Der schnellste Weg zum China-Abitur
Seit mehr als dreißig Jahren öffnet sich China der Welt. Etwa genauso lange wimmelt es im Land auch von westlichen Journalisten und Reportern, die unablässig Bericht erstatten. So sind auf westlichen Fernsehkanälen mittlerweile unzählige China-Features gesendet worden, und es ist tonnenweise Chinaliteratur erschienen. Trotzdem haben fast alle Besucher, die zum ersten Mal zu mir nach Peking kommen, keinen Schimmer, was sie hier erwartet. Kaum einem war vorher wirklich bewusst, dass in China momentan die größte materielle Umwälzung stattfindet, die die Welt je erlebt hat. Und die meisten staunen darüber, wie dieses Land jetzt aussieht und was das für seltsame Auswirkungen auf den Alltag der Chinesen hat.
Diese Ahnungslosigkeit hat mehrere Gründe. Einer ist, dass es einfach einen Haufen von Mythen und Legenden über China gibt, die sich in den Köpfen der Westler festgefressen haben und hier die Aufnahme neuer Informationen verhindern. Ein solcher Mythos ist zum Beispiel, dass die Chinesen rätselhafte Menschen sind, die wir kaum verstehen können. Ein anderer, Chinesisch sei eine nur sehr schwer erlernbare Sprache. Ein schönes Beispiel für eine im Westen nicht auszurottende Überzeugung ist auch der Glaube, die Chinesen könnten kein R aussprechen. Tatsächlich sind sie dazu sehr wohl in der Lage. Für die Pekinger ist das typische Pekinger «r», das sie im Mund rollen wie die Siegerländer, sogar so etwas wie ihr Dialektmarkenzeichen schlechthin. Sie lieben diesen Konsonanten so sehr, dass sie ein n am Ende eines Wortes gerne durch ein r ersetzen.
Dafür ist im Westen kaum bekannt, dass viele Südchinesen kein Sch sprechen können, worüber sich die Nordchinesen nicht wenig lustig machen. Und keiner außer mir weiß, dass meine anmutige Dolmetscherin eine leichte H-Schwäche hat. So sagt sie statt «Gehirn» «gering», was sehr lustig klingt. Ich muss trotzdem jedes Mal widersprechen. Gering ist das Gehirn meiner Dolmetscherin nämlich nicht, denn sonst könnte sie mir ja wohl kaum Chinesisch so perfekt ins Deutsche übersetzen. Andererseits können tatsächlich manche Chinesen kein R schreiben, wie man auf dem chinesischen Cover einer Johnny-English-DVD nachlesen kann: «He kmows no feal, he knows no dangel, he kmows nothing», vgl. auch Seite 71. Nur aus diesem Grund ist das L-Wortspiel im Titel dieses Buches auch gerade noch so gerechtfertigt. Eigentlich wurde es aber nur um der besseren Verkäuflichkeit willen gemacht. In Deutschland findet man halt Bücher über China mit R-L-Fehlern sehr komisch.
Ein anderer Grund für die Unkenntnis im Westen ist paradoxerweise die Berichterstattung etlicher Journalisten. Dabei ist den wenigsten, die mit mir in China leben, etwas vorzuwerfen. Die meisten sind alte China-Hasen, die ihre Kundschaft zu Hause nach bestem Wissen und Gewissen mit Nachrichten und Einschätzungen beliefern. Das falsche Bild wird in der Regel zu Hause gemalt, von den Redaktionen, die die Informationen auswählen, kommentieren und bewerten. Menschenrechtsverletzungen, Umweltskandale, Bauernaufstände und Krawalle von Minderheiten gehen bei ihnen immer gut, gern wird auch etwas Folklore genommen. An positiven Meldungen, wie und warum China wirklich funktioniert und wie der durchschnittliche chinesische Großstädter so lebt, besteht dagegen weniger Interesse.
Dazu kommen die Berichte von Journalisten, die sich nur für ein paar Wochen in China aufhalten und sofort meinen, den vollen Durchblick zu haben. Ein schönes Beispiel für diese Spezies sind die Talkshowtante Sandra Maischberger und der Sportchef des Hessischen Rundfunks, Ralf Scholt. Beide glaubten offenbar, geschätzte zehn Minuten China-Briefing reichten aus, um die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking kommentieren zu können. Beim Einmarsch der Nationen ins Olympiastadion erzählten sie ihrem Millionenpublikum neben vielem sonstigen Unsinn, die deutsche Delegation würde das Stadion später als bei anderen Spielen betreten, weil sich die Reihenfolge der Mannschaften nach dem «chinesischen Alphabet» richte. Nun haben die Chinesen überhaupt kein Alphabet, sondern Zeichen, was etwas radikal anderes ist. So konnte sich der Einmarsch eben nicht nach der Reihenfolge der Anfangsbuchstaben der Ländernamen richten, sondern musste sich an der Komplexität der Zeichen orientieren, die im Chinesischen für das jeweilige Land stehen. Die Länder, deren Zeichen sich aus wenigen Strichen zusammensetzen, liefen also zuerst ins Stadion ein, die mit vielen Strichen erst später. Weil aber das Zeichen für Deutschland

mit fünfzehn Strichen bereits ein hochkomplexes ist, kam die deutsche Delegation kurz vor Schluss. So einfach war das, aber offenbar für Frau Maischberger und Herrn Scholt bereits zu hoch, um es vor der Moderation zu lernen.
