Kapitel 11

Am nächsten Nachmittag klopft Maura an meine offene Zimmertür.

»Schwester, Teuerste«, flötet sie. In ihrem cremefarbenen Brokatkleid mit blau schimmernden gestickten Blättern sieht sie wirklich prächtig aus. Offenbar hat sie mindestens ein halbes Dutzend neue Kleider. Ich sehe an meinem grauen Kleid mit rotem Ziersaum hinab. Vor fünf Minuten fand ich mich noch schön, doch im Gegensatz zu ihr sehe ich aus wie eine graue Taube. »Kann ich kurz mit dir sprechen? Unter vier Augen?« Sie wirft Rilla, die auf ihrer gelben Steppdecke liegend einen Liebesroman liest, ein demonstratives Lächeln zu.

»Ich gehe mal in die Küche und hole mir einen Kakao«, sagt Rilla, springt auf und lässt ihren Roman auf dem Bett liegen. »Magst du auch einen, Cate?«

»Nein, danke. Ich gehe gleich raus; ich habe eine Besorgung zu erledigen.«

Maura lächelt, während Rilla sich von dannen macht. »Ein Stelldichein mit deinem verwegenen Spion?«

Ich ziehe sie ins Zimmer und schließe die Tür. »Pst!«

»Oh, ich werde niemandem dein Geheimnis verraten«, sagt sie und zwirbelt eine rote Locke um ihren Finger. »Ich hoffe nur, dass er dir etwas Nützliches erzählt. Er sollte sich langsam mal bezahlt machen.«

Mir wird angst und bange. Was soll das heißen? Um sich ihr Schweigen zu verdienen? »Maura, du weißt, dass niemand davon erfahren darf.«

»Ich habe keiner Menschenseele etwas erzählt. Oh, sind die schön.« Maura nimmt ein Paar Perlenohrringe von meiner Frisierkommode und steckt sie sich an. »Ich habe heute Nachmittag selbst etwas vor. Ich habe eine Privatstunde bei Schwester Inez.«

Ich setze mich auf die Bettkante und greife nach meinen Stiefeln. »Um weiter Gedankenmagie an deinen Freundinnen zu praktizieren?« Sobald die Worte meinen Mund verlassen haben, würde ich sie am liebsten wieder hineinstopfen. Sie noch mehr zu reizen ist wirklich das Letzte, was ich will.

Maura runzelt die Stirn angesichts meines giftigen Kommentars. »Bist du nicht ein bisschen schnell mit deinem Urteil, Cate? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du dich beschwert hast, als Schwester Cora Hopes Gedächtnis gelöscht hat.«

Ich schlüpfe in die schwarzen Stiefel. »Das hat sie ja auch nicht zum Spaß gemacht, sondern um uns zu schützen.«

»Meinst du, für mich ist es ein Spaß, dass die Brüder hier hereinstürmen und uns verhören? Dabei zuzusehen, wie ein unschuldiges kleines Mädchen verhaftet wird, und zu wissen, dass sie irgendwo in einem Keller verrotten wird?« Maura läuft hin und her und stakt über die Schuhe und Strümpfe, die Rilla überall liegen gelassen hat. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie könnten uns jeden Moment festnehmen.«

»Ich weiß.«

»Mit Hope sind jetzt mindestens dreizehn Mädchen verhaftet worden. Schwester Cora ist krank. Wir brauchen eine starke Anführerin, nicht diese anhaltende Unsicherheit.« Maura lässt sich auf Rillas zerknitterte gelbe Steppdecke plumpsen. »Ich will, dass du dich der Prüfung unterziehst.«

»Nein.« Ich beuge mich vor und schnüre mir die Stiefel zu.

Maura stöhnt. »Warum bist du nur so egoistisch? Wenn du die Prüfung ablegen würdest, wüssten wir, wer von uns die Mächtigere ist, und dann könnten wir endlich anfangen zu planen. Wenn ich es wäre, würde ich mit Schwester Inez schon bald etwas unternehmen.«

»Die Prüfung beinhaltet aber nur eine Art von Magie«, erkläre ich und richte mich auf. Was will sie denn unbedingt unternehmen, außer Brenna umzubringen?

»Die wichtigste Art von Magie.« Maura kneift ihre blauen Augen zusammen. »Sträubst du dich deswegen so? Hast du Angst, dass dabei herauskommt, dass ich die verkündete Hexe bin?«

»Das ist doch lächerlich«, sage ich ausdruckslos. Ich denke an Tess. Ich wünschte, ich könnte Maura die Wahrheit sagen, aber sobald ich die Worte ausgesprochen habe, merke ich, dass ich schon wieder das Falsche gesagt habe. Wie bekomme ich das nur immer hin?

