7 LSD aus geklonten Telefonen
«Schatz», sagte ich neulich zu meiner Dolmetscherin, «ich gehe kurz mal um die Ecke, LSD kaufen.» «Ach», flötete sie zurück, «dann bring doch noch zwei Pistolen und Falschgeld mit.» Okay, ich gebe zu, ich habe diesen Dialog erfunden. Und eigentlich gehört er auch gar nicht hierher, sondern auf die Seiten mit dem Oberstufenwissen. Unser fiktives Gespräch drehte sich nämlich um ganz reale Angebote, die hier in Peking per SMS verschickt werden. Und die kann ja ein China-Anfänger in der Regel gar nicht lesen.
Ich bin dazu auch nicht in der Lage – aber wozu habe ich meine Dolmetscherin? Die nerve ich damit, dass ich mir jede chinesische SMS, die auf meinem Handy eingeht, übersetzen lasse, denn ich habe Angst, auch nur eins der tollen Angebote zu verpassen. Eigentlich sind meine Befürchtungen unbegründet, trudeln diese Botschaften doch mit großer Regelmäßigkeit ein. Im letzten Jahr kam die erste schon am Neujahrstag: «Frohes neues Jahr. Unsere Firma verkauft langfristig geschmuggelte Wagen, Waffen, Darlehen mit hohen Zinsen, Falschgeld, Halluzinogene, Röntgenbrillen. Racheaufträge. Zeugnisse online. Kontaktnummer: Herr Yang Sheng 137 892 592 95.»
Herr Yang schien gut im Geschäft zu sein, denn er hatte mindestens zwei Handys. Das entnahm ich der nächsten SMS, die mich am 4. Januar um 2 : 49 Uhr in der Nacht erreichte: «Frohes neues Jahr. Unsere Firma liefert Schwarzwagen, Waffen zur Selbstverteidigung, Darlehen mit Wucherzinsen, nimmt Racheaufträge an und bietet ähnliche Dienstleistungen. Interessierte bitte Herrn Yang Sheng anrufen unter 134 694 807 99.» Als ich mich gerade fragte, was «ähnliche Dienstleistungen» wohl sind, piepste das Handy schon wieder. Diesmal war es Herr Xie Fa: «Alle Schulabschlusszeugnisse für alle Provinzen. Quittungen, Stempel und Eigentumsbescheinigungen für Wohnungen, Kfz-Briefe und alle Papiere. (Darüber hinaus führen wir auch Halluzinogene und Falschgeld, Darlehen mit hohen Zinsen und Abhörgeräte.) Kontaktperson: Xie Fa, Tel. 137 298 98 589.»
Das waren natürlich interessante Leistungen und Produkte, von denen man nicht wissen konnte, ob man sie nicht einmal brauchen würde. Besonders die Röntgenbrillen kamen mir damals sehr attraktiv vor, weil ich immer wieder Schwierigkeiten hatte, meine Dolmetscherin zu durchschauen. Doch bevor ich mich entschließen konnte, eine zu bestellen, machte mir die hiesige Regierung einen Strich durch die Rechnung. So schien es jedenfalls.
Zum 1. Januar 2007 wurde nämlich in den Zeitungen ein neues Gesetz angekündigt. Danach sollte sich künftig jeder der über fünfhundertfünfzig Millionen chinesischen Handybesitzer beim Kauf einer Telefonnummer mit seinem echten Namen und seiner Adresse registrieren lassen. Bis dahin hatte man eine SIM-Karte plus Telefonnummer ohne Angabe der Personalien an jedem zweiten Kiosk kaufen können, sodass zweihundert Millionen Handybesitzer praktisch unaufspürbar telefonierten. Das kam natürlich LSD- und Röntgenbrillenhändlern wie Herrn Yang sehr entgegen, die doch auf eine gewisse Diskretion Wert legen.
