Kapitel 18
Den Dienstag nehme ich nur nebelhaft wahr. Ich bin unkonzentriert und lasse im Unterricht für Bewegungszauber einen Teller fallen, im Illusionsunterricht kann ich keinen Anschein für länger als zwei Minuten aufrechterhalten, und in Anatomie verwechsele ich meinen Oberkiefer, Maxilla, mit der Kniescheibe, Patella. Ich bin erschöpft; ich habe mich bei Sonnenaufgang ins Kloster zurückgeschlichen und ganze zwei Stunden bis zum Frühstück geschlafen, und ich kann an nichts anderes als das Harwood-Vorhaben denken. Die Freiheit von Hunderten von Mädchen scheint davon abzuhängen, dass jede Einzelheit perfekt klappt. Ich bete, dass Inez so beschäftigt mit ihrem eigenen Plan ist, dass sie sich nicht bemühen wird, unseren zu durchkreuzen.
Sophia, Mei, Rory und Rilla haben mir versprochen zu helfen, und Elena hat allen, von denen sie denkt, dass sie uns unterstützen werden, von unserem Vorhaben erzählt. Während des Nachmittagstees steht sie in einem schimmernd grünen Seidenkleid, das im Kontrast zu ihrer dunklen Haut regelrecht leuchtet, neben der Anrichte und zieht flüsternd Lehrerinnen wie Schülerinnen zur Seite.
Ich will gerade nach oben in mein Zimmer, um ein kleines Nickerchen zu machen, als sie mich am Ärmel festhält. »Ich denke, wir sollten heute Abend ein Treffen für alle Helferinnen einberufen, damit sie wissen, worum es genau geht. Ich glaube allerdings, wir müssen einige Mädchen ablehnen, weil wir nicht genug Transportmöglichkeiten haben. Wir brauchen so viel Platz wie möglich für die Patientinnen.«
»So viele Mädchen wollen mitmachen?« Erstaunt sehe ich ihr in das hübsche Gesicht.
»Alle, die ich angesprochen habe.« Elena nimmt sich einen Cranberryscone. »Harwood ist das Schreckgespenst, das uns allen Angst macht, Cate. Die Vorstellung, dass wir die Mädchen befreien können, die das Pech hatten, dort zu landen – das scheint allen Hoffnung zu geben. Und jetzt, da Cora im Sterben liegt und die Brüder so viele Mädchen verhaften, ist es genau das, was alle am dringendsten brauchen. Um ehrlich zu sein, als deine ehemalige Gouvernante … muss ich sagen, ich bin sehr stolz auf dich.«
Mein Blick fällt auf Maura, die mit Alice auf dem rosafarbenen Sofa sitzt und mich mit ihren blauen Augen anfunkelt. »Anscheinend sind nicht alle so erfreut«, sage ich und deute mit dem Kopf in Mauras Richtung.
Elena dreht sich kurz um und läuft dunkelrot an, als sie Mauras Blick begegnet. Schnell dreht sie sich wieder zurück. »Nun, das war zu erwarten, nicht wahr?«
Das stimmt. Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so wehtun würde, mit Maura im gleichen Raum zu sein, wenn sie nicht mit mir spricht. Seit unserem Streit unten am Fluss geht sie Tess und mir beharrlich aus dem Weg. Wahrscheinlich hilft es auch nicht gerade, dass sie mich immer mit Elena zusammen tuscheln sieht. Aber Elena ist für mich zu einer wichtigen Verbündeten geworden, und ich kann sie nicht aufgeben, nur um Mauras Launen zu besänftigen.
Sie wird darüber hinwegkommen, oder nicht? Sie muss.
Als Tess und ich exakt, als die Uhr unten elf schlägt, Elenas Zimmer betreten, bin ich überrascht.
Der Raum ist brechend voll. Mädchen hocken Ellenbogen an Ellenbogen auf Elenas Bett und zerknittern die rosafarbene Decke, andere haben sich auf dem gesamten Fußboden ausgebreitet. Drei Gouvernanten haben sich auf das gelbe Sofa gequetscht, Schwester Sophia sitzt auf der bezogenen Bank vor Elenas Frisiertisch, neben ihr die dünne Schwester Edith, die Kunstlehrerin, und die unerhörte Schwester Mélisande, die Französisch unterrichtet und Hosen trägt. Da ich weder Kunst noch Französisch habe, kenne ich sie beide nicht; ich hatte nicht erwartet, sie hier anzutreffen. Unter den Klosterschülerinnen sind auch ein paar Überraschungen. Neben Vi sitzen Eugenia und Maud auf dem Bett.
Alle meine Freundinnen sind da: Rory und Rilla und Daisy, Mei und Addie und Pearl, Lucy und Rebakah. Tess drückt meine Hand und setzt sich zu den Jüngeren auf den Boden.
Elena stellt sich neben mich. Die Klosterschülerinnen tragen alle Nachthemden, genau wie ich, aber Elena hat immer noch ihr schönes grünes Kleid an. Sie klatscht in die Hände. »Guten Abend«, sagt sie, und alle hören zu reden auf und sehen uns an.
Schweiß sammelt sich unter den Haaren in meinem Nacken, und ich weiß nicht, wohin mit meinen Händen. Mein elfenbeinfarbenes Nachthemd hat keine Taschen, also verschränke ich die Hände auf dem Rücken.
»Danke, dass ihr alle gekommen seid«, sagt Elena. Obwohl es spät ist, sieht keins der Mädchen auch nur ein bisschen müde aus. »Ich habe die letzten Tage mit vielen von euch gesprochen, aber ich will es hier, jetzt, noch einmal vor allen sagen. Ich glaube, die Patientinnen in Harwood zu befreien, ist die richtige Entscheidung. Aber wir brauchen eure Hilfe, um sie umsetzen zu können. Cate, kannst du es erklären?«
Ich lege meinem Publikum den Plan dar, den wir uns überlegt haben. Elena, Rory, Rilla und ich werden als Erste ankommen, wir fahren in Finns Kutsche und geben uns den Anschein von Brüdern. Wir brauchen mehrere Freiwillige, die uns in den zwei Kutschen der Schwesternschaft folgen, die Patientinnen aus ihren Zimmern befreien und ihnen hinaushelfen. Wir wollen die Gefangenen in vier Gruppen aufteilen: Brenna Elliott und die uns bekannten Hexen, die mit uns zurück ins Kloster kommen, und drei Wagen voll Patientinnen, die jeweils zu einem der drei Häuser gebracht werden, von denen Zara erzählt hat. Sophia hat zwei Bauwagen im Innenhof in Harwood gesehen, die wir nehmen wollen. Wir brauchen immer noch einen weiteren Wagen und Freiwillige, die mit den Patientinnen zu den Unterschlupfhäusern fahren und erst einmal eine Weile bei ihnen bleiben.
