Künstlerleben
Dienstag, 15. Juni 1948
Ein Mensch ist in seinem Traum nicht aufgetreten – und zu dem geht Stave so früh am Morgen, wie es die Höflichkeit gerade noch erlaubt: Staatsanwalt Ehrlich.
»Wir müssen über einen Toten reden.«
»Das ist nicht mehr Ihre Fakultät, Herr Oberinspektor.«
»Es ist Dönneckes Fakultät.«
»Sie wollen mir etwas von der Leiche im Reimershof erzählen? Wo liegt das Problem?«
»Oberinspektor Dönnecke ist das Problem. Er ermittelt nicht ernsthaft.«
»Einer von unzähligen Toten in einem von unzähligen ausgebombten Häusern. Ich möchte das mangelnde Engagement Ihres Kollegen nicht unterstützen. Aber ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass er sich um andere Fälle kümmert. Er arbeitet auch an zwei weiteren Mordfällen.«
»Der Tote im Reimershof war ein Jude. Der Reimershof wurde 1943 zerstört. Man muss nicht vierzig Jahre bei den Krimsches sein, um zu bemerken, dass da was nicht zusammenpasst«, erwidert Stave.
Der Staatsanwalt lehnt sich zurück. »Davon steht nichts in dem Bericht, den mir Dönnecke zugestellt hat. Erzählen Sie.«
Also berichtet der Oberinspektor vom Besuch bei Doktor Czrisini und von den Resten des gelben Sterns, die der Rechtsmediziner unter dem Körper des Unbekannten geborgen hat. Von den Spuren unter den Ledersohlen. Vom Klumpfuß.
Als er geendet hat, trommelt Ehrlich mit den Fingern auf die Tischplatte. Stave fällt erst jetzt auf, wie erschöpft er aussieht. »Haben Sie schon einmal das Wort ›Schlussstrich‹ gehört?«, fragt der Staatsanwalt.
»Sie machen sich über mich lustig.«
»Es ist sehr in Mode. ›Wir sollten einen Schlussstrich ziehen.‹ Das hören Sie überall. Schwamm drüber, begraben wir die Vergangenheit, fangen wir neu an. Da blickt man gerne nach vorne und ungerne zurück.«
»Der unbekannte Tote ist meiner Vermutung nach ein Mordopfer. Selbst wenn die Tat ein paar Jahre zurückliegt.«
»Auch die Tat von Kapitän zur See Rudolf Petersen liegt ein paar Jahre zurück. Seine Geschichte sollte Ihnen eine Lehre sein – so wie mir. Er war Kommodore der deutschen Schnellbootflotte. Er hat drei fahnenflüchtige Matrosen erschießen lassen – am 10. Mai 1945, also nach der Gesamtkapitulation Deutschlands. Ich habe ihn angeklagt.«
»Sie sind gefürchtet in den Kreisen der alten Arier.«
»Vielleicht nicht mehr lange. Ich habe diesen Prozess nämlich gestern verloren. Freispruch. Selbstverständlich werde ich Berufung einlegen. Aber auch in die nächste Instanz gehe ich nicht übermäßig optimistisch, um es vorsichtig zu formulieren.«
»Sie werden Dönnecke nicht anweisen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen?«
»Petersen hat nach Kriegsende mehr oder weniger in aller Öffentlichkeit drei Männer erschießen lassen. Dafür gibt es Zeugen, Dokumente, ja, der Kerl selbst leugnet die Tat nicht einmal. Und trotzdem bekomme ich ihn nicht für einen einzigen Tag ins Gefängnis. Und Sie präsentieren mir in Ihrem Fall bloß ein paar gelbe Stofffetzen und Kratzer unter alten Ledersohlen.«
»Das reicht nicht für eine Anklage«, gibt Stave zu, »aber es reicht, um die Ermittlungen weiterzuführen.«
»Bei der Mordkommission. Nicht beim Chefamt S.« Ehrlich mustert sein Gegenüber lange, der traurige Blick einer alten Eule. »Wie bedauerlich, dass Sie sich haben versetzen lassen«, murmelt er schließlich. »Ich könnte Dönnecke mit meinem Wissen über den Judenstern konfrontieren. Ich könnte Druck ausüben. Ich könnte ihn zwingen, weiter zu ermitteln.«
»Aber Sie können nicht ständig an Dönneckes Seite kleben. Sie sind der Staatsanwalt, aber der alte Kollege ist derjenige, der die Ergebnisse heranschaffen soll. Wenn er seinen dicken Hintern nicht aus dem Büro heben will, dann bekommen Sie nichts, womit Sie eine Anklage zusammenbauen können.«
»Und was schlagen Sie vor?«
»Ich könnte ermitteln. Heimlich. Diskret«, verbessert sich Stave rasch.
