Kapitel 7

Am nächsten Tag beim Nachmittagstee nimmt Tess einen Teller Kürbisscones. »Setzen wir uns in den Salon?«, fragt sie mich und geht schon los, während ich uns zwei Tassen Tee einschenke.

Maura zieht an einem von Tess’ Zöpfen, als sie an dem rosafarbenen Sofa vorbeikommt. »Wo gehst du hin?«

»Cate und ich wollten uns ein etwas ruhigeres Plätzchen suchen«, erklärt Tess. »Möchtest du mitkommen?«

Maura verdreht die Augen. »Oh, nein, ich will euch nicht stören.«

Ich schütte Milch und Zucker in Tess’ Tee, so wie sie es gerne mag, und gebe vor, nichts zu hören. Tess seufzt. »Du würdest uns nicht stören, Maura. Ich habe sie nur seit Wochen nicht gesehen und will, dass sie mir alles erzählt.«

»Schon in Ordnung. Ich finde die Gesellschaft hier sowieso anregender«, sagt Maura und wendet sich wieder Alice zu. Tess ist anzusehen, wie verletzt sie ist.

»Na vielen Dank«, murmelt sie. Als ich mit dem Einschenken des Tees fertig bin, gehen wir schweigend in den Salon und schließen die Tür hinter uns.

»Erzähl, wie war es zu Hause?«, frage ich.

Tess hockt sich auf das harte Sofa und zieht die bestrumpften Beine an. Dann beißt sie in den Scone, und der Duft von Zimt und Muskat zieht durch die Luft. Tess deutet auf den anderen Scone auf dem Teller. »Du solltest etwas essen. Du bist viel zu dünn.«

Ich entfache ein Schwefelholz an der Zunderdose und zünde die Gaslampen zu beiden Seiten des Kamins an. So haben wir zumindest die Illusion von Wärme. Es ist eiskalt ohne ein Feuer im Kamin, trotz des Zischens der Heizung. »Weichst du meiner Frage etwa aus?«

»Nein. Na ja, vielleicht doch.« Tess hält mir den Scone hin, und ich lasse mich neben sie aufs Sofa fallen. »Du machst dir ständig Sorgen um uns. Darf ich mich nicht auch ein bisschen um dich sorgen?«

»Nein.« Aber um sie zu beschwichtigen, beiße ich einmal in den Scone. »So. Jetzt erzähl.«

»Es war nicht gerade schön.« Tess seufzt und bindet die rosafarbene Schleife an ihrem Zopf neu, als wollte sie meinem Blick ausweichen. »Nachdem du weg warst, ist Maura fast eine ganze Woche in ihrem Zimmer geblieben. Dann haben Elena und sie sich um die Wette angebrüllt. Maura war … ich habe sie noch nie so wütend erlebt. Vater ist sogar gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Daraufhin hat Maura Gedankenmagie bei ihm angewandt, um ihn vergessen zu lassen, was er gehört hatte, und danach war sie irgendwie anders. Letzte Woche habe ich sie dabei erwischt, wie sie an John und Mrs O’Hare geübt hat.«

»Was?«, keuche ich. Die O’Hares arbeiten seit unserer frühesten Kindheit als Haushälterin und Kutscher für uns; sie gehören praktisch zur Familie.

»Ja.« Unglücklich sieht Tess mich mit ihren grauen Augen an. »Und ich glaube, es war nicht das erste Mal. Ich weiß nicht, wie oft sie es vorher schon gemacht hat, ohne dass ich es gemerkt habe. Sie wollte es mir nicht verraten.«

»Und was hat sie zu ihrer Verteidigung gesagt?« Ich lege den angebissenen Scone auf den Teller zurück.

Tess zuckt mit den Schultern. »Sie fand nicht, dass sie irgendetwas Falsches getan hätte. Sie sagte, sie müsse an mehreren Objekten üben, die sich nicht zur Wehr setzen können. Ich habe ihr gesagt, wenn sie es jemals wieder macht, würde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr mit ihr reden.« Im Gegensatz zu Maura ist so etwas bei Tess keine leere Drohung. »Sie hat geschworen, es nicht wieder zu tun.«

»Geht es den O’Hares gut?« Ich fahre die in die Armlehne geritzte Ananas nach.

