enden, wenn wir nichts unternehmen! Wir können nicht einfach hier sitzen und darauf warten, dass du endlich irgendwelche Vorhersehungen hast.«
Wieder schießt mir das Blut in den Kopf. Sie hat ja keine Ahnung, wie es ist, sich so vollkommen nutzlos zu fühlen. »Ich wäre froh, wenn ich etwas tun könnte, um es zu beschleunigen!«
»Wärst du das wirklich?«, spottet Alice, und ich sehe schuldbewusst auf den blauen Teppich.
»Wir müssen doch wenigstens irgendetwas tun«, sagt jetzt Lucy. Sie ist eins der jüngsten Mädchen im Kloster, gerade erst zwölf, mit roten Wangen und langen karamellfarbenen Zöpfen. »Wir können doch nicht einfach nur zusehen, wie sie immer mehr Mädchen wegsperren oder … oder sie in Brand setzen!«
»Siehst du, sogar unser Dickerchen kann schon so weit denken«, sagt Alice. Lucy ist etwas pummelig. Noch nicht einmal vor der harmlosen Liebe eines Kindes für Süßigkeiten macht Alice’ böse Zunge halt. »Mach dir doch nichts vor, Cate, diese Leute scheren sich keinen Deut um die Rechte der Frauen. Was sie interessiert, ist doch bloß, was sie auf dem Teller haben. Die Bruderschaft hält sie in Angst und Schrecken – vielleicht sollten wir das auch tun. Vielleicht ist das der einzige Weg, sie alle in Schach zu halten.«
»War das nicht der Grund dafür, dass die Töchter von Persephone überhaupt die Macht verloren haben?«, frage ich.
Keine sagt mehr etwas. Da spüre ich ein Prickeln im Nacken und drehe mich langsam um.
»Miss Cahill?« Schwester Inez steht in der Tür. »Kann ich Sie kurz sprechen, bitte?«
Sie hat immer noch einen starken spanischen Akzent, einen Singsang, der eindeutig im Widerspruch zu ihrer sonstigen Art steht. Ich habe Gerüchte gehört, dass sie schon als Kind vom spanischen Hoheitsgebiet über die Grenze nach Neuengland geflohen ist, um andere Hexen zu finden, und dabei sogar die Hinrichtung riskiert hat. Das hört sich ziemlich romantisch an, doch der Grenzwächter, der sich ihr in den Weg stellt, hat mein aufrichtiges Mitleid. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Blicke töten können.
»Natürlich, Ma’am.« Ich folge Inez den Flur hinunter. Sie betritt ihr dunkles Klassenzimmer, geht bis nach vorne zu dem mächtigen Pult aus Eichenholz und setzt sich kerzengerade dahinter.
»Die Zeiten sind düster für die Töchter von Persephone, Miss Cahill, und vermutlich werden sie noch schlimmer. Die Brüder haben uns heute Abend daran erinnert, wozu sie imstande sind.« Sie ordnet einen Haufen Aufsätze und legt sie beiseite. Obenauf erkenne ich Rillas unordentliche Schrift. »Ich denke, es ist an der Zeit für uns, es ihnen gleich zu tun. Und dafür brauchen wir eine Anführerin. Ein trauriges, durch die Gänge streunendes Kind wird leider nicht ausreichen. Sie müssen stark sein für die Mädchen.«
»Ich bin stark«, entgegne ich irritiert und straffe die Schultern.
»Dann beweisen Sie es.« Sie berührt die Brosche aus Elfenbein an ihrem Hals. Wie immer trägt sie von Kopf bis Fuß schwarzen Bombasin, ohne irgendwelche schmückenden Details, bis auf diese Brosche.
»Ich habe bisher alles getan, worum ich gebeten wurde. Wenn es noch etwas gibt, das ich tun kann, lassen Sie es mich wissen, und ich werde es tun.« Ich habe alles hinter mir gelassen. Finn. Meine Schwestern. Meinen Garten. Ich habe alle, die ich liebe, verlassen, um hierherzukommen und auf diese Weise meine geliebten Menschen zu beschützen. Was könnte ich sonst noch aufgeben?