»Genau diese Antwort hoffte ich zu hören«, sagt der Staatsanwalt und lächelt dünn. »Ich ziehe keinen Schlussstrich. Niemals. Hören Sie sich um, Herr Oberinspektor, diskret selbstverständlich. Stellen Sie Ermittlungen an, diskret. Halten Sie mich über alles auf dem Laufenden, diskret. Nutzen Sie den Fall mit den Kunstwerken als Tarnung. Vielleicht haben die Skulpturen sogar etwas mit dem Toten zu tun? Geben Sie dem Toten einen Namen zurück. Geben Sie mir Beweise, dass es sich tatsächlich um einen Mord gehandelt hat. Dann werde ich Anklage erheben, zunächst gegen Unbekannt. Und später, wenn Sie vielleicht mehr ermittelt haben, wer weiß?«
»Wenn man mich dabei erwischt, wie ich mich heimlich in Ermittlungen der Mordkommission einmische, bin ich geliefert«, murmelt Stave. »Dönnecke wird meinen Kopf fordern. Und Cuddel Breuer wird keinen Finger mehr rühren, um mich zu schützen. Der hält mich für einen Versager.«
»Die perfekte Tarnung für das, was Sie vorhaben. Und es gibt da ja immer noch mich«, beruhigt ihn der Staatsanwalt.
»Ich halte Sie auf dem Laufenden. Diskret«, brummt Stave und stemmt sich aus dem Stuhl hoch. Er überlegt, ob es wirklich eine gute Idee war, dem Staatsanwalt diese heimliche Zusammenarbeit anzubieten. Aber irgendwie fühlt er sich besser. Leichter. Wacher. Das alte Gefühl ist wieder da: Jagdfieber.
»Ach, Stave«, Ehrlich hebt die Rechte zu einer Art Gruß, als der Oberinspektor schon den Griff der Bürotür umklammert. »Willkommen zurück an Bord!«
Eine Stunde später rumpeln Stave und Ruge in einem alten Streifenwagen über die Straßen. Den Oberinspektor durchflutet der seltsame Reiz der Macht, der sich daraus speist, dass er ein Geheimnis hat, das er mit keinem Kollegen teilen kann. Wie ein Geheimagent, denkt er. MacDonald würde mir lachend auf die Schulter klopfen, wenn er davon wüsste. Die Gummis des Scheibenwischers sind seit Wochen zerrissen und hinterlassen halbkreisförmige Streifenmuster auf dem Glas. Nicht einmal der Polizei ist es gelungen, Ersatz zu beschaffen, da längst keine Werkstatt mehr Vorkriegsware auf Lager hatte, und die Herstellung neuer Scheibenwischergummis gehört momentan nicht gerade zu den Prioritäten der deutschen Industrie. Der Oberinspektor fährt langsamer, als er möchte, blickt angestrengt durch die schlierige und beschlagene Frontscheibe.
»Vorsicht auf den nassen Straßen. Die Reifen haben kaum noch Profil«, mahnt der junge Schupo.
»Ich war Panzerfahrer an der Ostfront.«
Als Ruge ihn mit großen Augen anstarrt, verzieht der Kripo-Mann das Gesicht. »Das war ein Scherz.« Er drosselt die Geschwindigkeit noch weiter.