»Ich werde einen der Wagen fahren«, bietet Schwester Sophia an, und ich werfe Tess einen Blick zu. Ich wette, Sophia wird die Mädchen zum Haus am Meer fahren, genau wie Tess es vorhergesehen hat.
Maud hebt die Hand, und ich nicke ihr zu. Sie wirft ihr karottenfarbenes Haar zurück. »Genies Vater hat einen Wagen für seine Auslieferungen«, sagt sie und stößt ihre Freundin mit dem Ellbogen an.
Eugenia runzelt die Stirn und zieht sich die Ärmel ihres blauen Nachthemds über die dünnen Handgelenke. »Ich werde meinen Vater aber nicht beklauen.«
»Wir werden den Wagen doch wieder zurückbringen«, erklärt Maud.
»Und wenn er Kunden verliert, weil er Lieferungen ausfallen lassen muss?« Eugenias Stimme ist heiser, als würde sie eine Erkältung bekommen. »Was ist, wenn er irgendwie in diese Sache mit hineingezogen wird?«
»Komm schon, Genie, alle müssen irgendwie helfen.« Vi hüpft auf Elenas dicker Federmatratze. »Ich werde eine der Kutschen fahren.«
»Kannst du das denn?« Maud sieht sie mit großen Augen an.
»Natürlich, mein Vater ist Kutscher.« Vi verdreht die Augen.
»Ihr habt vor, allen Mädchen zu helfen, nicht nur den Hexen?«, fragt Schwester Mélisande.
»Natürlich. Wir werden keine zurücklassen«, versichere ich ihr.
Sie wirft ihr kurzes dunkles Haar zurück. »Dann helfe ich auch. Ich werde einen der Wagen fahren.«
»Und wir nehmen zusammen den dritten«, bieten zwei der Gouvernanten an.
Lucy Wheeler wedelt von ihrem Platz neben der Heizung aufgeregt mit der Hand. »Bekah und ich wollen auch helfen!«
Ich lächle sie an. »Das ist sehr mutig von euch. Und ich danke euch sehr. Aber ich denke, vielleicht sollten wir es auf Mädchen über dreizehn beschränken. Es wird ziemlich gefährlich werden.«
Lucy reißt die braunen Augen auf. »Aber meine Schwester – ich muss sie sehen …«
»Das wirst du auch. Wir bringen Grace hierher«, verspreche ich.
Lucy schlägt die Hände zusammen. »Hierher? Aber sie ist doch gar keine Hexe!«
»Sie ist deine Schwester. Nach dem, was sie durchmachen musste, gehört sie hierher, zu dir«, sage ich entschieden. »Hat noch eine außer Lucy und Rory Verwandte in Harwood? Maud, deine Cousine ist auch da, richtig? Caroline heißt sie?«
»Ja.« Maud grinst.
Wie sich herausstellt, ist auch Schwester Ediths Nichte eine Patientin, und wir einigen uns, sie und Caroline zum Kloster mitzunehmen.
»Was ist mit mir? Ich kann doch mitkommen oder nicht?« Tess sieht mich von ihrem Platz auf dem geblümten Teppich aus mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Du bist zwölf, nicht wahr?«, sage ich. Ich habe mich seit Tagen darum gedrückt.
Ihr schmales Gesicht wird rot, während sie mit dem Ende ihres blonden Zopfes spielt. »Ja, aber …«
»Nein. Du bist eine begnadete Hexe, so wie du auch, Lucy, und auch du, Rebakah, und wahrscheinlich wärt ihr alle ein Gewinn, und ich werde es bereuen, euch nicht dabeizuhaben. Aber ich werde eure Sicherheit nicht aufs Spiel setzen«, erkläre ich. »Bitte, fangt deswegen keinen Streit an.«
»Ich denke, Cate hat recht«, sagt Schwester Sophia.
»Wir müssen in drei Kutschen passen«, stellt Elena fest. »Fünfzehn scheint mir eine gute Zahl zu sein. Was meinst du, Cate?«
»Äh … ja«, stimme ich zu, ganz verblüfft, dass sie mich nach meiner Zustimmung fragt. »Wir brauchen jeweils ein Paar für jeden Flügel der Anstalt, plus mehrere, die in der Eingangshalle warten, um die Patientinnen hinauszubringen. Ich schätze, dass einige einfach davonlaufen werden, was verständlich ist, aber wir sollten ihnen bewusst machen, dass die Brüder sie aufspüren werden, wenn sie nach Hause laufen.« Wir dürfen den Fehler, den wir mit den Gefangenen vom Richmond Square gemacht haben, nicht wiederholen.
»Ihr werdet uns brauchen. Pearl und ich kennen Harwood so gut wie keine andere.« Addie schiebt sich ihre Brille zurück auf die Nase. Pearl neben ihr nickt zustimmend.
Am Ende haben wir doppelt so viele Freiwillige, wie wir brauchen. Wir einigen uns schließlich auf Elena und die zwei Gouvernanten, um die Wagen zu fahren; Schwester Sophia und Edith und Mélisande; Rory, die sich um Brenna kümmern wird; Rilla, die perfekte Illusionen zaubern kann; Addie und Pearl und Mei, die sich in Harwood gut auskennen; und Vi, Daisy, Maud und mich. Elena entlässt den Rest der Mädchen, und nur der Harwood-Zirkel bleibt, um die Einzelheiten zu besprechen und die verschiedenen Posten zu verteilen.
Ich halte Tess am Ellbogen fest. »Du verstehst es doch, oder?«
Sie nickt. »Ich dachte sowieso nicht, dass du mich mitkommen lassen würdest. Ich habe gehofft, dass ich mich irre, aber …«
»Wir brauchen trotzdem noch deine Hilfe. Du musst bleiben und uns mehr über die Unterschlüpfe erzählen.«
Eugenia tippt mich an die Schulter. »Kann ich dich kurz sprechen, allein?«, fragt sie.
