14 Alles Fotzen außer Peking

Wer aus den uninteressanteren Gefilden dieser Welt nach Peking kommt, um hier zu wohnen, dem kann es so wie mir passieren, dass er von dem hiesigen Menschenschlag zunächst nicht sehr begeistert ist. Wer hier aber nur ein bisschen länger lebt, sagen wir für ein paar Monate, der wird wahrscheinlich eines Morgens aufwachen, aus dem Fenster sehen und plötzlich wissen: Ich liebe diese Stadt. So war es jedenfalls bei mir. Es muss aber auch anderen so gegangen sein. Sonst hätte mir dieser Stimmungswechsel wohl kaum von einer alten Pekinghäsin prophezeit werden können. Man wird mit der Zeit zum Pekinger. Und als Pekinger sieht man die Welt einfach mit anderen Augen an.

 

Die Pekingerinnen beispielsweise. Ich liebe sie, nicht bloß, weil sie in diesen bunten, ordinären Sachen herumlaufen, die im Sommer die Brüste kaum verdecken, und nackt auf die Straße gingen, wenn das nicht doch zu verboten wäre. Ich bin mit der Zeit auch ein großer Fan des Zickentheaters geworden, das sie abends auf den Straßen aufführen: Da bleiben sie einfach stehen, machen schnell mal mit ihrem Mann Schluss, laufen schnuteziehend weg, kommen nach drei Minuten wieder, schlagen dem Mann richtig gemein auf den Oberarm und sagen: «Du bist schuld an allem.» Dann haken sie sich wieder bei ihm ein, als sei nichts gewesen. Ein schönes Schauspiel, vor allem, wenn die Frau sich zwischendurch vor Wut den Mantel vom Leib reißt und darunter nichts trägt als rote, mit japanischen Comicfiguren bedruckte Unterwäsche.

Aber auch die solcherart gezwiebelten Männer liebe ich. Mir würde etwas fehlen, wäre plötzlich keiner mehr da, der spucken, sich in der Sonne räkeln, den nackten Bauch streicheln und Maulaffen feilhalten würde. Sie lassen sich aber auch immerzu etwas Neues einfallen. In meinem Wohnblock fährt neuerdings einer mit dem Fahrstuhl rauf und runter, weil so das Rauchen viel mehr Spaß macht. Andere radeln mit Vogelkäfigen durch die Stadt. Später halten sie an einem schönen Platz, hängen die Käfige in einen Baum, setzen sich darunter und trinken mit anderen Vogelbesitzern Bier, während ihre Vögel vergnügt dazu zwitschern. Es gibt auch welche, die haben die Vögel so abgerichtet, dass sie sie frei herumfliegen lassen können. Auf Zuruf fliegen die Vögel auf den Arm des Besitzers oder sogar freiwillig in ihren Käfig zurück.

Dann sind da noch die Alten und die kleinen Kinder. Die Alten malen mit enormen Kingkong-Pinseln und etwas Wasser Schriftzeichen auf die Pekinger Plätze und diskutieren danach so lange die Frage, wer denn jetzt besser gemalt habe, bis das Wasser längst wieder als Wolke am Himmel hängt. Andere lassen in den Parks an kilometerlangen Schnüren Drachen steigen, stundenlang. Die Kinder, egal ob Junge oder Mädchen, hocken sich einfach vor einen hin und pissen auf die Straße. Dabei gucken sie einem fest in die Augen und grinsen lustig. Und jeder hier singt, wenn ihm gerade danach ist, ganz laut und stört sich nicht an der Langnase, die denkt: «Hat der se noch alle?» Geht die Sonne unter, wird getanzt, zur Musik aus Ghettoblastern oder zum Takt großer Trommeln. Und ob man’s kann oder nicht, ist dabei so egal wie ein Sack Kartoffeln, der irgendwo in den unterbevölkerten Ländern der Barbaren umfällt. Um die Tanzenden herum stehen die Maulaffen und quatschen jeden an. Auch mich labern sie voll, obwohl ich nichts verstehe, und geben mir so das Gefühl, dazuzugehören – selbst wenn ich in ihren Augen ein dummer kleiner Analphabet bin, ein Clown, mit Fell auf den Armen und einer bizarren Nase.

Ich liebe die Pekinger, weil sie keine bodybewussten Szenegänger sind, die in ihren Clubs bloß über Gadgets oder Autos reden. Sicher, auch solche Leute gibt es in der Stadt, und sie werden immer mehr, nicht zuletzt auch, weil die Behörden die Pekinger dazu bringen wollen, nicht mehr zu spucken, sich an der Bushaltestelle ordentlich anzustellen und auf der Straße keine Schlafanzüge mehr zu tragen, weil das angeblich «visuelle Umweltverschmutzung» ist. Doch noch steht die Front, die sich dagegen verbissen wehrt. Die Speerspitze kämpft beim Fußballspiel im Worker’s Stadium. Ich mache mir nichts aus Fußball, aber ich habe mir berichten lassen, wenn der Stadionsprecher zivilisiertes Benehmen anmahnt, schallt ihm sogleich ein zehntausendfaches «Shabi! Shabi! Shabi!» entgegen. «Blöde Fotze» heißt das. Shabi schreit man übrigens auch, wenn sich die gegnerische Mannschaft im Besitz des Balls befindet. Schießt aber Peking ein Tor, muss «Niubi!» gebrüllt werden. Das bedeutet so viel wie cool, geil oder super. Präzise übersetzt müsste es «Kuhfotze» heißen. «Niubi» kann in Peking alles Mögliche sein: ein Handy, eine Disco, mit Comicfiguren bedruckte, rote Unterwäsche. Wer ein richtiger Pekinger ist, gebraucht «Niubi» und «Shabi» mindestens zweihundertmal am Tag. Darin unterscheidet er sich von seinem Erzfeind, dem Shanghaier. Für den, so erzählt man sich, zerfalle die Menschheit in vier Gruppen: in Shanghaier, sonstige Chinesen, weiße und schwarze Ausländer, wobei der Shanghaier selbst natürlich an der Spitze der Wertepyramide steht und der schwarze Ausländer ganz unten. «Die Shanghaier sind rassistisch», sagte mir neulich ein Alteingesessener beim Bier, »wir Pekinger nicht. Für uns gibt es nur zwei Sorten Menschen: Shabi und Niubi», und es versteht sich von selbst: «Die coolen Kuhfotzen sind wir.»

Natürlich will das Büro für Spiritual Civilization Development and Guidance diese Ausdrücke ausmerzen, zudem noch eine Reihe anderer ausgesucht schöner Flüche, darunter den Nationalfluch Nummer eins, der gedruckt nur als TMD abgekürzt erscheinen darf. Das steht für «Ta ma de», was sich auch schon wieder auf die weibliche Unterleibsregion bezieht, dieses Mal die von Müttern. Doch wette ich, dass alle Zivilisierungsbemühungen nichts fruchten, solange weiter Ausländer in die Stadt strömen, die die Front der widerständigen Pekinger verstärken, indem sie als Allererstes und mit großem Eifer ebendiese Schimpfwörter lernen. Auch ich werde selbstverständlich alles tun, um zu verhindern, dass uraltes und kulturhistorisch wertvolles Sprachgut nicht unter die Räder kommt. Darauf mein Kuhfotzenehrenwort!

Bliefe von dlüben: Der China-Crashkurs
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