»Erwartet uns Doktor Schramm?«
»Ich habe ihn nicht angerufen, sondern ziehe es vor, ihn zu überraschen. Das bringt bei Befragungen gewisse Vorteile mit sich.«
»Aber wenn er gar nicht da ist?«
»Dann wird uns irgendjemand sagen, wo wir ihn finden können. Und wenn wir dafür den halben Tag mit dieser Badewanne durch die Stadt schlingern müssen.«
Stave dirigiert den störrischen Wagen über die Lombardsbrücke, biegt nach links ab. Zur Rechten das weiße Märchenschloss des Hotels Atlantic, zur Linken die Alster, grau unter den Regenböen. Ein einsamer Ruderer treibt sein Boot unbeirrt durch die Wellen. Stave wirft ihm einen Blick zu, reißt dann plötzlich das Steuer herum und wäre beinahe gegen den Bordstein geknallt: Ein schwerer, schwarzer Wagen drängt sich auf der engen Straße an ihnen vorbei, hüllt sie in einen Schleier aus Nässe, Dreck und Abgasen.
»Ein Mercedes 170 V«, ruft Ruge anerkennend. »Sollen wir ihn herauswinken?«
Der Oberinspektor packt mit schweißnassen Händen das Lenkrad fester und zwingt sich, wieder ruhiger zu atmen. »Den blinden Chauffeur kaufen wir uns ein anderes Mal«, murmelt er. »So viele neue Autos fahren in Hamburg nicht herum.«
Nach ein paar Augenblicken hat er den dunklen Wagen eingeholt, denn ein britischer Lastwagen kriecht auf der Straße, den selbst der ungeduldige Mercedes-Fahrer nicht zu überholen wagt. Stave starrt auf die geschwungenen Kotflügel, die verchromte Heckstoßstange, den makellosen Lack, wie bei einem teuren Piano. Er spürt einen Moment die Versuchung, dem Raser mit dem alten Peterwagen ins prunkvolle Blech zu fahren, und lässt sich etwas zurückfallen, um nicht in der Regenschleppe des Mercedes zu hängen.
»Der geht über einhundert Sachen«, sagt Ruge versonnen. »1,7 Liter Hubraum, 38 PS. Mindestens so gut wie das Vorkriegsmodell.«
»Für so einen Wagen haben Sie den falschen Beruf gewählt.«
Der Schupo lacht. »Autos sind meine Leidenschaft. Ich kannte schon als Kind alle Daten. 100 000 Reichsmark in bar, und Mercedes stellt Ihnen heute wieder den 170 V auf den Hof. Das heißt, bis vor ein paar Wochen war das noch so. Jetzt, sagt man, bleibt der Hof leer.«
»Mercedes wartet auch auf den Tag X?«
»Lieferschwierigkeiten. So heißt es offiziell. Was immer damit gemeint ist.«
Über die Brücke am Schwanenwik und die Adolphstraße hinein nach Uhlenhorst: weiße Villen, Bäume, Hecken, fast keine Bombentreffer. Niemand auf dem Bürgersteig.
»Unser Rennfahrer nimmt den gleichen Weg wie wir«, bemerkt Stave, als er sieht, dass die dunkle Limousine nach links in die Fährstraße abbiegt. Rotbuchen und Linden zu beiden Seiten, die Äste dunkel und schwer vom Regen. Weiße und ockerfarbene Villen dahinter, am Ende der schmalen Straße der Blick auf die Alster.
Der schwarze 170 V biegt in die kiesbestreute Auffahrt zu einer dreigeschossigen, hellgelben Residenz ein, die an einen toskanischen Palazzo erinnert.
»Nummer 80«, bemerkt Stave. »Schönes Domizil für einen Rennfahrer.« Er biegt hinter dem Mercedes in die Auffahrt und parkt den alten Streifenwagen quer, sodass er den Weg blockiert.
Aus dem Mercedes steigt ein Mann Mitte sechzig, mit großem, kantigem Kopf, vollem weißem Haar, blauen Augen, Zigarre im Mundwinkel. Den massigen Leib schützt ein marineblauer Wollmantel vor dem Regen. Der Oberinspektor erkennt das braun-gelb karierte Innenfutter. Burberry, denkt er, Vorkriegsware, die Uniform der hanseatischen Gediegenheit. Der Mann hinkt, die Linke stützt sich auf einen Gehstock aus dunklem Holz mit schwerem, silbernem Griff.
»Der ist nicht glücklich darüber, dass wir auf seiner Auffahrt stehen«, flüstert Ruge.
