12 Der dreißigtägige Krieg

Eigentlich geht es in China recht friedlich zu. Sehr viel friedlicher jedenfalls als in etlichen anderen Teilen der Welt (Kabul, Mogadischu, Oktoberfest). Doch einmal im Jahr ändert sich das friedfertige Verhalten der Chinesen. Dann führen diese lammfrommen Menschen plötzlich Krieg gegen alles und jeden. Die bewaffneten Auseinandersetzungen finden immer am Anfang des Jahres statt, im Januar oder Februar. Wann genau, das richtet sich nach dem Mondkalender. Die Auseinandersetzungen haben auch einen Namen. Die Chinesen sagen Chunjie, Frühlingsfest. Aber das ist ein Euphemismus, wie so viele ihrer blumigen Ausdrücke. Auch der im Ausland verwendete Begriff «chinesische Neujahrsfeiern» trifft es nicht. Es muss Krieg heißen. Erbarmungsloser, mörderischer Krieg, mit Raketenbeschuss, Handgranaten und permanentem Maschinengewehrfeuer.

 

Aber bleiben wir noch kurz bei der offiziellen Version. Danach dauert das Frühlingsfest fünfzehn Tage. Davon haben die Leute sieben Tage frei. Eigentlich sollen sie in dieser Zeit ihre Verwandten besuchen, mit der Familie feiern und komplizierte Gerichte essen. Am «Silvesterabend» zum Beispiel wird Fisch gegessen, denn das Wort yu für «Fisch» klingt fast genauso wie das nur leicht anders betonte Wort yu für «Überschuss». Damit es aber auch wirklich ein Jahr in Saus und Braus wird, darf der Überschussfisch auf keinen Fall ganz aufgegessen werden. Man hat sich auch an allerlei andere lustige Regeln zu halten: Am ersten Tag des neuen Jahres dürfen Wörter wie «zerbrechen», «sterben», «arm» nicht ausgesprochen werden, ja nicht einmal «vergangen» oder «vorbei». Es sollen während des Frühlingsfests auch keine Hosen oder Bücher gekauft werden, und man darf sich nicht die Haare schneiden lassen. Alle diese Tätigkeiten bringen Unglück, ebenfalls aus Gründen der Homonymität.

Nun mag man diese ganzen Bräuche früher mal gepflegt haben. Heutzutage dürfte das kaum noch der Fall sein, weil man wegen der Bombenexplosionen und Schießereien auf den Straßen die Familie gar nicht mehr erreicht. Jeder, der einen Durchbruch wagt, wird von entschlossenen Barrikadenkämpfern beschossen. Die Frühjahrsoffensive dauert auch nicht mehr zwei Wochen, denn schließlich haben die Pekinger von Jahr zu Jahr mehr Geld für Munition. Dreißig Tage braucht es mindestens, um alles zu verballern. Dazwischen ist kaum Zeit für irgendwelchen anderen Neujahrsquatsch. Man kauft sich höchstens mal schnell keine Hose.

 

Besonders schlimm waren die Neujahrsfeierlichkeiten 2006, zum Start des Jahrs des Hundes. Die Regierung hatte zum ersten Mal seit zwölf Jahren den Gebrauch von «Feuerwerk» in Peking erlaubt. Wahrscheinlich glaubte man, so der Überbevölkerung Herr zu werden. Schon Mitte Januar begannen die Gefechte. In der Silvesternacht steigerten sie sich zum Inferno. Ich hatte mich zum Glockenturm vorgekämpft, einem dicken, von den Mongolen im 13. Jahrhundert gebauten Trumm. Von dort oben sah ich dann die Stadt in Flammen. Alle Kriegsbilder, die ich kannte, waren dagegen Kindergeburtstagsilluminationen.

Der Weg nach Hause war ein Spießrutenlauf. Ich rannte im Zickzack, nahm hinter Autos Deckung. Mehrmals konnte ich erst im letzten Moment einer Explosion ausweichen. Ich war froh, als ich meine Wohnung erreicht hatte, wo ich mich in Sicherheit wähnte. «Morgen früh», so dachte ich, «ist schließlich alles vorbei.» Doch das war ein Trugschluss. Wochenlang wurde weitergekämpft, vor allem in den Nächten. Im Hof unseres Hochhausblocks lag eine Gruppe Partisanen, die im Minutentakt so etwas wie Handgranaten zündete. Bisweilen feuerte auch die Flak, obwohl kein Flugzeug am Himmel zu sehen war. Wenn ich im zwanzigsten Stock in den Wintergarten trat, stand ich inmitten der Explosionen.

Besonders erschüttert war ich darüber, wie sich meine bisher so freundlichen Nachbarn in null Komma nichts in durchgeknallte Amokläufer verwandelt hatten. Die Chinesen sagen, sie müssten so viel ballern, um den Nian zu vertreiben. Das ist eine menschenfressende Bestie, die jedes Jahr zu Neujahr kommt. Ich habe meinen Nachbarn erklärt, dass ich, wiewohl ich aus Deutschland bin, in meinem Leben noch niemals Menschenfleisch gekostet habe, noch nicht einmal das kleinste Zehchen. Es nutzte nichts, sie zielten trotzdem weiter auf mich, sobald ich mich blicken ließ.

 

Wie viele Menschen bei diesem ersten Kriegsfrühlingsfest auf der Strecke blieben, ist bis heute nicht bekannt. Die Pekinger Stadtregierung erklärte nach Ende der Kampfhandlungen, es sei kein Mensch zu Schaden gekommen. Das ist wenig glaubhaft angesichts dessen, was ich erlebt habe.

Von Jahr zu Jahr wird das Arsenal an Waffen raffinierter und perfekter. Zu Beginn des Jahres des Ochsen (2009) waren beispielsweise sogenannte «Fußabdrücke» sehr beliebt, Feuerwerk, das gigantische Fußumrisse in den Nachthimmel fräste. Ein Paket für einen Fuß kostete umgerechnet rund hundertfünfundzwanzig Euro; etwa das dreifache Monatsgehalt einer Kellnerin. Ich bin auf jeden Fall heilfroh, dass ich und meine Trommelfelle die letzten Frühlingsfeste in Peking unversehrt überstanden haben. Das liegt auch daran, dass ich zu Neujahr nach Einbruch der Dunkelheit die Hauptkampfzonen in der Innenstadt meide. Jedes Jahr aufs Neue aber denke ich, dass China vielleicht doch einmal eine kleine Wirtschaftskrise guttäte. Am besten jährlich, für dreißig Tage am Anfang eines jeden Jahres.

Die chinesischen Mondkalenderjahre heißen nach den chinesischen Tierkreiszeichen. Das sind in dieser Reihenfolge: Ratte, Ochse, Tiger, Kaninchen, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Ist dieser Zyklus einmal durchlaufen, beginnt er von vorne. Chinesische Mondkalenderjahre eignen sich hervorragend zum Betiteln von Filmen wie «Im Jahr des Drachen» (Michael Cimino) oder «In the Year of the Pig» (Emile de Antonio), von Hip-Hop-CDs wie «Year of the Dog … Again» (DMX) oder Zeitungskolumnen wie «Im Jahr des Ochsen» (der Autor dieses Buches in der taz).
Bliefe von dlüben: Der China-Crashkurs
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