»Anscheinend schon. Ich mache mir viel mehr Sorgen um Maura. Sie ist inzwischen richtig besessen von Magie. Auf dem Weg hierher hat sie Elena die ganze Zeit über die Schwesternschaft ausgefragt, wenn sie nicht gerade mit Paul geschäkert hat. Als ob sie hofft, sie könne die verkündete Schwester sein, wenn sie sich nur genug Mühe gibt.« Tess beißt sich auf die Lippe. »Ich glaube nur nicht, dass die Prophezeiungen so funktionieren. Ich habe keine Ahnung, was Maura macht, wenn sie es nicht ist.«

»Noch wütender werden? Ich dachte eigentlich, wir hätten gestern Abend einen Waffenstillstand ausgehandelt, aber sie hat mich seitdem überhaupt nicht beachtet.« Ich lasse die Schuhe fallen und ziehe wie Tess die Beine an, sodass sie unter meinen Röcken verschwinden. »Gefällt es dir hier nicht?«

»Doch, es ist großartig. Sehr … heimelig.« Tess betrachtet den Salon und verdreht die Augen.

»Ich meine es ernst!«, protestiere ich. Ich kann regelrecht spüren, wie die Schulleiterinnen von den Porträts auf mich herabblicken und meinen Gefühlsausbruch missbilligen. Es kommt mir sehr unwahrscheinlich vor, dass ich eines Tages ihre Nachfolge antreten werde.

»Ich bin doch erst einen Tag hier«, sagt Tess. »Ich habe mir noch keine Meinung gebildet.«

»Ich würde es nicht aushalten, wenn du auch noch böse auf mich wärst.« Ich glätte die Rüschen an meinem blau karierten Kleid. »Ich weiß, dass du lieber zu Hause bei Vater geblieben wärst und …«

»Ich kann verstehen, warum du uns hast kommen lassen«, unterbricht Tess mich. »Es wird mir schon gefallen. Es ist nur alles ein bisschen überwältigend. Ich bin es nun mal gewöhnt, dass wir unter uns sind. Ich habe das Gefühl, hier starren mich alle an.«

Tess trägt ein neues blaues Kleid mit rosa- und lilafarbenen Punkten. Mit den rosafarbenen Schleifen in den Zöpfen sieht sie sehr süß und mädchenhaft aus. Ich habe das Bedürfnis, mich um sie zu kümmern, sie zu bemuttern, doch ich habe ihr versprochen, sie nicht länger wie ein Kind zu behandeln.

»Sie sind eben alle ziemlich neugierig wegen der Prophezeiung. Du wirst dich dran gewöhnen.«

Sie nickt. »Sie scheinen ja alle sehr nett zu sein. Zumindest fast alle.«

Ich fühle, wie Wut in mir aufsteigt, und die Hand mit dem Scone, von dem ich gerade abbeißen wollte, bleibt mitten in der Luft hängen. »War eine unfreundlich zu dir? Wer?«

»Cate, du siehst aus, als wolltest du jemandem mit dem Scone den Schädel einschlagen.« Tess kichert. Ich erröte und lege das Gebäck zurück auf den Teller. »Niemand war gemein zu mir, aber Alice und Vi sind nicht besonders nett zu dir

Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich will, dass du hier Freundinnen findest.«

Tess runzelt die Stirn. »Ich könnte mich mit keinem Mädchen anfreunden, das dich nicht mag, du Dummerchen.«

Ganz gerührt nehme ich sie in den Arm. Maura denkt darüber offensichtlich anders. Sowohl gestern beim Abendessen als auch heute beim Frühstück saß sie mit Alice und Vi an einem Tisch.

Auf einmal lächelt Tess. »Weißt du was? Schwester Gretchen hat angeboten, mir Deutsch beizubringen.«

Ich erwidere ihr Lächeln. »Mei spricht mit ihrer Familie Chinesisch. Sie würde es dir garantiert auch beibringen.«

»Chinesisch?« Tess freut sich wie verrückt. »Wirklich?«

»Ja. Möchtest du sie fragen? Sie spielt bestimmt noch mit Addie Schach.« Ich puste die Lampen aus, und Tess nimmt den Teller und ihre immer noch volle Teetasse. Auf dem Flur bleibt sie auf einmal stehen.

