Kapitel 17
Mit klopfendem Herzen haste ich zum Südflügel im zweiten Stock, für den auf Pauls Zeichnungen Einzelunterbringung – Höchste Sicherheitsstufe vermerkt war. Auf einem Stuhl gleich hinter der Tür sitzt eine Krankenschwester, eine untersetzte Frau mit grauen Locken und Doppelkinn, die bei Kerzenschein die Bibel liest.
»Was suchen Sie hier, Schwester?«, fragt sie. »Hier darf niemand rein.«
Ich sammle meine Magie und ziele auf die blauen Schatten unter ihren Augen, die schlaff herabhängenden Schultern. Schlaf, beschwöre ich sie. Du bist müde. Vergiss, dass du mich gesehen hast.
Im nächsten Augenblick lehnt ihr Kopf auch schon an der verputzten Wand, das offene Buch ruht auf ihrem üppigen Busen, und der leere Gang wird von lautem Schnarchen erfüllt.
Erstaunlicherweise fühle ich mich gar nicht besonders schlecht deswegen, Gedankenmagie bei ihr angewandt zu haben. Was Zara uns über Mutter erzählt hat, hat mein Gewissen unglaublich erleichtert. Letzten Endes müssen wir alle tun, was wir für das Beste halten, und wir können nur hoffen, dass die, die uns lieben, uns nicht zu hart dafür verurteilen.
Ich nehme die Kerze und gehe den Gang hinunter. Meine nassen Stiefel quietschen auf dem Fliesenboden. Die anderen Trakte waren schon ziemlich deprimierend, aber dieser hier ist absolut trostlos. Es gibt keine Fenster, sondern nur zwei Gaslampen an den beiden Flurenden. In der Mitte des Ganges stehen zwei Kübel, die Wasser aus einem Loch in der Decke auffangen.
Ich höre ein schwaches Schlurfen aus einem Raum, und als ich einen Blick durch das kleine Fenster werfe, sehe ich ein Mädchen in einer weißen Bluse, das in der Dunkelheit auf und ab geht. Sobald sie das Kerzenlicht bemerkt, kommt sie zur Tür gelaufen. Ich erkenne die wilden Gesichtszüge und das blonde Haar des kleinen Mädchens wieder, das sich letzte Woche geweigert hat, seinen Tee zu trinken. Sie faucht und kratzt an der Tür wie eine Katze. Das Geräusch ist seltsam gedämpft, und als ich die Wände in der Zelle sehe, weiß ich auch, warum; sie sind offenbar mit Stoff behangen. Das Mädchen jault, und ich ziehe mich schnell wieder zurück.
Brenna muss ganz in der Nähe sein.
Ich spähe in die nächste Zelle – leer. Aber an der Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges befindet sich ein Namensschild. In ordentlicher Handschrift steht darauf: B. Elliott. Im Gegensatz zu den anderen Patientinnen, die hier bloß ab und zu wegen Verhaltensauffälligkeiten sind, ist Brenna anscheinend dauerhaft an diesem einsamen Ort untergebracht.
Ich blicke durch das kleine Fenster unter Brennas Namen. In der Dunkelheit ist sie schwer auszumachen, aber schließlich entdecke ich in einer Ecke eine zusammengekauerte Person. Bis auf eine Matratze und ein paar Decken, die durcheinander auf dem Boden liegen, scheint der kleine Raum leer zu sein. Sogar das Fenster ist zugemauert.
Agito, denke ich, und das Riegelschloss öffnet sich.
Beim Geräusch des übereinandergleitenden Metalls springt Brenna auf. Angespannt bereite ich mich darauf vor, sie mit einem Zauber ruhigstellen zu müssen. Aber als ich die Tür aufstoße und hineinschlüpfe, starrt mich Brenna im flackernden Licht meiner Kerze mit ihren unheimlichen blauen Augen einfach nur an.
»Brenna, ich bin’s. Cate Cahill. Ich komme dich besuchen.«
»Du siehst aus wie eine der Krähen«, sagt Brenna und drückt sich gegen die weiche Wand. Ihre weiße Bluse ist schief zugeknöpft, und ihre Füße unter dem kratzig aussehenden braunen Rock sind nackt. »Haben sie dich geschickt, um mich wieder zu brechen?«
»Nein. Nein, das war …« Wie soll ich ihr bloß erklären, dass ihr Gedächtnis versehentlich zerstört wurde? »Es tut mir leid, dass du gebrochen wurdest, Brenna. Ich wünschte, ich könnte dir helfen.«
»Kannst du nicht. Mir kann niemand mehr helfen. Sie werden mich umbringen.« Die verknoteten kastanienbraunen Haare fallen ihr wie ein Vorhang vors Gesicht, als Brenna beginnt, sich hin und her zu wiegen und leise die Totenklage anzustimmen. »Es ist ganz schön seltsam, das eigene Schicksal zu kennen, Cate.« Sie kichert.
»Ähm, ja.« Ich flüstere, obwohl uns wahrscheinlich sowieso niemand hören kann. »Brenna … Weißt du, ob alles, was du siehst, in Erfüllung geht? Immer?«
Brenna nickt. »Oh ja. Aber ich kann nichts dafür. Das weißt du doch.« Sie kommt auf mich zu und greift nach meinem Umhang. In dem einen Monat, den sie jetzt hier ist, ist sie noch dünner geworden, als sie ohnehin schon war. Sie sieht halb verhungert aus, und sie hat einen blauen Fleck auf der Wange. »Das weißt du doch, oder? Bitte, sag, dass du es weißt. Ich habe es versucht. Ich habe es bei Jack versucht und bei Großvater, aber niemand glaubt mir. Niemand hört mir jemals zu.«
»Ich weiß.« Als ich nach ihrer Schulter fasse, zuckt sie zusammen und erschreckt uns beide damit. Ich widerstehe dem Drang zurückzuweichen. Brenna ist bloß ein trauriges, gebrochenes Mädchen. Ich hole tief Luft, um mich auf das Schlimmste vorzubereiten. »Hast du etwas über meine Zukunft gesehen?«
»Ah, deswegen bist du also hier.« Brenna vergräbt den Kopf in ihren knochigen Händen. Dann sieht sich mich durch die Finger hindurch an. »Ja, habe ich.«
»Erzählst du es mir? Ich würde es gerne hören.«
Doch Brenna schüttelt den Kopf, und ihr wirres Haar peitscht mir ins Gesicht. »Nein, ich glaube, das willst du nicht.«
Ich schlucke schwer. »Bitte.«
»Frag die Kleine unten. Sie weiß Bescheid«, sagt Brenna. »Sie will es ändern.«
Meine Beine sind auf einmal weich wie Gummi. Weiß Brenna etwa, dass Tess die Seherin ist? Kann sie Tess irgendwie spüren?
