26 Herr Zhao heißt nicht Fick
Wer trotz längeren Aufenthalts in China immer noch nicht Chinesisch sprechen kann, der ist entweder sehr dumm oder in die falschen Kreise geraten. Oder aber er hat das Chinesischlernen immer wieder vor sich hergeschoben, weil er noch schnell ein paar Artikel, Kolumnen oder Bücher über China schreiben musste, so wie ich. An der chinesischen Sprache selbst kann es jedenfalls nicht liegen, denn die ist trotz aller hartnäckigen Gerüchte eigentlich nicht besonders schwer. Sie ist nicht mit unnötiger Sprachschlacke wie Artikeln belastet und verfügt über eine nur rudimentäre Grammatik. Man dekliniert hier weder, noch konjugiert man, und unterschiedliche Zeiten gibt es praktisch auch nicht.
Nein, selbst die Aussprache ist keine unüberwindliche Klippe. Zwar ist es richtig, dass die Betonung und die Tonhöhe im Chinesischen eine wichtige Rolle spielen, allein weil es eine Vielzahl Homonyme gibt. Das wird in jedem Standard-Spiegel-online-Artikel am Ma-Beispiel demonstriert. Da liest man dann, dass «Ma ma ma ma ma?» so viel wie «Schimpft die pockennarbige Mutter das Pferd?» bedeutet. Die unterschiedlichen «Ma» werden dabei jeweils anders betont, damit das Pferd eben nicht die Mutter ist. Man könnte aber mit «Ma» noch viel mehr lustige Sätze bauen, denn dieses Wort hat allein zwanzig verschiedene Bedeutungen, darunter «Mammut», «Kröte», «Achat», «Ameise» und «Hanf». Nimmt man das Wort «Li», kann man sogar unter mehr als hundert verschiedenen Übersetzungen wählen, unter anderem «Witwe», «Schweinestall», «Pflug», «Brautschleier», «Aal» sowie die Abkürzung für «Libanon». Doch solche Homonymgewitter kommen im Chinesischen so häufig vor wie im Deutschen die Fischers-Fritze-Zungenbrecher.
Ich zum Beispiel kann mir keine Betonungsregeln merken und rede einfach drauflos. Dabei versuche ich den Tonfall der Einheimischen nachzuahmen, und das geht manchmal gut. Wenn nicht, ist es auch keine Tragödie. Ist mein Gegenüber nicht auf den Kopf gefallen, wird er schon aufgrund des Kontextes verstehen, dass ich kein Mammut brauche, sondern Hanf bzw. «da ma», Marihuana. Ich habe jedenfalls in China bisher noch alles bekommen, was ich wollte. Gut, sagen wir mal, fast.
Außerdem sind die insgesamt vier Töne, die es im Hochchinesischen gibt, keine große Herausforderung. Im Kantonesischen – das man in einigen Gegenden Südchinas und in Hongkong spricht – gibt es neun Töne, wobei es hier auch noch auf die Tonlänge ankommt. Die Hochchinesisch Sprechenden nennen denn auch diese Abart des Chinesischen «Vogelsprache», weil sie meinen, dass es mehr geflötet und gezwitschert wird. Ich finde allerdings, sie müsste Ziegen- oder Entensprache heißen, denn Kantonesisch wird gemeckert und gequäkt. Das Hochchinesische klingt dagegen sehr angenehm und melodisch. Es heißt übrigens auch nur in einigen europäischen Sprachen «Mandarin». Auf Hochchinesisch sagt man «Putonghua», Allgemeine oder Standardsprache, die weitgehend mit dem in Peking gesprochenen Dialekt identisch ist (siehe auch: «Der Mann, den sie Berg nannten», S. 50).
Die zig verschiedenen chinesischen Dialekte sind ein weiterer Grund, weshalb man sich als Chinesischanfänger wegen der korrekten Betonung einzelner Silben keine grauen Haare wachsen lassen sollte. Schon ein paar Kilometer außerhalb von Peking spricht man ein solch schreckliches Chinesisch, dass mein geradebrechtes Putonghua in den Ohren alter Pekinger wie Musik klingt. Hochchinesisch und Kantonesisch gelten einigen Sprachwissenschaftlern gar als unterschiedliche Sprachen, die zwar einen gemeinsamen Stamm haben, aber sonst so weit auseinander sind wie etwa Spanisch und Französisch. Wenn die Chinesen selbst schon sprechen, wie sie wollen, darf ich das wohl auch.
Wegen des allgemeinen Sprachkuddelmuddels wird in China aber bis heute an den Schriftzeichen festgehalten, weil die für alle Chinesen – im Prinzip zumindest – dieselben sind. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Zeichen auf dem Papier nicht so viel Platz verbrauchen. Da auch chinesische Sätze sehr viel kürzer sind als englische oder deutsche, sind z. B. chinesische Bücher auch sehr viel dünner als anderswo. Das ist bisher wohl Chinas größter Beitrag zur globalen Ökologiebewegung.
Andererseits sind es die fünfzigtausend bis achtzigtausend Schriftzeichen, die aus dem Chinesischen dann doch noch eine schwere Sprache machen, auch wenn man sich nur dreitausendfünfhundert merken muss (vgl. «Ohne eingebauten Kompass», S. 59). Diese Schriftsprache ist so schwierig, dass noch nicht einmal jeder Sinologe sie lesen kann. Das stellte sich einmal mehr im Jahr 2008 heraus, als die deutsche Max-Planck-Gesellschaft auf dem Titel ihrer Zeitschrift Max-Planck-Forschung einen chinesischen Text abdruckte, der «heiße Mädchen» anpries – offensichtlich Werbung für eine Karaoke-Bar oder einen Puff. Weil einige Chinesen darüber ihr Unverständnis äußerten, entschuldigte sich die Redaktion der Zeitung mit der Behauptung, der Text sei vor Abdruck von einer Sinologin geprüft worden. Er habe aber eine «tiefere Bedeutungsebene», die sich selbst einem Muttersprachler nicht sofort erschließen würde. Dazu bemerkte der Kolumnist Alex Lo in der South China Morning Post: Worum es in dem Text gehe, sei jedem klar, «der auch nur über rudimentäre Chinesisch-Kenntnisse verfügt. Es gibt keine tiefere Bedeutung als die Sache, für die geworben wird.» Der spitzzüngige Herr Lo fragte sich angesichts dieser kleinen Affäre, ob der Terminus «deutscher Sinologe» nicht eventuell ein «Oxymoron» sei, ein Widerspruch in sich.