»Natürlich.« Wahrscheinlich hat sie Bedenken wegen des Lieferwagens ihres Vaters, was ich gut verstehen kann. Ich begleite sie auf den Flur hinaus, und wir sehen den Mädchen hinterher, die sich auf Zehenspitzen wieder in ihre Zimmer schleichen. Am Ende des Flurs ist die Tür zu Schwester Coras Zimmer fest geschlossen. Sophia sagte, sie könne jeden Moment von uns gehen. Ich schließe die Augen und schicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie schnell und friedlich stirbt.
Als alle Mädchen verschwunden sind, wendet sich Eugenia mir zu.
»Seit wann sind Elena und du eigentlich solche Busenfreundinnen?«, fährt sie mich an.
»Ich … was?«
Ihr Mund dehnt sich wie bei einem Ungeheuer im Märchen, und ich schrecke zurück. Eugenias glatte braune Haare verfärben sich leuchtend rot, ihre braunen Augen werden stechend blau, und ihre unreine Haut wird zu der glatten Haut meiner Schwester.
»Maura.« Entsetzt starre ich sie an und falle rückwärts gegen die grün geblümte Tapete. »Was hast du mit Eugenia gemacht?«
»Ach, Genie geht es gut«, winkt Maura ab. »Ich habe sie versteinert und in ihren Schrank gesperrt. Ich lasse sie in fünf Minuten wieder raus. Ich bin froh, dass ich zu deinem blöden Treffen kommen und herausfinden konnte, was Elena und du vorhabt. Sieh dir nur all diese Dussel an, wie sie um die Wette versuchen, dich zu beeindrucken!«
»Sie versuchen nicht, mich zu beeindrucken; sie tun, was sie für richtig halten«, erkläre ich.
»Du bist so scheinheilig, mir könnte schlecht werden.« Maura verschränkt die Arme über ihrem gerüschten blauen Nachthemd. »Ich kann es nicht fassen, dass du mit ihr zusammenarbeitest. Ich dachte, du könntest sie nicht leiden!«
Ich beiße mir auf die Unterlippe. »Sie hat dich gerne, weißt du das? Es tut ihr leid, dass sie dich verletzt hat.«
Maura starrt auf die Holzdielen. »Aber anscheinend nicht genug, um bei dieser Sache auf meiner Seite zu sein.«
»Zwei Menschen können unterschiedlicher Meinung sein und sich trotzdem gerne mögen«, erwidere ich.
»So wie du und Tess mich mögen?« Maura schüttelt den Kopf, dass ihre roten Locken nur so fliegen. »Nein. Ich bin bei dieser Sache auf mich allein gestellt. Ich sollte mich inzwischen wohl daran gewöhnt haben; ich bin immer alleine.«
»Das ist nicht wahr«, entgegne ich und stemme die Hände in die Hüften. »Hör auf, dich selbst zu bemitleiden.«
»Du kannst mich einfach nicht verstehen. Die Leute laufen dir ja in Scharen hinterher«, wirft Maura mir vor, und ich sehe sie erstaunt an. Bisher war ich doch immer die Eifersüchtige, die genau das über sie gedacht hat. »Ist Finn in diese Sache verwickelt?«
»Ja, ist er«, sage ich zögerlich. »Warum? Brauchst du noch mehr Informationen, mit denen du mich erpressen kannst?«
»Du solltest ihn da rauslassen. Das ist dein Kampf, nicht seiner.« Maura sieht mich mit ihren blauen Augen ernst an. »Er sollte daran keinen Anteil haben.«
»Tja, er hat aber darauf bestanden, und ich versuche, anderen nichts mehr vorzuschreiben. Aber irgendwie scheint es nicht immer so zu klappen, wie ich es vorhabe.« Ich lächle sie vorsichtig an. »Hör zu, ich weiß, dass du böse auf Tess und mich bist, aber diese Sache ist größer als wir. Diese Mädchen brauchen unsere Hilfe. Du kannst nicht wissen, was die Brüder ihnen antun werden, wenn du und Inez morgen Abend Erfolg habt.«
»Du kannst es genauso wenig wissen«, entgegnet Maura und spielt mit der weißen Spitze an ihrem Ärmel.
»Ich weiß, dass es schrecklich werden würde. Die Brüder würden ein Exempel an ihnen statuieren – sie würden sie foltern oder töten. Ich kann das einfach nicht zulassen.« Ich sehe sie flehentlich an. Sogar jetzt hoffe ich noch, dass sie zur Vernunft kommt, dass sie sich uns statt Inez anschließt. »Was auch immer die Brüder unternehmen werden, um zurückzuschlagen, es wird auf deine Kappe gehen, Maura. Auf deine und Inez’. Wirst du damit leben können?«
Maura starrt mich an. »Es ist ihre Entscheidung, wie sie darauf reagieren. Wenn sie die Hexenverbrennungen wieder einführen, werden die Leute endlich sehen, wie schlimm sie in Wirklichkeit sind. Die Brüder sind unsere Feinde, Cate. Wir können nicht mit ihnen zusammenarbeiten. Je eher du das begreifst, desto besser für dich.«
Harwood sitzt wie ein dunkles Ungeheuer auf dem Hügel und verbirgt die Sterne. Die vergitterten Fenster der oberen Stockwerke liegen in unheimlichen Schatten; nur in der Eingangshalle und dem Wohnzimmer der Krankenschwestern im Erdgeschoss leuchten ein paar Gaslampen. Vor Angst dreht sich mir der Magen um, als unsere Kutsche den verschneiten Schotterweg zum Wachhaus hinauffährt. Elena, Rilla, Rory und ich haben nicht ein einziges Wort miteinander gesprochen, seit wir das Kloster verlassen haben. Der Schnee dämpft den Hufschlag der Pferde; die angespannte Stille wird nur durch das leise Knarren durchbrochen, wenn die Pferde sich in ihrem Geschirr bewegen.