»Was meinst du damit?«, frage ich.
»Die andere. Die kleine Seherin.« Brenna runzelt die Stirn und kämmt sich mit den Fingern durch die verhedderten Haare. »Ich will nicht, dass sie sie kriegen. Ich verstehe nicht … warum ist sie hier? Sie dürfen sie nicht kriegen. Wenn sie über sie Bescheid wüssten, würden sie sie hierbehalten und sie dazu bringen, all ihre Geheimnisse zu verraten. Ich bin einsam, aber nicht so einsam, dass ich mir das für die Kleine wünschen würde.«
»Du darfst es ihnen nicht sagen, Brenna. Sie dürfen es nicht erfahren.«
»Nein. Von mir werden sie es nicht erfahren. Ich verschließe es in mir und werfe den Schlüssel fort.« Brenna kichert, tut so, als würde sie einen Schlüssel vor ihrem Mund drehen und ihn sich über die Schulter werfen.
Es ist nicht gerade beruhigend, die eigenen Geheimnisse bei einer Verrückten zu wissen.
»Ich will auch nicht, dass sie dich hierbehalten. Was hältst du davon … Was hältst du davon, wenn ich dich hier wegbringe?«, flüstere ich, als ich mich ihr wieder nähere. »Wenn ich dich an einen sicheren Ort brächte? Wo du mit mir und der kleinen Seherin zusammen sein kannst. Und Rory.«
Brenna kommt ganz nah an mich heran. »Rory? Onkel Jacks Rory?«
»Ja. Wir würden uns um dich kümmern. Du würdest bei uns sicher sein.«
Sie zieht die Augenbrauen hoch, als ob sie das nicht begreifen könnte. Dann dreht sie sich weg und fährt mit der Hand über die Stoffwände. »Letztendlich werden sie mich trotzdem umbringen. Aber … ja. Ich glaube, ich würde Rory gerne wiedersehen.«
»Ich komme dich bald holen. In ein paar Tagen. Das darfst du aber niemandem erzählen.«
»Ich würde die Kleine auch gerne treffen«, überlegt Brenna. »Sie ist nicht gebrochen wie ich. Noch nicht.«
Mir läuft es kalt den Rücken hinunter. »Nein. Ich werde auf sie aufpassen.«
Doch Brenna schüttelt den Kopf. »Du kannst sie nicht beide beschützen, Cate. Das ist dein Schicksal.«
Was meint sie damit? Dass ich mich eines Tages zwischen Maura und Tess entscheiden muss? Ich würde sie gerne danach fragen, aber ich fürchte, dass die Antwort mich vernichten würde.
Ich weiche zurück, bis mir der Türknauf in die Hüfte stößt. »Ich muss gehen. Ich komme dich bald holen, Brenna. Versprochen.«
Der Ausdruck in Brennas blauen Augen schmerzt mich – als ob sie es gewöhnt sei, dass die Leute ihr Dinge versprechen und sie nicht halten. Sie nickt hinter dem Vorhang ihrer verfilzten Haare. »Auf Wiedersehen, Cate.«
Himmel, ich hoffe, ich kann mein Wort halten. Brenna ist krank und traurig, und sie hat es absolut nicht verdient, hier zu sein. Keins der Mädchen hat das verdient.
Wieder draußen auf dem Flur, lasse ich mich wie eine verwelkte Sonnenblume gegen die Wand sinken. Die Krankenschwester schnarcht immer noch, und das Wasser vom kaputten Dach tropft in regelmäßigen Abständen in die beiden Zinneimer.
Ich will mir die Wahrheit nicht eingestehen. Ich will kein Mädchen sein, das solche Überlegungen anstellt. Ein Mädchen, das gefühllos ein Leben gegen das andere abwägt. Ich will nicht, dass ich mich durch das Führen der Schwesternschaft in Inez verwandle, noch nicht einmal in Cora. Ich will mir selbst treu bleiben.
Doch die Tatsachen schwirren mir in einer endlosen Schleife durch den Kopf.
Brenna weiß von Tess.
Brenna ist verrückt. Sie wird ihre Geheimnisse nicht ewig für sich behalten können.
Tess ist nicht mehr nur meine kleine Schwester. Sie ist die Seherin, die diesen Krieg für uns gewinnen könnte.
Was bedeutet …
Wenn ich Brenna nicht befreien kann, werde ich sie töten müssen.
Wie vereinbart, erscheine ich um halb vier an der Tür zum Krankensaal. Ich spähe hinein. Schwester Sophia spricht mit einer der beiden Krankenschwestern; ihre Aufgabe ist es, die beiden abzulenken. Addie sitzt neben demselben hustenden Mädchen wie letzte Woche. Die Frau, die aussah wie ein Skelett, ist nicht mehr da, ihr Bett ist leer, und ich frage mich, ob sie wohl gestorben ist. Die Mutter, die ich geheilt habe, ist auch nicht mehr da, sondern wurde hoffentlich nach oben gebracht – und nicht in das Gemeinschaftsgrab, von dem Zara gesprochen hat. Ich schwöre mir, dass keine dieser Frauen dort enden wird.
