Kapitel 3
Der Himmel ist aschgrau.
Die Flammen werfen gespenstische Schatten auf die Gesichter der Menschen auf dem Richmond Square. Sie sind zu Tausenden gekommen: Arbeiter in Jeans und Flickenjacken mit Schlapphüten aus Filz; Geschäftsmänner in Tweedjackets und steifen Krawatten; spielende Kinder. Es gibt Hähnchenkeulen, heiße Röstkastanien und Cider zu kaufen, als wären wir auf dem Jahrmarkt. Frauen stehen zusammen und tauschen den neuesten Klatsch aus, während sie ihre Säuglinge in den Armen wiegen, fröhlich ihren Kindern etwas zurufen oder sich einfach nur in ihre warmen Umhänge hüllen. Jetzt, nach Sonnenuntergang, ist die Luft beißend kalt.
Möglicherweise gibt es außer den Mitgliedern der Schwesternschaft auch noch andere, die sich im Geheimen bewegen, doch heute Abend wird niemand den Mut aufbringen, die Bruderschaft anzuprangern. Alice hat zwar die ganze Zeit große Reden geschwungen, seit sie von den neuen Gesetzen gehört hat, aber auch sie würde in einer Menschenmenge wie dieser keine Magie anwenden. Nicht im Angesicht von Hunderten von Brüdern und deren Wachen auf dem Platz. Nicht im Angesicht des Feuers, das nur auf uns wartet.
Das hier könnte sehr schnell zu einer Nacht wie im Jahre 1796 werden, als in ganz Neuengland Scheiterhaufen brannten, auf die nicht Bücher, sondern Frauen geworfen wurden.
Der Gedanke ist mir nicht neu, und trotzdem verursacht er mir jedes Mal wieder Übelkeit.
Noch nie habe ich so viele Brüder auf einmal gesehen. Wie ein Schwarm pechschwarzer Raben drängen sie sich um die provisorische Bretterbühne. Mein Herz klopft wie verrückt, die Angst jagt durch meine Adern. Ich finde es entsetzlich, dass sie diese Wirkung auf mich haben.
Wie von Schwester Cora angewiesen, haben wir uns zwischen Dutzende Familien in der Mitte des Platzes gestellt. Vor mir steht eine Frau in einem grauen Umhang, die ihrem Säugling leise ein Schlaflied singt. Sein Köpfchen wird von einer roten Wollmütze warm gehalten. Ihr kleiner Junge, der einen Schal im selben Rotton wie dem der Mütze trägt, saust davon, um sich zu seinem Freund zu gesellen. »Jimmy, bleib aber in der Nähe!«, ruft sie ihm hinterher.
Ich drehe mich zu Rilla um und will ihr gerade vorschlagen, uns Cider zu kaufen, als ich ihn sehe.
Finn.
Er steht am Rand der Menge neben Bruder Ishida.
Er sieht noch ganz genauso aus, und doch anders.
Die Haare: wie immer unmöglich, dicht und widerspenstig. Seine Wangen und die Nase sind von Sommersprossen übersät, als wären sie mit braunem Zucker bestäubt. Die kirschroten, vollen Lippen. Die schokoladenbraunen Augen, die traurig hinter der Drahtgestellbrille hervorblicken.
Er trägt einen langen schwarzen Mantel, der ihm bis zu den Knöcheln reicht und seine Handgelenke bedeckt. Und den Silberring der Bruderschaft, in dem sich das Feuer spiegelt, als er die Hand bewegt. Sofort sind die Schuldgefühle wieder da. Finn hat seit dem Tod seines Vaters ohnehin schon viel zu viel Verantwortung zu tragen, doch für diese neue Bürde bin ich verantwortlich. Was auch immer er in den vergangenen Wochen getan hat, es lastet schwer auf ihm.
Er ist meinetwegen der Bruderschaft beigetreten.
Ich senke den Blick und schaue auf den toten Rasen zu meinen Füßen. Auf einmal ist mir ganz heiß –, und ich habe trotz der frischen Luft das Gefühl zu ersticken. Ich löse das Band meiner Kapuze, sodass sie nur noch locker auf meinen blonden Haaren ruht, die mir in geflochtenen Zöpfen um den Kopf liegen.
Ich würde am liebsten über den Platz gehen, Finn bei der Hand nehmen und ihn weit von hier wegführen. Ihn an einen Ort mitnehmen, wo ich unter vier Augen mit ihm sprechen und ihm die Wahrheit sagen kann: dass ich ihn liebe, dass ich ihn immer lieben werde, egal, wozu sie mich zwingen mögen.
Ob er mich noch liebt? Ob er mir verzeihen kann, was ich ihm angetan habe?