Ich fürchtete schon, nun würden die guten Angebote mit einem Schlag aufhören. Doch auch im neuen Jahr ging das SMS-Gespamme munter weiter. Vielleicht hatte man das Gesetz gar nicht in Kraft gesetzt. Auf jeden Fall wurde es nicht angewendet, denn bis heute kann man SIM-Karten und Telefonnummern ohne Registrierung erwerben. Mein Eindruck ist sogar, dass die Angebote nach der angeblichen Gesetzesreform noch besser wurden. Erst neulich bekam ich beispielsweise eine Kurznachricht von einem Herrn Li: «Unsere Firma klont Handynummern. Sie können bei jedem Handyanschluss, der Sie interessiert, die Gespräche mithören und jede SMS mitlesen. Erst testen, dann bezahlen!» Sofort dachte ich an das Handy meiner Dolmetscherin. Wenn ich ihre Telefongespräche belauschen könnte, wäre endlich Schluss mit dem geheimnisvollen Getue. Also speicherte ich die Nummer von Herrn Li, um ihn später anzurufen.
Doch schon wieder kam etwas dazwischen. Dieses Mal war es ein Artikel in China Daily, den ich zufällig las. Danach waren gerade drei ausländische Studenten in Peking Opfer eines Betrugs per SMS geworden. In zwei Fällen bat der Vermieter per Kurznachricht, einen ausstehenden Mietbetrag auf ein anderes Konto als das bisherige zu überweisen. Der Vermieter war allerdings nur ein «Vermieter», und das Geld war nach der Überweisung weg. Im dritten Fall hatte der Student siebentausendfünfhundert Yuan auf ein Konto überwiesen, um so an einen «Gewinn» von dreihunderttausend Yuan zu kommen. Natürlich gab die Polizei den Studenten eine gewisse Mitschuld an den Betrugsfällen. Besonders erschwerend kam für die Behörden hinzu, dass die Studenten so gut Chinesisch gelernt hatten, dass sie in der Lage waren, die SMS zu lesen und zu beantworten. So klang es zumindest in der Zeitung.
Gerade wollte ich triumphieren, weil mir so etwas natürlich nicht passieren kann, da stieg in mir der Verdacht auf, auch Herr Li könnte eventuell ein nicht vollkommen seriöser Geschäftsmann sein. Folglich ignorierte ich schweren Herzens sein verlockendes Angebot. Von nun an ließ ich mir von der Dolmetscherin nur noch Witze übersetzen, die ebenfalls gelegentlich auf meinem Handy eingehen und die mir immer wieder tiefe Einblicke in eine mehrere tausend Jahre alte Kultur gestatten. Den letzten bekam ich vor nicht allzu langer Zeit, und er ging so: «Ein Kader legt seine Hand auf den Oberschenkel seiner Sekretärin. Die Sekretärin fragt: ‹Haben Sie schon Zeile 11, Seite 361, Band 2 der Ausgewählten Werke von Deng Xiaoping gelesen?› Der Kader nimmt sofort seine Hand weg und schämt sich. Zu Hause schlägt er die Stelle nach und liest dort: ‹Führer und Kader. Seid noch mutiger!›» Über diesen Witz habe ich in den letzten Wochen öfter nachgedacht. Vielleicht ist er ja ein Wink mit dem Zaunpfahl? Hätte sie mir den Witz sonst nicht ganz anders übersetzt? Ich glaube, ich werde Herrn Li demnächst doch einmal anrufen müssen. Sonst finde ich nie heraus, was sie so denkt.
Nach Auskunft des chinesischen Industrieinformationsministeriums wurden 2007 in China insgesamt 592,1 Milliarden SMS verschickt. Druckte man die aus, könnte man damit unser gesamtes Sonnensystem tapezieren. Wie viele von diesen SMS Spam waren, sagt das Ministerium leider nicht. Die Infos von Herrn Li und Co. kann man inzwischen auch auf dem Mount Everest empfangen. China Mobile ließ mit Yaks und Sherpas eine Menge Gerät auf den Berg schaffen, um auf sechstausendfünfhundert Metern eine Mobilfunkstation zu errichten. Diese und zwei andere Stationen auf fünftausendachthundertzwanzig bzw. fünftausendzweihundert Metern sollten im Mai 2008 die Mobilfunkübertragung beim olympischen Fackellauf auf den Gipfel gewährleisten. Und das haben sie auch brav getan.