»Es ist überhaupt nicht lächerlich!« Maura schlägt mit beiden Händen auf Rillas Bett, dass es nur so wackelt. »Du hast es zu keinem Zeitpunkt so sehr gewollt wie ich. Ich habe zehnmal so hart gearbeitet wie du – nicht nur an meiner Magie, sondern auch daran, den Respekt dieser Mädchen zu gewinnen. Meinst du etwa, es macht mir Spaß, so viel Zeit mit dieser eingebildeten Alice Auclair zu verbringen?«

Erstaunt sehe ich sie an. »Etwa nicht?«

»Nein! Guter Gott, kennst du mich denn gar nicht?« Maura springt auf. »Sie ist doch nur so beliebt, weil alle Angst vor ihr haben. Ich schmeichle mich bei ihr ein, damit sie und ihre Freundinnen Inez und mich unterstützen. Wenn es zu einem Krieg kommt, dann müssen alle zusammenhalten und nicht wie jetzt in zwei Lager gespalten sein. Ich arbeite Tag und Nacht daran, mir meinen Platz hier zu erkämpfen. Ganz im Gegensatz zu dir. Aber die Schwestern sind immer noch davon überzeugt, dass du die Verkündete bist, dabei hast du bisher noch keinerlei Vorhersehungen gehabt.«

Ich konzentriere mich auf die Reihe blauer Knöpfe an ihrem Oberteil, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen. »Du ja auch nicht.«

»Werde ich aber«, sagt Maura grimmig. »Und ich werde nicht den Rest meines Lebens tatenlos zusehen, wie unschuldige Mädchen zur Strecke gebracht werden. Mach die Prüfung, Cate.«

Ich stehe auf. Ich koche vor Wut. »Ich habe Nein gesagt, und das meine ich auch so. Ich weiß, dass ich Gedankenmagie beherrsche. Ich werde sie nicht anwenden, nur um damit anzugeben. Und ich werde ganz bestimmt nicht das Vertrauen meiner Freundinnen missbrauchen – oder das meiner Familie –, indem ich heimlich an ihnen übe!«

Maura lehnt sich an meine Frisierkommode. Sie sieht verletzt aus. »Ah, da hat also jemand geplaudert. Wer war es? Tess oder Elena?«

»Das ist doch ganz gleichgültig. Ich kann einfach nicht glauben, dass du den O’Hares so etwas angetan hast!«

Maura krallt die Fäuste in ihr cremefarbenes Kleid. Ich habe das beunruhigende Gefühl, dass sie viel lieber mich als das schöne Brokatkleid zwischen ihren Fingern zerquetschen würde. »Du bist genauso eingebildet wie Alice. Du denkst, du bist besser als alle anderen.«

»Das ist nicht wahr! Ich habe nie behauptet, eine bessere Hexe zu sein als du.«

Maura läuft zur Tür. »Nein, du hältst dich bloß für einen besseren Menschen. Aber das bist du nicht. Der einzige Grund dafür, dass Cora dich vorzieht, ist, dass sie Inez nicht leiden kann. Wenn ich zuerst volljährig werden würde, dann wäre ich es. Mehr steckt nicht dahinter, Cate, also bilde dir nicht ein, du wärst etwas Besonderes.«

Damit knallt sie die Tür hinter sich zu, und ich lasse mich auf mein Bett sinken und verberge das Gesicht in den Händen. Hat sie recht? Waren Coras schöne Komplimente reine Schmeichelei, einfach weil ich ihr als Nachfolgerin lieber wäre als Inez?

Doch das macht inzwischen auch keinen Unterschied mehr.

Ich kann Tess’ Geheimnis nicht enthüllen, solange sie nicht dazu bereit ist. Doch der ständige Konkurrenzkampf mit Maura zehrt an mir. Ich habe das Gefühl, alle im Kloster beobachten uns und warten nur darauf, dass sich endlich eine von uns beiden als die Verkündete herausstellt. Keine der Lehrerinnen hat bislang zugegeben, dass Schwester Cora stirbt, aber alle wissen, dass sie krank ist; es ist ein offenes Geheimnis. Ich habe den Eindruck, als würden alle nur darauf warten, dass Cora stirbt, damit Inez die Führung übernehmen kann und endlich etwas passiert. Doch was hat Inez überhaupt vor – und wie ist meine Schwester darin verwickelt?

Ich stehe auf und durchwühle mein Mahagonischmuckkästchen nach einem anderen Paar Ohrringe, da Maura die Perlenohrringe mitgenommen hat. Vielleicht ist es verrückt, mich mitten am Tage mit Finn zu treffen, aber er wird als Bruder gekleidet sein, und so lange wir darauf achten, einen angemessenen Abstand zu wahren, wird niemand ihn irgendeines Vergehens verdächtigen.

Da ertönt ein flüchtiges Klopfen an der Tür, und kurz darauf steckt Tess ihren Kopf herein. »Da bist du. Gehst du aus?« Als sie die Granatohrringe in meiner Hand sieht, senkt sie die Stimme. »Triffst du dich mit Finn?«

»Woher weißt du das?«, frage ich und stecke mir die Ohrringe an.

»Du hast dir die Haare gemacht.« Tess deutet auf die hübsch um meinen Kopf geschlungenen Zöpfe. »Du musst aufhören, mich anzusehen, als könnte ich jeden Moment in Flammen aufgehen, sonst werden die Leute noch etwas vermuten. Dir ist wirklich jedes Geheimnis anzusehen. Kann ich mitkommen?«

»Zu meiner Verabredung mit Finn?«, frage ich unsicher.

