Die letzte Spur
Montag, 21. Juni 1948
Im Morgengrauen gleitet Stave aus dem schmalen Bett, ohne Anna zu wecken. Er zieht sich an, fingert einen Hausschlüssel aus der Handtasche seiner Geliebten und schließt behutsam die Wohnungstür hinter sich. Müssen ja die Nachbarn nichts hören. Nebel. Menschen auf den Bürgersteigen, mehr, als Stave zu so früher Stunde vermutet hätte. Er schlägt den Mantelkragen hoch und geht die wenigen Schritte bis zu einer Bäckerei, die er noch von seinen früheren Besuchen bei Anna her kennt.
Ein paar Schritte davor bleibt er abrupt stehen: der Duft nach frischem Brot. Echtes Brot, echtes Mehl. Ihn schwindelt. In der Bäckerei ist es voll, aufgeregte Stimmen in dem kleinen Raum. Er glaubt, zu träumen: Auf den gläsernen Regalen reihen sich Weißbrote Laib an Laib, in Körben stapeln sich Brötchen, sogar Gebäck liegt auf. Wann hat er so etwas zuletzt gesehen? Vor acht Jahren?
Er ist so betäubt, dass er zunächst gar nicht merkt, als er an der Reihe ist. »Sie wünschen?«, wiederholt die junge, dunkelhaarige Bäckerin. Freundlich, ungeduldig, ganz und gar wie in Friedenszeiten.
»Zwei Rundstücke«, sagt er und hört, dass seine Stimme krächzt. »Nein, vier«, setzt er rasch hinzu. Warum noch sparen? An der Wand hinter der Bäckerin hängt ein handgeschriebenes Plakat: »Keine Punkte! Keine bewirtschaftete Ware!«
Stave schiebt einige von den neuen Pfennigscheinen über den Tresen. Er saugt den Brötchenduft ein, betastet die feste, hellgelbe Kruste. Noch warm. Jemand drängelt ihn fort.
Als er in die Wohnung in der Röperstraße 6 zurückkehrt, hat Anna Ersatzkaffee aufgebrüht. Das wird sich auch bald ändern, denkt er. »Schau, was ich uns mitgebracht habe!«, ruft er und hebt die Papiertasche mit den Brötchen. Ihr Duft füllt den Raum. »Meine schönste Morgengabe.«
»Deine zweitschönste Morgengabe«, erwidert Anna ernsthaft, küsst ihn und streift dabei seinen Mantel von den Schultern.
Später sitzen sie am wackeligen Tisch. Die schäbigen Wände, die gesprungenen Tassen sieht Stave nicht mehr. Er kaut bedächtig auf einem Brötchen, genießt jeden Bissen, zögert es hinaus, bis er ihn hinunterschluckt.
»Es ist unfassbar, dass plötzlich alles wieder da ist«, murmelt Anna. »An einem Tag hungern wir. Und als wir am nächsten Morgen aufwachen, ist alles so wie in der guten alten Zeit.«
»Die Waren müssen schon länger da gewesen sein. Das Mehl für die Brötchen. Die Strümpfe und Pfannen in den Schaufenstern. Es hat sie nur niemand verkauft. Jetzt haben wir das neue Geld und alle wittern das große Geschäft.«
Sie plaudern über das, was sie sich kaufen wollen. Darüber, wie viel er nun jeden Monat in der Lohntüte haben wird und ob das Geld reichen wird, wenn man sich all die Dinge kauft, die man seit so langer Zeit entbehrt. Es wird nicht reichen, auf Jahre hin. Aber was macht das schon? Sie reden auch über die letzte Nacht, neckend und verliebt. Über ihre oder seine Vergangenheit verlieren sie kein Wort.
Doch als sie den letzten Krümel vertilgt haben, blickt ihn Anna über den Rand ihrer Tasse hin an, aus der noch die Schleier des heißen Ersatzkaffees wabern. »Wie geht es weiter mit uns?«
»Heirate mich!«, ruft Stave und ist selbst beinahe erschrocken über seinen Ausbruch.
Sie wird blass, dann schießt ihr Röte in die Wangen. »Du weißt, dass das nicht geht«, flüstert sie. »Ich bin nicht geschieden. Und wenn ich mich scheiden lassen wollte, dann wird die alte Geschichte bekannt. Man wird Fragen stellen. Man wird Papiere sehen wollen und Nachforschungen anstellen.«
Da steht er auf und schließt sie in die Arme. »Niemand wird Nachforschungen anstellen«, flüstert er und schüttelt einen Moment später den Kopf, als ihm klar wird, was er da gesagt hat. »Das ist wohl der seltsamste Satz, den ein Oberinspektor von sich geben kann«, erklärt er. »Es gibt keine Anna von Gudow. Die Papiere mit diesem Namen sind in Berlin verbrannt. Oder sie vermodern in irgendeinem Gemeindearchiv in einem Dorf, das heute sowjetisch oder polnisch ist und schwerer zu erreichen als der Mond. Du bist Anna von Veckinhausen. Du bist frei.«
»Und du? Bist du frei?«
Er erzählt ihr von Karl. Von dessen Studium. Vom Abendessen mit ihm und von komplizierten Gesprächen. »Seine Kindheit ist unwiderruflich zerstört«, schließt er. »Aber seine Jugend nicht. Er hat sich gefunden, er fängt neu an.« Stave küsst Anna. »Ich glaube, wir haben uns alle einen Neuanfang verdient.«
Da lächelt sie, wie sie ihn noch nie zuvor angelächelt hat, streicht sich ihre Strähne aus dem Gesicht und flüstert: »Du wirst heute zu spät ins Büro kommen.«
Es ist Jahre her, dass Staves Seele so leicht war. Er fühlt sich frei und voller Energie, als er vormittags die Palmaille entlangfährt. Diesmal werde ich Anna halten, verspricht er sich. Und Karl werde ich halten. Ich bin noch einmal davongekommen. Er würde sogar Urlaub beantragen, den ersten seit 1941, wenn da nicht noch dieser Fall wäre: der tote Rolf Rosenthal, die Kunstwerke aus dem Reimershof. Der Bankier, der alles leugnet. Eine winzige Nadel, die sein Wohlbefinden stört.