Als Mei mich sieht, eilt sie zu mir. »Bist du so weit?«
Ich nicke, und dann gehen wir gemeinsam den leeren Gang hinunter. Links von uns ist die Küche. Es riecht süß und säuerlich, nach verdorbenem Fleisch und frisch gebackenem Brot. Ich halte die Luft an, bis wir an der Tür vorbei sind. Das Scheppern von Metall erklingt. Offenbar werden gerade Töpfe und Pfannen abgewaschen. Eine hohe, schöne Stimme singt eines der alten Lieder und bricht dann abrupt ab.
Wir hören klappernde Absätze auf die Tür zukommen, und schnell drehen Mei und ich wieder in Richtung des Krankensaals um. Wir halten kurz inne, als ein Spülmädchen aus der Küche kommt und eine durchnässte Brünette hinter sich her zieht. Das Gesicht des Mädchens ist rot vom Dampf, ihre Haare sind feucht, und sie trägt immer noch eine nasse weiße Schürze um die Taille.
»Wie oft soll ich es dir denn noch sagen, Livvy? Singen ist nicht erlaubt!«, schilt sie das Spülmädchen. »Jetzt kann ich meinen Tee nicht trinken, nur weil ich dich in dein Zimmer zurückbringen muss!«
»Es tut mir leid. Es ist einfach so passiert. Es war keine Absicht«, sagt Livvy. Als ihre braunen Augen mich entdecken, erwarte ich eigentlich, dass sie den Blick sofort senkt, aber stattdessen sieht sie uns neugierig an. »Guten Tag, Schwestern.«
»Komm jetzt, Mädchen, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit«, murrt das Spülmädchen.
Wir warten, bis sie die Türen am anderen Ende des Ganges passieren, wobei Livvy uns immer noch über die Schulter hinweg ansieht, während das Spülmädchen sie am Handgelenk hinter sich her zerrt. Dann eilen Mei und ich an der Küche vorbei zur Vorratskammer.
»Wenn eine kommt, dann huste. Ich werde mich beeilen«, verspreche ich. Das Schloss springt auf meinen Befehl hin auf, und ich schlüpfe hinein.
Verdammt. Es ist so dunkel, dass ich kaum die Hand vor Augen sehen kann. Ich ziehe die Ersatzkerze und Streichhölzer hervor, die ich von der schlafenden Krankenschwester oben mitgenommen habe. Meine Hand zittert so sehr, dass das erste Streichholz mir bis zu den Fingern hin abbrennt und ich es auspusten muss, noch ehe ich die Kerze damit anzünden kann.
Beim zweiten Versuch klappt es. Ich finde mich in einem kleinen Raum mit steinernen Wänden und einem Lehmfußboden wieder. Feuchtigkeit dringt tröpfelnd durch die Ritzen zwischen Wand und Boden. In der Ecke verschwindet etwas Dunkles im Abort. Das hier muss mal eine Zelle gewesen sein.
Ich sehe mir den Inhalt der Regale an. Unten liegen chirurgische Instrumente: eine große Säge, einige Messer und ein paar tückisch scharfe Skalpelle. Wahrscheinlich werden sie hier aufbewahrt, um zu verhindern, dass die Patientinnen damit auf die Krankenschwestern losgehen – oder dass die Krankenschwestern die Instrumente verkaufen. Auf einem höheren Regalbrett befinden sich kleine braune Gläser, auf denen CHLOROFORM steht. Weiter unten stehen Whiskey- und Sherryflaschen neben kleinen Glasbehältern, die mit der Aufschrift OPIUM versehen sind, großen Zuckersäcken und mit Zimt gefüllten Dosen: alles Zutaten für das Laudanum.
Eine nach der anderen öffne ich die Opiumflaschen und schütte das Zeug in den Abort. Ich bin froh, dass er da ist, auch wenn ich bei dem Geräusch von scharrenden Krallen weit unten erschaudere. Ich stelle die Tasche auf ein niedriges Regalbrett und hole vorsichtig das weiße Leinentuch hervor, in die die Flaschen mit Schwester Sophias Kreation gehüllt sind.
»Cate«, flüstert Mei von draußen. »Ist alles in Ordnung?«
»Noch eine Minute!«, murmle ich.
Ich schütte Sophias Mischung in die leeren Opiumflaschen und versuche, den Rosenduft mit dem bitteren Geruch des Opiums zu versehen. Dann verschließe ich sie wieder und stelle sie zurück ins Regal. Wenn wir Glück haben, wird die Vorsteherin oder die Köchin oder wer auch immer das Laudanum für den Tee der Mädchen anrührt, das Zeug nicht selbst probieren.
Mit raschen Bewegungen schlage ich Sophias leere Gläser wieder in das Tuch, hänge mir die Tasche über die Schulter und blase die Kerze aus.
Mei geht unruhig vor der Tür auf und ab. Ich laufe beinah in sie hinein. Ihre Nase ist rot vor Kälte, und die Hände hat sie in ihrem Pelzmuff vergraben.
»Dem Himmel sei Dank«, sagt sie gerade in dem Moment, als sich die Tür am anderen Ende des Flurs öffnet.
Mit einem großen Satz ziehe ich Mei mit mir über den Flur und hinter den sich bauschenden weißen Vorhang vor dem Eingang zur Baustelle. In der Kälte des Innenhofes kauern wir uns zusammen, unsere Stiefel versinken im Schnee. Die Holzbalken über uns lassen das Dach des Übergangs zur neuen Waschküche erahnen. Ich ziehe den Kopf ein und höre, wie das Spülmädchen den Gang hinunterstampft und die Küchentür zufällt.
»Das war knapp«, flüstert Mei, und ich spüre ihren warmen Atem an meinem Ohr.
Als ich hinter dem Vorhang hervorspähe, ist der Flur wieder leer. »Sag Schwester Sophia, dass wir loskönnen. Ich hole Tess.«
Ein paar Augenblicke später erreiche ich Zaras Zimmer. Den einen Fuß lasse ich gleich in der Tür. Tess sitzt immer noch auf dem Bett, Zara ihr gegenüber, ihre Knie berühren sich, und sie haben einander die lockigen Köpfe zugeneigt.
»Wir müssen los«, verkünde ich.
»Jetzt schon?« Tess’ Augen sind rot, als hätte sie geweint.