Wenn aber noch nicht einmal Leute eine Sprache lesen können, die sie jahrelang studiert haben, zeigt das letztlich, dass das ganze Schriftzeichensystem ineffektiv, unvernünftig und vorsintflutlich ist. Das wissen natürlich auch viele Chinesen. Deshalb gab es in den letzten hundert Jahren immer wieder Versuche, die Zeichen abzuschaffen und sie durch ein phonetisches Alphabet zu ersetzen. In Vietnam, wo die Landessprache auch mit Schriftzeichen geschrieben wurde, glückte diese Reform bereits im 17. Jahrhundert. In China stellten sich vor allem die Aktivisten der revolutionären «Vierter-Mai-Bewegung» von 1919 an die Spitze der Schriftreformbefürworter, darunter der berühmte Schriftsteller Lu Xun. Der erklärte höchst dramatisch: «Wenn die Zeichen nicht abgeschafft werden, wird China untergehen.» China ging aber nicht unter, und der Letzte, der versuchte, die Zeichen durch ein Alphabet zu ersetzen, war Mao Tse-tung. Doch auch der Große Vorsitzende scheiterte an der Vielzahl von Problemen, die eine Umstellung mit sich bringen würde.
Um ein phonetisches Alphabet in China durchzusetzen, müsste man sich nämlich erst einmal auf eine verbindliche Aussprache einigen. Dazu wurde 1913 in Peking die erste «Konferenz zur Vereinheitlichung der Aussprache» einberufen, auf der sich Nord- und Südchinesen schwer bekämpften. Schließlich scheiterte die Konferenz, als sich ein Vertreter der Nordchinesen tödlich beleidigt sah. Ein Südchinese hatte im Shanghaier Dialekt von einer «Rikscha» gesprochen, der Nordchinese aber «Schildkrötenei» verstanden, ein übles Schimpfwort, das er auf sich bezog. Der Nordchinese konnte gerade noch von einer Prügelei abgehalten werden, verließ aber stante pede die Konferenz.
Einigen Reformern war damals bereits klar, dass sich Nord- und Südchinesen niemals auf eine einheitliche Aussprache einigen würden. Sie schlugen deshalb vor, das Chinesische gleich ganz abzuschaffen und es durch Esperanto zu ersetzen. Eine exzellente Idee, der leider niemand folgen wollte. Die verschiedenen chinesischen Dialekte blieben und damit leider auch die Zeichen.
Die werde ich in diesem Leben gewiss nicht mehr lernen, weil es einfach zu viele sind. Immerhin wurde aber 1956 eine verbindliche phonetische Umschrift auf Basis des lateinischen Alphabets für das Hochchinesische eingeführt, das sogenannte Pinyin. Das ist für Anfänger und Halbchinesen wie mich zum Chinesischlernen gut zu gebrauchen. Etwas Pinyin zu beherrschen kann übrigens keinem schaden, auch dem nicht, der kein Chinesisch lernen will. Schließlich sollte man wissen, wie chinesische Namen ausgesprochen werden, allein um keinem Vertreter der zukünftigen Weltmacht Nummer eins zu nahe zu treten. Ein Bekannter von mir, der in Deutschland lebt, heißt mit Nachnamen Zhao. Das wird auf Chinesisch ungefähr wie «Dschao» ausgesprochen. «Die Deutschen aber», klagte mir Herr Zhao, «sprechen meinen Namen immer nur wie ‹Cao› aus.» Cao aber ist – entsprechend betont – das umgangssprachliche Wort für Geschlechtsverkehr treiben, und so heißt Herr Zhao in Deutschland nur «Herr Fick». Manchmal kommt es im Chinesischen eben doch auf die präzise Aussprache an.
Allerdings verstehen sich in China nicht nur die Sprecher unterschiedlicher Dialekte miss. So wird im Hongkonger Parlament, dem Legco, nur Kantonesisch gesprochen. Trotzdem kam es hier zu einem heftigen Disput, als sich im Januar 2009 Chief Executive Donald Tsang während einer aktuellen Fragestunde angeblich zu einem kantonesischen Schimpfwort hinreißen ließ, das sinngemäß so etwas wie «Bullshit» bedeutet. Im später veröffentlichten Protokoll war aber statt des Kraftausdrucks nur das Wort «Debatte» zu lesen. Der Abgeordnete Leung «Long Hair» Kwok-hung (vgl. «Im Spaßreservat», S. 82) forderte daraufhin den Rücktritt Tsangs, da er das Protokoll habe fälschen lassen. Ein Regierungssprecher dementierte und bekräftigte noch einmal, Tsang habe «Debatte» gesagt. Tatsächlich klingen im Kantonesischen die Worte «Bullshit» und «Debatte» so ähnlich, und tatsächlich ist es ja auch oft dasselbe. Donald Tsang kam jedenfalls dieser Gleichklang zu Hilfe, und er trat nicht zurück. Long Hair und ich aber wetten weiter: Er hat «Bullshit» gesagt.