»Unser Streifenwagen passt vor diese Villa wie ein überquellender Ascheimer«, erwidert Stave, öffnet die Fahrertür und stemmt sich aus dem Auto. »Wir werden den Herrn auf andere Gedanken bringen.« Er zückt seinen Dienstausweis. »Kriminalpolizei«, ruft er so laut, dass seine Worte durch die stille Straße wehen.
Der ältere Mann hält inne, als hätte Stave ihm einen Schlag versetzt. »Kommen Sie mit.« Eine tiefe, befehlsgewohnte Stimme. Er dreht sich rasch um und geht, so schnell sein Hinken das zulässt, am Mercedes vorbei Richtung Haus.
»Doktor Schramm?«, fragt Stave, als sie das Vordach am Portal der Villa erreichen und vor dem Nieselregen geschützt sind. Er stellt sich und Ruge vor.
»Was wollen Sie von mir?«
»Ich habe ein paar Fragen zum Reimershof. Ich nehme an, Sie kennen das Kontorhaus?«
»Es ist zerbombt. Seit 1943. Restlos zerstört.«
»Nicht ganz«, erwidert der Oberinspektor und lächelt dünn. »Dürfen wir eintreten?«
Schramm fingert einen großen Schlüssel ins Schloss. Gichtige Hände, denkt Stave. Bevor der Bankier den Schlüssel ganz umgedreht hat, wird von innen der Riegel zurückgeschoben. Ein Hausmädchen öffnet ihnen, jung, weißes Häubchen, schwarzes Kleid. Der Oberinspektor hat solche Bedienstete zuletzt im Kino gesehen, vor dem Krieg.
»Herr Direktor«, stammelt sie.
»Schon gut, Elfriede«, beschwichtigt Schramm sie, streift sich mit selbstverständlicher Geste den Mantel ab, reicht ihn ihr. Seinen Gehstock stellt er in einen Weidenkorb neben der Tür. Diese Geste ist behutsamer als die Art, wie er dem Mädchen seinen Mantel reicht. »Die Herren und ich gehen ins Klavierzimmer. Wir brauchen Sie dort nicht.«
Wie ein Schatten verschwindet das Dienstmädchen; Stave glaubt, ihre Erleichterung riechen zu können. Der Bankier führt sie in einen Raum, in dem ein Sprossenfenster graues Licht hineinfluten lässt. Stave erkennt dahinter einen gepflegten Garten, sein Blick wandert zurück in das Zimmer, zum Bechstein-Flügel, zum Kamin, auf dessen Sims etliche in Silber gerahmte, sepiagetönte Fotos stehen. Das Bild in der Mitte zeigt einige Menschen, die sich in einem imposanten Raum in Positur gestellt haben: Schramm, jünger als jetzt, eine eingefallene Frau im Rollstuhl, einige deutlich jüngere Männer und Frauen in der Mode der dreißiger Jahre. Niemand lächelt. Im Hintergrund fallen Sonnenstrahlen durch ein Sprossenfenster, das dem im Klavierzimmer gleicht. Die Wände sind von Bücherregalen zugestellt, davor Skulpturen, Vasen mit üppigen Blumensträußen, Urkunden unter Glas.
»Der letzte Geburtstag meiner Frau«, erklärt Schramm, dem die Aufmerksamkeit seines Besuchers nicht entgangen ist. »Weihnachten 1938.«
»Sie war krank?« Stave bedeutet Ruge, dem das peinlich ist, genauer hinzuschauen. Mal sehen, ob der Schupo etwas bemerkt, denkt er.