»Wie schön«, sagt sie und zeigt auf die silberne Briefablage auf dem Tisch. Darauf steht ein ausgefallener Briefständer in Form einer Leier. Als sie danach greift, verschüttet sie ihren Tee über den ganzen Tisch. »Ups!«

Ich nehme den triefend nassen Brief an Schwester Cora vom Tisch und wedle damit in der Luft. »Hol ein Küchentuch.«

»Ist der Brief noch zu retten?«, fragt Tess. »Nimm ihn besser aus dem Umschlag, damit er nicht durchweicht.«

Ich runzle die Stirn. »Ich kann doch nicht Schwester Coras Post aufmachen.« Der Brief hat keinen Absender; er muss persönlich abgegeben worden sein. Was ist, wenn es etwas Wichtiges ist, und wir haben es gerade unlesbar gemacht? Tess eilt davon, und ich fahre mit dem Fingernagel unter das rote Wachssiegel. Es trägt den Buchstaben B.

Ich muss den Brief ja nicht lesen, überlege ich. Ich nehme ihn einfach nur aus dem Umschlag, um ihn in Sicherheit zu bringen.

Wie sich herausstellt, hätte ich mir gar keine Gedanken machen brauchen. Der Brief ist am unteren Ende ein bisschen braun vom Tee, aber die sechs Zeilen sind immer noch lesbar – bis darauf, dass die Buchstaben so angeordnet sind, dass sie nicht den geringsten Sinn ergeben.

Tess kommt mit einem Küchentuch herbeigeeilt. »Ist der Brief nass geworden?«, fragt sie und beißt sich auf die Lippe. »War es etwas Wichtiges?«

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist eine verschlüsselte Nachricht.« Ich halte ihr den Brief hin.

»Wirklich?« Sie reißt ihn mir aus der Hand und legt die Stirn in Falten. Genau wie Vater, wenn er über einer Übersetzung brütet. »Das ist die Caesar-Verschiebung«, sagt sie, nachdem sie eine Minute konzentriert darauf gestarrt hat.

»Muss ich wissen, was das bedeutet?«

»Das ist ein symmetrisches Verschlüsselungsverfahren, bei dem jeder Buchstabe durch einen anderen ersetzt wird. Es heißt, Caesar hat drei Verschiebungen nach rechts benutzt – also A durch D ersetzt, B durch E, C durch F und so weiter. Das hier sieht allerdings so aus, als wäre es eine Verschiebung um zwei nach links, also …« Tess überlegt. »A wird zu Y, B zu Z, C zu A und so weiter. Das ist gut. Nicht so einfach zu knacken.«

Ihre Schlauheit verblüfft mich immer wieder aufs Neue. »Aber du hast es gerade in weniger als einer Minute gelöst.«

Sie errötet. »Vater hat ein Buch über Geheimschriften. Nachdem ich das gelesen hatte, habe ich Mrs O’Hare ungefähr einen Monat lang verschlüsselte Nachrichten geschrieben. Sie war aber nicht besonders gut darin, sie zu lesen; ich musste ihr immer den Schlüssel dazu geben. Aber egal, kein normaler Mensch könnte den Code einfach so entziffern. Oder ihn überhaupt entziffern.«

Ich muss lachen. Nur Tess ist dazu in der Lage. »Soll das heißen, du kannst das hier lesen?«

»Ja.« Ihr Grinsen erlischt, als sie sich auf den Text konzentriert. »Es heißt: Höchste Alarmbereitschaft nach unserem jüngsten Bericht aus Harwood. Haben in den letzten 2 Tagen 8 Mädchen verhaftet – so muss es stimmen, sonst wären es 6 Mädchen in 0 Tagen, und das wäre unsinnig – ohne Anhörung. Sie werden unter strenger Bewachung im Keller des Nationalratsgebäudes festgehalten, wo sie« – Tess’ Stimme stockt, und ich lege ihr eine Hand auf die Schulter – »gefoltert werden und Hunger leiden. Es würde mich nicht wundern, wenn sie einfach verschwänden. Sogar unter Zwang schwören 6 sie können nicht hellsehen. 2 behaupten es zu können, aber eine ist verrückt und die andere dumm. Die Familien sind in heller Aufregung. Vielleicht können wir einen Vorteil daraus ziehen

Für einen Moment sind wir beide sprachlos. »Die Armen«, sage ich schließlich.

Dabei bin ich diejenige, die die Brüder wollen. Acht unschuldige Mädchen müssen leiden, während ich sicher in meinem Bett liege.