Als ich den Blick wieder hebe, sieht er direkt zu mir herüber. Ich stolpere rückwärts und greife, ohne nachzudenken, nach Rillas Arm. Meine Gefühle müssen mir sogar von Weitem anzusehen sein, doch Finn lässt sich nichts anmerken. Vermisst er mich wenigstens ein bisschen? Diese schreckliche Sehnsucht, dieses Verlangen, über den Rasen zu laufen und mich ihm in die Arme zu werfen, kann doch nicht nur von mir ausgehen, oder?
»Finn«, hauche ich. Es ist wie ein Seufzen, ein Liebeslied, eine Bitte um Vergebung.
Doch er dreht sich weg.
Ungefähr zwanzig Meter und Hunderte von Menschen trennen uns, und trotzdem fühlt es sich an wie eine Zurückweisung.
»Cate?« Meine Zimmergenossin sieht mich mit ihren haselnussbraunen Augen besorgt an. Wie oft hat sie schon meinen Namen gesagt? »Cate, geht es dir gut?«
»Ja.« Meine Stimme versagt. Ich presse meine Nasenwurzel mit Daumen und Zeigefinger und halte die Luft an, darum bemüht, die Tränen zurückzuhalten.
Da sehe ich aus den Augenwinkeln etwas Rosafarbenes aufblitzen. Sashi Ishida, meine beste Freundin aus Chatham, und ihre Halbschwester Rory Elliott winken wie verrückt mit ihren Taschentüchern, um meine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ich schnüre meine Kapuze wieder fester, um mein Gesicht und die dummen, verräterischen Tränen zu verbergen, die entgegen all meiner Bemühungen, sie zurückzuhalten, jeden Moment fließen werden. »Ich bin gleich wieder da, Rilla«, sage ich. »Da drüben sind zwei Mädchen, die ich kenne.«
Ich schlängle mich durch die Menge und weiche Fangen spielenden Kindern aus. Sachi und Rory haben einen erstklassigen Platz unter einem Rotahorn am Rande des Platzes. Ein paar kleine Mädchen spielen in der Nähe, aber es sind keine Erwachsenen in Hörweite. Ich falle Sachi um den Hals und reiße sie mit meiner stürmischen Umarmung beinah zu Boden. Ich weiß, so ein Verhalten ziemt sich nicht, aber das ist mir gleichgültig. Sachi drückt mich fest an sich, und der graue Pelzkragen ihrer Kapuze kitzelt mich an der Nase. Rory küsst mich mit schmatzenden Geräuschen auf die Wangen. Wenn mir vor zwei Monaten jemand gesagt hätte, dass diese beiden Mädchen meine getreuen Freundinnen werden würden und ich sie mit solch aufrichtiger Freude begrüßen würde, hätte ich die Person für verrückt erklärt.
»Ich freue mich so, euch zu sehen! Was macht ihr in New London?«, frage ich.
»Dasselbe könnten wir dich fragen, Schwester«, entgegnet Rory.
Sachi betrachtet mich mit ihren dunklen Augen. »Ja, was zum Teufel hat dich geritten, der Schwesternschaft beizutreten, Cate?«
»Ich weiß nicht, was du meinst. Ich bin sehr glücklich hier in New London«, sage ich ausweichend mit einem Blick über die Schulter. Ein kleines blondes Mädchen ist beim Spielen hingefallen und lässt sich von seiner indisch aussehenden Freundin aufhelfen und den Staub vom blauen Umhang klopfen.
»Lügnerin.« Rory nimmt wie immer kein Blatt vor der Mund. »Du hast geweint, das sehe ich doch.«
»Du musst es ja nicht sofort erzählen«, sagt Sachi und wirft mir einen Seitenblick zu. »Vater ist wegen der Ratsversammlung hier. Finn auch. Du hast ihn wahrscheinlich schon entdeckt? Hat er mit dir geredet?«
Ich schüttle den Kopf. Der Knoten in meinem Hals ist wieder da, und ich bringe kein Wort heraus.
»Oh, Cate, du siehst ja furchtbar aus.« Sachi wirft mir ihr rosafarbenes Spitzentaschentuch zu.
»Hat er …«, ich wische mir über die Augen, kämpfe um ein letztes bisschen Würde, verliere jedoch, »hat er etwas über mich gesagt?«
Sachi runzelt die Stirn. »Zu mir? Nein. Aber ich bin ja auch nicht gerade seine Vertraute. Vater findet ihn übrigens wunderbar. Er redet ständig über Finn, wie genial er ist und dass er die Buchhandlung seiner Mutter geschlossen hat und so weiter. Aber auf der Kutschfahrt hierher – wenn Vater mal eingeschlafen ist, und er sich unbeobachtet gefühlt hat – sah er ziemlich unglücklich aus. Genau wie du jetzt«, erklärt sie und berührt meinen Arm. Sie trägt neue rosafarbene Satinhandschuhe mit Perlmuttknöpfen. Rory trägt die gleichen in Rot. Bei dieser Kälte sind sie äußerst unpraktisch, aber schön sehen sie trotzdem aus.