Er wird von einem dunklen Auto überholt, das ihm irgendwie ungewöhnlich vorkommt. Er braucht einige Sekunden, um die Ursache dafür zu erkennen: ein Taxi. Wann hat er das letzte Mal eine Motordroschke gesehen? Vor dem Krieg? In den ersten Kriegsjahren? Seit 1945 und den Fahrverboten, Fahrtenbüchern und Benzinrationierungen sicher nicht mehr.
Die Linie 31 rattert ihm entgegen. Die Straßenbahn ist höchstens zur Hälfte besetzt, auch eine Premiere nach langer Zeit. Die wenigen Bahnen waren bis gestern überfüllt, hier schoben sich Angestellte und Arbeiter, Hausfrauen und Kinder, Händler, Schieber und Hamsterer in die Wagen, bis die Türen kaum noch schlossen. Jetzt fehlen die Schieber und die Hamsterer. Stave überlegt, wann Bahr vom Chefamt S ihm eine neue Sache zuweisen wird. Und welche das wohl sein könnte.
Die Kripo-Zentrale vibriert wie ein Bienenstock, den jemand angerempelt hat. Bahr reibt sich die Hände, als Stave den Flur im fünften Stock betritt.
»Wo waren Sie denn?«, fragt ihn sein Chef.
»Ermittlungen.« Erstaunlich, wie leicht ihm die Lüge über die Lippen geht.
»Verstehe. Ich war heute Morgen auch schon auf dem Hansaplatz. Wollte unsere Klienten schwitzen sehen. Allein wegen der verdutzten Gesichter der Schieber ist die Währungsreform schon alle Aufregung wert.«
»Die Kerle können einpacken.«
»Das tun sie auch, wortwörtlich. Sie verscherbeln ihre Sachen und packen ein, was keiner mehr haben will. Die Lucky Strike, für die Sie vor ein paar Tagen noch sieben Reichsmark hinlegen mussten, bekommen Sie nun für fünfundzwanzig neue Pfennige, Tendenz fallend. Zigaretten sind auf dem Schwarzmarkt billiger als in den Tabakgeschäften, weil die Herren Hehler ihre Lager räumen. Ein Pfund Butter ist für fünf Deutsche Mark zu haben.« Bahr lacht triumphierend wie ein General am Ende eines gewonnenen Krieges.
»Was wird aus dem Chefamt S?«, fragt der Oberinspektor.
»Sie können zur Sitte wechseln, wenn Sie wollen. Jede Menge Schwalben stehen selbst am helllichten Tag am Bordstein. Die Mädchen haben ihre Zimmer bislang mit Zigaretten bezahlt. Die sind nichts mehr wert, also setzt man sie vor die Tür. Mit der neuen Mark sind aber zum ersten Mal neben alliierten Soldaten und Schiebern auch ganz normale deutsche Männer wieder als Freier attraktiv. Das wird der Sitte Arbeit machen.«
»Das ist nicht gerade meine Leidenschaft.«
»Da sind wir ja schon zu zweit. Gut. Auch die Wirtschaftsdelikte werden uns nicht ausgehen. Ich werde gleich den Hauptbahnhof abpatrouillieren. Einige besonders kluge Köpfe haben in den letzten Tagen mit der alten Reichsmark Bahnkarten gekauft und bieten sie nun an den Gleisen zu überteuerten DM-Preisen an. Flüsternd, wie auf dem guten, alten Schwarzmarkt. Den Leuten fällt immer etwas ein. Kommen Sie mit?«
»Ich muss noch einen alten Fall zu den Akten legen.«
»Die Kunstwerke vom Reimershof? Was gibt es da noch zu ermitteln?«
»Geben Sie mir noch ein paar Tage«, erwidert Stave und schließt die Tür zu seinem Büro hinter sich.
Der Kripo-Beamte bearbeitet das Telefon, bis er Kienle an der Strippe hat. »Können Sie vorbeischauen?«, fragt er den Fotografen.
»Dienstlich?«
»Gewissermaßen.«
»Klingt wie eine nicht ganz legale Sache. Ich komme.«
Ein paar Minuten später steht der schlanke, rothaarige Mann vor dem Oberinspektor, die Ledertasche mit seiner Leica über der Schulter.
