9 Mäuse lieben Reis
Es gibt wohl wenige Leute auf dieser Erde, die Musik so sehr lieben wie die Chinesen. Man singt mitten auf der Straße vor sich hin, man summt in Fahrstühlen oder nimmt kleine Radios mit zum Wandern, um auch in der Natur Musikuntermalung zu haben. In den Parkanlagen der großen Städte versammeln sich fast täglich die Alten, um begleitet von kleinen Kapellen zu singen. Meistens interpretieren sie alte kantonesische Schlager oder Lieder, die die Landschaften Chinas, den Kommunismus oder den Vorsitzenden Mao loben. Diese Form der chinesischen Musik gefällt mir sehr gut. Mit den klassischen Pekingopern dagegen habe ich meine Probleme. Sie entstammen einer Tonwelt, der ungeübte westliche Ohren nicht lange standhalten. Entschieden problematischer selbst als Pekingopern ist allerdings die chinesische Popmusik, für die sich die hiesige Jugend begeistert. Sie ist süßlich, simpel und oft ziemlich einfältig instrumentalisiert. Warum das so ist, hat sicher noch keiner hinreichend untersucht. Es könnte natürlich an der Tatsache liegen, dass China kurz nach dem Ende der Kulturrevolution unter den Einfluss extrem zweifelhafter westlicher Popmusik geriet. Nachdem im ganzen Land fast zehn Jahre lang nur Revolutionslieder und insgesamt acht revolutionäre Modellopern geduldet waren, war der Hunger nach neuen Melodien einfach so groß, dass man sich wahllos für jeden noch so schlimmen Popsong begeisterte, der zufällig ins Land schwappte. Drei dieser Songs sind «Country Roads» von John Denver, «Hotel California» von den Eagles und «Yesterday Once More» von den Carpenters. Zusammen mit dem erst später dazugekommenen «Lemon Tree» der deutschen Band Fool’s Garden und dem Titanic-Film-Song «My Heart Will Go On», gesungen von Celine Dion, bilden sie die «fünf ewigen» westlichen Popsongs in den chinesischen Charts. Das heißt, sie liegen wie eine Klangglocke über dem Land, man hört sie seit Jahren wieder und wieder in Supermärkten und in Bussen, aus Lautsprechern auf der Straße oder in Karaokebars.
Wie und wann diese Songs genau nach China kamen, ist weitgehend ungeklärt. Am meisten weiß man über «Country Roads». Eine Quelle behauptet, der Song sei noch vor Ende der Kulturrevolution nach China gelangt. Danach besuchte der chinesische Außenminister Zhou Enlai 1972 auf seiner ersten USA-Reise gemeinsam mit dem damaligen US-Präsidenten Nixon ein Konzert von John Denver. Zhou soll das Konzert so gut gefallen haben, dass er sich anschließend mit fünfhundert Kassetten eindeckte, auf denen sich unter anderem «Country Roads» befand. So steht es jedenfalls im großen Märchenbuch des 21. Jahrhunderts, Wikipedia, geschrieben. Allerdings habe ich nirgendwo eine Bestätigung für diese Geschichte gefunden, und es kommt mir doch etwas seltsam vor, dass ausgerechnet der chinesische Außenminister Country-Pop-Kassetten unter das Volk gebracht haben soll.
Verbürgt ist jedoch, dass John Denver sieben Jahre später für Deng Xiaoping sang, als dieser in den USA weilte. Deng, der auf dieser Reise sogar ein Rodeo besuchte und einen Cowboy-Hut trug, war sofort von «Country Roads» begeistert. Einige westliche Chinaexperten vermuten, dass älteren chinesischen Politikern und Militärs der Song auch deshalb so gut gefällt, weil er sie an den Langen Marsch der chinesischen Roten Armee erinnert. So war John Denver auch der erste ausländische Popmusiker, der 1992 eine echte Tournee durch China machen durfte. Der erste westliche Popmusiker, der überhaupt in China auftrat, war seltsamerweise George Michael, der 1985 mit seiner damaligen Band Wham! im Worker’s Gymnasium zu Peking spielte. Das Konzert war eine Weltsensation, hat aber kaum Spuren hinterlassen. «Wake me up before you gogo» ist jedenfalls in chinesischen Sphären nur selten zu hören. Dafür wurde der Song 2004 noch einmal in Japan gecovert. Es sind eben manchmal sehr verschlungene Wege, die die Popmusik geht. Einen solchen legte auch der alte Eagles-Hit «Hotel California» zurück, der