»Ja, du Dummerchen.« Tess holt sich meine braunen Stiefel aus dem Kleiderschrank und schlüpft hinein. »Ich will ihn kennenlernen. Ich meine, ich bin ihm zwar schon Dutzende Male in der Buchhandlung begegnet, aber da wusste ich ja noch nicht, dass du ihn liebst. Ich sollte ihn etwas besser kennenlernen, findest du nicht, wenn er eines Tages mein Schwager wird?«

»Wir sind nicht mehr verlobt«, sage ich schroff, doch es tut weh, es auszusprechen. »Ich habe ihm seinen Ring zurückgegeben, bevor ich Chatham verlassen habe.«

Tess schlingt mir den Arm um die Taille. »Im Herzen seid ihr doch immer noch verlobt.«

Ich muss grinsen. »Seit wann bist du so eine kleine Romantikerin? Hast du etwa Mauras Liebesromane gelesen?«

Tess wird rot, als sie sich hinunterbeugt, um die Stiefel zuzuschnüren. »Mach dich nicht darüber lustig. Teilweise sind sie wirklich recht unterhaltsam.«

Ach, langsam wird sie tatsächlich erwachsen. Vielleicht träumt sie bereits von ihrem eigenen Liebsten. Als ich zwölf war, dachte ich noch, ich würde einmal Catherine McLeod sein; das war für mich so klar wie das Gras grün und der Himmel blau war. Ob es in Chatham einen Jungen gegeben hat, der Tess gefiel?

»Du erzählst Finn doch nichts, oder? Von meinen Vorhersehungen?« Ihre grauen Augen sind auf einmal wieder ganz ernst. »Ich will nicht, dass irgendjemand davon weiß. Niemand außer dir.«

»Dann werde ich es ihm nicht erzählen.«

Ich will Tess nicht verlieren, indem ich bei ihr die gleichen Fehler mache wie bei Maura. Bei Tess werde ich es anders machen – ich werde ihre Wünsche respektieren, statt sie herumzukommandieren.

Auch wenn das bedeutet, dass Maura sich mit jedem Tag etwas weiter von uns zu entfernen scheint.

Der Richmond Square Garden liegt neben der Kathedrale, direkt gegenüber dem Platz, auf dem die Bücherverbrennung stattgefunden hat. Der öffentliche Park ist zu dieser Jahreszeit noch weit davon entfernt, eine grüne Oase zu sein, wie es im Frühjahr oder im Sommer der Fall sein muss, aber trotzdem bietet er eine farbenfrohe Abwechslung zum Grau der Stadt. Die Rotahorne halten immer noch am Herbst fest und strecken ihre belaubten Finger der schwachen Sonne entgegen. Darunter protzen die Zaubernusssträucher mit ihren spinnenartigen gelben Blüten, während die Rosensträucher längst im Winterschlaf sind. Um uns herum tropft leise das Wasser von den Bäumen, das Eis des gestrigen Sturms fängt langsam an zu schmelzen. Heute ist es vergleichsweise mild.

Die Wege sind ziemlich matschig. Am anderen Ende des Parks springt ein kleiner Junge freudig mit beiden Beinen in eine Pfütze. Da entdecke ich Finn, der auf einer Marmorbank am Ententeich sitzt. Im Frühjahr ist der Park bestimmt voller Kinder, die die Vögel füttern und im flachen Wasser planschen, und Mütter, die sie ausschimpfen, aber heute treiben nur ein paar Enten ruhig über das braune Wasser.

Er hat uns noch nicht erblickt. Ich nutze die seltene Gelegenheit, ihn ungestört zu betrachten. Seine Nase steckt tief in einem Buch. Er vertreibt sich die Wartezeit mit Lesen und fühlt sich offenbar unbeobachtet. Seine dichten braunen Haare stehen ab, als wäre er sich schon ein halbes Dutzend Mal mit den Händen hindurchgefahren, und die Bartstoppeln am Kinn lassen erahnen, dass er die letzten ein oder zwei Tage vergessen hat, sich zu rasieren. Dann blickt er auf und entdeckt uns – mich – und lächelt, sodass seine Zahnlücke zum Vorschein kommt. Er steht auf, schiebt sich die Brille mit dem Zeigefinger die Nase hinauf und verstaut das Buch in seiner Tasche.

Ich will zu ihm rennen, mich ihm in die Arme werfen, aber Schwester Catherine sucht sich vorsichtig ihren Weg durch den matschigen Park.

»Du kennst ja bereits meine Schwester, Tess. Sie wollte dich gerne besser kennenlernen. Tess, das ist Finn.« Ich spüre ein Ziehen in der Magengegend, als mir bewusst wird, dass dies die beiden Menschen sind, die ich am meisten auf dieser Welt liebe. Ich möchte, dass sie einander bewundern.

»Guten Tag, Bruder Belastra«, sagt Tess schüchtern. Die Hände hat sie in ihren Umhangtaschen vergraben.

»Finn«, korrigiert er sie. »Bitte. Es freut mich, dich wiederzusehen, Tess.«

»Danke, dass du gekommen bist.« Ich bin es so gewöhnt, mich heimlich an verborgenen Plätzen mit ihm zu treffen – in der Buchhandlung seiner Mutter, unserem Garten zu Hause, dem Gewächshaus der Schwesternschaft –, dass ich seltsam verlegen und formell bin, jetzt, wo Tess dabei ist und uns die ganze Welt sehen kann.