»Können Sie auch kleine Objekte fotografieren?«, fragt Stave. »Ungefähr handgroß. In Innenräumen. Ohne Blitz.«
Kienle lacht. »Als ich für ›Signal‹ an der Front war, wäre kein Landser glücklich gewesen, wenn ich mit einer Blitzlampe herumhantiert hätte.« Er blickt in seine Tasche und zieht ein schmales Objektiv hervor. »Das Eins-fünfer Summarit. Ein Fünf-Zentimeter-Objektiv mit großer Blendenöffnung. Da kann ich auch noch Bilder unter der Bettdecke machen.«
»Noch bin ich nicht bei der Sitte«, brummt Stave. »Mit dem Objektiv können Sie die Leica in Ihre Jackett-Tasche stecken. Niemand wird sie bemerken.« Er kramt in seinen Schreibtischschubladen herum, bis er ein hölzernes Lineal findet. »Das müssen Sie auch noch bei sich verstecken.«
»Ich soll inkognito bleiben?«
»Lassen Sie den Rest Ihrer Ausrüstung hier. Sie kommen mit, ich stelle Sie als Mitarbeiter der Kriminalpolizei vor. Das ist ja nicht gelogen.«
»Wo soll ich heimlich Bilder schießen? Und wozu das Lineal?«
»Das erkläre ich Ihnen unterwegs. Wir nehmen einen Wagen.«
»Da kommen Sie zu spät. Seit Sie Benzin wieder an jeder Tankstelle kaufen können, rasen die Kollegen wie Bernd Rosemeyer über die Straßen. Jeder Vorwand ist recht, um aufs Gas zu drücken.«
»Dann gehen wir zu Fuß. Es ist nicht weit.«
»Ein Schwarzmarkt in der Umgebung?«
»Das ist nicht mehr unser Metier, Kienle. Es geht aufwärts mit Deutschland. Wir gehen zu einem Bankier.«
Als sie die Zentrale verlassen, tritt ihnen am bronzenen Elefanten neben dem Eingang eine massige Gestalt beinahe auf die Füße. »Melden Sie sich schon zum Streifendienst, Stave?«
Dönnecke. Es gibt im Moment niemandem, dem der Oberinspektor lieber aus dem Weg gegangen wäre. Die tiefliegenden, dunklen Augen huschen zwischen ihm und Kienle hin und her. Stave kann das Misstrauen seines Kollegen förmlich riechen. Der fragt sich, was ich mit dem Fotografen vorhabe, denkt er sich. Soll er ruhig nervös sein.
»Es gibt genug zu tun«, antwortet er laut und will sich an Dönnecke vorbeizwängen.
Doch da legt sich dessen behaarte Pranke auf seine Schulter. »Sie bearbeiten Schwarzmarktdelikte«, grollt der ältere Beamte. »Der Schwarzmarkt existiert nicht mehr, seit wir das alliierte Geld haben. Wozu brauchen Sie also unseren Lichtbildner?«
»Vertrauliche Ermittlungen.«
»Sie gehen doch nicht etwa zum Reimershof? Ich mag es nicht, wenn jemand seine Nase in Sachen steckt, die ihn nichts angehen.«
»Das mag ich auch nicht«, erwidert Stave und löst seine Schulter mit einem Ruck aus Dönneckes Umklammerung.
»Kollege Dönnecke in Hochform«, murmelt Kienle, als sie einige Schritte Abstand gewonnen haben. »Der Erfolg der neuen Mark lässt ihm die Adern schwellen. Ihm wäre lieber, halb Hamburg würde vor Hunger verrecken. Dann würde die andere Hälfte wieder nach einem Führer rufen.«
»Wollen Sie Dönnecke zum Feind haben?«, fragt Stave.
»Auf keinen Fall«, antwortet der Fotograf erschrocken.
»Dann hätten Sie besser nicht mitkommen sollen«, sagt der Oberinspektor und lächelt sardonisch. »Denn Sie stecken Ihr schönes Leica-Objektiv in einen Fall des geschätzten Kollegen.«
Sie laufen über den Valentinskamp und den Gänsemarkt. Stave erklärt Kienle, was er gleich tun soll. Er spricht gedämpft, doch diese Vorsicht könnte er sich schenken. Auf den Bürgersteigen drängen sich die Menschen, aber niemand achtet auf sie. Die Blicke kleben an den Schaufenstern. Ehrfürchtige Bewunderungen. Empörte Laute, wenn jemand auf ein Preisschild deutet. Männer, die mit in Packpapier eingewickelten Waren triumphierend aus Geschäftstüren treten. Tabakspfeifen in einem Laden. Der Oberinspektor hätte nicht gedacht, dass sie überhaupt noch in Deutschland produziert werden. Und nun liegen sie auf samtigen Auslagen da, als sei zwischen 1939 und 1948 nichts geschehen. Ein Oberbekleidungsgeschäft: Popeline-Hemden ab acht DM. Ein hellrotes Seidenkleid. Anna würde darin wundervoll aussehen, denkt Stave. Zweihundert Mark.
»Das ist wohl nichts für Ihr Beamtengehalt«, bemerkt Kienle, der Staves Blick gefolgt ist. »Aber das wird sich schon noch einpendeln.«
»Einpendeln?«
Der Fotograf deutet auf das Schaufenster eines Elektrogeschäfts. »Bügeleisen, 17,50 DM«, liest er vor. »Gestern war ich zufällig hier, als sie die ersten Preisschilder unter die Waren gestellt haben. Ich suche nämlich seit Jahren nach einem Bügeleisen. Da waren es noch 27,50 DM. Hat wohl die werte Kundschaft heute Morgen abgeschreckt. Die Krämer horten ihre Waren ja seit Wochen, Waren, die sie noch in Reichsmark bezahlt oder als Kompensationsgeschäfte erworben haben. Die legen ihre neuen Preise willkürlich fest, aber das wird sich einpendeln. Bald müssen Sie auch keinen Monatslohn mehr für ein Kleid hinlegen. Ich wusste gar nicht, dass Sie verheiratet sind«, setzt er neugierig hinzu.
»Noch nicht«, erwidert Stave.
Auf dem Jungfernstieg an der Alster ist ein Markt entstanden. Händler haben Tische zusammengestellt und breiten ihre Waren aus. Alles legal. Hunderte Gestalten drängen sich dazwischen. Die Hälfte aller Hamburger scheint nicht am Arbeitsplatz zu sein. Nichts mehr vom verschämten Flüstern und Herumschlendern eines Schwarzmarktes. Hausfrauen und Angestellte nehmen Sachen kritisch in die Hand, mustern sie, diskutieren Qualität und Preis – noch etwas unsicher, so, als erprobten sie, sich selbst misstrauend, ihre Fähigkeiten, die so lange verschüttet waren.
