Kapitel 15

Wir sitzen beim Frühstück, als die Türglocke klingelt. Schwester Sophia stellt einen Teller dampfender Pfannkuchen auf unseren Tisch und eilt zur Tür. Alle im Raum halten inne. Ob das die Brüder sind? Wer sonst würde um diese Uhrzeit vorbeikommen? Lucy und Rebekah waren gerade dabei, sich in Bewegungszauber zu üben, indem sie sich ein Duell mit Buttermessern lieferten. Die Messer fallen jetzt scheppernd auf den Tisch, als sie den Zauber aufheben. Lehrbücher werden in Bibeln verwandelt. Alle Farbe entweicht aus dem Raum, als wir uns in die tristen Gewänder der Schwesternschaft kleiden. Neben mir verwandelt sich Rorys leuchtend orangefarbenes Spitzenkleid in düstere schwarze Wolle. Als sie die Umwandlung abgeschlossen hat, nimmt sie sich einen Pfannkuchen und bestreicht ihn mit Butter. Ich schiebe meinen Teller beiseite.

»Mei?« Schwester Sophia erscheint in der Tür. »Dein Bruder möchte mit dir sprechen. Er wartet im Salon auf dich.«

»Es muss wegen Li und Hua sein.« Mei schiebt ihren Stuhl zurück, ihr rundes Gesicht ist voller Sorge. »Cate, kannst du mitkommen?«

»Natürlich.« Das Geplapper am Tisch setzt wieder ein, der Raum wird von Rosa und Violett und Saphirblau erfüllt, als die Mädchen ihre Verkleidung ablegen. Rilla ertränkt ihren Pfannkuchen in Ahornsirup.

Ich unterdrücke ein Lächeln, als ich einen kurzen Blick mit Tess wechsle. Mei wird erleichtert sein zu hören, dass ihre Schwestern gesund und munter zu Hause sind. Wenigstens ein erfreuliches Ereignis an einem sonst so schrecklichen Tag.

Nur … sobald wir Yang in seinem geflickten braunen Mantel vor dem kalten Kamin stehen sehen, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Das ist nicht der fröhliche, schelmische Bruder, von dessen Streichen Mei so gerne erzählt. Die Mundwinkel seiner vollen Lippen zeigen nach unten, und die dunklen Augen weichen ängstlich ihrem Blick aus. Was für Neuigkeiten er auch hat, er wird sie nur ungern erzählen.

Mei neben mir bleibt schlagartig stehen und umklammert meine Hand so fest, dass meine Knochen knacken. Sie hält sich gar nicht erst mit Begrüßungsfloskeln auf. »Was ist passiert?«

»Li und Hua wurden heute Morgen erneut gefangen genommen.« Yang schluckt, und sein Adamsapfel hüpft auf und ab. »Die Wächter haben sie noch vor Sonnenaufgang geholt.«

»Erneut gefangen genommen?« Mei blinzelt ihn an. »Ich … ich verstehe nicht ganz.«

Mir sinkt das Herz. »Wo wurden sie hingebracht?« Ich hoffe verzweifelt, dass sie eine Verhandlung bekommen und nach Harwood geschickt werden. Wenn es Harwood ist, kann ich sie retten. Wenn es Harwood ist, haben wir Tess’ Vorhersehung trotzdem geändert.

»Aufs Gefängnisschiff«, sagt Yang und bestätigt meine Befürchtung. »Sie sind gestern aus dem Gefängnis geflohen. Oder … jemand hat sie befreit. Hexen, heißt es. Alle Häftlinge sind entkommen, bis auf zwei, die von den Wächtern erschossen wurden. Wir hatten vor, die Mädchen zu unserer Cousine Ling zu schicken, aber Mama wollte, dass sie vorher wenigstens noch eine Nacht ordentlich schlafen. Sie waren gerade dabei, ihre Sachen zu packen, als die Wächter kamen. Eine Stunde später und sie wären schon fort gewesen.« Er boxt sich mit der Faust in die Handfläche.