Tess wirft den Brief auf den Tisch und starrt mich an. »Wie«, fragt sie mich, »sollte daraus bitte irgendjemand einen Vorteil ziehen können?«

»Schwester Cora hofft, dass die Menschen der Brüder überdrüssig werden, dass sie schon bald bereit für eine neue Führung sind. Eine geteilte Führung, zwischen den Brüdern und den Hexen«, erkläre ich und schreite den Flur auf und ab. »Je schlimmer die Brüder sind, desto besser könnten die Leute von uns denken.«

Tess stemmt finster dreinblickend die Hände in die Hüften. »Das heißt, sie lässt diese armen Mädchen verrotten, in der Hoffnung, dass daraus ein Aufstand entsteht? Das ist nicht richtig. Wir müssen etwas unternehmen.«

Ich sehe aus dem Fenster neben der Eingangstür, als gerade ein schwarzer Brougham vorbeifährt. Die Hufe der Pferde klappern laut durch die Stille. Die Rotahorne wiegen ihre kahlen Äste im Wind. »Ich weiß nicht, was.«

»Ich hole Maura«, sagt Tess schließlich.

Während sie davonhastet, nehme ich den Brief vom Tisch und gehe zurück in den Salon, wo ich die Gaslampen wieder anzünde. Dann setze ich mich auf den Seidensessel neben dem Kamin, sehe zu den Weinrebenverzierungen empor und hoffe auf eine Eingebung.

Kurz darauf erscheint Tess mit Maura. Maura ist rasend vor Wut, ihre blauen Augen blitzen zornig. »Was denkt sich Cora dabei, diese armen Mädchen umbringen zu lassen? Wer weiß, wie viele die Brüder noch schnappen werden!«

»Was soll sie denn sonst tun? Sie beschützt damit uns«, erkläre ich.

Maura lässt sich aufs Sofa sinken. Sie trägt wieder ein neues Kleid, saphirblau mit schwarzen Nadelstreifen. »Alice sagt, der Kriegsrat tagt gerade und diskutiert mögliche Schritte.«

»Der Kriegsrat?«, frage ich, als Tess sich neben Maura setzt.

»Der Kriegsrat der Schwestern. Alice hat mir alles darüber erzählt. Cate, du bist seit einem Monat hier. Weißt du eigentlich überhaupt nichts?«, seufzt Maura. »Der Kriegsrat besteht aus Schwester Cora, Gretchen, Sophia, Johanna, Evelyn und Inez. Den sechs ältesten Mitgliedern der Schwesternschaft. Sie stimmen über alle wichtigen Entscheidungen ab, aber Alice sagt, in letzter Zeit finden sie sich ständig in festgefahrenen Situationen wieder, weil Inez und Cora sich nicht einigen können.«

Alice sagt, Alice sagt. »Und woher weiß Alice das alles?«, frage ich gereizt.

»Sie ist eine furchtbare Schnüfflerin, daher weiß sie es«, gibt Maura zu, und ich muss lachen. »Aber das ist sehr hilfreich. Sie hat auch Johanna und Inez belauscht, als sie über Brennas letzte Prophezeiung gesprochen haben. Brenna hat den Brüdern gesagt, dass die neue Seherin jetzt in New London sei.« Etwas eingebildet steckt sie sich eine rote Locke hinters Ohr.

»Das muss dann der jüngste Bericht aus Harwood sein«, sage ich und wedle mit dem Brief. »Der hat die Brüder anscheinend in helle Aufregung versetzt, sodass sie jetzt überall nach Seherinnen suchen.«

Tess beugt sich vor und nimmt mir den Brief aus der Hand. Sie liest ihn noch einmal ganz genau durch, als hoffe sie, dass sie ihn falsch übersetzt hat. »Das ist alles unsere Schuld.«

»Es ist nicht unsere Schuld. Es ist Brennas Schuld, weil sie nicht den Mund halten kann«, entgegnet Maura. »Was ist, wenn ihre nächste Prophezeiung die Brüder direkt an unsere Türschwelle führt? Ihnen unseren genauen Aufenthaltsort verrät?«

Ich blicke auf den braunen Teppich. »Vielleicht können wir Rory hineinschmuggeln, damit sie Brenna zum Schweigen bringt.«

Tess klopft sich wiederholt mit dem Brief auf ihr gepunktetes Knie. »Wenn Brenna aufhört, ihnen ihre Vorhersehungen zu verraten, werden sie sie ebenfalls foltern. Sie ist nur so lange davor sicher, wie sie den Brüdern von Nutzen ist.«

Ich verziehe unwillkürlich das Gesicht, als ich mir vorstelle, wie die Brüder Brenna die Finger abschneiden. Ihr die Beine brechen.