Stave und Kienle durchqueren Reihen von Gemüseständen. Dahinter bietet jemand einen elektrischen Wasserkocher für 27,50 DM und ein mattgelbes Porzellangedeck für 2,60 DM an. Eine Schreibmaschine für 300 Mark. Der Mann, der meine Olympia gegen das uralte Fahrrad eingetauscht hat, könnte nun ein gutes Geschäft machen, denkt der Oberinspektor. Es ist ihm einerlei.
Sie schieben sich durch das Gedränge, bis sie die ruhigen Straßen am Ostufer der Alster erreichen. Dort kommen sie rascher voran.
»Sie haben alles verstanden?«, fragt Stave zur Sicherheit noch einmal, bevor sie die Auffahrt zu Schramms Villa hinaufgehen.
»Ich weiß, was ich zu tun habe«, erwidert Kienle und klopft auf die Manteltasche, in der die Leica verborgen ist.
»Sie lassen nicht locker. Heydrich wäre stolz auf Sie«, begrüßt sie Schramm, als sie ihm ein paar Augenblicke später gegenübersitzen.
»Heydrich ist nicht mein Chef«, erwidert der Oberinspektor. Nur nicht provozieren lassen. »Sagt Ihnen der Name Rolf Rosenthal etwas?« Er hält den Atem an.
Dönnecke lässt den Fall vermodern. Der hat sich nie bei dem Bankier sehen lassen, deshalb wird Schramm keine Einzelheiten kennen vom Toten in den Trümmern, hofft Stave. »Wir haben in den Ruinen des Reimershofes ein Papier geborgen«, fährt er fort und betet, dass man ihm die Lüge nicht anhört, »auf dem dieser Name zu entziffern war.«
Schramm starrt ihn an, das rechte Auge halb zusammengepresst, das linke riesenhaft vergrößert hinter einem altmodischen Monokel. »Wie ich Ihnen schon einmal erklärte: In diesen Büros habe ich Sachen untergebracht, die ich in meiner Bank nicht lagern wollte«, erwidert er schließlich. »Personalakten jüdischer Mitarbeiter beispielsweise. Herr Rosenthal ist 1917 als vierzehnjähriger Lehrling in mein Haus eingetreten. Ein Jude mit verkrüppeltem Fuß, da war die Arbeitssuche auch schon im Kaiserreich schwierig. Aber ich habe sofort seine Qualitäten erkannt: ein geborener Zahlenmensch. Diskret. Strebsam. Verschwiegen. Er machte denn auch rasch Karriere. 1930 wurde er so etwas wie meine rechte Hand.«
»Und drei Jahre später?«
»Was glauben Sie? Dass ich ihn einfach entlassen habe? Ich beschäftigte ihn weiter. Seine Personalakte wanderte in den Reimershof.«
»Arbeitete Herr Rosenthal auch dort?«
»Gelegentlich. Aber es ließ sich nicht vermeiden, dass er oft in der Zentrale tätig war.«
»Hat er Sie auch in Belangen der Kunst beraten?«
Schramm blickt aus dem Fenster. »Herr Rosenthal war Prokurist«, antwortet er. »Warum stellen Sie mir eine so seltsame Frage?«
»Was ist aus Herrn Rosenthal geworden?«, will Stave wissen.
»Herr Rosenthal hatte eine große Familie. Seine Eltern lebten noch, dazu mehrere Geschwister. Fast alle sind lange in Europa geblieben, zu lange. Nur eine Nichte ist vor 1939 nach New York emigriert. Im Sommer 1940, nachdem Frankreich erobert worden war, hat mir Herr Rosenthal gestanden, dass er sich mit den Seinen über Paris bis nach Marseille durchschlagen wollte und von dort eine Passage nach Portugal oder Nordafrika zu ergattern hoffte. Alles sei vorbereitet. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen. Und nichts mehr von ihm gehört. Ich nehme an, man hat ihn unterwegs erwischt.«
»Darf ich mir die Hände waschen?«, unterbricht ihn Kienle. »Dieses feuchte Wetter …« Er lächelt entschuldigend.
»Sicher. Im Foyer, die erste Tür links neben dem Eingang«, erwidert Schramm irritiert, sieht dann wieder gedankenverloren aus dem Fenster. »Schon seltsam, wie wenig Spuren wir in dieser Welt zurücklassen«, murmelt der alte Bankier. »Ein Blatt Papier in einem Trümmerhaufen. Das ist alles, was bleibt.«
Nicht ganz, denkt Stave.
Kienle tritt kurze Zeit später wieder in den Raum. Er nickt dem Kripo-Beamten kaum merklich zu.
»Wir werden diesen mysteriösen Fall wohl bald zu den Akten legen«, sagt der Oberinspektor und erhebt sich. »Vielen Dank für Ihre umfassenden Auskünfte.« Er zwingt den Sarkasmus aus seiner Stimme.
»Sie müssen sicherlich sehr beschäftigt sein. Als Bankier. Mit alldem neuen Geld«, stottert Kienle.