wahrscheinlich von den Hippiestränden Thailands oder Balis nach China geschwemmt worden ist, schließlich haben die Eagles auf chinesischem Boden erst 2004 zum ersten Mal gespielt. Trotzdem gilt vielen Chinesen «Hotel California» als die eigentliche amerikanische Nationalhymne. Als im Frühjahr 2001 chinesische Abfangjäger ein US-amerikanisches Spionageflugzeug zur Landung zwangen, befahlen die chinesischen Soldaten ihren Gefangenen, «Hotel California» zu singen. Erst als die Besatzung des Flugzeugs dem Befehl gefolgt war, sollen die Chinesen überzeugt gewesen sein, wirkliche Amerikaner gefangen genommen zu haben. Die schlimme Titanic-Hymne aus dem Mund von Celine Dion kam mit dem schlimmen Film nach China, der seinerzeit das Land im Sturm erobert hat. Selbst der damalige Partei- und Staatschef Jiang Zemin empfahl seinen Genossen in einer Rede vor dem Nationalen Volkskongress, sich den Film anzusehen und von ihm zu lernen – wahrscheinlich, wie man die Kollision mit Eisbergen vermeidet. Neben dem Original des Titelsongs wird übrigens auch die Coverversion des Schlafzimmersaxophonisten Kenny G. in China sehr geschätzt. Diesen Trötisten verehren die Chinesen wie einen musikalischen Buddha. Deshalb hat er auch versprochen, 2009 für einige Zeit nach Shanghai zu ziehen, um dort eine Schule zu eröffnen, wo er seine Musikreligion lehren will. Die Schlafzimmermöbelindustrie in der Neunzehn-Millionen-Stadt ist vor Begeisterung wahrscheinlich schon ganz aus dem Häuschen.
Weiterhin ungeklärt aber ist der Erfolg von «Lemon Tree» und «Yesterday Once More». Die Carpenters sind schon insofern ein Sonderfall, weil es sich ja bei ihnen im Gegensatz zum schrecklichen Rest um gute Popmusik handelt. Doch auch ein eigentlich sehr schöner Song wie «Yesterday Once More» geht unweigerlich kaputt, wenn man ihn fünfzigmal am Tag spielt.
Allerdings springen die Chinesen mit ihrer eigenen Popmusik nicht anders um. Um die ist es auch nicht weiter schade, denn bis auf ein paar Ausnahmen (die phantastische Sängerin Faye Wong, der Rockmusiker Xu Wei, einige frühe Stücke des Taiwanesen Jay Chou und der Band Fir) ist sie von zuckerwattiger Konsistenz. Einer der penetrantesten Songs ist «Mäuse lieben Reis», ein Hit, der seit 2001 aus dem chinesischen Musikuniversum nicht mehr wegzudenken ist. Komponiert wurde das Lied von dem singenden Buchhalter Yang Chengang. Wahrscheinlich hätte die Zentralregierung das Lied wegen offensichtlicher Dämlichkeit gerne verhindert, denn im Radio wurde es zunächst nicht gespielt. Aber gegen das Internet ist selbst ein autoritäres Regime machtlos.
Heute gibt es rund zehn verschiedene Versionen des Songs in etlichen asiatischen Sprachen, und der clevere Buchhalter ist längst Millionär. Dabei ist das Stück sowohl textlich («Ich liebe dich, so wie eine Maus Reis liebt») als auch musikalisch eine schwere Menschenrechtsverletzung. Man fragt sich, weshalb die CIA, die ja bekanntlich gerne mit Pop- und Rockmusik foltert, diesen Song nicht bei ihren Verhören in Afghanistan und Guantánamo eingesetzt hat. Jeder Gefangene hätte wohl alles gestanden.
Dagegen ist chinesische Rock- und Punkmusik viel besser zu ertragen. Hier sind es eher die Musiker selbst, die nerven. So war der erste chinesische Rockmusiker ein Mann namens Cui Jian, Mitte der Achtziger begründete er dieses Musikgenre hierzulande. Und genau damit fängt die Nerverei schon an. Jeder englischsprachige Journalist nämlich, der in den letzten zwanzig Jahren über chinesische Rockmusik geschrieben hat, musste Cui Jian als den «Godfather of Chinese Rock» bezeichnen. Dabei ist Cui Jian eigentlich recht liebenswürdig und hat sicher noch nie jemandem einen Pferdekopf ins Bett gelegt, geschweige denn einen seiner Mitrocker umgebracht. Außerdem macht er schon längst unbedeutende Welt- und Schrebbelmusik und ist ein guter Freund von Udo Lindenberg, mit dem er sich den Hang zum Kopfbedeckungtragen (Udo: Hut; Cui Jian: Basecap) teilt. Nur, davon ist nie die Rede.