Maura klopft mit ihrem schwarzen Schuh auf den Boden. Mit gespielter Gleichgültigkeit sagt sie: »Dann wäre es eine Erlösung für sie, ihr Leiden zu beenden.«

Ungefähr eine Minute ist es absolut still im Raum. Eine Kutsche fährt vorbei; ich kann das Rattern der Räder und das Klappern der Hufe hören. Tess sitzt ganz steif da, ihre Schultern sind angespannt. »Du willst sie umbringen?«, fragt sie leise.

»Ich will es nicht, aber … was für ein Leben hat sie schon an diesem Ort?« Mauras aufgesetzte Unbekümmertheit ist auf einmal verflogen, als sie mich mit ihren blauen Augen hoffnungsvoll anschaut. In dem Moment sieht sie wieder aus wie meine kleine Schwester, mit ihrem herzförmigen, offenen Gesicht, das um Zustimmung fleht, die ich ihr nicht geben kann.

»Es ist immer noch ihr Leben«, argumentiere ich, als mir wieder einfällt, was Schwester Sophia gestern in der Kutsche gesagt hat. »Es steht uns nicht zu, Gott zu spielen.«

»Sie würden sie foltern, und wer weiß, was sie alles aus ihr herausbekommen? Es wäre ein schneller Tod, wenn es eine von uns machen würde. Alice sagt, Schwester Sophia könnte es praktisch mit einem Fingerschnippen erledigen.«

Hat Schwester Sophia so etwas schon einmal gemacht – auf Befehl der Schwesternschaft getötet? Wollte sie mich davor warnen, dass die Schwesternschaft eines Tages auch von mir so etwas verlangen könnte? Bei dem Gedanken wird mir ganz übel.

»Brenna geht es nicht gut«, sagt Tess. Sie ist ganz blass geworden. »Wer weiß, was es mit einer Person macht, wenn sie in die Zukunft sehen kann? Wir sollten es so betrachten: Was würden wir tun, wenn eine von uns dort eingesperrt wäre?«

»Es könnte schon sehr bald eine von uns sein, wenn sie ihre Vorhersehungen nicht für sich behält.« Maura nimmt die Teetasse mit Goldrand, die sie aus dem Wohnzimmer mitgebracht hat, und trinkt einen Schluck Tee. »Brenna war auch schon vorher merkwürdig. Ich wette, ihr Verrücktsein hat viel mehr damit zu tun, dass sie Brenna ist, als damit, dass sie Vorhersehungen hat.«

Ich verziehe das Gesicht, als mir Thomasina Abbotts Geschichte wieder einfällt. »Es könnte nicht schaden, wenn du etwas mehr Mitgefühl zeigen würdest.«

»Wir können uns den Luxus, Mitgefühl zu zeigen, aber gerade nicht leisten.« Maura stellt ihre Teetasse scheppernd zurück auf die Untertasse. »Ihretwegen werden gerade acht unschuldige Mädchen ermordet. Wie viele Leben gefährden wir jeden Tag, indem wir Brenna schonen?«

»Nein, Maura. Es wäre nicht richtig. Wir sind keine Mörderinnen.« Tess’ graue Augen sind ernst.

»Vielleicht bist du noch zu jung, die Vielschichtigkeit des Ganzen zu verstehen«, bemerkt Maura.

»Wage es ja nicht.« Tess springt auf, ihre Zöpfe fliegen um ihren Kopf. »Ich bin vielleicht jung, aber das heißt nicht, dass ich dumm wäre oder kein Recht auf eine eigene Meinung hätte.«

Auch ich erhebe mich. »Tess hat recht.«

»Natürlich!« Maura wirft die Hände in die Luft.

»Was mit diesen Mädchen passiert, ist schrecklich, und ich hoffe, dass Schwester Cora und der Kriegsrat sich etwas einfallen lassen, dem ein Ende zu setzen.« Ich sehe auf den Brief in Tess’ Hand, der inzwischen etwas zerknittert ist, weil sie ihn so fest umklammert. »In der Nachricht steht, wir könnten vielleicht einen Vorteil daraus ziehen. Wir könnten die öffentliche Meinung auf unsere Seite bringen. Ich denke nicht gerne so gefühllos darüber, aber vielleicht sollten wir abwarten und …«

»Abwarten, abwarten«, äfft Maura mich nach, und ihre blauen Augen funkeln zornig. »Du und Cora seid wirklich ein feines Gespann. Himmel, ich hoffe, ich bin die Seherin, sonst wird die Schwesternschaft niemals irgendetwas unternehmen! Du würdest dich einfach zurücklehnen und völlig sorgenfrei dabei zusehen, wie Mädchen sterben!«

Ich trete einen Schritt vor, das Kinn hoch erhoben. »Ich sorge mich sehr wohl um die Mädchen.«

»Du hast aber eine merkwürdige Art, es zu zeigen«, fährt Maura mich an, und dann stampft sie aus dem Zimmer und schlägt die Tür hinter sich zu.