»Ich bin auch sehr froh darüber.« Er kommt einen Schritt näher und senkt die Stimme. »Ich habe gehört, die Brüder haben das Kloster durchsucht. Ich dachte, du wärst dort sicher. Ich dachte, deswegen wärst du überhaupt nur da

»Es gibt keinen sicheren Ort mehr.« Ich muss an das Entsetzen in Hopes Stimme denken und blicke an Finn vorbei auf die sorglosen Enten. »Hast du irgendetwas über die verhafteten Mädchen gehört?«

»Eins ist gestern gestorben – das etwas minderbemittelte. Sie haben es gefoltert. Die anderen halten sicherlich auch nicht mehr lange durch. Sie werden Tag und Nacht befragt und bekommen weder Schlaf noch Essen und Trinken.« Tess rückt näher an mich heran, und Finn verzieht den Kirschmund zu einer finsteren Miene. »Tut mir leid, kanntet ihr das Mädchen aus dem Kloster?«

»Tess war mit ihr befreundet.« Ich würde gerne den Arm um sie legen, doch ich weiß, dass ihr das peinlich wäre. Sie kaut mit ihren perlweißen Schneidezähnen auf der Unterlippe herum, eine schlechte Angewohnheit, die sie von mir hat, und außerdem ein eindeutiges Zeichen für ihren Kummer. Ich wechsle das Thema: »Ich hoffe, es hat dir keine Umstände bereitet hierherzukommen?«

Finn zuckt mit den Schultern. »Ishida war damit einverstanden, dass ich nicht an der Ratssitzung teilnehme, damit ich meinen neuen Chef treffen kann. Und Denisof wird denken, dass ich den ganzen Nachmittag in der Sitzung war. Mich wird niemand vermissen.«

Ich grinse. »Soll das heißen, du hast die Stelle?«

»Ja, ich habe es gerade heute Morgen erfahren.« Die braunen Augen hinter seinen Brillengläsern sind ernst, aber als er sich theatralisch vor mir verbeugt, wird die Stimmung schon wieder leichter. »Was tragen Sie mir auf, Mylady?«

»Finde heraus, wann die nächste Sitzung des Höchsten Rats stattfindet und wo.« Ich fahre mit der Hand über den Rücken der Bank und male mit den Fingerspitzen die Kurven nach. »Ich bitte dich nur äußerst ungern darum.«

»Ich habe meine Hilfe angeboten, nicht wahr? Und ich meine es nach wie vor vollkommen ernst, also entschuldige dich nicht dafür, Cate.«

Mein Herz schlägt schon wieder schneller, als ich höre, wie er meinen Namen ausspricht.

»Außerdem ist das wohl kaum ein gefährliches Abenteuer.« Er sieht etwas enttäuscht aus, und ich muss grinsen, weil er unbedingt den Helden spielen will. Doch ich bin froh, dass die Aufgabe nicht gefährlicher ist; das hier ist schließlich keine Geschichte aus einem seiner Bücher. »Denisof ist Mitglied des Höchsten Rats; ich nehme an, ich werde für die Sitzung seine anderen Termine absagen dürfen. Was hat Inez vor?«

»Ich weiß es nicht«, gebe ich zu. »Sie hat uns beigebracht, wie wir uns mithilfe von Illusionszauber als Brüder ausgeben können. Vielleicht will sie ein Mitglied des Höchsten Rats entführen und eine von uns an seiner Stelle an der Sitzung teilnehmen lassen, um herauszufinden, was sie vorhaben. Hat Brenna irgendetwas Neues gesagt?«

Finn zieht seinen Umhang aus und breitet ihn über der feuchten Bank aus. Ich setze mich vielleicht ein bisschen näher an ihn heran als angemessen wäre. Meine Hüfte berührt beinah seine graue Hose. Er trägt die feine Kleidung der Bruderschaft: graue Weste, weißes Hemd, dazu schwarze, mit Matsch bespritzte Stiefel. Tess lässt sich auf meiner anderen Seite auf die Bank plumpsen.

»Äh … ja, hat sie.« Finn räuspert sich. »Sie hat vorhergesagt, dass einer der Brüder die Bruderschaft verraten wird, indem er mit den Hexen zusammenarbeitet.«

»Was?«, rufe ich und springe auf, wobei ich fast über die Steine des Kopfsteinpflasterweges stolpere.

»Sch!« Finn fasst mich an der Hand und zieht mich zurück auf die Bank. »Sie hat keine Einzelheiten verraten. Nichts, womit ich identifiziert werden könnte.«

Ich hole tief Luft. Ich habe mich für Brenna stark gemacht, doch wenn sie mit ihren Prophezeiungen weiterhin die Menschen, die ich liebe, in Gefahr bringt, was dann? Haben Inez und Maura vielleicht doch recht?

»Das Ganze ist inzwischen viel zu gefährlich«, stoße ich hervor. »Ich will nicht …«

»Es ist aber nicht deine Entscheidung. Es ist meine. Ich habe übrigens auch Gerüchte über die Schwesternschaft gehört«, fährt er fort. Seine sommersprossige Hand liegt auf seinem Knie, nur Zentimeter von meiner entfernt. Am Zeigefinger hat er einen schwarzen Tintenfleck.

»Was für Gerüchte?«, fragt Tess und beugt sich vor, damit sie Finn neben mir sehen kann.