Erzählen die Quatsch, weil sie es nicht besser wissen, tun andere das, weil ihr Unsinn einfach besser zu einer These passt, die sie sich schon zu Hause zurechtgelegt haben. So behauptete im August 2008 ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung, der für die Olympischen Spiele offenbar kurzfristig nach Peking verschickt worden war, in seinem Blatt: «In der 17-Millionen-Einwohner-Stadt ist der Mundschutz zum ganz gewöhnlichen Kleidungsstück geworden – so wie Sonnenhüte am Strand oder Wollschals an der Skipiste.» Das ist nun schlicht erfunden. Mundschutz wird in Peking höchstens bei SARS-Epidemien, den Sandstürmen im Frühjahr und Erkältungswellen oder aber von ganz wenigen überkandidelten Damen getragen, sonst nicht. Zwar scheint diese Falschmeldung auf den ersten Blick nicht weiter dramatisch, doch impliziert sie auch, dass bei uns in Peking die Luft so schlecht sei, dass sich niemand mehr ohne Mundschutz auf die Straße traue. Dazu kann ich nur sagen: Die Luft hier ist zwar oft wirklich nicht besonders, aber längst nicht so miserabel, wie die westlichen Medien immer tun.
Diese Fehlerliste ließe sich noch lange fortsetzen, zumal bei der politischen Berichterstattung und Kommentierung. Und so werden die schönsten China-Irrtümer auch im Verlauf dieses Buches immer wieder ein Thema sein. An dieser Stelle soll nur noch kurz das kenntnisloseste Stück China-Impression gewürdigt werden, das mir bisher unterkam. Es handelt sich um die Tagebuchnotizen von Christine Morgenroth, einer Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Hannover, die im September 2002 zusammen mit Oskar Negt und anderen in China unterwegs war. Abgedruckt ist der Bericht am Schluss von Negts Buch «Modernisierung im Zeichen des Drachen», das eigentlich ganz interessant ist. Die von Morgenroth verfassten vierzig Seiten aber strotzen von Fehlern und Plattitüden. Sie schreibt Namen von Menschen, Städten und Sehenswürdigkeiten falsch, sodass aus der Stadt Fengdu «Fangdu» wird und aus Baidi Cheng, der White Emperor City, die «White Conqueror City». Ein Mondkuchen, der alles Mögliche enthalten kann, aber in der Regel keinen Mohn, wird bei ihr nichtsdestotrotz zum «Mohnkuchen». In Shanghai meint sie eine «Hafenrundfahrt» auf dem «Yangzi» zu machen, der Fluss, auf dem sie herumschippert, heißt jedoch Huangpu. Außerdem will sie dem Leser einreden, der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters in der Boomstadt liege bei hundert Yuan, also umgerechnet zehn Euro. Tatsächlich betrug er aber schon 2002 das Zehnfache. Sie staunt allen Ernstes darüber, dass es in China reiche Menschen gibt, erklärt ihren Lesern, das Vermieten von Wohnungen sei verboten («es wäre privates Unternehmertum»), und Taxifahrer in Shanghai nähmen aus Angst vor der Polizei keine ausländischen Touristen mit. Beides ist natürlich Quatsch.
Diese völlige Verkennung der chinesischen Verhältnisse wäre eventuell noch zu akzeptieren, wenn Frau Morgenroth ansonsten bei Lidl an der Kasse sitzen würde und ihre Eindrücke unter der Überschrift «Mein schlimmstes Ferienerlebnis» in ihrem Privatblog veröffentlicht hätte. Von einer Professorin aber, die einen Aufsatz in einem Buch publiziert, das in einem renommierten Verlag erschienen ist, sollte man eigentlich ein Minimum an Recherche erwarten. Stattdessen aber schlägt sie in ihrem Text einen Ton an, der in seiner Blasiertheit schwer zu übertreffen ist. Anlässlich eines Vortrages, den sie zusammen mit Oskar Negt an der Shanghaier Tongji-Universität vor chinesischen Akademikern auf Deutsch hielt, schreibt sie: «Die Bedeutung der wechselseitigen Abhängigkeit von Gesellschaftlichkeit und Subjektivität und die subtilen und differenzierten Formen der wechselseitigen Beeinflussung, über die wir ja ständig nachdenken und wofür wir Konzeptualisierungen entwickeln wollen und müssen, diese Frage stellt sich den Chinesinnen und Chinesen hier vom Denkerischen her zunächst überhaupt nicht.» In vernünftiges Deutsch übersetzt muss das wohl heißen: «So richtig gut denken können die Chinesinnen und Chinesen nicht. Auf jeden Fall nicht so gut wie ich.»