Tess lehnt sich gegen den marmornen Kaminsims, die Tränen laufen ihr das Gesicht hinunter. »Ich bin bloß wütend«, erklärt sie, als sie sich die Tränen wegwischt. »Ich finde es furchtbar, so von oben herab behandelt zu werden. Und ich mag es nicht, wenn Maura so tut, als wäre sie mir … überlegen. Dabei plappert sie bloß Schwester Inez alles nach.«

Ich nicke. Es ist schlimm genug, solche kaltherzigen Absichten von Inez zu hören, aber von Maura, die Brenna kennt und praktisch mit ihr aufgewachsen ist! Seit wann kann Maura so gelassen über Mord sprechen?

Heute Abend werde ich Finn treffen, aber ich weiß immer noch nicht, wie ich mit Inez’ Vorschlag, ihn für die Schwesternschaft spionieren zu lassen, umgehen soll. Ich kann ihr nicht ganz trauen, aber ich bin der Geheimnisse und Lügen so müde, und ich ertrage den Gedanken nicht, dass Mädchen Leid zugefügt wird, weil wir zu verängstigt sind, die Bruderschaft zu bekämpfen. Wenn Finn uns Informationen über die Pläne der Bruderschaft beschaffen kann, könnte Inez sie dann nutzen, um die Brüder zu stürzen?

Inez ist eine Frau, die einen Krieg gewinnen könnte, aber zu welchem Preis?

Tess zieht sich auf ihr Zimmer zurück, und ich gehe wieder ins Wohnzimmer, um Mei wegen der Chinesischstunden zu fragen. Als ich den Raum betrete, sitzen Maura, Alice und Vi zusammen auf dem Sofa und unterhalten sich. Maura wirft mir einen kurzen Blick zu. Lucy Wheeler spielt gerade ziemlich schlecht auf dem Klavier, ihre Freundinnen Hope und Rebekah stehen daneben, blättern die Seiten um und singen die alten Volkslieder mit. Hope hat einen schönen, hohen Sopran. Mei und Addie sind nicht mehr da, aber Rory sitzt zusammengesackt in einem blau karierten Sessel in der Ecke und blättert lustlos durch Modezeitschriften. Als ich hereinkomme, sieht sie auf. »Cate!«

»Rory. Hast du deine Briefe abgeschickt?«

Rory ist gestern ins Kloster gezogen, Bruder Ishida hatte keine Einwände. Cora hatte angeboten, mit ihm zu reden, aber es war gar nicht nötig; wahrscheinlich war er froh, Rory los zu sein. Daraufhin hat Schwester Cora an Mrs Elliott geschrieben und Rory an Nils, um ihre Verlobung aufzulösen. Tess und ich haben ihr gestern nach dem Abendessen dabei geholfen. Es ist ein wahres Meisterwerk geworden: Weil sie die Bösartigkeit ihrer Busenfreundin nicht erkannte, will sie jetzt dafür büßen, indem sie ihr Leben ganz dem Herrn widmet, statt ihren irdischen Gefühlen für Nils nachzugeben.

Rory nickt. Sie sieht wieder ganz aus wie sie selbst in ihrem karmesinroten Kleid mit den Spitzenärmeln. »Nils findet bestimmt schnell eine Neue. Ich habe ihn schon mal dabei ertappt, wie er Emily Ruhl angesehen hat.«

Ich lasse mich auf die große blaue Ottomane zu ihren Füßen fallen. »Wirst du ihn vermissen?«

Rory zuckt mit den Schultern. »Ich glaube schon. Ich werde es vermissen, jemanden zu küssen, jemanden zu haben, der mir das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein«, sagt sie und blinzelt ein paar Tränen weg. »Ich schätze, du weißt, was ich meine. Sachi hat mir erzählt, dass es Finn war, den du geküsst hast, nicht Paul McLeod.«

Ich spüre ein Kribbeln im Nacken und schaue über die Schulter. Ich hätte gedacht, dass Maura und Alice gerade über mich lästern, aber stattdessen erblicke ich Schwester Inez im Türrahmen. Sie sieht zu meiner Schwester herüber. »Maura, kann ich dich kurz sprechen?«

Maura schaut erwartungsvoll zu ihr empor. »Natürlich.«

Verwundert blicke ich den beiden hinterher, bevor ich mich wieder Rory zuwende. »Sachi hat dir alles erzählt, oder?« Sie war die Einzige, der ich mein Geheimnis verraten habe, gleich nachdem sie mir erzählt hatte, dass Rory ihre Schwester ist.