Wir warten eine Ewigkeit, bis der Wächter mit scharfer, autoritärer Stimme etwas ruft und Finn ruhig und selbstbewusst antwortet. Mir gegenüber trommelt Elena mit ihren schwarzen Stiefeln einen unablässigen, ungeduldigen Rhythmus auf den Holzboden, und sie beugt sich vor, als wäre sie bereit, jede Sekunde Gedankenmagie anzuwenden. Rory hüpft wie ein Kind auf den Ledersitzen herum. Aber Finns neuer Amtsring und das Zeichen der Bruderschaft an der Kutsche haben offenbar sogar noch um diese späte Stunde Gewicht, denn kurz darauf hören wir das Quietschen der sich öffnenden Tore.
Ich bin aus eigenem Entschluss hier, doch trotzdem kann ich mich nicht gegen die irrationale Angst wehren, die albtraumhafte Vorstellung, dass die Tore hinter uns zufallen und wir gefangen sind.
Die Kutsche hält auf halbem Weg durch die Tore an. Ich öffne die Tür und lehne mich hinaus.
»Was gibt es, Sir?«, fragt der Wächter.
Lass das Tor offen. Halte niemanden auf, egal, wer kommt und geht, befehle ich ihm, und er taumelt mit schwankenden, trunkenen Schritten zurück zum Wachhaus.
Unsere Kutsche rollt den Hügel hinauf und bleibt schließlich vor dem Eingangsportal stehen. Ich springe hinaus und nehme mir einen Augenblick, um die neuen, harten Züge meines Gesichts und – das Seltsamste überhaupt: des braunen Backenbarts – abzutasten. Rillas Illusion ist immer noch perfekt.
Die Vorsteherin öffnet die Tür. Sie ist dick und gut gelaunt, hat blonde Locken und rote Hamsterbacken. »Guten Abend, Sirs«, sagt sie. »Ich bin Mrs Harris, die Nachtaufseherin. Kann ich Ihnen helfen?«
»Ja, wir würden gerne …« Meine Stimme ist viel zu hoch und weiblich, und ich huste.
»Wir kommen, um die Hellseherin einer Untersuchung zu unterziehen. Anweisung von Covington«, sagt Elena mit einer kräftigen Stimme, die zu ihrem jetzt beträchtlichen Körperumfang passt.
»Die Hellseherin?« Die blassen Augenbrauen der Aufseherin schießen bis zu ihrem Haaransatz hinauf.
Finn tritt vor. »Bruder Robbins«, lügt er und verneigt sich übertrieben. Elena hat auch ihm einen anderen Anschein gegeben, sodass niemand eine genaue Beschreibung von ihm abgeben kann. »Guten Abend, Madam.«
»Mir wurde niemand angekündigt, Sir. Es ist sehr spät. Die meisten Patientinnen sind bereits im Bett.«
Ich runzle die Stirn. Mir wäre es lieber, wir kämen so hinein und könnten uns die Gedankenmagie für später aufsparen. »Wir sind Tag und Nacht mit der Nationalratssitzung beschäftigt, aber Covington möchte gerne, dass wir einen Blick auf die Hellseherin werfen, ehe wir die Stadt wieder verlassen. Wir sind in Seelenkunde ausgebildet.«
Finn tritt vor und senkt die Stimme, als wolle er uns von unangenehmen Wahrheiten beschützen. »Ich habe gehört, dass die Brüder, die vor uns hier waren, mit der Patientin die Geduld verloren haben, weil sie nicht mit ihnen reden wollte.«
Mrs Harris sieht Finn beklommen an. »Es geht ihr nicht gut. Ich bitte um Verzeihung, Sir, aber es scheint mir nicht richtig, wenn die Vertreter des Herrn eine Frau so behandeln.«
Ich schaudere, als ich mir vorstelle, wie Brenna geschlagen wurde. Als wir Finn auf der Straße hinter dem Kloster getroffen haben, erzählte er mir, dass Brenna sich heute geweigert habe, mit den Brüdern zu sprechen, und dass sie folglich bestraft wurde. Was haben sie ihr angetan, dass Mrs Harris es wagt, dagegen aufzubegehren?
»Sie vergessen sich. Das Mädchen ist eine verdammte Hexe«, fährt Finn sie an. Seine Stimme ist härter, als ich sie jemals vernommen habe. »Sie ist eine Schande und eine Gefahr für Neuengland, und es ist nur durch unsere Gnade, dass …«
»Verzeihen Sie. Ich wollte Ihr Urteil nicht infrage stellen, Sir.« Die Aufseherin sieht ihn verängstigt an. Finn deutet auf den Boden, und sie kniet sich mit knackenden Knien auf die kalten Steinstufen.
Finn legt ihr eine Hand auf die gekräuselte weiße Haube. »Der Herr segne dich und behüte dich heute und den Rest deiner Tage.«
Ich schrecke zurück, als ich die Worte der Bruderschaft aus seinem Mund höre.
Oh, es muss entsetzlich für ihn sein, das zu tun. Es ist entsetzlich für mich, es beobachten zu müssen. Das ist nicht Finn, ganz und gar nicht.
»Dank sei dem Herrn«, murmelt die Frau mit gesenktem Kopf.
»Wir befreien unseren Geist und öffnen unsere Herzen für den Herrn.«
Der Rest von uns stimmt in den Refrain ein: »Wir befreien unseren Geist und öffnen unsere Herzen für den Herrn.«
»Stehen Sie auf.« Finn sieht sie zornig an. »Und wagen Sie es nicht noch einmal, unsere Entscheidungen anzuzweifeln.«
»Ja, Sir. Bitte. Kommen Sie.« Sie winkt uns herein. »Miss Elliott ist im zweiten Stock, im Trakt für die Einzelunterbringung. Vor ihrer Tür sitzt eine Krankenschwester.«
Finn schreitet bereits mit laut klingenden Stiefeln über die alten Holzdielen den Gang hinab.
Da beugt sich die Aufseherin unter ihren Tisch. »Moment!«, ruft sie, und ich erstarre. Der Schreck fährt mir in die Glieder. Sicher hat sie unser Spiel durchschaut und zieht jetzt ihre Pistole hervor.
Doch sie hält bloß eine Kerze hoch. »Hier, Sir, nehmen Sie die. Oben wird es stockfinster sein. Wie Sie wissen, sind den Patientinnen keine Kerzen gestattet. Es kann dort oben richtig unheimlich sein.«
»Danke.« Ich nehme die Kerze, und die Aufseherin zündet sie an.