Ich will natürlich nicht, dass Finn unglücklich ist, aber die Vorstellung gefällt mir trotzdem. Ich stecke Sachis Taschentuch ein und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie ich die Menge nach ihm absuche. »Wirklich?«
»Wirklich. Aber du bist nicht die Einzige, bei der es Neuigkeiten gibt.« Sachi hebt ihren Becher mit Cider und stößt damit gegen Rorys, wobei sie Rorys verdrießlichen Blick ignoriert. »Ich bin verlobt!«
Das lässt mich aufhorchen. »Mit deinem Cousin Renjiro?«
»Vater würde nichts anderes zulassen.« Bruder Ishida ist Vorsitzender des Gemeinderats in Chatham. Er ahnt weder, dass seine beiden Töchter Hexen sind, noch, dass Sachi weiß, dass Rory seine uneheliche Tochter ist. Rory selbst ahnt nichts von seiner Vaterschaft, und Sachi hält das auch für besser so, denn Rory neigt mitunter dazu, recht kopflos zu reagieren, vor allem, wenn sie Sherry getrunken hat.
»Sie kann ihn nicht heiraten. Er ist furchtbar eingebildet. Und da kommst du ins Spiel, Cate.« Rory grinst mich mit ihren Hasenzähnen an. Bis auf die glatten, dunklen Haare sieht sie Sachi kein bisschen ähnlich. Rory ist groß und üppig und wirkt immer ein wenig ordinär, Sachi dagegen ist zierlich und elegant und hat dunkle Augen. Doch beide tragen die neueste Mode: hochhackige Kalbslederstiefel und schreiend bunte Spitzenkleider, die unter Umhängen mit pelzbesetzten Kapuzen hervorblitzen. Auf den ersten Blick sehen sie wie ganz normale Mädchen der Gesellschaft aus – nicht wie Mädchen, die Schwierigkeiten heraufbeschwören.
Doch der Schein trügt.
»Ich?«, frage ich. »Was habe ich damit zu tun?«
»Ich weiß nicht, wie ich aus der Nummer herauskommen soll. Es sei denn …« Sachis Wangen werden auf einmal so rosig wie ihre Handschuhe. »Ich hatte gehofft, du könntest bei den Schwestern ein gutes Wort für mich einlegen.«
»Bei den Schwestern?«, wiederhole ich ungläubig. Ich sehe zu ihnen hinüber. Von hier aus sind die in die Ordenstracht der Schwesternschaft gehüllten Gestalten kaum voneinander zu unterscheiden. Ich kann noch nicht einmal Rilla in der Menge ausmachen. Es wäre ein Segen, eine Freundin in New London zu haben – eine richtige Freundin, der ich all meine Geheimnisse anvertrauen kann. Und Sachi ist eine Hexe, nur ahnt sie nichts vom wahren Zweck der Schwesternschaft. Sie muss wirklich verzweifelt sein, wenn sie den Rest ihres Lebens Nonne spielen will.
»Meinst du, sie würden mich aufnehmen? Ich bin nicht besonders religiös, aber ich bin weiß Gott ziemlich gut darin, Dinge vorzutäuschen«, seufzt sie.
»Ich weiß nicht«, antworte ich zögernd, auch wenn mein Herz bei dem Gedanken Freudensprünge macht. »Ich kann Schwester Cora mal fragen. Was ist mit dir, Rory?«
Rory bellt ein heiseres Lachen und streicht sich eine schwarze Haarsträhne zurück unter die Kapuze. »Kannst du dir mich etwa als Nonne vorstellen? Nein, vielen Dank.«
»Du willst wirklich Nils heiraten, wenn du wieder nach Hause kommst?« Sachi runzelt die Stirn. »Du wirst dann sein Eigentum. Dabei bist zu mindestens zehnmal so schlau wie er. Das kannst du doch nicht wollen …«
»Tue ich aber«, unterbricht Rory sie. »Ich will eine Ehefrau und Mutter sein. Ich will ein ganz normales Leben führen. Das konnte ich noch nie. Und ich will, dass meine Tochter ein ganz normales Leben führen kann.«
Sachis Hand krampft sich um den Cider-Becher. »Aber … wenn du nach Chatham zurückgehst, werden wir getrennt.«
»Es war doch schon immer klar, dass das irgendwann passieren würde. Du kannst mich ja in den Ferien besuchen kommen.« Rory grinst. »Ich schätze, ich werde mich in Zukunft besser benehmen müssen, wenn du nicht mehr da bist, um bei deinem Vater ein gutes Wort für mich einzulegen. Schließlich will ich nicht enden wie Brenna.«
»Vater würde dich niemals nach Harwood schicken«, behauptet Sachi mit gesenkter Stimme, obwohl die Menge auf dem Platz eh so laut ist, dass niemand uns hören kann.
Rory zieht die buschigen Augenbrauen hoch. »Dein Vertrauen in ihn hätte ich gerne. Ich glaube, er wäre mehr als froh, mich von hinten zu sehen.«
Ich verkneife mir eine Bemerkung, aber ich denke, Rory hat recht.