Rory wird rot, was ich bei ihr noch nie gesehen habe; ich wusste gar nicht, dass sie dazu fähig ist. Sie blickt zu den kleinen Mädchen am Klavier hinüber, zu Alice und Vi auf dem Sofa.

»Nachdem ich sie dabei erwischt hatte, wie sie Elizabeth Evans geküsst hat«, flüstert sie.

»Elizabeth Evans – geküsst?« Elizabeth Evans ist ein großes hübsches Mädchen und die Nichte des Chocolatiers von Chatham.

»Guck doch nicht so, Cate! Ich war natürlich auch schockiert. Ich hatte Angst um meine Unschuld«, scherzt Rory und wirft ihr dunkles Haar zurück.

Ich muss kichern. Rorys Beziehung zu Nils war alles andere als keusch. »Da hat Sachi mir erklärt, dass sie es ganz bestimmt nicht auf mich abgesehen habe, woraufhin ich beleidigt war! Warum nicht? Ich bin doch ein attraktives Mädchen.« Rory verdreht lachend die Augen. »Dann hat sie Angst bekommen, dass ich plante, sie herumzukriegen, um zu beweisen, dass ich begehrenswert bin, also hat sie mir schließlich eröffnet, dass wir Schwestern sind.«

»Und dann?«

Rory verschränkt die Arme über ihrem üppigen Busen. »Ich war böse auf sie, dass sie mir nicht schon eher die Wahrheit gesagt hatte. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass ich durch die Straßen laufen und unseren lieben Papa öffentlich anprangern würde oder dass ich ein Saufgelage veranstalten würde. Was ich beides nicht getan habe, aber …« Das Lächeln verschwindet von Rorys Gesicht. »Wie sich herausgestellt hat, hatte sie wohl recht damit, es mir nicht anzuvertrauen.«

Ich lege ihr die Hand auf den roten Ärmel. »Es tut mir leid.«

Rory beißt sich auf die Lippe, ihre braunen Augen sind voll Kummer. »Du denkst doch jetzt nicht schlecht von ihr, oder?«

»Weil sie ein Mädchen geküsst hat oder weil sie dir vertraut hat?« Ich sehe sie fragend an. »In beiden Fällen: nein.«

»Elizabeth ist ganz vernarrt in sie«, sagt Rory. »Es hat Spaß gemacht, Sachi damit aufzuziehen.«

»Die arme Elizabeth.« Ich blicke über die Schulter, als Maura zurückkommt und sich wieder neben Alice setzt. Ob Maura und ich besser miteinander auskommen würden, wenn ich ihr Verliebtsein in Elena wohlwollender aufgenommen hätte? Wenn ich sie damit aufgezogen hätte, statt auszuflippen? Aber es war natürlich etwas ganz anderes, schließlich hat Elena nur mit ihr gespielt. Dabei will ich doch, dass Maura das Gleiche zuteil wird, was ich mit Finn habe, dass sie genau so glücklich wird, wie er mich macht.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr auf dem Kaminsims. Es sind noch mehrere Stunden, bis ich ihn wiedersehe, und es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Er muss davon gehört haben, dass die Brüder diese armen Mädchen gefangen genommen haben. Wir müssen etwas unternehmen, aber was? Finn wird bestimmt nicht mit Maura übereinstimmen, dass es die beste Lösung wäre, Brenna umzubringen.

»Meinst du, es ist möglich, jemanden aus Harwood zu befreien?«, fragt Rory.

Da verstummt auf einmal das Klavier, doch Hope und Rebekah singen weiter.

»Ich glaube, es wäre sehr schwierig.«

Dann hört Hope auf zu singen, und kurz darauf verstummt auch Rebekah. Ich drehe mich zu ihnen um, weil ich denke, dass Lucy uns vielleicht belauscht hat, aber sie verlässt gerade das Zimmer. Eine Sekunde später folgen ihr Hope und Rebekah. Als ich mich wieder Rory zuwende, steht sie auf und lässt die Zeitschrift auf den Sessel fallen. Ihr Gesichtsausdruck ist irgendwie merkwürdig – seiner üblichen Lebendigkeit beraubt.