»Gedankenmagie«, sagt Inez leise. »Das ist unsere größte Waffe gegen unsere Feinde. Ich will sehen, wozu Sie wirklich fähig sind.«
Zögernd blicke ich auf das dicke, in Leder gebundene Wörterbuch auf dem Pult. »Ich soll an Ihnen Gedankenmagie praktizieren?« Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine der anderen sich freiwillig dafür zur Verfügung stellen würde, doch sie scheint mir auch keine zu sein, die gerne die Kontrolle aufgibt.
»Nein.« Schwester Inez’ Mundwinkel zuckt, als hätte ich etwas vollkommen Abwegiges gesagt. »Ich will, dass Sie ins Wohnzimmer gehen und so viele Mädchen wie möglich dazu bringen, zu mir zu kommen.«
Die Gaslampe auf ihrem Schreibtisch zischt. Der blaue Lampenschirm ist mit einer dichten Staubschicht überzogen. Schwester Inez scheint keinen besonderen Wert auf Raumdekoration zu legen. Dem Klassenzimmer fehlt jede persönliche Note. Es gibt keinerlei Bilder oder frische Blumen oder hübsche Vasen. »Bei solch einfachen Befehlen ist das Risiko, Schaden anzurichten, relativ gering, falls es das ist, was Ihnen Sorge bereitet«, sagt sie.
Ich beiße mir auf die Lippe. Sicherlich würde sie ihre Schülerinnen keiner unnötigen Gefahr aussetzten, aber …
»Ich halte es für falsch, ohne die Erlaubnis der Mädchen in ihre Gedanken einzudringen«, erkläre ich. »Vielleicht habe ich bisher noch nicht den Eindruck erweckt, aber ich möchte diese Mädchen als Freundinnen gewinnen. Wie kann ich von ihnen erwarten, dass sie mir vertrauen, wenn ich so etwas tue?«
»Wenn Sie es richtig anstellen, werden sie es niemals erfahren«, sagt Schwester Inez. »Abgesehen davon sind Sie nicht hier, um Freundschaften zu schließen, Miss Cahill, und Sie sind auch nicht unter ihresgleichen. Sie sind die verkündete Hexe. Die Mädchen brauchen Ihnen nicht zu vertrauen, sie müssen Sie noch nicht einmal mögen; sie sollen Sie respektieren. Und wenn die Mädchen Sie ein wenig fürchten, umso besser.«
Ihre Worte beunruhigen mich. Vielleicht hat sie recht damit, aber das ist trotzdem nicht die Art von Anführerin, die ich sein will.
»Warum jetzt?«, frage ich und setze mich hinter ein Pult in der ersten Reihe.
Inez kneift die braunen Augen zusammen, sodass sich die buschigen Brauen in der Mitte beinahe berühren. »Wollen Sie lieber abwarten, bis die Gefahr direkt bevorsteht, und dann feststellen, dass Sie es nicht können? Ihre Zimperlichkeit enttäuscht mich.«
Ich falte die Hände auf der zerkratzten Tischplatte. »Ich bin fest davon überzeugt, dass ich es könnte, wenn ich müsste. Aber ich will es nicht nur deshalb tun, um Ihnen zu gefallen. Ich bin kein Leierkasten-Äffchen, das auf Kommando Zaubertricks vollführt.«
Schwester Inez sieht mich erstaunt an, aber ich halte ihrem Blick stand.