Mir kommt es vor wie eine Ewigkeit, seit wir hier angekommen sind, dabei ist es gerade erst zwei Stunden her. Doch ich kann gar nicht schnell genug von hier weg. »Habt ihr euch gut unterhalten?« Was hat Zara bloß gesagt, das sie so beunruhigt hat?
»Oh, ja.« Tess zeigt mir zwei zusammengefaltete Papiere, die sie schnell in Haarnadeln verwandelt. »Zara hat uns von allen drei Unterschlupfhäusern Lagepläne gezeichnet und mir die Losungen verraten.«
»Das ist großartig.« Ich lächle Zara kurz an. »Komm, Tess. Wir dürfen die anderen nicht warten lassen. Ihr werdet bald alle Zeit der Welt haben.«
Tess wirft Zara die Arme um den Hals und drückt sie fest. »Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben.«
»Auf Wiedersehen, Tess. Danke. Für alles«, sagt Zara und tätschelt ihr den Rücken. Auch sie hat Tränen in den braunen Augen. »Bis bald, Cate.«
Ich zittere in meinem Umhang. Erst die Aufdeckung von Mutters Geheimnis, dann Brennas unheimliches Gerede und mein Eindringen in die Vorratskammer. Es war bereits ein langer, anstrengender Tag für mich. Dabei steht mir der gefährlichste Teil noch bevor.
»Cate? Bist du wach?«, flüstert Rilla durch unser vom Mondlicht erhelltes Zimmer.
Ich brauche gar nicht erst zu versuchen, sie anzulügen; seit einer Stunde werfe ich mich im Bett hin und her und warte ungeduldig auf mein Treffen mit Finn. »Ja. Tut mir leid, dass ich dich wach halte.«
Rilla stützt sich auf die Ellbogen. »Kein Problem. Willst du dich wieder rausschleichen?« Sie zögert. »Mir ist neulich nachts aufgefallen, dass du weg warst, aber ich habe nichts gesagt, weil ich nicht wollte, dass du Ärger bekommst. Doch ich mache mir Sorgen um dich. Es ist gefährlich, nachts alleine herumzulaufen.«
»Ich war nicht allein.« Höchste Zeit, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich beuge mich vor und zünde die Kerze auf dem Frisiertisch an. »Tut mir leid, dass du dir Sorgen gemacht hast. Ich treffe mich mit jemandem. Mit meinem Liebsten – dem, den Alice neulich erwähnte. Er heißt Finn.«
Rilla lehnt sich gegen das Kopfteil aus Messing und zieht gähnend die wohlgeformte Nase kraus. Sie sieht aus wie ein schläfriges Kätzchen. »Aber … ich dachte, Alice hätte gesagt, er wäre ein Bruder? Und dass er dich sitzen gelassen hat?«
Ich schlage die Beine übereinander und lege mir meine hellblaue Steppdecke um die Schultern. »Wir waren verlobt, bevor die Schwesternschaft mich zwang hierherzukommen. Eigentlich habe ich in Wirklichkeit ihn sitzen gelassen, auch wenn ich das niemals vorhatte. Er ist großartig, Rilla. Er weiß, dass ich eine Hexe bin; er weiß alles, und er ist der Bruderschaft beigetreten, um mich zu beschützen.« Ich muss lächeln. »Ich wünschte, du könntest ihn kennenlernen.«
»Das wünschte ich auch.« Rilla erwidert mein Lächeln und kratzt sich die Nase mit ihrer behandschuhten Hand. Alice hat sie so lange gehänselt, wie ordinär Sommersprossen seien, dass Rilla nun versucht, sie mit Zitronensaft aufzuhellen. Deswegen trägt sie jetzt nachts immer Handschuhe mit Handcreme darunter. »Du hast also geheime Stelldicheins um Mitternacht? Wie skandalös!«
»Nun, es geht dabei um mehr als ein paar Küsse«, erkläre ich und spüre, wie ich rot werde. »Heute Nacht werden wir ins Nationalarchiv eindringen und uns die Aufzeichnungen über die Mädchen in Harwood ansehen.«
Ich erkläre ihr den Harwood-Plan, und Rilla hört ganz genau zu. Dafür, dass sie normalerweise so schwatzhaft und aufgekratzt ist, kann sie doch sehr aufmerksam sein. »Das hört sich großartig an, Cate«, sagt sie, als ich fertig bin. »Nur … du hast doch selbst gesagt, dass Schwester Sophia normalerweise nachmittags zur Heilmission in Harwood ist, und nicht abends. Was ist, wenn die Vorsteherin Verdacht schöpft oder die Wächter euch gar nicht erst reinlassen?«
Ich runzle die Stirn. »Elena und ich werden sie beschwören.«
»Das scheint mir ein unnötiges Risiko zu sein.« Rilla zittert und zieht sich die gelbe Steppdecke bis zum Kinn. »Warum gebt ihr euch nicht den Anschein von Brüdern? Dann erregt ihr erst Aufmerksamkeit, wenn ihr die Alarmglocke läutet. Das wäre eine todsichere Sache. Und viel einfacher als Gedankenmagie.«
»Für mich nicht«, seufze ich. Draußen weht pfeifend der Wind durch die nackten Bäume. »Ich kriege den Dreh einfach nicht raus.«
Rilla blinzelt mich an. »Ich könnte es für uns beide machen. Es muss ja auch nur so lange halten, bis wir die Krankenschwestern eingesperrt haben, stimmt’s?«
»Stimmt. Aber wenn etwas schiefgeht, wird es wahnsinnig gefährlich werden«, gebe ich zu bedenken. Ich will nicht, dass sie das hier für eine Geschichte wie aus einem ihrer Romane hält. »Wir könnten eine Hexe wie dich allerdings wirklich gut gebrauchen. Bist du sicher?«
»Cate. Also, was mich angeht, sind wir nicht bloß Zimmergenossinnen. Du bist meine Schwester.« Sie schenkt mir ein strahlendes Lächeln, aber ihre haselnussbraunen Augen sind ernst. »So, und jetzt erzähl mir von dem wunderbaren Finn. Wie habt ihr euch kennengelernt?«
Ich lache. »Tja, gekannt habe ich ihn schon immer, aber er ist mir nie wirklich aufgefallen, bis vor ein paar Monaten, als wir in unserem Garten buchstäblich ineinandergelaufen sind. Mein Vater hatte ihn nämlich als Gärtner angestellt …«
»Du hast was vor?«, keucht Finn eine Stunde später. Seine Brille ist durch den Dampf seines Atems beschlagen, aber ich kann mir den missbilligenden Blick dahinter gut vorstellen.