»Blutarmut. Die Ärzte haben alles versucht, aber keine Kur hat geholfen. 1939 ist sie dann gestorben. Am 1. September. Ich glaube nicht, dass dies ein Zufall war.«
»Mein Beileid, auch wenn es dafür reichlich spät ist.« Der Oberinspektor wendet sich vom Bild ab und blickt den alten Bankier an. »Ich bin gestern in den Reimershof gerufen worden. Oder in das, was davon noch übrig ist. Sie sind einer der Mieter dort gewesen?«
»Einer von mehreren.«
»Trümmerfrauen haben bei Aufräumarbeiten bemerkenswerte Funde gemacht.« Stave zieht die Fotos der Skulpturen aus seiner Manteltasche. »Erkennen Sie diese Objekte wieder?«
»Nein.«
Stave blickt Schramm verblüfft an. »Lassen Sie sich ruhig Zeit. Sehen Sie genau hin.«
»Meine Augen sind noch tadellos. Mein Kunstsinn ist es auch. Mein Erinnerungsvermögen erst recht. Das sind keine Werke aus meiner Sammlung.«
»Sie ahnen, warum ich mit diesen Fotos zu Ihnen gekommen bin?«
Schramm seufzt. »Meine Leidenschaft für Kunst. Die ich mit meiner Gattin teilte, es war gewissermaßen unsere größte gemeinsame Leidenschaft.« Er räuspert sich.
»Sie förderten auch zeitgenössische Künstler.«
»Und ich fördere sie immer noch. Sofern sich nach den zwölf barbarischen Jahren noch talentierte junge Leute finden. Es ist leichter, Geld zu verdienen, als Kunst zu erschaffen, glauben Sie mir.«
Stave, der an sein eigenes Gehalt denkt, ist anderer Meinung, aber nickt trotzdem. »Deshalb glauben wir, dass wir nach diesen Funden von allen Mietern des Reimershofes zunächst Sie befragen sollten.«
»Warum sollte ich Kunstwerke in einem Büro aufstellen? Ich habe dort wenige Räume angemietet, eine Schreibstube mit Telefon, zwei Zimmer für Akten. Um mich dort gelegentlich zurückzuziehen, abseits der hektischen Tätigkeit in meiner Bank. Und um«, er zögert kurz, »gewisse vertrauliche Geschäfte abzuwickeln. So vertraulich, dass ich sie sozusagen im offiziellen Rahmen meiner Bankräume nicht tätigen wollte.«
»Welche Geschäfte?«
»Bankgeheimnis. Keine illegalen Geschäfte, falls es Sie beruhigt.«
»Selbstverständlich«, erwidert der Oberinspektor in einem Ton, der klarmacht, dass es ihn selbstverständlich nicht beruhigt. »Und bei diesen Geschäften ging es nie um Kunst?«
Schramm macht mit der gichtigen Rechten eine ungeduldige Geste. »Ich habe meine Kunstwerke hier. Wer stellt sich schon Objekte ins Büro? Zudem noch solche modernen Plastiken? In der braunen Zeit?« Er deutet auf ein Ölbild neben dem Kamin, das ein abstürzendes Flugzeug über einer menschenleeren Stadt zeigt, vor einem nachtschwarzen Himmel. »Radziwill. Meine Frau hat es geliebt, vor allem, nachdem sie ihre Diagnose bekommen hatte. Sie verehrte sonst Seurat, der doch so ganz anders gemalt hat. Ich habe zwei, drei Liebermanns im Salon nebenan, ein wenig Neue Sachlichkeit, einige Fauves. Expressionisten auch«, setzt er nach kurzem Zögern hinzu, »aber eher Grafiken und Ölbilder, keine Objekte.« Er deutet auf die Fotos in Staves Hand. »Das sind Expressionisten, solide Arbeiten, soweit man das erkennen kann auf so einem Polizeibild. Gut, aber doch nicht so gut, dass Sie diese Werke in den zwanziger Jahren in der Galerie Flechtheim in Berlin gefunden hätten. Und nach den zwanziger Jahren dann sowieso nirgends mehr.«
»Sie haben diese Werke also nie gesehen?«
»Nicht in Museen, nicht in den Galerien, in denen ich eingekauft habe, nicht in den Ateliers der Künstler, die ich direkt unterstützte.«
»Wer hat mit Ihnen im Reimershof gearbeitet?«
»Niemand. Das war mein Refugium.«
Der Oberinspektor denkt an den Toten. »Kein Sekretär? Nicht einmal ein Bote? Ein Hausmeister?«
»Eine Reinmachefrau kam einmal die Woche vorbei. Ich verstehe nicht, was sie mit diesen Kunstwerken zu tun haben soll, die Sie in den Trümmern gefunden haben.«
»Nichts, nehme ich an. Doktor Schramm, wir haben in den Trümmern des Reimershofes auch eine männliche Leiche gefunden.«
»Wie bedauerlich, aber in diesem Fall befragen Sie den Falschen. Es gab dort andere Mieter. Doch die kannte ich kaum.« Schramm wirkt nicht so, als habe ihn diese Nachricht erschüttert.