»Natürlich nicht«, sagt sie schließlich und ordnet noch einmal den bereits perfekt sortierten Stapel Aufsätze, so als bräuchten ihre Hände etwas zu tun. »Es tut mir leid. Ich kann verstehen, dass das alles ziemlich überwältigend für Sie sein muss. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob Sie überhaupt die verkündete Hexe sind, jetzt, da diese neuen Prophezeiungen gemacht wurden. Aber solange es sich nicht anders herausstellt, sollten wir weiterhin davon ausgehen, dass Sie es sind. Und wenn Sie tatsächlich die Verkündete sind … nun, dann könnten Sie schon früher als Anführerin berufen werden, als Sie denken.«
»Weil Schwester Cora im Sterben liegt.«
»Sie hat es Ihnen gesagt?« Inez sieht für einen Moment aus, als wäre sie aus dem Konzept geraten. »Ja. Es wäre ein Wunder, wenn sie Neujahr noch am Leben ist. Und wenn Cora stirbt, wird es viele geben, die Sie trotz Ihres jungen Alters und Ihrer Unerfahrenheit an der Spitze sehen wollen, einfach weil Sie die Verkündete sind. Sie sollen wissen, dass Sie auf mich zählen können, wenn es so weit ist und wir Cora verlieren. Sie sind noch ein Kind, Miss Cahill. Die Rolle der Anführerin wird schwierige Entscheidungen – herzzerreißende Entscheidungen – mit sich bringen. Ich bin schon seit Jahren Coras Stellvertreterin. Ich kann diese Entscheidungen mit Ihnen treffen – ich kann sie für Sie treffen, wenn Sie möchten.«
Sie erhebt sich und kommt um ihr Pult herum. »Sie werden im März volljährig, aber es besteht keine Eile. Ich kann so lange die Führung übernehmen, wie Sie es wünschen.« Sie legt mir eine kalte, knochige Hand auf die Schulter. »Verstehen Sie, was ich sage?«
»Ja, Ma’am.« Sie gibt mir noch eine Schonfrist, und zwar eine recht verlockende. »Danke.«
»Gut. Dann sehe ich Sie morgen im Unterricht.«
Damit wäre ich wohl entlassen. Doch als ich aufstehe, beschleicht mich das unheimliche Gefühl, dass ich gerade einer Prüfung unterzogen wurde, nur kann ich nicht sagen, ob ich sie bestanden habe oder ob ich durchgefallen bin.
Zwei Stockwerke weiter unten schlägt die Standuhr Mitternacht. Rilla liegt mit angezogenen Beinen unter ihrer gelben Steppdecke und gibt ein beruhigendes Schnarchen von sich. Ich schleiche auf Zehenspitzen durchs Zimmer, halte kurz die Luft an und öffne die Tür.
Bei jedem Quietschen der Treppenstufen zucke ich zusammen. Unten in der Küche angekommen, wickle ich mir den Umhang um die Schultern und ziehe mir die Kapuze über die langen blonden Zöpfe. Der Novemberwind pfeift unheimlich durch den Schornstein.
Doch die Kälte innerhalb der Klostermauern ist nichts, verglichen mit der draußen. Sobald ich in den Garten betrete, beißt mir die Kälte in Nase, Wangen und Fingerspitzen. Das Wasser in der marmornen Vogeltränke ist gefroren. Ich eile an den beschlagenen Fenstern von Schwester Evelyns Gewächshaus vorbei und sehne mich nach der dampfenden Wärme darin.
Der Wind schneidet durch meinen Umhang, weht mir die Kapuze vom Kopf und peitscht mir die Haare ins Gesicht. Auf dem Pfad aus Schieferplatten zeichnen sich die Schatten ab, die der Halbmond wirft. Nur ein einziges der Mädchen mit einem Zimmer zum Garten müsste jetzt die Nase an das eisige Fensterglas drücken, und ich wäre entdeckt.
Der Garten erstreckt sich über die gesamte Länge der Straße. Am hinteren Ende befindet sich eine schmiedeeiserne Pforte, die auf den Rasen hinter dem Kloster hinausführt. Ich greife nach dem kalten Eisen und ziehe die Tür auf. Da kommt eine große Gestalt um die Gartenmauer gebogen.
Für einen Moment grinse ich einfach nur blöd. Dann laufe ich auf ihn zu, gedankenlos, von Sehnsucht erfüllt.
»Warum?« Sein Gesicht ist von der schwarzen Kapuze verdeckt, doch die Stimme würde ich überall wiedererkennen – nur habe ich sie noch nie so zornig erlebt.
Abrupt bleibe ich stehen, als würde uns eine Glasscheibe trennen.
Es war das Letzte, was Finn an jenem Tag in der Kirche zu mir gesagt hat. Und es ist das Erste, was er mich jetzt fragt.
Wir sind uns so nah. Nur Zentimeter voneinander entfernt. Ich könnte die Hand nach ihm ausstrecken und …
»Wir hatten einen Plan. Ich habe meinen Teil erfüllt. Ich habe darauf gezählt, dass du auch deinen Teil erfüllen würdest. Ich habe darauf gezählt, dass du unsere Verlobung bekannt geben würdest. Was ist passiert, Cate? Bist du …« Die Kapuze weht ihm vom Kopf, und sein kupferfarbenes Haar, das noch unordentlicher ist als sonst, kommt zum Vorschein. Seine Wangen sind rot, genau wie die Ohren. Er nimmt einen tiefen Atemzug und ringt um Fassung. »Haben sich deine Gefühle mir gegenüber geändert?«
»Nein!« Schockiert sehe ich ihn an. Hält er mich wirklich für so launenhaft, für so treulos?