Ich dränge mich durch das schmiedeeiserne Tor, das vom Klostergarten auf die Straße führt. »Du hast mich schon richtig verstanden.«
»Dann bist du verrückt.« Er fährt sich mit der Hand durch die zerzausten Haare. »Warum könnt ihr die Mädchen denn nicht einfach fragen, ob sie der Gedankenmagie fähig sind?«
»Weil es während der Befreiungsaktion bestimmt wie im Tollhaus zugehen wird. Und wer weiß, was sie überhaupt noch wissen und in was für einer Verfassung sie sind, nachdem sie so lange unter Medikamenteneinfluss standen. Vielleicht vertrauen sie uns nicht. Bitte, streite deswegen nicht mit mir.« Ich lege ihm meine in einem schwarzen Satinhandschuh steckende Hand auf den Arm.
Finn holt mit seinem schweren schwarzen Stiefel aus und wirbelt den Schnee auf. »Warum kann ich nicht einfach gehen und die Akten für dich holen?«
Ich sehe ihn mit erhobenen Augenbrauen an. Wir verschwenden gerade wertvolle Zeit mit Diskutieren. »Du hast doch gesagt, es wären Hunderte von Akten. Wir schaffen es vielleicht noch nicht einmal, die richtigen Akten zu finden, wenn wir beide danach suchen, und alleine wird es dir erst recht nicht gelingen.«
»Ich lese ziemlich schnell«, sagt Finn verärgert.
»Das glaube ich dir gerne.« Ich verdrehe die Augen und blicke auf das verschneite Kopfsteinpflaster. Das Letzte, was ich will, ist, seinen Stolz als Gelehrten zu verletzen. »Aber wenn du mitten in der Nacht dabei erwischt wirst, wie du in Szymborskas Büro nach verbotenen Akten stöberst! Ich bezweifle, dass die Wächter das gutheißen würden. Ich könnte sie beschwören, es zu vergessen. Ich kann uns schützen.«
Finn beugt sich hinunter und zieht seine Pistole aus dem Stiefel. »Das kann ich auch.«
»Aber nicht so! Das darfst du nicht tun!« Aufgebracht schlage ich mir die Hände vors Gesicht. »Ich werde nicht zulassen, dass du jemanden erschießt, nur um deinen Mut unter Beweis zu stellen. Ich werde heute Nacht ins Nationalarchiv einsteigen, ob du nun mitkommst oder nicht. Aber ich würde mich sehr über deine Hilfe freuen.«
»In Ordnung.« Finn seufzt, und wir gehen los. »Du bist wirklich wahnsinnig.«
Grinsend fasse ich nach seiner Hand. »Weißt du was? Das ist noch nicht einmal das erste Mal heute, dass ich so genannt werde.«
»Das bezweifle ich nicht.« Er drückt meine Hand und lässt sie gleich darauf wieder fallen. »Wir sollten besser vorsichtig sein. Wer weiß, wer um diese Uhrzeit noch wach und unterwegs ist.«
Ich blinzle die Gaslaterne über uns an, und die Flamme erzittert und erlischt und lässt die Straße im Dunkeln zurück. Vor uns geht die nächste aus und dann die danach. Ich nehme wieder Finns Hand. »Besser so?«
»Sehr viel besser«, sagt er mit tiefer, bewundernder Stimme. Er fährt mit den Lippen über meine. »Sollen wir noch einmal den Plan für Mittwochabend durchgehen?«
Ich erzähle ihm, was wir genau vorhaben, doch als ich zu der Stelle komme, wo es darum geht, uns und der Kutsche einen anderen Anschein zu verleihen, unterbricht mich Finn. »Ich kann Denisofs Kutsche leihen. Das wird ziemlich leicht sein, während er bei der Sitzung ist, und sie trägt das Zeichen der Bruderschaft. Das wäre also schon einmal eine Illusion weniger, um die ihr euch kümmern müsst.«
Es ist ganz still in der Stadt. Um diese späte Uhrzeit rattern keine Wagen mehr an uns vorbei, und auch die Bürgersteige sind leer. Ohne das Licht der Gaslaternen sind sogar die Sterne am Nachthimmel zu erkennen. »Ich kann dich doch nicht eine Kutsche für uns stehlen lassen. Was ist, wenn sie kaputtgeht, oder …«
»Leihen«, unterbricht mich Finn. »Und ich werde sie selbst fahren, denn ich komme mit. Ihr müsst so tun, als wärt ihr Brüder, aber ich werde ein echter sein.« Er deutet auf seinen schwarzen Umhang, seine Stimme ist verbittert.
Ich lache, um ihn aufzuheitern. »Ich würde dich ja gerne davon abhalten, aber ich nehme an, das ist nicht möglich. Ich würde dich so etwas Verrücktes niemals alleine machen lassen.«
»Eben«, sagt er nachdrücklich. »Wir sind jetzt ein Gespann. Wo du hingehst, gehe auch ich hin.«
»Ich glaube, damit kann ich leben.« Grinsend ziehe ich ein kleines Päckchen mit Kräutern aus meiner Tasche. »Ich habe noch eine Bitte. Du sagtest doch, Sean Brennan sei ein guter Mann. Du hast ihn anscheinend ganz richtig eingeschätzt; er ist nämlich schon seit Jahren Schwester Coras Spion im Höchsten Rat. Meinst du, du könntest für Mittwochmorgen ein Treffen mit ihm vereinbaren? Und ihm vielleicht eine Tasse Tee reichen? Die Kräuter hier drin werden ihn krank machen, aber nur kurzfristig. Und lange genug, dass er die Sitzung des Höchsten Rats verpassen wird.«
»Großartig.« Finn nimmt mir das Päckchen ab und steckt es ein.