Man stelle sich vor, ein Professor würde Ähnliches über die USA und die US-Amerikaner verbreiten. Den Hudson River in New York würde er in Mississippi umbenennen, aus dem Mount Rushmore würde er Mount Rashmore machen, und außerdem würde er seiner Überzeugung Ausdruck verleihen, dass alle Amis «vom Denkerischen her» etwas minderbemittelt seien. Die Aufregung wäre sicher riesengroß. Über China dagegen kann man alles Mögliche behaupten, egal, ob es nun stimmt oder nicht, und es ächzt höchstens mal ein Sinologe zu Hause an seinem Schreibtisch.
Oder ich. Denn ich habe dieses Buch auch geschrieben, weil ich mit einigen falschen Vorstellungen und Behauptungen über China und die Chinesen aufräumen will. Stattdessen soll dieser kleine Crashkurs in fünfunddreißig abwechslungsreichen Lektionen zeigen, dass China oftmals sehr viel anders ist, als man es sich in Deutschland vorstellt: viel lustiger, viel liberaler, viel anstrengender, viel komplizierter und viel widersprüchlicher, aber vor allem auch viel normaler. Den Stoff für dieses Buch habe ich mir im Laufe von zwei Jahren in Singapur und vier Jahren in China in harter Kleinarbeit angeeignet. Damit halten Sie allerdings nicht ein Buch voller Tipps in der Hand, die Ihnen verraten, wie man als Ausländer in China am besten klarkommt. Das in diesem Buch versammelte höchst disparate Wissen ist eher dazu gedacht, den Leser in die Lage zu versetzen, auf Partys zu glänzen. Es handelt sich also um typisches Angeber- und Aufschneiderwissen, das Sie wahlweise in Peking oder Shanghai, Berlin oder Bielefeld anbringen können. Sie müssen also gar nicht unbedingt nach China fahren wollen, um dieses Buch zu benutzen. Ein Ausflug in die Kneipe oder den Club um die Ecke reicht.
Aus Gründen der Didaktik und weil das Tor des Himmlischen Friedens in Peking fünf Tore hat, habe ich den Lehrstoff dieses kleinen Chinawissenskurses in fünf Abteilungen aufgeteilt: Vorschule, Unter-, Mittel- und Oberstufe sowie eine Lektion, die Sie ganz gezielt auf das große China-Abitur vorbereitet, das Sie nach der Lektüre dieses Buches ablegen können. Der Unterstufenstoff beginnt mit der Lektion «Franz Lehár ist eine dumme Sau», in der die Irritationen beschrieben werden, die ich bei meiner Ankunft in Peking empfunden habe. Nur ein paar Monate später sind diese negativen Gefühle einer ungezügelten Begeisterung für die Stadt und ihre Bewohner gewichen. Da diese Emotion nur teilen kann, wer bereits einige Erfahrungen in Peking gesammelt hat, habe ich die Lektion, die diesen Stoff behandelt, dem fortgeschrittenen Mittelstufenwissen zugeschlagen. Das Oberstufenwissen umfasst dagegen einige Spezialinformationen, die sich eigentlich nur derjenige aneignen sollte, der wirklich alles wissen will und auf das China-Abitur scharf ist. Oft ist die Zuordnung des Lehrstoffes völlig willkürlich und an den Haaren herbeigezogen, so ähnlich wie im echten Leben.