»Dann erklär mir, warum du es getan hast.« Seine Schultern unter dem schwarzen Umhang sind versteift, und so wie er mich ansieht … unglaublich, dass ich ihn eben für kalt gehalten habe.
Ich sollte ihm sagen, dass wir nicht zusammen sein können. Ihn davon überzeugen, dass ich ihn nicht will. Es wäre sicherer für ihn, mich zu vergessen, nach Chatham zurückzugehen und ein anderes Mädchen zu finden. Ich sollte ihn dazu bringen, mich zu hassen.
Ich habe schon eine Menge Lügen erzählt, doch das kann ich nicht. Ich kann es einfach nicht.
»Erklär es mir.« Seine Worte sind abgehackt, aber seine braunen Augen suchen in den meinen nach einer Antwort. Ich bin versucht, ihm alles zu sagen. Ich möchte mich von ihm trösten lassen, mich von ihm überzeugen lassen, meine Ängste von seinen Küsse auslöschen lassen.
Als ich Finn zum ersten Mal geküsst habe und seine Lippen hungrig auf den meinen lagen, seine Hände so leicht wie Federn auf meinem Mieder, habe ich vollkommen den Kopf verloren, so sehr verzehrte ich mich nach ihm. Und dann waren in der Kammer auf einmal überall Federn: Sie waren unter meinen Füßen, schwebten über den Stapeln verbotener Bücher und verfingen sich in Finns unordentlichen Haaren.
Sogar jetzt summt die Magie durch meine Haut, erregt von dieser verrückten Mischung aus Angst und Schuld und Liebe und Scham, die mich durchfährt. Erregt durch Finns Körper, nur Zentimeter vor mir. Er ist der Einzige, für den ich jemals so empfunden habe, der mich halb toll macht vor Verlangen.
»Wenn ich die verkündete Schwester bin, dann bin ich es den anderen Mädchen schuldig. Den anderen … Hexen.« Obwohl wir in dem nächtlichen Garten alleine sind und nur der Wind um uns tobt, senke ich die Stimme beim letzten Wort.
»Und was ist mit dem, was du mir schuldest? Oder dir selbst?« Er lässt die Schultern sinken. »Das bist nicht du, Cate. Du hier in New London, bei der Schwesternschaft – das ist doch nicht, was du willst, oder jedenfalls ist es nicht das, was das Mädchen, das ich liebte, gewollt hat. Aber vielleicht habe ich auch alles falsch verstanden.«
»Nein!«, platze ich heraus, schockiert von dem Zweifel in seiner Stimme. »Ich bin immer noch das gleiche Mädchen.«
»Was hat sich dann geändert? Ich habe von Brennas Prophezeiung gehört. Die Brüder suchen nach dir. Sie werden nicht aufgeben, ehe …« Er stockt, doch wir wissen beide, wie der Satz endet. Ehe ich tot bin. »Oder ist es das? Hast du Vorhersehungen? Du hättest es mir sagen sollen. Du hättest dich mir anvertrauen können …«
»Ich weiß«, unterbreche ich ihn. »Ich habe noch keine Vorhersehungen gehabt.«
»Was ist es dann? Haben sie gedroht, deinen Schwestern etwas anzutun?« Seine Stimme wird weicher, aber der Blick hinter den Brillengläsern ist ungeduldig.
»Nein.« Sie wollten mich, nicht Maura oder Tess. Ich habe sie angefleht, Maura mitzunehmen und mich zu Hause zu lassen, damit ich mich um Tess kümmern könnte. Schließlich war es auch das, was Maura wollte, und dadurch wäre sie von Elena fortgekommen. Aber sie lehnten ab. Sie sagten, eine Hexe meines Kalibers gehöre in die Schwesternschaft.
Bei der Erinnerung daran schaudert es mich.
»Mutter hat extra unseretwegen die Buchhandlung aufgegeben. Das war ihr Lebenswerk. Der Traum meines Vaters. Ich bin der Bruderschaft beigetreten, obwohl ich sie aus tiefstem Herzen verabscheue. Das habe ich für dich getan, und dann bist du einfach gegangen, als wäre … als wäre nichts gewesen!« Finn ist bei den letzten Worten lauter geworden, und jetzt dreht er sich von mir weg und umklammert die Eisenpforte.