Wir eilen die dunklen Treppen hinauf. Als wir auf den Flur mit den Einzelzellen treten, späht die Krankenschwester gerade in Brennas Zelle. Sie wirbelt herum, als sie unsere Schritte hört.
Ihre Gedanken fühlen sich leicht und nachgiebig an. Ich beschwöre sie, nach Anweisung von Mrs Harris in den Trakt mit den Aufsässigen zu gehen und zu vergessen, uns gesehen zu haben. Sie verlässt ihren Posten ohne jeglichen Widerstand. Es ist unglaublich einfach, und ich fühle mich hinterher noch nicht einmal erschöpft.
Meine Magie ist sehr viel stärker geworden, seit ich in New London bin. Vorher hätte mich dieser Zauber noch vollkommen aufgezehrt, und jetzt ist es so gut wie nichts.
Die Zelle, in der das kleine blonde Mädchen war, ist nun leer. Ob sie wohl in den Trakt der Aufsässigen zurückgebracht wurde?
»Seht nach, ob sich noch andere Mädchen auf diesem Flügel befinden. Ich hole Brenna, und dann läuten wir die Alarmglocke«, sage ich. Nachdem Rilla mich von meiner Illusion befreit hat, öffne ich mit einem Zauber Brennas Tür und schlüpfe hinein. Sie liegt zusammengerollt in ihrem Nest aus Decken auf dem Boden und trägt immer noch die gleiche weiße Bluse und den gleichen braunen Rock wie beim letzten Mal. Aber jetzt hat sie ein blaues Auge, und ihre Lippe ist aufgeplatzt und blutig.
»Du bist wieder da«, sagt sie leise und blickt mich mit ihrem guten Auge an.
»Ich habe doch gesagt, dass ich wiederkomme, nicht wahr? Hier bin ich.«
Brenna richtet sich mühsam auf. »Ich hatte heute eine Vorhersehung, aber ich habe sie nicht verraten.« Sie hält die Arme ganz nah am Körper, wie ein verwundeter Vogel.
»Sie haben dich geschlagen.« Ich weiß nicht, warum mich das überrascht. Es ist das Gleiche, was sie mit Thomasina getan haben. Es ist das Gleiche, was sie mit Tess tun würden.
»Sie haben gesagt, ich wäre aufsässig.« Brenna hält mir ihre linke Hand hin, der kleine Finger und der Ringfinger stehen seltsam ab. Mir stockt der Atem.
»Rory ist hier. Sie wird dich gleich runterbringen, und Schwester Sophia kann dich heilen.« Ich halte kurz inne. »Deine Vorhersehung … hatte es irgendetwas mit meinen Schwestern zu tun? Oder mit mir?«
Brenna spielt mit ihrem langen kastanienbraunen Zopf. »Ich habe es dir schon mal erzählt, weißt du noch? Ich weiß es noch. Wir waren auf dem Friedhof.« Sie senkt die Stimme. »Du wirst Opfer bringen müssen.«
»Weil ich Finn verlassen muss?«, frage ich hoffnungsvoll. »Das ist gut ausgegangen.«
»Die schlimmsten Opfer stehen dir noch bevor. Drei Opfer. Und …« Brenna sieht mich schief an, das Kerzenlicht wirft Schatten über ihr geschundenes Gesicht. »Du wirst Tod bringen.«
Wem? Ich blicke auf den Boden.
»Ich hab dir doch gesagt, dass du es lieber nicht hören willst.« Brenna sieht mich traurig an. »Ist es so weit? Wir sollten gehen. Der Krieg steht kurz bevor.«
Ich erstarre, im Begriff die Tür zu öffnen. »Der Krieg?«
»Er wird heute Nacht losbrechen«, sagt Brenna.
Mein Puls rast. Ich denke an Tess, die im Wohnzimmer mit ihren Freundinnen Schach spielt, und an Schwester Gretchen, die Wache bei Cora hält. Was ist, wenn bei der Sitzung des Höchsten Rats alles schiefgeht, Maura gefangen genommen wird und wir alle auffliegen?
Nein. Daran darf ich jetzt nicht denken.
»Wir werden gleich die Feuerglocke läuten. Du musst keine Angst haben, es ist nur, um die Krankenschwestern alle zusammen zu bekommen. Rory bleibt bei dir, und dann holt ihr beide ihre Schwester. Erinnerst du dich noch an Sachi?«
»Drei Schwestern«, sagt Brenna gedankenverloren. »Eine bringt Heilung und Tod. Eine bringt den Ruin. Die Stärkste wird Frieden bringen, aber es erfordert ein Opfer. So sagt es die Prophezeiung.«
Die Nackenhaare stellen sich mir auf, als ich das Wort Tod höre. Ich kann nicht mehr aufhören zu zittern, meine Zähne schlagen unkontrolliert aufeinander.
Panisch, ohne ein weiteres Wort fliehe ich vor Brenna. Rory schlüpft hinter mir durch die Tür, und ich höre, wie sich die beiden Cousinen über ihr Wiedersehen freuen.
Auf dem Gang hole ich erst einmal tief Luft. Ich kann es. Ich muss sie nur hier herausbekommen, und dann fahren wir nach Hause und stellen uns dem, was als Nächstes kommt. Heute Nacht wird es keinen Mord und keine Opfer geben.
Elena läutet die Feuerglocke, und eine Serie durchdringender Töne erklingt. Der Alarm läuft über einen alten Flaschenzug durch die ganze Anstalt; es dauert nicht lange, und wir hören auch von unten die Glocken läuten. Rilla verleiht mir wieder den Anschein eines Bruders, und dann laufen sie und Finn und Elena und ich hinaus auf den Flur. Die Krankenschwestern aus dem Trakt mit den Aufsässigen sind bereits halb die Treppen hinunter, und ich frage mich, was sie wohl tun würden, wenn ein richtiges Feuer ausbräche. Würden sie die Patientinnen freilassen, oder würden sie die Mädchen verbrennen lassen? Mrs Harris und der Rest der Krankenschwestern haben sich bereits auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock zusammengefunden.