Schramm blickt ihn durch sein Monokel an wie ein Botaniker eine missgestaltete Pflanze. »Die Währungsreform hat viele meiner Kunden mit einem Federstrich arm gemacht. Vorgestern hatte man 1000 Reichsmark auf dem Sparbuch. Heute sind es 65 Deutsche Mark. Viele werden schnell feststellen, dass sie nicht genug schönes, neues Geld haben für all die schönen, neuen Waren, die sie sich kaufen wollen.«
»Dann werden Sie ihnen günstige Kredite gewähren. Die Bank gewinnt immer«, erwidert Stave. »Bemühen Sie ihr Hausmädchen nicht. Wir finden selbst hinaus.«
Als sie ein paar Meter die Fährhausstraße hinuntergegangen sind, fragt der Oberinspektor: »Haben Sie die Fotos geschossen?«
»In einer Stunde halten Sie die Abzüge in der Hand.«
»Sie müssen nicht flüstern.«
»Der Kerl macht mir Angst.«
»Schramm hat zwölf Jahre unter den Nazis durchgehalten, obwohl ihm die Gestapo regelmäßig Hausbesuche abgestattet hat. Ein harter Hund. Und ein Lügner.«
»Welcher Bankier kann es sich schon leisten, immer ehrlich zu bleiben?«
»Nicht jeder Bankier hat die Leiche seines Prokuristen in den Trümmern seines Büros liegen. Rosenthal hat nicht 1940 versucht, über Frankreich zu entkommen. Er ist bis zum Sommer 1943 in Hamburg geblieben. Es war sein Körper, den sie in den Trümmern des Reimershofes fotografieren mussten. In Trümmern, die erst 1943 nach einem Bombenangriff zurückgeblieben sind.«
»Dachte ich mir schon. Von einem Papier mit dem Namen darauf habe ich bei der Spurensicherung am Fundort nämlich nichts mitbekommen. Und nun?«
»Sie wissen ja selbst, was von der Leiche übrig geblieben ist. Viele Spuren gibt es da nicht, aber doch zwei: erstens die Schuhe. Doktor Czrisini hat mich auf die Kratzer in deren Ledersohlen hingewiesen. Indiz dafür, dass sich das Opfer im Todeskampf noch bewegt hat. Spricht meiner Ansicht nach gegen ein Ende durch herabstürzende Trümmer oder die Druckwelle einer Explosion. Das wäre schneller gegangen. Und zweitens denke ich an diese Schädelverletzung.«
Kienle pfeift anerkennend durch die Zähne. »Langsam begreife ich, worauf Sie hinauswollen.«
Der Fotograf hält Wort und bringt Stave nach einer Stunde ein halbes Dutzend noch feuchter Abzüge. »Ich habe meine letzten großen Bögen Fotopapier dafür genommen«, erklärt er, »und in der Dunkelkammer noch das feinste Detail herausgekitzelt.«
»Das sollte funktionieren«, murmelt Stave. Schramms Gehstock. Kienle sollte heimlich im Vorraum der Villa den im Weidenkorb abgestellten Gehstock des Bankiers ablichten – vor allem dessen massiven, silbernen Griff. Den L-förmigen Griff. Nun hält er Schwarzweißaufnahmen von allen Seiten des Endstückes in der Hand, daneben hat Kienle das Lineal platziert. Etwas körnig sind die Abzüge, die Reliefs im Silberknauf eine Winzigkeit verwackelt.
»Ich hatte weder Blitz noch Stativ«, erklärt der Fotograf entschuldigend.
»Man erkennt die Form klar genug. Und mit dem Lineal daneben kann man die Größe bis auf den Millimeter genau einschätzen. Das reicht.«
»Wollen Sie die Fotos in Dönneckes Mordakte schmuggeln?«, fragt Kienle. »Oder direkt damit zum Staatsanwalt gehen?«
Der Oberinspektor reibt sich die Schläfe. »Das sind keine Beweise. Das sind bloß Vorlagen – für einen Künstler.«
Er schüttelt dem Fotografen zum Abschied die Hand. »Kein Wort darüber, vor allem nicht zu Dönnecke«, schärft er ihm ein. Dann setzt er sich ans Telefon und ruft MacDonald an.
»Begleiten Sie mich zur schlimmsten Bruchbude Hamburgs?«
»Eine Bude so zugig wie ein Schloss in den Highlands? Das hätte ich nicht für möglich gehalten.«
»Sie müssen dort etwas für mich bezahlen.«
»Haben Sie schon alle Ihre neuen Scheine verjubelt? Sie wären nicht der Erste, nach allem, was man so hört.«
»Sie sollen nicht mit Deutscher Mark oder Pfund bezahlen. Sondern mit Ihren guten Verbindungen.«
»Wen werden Sie damit ärgern?
»Wenn es funktioniert: einen angesehenen Mitbürger. Wenn es nicht funktioniert: mich selbst. Und so oder so: ein paar amerikanische Beamte.«
»Wir ärgern Amerikaner? Ich hole Sie in zehn Minuten ab.«
Der Jeep springt in den Schlaglöchern, als sie Richtung St. Pauli fahren. Stave erklärt dem Lieutenant, wohin sie fahren und was sie dort tun werden. Dann blickt er zur Seite hinaus: noch immer Menschentrauben vor den Schaufenstern. Ein Motorrad mit Beiwagen, in dem ein Dutzend blankpolierte Töpfe glänzen. Zwei Männer, die ein Fahrrad schieben, an dessen Rahmen ein zusammengerollter Teppich festgebunden ist.
»Sieht so aus, als funktioniere die Währungsreform«, kommentiert MacDonald lächelnd.
»Der Katzenjammer wird noch kommen, spätestens, wenn die nächste Lohntüte ins Haus trudelt.«
»Katzenjammer quält einen auch nach zu viel Whiskey. Trotzdem hört deshalb niemand mit dem Trinken auf.«
»Ich werde mir einen neuen Bereich suchen. Das Chefamt S ist überflüssig geworden.«
»Wie die Kavallerie. Aber die Herren Offiziere dort sind auch untergekommen. Was werden Sie machen?«
»Bei Cuddel Breuer muss ich mich erst einmal wieder bewähren. Mal sehen, wohin er mich versetzt. Hängt auch davon ab, ob ich diesen Fall abschließe. Ist vielleicht der letzte des Chefamtes S.«
»Sie werden in die Kriminal-Annalen eingehen.«
Er biegt in die Lerchenstraße ein. »Sind Sie sicher, dass mir der Jeep hier nicht gestohlen wird?«, fragt der Lieutenant und beäugt skeptisch die zerstörten, heruntergekommenen Häuser und die ausgeweidete Höhle des Schillertheaters.