»Es tut mir leid.« Doch die einfache Entschuldigung wird nicht genügen. Ich vergrabe die Hände in den Taschen, weil ich sonst dem Drang, Finn zu berühren, nicht widerstehen könnte. »Ich fand es schrecklich, dich so stehen zu lassen. Ich dachte, ich bekäme eine Gelegenheit, es dir zu erklären. Ich wollte dich niemals verletzen.«
»Das hast du aber. Du verletzt mich«, sagt er ganz offen heraus, während er sich mir wieder zuwendet und mich direkt ansieht. »Erkläre es mir jetzt. Das bist du mir schuldig.«
Ich sehe an ihm vorbei auf die vollkommen schwarzen Fenster des Klosters. »Wir sollten hier nicht so für alle Welt sichtbar herumstehen«, sage ich und führe ihn von der Pforte weg und weiter hinein in den Garten. Die Buchsbäume sind mit Raureif überzogen. Wir drücken uns in eine abgeschirmte Ecke, wo es frisch und grün und ruhig ist. Hier kommt es mir gar nicht so vor, als wären wir in einer riesigen, stetig wachsenden Stadt. Wir könnten überall sein.
Ich sage ihm nur ungern die Wahrheit – und nehme damit die Last von meinen Schultern, um sie ihm aufzubürden –, aber vielleicht ist es besser, er weiß, was auf dem Spiel steht. Wie sehr er sich jedes Mal in Gefahr bringt, wenn er sich mir nähert. Dann kann er für sich selbst entscheiden, ob es das Risiko wert ist, mich zu lieben.
Die Angst, er könnte sich dagegen entscheiden, ringt mit meinem Bedürfnis, ihn in Sicherheit zu wissen.
»Es waren nicht meine Schwestern, mit denen sie mich erpresst haben«, flüstere ich.
»Dein Vater?«, fragt er, und ich schüttle den Kopf.
Als ihn die Erkenntnis trifft, schließt er die Augen hinter den Brillengläsern. Dann lässt er einen Schwall von Schimpfwörtern los. »Ich war es.«
»Und sie drohten damit, deine Mutter anzuzeigen. Oder Clara.« Ich habe einen Kloß im Hals, und meine Stimme ist nur noch ein Krächzen.
»Verdammt«, murrt Finn. Er schlägt mit der Hand gegen die hohe Steinmauer, die unser Grundstück von dem der Nachbarn trennt. »Du hättest es mir sagen sollen. Wir hätten doch zusammen eine Lösung finden können. Jetzt stecken wir beide hier fest, die halbe Stadt ist hinter dir her, und die Brüder werfen Buchhändlerinnen ins Feuer. Ich hätte beinahe ein Pferd gestohlen, um nach Hause zu reiten. Ich bin immer noch versucht, es zu tun.«
»Das würde nur noch mehr Verdacht erregen«, sage ich. Ich mache einen Schritt auf ihn zu, meine Hand streift ganz leicht seinen Arm, sodass ich beinah seine Wärme durch den Umhang spüren kann.
»Das weiß ich selbst«, fährt er mich an, und ich mache wieder einen Schritt zurück. »Ich kann die Bruderschaft nicht einfach verlassen. Glaub mir, ich habe genug darüber nachgedacht.«
»Es tut mir leid, Finn. Es tut mir so leid.« Ich weiß nicht, was ich noch sagen kann.