»Es tut mir leid, Ihre Untersuchung unterbrechen zu müssen, Sir«, sagt sie zu Finn. Offenbar hält sie ihn für unseren Anführer. »Wir hoffen, es ist nur ein Fehlalarm, aber es wäre nicht das erste Mal, dass eins der Mädchen irgendwie an Streichhölzer herangekommen ist und versucht, das Haus in Brand zu stecken.«
Elena hält mir ihre Hand hin, damit ich auch ihre magischen Kräfte nutzen kann. Ich ergreife sie und hole tief Luft. Zehn Personen. Auch wenn wir es zusammen machen, schaffen wir so viele? Aber ich darf jetzt nicht zögern.
Folgt uns in den Trakt mit den Aufsässigen, befehle ich ihnen. Dort ist das Feuer.
Alle zehn drehen sich um und laufen wieder hinauf.
»Oh weh«, sagt Mrs Harris mit wackelndem Doppelkinn. »Diese Mädchen würden uns noch im Schlaf verbrennen, wenn wir ihnen die Gelegenheit dazu gäben. Was haben sie denn jetzt schon wieder angestellt?«
Beim Treppensteigen gerate ich ins Schwanken, denn mir ist schwindelig vom Zaubern, sodass ich mich am Geländer festhalten muss. Als Finn es bemerkt, lässt er sich hinter mich zurückfallen, um mich aufzufangen, sollte ich fallen.
»Es geht schon wieder«, flüstere ich, und er streichelt mir über den Rücken.
Mrs Harris nimmt den Schlüssel von ihrem Hals und schließt die Tür zum Südflügel auf. Die Krankenschwestern laufen alle hinein und bleiben dann abrupt stehen, als ihnen nicht Rauch entgegenschlägt, sondern Dutzende außergewöhnlich wache Gefangene auf die Tür zulaufen, die Finn ihnen aufhält.
»Was machen Sie da? Schließen Sie die Tür, bevor sie hinauslaufen können!«, schreit Mrs Harris Finn an.
»Das wollen wir ja«, erklärt Finn. »Sie waren hier lange genug eingesperrt.«
»Sie sind gar keine echten Brüder, oder?«, fragt eine der Krankenschwestern mit vor Angst geweiteten dunklen Augen.
»Nein.« Elena wendet sich an die Patientinnen. »Habt keine Angst; wir sind Hexen, und wir sind hier, um euch zu befreien. Das ist eure Gelegenheit zu entkommen!«
»Die Hexen sind da! Die Hexen sind da, um uns zu befreien!«, rufen die Patientinnen und laufen aufgeregt durcheinander.
Zara hat ihnen offenbar von unserem Plan erzählt.
»Der Herr stehe uns bei.« Eine der Krankenschwestern kniet sich auf den Boden, während die anderen verwirrt zusammenlaufen.
»Seid gesegnet. Habt vielen Dank«, murmeln einige der Patientinnen, aber die meisten haben es verständlicherweise sehr eilig, den Raum zu verlassen, der so lange ein Käfig für sie war. Ich grinse, als ich die kleine Sarah Mae an mir vorbeilaufen sehe. Ein paar Frauen liegen immer noch zusammengerollt in ihren Betten, aber andere Patientinnen helfen ihnen auf.
Elena reißt Mrs Harris den Schlüssel vom Hals.
»Was soll das?«, ruft Mrs Harris und fasst sich an den faltigen Hals.
»Die werden Sie nicht mehr brauchen«, sagt Elena, und ein weiterer Schlüssel fliegt aus der Tasche einer anderen Krankenschwester direkt in Elenas Hand.
»Jetzt seid ihr dran, hier eingesperrt zu werden!«, ruft eine der Patientinnen und schubst im Vorbeilaufen eine Krankenschwester zu Boden. »Wir sollten das ganze Haus in Brand stecken!«
»Nein, nein, bitte lassen Sie uns gehen«, bettelt eine der Krankenschwestern und läuft zur Tür.
Doch Finn stellt sich ihr in den Weg. »Niemand steckt hier irgendetwas in Brand, aber Sie bleiben hier.«
»Keine Sorge. Wir bringen alle hinunter«, sagt Elena zu mir. »Warum gehst du nicht schon mal vor und stellst sicher, dass alles glatt läuft?«
Dutzende Mädchen strömen aus der Tür und die Treppen hinunter. Ich stoße mit dem hübschen indisch aussehenden Mädchen zusammen, das mir bei meinem ersten Besuch schon aufgefallen ist. Eine von Bruder Cabots Lieblingen, hat die Krankenschwester erklärt, und als ich mich daran erinnere, fällt mir noch etwas anderes ein. Parvati Kapoor wird vorgeworfen, Gedankenmagie bei Bruder Cabot angewendet zu haben. Sie soll versucht haben, ihn dazu zu bringen, sich selbst mit dem Brieföffner der Vorsteherin das Augenlicht zu nehmen.
»Entschuldigung, sind Sie Miss Kapoor?«, frage ich.
Parvati nickt, ihre braunen Augen sind angsterfüllt. »Sind Sie wirklich eine Hexe? Wo bringen Sie uns hin?«
»Ich werde dich hier wegbringen.« Rilla tritt zu uns und löst unser beider Illusionen auf, sodass wir wieder zu einer kleinen Brünetten in einem orangefarbenen Brokatkleid und einer großen Blonden in einem grauen Kleid mit kornblumenblauer Schärpe werden. Parvati starrt uns mit offenem Mund an. »Wir haben einen sicheren Ort in der Stadt, wo es Dutzende anderer Hexen gibt. Du kannst mit uns mitkommen, wenn du magst, oder mit einem Wagen zu einem der anderen Unterschlüpfe fahren.«
Auf Parvatis Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab. »Ich glaube, ich würde gerne mit euch kommen. Ich will lernen, meine Kräfte zu kontrollieren und mich selbst zu schützen.«
Ich lasse sie bei Rory, Brenna und Rilla und schließe mich der Flut der Mädchen an, die die Treppe hinuntereilen. Auf dem Treppenabsatz zum ersten Stock komme ich an Mélisande, Vi und Daisy vorbei, die sich gegen den Strom hinaufkämpfen. Ich bin erleichtert, dass die anderen Wagen augenscheinlich sicher angekommen sind.
»Sophia und ein paar andere versuchen, die Mädchen am Eingang in Gruppen aufzuteilen. Einige der Patientinnen laufen aber einfach weg«, berichtet Mélisande.