Ich fahre ihm mit dem Daumen über die Handfläche. »Sie sind wirklich umwerfend in Ihrer Rolle als Spion, Mr Belastra.«
Es kommt mir unglaublich verwegen vor, in der Öffentlichkeit so mit ihm Hand in Hand zu gehen. Wir kommen an einem Käseladen vorbei und an einem Kürschner und zwei Cafés, aber alle Geschäfte im Marktviertel sind geschlossen und die Fenster dunkel. Normalerweise kommt mir die Stadt so fremd vor, so groß und laut und Unheil verkündend, aber heute Nacht scheint sie mir vertraut und unbewohnt und trügerisch sicher zu sein. Als gehöre sie uns ganz allein.
Das Nationalarchiv ist wunderschön.
»Das ist ja wie in einem Tempel«, seufze ich, die Kerze emporhaltend. »Einem Tempel für Bücher.«
Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Hoch über uns verschwindet die gewölbte hölzerne Decke im Dunkel. Ein Dutzend Tische mit hohen Bücherstapeln zum Katalogisieren stehen in der Mitte des Raumes. Bücherregale, randvoll mit Tausenden von Büchern, säumen die Wände. Und eine Wendeltreppe führt hinauf auf eine Galerie, die mit noch mehr Reihen von Bücherregalen gefüllt ist. In den Kristallleuchtern spiegelt sich das durch die hohen Bogenfenster fallende Mondlicht.
»Es ist wunderschön«, sage ich. Wobei wunderschön es nicht annähernd erfasst. Dieser Raum hat etwas Göttliches, etwas, das mich ehrfürchtig verstummen lässt. In diesem Palast der Bücher empfinde ich eine Art Demut, die ich sonst nur empfinde, wenn während eines gewaltigen Gewitters die Blitze über den Himmel schießen.
Tess würde diesen Ort wahnsinnig lieben. Buchhandlungen sind ihre Kirche, und dieser Ort ist eine Kathedrale.
»In anderen Ländern gibt es solche Bibliotheken in jeder Stadt«, sagt Finn. »Und alle können ausleihen, was sie wollen.«
»Ich wusste gar nicht, dass es überhaupt so viele Bücher gibt«, gebe ich zu, während ich mich bewundernd um mich selbst drehe. Ich gehe zum nächsten Regal und hebe die Kerze, um die Bücher sehen zu können.
Finn fährt mit dem Finger über eine Reihe dunkler Buchrücken. »Die von der Bruderschaft geduldeten Bücher werden hier unten aufbewahrt: Übersetzungen der Heiligen Schrift, genehmigte Bücher über die Geschichte Neuenglands, philosophische Abhandlungen, Sprachlehrbücher, Wörterbücher, Naturwissenschaften und Naturgeschichte. Aber oben gibt es alles.« Er grinst mich verschmitzt an. »Alles, was wir nicht lesen sollen: Mythologie, Theaterstücke, Romane. Komm, ich will dir was zeigen.«
Die Wächter haben gerade ihre Runde um die Hauptbibliothek gemacht; wir haben gewartet, bis ihre Laternen nicht mehr zu sehen waren, bevor wir unser Versteck in den Büschen verlassen haben. »Haben wir denn genug Zeit?«, frage ich.
»Glaub mir, das willst du sehen«, verspricht Finn.
Also hebe ich meine Röcke und gehe die enge, geschwungene Treppe voran. Einmal stolpere ich, und Finn stützt mich, indem er mir sanft die Hände auf die Taille legt. Er fährt mir mit den Lippen über den Nacken, kurz über den Perlenknöpfen, die mein Mieder hinunterlaufen, und mein Herz fängt an zu rasen.
Oben angekommen setze ich die flackernde Kerze auf einem niedrigen Handwägelchen mit Büchern. Ich lehne mich über die Brüstung der Galerie und bewundere den wunderschönen Raum unter uns. Finn legt die Hände zu beiden Seiten von mir auf das Geländer. Sein Mund fährt mit einem warmen Hauchen die Seite meines Halses hinab, über die bloße, fröstelnde Haut an meinem Schlüsselbein bis zur blassen Wölbung meiner Schulter. Voller Verlangen lehne ich mich an ihn. Mein ganzer Körper steht auf einmal in Flammen.
»Cate«, seufzt er, und ich drehe mich zu ihm um.
Ich trage das neue Winterkleid, das Elena für mich hat machen lassen – das, in dem Tess mich mit Finn gesehen hat. Er hakt einen Finger unter die rosafarbene Satinschärpe, die um meine Taille liegt, und zieht mich zu sich heran.
»Du, im Mondlicht, in dieser Bibliothek, in diesem Kleid …« Sein Blick schweift von meinen hellrosafarbenen Röcken mit den darauf gestickten dunkleren Rosen über die leichte Wölbung meines Busens hinauf zur blassen Haut meiner Kehle. Mein Atem geht schneller, als sein Blick auf meinen Lippen verweilt. Er berührt mich kaum, und doch fühlt es sich so an, als hätte er mich mit seinen Blicken bereits ausgezogen.
»Das ist das Schönste, was ich jemals gesehen habe. Wie in einem Traum.« Seine Stimme ist heiser und von Staunen erfüllt.
»Dann ist es auch mein Traum«, bekenne ich und erobere seine Lippen.
Es ist ein langer, langsamer, köstlicher Kuss. Wir verschmelzen miteinander, hellrosa Chiffon und graue Baumwolle und Hände und Lippen und … oh, ich könnte so weitermachen, bis die Sonne aufgeht. Ich könnte ewig so weitermachen.
Als sich unsere Münder schließlich voneinander lösen, lege ich den Kopf auf seine Schulter, meine Arme sind immer noch um seine Taille geschlungen. Meine Lippen sind ein wenig geschwollen, mein Kinn ist durch das sandpapierne Kratzen seiner Bartstoppeln empfindlich geworden, und meine Haare sind aus dem Nackenknoten gefallen und liegen jetzt offen auf meinen Schultern.