Er fährt sich mit der Hand durch die Haare. »Ich habe dich vermisst. Ich habe nicht verstanden, warum du gegangen bist, und es hat mich fast wahnsinnig gemacht. Und zu Hause wird es immer schlimmer. Die Brüder – wir – haben letzten Monat zwei Mädchen in Chatham verhaftet. Und so ist es gerade überall in Neuengland. Harwood quillt über vor Unschuldigen.«
Er klingt verbittert. Weiß Gott, wozu er alles gezwungen wurde. »Wer waren die Mädchen?«
»Mina Coste, wegen unsittlicher Handlungen.« Finn zieht die Stirn in Falten, und ich muss mich zurückhalten, nicht darüberzustreichen. Mina ist die jüngste Tochter der Familie, die die Pension in Chatham betreibt: ein gertenschlankes, fröhliches Mädchen mit rotblondem Haar. »Ihr Vater hat sie erwischt, als sie sich eines Abends aus dem Fenster geschlichen hat. Sie hat sich geweigert zu sagen, wo sie hinwollte. Er hat sie geschlagen, Cate, und Bruder Ishida hat ihm praktisch dazu gratuliert, und ich stand einfach nur da. Ich konnte einfach nur dastehen!«
Ich balle die Hände zu Fäusten. So habe ich Finn noch nie erlebt. Er hat sich zwar immer schon über die strikten Regeln der Bruderschaft geärgert, aber dieser kaum im Zaum gehaltene Zorn ist neu. Ich fühle mich schuldig. »Das muss furchtbar für dich gewesen sein.«
»Für sie selbst war es noch viel furchtbarer. Und ich konnte nichts dagegen tun!« Er gibt ein wütendes Lachen von sich. »Und dann haben sie Jennie Sauter mit einem alten Atlanten erwischt. Dabei ist sie doch nur ein Mädchen aus einer ungebildeten Bauernfamilie, das etwas über die Welt lernen wollte, und …«
Mitten im Satz bricht er ab. »Und es wird alles noch viel schlimmer werden. Einerseits will ich nach Hause, um Mutter und Clara zu beschützen, aber andererseits will ich auch hier bleiben, wo ich nach dir sehen kann.«
»Wo wir beide nacheinander sehen können«, korrigiere ich ihn und mache einen Schritt auf ihn zu.
Er lächelt, bis hinauf zu seinen Augenwinkeln. Da löst sich der Knoten in meinem Bauch etwas. Vielleicht kann er mir ja doch vergeben. »Das würde mir gut gefallen, wenn du ein bisschen nach mir siehst. Ich habe mich ganz elend gefühlt ohne dich.«
»Genau wie ich mich ohne dich. Ich habe dich schrecklich vermisst.« Ich spüre seinen Blick auf meinem Mund, die Luft zwischen uns knistert regelrecht. »Du könntest der Bruderschaft doch sagen, dass du es dir anders überlegt hast. Ich würde es dir nicht verübeln.«
»Es ist Verrat, die Bruderschaft zu verlassen, wenn der Initiationsritus erst einmal vollzogen ist.« Finn zieht den rechten Handschuh aus und hält die Hand mit dem silbernen Amtsring hoch. »Außerdem glaube ich – hoffe ich –, dass ich mehr ausrichten kann, wenn ich bleibe.«
Die Ernsthaftigkeit, mit der er dies sagt, ist mein Ruin. Ich gehe noch einen Schritt auf ihn zu, und als er mich an sich zieht, erdrückt er mich fast mit seiner Umarmung. Seine Lippen liegen weich an meiner Schläfe.
»Cate«, murmelt er voll Verlangen.
»Ich weiß.« Ich streiche ihm über das stoppelige Kinn, dann lege ich die Arme um seine Taille, lasse den Kopf an seine Schulter sinken und atme den Geruch von Tee und Tinte ein, den Geruch von Finn.
Ich bin so glücklich, dass es mir die Kehle zuschnürt.
Bis heute wusste ich nicht, ob ich ihn jemals wieder so umarmen könnte.
Seine Hände streichen mir durchs Haar, über den Rücken, fahren meine Hüften entlang, als wolle er sich versichern, dass ich es wirklich bin, dass ich wirklich hier bin, in seinen Armen, heil und gesund. Seine Lippen wandern von meiner Schläfe zum Wangenknochen. Begierig nach seinem Kuss neige ich den Kopf nach hinten.
Ich werde nicht enttäuscht.
Für ein paar Augenblicke besteht meine ganze Welt nur noch aus Finn – seinem Mund, seinen Händen. Schließlich löse ich mich von ihm und vergrabe das Gesicht in seiner Halsbeuge. Zitternd umarmt er mich. »Guter Gott, bist du kalt.«
»Mir geht’s gut«, versichere ich ihm. Doch über uns schlägt die Turmuhr halb eins.
»Du solltest wieder reingehen. Nicht, dass dein Fehlen bemerkt wird.«
»Keine Sorge. Das Mädchen, mit dem ich mir das Zimmer teile, hat einen tiefen Schlaf.«
»Die mit den kurzen Haaren und den Sommersprossen? Die dir den Cider gegeben hat?«, erinnert er sich, und ich nicke. Eine närrische Freude erfasst mich, weil er mich beobachtet hat, weil er ebenso an mich gedacht hat wie ich an ihn.