Rory lässt sich gegen den Stamm des Ahornbaums fallen und blickt mit unbewegter Miene zum Feuer. »Dieser Scheinheilige! Er hatte kein Recht dazu.«
»Wir finden schon ein anderes Exemplar für dich«, verspricht Sachi und hakt sich bei ihr unter. »Du könntest Mrs Belastra fragen, wenn du wieder zu Hause bist.«
Doch Rory schüttelt sie ab. »Es wird aber nicht das Gleiche sein! Es wird nicht meins sein.«
»Was denn? Worum geht es?«, frage ich verwirrt. Auf der anderen Seite des Platzes treten jetzt Wachen aus der Kathedrale, in ihrer Mitte eine breitschultrige, ganz in Schwarz gekleidete Person. Das muss Covington sein. Die Menschen drängen zur Bühne. Es heißt, Covington wäre ein großartiger Redner; die Leute nehmen Reisen von mehreren Tagen in Kauf, um seine Predigten zu hören, obwohl sie am nächsten Tag im New London Sentinel zu lesen sind.
»Vater wollte auch etwas zum Feuer beitragen«, erklärt Sachi. »Er hat unsere Sachen durchsucht, als wir gestern einkaufen waren, und ein paar unserer Bücher an sich genommen. Eins davon hat Rory sehr viel bedeutet.«
»Kassandra«, fügt Rory hinzu. Ich kenne das Buch. Tess hatte es, als sie klein war. Ich fand die Geschichte ein bisschen unheimlich – die Abenteuer einer Puppe, die zum Leben erwacht, wenn das Kind schläft. »Ich kenne das Buch in- und auswendig. Auf Seite dreizehn ist ein Marmeladenfleck. Mama war noch nicht einmal böse deswegen, so gute Laune hatte sie damals. Wir hatten einen Nachmittagstee mit meinen Puppen veranstaltet.«
»Du hast mit deiner Mutter Puppen gespielt?«, fragt Sachi. Um uns herum sammeln die Kinder ihre Spielsachen auf und laufen zurück zu ihren Eltern. Alle warten gespannt darauf, dass die Zeremonie beginnt.
»Sie war nicht immer so wie jetzt.« Rory blinzelt ein paar Tränen weg. Mit hochgezogenen Schultern, die Hände in den Taschen ihres Umhangs vergraben, fährt sie fort: »Als ich klein war, war sie noch richtig lieb. Sie hat Kleider für meine Puppen genäht und sich mit mir zusammen Geschichten ausgedacht, was sie für Abenteuer erlebten, während ich schlief, genau wie bei Kassandra.«
Ich versuche, mir diese Version von Rorys Mutter vorzustellen. Sie muss früher einmal eine anständige Person gewesen sein, aber ich kann mich nicht daran erinnern. Ich kenne sie nur als merkwürdige Einzelgängerin, die angeblich durch ein Nervenleiden ans Haus gefesselt ist, tatsächlich aber einfach der Trinksucht anheimgefallen ist. Es ist ein Wunder, dass sie noch nicht verhaftet worden ist – oder vielleicht auch nicht. Möglicherweise fürchtet Bruder Ishida, dass bestimmte Geheimnisse ans Licht kommen könnten, wenn ihr der Prozess gemacht würde.
Ich kenne das Gefühl sehr gut, die eigene Mutter zu vermissen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es sein muss, wenn sie einem fehlt, obgleich sie doch da ist.
Sachi hakt sich bei Rory unter, und wir gehen ein paar Schritte in Richtung Bühne, als darauf ein gut aussehender Mann mit breiten Schultern erscheint. Er hat ausgeprägte Wangenknochen und schwarzes Haar, das an den Schläfen ergraut ist. Der schlichte schwarze Umhang der Bruderschaft wirkt irgendwie richtig edel an ihm. Ich habe den Mann noch nie vorher gesehen, aber ich weiß sofort, wer er ist. Alle in Neuengland wissen, wer er ist. Bruder William Covington ist der Vorsitzende des Nationalrats.