Stave reicht dem Bankier eine Karte mit seiner Telefonverbindung. Er hat seinen Namen, den Dienstrang und die Nummer seiner neuen Abteilung am frühen Morgen mehrfach auf Kartonkärtchen getippt. Sieht schäbig aus, aber das ist jetzt nicht seine größte Sorge. »Melden Sie sich bitte, falls Ihnen noch etwas dazu einfällt«, erklärt er. »Es könnte auch sein, dass ich Sie in dieser Angelegenheit noch einmal befragen muss.«
Schramm zückt eine lederne Brieftasche. Der Oberinspektor glaubt einen Moment, nun seinerseits eine zweifellos feinere Visitenkarte entgegennehmen zu können, doch der Bankier holt stattdessen einen mehrfach geknickten Zettel hervor: »Der Staatskommissar der Hansestadt Hamburg für die Entnazifizierung/ Kategorisierung« steht groß auf dem gelblichen Papier, darunter, maschinenschriftlich, der Name des Bankiers. Ein Entlastungsschein, auf dem Schwarzmarkt »Persilschein« genannt, Fälschungen gehen für ein Vermögen von Hand zu Hand. Dieser Schein sieht echt aus, denkt Stave.
»Ich bin gecleart«, sagt Schramm und seine Stimme zittert vor mühsam unterdrückter Erregung. »Ich erfreue mich bester Verbindungen zur britischen Besatzungsmacht und zum Bürgermeister. Jahrelang bin ich von den Kerlen der Gestapo befragt worden, wieder und immer wieder. Meine Frau ist darüber hinfällig geworden und ich musste zusehen, wie diese Herren sie bei ihrem Verfall angestarrt haben. Ohne Zweifel haben sie selbst darüber eine Akte angelegt. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Jetzt werden Sie nicht damit beginnen. Oder soll ich sagen: Und damit weitermachen? Ich bin ein vielbeschäftigter Mann. Sie werden hier nicht jeden Tag aufkreuzen, ihren Wagen gut sichtbar auf meine Auffahrt stellen, mir in meinem eigenen Haus absurde Fragen nach obskuren Kunstwerken stellen. Sie müssten schon einen guten Grund haben, um hier noch einmal vorstellig zu werden, einen sehr guten Grund. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«
»Danke für Ihre offenen Worte«, erwidert Stave und greift nach seinem Hut.
Eine Minute später sitzt er neben Ruge im Streifenwagen und lässt den rasselnden Achtzylinder an.
»Den Kerl möchte ich nicht zum Feind haben!«, ruft der Schupo und pfeift zwischen den Zähnen. Er hat erst gewagt zu reden, als sie schon ein Stück weit die Straße hinuntergerollt sind.
»Zu spät. Sie haben ihn schon zum Feind. Mit ein bisschen Glück hat er sich aber nicht ihren Namen oder ihr Gesicht gemerkt.«
»Ihren Namen hat er aber. Sie haben ihm Ihre Karte gegeben.«
»Ist Ihnen nichts Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Neben der riesigen Villa, dem teuren Mercedes, dem gepflegten Garten, den dicken Teppichen, den Ölschinken an der Wand, dem Flügel, dem Kamin und dem flotten Dienstmädchen?« Der Hauptpolizist schüttelt den Kopf. »Nein, sonst ist mir nichts aufgefallen. Otto Normalverbraucher wie du und ich.«
»Das Foto auf dem Kaminsims«, erinnert ihn Stave in ironischem Tonfall.