Mei schlägt die Hand vor den Mund. »Es gibt keine Verhandlung?«

»Nein. Die Wächter sagten, wir könnten froh sein, dass wir nicht alle verhaftet wurden, weil wir Flüchtlingen Unterschlupf gewährt haben.« Yang schüttelt den Kopf, und die zottigen schwarzen Haare fallen ihm in die Stirn. »Der ganze Wagen war voller Gefangener. Sie haben wahrscheinlich alle mitgenommen, die sie zu Hause aufgefunden haben. Ich hoffe, die meisten waren schlau genug, sich woanders zu verstecken.«

Mei lässt sich auf den Seidensessel sinken, ihr sonnengelbes Kleid hebt sich leuchtend von dem hässlichen Braun ab. Ich habe ihr vorhin noch gesagt, dass sie aussieht wie eine Narzisse. Jetzt wird sie dieses Kleid wahrscheinlich immer mit diesen furchtbaren Nachrichten in Verbindung bringen. Ich kann ihr ansehen, dass sie versucht, nicht zu weinen, aber ihre Unterlippe zittert trotzdem.

»Ich werde sie vielleicht nie wieder sehen«, sagt sie leise.

»Das darfst du nicht denken.« Ich knie mich neben sie.

»Ach, Mei«, sagt Yang und legt ihr die Hand auf die Schulter.

Sie schüttelt ihn ab. »Du konntest dich ja wenigstens noch von ihnen verabschieden!«

»Haben sie gesagt, wie hoch die Strafe sein wird?«, frage ich.

Yang schluckt. »Fünf Jahre.«

Ich halte den Blick auf den hässlichen braunen Teppich gesenkt. Ob sie vielleicht freigelassen worden wären, wenn wir nicht eingegriffen hätten? Statt Tess’ Vorhersehung zu verhindern, haben wir sie vielleicht erst recht geschehen lassen.

»Wenigstens kommen sie nicht nach Harwood«, sagt Yang. »So ist noch nicht alles verloren.«

Mei steht auf, strafft die Schultern und wirft mit einem Mal all ihre Verzweiflung ab. »Sie werden es schaffen. Wir müssen Vertrauen haben.«

»In wen, den Herrn? Die Brüder?«, spottet Yang.

»In Li und Hua. Die beiden sind starke Mädchen. Sie sind klug. Sie werden sich umeinander kümmern.« Mei legt ihrem Bruder eine Hand auf den Arm. »Du bist jetzt zu Hause der Älteste, wo Li nicht mehr da ist. Du musst dich um die Kleinen kümmern und Baba im Laden helfen. Du darfst nichts Unüberlegtes tun, verstanden?«

Yang nickt. Er ist selbst gerade erst fünfzehn. »Werde ich nicht.«

»Gut. Dann geh jetzt nach Hause«, sagt Mei und umarmt ihn kurz. »Sei vorsichtig.«

»In Ordnung«, sagt er und schlurft mit rotem Gesicht von dannen. Seine Hosenbeine und der Mantel sind immer noch tropfnass von dem weiten Weg durch den Schnee bis hierher.

Mei winkt ihm zitternd aus der offenen Tür hinterher. Vis Vater, Robert, schaufelt gerade den Weg auf der Vordertreppe frei. Der Himmel ist tiefgrau, und es schneit immer noch, aber die Flocken sind jetzt dicker, was bedeutet, dass der Sturm allmählich nachlässt. Wir blicken Yang hinterher, bis er nicht mehr zu sehen ist, dann geht Mei zurück in den Salon, lässt sich aufs Sofa fallen und sieht mich mit purer Verzweiflung an.

»Ich sollte nach Hause gehen«, sagt sie.

»Es könnten sicherlich alle verstehen, wenn du für ein paar Tage zu deiner Familie willst.« Ich kauere mich nieder, um den Kamin anzuzünden.

»Ich meine für immer. Vielleicht kann ich ja heimlich für jemanden arbeiten. Ich bin zwar nicht so gut im Nähen wie Li, aber ich könnte es zumindest versuchen. Oder ich könnte mich um die Kleinen kümmern, damit Mama arbeiten kann«, sagt Mei.