»Sie ist sehr lieb.« Ich beuge mich etwas zurück, um ihn besser sehen zu können. »Wie geht es Rory?«
»Sie war ganz hysterisch. Ich habe ihr etwas Whiskey gegeben und bin bei ihr geblieben, bis sie eingenickt ist.«
»Danke, dass du dich um sie gekümmert hast.« Das ist ganz und gar Finns Art, sich um alle kümmern zu wollen, noch dazu um ein heulendes Mädchen, das er kaum kennt. »Es war Rory, die vorhin gezaubert hat, nicht Sachi. Rory hat die Kontrolle verloren.«
Dann erkläre ich Finn, dass Sachi und Rory Schwestern sind und außerdem beide Hexen, und Finn ist sichtlich überrascht. »Sachi kommt nach Harwood, oder?«, frage ich.
Finn nickt. Seine schokoladenbraunen Augen sind voll Kummer. »Das wird sich nicht vermeiden lassen. Es gibt einfach zu viele Zeugen.« Ich weiß, dass er recht hat, aber es zerreißt mir trotzdem das Herz. Finn verschränkt seine Finger mit den meinen. »Meinst du, du kannst es riskieren, dich noch einmal so aus dem Haus zu schleichen? Nicht zwei Nächte hintereinander, aber …«
»Übermorgen?«, schlage ich vor.
»Sonntag«, stimmt er zu. »Ich kann es gar nicht erwarten. Ich … ich liebe dich, Cate.«
Es fühlt sich immer noch genauso zauberhaft an, ihn das sagen zu hören. Ich gebe ihm einen ganz leichten Kuss auf die Lippen, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. »Und ich liebe dich. Daran darfst du niemals zweifeln.«
Diese Stelldicheins um Mitternacht sind verrückt und gefährlich, für beide von uns. Übermorgen scheint mir noch eine Ewigkeit entfernt – besonders, da vorher noch mein Besuch in Harwood ansteht. Aber als ich mich ins Kloster zurückstehle, bin ich entschlossener denn je, meine magischen Kräfte zu nutzen, um die Dinge zu verändern.
Die letzten Monate ist bloß ein blasser, trauriger Abglanz von mir über diese Flure geschlichen, doch jetzt, durch Finns Liebe und die Aussicht darauf, meine Schwestern bald wiederzusehen, bin ich wieder ganz da.
Das Gefühl der Zuversicht ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn als ich in die dunkle Küche schlüpfe und mich gerade hinunterbeugen will, um meine Stiefel aufzuschnüren, sehe ich, wie Schwester Inez mich anstarrt.
»Hallo, Miss Cahill.« Sie hockt auf einem hohen Küchenstuhl neben dem Kamin, in dem orangeglühend ein Rest Asche zusammenfällt. »Ihre Zimmergenossin hat Ihre Abwesenheit bemerkt und sich Sorgen gemacht, dass Ihnen ein schlimmes Unglück widerfahren ist – oder Sie vielleicht entführt wurden.«
Ich lache gezwungen. »Rilla liest zu viele Romane. Ich konnte nicht schlafen, also habe ich einen Spaziergang im Garten gemacht.«
»Um Mitternacht? Bei diesem Wetter?« Schwester Inez zündet eine Kerze an und stellt sie auf den Eichentisch zwischen uns, der in der Küche als Arbeitsfläche dient. »Sie brauchen sich gar keine Mühe zu geben, mich für dumm zu verkaufen. Ich habe gesehen, dass Sie nicht alleine waren.«
Betroffen schweige ich. Hat sie es schon weitererzählt? Soll ich ihre Erinnerung daran auslöschen? Wahrscheinlich müsste ich auch Rillas Gedächtnis beschwören, um zu verhindern, dass sie Inez unangenehme Fragen stellt. Meine Gedanken rasen.
»Es gibt keinen Grund, etwas Voreiliges zu tun.« Sogar jetzt trägt Inez ihre schwarze Uniform. Schläft sie etwa darin? Ihr kastanienbraunes Haar ist zu einem langen Zopf geflochten, der ihr bis zur Taille reicht, und obwohl sie fast vierzig sein muss, ist es nur an den Schläfen schon leicht grau. »Ich habe nicht die Absicht, Bruder Belastra zu schaden.«
Ich hänge meinen Umhang an den Haken neben der Tür, obwohl ich Inez nur ungern aus den Augen lasse. Es kommt mir vor, als würde ich einer giftigen Schlange den Rücken zukehren.