»Die strengsten Ratsmitglieder wollten die Klosterschule schließen. Sie wurden überstimmt. Die Entscheidung, das Unterrichten von Mädchen zu verbieten, war nicht einstimmig, bestimmt ein Drittel des Rats war dagegen. Als Entgegenkommen soll die Klosterschule geöffnet bleiben dürfen.«

»Als ob fünfzig gebildete Mädchen so einen Unterschied machen würden«, schimpft Tess und schlägt sich mit den Fäusten auf die Oberschenkel.

»O’Sheas Anhänger sind davon überzeugt. Er behauptet, jede Stätte weiblichen Lernens sei eine Bastion der Gottlosigkeit. Eine Quelle möglicher Rebellion.«

Ich grinse boshaft. »Nun, damit hat er nicht ganz unrecht.«

»Seine Anhänger finden, es dürfe keinerlei Ausnahmen geben und dass die Bruderschaft mehr Kontrolle über das tägliche Wirken der Schwesternschaft haben sollte. Es würde mich nicht überraschen, wenn darüber bei der nächsten Sitzung des Höchsten Rats diskutiert würde.«

Ich lache ungläubig. »Wie soll das gehen? Soll dann etwa ein Mann ins Kloster einziehen und die Führung übernehmen?«

Finn rückt wieder seine Brille zurecht. »Genau das haben sie vor. O’Shea meint, einer der Brüder sollte Schulleiter werden. Er sagt, wenn die Mädchen dort schon unterrichtet werden müssen, dann sollte wenigstens ein Mann das Einhalten des Lehrplans beaufsichtigen.«

Ich gebe ein paar sehr undamenhafte Worte von mir. »Dann müssten wir jeden Tag sein Gedächtnis löschen! Er würde schon nach kurzer Zeit strohdumm sein.«

»Oder wir dürften uns mit nichts Anspruchsvollerem als Wasserfarben, der Bibel und Französisch beschäftigen«, sagt Tess verärgert.

»Mit Französisch bestimmt nicht. Jetzt, da die französischen Damen wählen dürfen, ist das Unterrichten der Sprache verboten, damit unsere leicht zu beeindruckenden Mädchen dadurch nicht den Zugang zur Unsittlichkeit finden.« Finns Mundwinkel zucken, als ob er lachen wollte. »Brennan, ein weiteres Mitglied des Höchsten Rats, bekämpft O’Shea. Er ist einer von den Guten. Hat selbst drei Töchter, vermutlich macht das schon einen Unterschied.«

»Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass irgendein Mitglied der Bruderschaft gut sein soll«, grummle ich. Finn zuckt zusammen und rückt ein Stück von mir ab. Ich wünschte, ich könnte die Worte wieder zurücknehmen. Was ist heute nur los mit mir? »Tut mir leid. Ich meinte natürlich nicht dich. Ich weiß, dass du nicht da sein willst.«

»Ich bin sicherlich nicht der Erste, der der Bruderschaft beigetreten ist, um seine Familie zu beschützen.« Finn blickt auf den geprägten Silberring an seinem rechten Ringfinger. »Es ist eben leichter, nichts zu sagen, als sich dem Risiko auszusetzen, dass die eigene Rechtschaffenheit angezweifelt wird – die Hingabe an die Bruderschaft und an den Herrn.«

»Das ist feige. Wenn es so viele wären, wie du sagst, könnten sie die Dinge verändern, indem sie dagegen aufbegehren!«, fauche ich. Ein paar Meter weiter sitzen zwei Mädchen mit Pferdeschwänzen auf einer Bank und spielen mit Puppen, während ihre Mutter einen Kinderwagen um den Ententeich schiebt.

»Dann bin auch ich feige. Ich war dabei, als die neuen Gesetze diskutiert wurden. Ich habe zwar bislang kein Stimmrecht, aber ich hätte trotzdem dagegen argumentieren können. Vielleicht hätte ich etwas ändern können.« Finns Stimme ist voller Selbstverachtung.

»Nein. Du durftest es nicht riskieren, Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen! Das ist etwas anderes«, erkläre ich und lege meine Hand auf die seine. Ich denke noch nicht einmal daran, wer es sehen könnte – ich will ihn einfach nur trösten und meine unüberlegten Worte wieder gutmachen.

Finn zieht seine Hand weg. »Es ist nichts anderes. Diese Männer sind genauso Ehemänner und Väter und Brüder. Ich glaube, es wird eine Zeit kommen, da sie aufbegehren werden.«

»Das ist großartig, aber wie schlimm muss es denn noch für uns kommen, ehe sie sich erheben?« Ich rücke auf dem kalten Marmor ein Stück von ihm ab. »Was muss denn noch passieren? Die Brüder ermorden unschuldige Mädchen, während wir uns hier unterhalten!«

»Und was tust du dagegen?« Die Frage trifft mich wie eine Ohrfeige – ein Echo der Kritik von Maura. »Du bist mächtig, Cate. Die ganze Schwesternschaft zusammengenommen muss unglaublich stark sein, und trotzdem wartest du einfach bloß ab. Ich mache dir gar keinen Vorwurf, aber …«

»Das hört sich aber ganz so an. Was sollen wir denn tun, ohne uns zu verraten?«, frage ich. »Es ist nicht so einfach, wie bloß den Mund aufzumachen. Nicht für uns Frauen.«