»Ich bin ziemlich sicher, dass er Ihnen nach Einbruch der Dunkelheit hier abhandenkäme. Aber nicht jetzt. Zu viele Zeugen.« Stave deutet auf einige Flüchtlingsfrauen, die die Unterbrechung zwischen zwei Regenschauern nutzen und vor dem Theater zerlumpte Wäsche an einer Leine aufhängen.
»Also beeilen wir uns.«
»Für Eile gibt es auch noch einen zweiten Grund: Atmen Sie flach, wenn Sie durch diese Tür treten.«
Paul Michel öffnet auf ihr Klopfen und reibt sich mit einem schmutzigen Tuch grüne Farbe von den Händen. »Sie schon wieder«, sagt er resigniert. »Sie hatten mir versprochen, mich nicht mehr zu behelligen.« Dann wirft er dem Lieutenant einen nervösen Blick zu. »Jetzt holen Sie auch noch alliierte Hilfe. Ich laufe Ihnen schon nicht davon.« Ein bitteres Lachen.
»Ich habe Arbeit für Sie«, erwidert Stave und drückt die Tür weiter auf. Ein Hauch von Fäkalien und Verwesung wabert ihm entgegen. »Heute ist es mal wieder ganz besonders schlimm«, erklärt Michel entschuldigend.
»Riecht ungefähr so wie in der Küche während meiner Ausbildungszeit«, sagt MacDonald nonchalant und tritt in die düstere Wohnung, als wäre er dort zu Hause.
»Ich bin kein Spitzel«, murmelt Michel, als er mit ihnen bis zum Küchentisch gehumpelt ist. »Dazu tauge ich nicht.« Er klopft auf seine Prothese.
»Ich will Sie als Künstler engagieren.«
»Und der Führer hat Ihnen Postkarten gemalt. Erzählen Sie mir keine Märchen.«
Da legt Stave die Fotos auf den Tisch, die Kienle vor etwas mehr als einer Stunde geschossen hat. »Ich will, dass Sie von diesem Gehstockgriff eine möglichst exakte Kopie anfertigen«, erklärt er und blickt den Künstler aufmerksam an. »Sie haben das letzte Mal behauptet, dass Sie so etwas können.«
Michel betrachtet die Fotos. »Ist das Silber? Das habe ich nicht«, antwortet er vorsichtig.
»Das Material ist mir gleichgültig. Es geht mir nur um die Form. Ich möchte eine Kopie haben, die genauso groß und genauso geformt ist wie dieser Griff. Von mir aus schnitzen Sie das aus Holz nach. Können Sie das?«
»Ton ist besser. Leichter zu formen. Ich müsste aber erst welchen besorgen. Und ich müsste das fertige Stück später im Ofen eines Freundes brennen.«
»Würden Sie das bis zum Ende dieser Woche hinbekommen?«
Michel nimmt die Fotos in die Hände. Sie zittern leicht. Hoffentlich bloß vor Aufregung, denkt Stave. Der Einbeinige studiert die Bilder eingehend, zuckt schließlich mit den Achseln. »In den Ufa-Studios habe ich ganz andere Dinge hingekriegt. Ich bin ein wenig aus der Übung, aber das sollte gehen.« Er fährt mit der Zunge über die Lippen. »Vorausgesetzt, die Bezahlung stimmt«, ergänzt er leise.
Da bedenkt ihn MacDonald mit seinem strahlendsten Lächeln. »Ich besorge Ihnen und Ihrer Familie ein amerikanisches Visum«, verkündet er.
Als sie wieder ins Freie treten, streicht der Lieutenant einmal über die nasse Motorhaube des Jeeps. »Gut, dass der Wagen noch da ist. Gott, so wie da drinnen muss es im vorletzten großen Krieg gewesen sein. Im Schützengraben, bei einem Gasangriff. Meine Beine wackeln. Ich wäre nicht mehr fähig, den Rückweg zu Fuß zu schaffen.«
»Ich habe Sie gewarnt«, brummt Stave.
»Warum waren Sie so großzügig? Der Mann ist so arm, er hätte den Griff auch für ein paar Pfund nachgeformt. Oder für ein paar Deutsche Mark. Warum gleich ein Visum für Amerika?«
»Weil er in Hollywood glücklicher sein wird als hier.«
»Wollen Sie in Zukunft jeden Polizeispitzel zu Douglas Fairbanks schicken?«
»Dieser Griff ist eine wichtige Spur in einem Mordfall.«
»Verstehe. Sie gehören nicht mehr zu diesem Team, aber sie wildern noch immer im Revier eines Kollegen.«
»Was nicht ans Licht kommen darf. Ist Paul Michel in Hollywood, wird er wohl kaum einem meiner Kollegen über den Weg laufen und unbedachte Worte ausplaudern.«
»Wenn ich versetzt werde, haben Sie einen Freund weniger in Hamburg«, erwidert MacDonald, ehrlich besorgt.