»Rory?«, frage ich, doch sie reagiert nicht, sondern schließt sich bloß der seltsamen Prozession an.

Ich kann mir das Ganze nicht erklären, bis ich sehe, wie Vi sich vom Sofa erhebt. Neben ihr steht Maura und blickt ausdruckslos ins Kaminfeuer. Kaum eine Sekunde später folgt Alice Vi zur Tür hinaus.

Steh auf. Aus dem Nichts ergreift der Gedanke von mir Besitz. Meine Glieder spannen sich an, und ich bin kurz davor, mich zu erheben, als ich das verräterische Kribbeln von Mauras Zauber fühle.

Nein, denke ich. Ich verankere meine Stiefel fest am Boden und falte die Hände im Schoß. Ich richte mich auf dem blauen Kissen auf, fühle die Wärme des Feuers in meinem Rücken. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Atmung, ich widerstehe dem Drang, aufzustehen und zur Tür hinauszugehen.

Der Augenblick geht vorüber. Als ich die Augen öffne, steht meine Schwester mit breitem, löwenhaften Grinsen vor mir. »Ich habe alle außer dir dazu gebracht. Sechs!«, ruft sie.

Ich verkrampfe die Schultern. Meine Gedanken gehören mir, ich will nicht, dass eine andere Person darin herumstochert und damit herumexperimentiert, noch nicht einmal meine Schwester.

»Ach, sei doch nicht böse.« Maura runzelt die Stirn. Außer uns ist jetzt niemand mehr im Wohnzimmer. »Schwester Inez wollte es.«

»Maura, diese Mädchen sind angeblich deine Freundinnen. Und du bist einfach ohne ihre Erlaubnis in ihre Gedanken eingedrungen?« Ich stehe auf und lege die Hände auf den Rücken. »Du siehst überhaupt nichts Falsches daran?«

»Ich habe sie doch bloß in ein anderes Zimmer gehen lassen. Das war nichts. Ich hab niemandem geschadet«, behauptet Maura. »Jetzt sei doch nicht so eine Spielverderberin, Cate.«

Das verräterische tap, tap, tap von Schwester Inez’ Absätzen erklingt, als sie aus ihrem Klassenzimmer den Flur hinunterkommt. »Gute Arbeit, Maura«, sagt sie.

Maura strahlt. »Sechs – das ist außergewöhnlich, nicht wahr? Das ist mächtig

»Allerdings«, räumt Schwester Inez ein. Doch dann sieht sie mit ihren Argusaugen mich an. »Haben Sie etwas gespürt, Miss Cahill?«

»Ja«, gebe ich zu. »Ich wollte aufstehen und zur Tür gehen … und gleichzeitig auch wieder nicht. Es war sehr merkwürdig.«

»Sie haben den Zwang gespürt, konnten ihm aber widerstehen.« Schwester Inez betrachtet mich wie einen Käfer unterm Mikroskop. »Das ist auch das letzte Mal passiert, als Maura Gedankenmagie bei Ihnen praktiziert hat, richtig?«

Ich nicke. Ich wage es nicht, meine Schwester anzublicken, aber ich merke, wie sie innerlich zusammenfällt.

»Nun. Sechs Objekte sind immer noch eine beeindruckende Leistung. Bisher hat keine andere Schülerin hier etwas Ähnliches vollbracht. Ich wünschte, es gäbe mehr von uns, die dazu fähig sind; es könnte uns sehr von Nutzen sein, wenn ein Krieg ausbricht.« Schwester Inez gesteht Maura ein schwaches Lächeln zu, aber ihr Blick schießt gleich wieder zu mir. »Wenn Miss Cahill auch eine Prüfung ablegen würde, könnte ich besser beurteilen, welche von euch beiden mächtiger ist.«

»Gedankenmagie ist aber nicht die einzige Art von Magie, die zählt«, erwidere ich.

Mauras Blick ist von Zorn erfüllt. Ich habe es schon oft erlebt, dass meine Schwester böse auf mich war, öfter als ich zählen kann. Sie hat sich mir gegenüber verächtlich, abweisend und eifersüchtig verhalten. Aber so wie jetzt hat sie mich noch nie angesehen.

Als würde sie mich hassen.

Ich will Mauras Leistungen gar nicht schmälern, wirklich nicht. Aber diese Besessenheit von der Gedankenmagie macht mir Angst. Warum ist Schwester Inez nur so darauf fixiert? Was hat sie vor?

Mich schaudert.