Finn runzelt die Stirn. »Das weiß ich. Weiß Gott, ich will ja auch nicht, dass du dich in Gefahr begibst – aber wenn alle so denken, wie sollen wir dann jemals vorwärtskommen?«

Schwermütig schweigend sehen wir uns an. Es ist unser erster … Es ist kein wirklicher Streit. Aber es ist das erste Mal, dass wir uns in einer Sache so uneinig sind. Ist es tatsächlich an der Zeit, dass ich etwas tue? Es ist einfach, die Schuld alleine auf die abscheuliche Politik der Brüder zu schieben. Doch wenn ich vernünftig darüber nachdenke, weiß ich, dass Finn recht hat. Die Bruderschaft kann nicht nur aus widerwärtigen, kriecherischen Scheinheiligen wie Bruder Ishida bestehen, der seine eigenen Töchter verleugnet. Aber ich weiß nicht, wie ich den Gedanken mit der Angst, die ich mein ganzes Leben schon vor der Bruderschaft hatte, in Einklang bringen soll.

Denken die Menschen vielleicht auch so, was uns Hexen angeht?

Da steht Tess plötzlich auf und sieht sich um. »Was ist das für ein Lärm?«

Ich war so in unsere Diskussion vertieft, dass es mir gar nicht aufgefallen ist, aber jetzt höre auch ich das Rufen vom Richmond Square, das immer wieder ertönende Brüllen vieler Stimmen im Chor.

Ich kann die Worte nicht verstehen, aber wenn sich eine Menschenmenge versammelt, kann das für Mädchen wie uns nichts Gutes bedeuten.

Tess läuft bereits über den matschigen Weg zum Parkeingang.

»Tess, warte!«, rufe ich und eile hinter ihr her. Ich renne praktisch, meine Stiefel versinken im Morast. Finn hinter mir bemerke ich kaum. Als die Bäume schließlich hinter uns liegen, sehe ich den Pulk auf dem Richmond Square. Der ganze Platz ist voller Menschen. Sie drängen sich sogar schon auf den weißen Marmorstufen der Kathedrale. Es sind nicht Dutzende Leute, die rufen. Es sind Hunderte. Vielleicht sogar Tausende.

Hier sind mehr Menschen versammelt, als ich je in meinem Leben gesehen habe.

Ob sie dieses Mal mehr als Bücher verbrennen?

Tess ist am äußersten Rand der Menge stehen geblieben und beobachtet das Geschehen mit großen Augen.

»Lasst die Frauen arbeiten! Lasst die Frauen arbeiten!«, rufen die Leute im Chor, immer und immer wieder. Manche halten Holzschilder hoch, auf denen steht: LASST DIE FRAUEN ARBEITEN und FRAUENLÖHNE HELFEN FAMILIEN ERNÄHREN und WIR HABEN HUNGER. Es sind größtenteils Menschen aus der Arbeiterklasse: Männer in geflickten Hosen oder den neumodischen Jeans, die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt. Sie tragen Mützen und dreckige Arbeitsstiefel. Einige halten brüllend Becher mit Cidre in die Luft. Es sind auch ein paar Frauen darunter, die neben ihren Ehemännern rufen: »Lasst uns arbeiten!«

Dutzende Leute halten Flugblätter in den Händen. Ein an uns vorbeigehender Mann lässt ein zerknülltes Flugblatt fallen. Ich hebe es auf und glätte das Papier. Darauf ist eine Karikatur von zwei dünnen Kindern, die mit leeren Tellern in den Händen und großen Augen ihre Mutter ansehen, die strickend in einem Schaukelstuhl sitzt. Auf dem nächsten Bild sind zwei dicke Männer in dunklen Umhängen zu sehen, die sich mit Haxen und Hühnerbeinen und Kuchen vollstopfen. Die Bildunterschrift lautet einfach: Lasst die Frauen arbeiten! Kommt zum Richmond Square und protestiert gegen die neuen Gesetze gegen Frauenarbeit. Unsere Familien hungern, während unsere Frauen untätig rumsitzen müssen.

»Ich glaube, wir sollten besser gehen«, sagt Finn über meine Schulter.

»Ich habe noch nie vorher einen Protest gesehen«, sage ich atemlos. »Das ist großartig!«

»Ich weiß nicht, ob es vorher überhaupt schon einmal einen Protest gab. Jedenfalls nicht gegen die Bruderschaft«, sagt Tess. Unsere Blicke treffen sich, und ich weiß, dass sie das Gleiche denkt wie ich. Es gab Proteste gegen die Schwestern von Persephone. Ich habe davon gelesen. Das war damals der Anfang vom Ende.

Da kommt ein stämmiger Mann mit einem Schlapphut aus Kord auf uns zu. »Wollen Sie mitprotestieren, Bruder?«

»Wir wollten gerade gehen«, antwortet Finn und fasst mich am Ellbogen.

Der Mann hält ihm ein Flugblatt hin. »Bleiben Sie. Sie sollten sehen, was die Leute von Ihren neuen Gesetzen halten.«

»Es ist nicht mein Gesetz. Ich denke, dass Frauen das Recht haben sollten, arbeiten zu gehen«, erklärt Finn.