Cui Jian kann letztlich nichts für die penetrante Stilisierung durch andere. Das ist bei den neueren chinesischen Punk-, Avantgarde- und Rockbands anders. Sie gebärden sich gern als Außenseiter, die gezwungen sind, im Untergrund zu leben. «Wir brauchen diese schlechten Bedingungen und die deprimierende Atmosphäre», erzählt Wang Yue von der Pekinger Frauenband Hang On The Box in dem Dokumentarfilm «Beijing Bubbles», «um richtig gute Musik machen zu können». Und die Musiker der ansonsten sehr guten Punk-Gitarrenband Joyside antworten auf die Frage eines kanadischen Journalisten, weshalb sie in ihren Texten keine Systemkritik transportieren, es drohe ihnen in diesem Falle: «Gefängnis, Tod.»
Das ist natürlich Blödsinn, denn es gibt genug Bands in China, die aufmüpfige Texte singen. Die Pekinger Skinhead-Band Mi San Dao singt praktisch nur davon, dass sie das hiesige System zu penetrieren trachtet: «Policeman, Fuckingman» heißt es in ihren Texten, oder: «You are a dog, you are a fucking machine. You are working for the fucking government.» Mi San Dao spielen diese Songs schon seit Jahren unbehelligt in Pekinger Lokalen. Auch sah ich in Peking schon Punks mit Lederjacken rumlaufen, auf denen «Kill The Chairman» geschrieben stand. Zugegeben, der Chairman ist schon länger tot, und die bösen Texte sind auf Englisch, weshalb sie ein durchschnittlicher Polizist nicht versteht. Trotzdem scheint sich der hiesige Repressionsapparat nicht groß um die chinesischen Punks zu kümmern. Sie können es sich sogar leisten, vor westlichen Kameras zu kiffen, was die Lunge hergibt. In Staaten wie Singapur oder Malaysia sähe man sich für solcherlei Leichtsinn sehr schnell ein Gefängnis von innen an.
Auch wirtschaftlich geht es den Punk- und Avantgardebands nicht schlecht, zumindest besser als jedem Wanderarbeiter in Peking. Manche Bands haben sogar inzwischen einen Plattenvertrag mit ausländischen Labels, und die meisten sind schon durch die USA, Deutschland, Frankreich, England oder Skandinavien getourt. Dort wird ihnen jedes Mal eine Medienaufmerksamkeit zuteil, die Bands aus Europa oder den USA bei gleicher Qualität und musikalischer Orientierung nie erhalten würden. Doch die chinesischen Musiker kommen ja direkt aus dem Untergrund, wo sie täglich um Freiheit oder Leben bangen müssen.
Im Westen weiß man offenbar nicht, dass in China Punk und Artverwandtes gerade im Begriff stehen, im Mainstream anzukommen. Zwar wird die Musik immer noch sehr selten im Radio gespielt und kommt im Fernsehen gar nicht vor. Doch dafür sind die Punks anderswo umso präsenter. Die Band AK-47 wurde ausführlich in dem drögen Mainstream-Unterhaltungsfilm «All About Women» des Regisseurs Xu Ke gefeatured. Die Subs waren auf dem Cover des chinesischen Rolling Stone, und Joyside-Sänger Bian Yuan schaute im Sommer 2008 von riesigen Converse-Werbeplakaten auf uns Pekinger herab. Andere Pekinger Punks haben in den letzten Jahren gutgehende Boutiquen aufgemacht oder arbeiten als Redakteure für den Hongkonger Musiksender Channel V. Trotzdem wird eifrig weiter in Kameras hinein erklärt, dass man auf Gesellschaft, Geldverdienen und Konsum pfeife. Auch wenn sich dieser Unsinn kaum von dem unterscheidet, den Jugendliche im Rest der Welt zu erzählen neigen, geht er mir auf meine zusehends empfindlicher werdenden Nerven.
Nur ab und zu setze ich mich in ein Taxi und fahre ins D-22, den besten Club der Stadt. Hier lasse ich mir dann ein paar Stunden lang von den Hausbands Carsick Cars, Queen Sea Big Shark oder den phantastischen Joyside die Ohren volldröhnen. In richtig guten Nächten schleudert mich ihre Musik so weit in der Zeit zurück, dass auch ich wieder jung und dumm bin, jedenfalls ein bisschen.
Manchmal gehe ich aber auch zusammen mit meiner Dolmetscherin und ihrer Familie zum höchst beliebten Karaoke. Und ob man’s glaubt oder nicht: Hier kann man mich dann sogar selbst singen hören. «Country Roads» zum Beispiel und, ja, ich geb’s zu, «Mäuse lieben Reis». Natürlich singe ich diese Lieder nicht, weil sie mir gefallen. Aber nach Jahren der Gehirnwäsche sind es einfach die einzigen, die ich singen kann, ohne mich mehr als nötig zu blamieren. Außerdem tut es gut, wenn ich wenigstens in der Karaokekabine einmal zurücknerven kann.