Jetzt steht er oben auf der Bühne, und die Menge wird langsam ruhiger. Väter heben sich ihre Kinder auf die Schultern. Ein Dutzend Wachmänner steht in schwarz-goldenen Livrees um das Podium aufgereiht. Ich bemühe mich um einen ehrerbietigen Gesichtsausdruck. Covington spricht jetzt mit einer Stimme so süß wie Honig:
»Romane befeuern die Vorstellungskraft auf gefährliche Weise. Sie fordern unsere Mädchen zu riskanten Gedankenspielen heraus, obwohl es in Wirklichkeit gar keine Spielräume gibt. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Was zählt, ist der Weg, den der Herr für euch vorgesehen hat.« Covington lässt den Blick über die Menge schweifen und gestikuliert dabei auf eine Art und Weise, die mir den Eindruck vermittelt, er würde direkt zu mir sprechen. »Wir müssen andere Fähigkeiten bei unseren Mädchen fördern. Wir müssen sie zu guten, gehorsamen Töchtern und ergebenen, demütigen Ehefrauen erziehen. Unsere Mädchen müssen reinen Herzens, sanftmütig und tugendhaft sein. Wenn sie Fragen haben, wenn sie Sehnsüchte haben, die sie nicht verstehen, sollten sie sie dem Herrn darbringen – und uns, den Vertretern des Herrn hier auf Erden.«
Der Himmel hat sich inzwischen tintenblau gefärbt. Das Feuer knistert und stößt Rauchwolken in die Luft, aber die Abendluft ist dennoch kalt. Auf der anderen Seite des Platzes ragt die Richmond-Kathedrale in den Himmel und verdeckt die Sterne. Ich vergrabe die Hände in meinem Muff und suche die Menge wieder nach Finn ab, während ich gleichzeitig vorgebe, Covington aufmerksam zuzuhören.
»Ich habe die Gläubigen gebeten, Brennmaterial für unser Feuer mitzubringen, und ich bin hocherfreut zu sehen, dass so viele von Ihnen Bücher dabeihaben.« Die Leute schwenken begeistert ihre Opfergaben in der Luft. »Gleich werde ich Sie bitten vorzutreten, aber zuerst …«
Zwei Wachmänner zerren eine Frau nach vorne. Sie weint und versucht, sich gegen die Männer zu wehren, doch ihr sind die Hände auf den Rücken gebunden. Ein dritter Wächter zieht einen Wagen, der randvoll mit Büchern ist. »Diese Frau, Hannah Maclay«, sagt Bruder Covington, »hat mit verbotenen Büchern gehandelt. Sie hat sie genau hier in den Straßen von New London verkauft.«
Die Leute buhen und recken die Hälse; neugierige Kinder laufen vor und werden von ihren Müttern wieder zurückgezogen.
Auch Finns Mutter ist – war, bis vor Kurzem noch – Buchhändlerin.
»Sie hat den Geist unserer Frauen und Kinder vergiftet, indem sie ihnen niederträchtige Liebes- und Schauerromane verkauft hat, wie sie in Übersee populär sind. Sie behauptet, diese Romane wären kein Verrat, sondern Schätze. Ich würde ihr gerne zeigen – Ihnen allen, die heute Abend hier versammelt sind –, wie wenig diese Bücher wert sind.«
Zwei der Wachen nehmen jeweils eine Handvoll Bücher und werfen sie ins Feuer. Die Seiten verfärben sich schwarz und kräuseln sich, während die Worte darin ausgelöscht werden. Da macht Hannah Maclay sich mit einem Ruck von ihrem Wächter los, und er schubst sie und …
Sie schreit und fällt mitten in die Flammen.
Ihr schwarzer Umhang fängt Feuer. Ebenso wie ihre langen braunen Haare.
Guter Gott, sie werden sie doch nicht einfach verbrennen lassen? Warum hilft ihr denn keiner?
Niemand rührt sich. Die Menge ist wie erstarrt. Ein paar Kinder fangen an zu kreischen, und die Väter, die von diesem Spektakel vollkommen überrascht sind, setzen sie hastig ab. Ich würde auch am liebsten schreien.
Meine Magie regt sich in mir, steigt in meiner Kehle auf. Ich bin kurz davor, in Gedanken einen Bewegungszauber auszusprechen, doch dann wird mir klar, dass es ja nicht auf mich zurückfallen würde. Die Brüder würden annehmen, dass Hannah Maclay selbst sich mit magischen Kräften aus den Flammen befreit hat. Und wenn die Brüder sie für eine Hexe halten, werden sie sie gleich ins Feuer zurückstoßen.
Ich unterdrücke die Magie und bete stattdessen. Bitte, mach, dass die Wachen nicht so herzlos sind, wie sie aussehen.
Es dauert einen langen Moment, bis die Wachmänner nach ihr greifen und sie aus den Flammen ziehen. Sie schreit und schlägt wild um sich. Dann stoßen die Wächter sie zu Boden und werfen einen Umhang über sie, entweder um die Flammen zu ersticken oder um die Frau vor unseren Blicken zu verbergen. Von ihr ist kein Laut mehr zu hören.
Die Menge ist absolut still. Ich sehe hinüber zur Schwesternschaft und kann jetzt Rilla erkennen, die sich vor Entsetzen die sommersprossigen Hände vors Gesicht geschlagen hat. Die Frau vor ihr hält den Säugling mit der roten Mütze fest an sich gedrückt. Sie hat sich leicht von der Bühne abgewendet, so als wolle sie dem Kind den Anblick ersparen. Der Junge hängt an ihren Röcken.
Ich blicke zu Bruder Covington auf die Bühne. Alle sehen zu ihm hinauf.