»Sie haben also dagegengestimmt, ja?«. Als Finn zögert, lacht der stämmige Mann. »Warum sollten Sie auch? Ihr lehnt euch zurück und werdet reich von unserem Zehnten, während unsere Familien hungern. Wenn man wohlgenährt ist, ist es leicht, über Moral zu reden.«

Da kommt ein Mann mit markantem Gesicht und olivefarbener Haut herangeschlendert. Er trägt ein rotes Flanellhemd. »Mit der Moral ist es bei ihm wohl nicht weit her, Ted. Ist so unverschämt und treibt es gleich mit zwei Mädchen auf einmal. Scheinheilige, alle zusammen.«

»Halten Sie Ihre Zunge im Zaum. Diese Damen sind Novizinnen der Schwesternschaft.« Finn zieht Tess hinter sich.

»Diese Klostermädchen sind keinen Deut besser als die Brüder. Ich wette, die haben in ihrem Leben noch nicht einen einzigen Tag ehrliche Arbeit geleistet«, sagt der Dunkelhaarige. Er hat den gleichen spanischen Akzent wie Schwester Inez.

Zu meiner eigenen Überraschung entgegne ich empört: »Oh doch. Wir pflegen die Kranken und bringen den Armen Essen.«

»Aber ihr verzichtet auf nichts. Ihr legt euch abends immer noch mit vollen Bäuchen auf euren edlen Federkissen schlafen«, erklärt Ted.

»Wir wollen eure Wohltätigkeit nicht«, sagt der Spanier. »Wir wollen uns selbst versorgen.«

Voller Abscheu sehe ich die beiden an. »Sie sehen kaum so aus, als würden Sie hungern.«

Der Dunkelhaarige packt mich lachend am Arm und zieht mich von Finn weg. »Du bist wohl leicht reizbar, was? Ich bezweifle, dass er es zu würdigen weiß«, sagt er und nickt in Finns Richtung. »Wir könnten eine Menge Spaß zusammen haben, Schwester.«

Sein Atem riecht nach Alkohol. Jetzt verstehe ich, warum Finn so argwöhnisch war. Dieser Protest ist ein Pulverfass kurz vor der Explosion, zusätzlich angeheizt durch Alkohol, Sonne und die Mentalität des Pöbels. Ich stemme meine Füße, so fest ich kann, in den durchweichten Boden. Wenn dieser Flegel denkt, er könne mich misshandeln, hat er sich aber geirrt. »Nehmen Sie Ihre Hände von mir. Mit Ihnen gehe ich nirgendwo hin.«

»Na komm schon, dreh ’ne Runde mit mir. Ich wette, mit mir hast du mehr Spaß als mit dem da. Schon mal Whiskey getrunken?« Er fummelt in seiner Tasche nach einer Flasche und sieht mich mit seinen dunklen Augen lüstern an. »Schon mal geküsst worden, Schwester?«

Oh, jetzt reicht es mir aber. Ich gebe ihm eine schallende Ohrfeige.

Sein Freund lacht. »Die hat’s dir aber gezeigt, Marco!«

Marco reibt sich die rote Wange und stiert mich an. »Hochnäsiger Fratz.«

Da tritt Finn einen Schritt vor. Seine Augen blitzen vor Zorn. »So zeigen Sie also Ihren Respekt vor Frauen?«

Marco grinst. »Du hast recht. Eigentlich haben wir ein Problem mit dir.«

Er schubst Finn, der daraufhin gegen Tess stößt, die wiederum ausrutscht und hinfällt. Der Matsch spritzt ihr auf den Umhang und ins Gesicht. Finn holt aus, aber der Dunkelhaarige dreht sich mit Leichtigkeit weg und landet einen Treffer. Finn taumelt zurück.

»Hören Sie auf! Sie sollten sich schämen«, rufe ich und helfe Tess auf. »Sehen Sie bloß, was Sie angerichtet haben. Fühlen Sie sich etwa männlich, wenn Sie ein Kind verletzen?«

Marco kommt wieder auf mich zu, aber dieses Mal stolpert er mit Karacho über seine eigenen Füße und fällt der Länge nach in den Dreck.

Tess. Ich kann es ihr nicht verübeln – ich glaube, ein winziges bisschen Magie ist nicht annähernd so schlimm wie eine öffentliche Prügelei. Ich bewege die Finger, die von der Ohrfeige immer noch brennen.

»Komm, Marco, lass gut sein. Das hier ist nicht die Art von Streit, die wir suchen«, sagt Ted und zieht seinen Freund hinter sich her in die Menge.

Finn nimmt mich und Tess am Arm und zieht uns in die entgegengesetzte Richtung. »Großartiger Protest, nicht wahr?«, sagt er und sieht mich an. »Ich bringe euch nach Hause.«

Ich öffne den Mund, um entgegenzuhalten, dass er sich nirgendwo in der Nähe des Klosters sehen lassen sollte, aber er wirft mir einen dermaßen vernichtenden Blick zu, dass ich es nicht wage, auch nur ein Wort zu sagen.

Erst als wir ein paar Straßen vom Stadtkern entfernt das Marktviertel erreichen, halten wir kurz inne.

»Hier.« Tess reicht Finn ihr Taschentuch. Das Blut tropft ihm aus der Nase, seine Wange ist bereits geschwollen. Es sieht schmerzhaft aus.