»Das lässt sich wohl leider nicht verhindern. Kein Wunder, dass sie niemandem mehr vertrauen«, sage ich und hege insgeheim die Befürchtung, dass sie wieder gefangen genommen werden. Vi macht sich auf den Weg zum Südflügel, und ich schließe mich ihr an.
Zu meiner Überraschung ist der Gang schon voller Patientinnen. Zara geht von Tür zu Tür und lässt die Frauen aus ihren Zellen.
»Zara!«, rufe ich, und sie dreht sich zu mir um. »Wie bist du aus deinem Zimmer gekommen?«
Sie strahlt über das ganze Gesicht, und ihre knochigen Züge sehen auf einmal wieder schön aus. »Meine Magie ist wieder da.«
Wir öffnen gemeinsam die Türen, während Vi am entgegengesetzten Ende anfängt. Die meisten Patientinnen auf diesem Gang sind ältere Frauen, die keine Probleme gemacht haben und das Privileg hatten, in der Wäscherei oder der Küche arbeiten zu dürfen. Einige von ihnen laufen trotz ihrer gebeugten Haltung und ihrer grauen Haare aus den Zellen, als wären sie nur halb so alt.
»Olivia«, sagt Zara, als sie die Tür der neugierigen Brünetten aus der Spülküche öffnet. »Das hier ist mein Patenkind, von dem ich dir erzählt habe. Cate, das ist Livvy. Sie ist eine Hexe.«
»Zara hat mir von der Schwesternschaft erzählt«, sagt Livvy. »Sie sagte, ich könne mir dir mitkommen.«
»Cate!« Mélisande läuft in ihren Hosen den Gang herunter auf uns zu, ihre Stiefel knallen auf die Holzdielen. »Elena sagt, es fehlt eine Krankenschwester.«
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich hatte darauf gezählt, dass sie alle einer Art vorgeschriebenem Ablaufplan folgen würden, wenn die Feuerglocke ertönt. Ich dachte, wir hätten sie alle im Trakt der Aufsässigen eingesperrt. Wenn eine entkommt – nun, Harwood liegt verlassen genug, dass sie sehr weit laufen müsste, um Hilfe zu holen. Aber wir hatten gehofft, dass bis zum Morgen, wenn die anderen Krankenschwestern zur Tagschicht kommen, niemand etwas merken würde. Bis dahin wären die Patientinnen alle weit genug entfernt.
»Ist Elena sicher?«
Mélisande nickt. »Wir müssen sie finden.«
Verdammt. »Habt ihr im Büro der Vorsteherin nachgesehen? Wenn ich mich verstecken wollte, würde ich ins Erdgeschoss gehen – irgendwohin, wo die Patientinnen nicht wild durcheinanderlaufen. Zara, kannst du mit Vi hier weitermachen?«
Zara schüttelt den Kopf, dass ihre schwarzen Locken nur so fliegen. »Ich komme mit. Livvy, kannst du diesen Flügel hier mit Vi zusammen übernehmen? Pass auf, dass wirklich alle aus ihren Zimmern sind, und hilf ihnen nach unten.«
Livvy nickt, und wir eilen zu dritt ins Erdgeschoss hinunter. Die Eingangshalle ist das reinste Tollhaus. Edith ruft Namen aus, und ein halbes Dutzend Klostermädchen versucht, die Patientinnen an der Tür aufzuhalten und ihnen Anweisungen zu geben. Ich sehe mehrere Frauen an ihnen vorbeilaufen. In ihrer Eile, zu entkommen, sind sie nicht besonders sanft; Maud hält sich bereits ein Taschentuch unter die blutende Nase. Brenna, Sachi und Rory stehen mit Parvati und einer dünneren, größeren Version von Lucy Wheeler zusammen. Es muss Lucys Schwester Grace sein.
Ich lächle in mich hinein, als ich weiter in den Südflügel gehe. Es funktioniert.
Mélisande überprüft das Zimmer der Krankenschwestern, aber es ist leer. Zara und ich schauen in das Büro der Vorsteherin. Ich denke an mein eigenes Versteck im Nationalarchiv und sehe auch unter dem Tisch nach. Aber der Raum ist absolut still. Zara bleibt die ganze Zeit über an meiner Seite, einmal stolpert sie über meinen Rock, so dicht ist sie mir auf den Fersen. Wir gucken in den Esssaal und die Toilette, aber alles ist menschenleer.
»Nichts außer Mäusen«, stellt Mélisande fest.
Da sehe ich aus den Augenwinkeln eine ganz sachte Bewegung – ein weißes Flattern. Der Vorhang vor dem Ausgang zur Baustelle bläht sich wie von einem plötzlichen Windstoß leicht auf.
Dann knallt es laut, und Mélisande schreit und stolpert zurück.
Noch ein Schuss.
Zara steht so dicht neben mir, dass sie gegen meinen Ellbogen stößt, als die Kugel sie trifft.
Intransito, denke ich, und die Krankenschwester erstarrt. Sie fällt durch den Vorhang und reißt ihn mit sich, wie ein Kind, das Gespenst spielt. Die Waffe fällt ihr scheppernd aus der Hand, und dann knallt die Krankenschwester mit dem Gesicht voran auf den Boden. Es ist die Frau mit dem roten Muttermal auf der Wange – ich habe sie schon einmal gesehen.
Mélisande rappelt sich auf. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, mit der Hand hält sie sich die Schulter. Rot rinnt ihr das Blut zwischen den Fingern hindurch.
Doch Zara – Zara liegt reglos zu meinen Füßen. Auf ihrer weißen Bluse breitet sich in Höhe des Bauches ein roter Fleck aus.
Ich knie mich neben sie. »Zara?«
»Cate.« Ihre Stimme ist dünn und rau, als würde es schmerzen zu sprechen. »Es tut mir leid.«
»Warum sollte es dir leid tun? Du hast nicht darum gebeten, angeschossen zu werden.«
Zara drückt sich eine Hand auf den Bauch. Blut sprudelt hervor.
Sie greift nach ihrem Medaillon und verzieht das Gesicht. »Ich glaube nicht, dass ich mit ins Kloster kommen werde, Cate.«
Ich schüttle den Kopf. »Sei nicht dumm. Natürlich wirst du mitkommen. Ich werde dich heilen.«
Zaras Gesichtsausdruck ist auf einmal alarmiert, ihr Blick ist auf etwas hinter mich gerichtet. Sie gibt ein heiseres Krächzen von sich. Die Nerven zum Zerreißen gespannt drehe ich mich um, doch es ist bloß Finn.