Sein schönes Gesicht hat einen ernsten Ausdruck angenommen. Er schüttelt den Kopf, während die Wachen die Frau davontragen. Lebt sie noch? Sie ist so still. »Ein bedauerlicher Unfall«, sagt er. »Durch ihren eigenen Ungehorsam verursacht.«
Das sah nicht gerade nach einem Unfall aus. Das sah vielmehr nach einer sorgfältig inszenierten Botschaft aus. Einer Warnung.
Sachi und Rory stehen mit gefalteten Händen und aschfahlen Gesichtern dicht nebeneinander.
Die Zeremonie geht weiter, als wäre alles in bester Ordnung. Als hätten wir nicht gerade zugesehen, wie eine Frau in Brand gesteckt und zu Tode erschreckt, wenn nicht sogar getötet wurde.
Eine Reihe von Brüdern bewegt sich vorwärts. Jeder hält ein oder zwei Bücher in der Hand. Sie werfen sie ins Feuer und nicken dabei, als würden sie das Sakrament austeilen. Es ist so still wie bei einem Gottesdienst.
Ob Maura und Tess bereits den Brief von Schwester Cora erhalten haben? Oder ob sie immer noch in Chatham sind und dort vielleicht gerade einer ähnlichen Bücherverbrennung beiwohnen müssen? Sie würden es für einen Frevel halten und mit Sicherheit eingreifen wollen. Und auch Vater würde es nicht leicht fallen, einfach so danebenzustehen und zusehen zu müssen, wie ein Buch nach dem anderem in die Flammen geworfen wird.
Die Frau, die von den Wachen ins Feuer gestoßen wurde, hätte ebenso gut Marianne Belastra sein können.
»Die Frau hat doch niemandem etwas getan«, zischt Rory auf einmal. »Und ebenso wenig tut mein Buch irgendwem etwas. Das ist doch lächerlich!«
Jetzt steht ihr Vater vorne. Rory hat den Blick auf das Buch in seinen Händen gerichtet, ein dünnes Buch mit dem Bild einer Puppe und dem rosafarbenen Schriftzug Kassandra darauf.
»Er muss sich nun mal an die Regeln halten.« Sachis Schultern sind vor Kummer ganz starr. »Das weißt du doch. Er glaubt eben nicht an Ausnahmen.«
»Noch nicht einmal, wenn es um seine eigenen Töchter geht?« Rorys Unterkiefer zuckt.
Töchter? Vor Überraschung falle ich fast nach hinten um. Rory weiß es?
»Noch nicht einmal dann«, sagt Sachi und wirft mir einen schuldbewussten Blick zu. Wann hat sie es Rory gesagt?
»Verteidigst du ihn etwa?« Rory wird lauter. Die Leute um uns herum sehen bereits zu uns herüber.
»Pst!« Sachi zieht sie zurück in den Schutz des Rotahorns, und ich folge ihnen. »Nein. Ich verteidige ihn nicht. Ich bin natürlich auf deiner Seite. Ich bin immer auf deiner Seite, Rory.«
Doch Rory zittert vor Wut. »Ich hasse ihn«, spuckt sie aus, während sie beobachtet, wie Bruder Ishida auf der anderen Seite des Platzes Kassandra ins Feuer wirft.
Das Feuer wird immer größer, die Flammen sind inzwischen bestimmt schon fünf oder sechs Meter hoch. Die plötzliche Hitze des Flammenmeers lässt die Brüder zurückschrecken. Frauen schreien entsetzt, und die Leute schlagen sich bestürzt Funken von der Kleidung und treten fluchend mit den Stiefeln danach.
»Hexerei!«, ruft Bruder Covington.
Und da sehe auch ich es: Das Buch fliegt durch die rauchgeschwängerte Luft, über die Köpfe der entsetzten Menge und die der Schwesternschaft hinweg direkt auf uns zu.
Ich drehe mich zu Sachi und Rory um. Es ist Rory. Das Feuer spiegelt sich in ihren leeren braunen Augen. Sie macht das hier gerade. Sie hat die Kontrolle verloren.
»Rory«, flüstere ich. Sie muss wieder zu sich kommen. Das Buch ist jetzt beinah über uns, und dann …
Sachi reckt sich in die Höhe und fängt es. Sie drückt sich das Buch an die Brust und hält es umklammert, als wäre es ein sehr, sehr wertvoller Schatz.
Um uns herum weicht die Menge zurück. Angstvolle, entsetzte Schreie sind zu hören. Die Leute zeigen auf Sachi und keuchen. Rufe werden laut: »Hexerei!«, »Magie!«, »Der Herr steh uns bei!« Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie ein reiches Mädchen in weißem Pelz in Ohnmacht fällt und von einem untersetzten Mann mit Backenbart und karierter Hose aufgefangen wird. Wahrscheinlich haben die wenigsten dieser Leute hier jemals zuvor echte Magie gesehen. Zwei Jungen mit dreckigen Gesichtern kommen neugierig auf uns zugelaufen, ehe sie von ihren gellend schreienden Müttern zurückgerufen werden.