Stave lächelt dankbar. »Dieser Fall ist wichtig«, erklärt er. »Danach bin ich vorsichtiger, versprochen.«
»Sie klingen wie ein Mann mit einer Mission.«
»Ich bin dabei, als ein Mordopfer geborgen wird. Ich ahne, wer der Mörder ist. Niemand scheint sich dafür zu interessieren, außer Staatsanwalt Ehrlich. Soll ich nicht wenigstens versuchen, den Täter zu überführen? Dem Staatsanwalt etwas liefern, womit er eine Anklage begründen kann?«
»Mit einem nachgeformten Gehstockgriff?«
»Mit einem nachgeformten Gehstockgriff und etwas Glück und ein oder zwei halb-offiziellen Ermittlungen.«
»Ich habe mir deutsche Beamte immer ganz anders vorgestellt.«
»Ich hoffe, ich enttäusche Sie nicht.«
»Im Gegenteil, alter Junge!« MacDonald lacht und wirft den Motor an. »Ich setze Sie in der Zentrale ab. Danach habe ich einen Termin bei unserem amerikanischen Verbindungsoffizier.«
Später sitzt Stave beim Staatsanwalt in dessen unbequemem Besucherstuhl. Ehrlich mustert ihn durch seine lupenhafte Brille. »Das ist zu wenig«, verkündet er betrübt.
Der Oberinspektor seufzt. Er hat ihm soeben erklärt, dass er ein Kunstwerk aus dem Reimershof mehr oder weniger sicher bis zu Schramm zurückverfolgen kann.
»Das ist kein Verbrechen«, fährt der Staatsanwalt fort. »Schramm verzichtet auf die Besitzansprüche an der Bronzeskulptur. Vielleicht, weil er sie unter etwas dubiosen Umständen aus dem Fundus des Filmstudios – oder sollen wir sagen: dem des Propagandaministeriums – erworben hat. Das ist ihm heute peinlich. Aber selbst wenn Sie ihn überführen könnten – na und? Der Bankier hat ein Kunstwerk gerettet, das sonst von Goebbels’ Schergen eingeschmolzen worden wäre. Kein Richter würde ihn dafür verurteilen. Legen Sie den Fall zu den Akten. Die Objekte aus dem Reimershof kommen in die Kunsthalle und werden so Allgemeinbesitz. Nicht das Schlechteste, was einem Künstler widerfahren kann.«
»Aber einem Polizisten. Rolf Rosenthal lag auch zwischen den Trümmern. Der Prokurist. Ein Jude.«
»Die meisten Juden sind heute tot.«
»Und die meisten Täter laufen heute frei herum. Rosenthal ist aber nicht in einem Lager zu Asche verbrannt worden. Wir haben seinen Körper. Wir haben Spuren. Wir haben einen Verdacht.«
»Sie haben einen Verdacht, Stave, als einziger Beamter bei der Kripo. Aber Sie bearbeiten den Fall nicht einmal offiziell. Wir haben nur unsere kleine, private Abmachung. Und es liegt nichts bei der Staatsanwaltschaft vor, das eine Anklageerhebung rechtfertigen würde. Beweise? Hat ihr Kollege nicht. Haben Sie nicht.«
»Dönnecke will keine Beweise beibringen, weil er gar kein Verfahren haben will. Denn wenn ein toter Angestellter von Doktor Schramm Gegenstand eines Prozesses wird, dann rückt Schramm selbst ins Licht der Aufmerksamkeit. Und wenn Schramm durchleuchtet wird, könnte es wiederum für Dönnecke eng werden.«
Ehrlich zieht ein großes Taschentuch hervor und putzt umständlich seine Brille. »Und Sie? Haben Sie denn Beweise?«
»So etwas in der Art. In wenigen Tagen.«
»Etwas in der Art? Ich werde mich nicht vor Gericht lächerlich machen, wenn ich darauf meine Anklage aufbaue?«
»Das kann ich nicht ausschließen.«
»Sie haben mir schon bessere Geschichten erzählt. Bald also. Ich sehe mir Ihren angeblichen Beweis an und entscheide dann.«
Ehrlich geleitet ihn bis zur Bürotür. »Wie geht es übrigens Frau von Veckinhausen?«, fragt er.
»Sehr gut«, antwortet Stave rasch und hofft, dass ihm kein Blut ins Gesicht schießt.
»Sie haben sie in den letzten Tagen gesehen?«
»Frau von Veckinhausen und ich stehen uns recht nahe.«
»Verstehe.« Ehrlich reicht ihm die Hand. »Grüßen Sie sie von mir.«
Er macht früh Feierabend, denn im Moment bleibt ihm nichts anderes übrig, als zu warten, bis Michel seine Arbeit erledigt hat. Er fährt einen Umweg bis nach Berne zur Schrebergartenkolonie. Mal sehen, ob Karl da ist. Stave hat Glück – sein Sohn öffnet und führt ihn in die Laube. Regale an allen Wänden. Bücher.
»Hast du schon dein ganzes Geld ausgegeben?«, entfährt es ihm.
Karl lacht. »Jetzt klingst du, wie ein echter Vater klingen soll. Ich habe ein paar neue Markscheine beim Buchhändler gelassen. Aber die meisten Bände habe ich eingetauscht gegen ein paar Kartons Schreberstolz.«
»Ein gutes Geschäft. Die Läden sind wieder voll mit Tabak und Zigaretten. Die Blätter in deinem Garten werden bald die Arbeit nicht mehr wert sein.«
»Außerdem habe ich jetzt eine andere Arbeit zu tun. Die Universität hält mich ganz schön auf Trab.«
Stave nimmt einen dunkel eingebundenen Band heraus. Ronald Syme: »The Roman Revolution«. Er blättert die ersten Seiten auf: Oxford 1939.
