3 Hauptstadt der Schamlosen
Wer nur ein kleines bisschen länger in China bleibt, wird bald feststellen: Die Chinesen lachen doch. Dieses Lachen ist allerdings nicht Ausdruck von Freude und Vergnügen, kein sogenanntes Léhar-Lächeln also. Auch ist es selten freundlich gemeint. Gelacht wird hauptsächlich aus Spott und Schadenfreude. Und besonders gerne über mich.
Neulich nahm ich all meinen Mut zusammen und bestellte im Restaurant das gängige Gericht «Gong Bao Ji Ding» – in Peking beliebt wie Weißwurst in München oder Buletten in Berlin. Die Xiao Jie hatte mich sogar verstanden, was gar nicht selbstverständlich ist. Gerade wollte ich mich entspannt zurücklehnen, da ging am Nachbartisch das Gepruste los. Ich verstand nicht viel, aber immerhin dieses: «Lao Wai (Ausländer). Hahaha. Gong Bao Ji Ding. Prust. Lao Wai. Höhöhö. Gong Bao Ji Ding. Bruhahaha.» Dabei drehte man sich immer wieder zu mir um und zeigte mit Essstäbchen auf mich. Man stelle sich vor, in Berlin käme ein Chinese in ein Restaurant, bestellte eine Bulette, und zehn Minuten lang lachte sich der ganze Saal rund und scheckig: «Dit Schlitzaure hat, hahaha, ’ne Bulette bestellt. Ick, prust, jloob es, bruhaha, nicht.» Eine Schlagzeile auf der Titelseite der taz wäre das mindeste, was daraus folgen würde, wenn nicht ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss.
Vor zwei Wochen kam es noch dicker. Ich durchschritt gerade eine Unterführung am Platz des Himmlischen Friedens, da strömten mir ein paar hundert lachende Chinesen entgegen. Ihr Lachen klang wild und krank. Es erinnerte mich an das von bis zur Demenz bekifften Gymnasiasten, ungefähr 1986, die im Kino sitzen und einen Film mit Didi Hallervorden anschauen. Didi allerdings sah aus wie Fatty Arbuckle, die amerikanische Komikerlegende: Ein junger Mann, Europäer oder Amerikaner, wahrscheinlich aufgrund jahrelangen Verzehrs von fett- und kohlenhydratreichen Speisen bizarr verfettet. Fatty konnte einem leidtun. Er schwitzte und hatte Panik im Blick. Er war umzingelt von Chinesen, die nur stehen geblieben waren, um sich über ihn lustig zu machen. Tapfer versuchte er, sich einen Weg durchs johlende gelbe Meer zu bahnen, doch das nützte nichts. Ein Teil der Meute lief mit ihm mit. Man zerrte glucksend an seiner Kleidung, redete prustend auf ihn ein und lachte, lachte, lachte. Platz des Himmlischen Friedens? Der Fette hätte sicher gerade lieber im Schützengraben gelegen, irgendwo bei Kandahar oder Herat und umzingelt von zwanzig hochmotivierten Selbstmordattentätern.
Ich glaube, dass sich bei diesen Prustattacken niemand etwas Böses denkt. Die Pekinger sind einfach unglaublich schamlos. Überall lungern Eckensteher herum, die sofort Lachalarm schlagen, taucht eine lange Nase auf. Aus mir unbekannten Gründen wird aber bisweilen auch nur seltsam starr geglotzt, wobei die Glotzer allerdings meist Zugereiste aus entlegenen Provinzen sind. Vor ein paar Tagen ließ ich mir auf der Straße die Haare schneiden. Gleich standen zwanzig Leute da, die jedes zu Boden fallende Haar bestaunten. Wenn ich über die Straße gehe, folgen mir zig Augenpaare – Bauarbeiter, die am Straßenrand Pause machen. Sie beobachten mich wie ein seltenes Tier. Vorgestern brachte ich eine Topfpflanze nach Hause. «Interessant!», schrie einer auf dem Hof (meine Dolmetscherin übersetzte): «Der Lao Wai trägt eine Pflanze.»
So schamlos, wie sich die Pekinger benehmen, so schamlos kleiden sie sich auch. Im Sommer trägt der männliche Hauptstädter bevorzugt weiße Feinrippunterhemden, die er bis über die Brustwarzen nach oben rollt. Die Frauen lieben durchsichtige, schockfarbene Nylonblusen, deutlich sich abzeichnende G-Strings und fleischfarbene Söckchen. Jugendliche gehen in selbstgehäkelten Netzhemden spazieren, kleine Mädchen in weißen Petticoats. Vertreter aller Generationen und Geschlechter tragen auf der Straße Schlafanzüge, geblümt, mit Streifen oder gelben Enten drauf. Neulich sah ich einen Mann in einem solchen Pyjama Moped fahren. Dazu trug er braune Puschen.
Den Gipfel der Schamlosigkeiten aber bildet die öffentliche Beschäftigung mit dem eigenen Körper. Dauernd fummelt der Pekinger an sich rum. Im Restaurant bohrt er in der Nase. An der Straßenkreuzung steht er da und streicht sich gedankenverloren über den nackten, biergerundeten Bauch. Und bei Geschäftsverhandlungen die Beine auf den Tisch zu legen und sich die Fingernägel zu schneiden, gehört offenbar zum guten Ton. Jedenfalls werden diese Schamlosen nie angestarrt, und keiner, aber auch wirklich kein Einziger, käme darauf, sie auszulachen.
Ebendieses Phänomen hat mich auf eine Idee gebracht. Auf dem hiesigen Russenmarkt, der so heißt, weil sich hier bevorzugt Russen mit schlimmen Klamotten eindecken, werde ich mir ein orangefarbenes Netzhemd, eine Schlafanzughose, bedruckt mit Pokémon-Motiven, sowie strassbesetzte, gelbgrüne Gummischlappen kaufen und gleich mal auf der Straße testen. Alle fünfzig Meter werde ich stehen bleiben, um mir gedankenverloren die Brustwarzen zu massieren. Jede Wette: So falle ich nicht mehr auf und komme ruck, zuck durch die Stadt – völlig unbeglotzt, unbelacht und unbehelligt.
Gong Bao Ji Ding ist ein chinesisches Standardgericht, das unter Chinesen und Ausländern gleichermaßen beliebt ist. Es besteht aus kleingeschnittenem Hühnchenfleisch, gerösteten Erdnüssen, Frühlingszwiebeln, Chili sowie Sichuanpfeffer und stammt ursprünglich aus Sichuan. Es wurde angeblich nach Ding Baozhen (1820 – 1886) benannt, der in dieser Provinz während der späten Qing-Dynastie Gouverneur war und den Titel «Gong Bao» trug, was so viel wie Palastwächter bedeutet. Das heutige Gong Bao Ji Ding soll sein Leibgericht gewesen sein. Wie es zu seiner Zeit hieß, ist mir nicht bekannt. Wegen dieses feudalen Ursprungs bekam die Speise während der Kulturrevolution Schwierigkeiten und wurde schließlich umbenannt. Dabei wechselten die Revolutionäre das Zeichen für Bao gegen ein anderes Bao aus, wodurch sich nur die Tonhöhe leicht änderte. Aus dem verhassten Adelstitel wurde so über Nacht eine Kochmethode («schnell gebraten»). Im heutigen China sind wieder beide Schreibweisen üblich.