Ich beuge mich über den Kamin, um die Holzscheite mit dem Schürhaken zu verschieben. »Du wirst in ein paar Wochen siebzehn. Du müsstest dir ziemlich schnell einen Ehemann suchen.«

Mei lässt ihre roten Schuhe fallen und zieht die Füße unter sich. »Baba hat Freunde, deren Söhne chinesische Frauen heiraten wollen. Ihre Familien würden vielleicht eine Mitgift für mich zahlen. Hier kann ich doch nichts ausrichten. Und es wird eh nicht lange dauern, bis die Brüder die Klosterschule ganz schließen.«

»Ich fände es schade, wenn du gehen würdest«, gebe ich zu und stoße wieder mit dem Schürhaken ins Feuer. Ein Holzscheit fällt mit einem Funkenregen herunter. Selbstsüchtig hoffe ich, dass sie bleibt und mir mit dem Plan für Harwood hilft. Beim bloßen Gedanken daran zieht sich mir der Magen zusammen. Es sind jetzt noch drei Tage. Elena war diese Woche nicht da, sie hat ihre Familie am anderen Ende der Stadt besucht. Aber sie war eben beim Frühstück. Ich werde sie um Hilfe bitten müssen, auch wenn es mir nicht gefällt.

Da klopft es leise an der Tür, und Tess schaut herein. Sie lächelt und erwartet offenbar, von der gelungenen Befreiungsaktion zu hören. »Was ist mit deinen Schwestern passiert, Mei?«

Ich winke ab, meine Nerven liegen blank. Tess wird verzweifelt sein. »Ich erzähle es dir später, Tess.«

Ihr Lächeln verblasst. »Nein. Erzähl es mir jetzt.«

Mei stützt ihr Kinn auf die Knie. »Sie sind gestern entkommen, aber heute Morgen wieder gefangen genommen worden.«

»Nein.« Tess reißt die grauen Augen auf. »Wie das?«

»Die Wächter sind von Haus zu Haus gegangen, und haben alle Häftlinge wieder mitgenommen, sagt Yang. Sie sind für fünf Jahre aufs Gefängnisschiff gebracht worden.«

»Nein. Oh nein. Das ist alles meine Schuld.« Tess lässt sich auf den Boden fallen, und ihr graues Taftkleid legt sich in Stoffbahnen um sie herum.

»Tess«, warne ich sie, während ich aufspringe und die Tür hinter ihr zuziehe, »sei nicht dumm. Du hattest damit nichts zu tun!«

»Ich dachte, ich hätte es geändert«, murmelt Tess den Tränen nahe. »Ich dachte, es hätte funktioniert. Sie waren doch frei. Cate, das bedeutet …«

»Ich weiß«, unterbreche ich sie und knie mich neben sie. Damit hat sich auch diese Prophezeiung so erfüllt wie vorhergesagt.

Aber darüber kann ich jetzt nicht nachdenken. Ich verbanne den Gedanken, um ihn mir für später aufzuheben. Jetzt muss ich erst einmal Tess helfen. Sie ist so klug, und sie war so vorsichtig, sie wird bestimmt nicht …

»Es tut mir leid. Es tut mir so leid«, sagt sie zu Mei.

Manchmal vergesse ich, dass sie gerade erst zwölf ist.