Finn räuspert sich. »Ich habe dich eigentlich aus einem anderen Grund hier raufgebracht«, sagt er, aber er macht nicht den Eindruck, als hätte ihm die Verzögerung missfallen. Finn nimmt mich an der Hand und führt mich über die Galerie, bis er vor einem bestimmten Regal stehen bleibt und ein Buch hervorzieht.
»Arabella, die Mutige und Wahrhaftige!« Ich strahle ihn an und nehme das Buch vorsichtig in die Hände. Der rote Einband ist gerissen, die Seiten sind vergilbt und lösen sich teilweise. »Das sieht ganz schön alt aus.«
»Eine Erstausgabe, gedruckt im Jahre 1821.« Behutsam schlägt er es auf und zeigt auf die krakelige Handschrift auf der Titelseite. »Sie hat ihren Namen hineingeschrieben.«
»Wer? Arabella?«, lache ich und sehe mir die Seite genauer an. Unter dem gedruckten Namen CARTER A. JENNING steht eindeutig: Catherine Amelia Jenning.
Ich schnappe nach Luft und fahre mit dem Finger die geschwungenen Linien ihres Füllfederhalters nach.
»Eine Frau, und nichts weniger als eine Catherine.« Finn grinst breit.
»Das ist unglaublich.« Ich schlinge den Arm um Finn und drücke ihn fest an mich. »Danke, dass du es mir gezeigt hast.«
»Ich bin froh, dass es dir gefällt. Denk doch nur, eines Tages, wenn die Schwesternschaft diesen Krieg gewonnen hat, könnten wir diesen Ort zu einer richtigen Bibliothek machen«, flüstert Finn. »Wir könnten die verbotenen Bücher nachdrucken lassen, um die zu ersetzen, die von den Brüdern verbrannt wurden. Dann können die Leute sie ausleihen, mit nach Hause nehmen und lesen, so wie es eigentlich gedacht ist, ohne Angst haben zu müssen.«
Widerwillig stelle ich das Buch wieder an seinen Platz. »Ich wünschte, ich könnte Tess hierherbringen.«
»Vielleicht kannst du das eines Tages.« Finn blickt auf seine Taschenuhr und nimmt die Kerze vom Handwägelchen. »Wir sollten uns beeilen. Sie drehen bestimmt bald wieder ihre Runde.«
»Und du weißt, wo sich die Akten befinden?« Das Nationalarchiv ist sehr viel größer, als ich es mir vorgestellt habe.
»In einem Schrank in Bruder Szymborskas Büro. Ich habe sie schon einmal gesehen und gestern den Schlüssel stibitzt, als ich ihm einen kurzen Besuch abgestattet habe. Ich habe einen Becher Tee verschüttet, und in der Eile, den Tee aufzuwischen … Nun, ich würde sagen, er hat ein Dutzend Schlüssel, mindestens. Den einen wird er so schnell nicht vermissen«, sagt Finn. Er ist so stolz auf seine tollkühne Tat, dass ich ihm nicht sagen werde, dass ich das Schloss auch ohne einen Schlüssel aufbekommen hätte.
Am Ende der Galerie führt eine kleine Tür auf einen Gang mit Büros. Finn betritt das letzte auf der rechten Seite, in dem ein großer Schreibtisch und eine Reihe dazu passender Schränke stehen. Nur einer der Schränke hat ein Messingschloss. Finn steckt den kleinen angelaufenen Schlüssel hinein.
»Da wären wir«, verkündet er und kramt die hohen Papierstapel durch. »Ganz oben ist eine Akte über Brenna Elliott.« Er legt sie auf den Schreibtisch und schlägt sie auf. »Die Vorhersagungen, die sie bisher gemacht hat, Berichte der Krankenschwestern über ihr unberechenbares Verhalten. Sieht so aus, als hätten sie letzte Woche jemanden nach Chatham geschickt, um mit ihren Eltern und dem Stadtrat über ihre Vergangenheit zu reden. Ishida haben sie auch befragt. Das hat er mir gegenüber gar nicht erwähnt.«
Ich nehme ein Blatt Papier und einen Füllfederhalter von Szymborskas Schreibtisch und reiche beides Finn. »Hier. Schreib alle ihre Vorhersehungen auf, die nützlich sein könnten.«
Finn nickt und blickt wieder auf den Schrank. »Sieht so aus, als wären die Akten in alphabetischer Reihenfolge, aber die besonders interessanten Fälle scheinen obenauf zu liegen. Das sind wahrscheinlich die für uns wichtigen.«
Ich blicke durch die geöffneten roten Damastvorhänge zum Fenster hinaus. Der Mond steht jetzt niedriger am Himmel und lässt die weiße Marmorspitze der Richmond-Kathedrale glänzen. Die Straße hinunter erkenne ich das imposante graue Nationalratsgebäude. Wie viel Zeit ist wohl vergangen, seit wir das Kloster verlassen haben? Allein der Weg hierher hat schon mindestens eine halbe Stunde gedauert.
Das erste Dutzend Akten besteht aus Berichten über Mädchen, die versucht haben, aus Harwood zu entkommen, indem sie über Zäune kletterten oder sich in Versorgungswagen versteckten. Im Sommer vor zwei Jahren stahl eine Frau die Pistole der Vorsteherin und erschoss damit eine der Krankenschwestern. Letztes Jahr versuchte ein sechzehnjähriges Mädchen namens Parvati Kapoor, Bruder Cabot, der ihr einen Besuch abstattete, mit seiner eigenen Krawatte zu strangulieren, und als das scheiterte, wollte sie ihn beschwören, sich mit dem Brieföffner der Vorsteherin das Augenlicht zu nehmen. Er kam erst wieder zu sich, als er den spitzen Gegenstand schon auf sein Auge gerichtet hatte.
Das Mädchen scheint mir eine gute Kandidatin für die Schwesternschaft zu sein, ob sie nun der Gedankenmagie fähig ist oder nicht.