Ich werfe einen kurzen Blick auf die Schwesternschaft. Schwester Cora, Inez, Alice, Rilla, sie alle starren nicht Sachi oder Rory an, sondern mich. Mir wird heiß. Ich sollte nicht hier sein, ich sollte keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, aber ich kann mich jetzt nicht davonstehlen. Ich kann die beiden jetzt nicht alleine lassen.
»Sachi, nein!« Rory versucht, ihrer Schwester das Buch zu entreißen, aber Sachi stößt sie mit solcher Gewalt von sich, dass Rory hinfällt.
»Bleib weg von mir«, knurrt Sachi.
Guter Gott, was hat Rory getan?
Meine Gedanken drehen sich hilflos im Kreis. Es gibt nichts, was ich tun kann, nichts, womit ich das hier wieder in Ordnung bringen könnte. Die Wachen der Bruderschaft bahnen sich bereits ihren Weg durch die Menge, sie haben uns fast erreicht. Alle haben gesehen, wie Sachi gezaubert hat – oder vielmehr, sie glauben, es gesehen zu haben.
Rory kommt wieder auf die Beine. Ihr Kinn, ihre Hände, die edle Pelzkapuze sind mit Matsch bespritzt. Kurz bevor die Wachmänner uns erreichen, bekomme ich sie am Arm zu fassen und ziehe sie fort. Im nächsten Moment schlägt ein großer, bärtiger Mann Sachi auch schon mit dem Gewehr gegen die Schläfe, und Sachi sackt in sich zusammen.
Ich halte Rory fest in den Armen und gebe vor, sie zu trösten, während sie gegen mich ankämpft und ihre Fingernägel sich in meine Handgelenke bohren.
»Lass mich los!«, ruft sie, und ich fühle ihren heißen Atem an meinem Ohr. »Ich muss ihnen sagen, dass ich es war. Lass mich los!«
Doch wozu wäre Sachis Opfer gut, wenn Rory ebenfalls verhaftet würde?
»Nein«, sage ich laut. »Halte dich von ihr fern. Sie ist eine Hexe.«
Auf einmal steht Bruder Ishida neben uns. Sein Gesicht ist fahl und vor Schreck wie erstarrt. Er tut mir beinahe leid, wie er so auf seine Tochter hinuntersieht, die bewusstlos in einem Wirbel aus rosafarbener Spitze, schwarzer Wolle und grauem Pelz vor den Füßen der Wachen liegt. Blut tropft aus einer klaffenden Wunde an ihrer Schläfe in den Dreck. Ich habe kurz den unsinnigen Gedanken, dass ich Sachi heilen könnte, wenn ich sie nur berühren dürfte. Aber natürlich geht das nicht. Nicht vor all diesen Menschen.
Ein gut aussehender blonder Wachmann spuckt auf Sachi. »Verdammte Hexe.«
»Wir sollten sie am besten auch gleich ins Feuer werfen«, sagt ein dunkelhaariger Wächter und richtet den Gewehrlauf auf Sachi, als wäre er bereit, sie sofort zu erschießen, sollte sie sich auch nur einen Zentimeter bewegen.
Nein. Bitte nicht, lieber Gott.
»Sachiko, eine Hexe?«, murmelt Bruder Ishida verwirrt. »Meine Tochter ist eine Hexe?«
Ein älterer Wachmann zieht Sachi hoch und wirft sie sich wie einen Sack Kartoffeln über die Schulter. »Dieses Mädchen ist Ihre Tochter, Sir? Mein Beileid zu Ihrem Verlust.«
»Wo … wo bringen Sie sie hin?«, fragt Bruder Ishida.
»Ins Gefängnis, wo sie bis zu ihrer Verhandlung auch bleiben wird. Obwohl nach so einer Vorführung wohl keine Verhandlung mehr nötig sein sollte.« Der Wächter schüttelt den Kopf. »Es ist wohl das Beste, sie so schnell wie möglich fortzuschaffen, Sir.«
»Nein«, klagt Rory.
Ich fasse sie an den Schultern und schüttle sie heftig. »Hör auf. Hör sofort auf damit! Reiß dich zusammen.«
Rory sieht mich an, dann vergräbt sie ihr Gesicht in meinem Haar und flüstert mir ins Ohr. »Cate, bitte, bitte, sie dürfen sie mir nicht wegnehmen. Sachi ist alles, was ich habe. Bitte.«
Auch wenn sie einen sehr dummen Fehler begangen hat, geht es mir doch zu Herzen.