Mei begreift sofort. »Yang sagte, es wären Hexen gewesen, die die Häftlinge befreit haben. Warst du das? Hast du mir deswegen all diese Fragen darüber gestellt, wo sie festgehalten wurden?«

Tess nickt, und ich würde ihr am liebsten den Mund zuhalten, damit sie nicht von den Vorhersehungen erzählt, aber das wäre wahrscheinlich auch ziemlich auffällig. »Ich wollte doch nur helfen. Es war eiskalt da drinnen, und sie hatten bestimmt Hunger, und es war ein altes Schlachthaus.« Sie schnieft. »Was ist, wenn es durch mich erst passiert ist?«

Ich lache kurz. »Tess, du redest dummes Zeug. Du hättest es doch nicht wissen können.« Ich stehe auf und versuche, sie hochzuziehen, aber sie rührt sich nicht vom Fleck. »Du bist aufgebracht. Lass mich dich auf dein Zimmer bringen.«

Sie starrt aus dem vereisten Fenster. »Der Himmel war so grau wie jetzt, mit dicken, fetten Schneeflocken. So wie wenn ein Schneesturm anfängt – oder vielleicht auch aufhört. Ich habe den Himmel gestern gesehen und dachte: Jetzt. Das ist meine Gelegenheit. Ich kann die Dinge verändern. Es war überheblich von mir.«

Ich sehe nervös zu Mei hinüber. »Komm, Tess. Lass uns raufgehen.«

»Ich habe versagt.« Tess vergräbt das Gesicht in den Händen.

Mei starrt uns beide an. Sie steht auf, und ich denke schon, dass sie weglaufen will, aber stattdessen stellt sie sich auf die Zehenspitzen und zieht den Lüftungsschlitz vom Kamin zu. Dann kauert sie sich zu uns auf den Boden.

»Tess, du bist die Seherin?«, flüstert sie.

Tess hebt ihr tränenüberströmtes Gesicht. »Bitte vergib mir.«

»Niemand weiß es, Mei«, ermahne ich sie. »Noch nicht einmal Maura. Niemand.«

»Ich werde es nicht verraten. Ich schwöre es.« Mei sieht Tess ehrfürchtig an, als wäre sie kein weinendes Mädchen, sondern eine Göttin. Als hätte sie nicht gesehen, wie Tess sich mit Tee bekleckert hat, oder als hätte sie Tess nicht beim Schachspielen geschlagen oder sie mit ihrer schlimmen chinesischen Aussprache aufgezogen. »Ich dachte, dass du gestern vielleicht … als du während unseres Unterrichts auf einmal …«

»Es tut mir leid«, schluchzt Tess, und ihr ganzer Körper zittert. »Ich wollte sie retten. Ich hätte niemals gedacht, dass die Brüder sich all ihre Namen aufgeschrieben haben und wo sie wohnen.«

»Sch, sch. Schon gut.« Ich sehe Mei an und bete, dass sie Tess hilft, sich selbst zu verzeihen. »Gestern beim Frühstück, als ihr auf einmal schwindelig wurde, hat sie vorhergesehen, wie die Häftlinge auf das Schiff gebracht wurden. Sie wollte es verhindern.«

Mei legt Tess zögernd eine Hand aufs Knie. »Ein paar von ihnen sind bestimmt davongekommen. Yang sagte, wenn die Wächter eine Stunde später gekommen wären, wären Li und Hua schon auf dem Weg zu unserer Cousine gewesen. Ich wette, viele der Häftlinge waren nicht zu Hause oder haben einen falschen Wohnort angegeben oder so.«

»Ich konnte es nicht ändern. Es sollte genau so passieren.« Tess wischt sich mit beiden Handrücken die Tränen weg. »In den Büchern steht, die Seherinnen sind unfehlbar, aber es gab noch nie eine Seherin, die auch eine Hexe war, also dachte ich … aber ich lag falsch. Ganz gleichgültig, wie viele schlimme Dinge ich sehe, ich werde nie in der Lage sein, sie zu verhindern.«

Hilflos sehe ich Mei an. Das hier ist nicht so einfach, wie über einen Kratzer zu pusten, ein verheddertes Band zu entknoten oder eine verlorene Kette wiederzufinden. Das hier ist ein wahrer Albtraum, und ich weiß nicht, wie ich Tess trösten soll.

»Es war mutig von dir, es zu versuchen«, sagt Mei. »Mehr können wir nicht tun, oder?«

»Kannst du mir jemals verzeihen?«, fragt Tess ganz leise.