»Ich habe alles aufgeschrieben. Es sind insgesamt elf Prophezeiungen, seit sie angefangen haben, Brenna zu beobachten«, sagt Finn. Das sind ungefähr so viele, wie Tess bisher hatte. Ich reiche ihm den nächsten Stapel Papier.
Wir kommen frustrierend langsam voran. Es gibt Dutzende von Mädchen, die aus lächerlichen Gründen in Harwood sind, wie der Weigerung, den alten Mann zu heiraten, den die Brüder für sie ausgewählt haben, oder mit einem Mann in einer ihrem Ansehen schadenden Situation erwischt worden zu sein, in deren Folge die Männer sich weigerten, sie zu heiraten. Vor sechs Monaten wurde ein Mädchen namens Clementine verhaftet, weil sie die Haare ihrer Schwester blau gezaubert hatte, und in der Akte steht, dass die Magie, mit der sie ihre Schwester zum Schweigen bringen wollte, nach hinten losging und sie seitdem mit niemandem mehr gesprochen hat.
Obwohl ich Mitleid für diese Mädchen empfinde – und unglaublich neugierig auf viele von ihnen bin, wie zum Beispiel Clementine –, suche ich doch nach eindeutigen Hinweisen auf Gedankenmagie. Ich werde immer frustrierter, während ich die Akten durchblättere und mich dem Abschnitt im Schrank nähere, über dem Verstorben steht. Die Aufzeichnungen sind zudem kaum sichere Beweise für die Fähigkeiten einer Hexe. Zara zum Beispiel wurde nie wegen Beschwörung angeklagt, obwohl ich weiß, dass sie dazu fähig ist; ihr Verbrechen war bloß, Bücher über Hexerei zu besitzen.
Schließlich finde ich eine weitere Kandidatin: Olivia Price. Sie wurde beschuldigt, ein Mitglied der Bruderschaft verhext zu haben, der sie wegen des Besitzes verbotener Musikinstrumente und Noten verhaften wollte. Das muss die Brünette sein, der Mei und ich heute Nachmittag begegnet sind, Livvy – die gerügt wurde, weil sie in der Küche gesungen hat.
Draußen verfärbt sich der sternenbesetzte schwarze Nachthimmel zu einem Indigoblau. Ich will schon aufgeben, als Finn einen leisen Jubelschrei loslässt.
»Hast du etwas gefunden?«
»Cordelia Alexander«, verkündet er und wedelt triumphierend mit der Akte.
»Was wird ihr vorgeworfen?«
Er wird wieder ernst. »Das Gedächtnis ihres älteren Bruders unwiderruflich zerstört zu haben. Sie war erst zwölf, als es passiert ist. Sie hatte sich mit den Diamanten ihrer Mutter herausgeputzt und einen verloren, und dann wollte sie den Bruder beschwören, sie nicht zu verraten. Ihre Eltern haben sie eingeliefert.«
»Himmel.« Ich schlage mir die Hand auf den Mund. »Wie schrecklich.«
Finn zieht den Kopf ein. »Sch!«, macht er und bläst die Kerze aus. »Da kommt jemand.«
Ich höre das Klirren von Schlüsseln und laute männliche Stimmen. Finn beugt sich hinunter, und ich denke schon, er will die Akten vom Tisch einsammeln, aber stattdessen greift er nach seinem Stiefel.
»Was hast du vor?«, flüstere ich, während ich die Schranktüren schließe.
»Die Pistole«, antwortet er.
»Ich nehme an, die werden auch Pistolen haben. Niemand wird schießen, wenn ich es verhindern kann. Unter den Tisch mit dir.« Ich nehme die Kerze in die eine Hand und den Stapel Akten in die andere. »Vielleicht sehen sie ja nur kurz rein – und falls nicht, werde ich mich um sie kümmern.«
Finn schiebt den Ledersessel beiseite und krabbelt unter den Tisch. Ich quetsche mich neben ihn und mache mich so klein wie möglich.
»Ich glaube, es war hier, wo ich das Licht gesehen habe«, knurrt eine Stimme, als die Schritte draußen vor der Tür verharren.
Wie dumm von mir. Ich hätte zuallererst die Vorhänge zuziehen sollen.
»Wahrscheinlich war es nur der Mond, der sich im Fenster gespiegelt hat«, entgegnet der andere Wächter.
»Sehen wir lieber mal nach«, sagt der erste. Licht fällt über den Boden, als die Tür sich quietschend öffnet, und klopfenden Herzens halte ich die Luft an.
Sie sind nur zu zweit. Soll ich sie vielleicht am besten beschwören, gleich wieder zu gehen?
Maura hat recht. Meine Vorsicht wird eines Tages noch jemandem schaden.
Finn greift im Dunkeln nach meiner Hand.
»Nichts. Hab ich dir doch gesagt.« Der zweite Mann kichert. »Wer sollte hier auch mitten in der Nacht herumlaufen? Noch nicht mal der alte Szymborska ist so verrückt nach seinen Büchern.«
Die Tür geht wieder zu, und wir bleiben in der Stille der Dunkelheit zurück.
Wir warten einen langen Augenblick, bis die Schritte sich den Gang hinunter entfernt haben, dann klettere ich wieder unter dem Tisch hervor. Finn folgt mir und streckt seinen langen Körper.
»Das war ganz schön knapp. Ich hätte beinah etwas Dummes gemacht. Gott sei Dank hast du einen kühlen Kopf bewahrt«, sagt er und sieht mich bewundernd an. Doch ich bin erschüttert, wie kurz wir davor waren aufzufliegen.
»Glaubst du wirklich, dass es klappen wird?«, frage ich. »Glaubst du, dass wir sie retten können?«
Finn weiß sofort, was ich meine. Er beugt sich zu mir und haucht mir einen Kuss auf die Lippen. Seine braunen Augen hinter den Brillengläsern sind ernst. »Ich glaube an dich, Cate Cahill, und an uns beide. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Egal, wie verrückt dein Plan ist oder wie riskant. Weißt du das denn immer noch nicht?«