Sie trommelt mit ihren langen, knochigen Fingern auf den Tisch, und der Silberring der Schwesternschaft spiegelt das Kerzenlicht wider. »Ich nehme an, Sie sind wieder miteinander ins Reine gekommen? Er vergibt Ihnen, dass Sie ihn verlassen haben?«
Als ob ich ihn jemals hätte verlassen wollen. Ich nicke kurz.
»Und er weiß Bescheid? Er weiß, was die Schwesternschaft wirklich ist? Es hilft nichts, wenn Sie mich anlügen«, fügt sie schneidend hinzu.
»Er wird es niemandem erzählen. Er steht uns sehr viel wohlwollender gegenüber als der Bruderschaft«, versichere ich ihr. Ich stehe immer noch nahe bei der Eingangstür, mit dem Rücken zur Wand, dort, wo die hellgelbe Tapete von grauem Ruß befleckt ist.
»Das ist perfekt.« Inez lächelt. »Bruder Belastra ist allem Anschein nach ein tüchtiger junger Mann. Ein Mitglied des Höchsten Rats, Bruder Denisof, hat gerade eine Stelle als Schriftführer zu besetzen. Wenn Belastra sich darauf bewirbt, könnte ich dafür sorgen, dass er genommen wird. Dann könnte er hier in New London bleiben – und denken Sie doch nur, wie hilfreich es für die Schwesternschaft wäre, einen solchen Verbündeten zu haben.«
Die Idee ist gar nicht mal so schlecht. In ein paar Wochen wird die Tagung des Nationalrats zu Ende sein, und dann wird Finn mit Bruder Ishida nach Chatham zurückkehren müssen. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen würden. Ist es egoistisch von mir, so zu denken?
»Ich würde Sie natürlich darum bitten, dass diese Vereinbarung unter uns bleibt. Sie dürfen niemandem davon erzählen, noch nicht einmal Cora«, sagt Schwester Inez.
Ich nähere mich ihr ein Stück. Die Kupfertöpfe an der steinernen Wand hinter dem Herd glühen regelrecht im Kerzenlicht. »Aber sie hat doch bereits einen Spion im Höchsten Rat, oder nicht?«
»Das ist wahr.« Inez verzieht den Mund. »Aber wenn Sie und ich zusammenarbeiten, wären wir unschlagbar. Cora ist bereit, Dutzende von Mädchen in den Händen der Brüder leiden, wenn nicht sogar sterben zu lassen. Sie wird Ihnen sagen, dass Opfer gebracht werden müssen, dass es Jahre dauern wird, bis wir so weit sind, die Macht mit den Brüdern zu teilen – und auch nach Jahren wäre es bloß geteilte Macht.« Schwester Inez spuckt die Worte regelrecht aus. »Wenn es nach mir ginge, wären wir innerhalb von ein paar Monaten an der Macht. Sie und Mr Belastra könnten heiraten, statt sich heimlich treffen zu müssen.«
Ich beuge mich vor und stütze die Hände auf den Tisch. Darauf liegt das Brot, das Schwester Sophia fürs Frühstück gebacken hat. »Ich habe meine Absichtsbekundung bereits hinter mir. Ich kann nicht mehr heiraten.«
Inez lehnt sich mir von der anderen Seite des Tisches entgegen. »Wenn das Bestehen der Schwesternschaft nicht länger von Bedeutung wäre, könnten Sie tun, was immer Sie wollen.«
Inez benutzt meine Gefühle für Finn, um mich zu beeinflussen. Ich weiß es, und doch bin ich nicht dagegen gefeit. Ihre Argumente überzeugen mich. Nach dem, was wir heute Abend mit ansehen mussten, sind Inez’ Argumente vielleicht sogar überzeugender als Schwester Coras Vorsicht.
»Werden Sie mit ihm reden? Werden Sie ihn bitten, sich auf die Stelle zu bewerben?«
Ich zögere. »Was müsste er sonst noch tun?«
»Vorerst nichts weiter.« Inez pustet die Kerze aus. »Sie tun das Richtige, Miss Cahill. Setzen Sie Ihr Vertrauen in mich, und ich werde mich darum kümmern, dass wir beide bekommen, was wir wollen.«