»Da gibt es nichts zu verzeihen.« Mei tätschelt ihr das Knie. »Und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Dein Geheimnis ist bei mir sicher.«

Wir reden noch ein bisschen, bis Tess sich einigermaßen beruhigt hat, und dann bringe ich sie in ihr Zimmer und stecke sie mit Zyklop und einem von Mauras Liebesromanen ins Bett. Seltsame Bettgesellen, aber Tess scheint es zu trösten, und mich erinnert es wieder daran, was für eine eigenartige Mischung aus Frau und Kind sie doch ist, die eine viel zu schwere Last tragen muss.

Ich würde alles tun, um ihr zu helfen. Auch wenn das bedeutet, einen Bund mit dem Teufel einzugehen.

»Herein«, sagt Elena, als ich an ihre Tür klopfe. Ihr Zimmer ist kleiner als die Doppelzimmer, die sich die Schülerinnen teilen, aber groß genug für ein Himmelbett mit hauchdünnem rosafarbenem Stoff und ein Sofa aus blassgelbem Chintz. Auf dem Bett liegt eine offene Reisetasche. Offenbar war Elena gerade am Auspacken.

Sie deutet aufs Sofa, und ich setze mich. »Wie war die Reise?«, frage ich.

»Du hast gemerkt, dass ich weg war? Ich fühle mich geschmeichelt, Cate.« Elena setzt sich an den Frisiertisch. »Ich habe meine Tante am anderen Ende der Stadt besucht. Inez hatte mich angewiesen, für ein paar Tage freizunehmen, um einen klaren Kopf zu bekommen, unter der Voraussetzung, dass ich ohne irgendwelche romantischen Gefühle für eine Schülerin wiederkomme.«

Ihre Offenheit verschlägt mir den Atem. »Romantische Gefühle für eine … für Maura, meinst du?«

»Dafür dass du so ein kluges Mädchen bist, kannst du ganz schön begriffsstutzig sein, was andere Menschen angeht.« Elena spricht ohne Zorn, aber mir stellen sich trotzdem die Nackenhaare auf. Sie hat nun mal diese Wirkung auf mich.

»Nun, du hast Maura ja auch gesagt …«

»Dass sie meine Gefühle missverstanden hat. Dass ich ihre Zuneigung nicht teile. Dass es ein Fehler war, sie zu küssen«, zählt Elena auf. Sie fährt sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich weiß sehr gut, was ich gesagt habe. Aber ich habe gelogen.«

Ich zucke zusammen. »Warum?«

»Weil ich dumm und ehrgeizig war, und ich dachte, dass ich meine Gefühle für sie vergessen könnte.« Elena seufzt. »Meine Aufgabe war, euch zur Schwesternschaft zu bringen, und nicht, mit deiner Schwester anzubandeln. Und du sagtest sehr deutlich, dass du niemals mit mir zusammenarbeiten würdest, es sei denn, ich sage ihr, dass ich sie benutzt habe. Sie anzulügen schien mir … vernünftig zu sein.«

Dann ist es also wahr. Mauras Liebeskummer ist meine Schuld. »Ich hätte niemals gedacht, dass du tatsächlich etwas für sie empfindest.«

»Warum nicht?« Elena funkelt mich mit ihren dunklen Augen an. »Sie ist sehr hübsch, weißt du. Sie ist klug und leidenschaftlich, und dieses Lächeln – wie sollte ich mich nicht in sie verlieben?«

»Du wolltest mich mit ihr erpressen, mit ihr und Tess!«

»Die beiden waren das einzige Druckmittel, das wir hatten, bis wir deine Romanze mit dem Gärtner entdeckten.« Elena winkt abschätzig mit der Hand, und die Wut flammt erneut in mir auf. »Ich wollte es wiedergutmachen, weißt du. Obwohl, wahrscheinlich weißt du es nicht. Deine Schwester ist vieles, aber gut im Verzeihen ist sie jedenfalls nicht. Ich habe noch nie eine so nachtragende Person kennengelernt.«