Karl lächelt. »Caesar und Augustus. Ein grundlegendes Werk zum Ende einer Republik und zur Errichtung einer Diktatur im Alten Rom. War in Deutschland lange nicht zu erhalten.«
»Bücher von englischen Autoren über Diktatoren passten nicht zum Zeitgeist.«
»Und schon gar nicht, wenn sie eine Woche nach Kriegsbeginn erschienen sind.«
»Du kannst gut genug Englisch, um das zu lesen?«
»Ich lerne es. Es hat seine Vorteile, in der Britischen Besatzungszone zu leben.«
Stave stellt den Band zurück ins Regal. Dabei fallen ihm zwischen den Bücherrücken zwei vergilbte Blätter Papier auf, beschrieben mit Bleistift. Mit einer Handschrift, die er kennt – seiner. Der Brief, den er Karl letztes Jahr, am Ende komplizierter Mordermittlungen, geschrieben hat: über die braunen Jahre und Karls Mitgliedschaft in der Hitlerjugend. Über seinen eigenen Beruf bei der Polizei in der Zeit. Über Margarethe. Über die Jahre danach. Über Staves Hoffnung, dass nun endlich alles besser werden wird. Sein Sohn hat den Brief nie erwähnt.
»Ich wollte dir immer darauf antworten«, sagt Karl verlegen und nimmt ihm das Schreiben ab. »Es ist bloß nicht so einfach, das alles zu Papier zu bringen.«
»Wenn man miteinander reden kann, dann muss man ja nicht schreiben«, erwidert Stave. Plötzlich durchströmt ihn das warme Gefühl einer allumfassenden Erleichterung – jener Erleichterung, die man nur spürt, wenn man endlich eine wichtige Aufgabe vollendet hat.
Abends kettet er sein Fahrrad vor dem Schauspielhaus an. Er hätte erwartet, mit seiner alten Gazelle deplatziert zu wirken inmitten von Männern im Frack und Frauen im Abendkleid, von Mercedes- und Opel-Limousinen. Doch er ist fast allein.
Stave blickt sich verwundert um und entdeckt Anna. Er eilt zu ihr und küsst sie. Sie trägt ein bordeauxrotes Kleid und darüber einen leichten, hellen Sommermantel. Ihr offenes Haar. Ihr Duft.
»Du siehst hinreißend aus«, flüstert er.
»Wir werden im Theater auffallen«, antwortet sie lächelnd.
»Fällt die Vorstellung aus?« »Des Teufels General« von Carl Zuckmayer. Seit der Deutschlandpremiere im November 1947 jeden Abend ausgebucht. Stave war stolz, überhaupt Karten zu ergattern, für drei Deutsche Mark, ein kleines Vermögen.
»Das neue Geld«, meint Anna. »Niemand will anscheinend mehr Mark für Kunst ausgeben – jetzt, da sie wieder etwas wert ist. Töpfe sind wichtiger, Schuhe, Kaffee.«
Tatsächlich verirren sich kaum zwei Dutzend Menschen in den prächtigen Zuschauerraum. Stave blickt sich verlegen um. Es ist ihm irgendwie peinlich, wenn Schauspieler vor einem derart gelichteten Publikum auftreten müssen. »Wenn die Leute ihre Deutsche Mark nicht für das Theater ausgeben, dann werden sie auch für Antiquitäten keinen Pfennigschein herausrücken«, mutmaßt er in der Pause.
»Du hast Angst, dass mein Geschäft mir nichts mehr einbringt? Antiquitäten gehen immer. Das ist solider als Schauspielerei. Aber ich werde mich trotzdem verändern.«
»Wie?«
»Lass dich überraschen«, erwidert sie und küsst ihn.
Später bringt er sie nach Hause. Sie sitzt quer auf dem Gepäckträger des alten Rades. Ihre Haare flattern im Wind, ihre Arme umschlingen seine Hüfte. Ein offener britischer Jeep überholt sie, die beiden Soldaten pfeifen und rufen ihnen fröhlich etwas zu. Stave fühlt sich, als wäre er achtzehn und das erste Mal verliebt.
Als er in der Röperstraße bremst, springt sie behände ab. »Du bleibst doch«, ruft sie. Keine Frage, sondern eine Feststellung.
Das einzige Licht strömt aus dem alten, holzverkleideten Radio, das Anna anstellt. Die Barcarole aus »Hoffmanns Erzählungen«. Während Offenbachs heitere Musik durch das Zimmer weht, entkleiden sie sich flüsternd. Das weiche, gelbe Licht auf ihren Körpern.
»Ob uns die Nachbarn hören?«, fragt Stave.
Da sieht ihn Anna bloß sanft an und dreht das Radio lauter.
Später liegen sie aneinandergeschmiegt auf dem schmalen Bett, nackt und liebessatt. Stave hat keine Angst mehr, an ihrer Seite einzuschlafen und womöglich von Alpträumen geschüttelt zu werden. Es war die letzte Nacht nicht so, vielleicht wird es niemals wieder so sein. Und wenn ihn doch die Erinnerungen in seinen Träumen quälen, dann wird er seiner Geliebten auch das erklären. Er gleitet schon in den sanften Dämmer des Halbschlafes, als die Operettenmelodien, die sie seit Stunden umwehen, plötzlich von einer männlichen Stimme unterbrochen werden. Der markige Klang eines Verkünders wichtiger Nachrichten. Ganz wie früher.
»Mach bitte den Kasten aus«, murmelt Anna. Ihre Augen sind geschlossen.
Stave steht schon vor dem Radio, als die Worte endlich seinen benebelten Geist erreichen: Die Sowjets haben Berlin blockiert. Straßen, Schienen und Kanäle gesperrt, kein Strom, kein Gas, keine Kohle gelangen mehr in den Westteil der Stadt, in dem Amerikaner, Briten und Franzosen ihre Besatzungszonen eingerichtet haben. Er denkt an MacDonalds Worte. Hört das denn nie auf? Rasch schaltet er das Radio aus.
»Was haben sie gesagt?«, murmelt seine Geliebte, als er sich wieder neben sie legt.
»Nichts Wichtiges«, flüstert er beruhigend und schließt sie in die Arme.