»Es ist in Ordnung«, sage ich. »Er ist auf unserer Seite.«
»Ein … Bruder?«
»Ein Spion für die Schwesternschaft«, erkläre ich, als Finn sich neben mich kniet. »Zara, das hier ist Finn Belastra, mein Verlobter. Finn, das ist meine Patentante.«
Zara lächelt. »Mariannes Junge.«
»Ja, Madam.« Finn flucht leise, als er Zaras Verwundung sieht.
»Und du kümmerst dich um Cate?«
Er bringt ein schiefes Lächeln zustande. »Wir kümmern uns umeinander.«
»Das ist gut«, sagt Zara nachdrücklich, bevor sie ein Hustenanfall erschüttert. Finn holt ein Taschentuch hervor. Es ist weiß und mit einem B. bestickt. Er reicht es mir, ich gebe es Zara, und sie presst es sich auf den Mund. Sogar im flackernden Kerzenschein kann ich sehen, dass es blutgetränkt ist, als sie die Hand sinken lässt.
Ich drehe mich zu Finn und suche Trost in seiner Gegenwart.
»Ich werde sie heilen, aber ich brauche deine Hilfe, um sie hier rauszutragen«, erkläre ich. Hinter ihm sehe ich, wie Sophia gerade Mélisande auf die Beine hilft.
»Was machen wir mit der Krankenschwester?«, fragt Finn mit grimmigem Gesichtsausdruck.
»Bring sie rauf zu den anderen. Sag Elena, sie soll ihre Erinnerungen auslöschen – aber sie erstarrt lassen«, sage ich in einem Anfall von Rachsucht, als ich auf Zara hinunterblicke. Der Flur riecht nach Kupfer. Wie alte Pennys. Wie Blut.
Ich berühre zögernd ihre Hand und schrecke zurück, als mich ihr Schmerz durchfährt. Zara ist im Todeskampf. Wie Schwester Cora ist auch sie dem Tod näher als dem Leben.
Bin ich wirklich dazu fähig? Es kann gut sein, dass mich meine Beine hinterher nicht mehr tragen werden.
Zara hebt den Kopf, ihre Stimme ist kaum zu hören. »Ich will nicht, dass du mich heilst, Cate. Du kannst es nicht, und wenn du es versuchst, schwächst du dich nur selbst.«
Ich runzle die Stirn. »Woher weißt du, wozu ich fähig bin?«
»Tess«, flüstert Zara. »Die Vorhersehung, die sie in meinem Zimmer hatte. Sie hat auch das hier gesehen.«
Deswegen war sie so aufgebracht. Deswegen hat sie geweint und Zara umarmt, als wäre es das letzte Mal, als sie sich verabschiedeten.
Sie wusste, dass sie sich nicht wiedersehen würden.
Nein. Ich schüttle den Kopf so heftig, dass meine Haare sich aus dem Zopf lösen. »Ich werde dich nicht aufgeben. Ich kann dich nicht einfach hier liegen lassen, damit die Brüder dich so finden.« Es könnte Stunden dauern, bis sie das Bewusstsein verliert. Und wenn die Brüder sie finden, werden sie Zara foltern, um Informationen aus ihr herauszubekommen. Das muss ihr doch klar sein.
»Es gibt nur eine Sache, die du für mich tun kannst, Cate.« Sie legt ihre Hand auf die meine, ihre goldene Haut ist klebrig vor Blut. Ihr Schmerz fährt mir durch Mark und Bein.
»Ich begreife nicht«, gestehe ich und beuge mich zu ihr hinunter. Mein blondes Haar berührt ihre Wange. Will sie, dass wir sie mit zur Schwesternschaft nehmen? Ich glaube nicht, dass sie die Fahrt dorthin überleben würde; es würde mit Sicherheit unerträglich für sie sein. »Was kann ich für dich tun? Sag es mir.«
»Heilung und Tod. Du kannst beides. Zwei Seiten derselben Medaille.«
Ich reiße meine Hand zurück. »Nein!«
»Ich sterbe ohnehin. Hilf mir, dass es schnell geht, ohne Leid. Ohne, dass sie Vergnügen an meinem Schmerz finden. Schenk mir dieses letzte bisschen Würde.«
Ist es das, was ich mir an ihrer Stelle wünschen würde?
Ich muss eigentlich nicht weiter darüber nachdenken. Ja. Ich würde der Bruderschaft nicht die Genugtuung geben wollen, meinen Todeskampf zu beobachten. Ich würde nicht schmerzerfüllt dahinsiechen wollen.
Ich schließe die Augen, um Zara auszublenden, aber sie lässt es nicht zu. »Ich will Anna wiedersehen. Ich werde ihr sagen … was für ein mutiges Mädchen du bist«, keucht sie.
Du wirst Tod bringen.
Die Prophezeiungen erfüllen sich immer.
Ich beuge mich zu ihr hinunter, lasse die Stirn gegen Zaras sinken, ihren Schmerz mich berühren, umfangen, bis ich das ganze qualvolle Ausmaß ihrer Verletzungen spüre. Ich spüre, wie ihre mit Flüssigkeit gefüllte Lunge zittert, während sie versucht zu atmen, und den unerträglichen Schmerz ihrer Schusswunde und den gleichmäßigen, trägen Puls ihres Herzens, das angestrengt versucht weiterzuschlagen.
Statt die Dunkelheit fortzuschieben, heiße ich sie willkommen, lasse zu, dass sie uns in eine eisige schwarze Decke hüllt. Ich denke an Zara in Frieden. Frei von Schmerz. Frei von allem.
Ihr Herz schlägt noch zwei Mal, dann bleibt es stehen.
Ohne das laute Geräusch ihres Atems ist es absolut still im Raum.
Ich löse mich von ihr und schließe ihre braunen Augen.
Ich war auch diejenige, die Mutters Augen schloss. Sie waren blau. Wie die von Maura.
Ich hebe Zaras schlaffen Kopf und öffne den Verschluss des Medaillons. Die Goldkette fällt in meine zitternden Hände.
Die Hände einer Mörderin.
Heilung und Tod.
Die Prophezeiungen erfüllen sich immer.