»Das ist wahr.« Ich empfinde ein seltsames, unerwartetes Mitleid mit Elena. »Vielleicht, wenn etwas Zeit vergangen ist …«

»Das glaube ich nicht.« Elena zuckt gleichgültig mit den Schultern, aber ihre Stimme zittert ein bisschen. »Vielleicht verzeiht sie mir eines Tages, dass ich sie angelogen habe, sie habe glauben machen, dass sie mir gleichgültig wäre, vielleicht sogar, dass ich sie vor dir und Tess erniedrigt habe. Aber dass ich dich ihr vorgezogen habe? Ich glaube nicht, dass sie mir das jemals verzeiht.«

Ich sehe sie an – sehe sie richtig an. Elenas Gesichtsausdruck ist so undurchschaubar wie immer. Aber ihre langen, eleganten Finger drehen sich nervös umeinander, während sie mit der rosafarbenen Spitze an ihrem Handgelenk spielt. Ihre schwarzen Locken sind vom Wind ganz durcheinander, und sie hat sich noch nicht die Mühe gemacht, Ohrringe oder anderen Schmuck anzulegen. Nach ihren eigenen Kriterien sieht sie ziemlich ungepflegt aus.

»Wie auch immer«, sagt sie und sieht mich genauso neugierig an, »ich bezweifle, dass du hier bist, um mit mir über meine Beziehung zu deiner Schwester zu reden.«

»Nein.« Ich wackle nervös mit dem Fuß und verschränke dann die Beine. Wie ich das hier hasse. »Ich brauche deine Hilfe.«

Elena lächelt. »Woher der Gesinnungswandel?«

Am liebsten würde ich es wieder zurücknehmen, doch das kann ich mir jetzt nicht leisten. Ich brauche eine Verbündete, die versteht, wie die Schwesternschaft funktioniert, und Gretchen ist im Moment zu beschäftigt. »Cora sagt, ich kann dir vertrauen.«

Ich erzähle ihr von Inez’ Plan, an der Sitzung des Höchsten Rats teilzunehmen und das Gedächtnis der einzelnen Mitglieder auszulöschen. Elena hört mir zu, schürzt die vollen Lippen, und dann sagt sie: »Ich weiß leider auch nicht, wie wir sie aufhalten könnten. Und die Auswirkungen werden sicherlich schrecklich sein.«

»Es ist natürlich schwer zu sagen, wie die Brüder darauf reagieren, aber ich hoffe, dass wir den Schaden etwas abmildern können«, erkläre ich und trommle mit den Fingern auf die Armlehne des gelben Sofas. »Es ist wahrscheinlich, dass die Brüder in Harwood zurückschlagen werden. Doch wenn wir am Abend der Sitzung des Höchsten Rats alle Mädchen aus Harwood befreien und diejenigen, die Hexen sind, mit ins Kloster bringen, können wir sie gleichzeitig retten und unsere Anzahl erhöhen. Es gibt nur ein Problem. Ich weiß, wie wir hineinkommen, aber nicht, wie wir sie alle herausbekommen sollen.«

Elena wirft die Haare zurück. So langsam kehrt ihre Unbekümmertheit wieder. »Das größte Problem ist, dass die Mädchen unter dem Einfluss von Medikamenten stehen, richtig? Sie können sich weder selbst helfen noch Magie anwenden, sobald sie befreit sind.«

»Ganz genau.«

»Arbeitet nicht Paul McLeod an dem Ausbau von Harwood?«, fragt sie, und ich nicke. »Maura hat ihm schöne Augen gemacht, um dich zu provozieren – und mich auch, nehme ich an. Es hat auch wunderbar funktioniert. Aber sie hat ihn auch mit Fragen überhäuft. Ich vermute, du könntest damit ebenso Erfolg haben.«

Ich verziehe das Gesicht. »Du willst, dass ich Paul schöne Augen mache, um an Informationen heranzukommen?«