»Bruder Ishida.« Es ist Finn, der plötzlich ganz nah neben mir steht, so nah, dass er mich beinah berührt. Seine Stimme ist ruhig und zeigt keinerlei Gefühl. Benommen sehe ich ihn an. »Sir, bitte erlauben Sie mir, Miss Elliott zurück ins Gasthaus zu bringen. Sie hat einen schweren Schock erlitten.«
Bruder Ishida würdigt Rory keines Blickes. Er interessiert sich nicht im Geringsten für sie, noch nicht einmal jetzt. »Ja, natürlich. Danke Ihnen, Belastra. Ich werde …« Er ringt kurz um Worte, doch dann lässt er den Satz unbeendet und folgt den Wachen.
Jetzt sind wir drei alleine, alleine auf einer Insel inmitten der gaffenden Menge. Die Hälfte der Leute um uns herum ist weit zurückgewichen, während die Schaulustigen näher gekommen sind, um das Spektakel besser beobachten zu können. Meine Wangen brennen, als ich Rory verlegen den Rücken tätschle. Schwester Cora wird mir hierfür den Kopf abreißen.
Bruder Covington sagt etwas von wegen, dass das Böse ans Licht kommen werde, aber das Feuer des Herrn und der Tugendhaften nicht ausgelöscht werden könne. Er hat sich über diese grausige Vorstellung offenbar richtig gefreut. Das Flammenmeer ist wieder ruhiger geworden. Die Zeremonie beginnt von Neuem. Schwester Cora und Schwester Inez führen eine Gruppe Ordensschwestern mit Büchern aus unserer Bibliothek nach vorne.
Covingtons Worte scheinen von sehr weit her zu kommen. »Wir alle sind heute Abend Zeuge dessen geworden, dass Hexen so besessen davon sind, ihre heidnischen Götzen zu bewahren, dass sie noch nicht einmal davor zurückschrecken, in einer großen Menschenmenge Magie zu benutzen. Das unterstreicht natürlich nur die Rechtschaffenheit unserer Vorgehensweise.«
Meine Arme zittern, die Beine schwanken unter mir. Rory ist auf einmal unglaublich schwer.
»Gib sie mir«, sagt Finn leise und übernimmt sie. »Ich bringe sie nach Hause. Sie sollten sich dem Rest Ihres Ordens anschließen, Schwester Catherine.«
Oh. Wie seltsam sich das aus Finns Mund anhört. So formell.
Nach Fassung ringend suche ich seinen Blick. »Ich … ich …«
»Miss Elliott sollte ihren Kummer besser im Zaum halten«, unterbricht er mich. »Eine Dame darf ihre Gefühle in der Öffentlichkeit nicht dermaßen zur Schau stellen. Die Aufmerksamkeit, die ihre Gesellschaft auf Sie zieht, ist für eine Schwester äußerst unschicklich.«
Überrascht von seiner Kälte, sehe ich ihn an. Hat er nach all dem, was gerade passiert ist, nicht ein tröstendes Wort für mich? Rory ist nicht die Einzige, die unter Schock steht.
Doch ich reiße mich zusammen und drücke schnell noch einmal Rorys Hand. »Ich komme dich besuchen, sobald ich kann. Oder du kommst mich im Kloster besuchen. Du bist nicht allein, Rory. Hörst du mich?«
Sie hebt kurz das tränenüberströmte Gesicht von Finns Schulter. »Du bist nicht allein«, wiederhole ich, bevor ich über den Rasen zurück zu den Schwestern gehe.
Rilla kommt mir einen Schritt entgegen und greift nach meiner Hand. »Oh, Cate, wie furchtbar. Kanntest du das Mädchen gut? Was um aller Welt hat sie sich nur dabei gedacht? Guter Gott, deine Hände sind ja eisig. Trink etwas Cider, der wird dich aufwärmen.« Sie hält mir einen Becher hin.
Ich atme den kräftigen Zimtgeruch ein, nehme einen Schluck, und die heiße Flüssigkeit rinnt mir die Kehle hinab. »Danke.«
»Du siehst ja aus, als würdest du gleich umkippen. Hier, lehn dich an mich«, sagt Rilla, legt mir den Arm um die Schultern und streicht mir über den Rücken. Sie ist unter ihren Geschwistern auch die Älteste, sie kann gut trösten. »Himmel, dieser Abend ist einfach nur furchtbar.«
Tränen brennen mir in den Augen, weil sie so gut zu mir ist. Ich verdiene es nicht. Ich bin ihr keine gute Freundin gewesen. Ich bin niemandem eine gute Freundin. Ich habe gerade zugesehen, wie Sachi geschlagen und verhaftet wurde, und ich habe einfach nur dagestanden und nichts getan, um ihr zu helfen.
Wozu ist all meine Magie gut, wenn ich den Menschen, die ich liebe, nicht helfen kann?
Ich stecke die Hände in die Taschen, und da streifen meine Finger ein Stück gefaltetes Papier. Ein Stück Papier, das vor einer Stunde noch nicht da war, da bin ich mir sicher. Ich ziehe es hervor und werfe verstohlen einen Blick darauf.
Cate, steht darauf. In Finns Handschrift.