Finn zieht seinen Umhang aus und rät uns, das Gleiche zu tun. »Wenn die ganze Stadt in dieser Stimmung ist, sind wir so sicherer.«

Es ist seltsam, ohne Umhang, mit unbedecktem Haar durch die Stadt zu gehen. Das habe ich zuletzt getan, als ich ein kleines Mädchen war. Aber niemand sagt etwas. Was auch merkwürdig ist. Zu Hause hätte ich niemals die Church Street entlanggehen können, ohne gegrüßt oder nach meinem Vater gefragt zu werden. Hier begegnen wir auf der gesamten Länge eines Häuserblocks zwei feinen Damen, die offenbar gerade vom Schneider kommen, mit einem Hausmädchen, das ihnen mehrere Kleider hinterherträgt; einer Mutter, die drei schreiende Jungen mit verschmierten Gesichtern aus einem Süßwarenladen zerrt; einem Mann, der vor einem Schlachter frisches Fleisch verkauft, während uns aus dem Schaufenster ein Schweinskopf anstarrt; einem weiteren Mann, der vier Hutschachteln bis unters Kinn gestapelt trägt und mich anrempelt, sodass ich gegen Tess stolpere. Niemand lächelt oder wünscht uns einen guten Tag. Niemand sieht uns schief an, weil wir unsere Umhänge nicht tragen. Alle kümmern sich bloß um ihre eigenen Angelegenheiten.

Unser Schweigen wird durch das Quietschen von Wagenrädern und das Klappern von Hufeisen übertönt. Die Zeitungsjungen rufen den Sentinel aus, und Straßenhändler preisen Blumen, geröstete Esskastanien und köstliche Fleischpasteten an. Es ist Feierabendzeit, und die Straßen sind jetzt voller Menschen. Ich gehe dicht neben Finn, mein Arm berührt den seinen, und ich achte darauf, dass ich Tess vor uns nicht aus den Augen verliere. Als wir das vornehmere Wohnviertel um das Kloster erreichen, werden die Häuser größer, und die Geräusche ebben ab, bis nur noch ein paar vorbeifahrende Zweispänner und das durch den Rinnstein fließende Wasser zu hören sind.

Eine Straße vom Kloster entfernt bleibt Finn stehen. »Kannst du uns kurz alleine lassen?«, frage ich Tess.

Sie nickt. »Danke, dass du unsere Ehre verteidigt hast, Finn.«

»Ja, ich war wohl eine große Hilfe«, murmelt er.

»Du warst großartig«, erklärt Tess und berührt ihn am Arm. Dann geht sie taktvoll ein paar Schritte weiter und spielt mit den Stechpalmenblättern, die über die Pforte unserer Nachbarn ragen.

»Es tut mir leid, dass ich nicht auf dich gehört habe, als du sagtest, wir sollten besser gehen. Bist du sehr böse auf mich?« Ich berühre ihn an der Wange und zucke vor Mitleid zusammen.

Finn schüttelt den Kopf. Er sieht mich nicht direkt an, als er antwortet. »Es war nicht das erste Mal, dass ich in einem Kampf geschlagen wurde, aber ich wünschte, du hättest es nicht mit ansehen müssen.«

Oh. Finn scheint mir immer so selbstsicher und schlau zu sein. Dabei war der Junge, den ich als Kind kannte, vollkommen anders – ein wichtigtuerischer Alleswisser, groß, aber dünn wie eine Bohnenstange, mit einer Veranlagung, auf dem Schulhof den Hintern versohlt zu bekommen.

»Ich denke deswegen kein bisschen schlechter von dir. Tatsächlich würde ich dir, wenn wir jetzt mehr unter uns wären, gerne zeigen, wie viel ich von dir halte«, scherze ich kokett, und seine Mundwinkel heben sich zögerlich zu einem Lächeln. »Sich zu schlagen, ist nicht die einzige Art, mutig zu sein. Meinetwegen der Bruderschaft beizutreten und für uns zu spionieren – das ist mutig.«

»Ich möchte dich beschützen können«, murmelt er.

»Ich kann mich selbst beschützen.« Ich drücke seine Hand und konzentriere mich auf seine Verletzungen. Innerhalb von einem Augenblick sind sie geheilt. Mir ist noch nicht einmal schwindelig.

Finn betastet seine Wange, die gänzlich abgeschwollen ist. »Das hättest du nicht tun müssen«, murmelt er.

»Es war aber gar nicht schwer.« Ich kann ihn ja schlecht blutend und grün und blau geschlagen in der Gegend herumlaufen lassen, nur damit sein Stolz keinen Schaden nimmt.

Er steckt das fleckige Taschentuch ein und tritt mit dem Stiefel gegen den Bordstein. »Ich wünschte, ich könnte mehr für deine Sicherheit tun. Ich will dein Ehemann sein, Cate. Diese heimlichen Treffen …«

»Ich weiß.« Eine streunende getigerte Katze streift um Tess’ Beine, und Tess beugt sich zu ihr hinunter, streichelt sie und säuselt zärtliche Worte. Das ist also das Mädchen, vor dem die Brüder solche Angst haben? »Mir gefällt das auch nicht. Was auch immer Inez vorhat, es muss funktionieren.«