»Du musst ja nicht zu weit gehen, wir wissen schließlich beide, dass dein Herz einem anderen gehört.« Elena grinst. »Aber du könntest ihn doch in seinem Büro besuchen – ich nehme an, bei diesem Wetter arbeitet er nicht draußen auf der Baustelle. Und im Büro hat er sicherlich Baupläne von Harwood. Wer weiß, was du dort Hilfreiches finden kannst?«

»Wird Paul mich nicht verdächtigen, wenn er von einer Meuterei in Harwood hört?« Elena sieht mich an, als wäre die Antwort darauf offensichtlich, und ich rutsche unruhig auf dem Sofa hin und her. »Nein. Er ist mein ältester Freund, ich kann doch nicht …«

»Doch, du kannst«, unterbricht mich Elena und streicht sich die rosafarbenen Röcke glatt. »Wenn es darum geht, Hunderte von Mädchen zu retten, kannst du es. Du wirst es.«

Sie hat recht.

»Wann fährst du zur nächsten Heilmission nach Harwood?«, fragt sie.

Ich schlucke. »Morgen Nachmittag. Wir fahren normalerweise samstags, aber ich wollte an Sachis Verhandlung teilnehmen, und Sophia wollte mitkommen.«

»Dann solltest du Mr McLeod morgen früh einen Besuch abstatten. Und wir müssen herausfinden, wie viele der Mädchen in Harwood tatsächlich Hexen sind. Irgendwo muss es Aufzeichnungen darüber geben. Diejenigen, die der Gedankenmagie fähig sind, sollten unsere oberste Priorität sein, denke ich, jedenfalls im Hinblick darauf, wen wir ins Kloster mitnehmen; sie werden uns von großem Nutzen sein, wenn sich die Lage zuspitzt.« Elena runzelt die Stirn und tippt sich mit einem glatten Fingernagel gegen die Lippen.

»Finn sagt, im Nationalarchiv werden alle möglichen Aufzeichnungen aufbewahrt. Er wollte sehen, was er finden kann«, sage ich vorsichtig. Ich warte nur darauf, dass Elena wieder eine Bemerkung darüber macht, dass er der Gärtner ist.

»Ich kann morgen leider nicht mitkommen – ich habe so gut wie keine Fähigkeiten in Heilmagie, dadurch würde ich mich nur verdächtig machen –, aber ich werde bei der eigentlichen Aktion mitkommen«, sagt sie. Ich kann förmlich sehen, wie ihr Gehirn arbeitet. »In der Zwischenzeit werde ich mit ein paar der anderen Gouvernanten und Lehrerinnen sprechen. Die meisten hat Inez in der Tasche, aber es gibt ein paar, die uns sicherlich helfen wollen. Ich denke, wir sollten ihnen nicht zu viele Einzelheiten verraten – nun, wir haben noch gar nicht besonders viele Einzelheiten, aber je mehr Leute eingeweiht sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir auffliegen. Ich glaube nicht, dass Inez sich die Mühe macht, dich aufzuhalten – ihr kann es nur recht sein, mehr Hexen zur Verfügung zu haben –, aber sie ist schwer einzuschätzen.«

»Danke.« Ich sehe sie neugierig an. »Wenn Maura herausfindet, dass du mir geholfen hast, wird sie ganz schön wütend auf dich sein.«

»Ich weiß.« Es ist seltsam, dass Elena nach all ihren Ausflüchten so offen mit mir redet. »Ich wäre auch froh, wenn es eine andere gäbe, die dir helfen könnte. Dann hätte ich Coras Bitte abgeschlagen, ob sie nun im Sterben liegt oder nicht. Aber es gibt keine andere, und Cora hat – ganz richtig, wie ich finde – darauf hingewiesen, dass wenn Inez an die Macht kommt, sie Maura benutzen und anschließend fallen lassen wird.«

»Maura vertraut ihr. Sie sagt, Inez glaubt an sie.« Meine Stimme ist voll Bitterkeit.

»Ich habe Angst um sie«, gesteht Elena und sieht mich mit ihren braunen Augen an.

Ich hole tief Luft. »Ich habe Angst vor ihr.«