Das heißt natürlich nicht, dass das ganze hier zusammengetragene Wissen über China und die Chinesen nicht wirklich gründlich recherchiert worden wäre. Das gilt auch für alle Sachverhalte, die komisch, bizarr oder unglaubwürdig klingen. Andererseits kann ich nicht für jede Information hundertprozentig garantieren. China verändert sich in einem Umfang und Tempo, wie sich in der Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis heute noch nie eine Region verändert hat, sieht man einmal von den Eiszeiten ab. So entspricht das, was in einem Chinajahr passiert, ungefähr dem von fünf Deutschlandjahren. Auch gilt manches hier Gesagte nur für Peking und die großen Städte und nicht in der Provinz. Innerhalb Chinas gibt es ein Wohlstands- und damit auch Lebensstilgefälle, das so groß ist wie zwischen einem mitteleuropäischen Land und Burkina Faso. Wenn Sie sich also ausschließlich für das Leben auf dem chinesischen Land interessieren, warten Sie lieber auf mein Buch «Das große chinesische Bauernabitur», das voraussichtlich in drei Jahren (deutsche Zeitrechnung) erscheinen wird. Außerdem mag in dem vorliegenden Buch auch deswegen manchmal etwas nicht stimmen, weil ich – wie ich in jahrelanger Forschungsarbeit herausgefunden habe – bedauerlicherweise auch hin und wieder Fehler mache. Ich hoffe nur, dass es sich dabei nicht um völlig dämliche handelt.
Hinweisen will ich hier noch darauf, dass viele der abgedruckten Lektionen in einem früheren Leben einmal Kolumnen waren, die in dem endgültigen Satiremagazin Titanic erschienen sind. Sie wurden für dieses Buch noch einmal komplett überarbeitet, aktualisiert und zum Teil stark erweitert. Um das bereits gesammelte China-Wissen abzurunden, wurden außerdem einige völlig neue Lektionen hinzugefügt. Titanic-Leser wissen natürlich auch, dass als Autor der Kolumne ein gewisser Walter Myna angegeben wurde. Vielfach wurde bereits vermutet, dass ich mit ihm identisch sei. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht völlig richtig. Tatsache ist, dass ich einige meiner eigenen Charakterzüge in meinem Freund Myna wiedererkannte, als ich ihn vor nunmehr sechs Jahren im Singapurer Mitre-Hotel kennenlernte. Wahr ist auch, dass ich die Titanic-Kolumne von Anfang an mit Walter Myna zusammen verfasst habe. Er verschwand dann allerdings Ende 2008 aus meinem Leben. Bei unserem letzten Treffen gab er an, von China inzwischen etwas gelangweilt zu sein. Er plante, sich ins Grenzgebiet zwischen Myanmar und Thailand aufzumachen, auf der Suche nach neuen Abenteuern. Zum Abschied vermachte er mir sämtliche Rechte an unseren gemeinsamen Kolumnen sowie das Y. aus seinem Namen, von dem ich allerdings schon vorher Gebrauch gemacht hatte. Mit dem Verschwinden Mynas – der ja jetzt wohl Mna heißen muss – endete auch die Kolumne in der Titanic. Sie wird seitdem unter meinem eigenen Namen und unter einer anderen Überschrift in der Berliner tageszeitung fortgeführt.
Meine Dolmetscherin aber, von der in diesem Buch auch immer wieder mal die Rede ist, lebt nach wie vor in meiner Nähe. Hinter dieser Umschreibung verbirgt sich nämlich niemand anderes als meine Frau Yingxin. Ihr und ihrer Familie habe ich es zu verdanken, dass ich als jemand, der immer noch nicht viel Chinesisch kann, tiefere Einblicke in die chinesische Welt erhalten habe, als sie Sandra Maischberger oder Christine Morgenroth je haben werden. Yingxin hat – neben anderen – auch den gesamten Unterrichtsstoff dieses Crash-Kurses auf seinen Wahrheitsgehalt geprüft und mir immer wieder mit Tipps und Übersetzungen aus chinesischsprachigen Medien geholfen. Sie taucht in den einzelnen Lektionen nur deshalb nicht als meine Frau auf, weil komische Texte, in denen Ehefrauen vorkommen, fast immer zum Gähnen öde sind.
Und noch eine letzte Bemerkung, bevor es wirklich losgeht: Natürlich wird in diesem Buch verallgemeinert, wenn ich hin und wieder von «den Chinesen» spreche. Und selbstverständlich ist das ungerecht, weil es «die Chinesen» ebenso wenig gibt wie «die Deutschen». Doch anders als mit ungerechten Verallgemeinerungen lassen sich manche Beobachtungen nicht auf den Punkt bringen, zumal, wenn man sie, so wie ich, gerne etwas zugespitzter formuliert. Sollte sich aber ein Chinese durch irgendeine Formulierung oder Behauptung hier verletzt fühlen, kann ich ihn nur bitten, zurückzuschlagen. Ich würde jedenfalls zu gerne ein ähnliches Buch wie dieses hier von einem chinesischen Autor über «die Deutschen» lesen, je ungerechter, komischer und gemeiner, desto besser. Dafür verspreche ich, dass der Titel meines Buches das allerletzte L-Wortspiel sein soll, das ich im Zusammenhang mit der chinesischen Sprache gemacht habe. Ich schwöle!