»Die Frau im Rollstuhl? Schreckliche Sache.«
»Vergessen Sie die Unglückliche.«
»Die Männer und Frauen daneben? Die sahen auch nicht glücklich aus. Steht einer von denen in unserer Kartei? Ich könnte mich auf die Suche machen.«
»Der Raum, Ruge!« Stave seufzt. »Haben Sie auf den Raum geachtet, in dem das Foto aufgenommen wurde?«
»Größer als meine Bleibe, das ist mal sicher.«
»Und besser eingerichtet.«
»Ja, Bücher und Bilder und …« Die Stimme des Schupos verklingt, plötzlich ist er blass.
»… und Skulpturen im Regal.« Stave zerrt, während er rechts auf die Straße entlang der Alster abbiegt, eines von Kienles Polizeibildern aus seinem Mantel.
»Der Frauenkopf aus Bronze, der im Reimershof lag«, flüstert Ruge.
»Den Schramm noch nie gesehen haben will, obwohl er zumindest Ende 1938 in seiner eigenen Villa stand, wie das Foto mit seiner beklagenswerten Gattin und den unglücklich dreinsehenden Verwandten beweist. Denn hinter der trauten Familie steht ebenjener Frauenkopf im Regal. Möchte wissen, was diese seltsame Gedächtnislücke unseres Bankiers wohl zu bedeuten hat.«
»Könnte das ein Grund sein, Schramm noch einmal zu befragen?«
»Ein sehr guter Grund.«
Als er allein in seinem Büro ist, zerfällt Staves Zuversicht. Es ist still im Raum, der Regen benetzt die Scheiben mit so feinen Tropfen, dass sich der Oberinspektor sogar nach einem richtigen Schauer sehnt, nur um wenigstens das Prasseln zu hören. Es stinkt nach schlechter Luft, scharfen Reinigungsmitteln und feuchten Tapeten. Er gesteht sich ein, dass er nichts hat, um gegen Schramm vorgehen zu können. Der Bankier hat ihm über den bronzenen Frauenkopf nicht die Wahrheit gesagt – na und? Eine Falschaussage, aber letztlich bloß zu seinen eigenen Ungunsten: Schramm verzichtet damit auf ein Kunstwerk, das ihm einst gehört hat. Das ist kein Verbrechen. Und mehr hat Stave nicht. Kein Motiv, nicht einmal einen Verdacht, warum der alte Herr ihn angelogen hat. Gegen einen einflussreichen Mann wie Schramm, zudem einen Verfolgten des Naziregimes, würde Ehrlich auf dieser Basis wohl kaum Anklage erheben. Eine Bagatelle. Ein Fall, dessen Akte geschlossen und vergessen werden sollte.
Und doch: Stave wird unruhig bei dem Gedanken, einfach Staub auf einer Akte sich ansammeln zu lassen. Das hat es bei der Mordkommission nie gegeben. Nicht mit ihm zumindest. Kein Grund, damit nun im Chefamt S anzufangen. Schließlich ist da der Tote, um den sich Dönnecke nicht kümmert. Zwei Räume hat der Bankier gemietet, das hatte er selbst vorhin ausgesagt. Die Leiche lag in dem Schutthaufen, den der Oberinspektor für den Nebenraum jenes Zimmers hält, in dem die Kunstwerke wahrscheinlich aufbewahrt wurden. Schramms zweites Büro? Oder bloß ein Zufall? Der Raum einer anderen Firma? Würde Stave offiziell ermitteln, er hätte den alten Herrn nach dem Toten gefragt und auf dessen Reaktion gelauert: Verlegenheit, Scham, Angst, ein winziges Zögern, ein Flackern der Augenlider … Aber so muss er eine Fassade errichten, muss über den Umweg der Kunstwerke ermitteln. Der Kripo-Mann seufzt und verspottet sich gleich darauf selbst für diesen theatralischen Ausbruch. Er hat ein paar Talente, aber Schauspielerei gehört bislang nicht dazu. Wird Zeit, das einmal auszuprobieren.
Er deponiert den schmalen Hängeordner in seiner Registratur, die erste Akte in seinem Büro. Langsam fängt er an, sich dort einzurichten. Er nimmt einen leeren grauen Papphefter aus seinem Schreibtisch und legt die zweite Akte an: »Geldfälscher, Goldbekplatz«. Kommt er mit dem einen Fall nicht weiter, wird er sich eben in den anderen verbeißen.
Eine Viertelstunde später glaubt er langsam an das Gespött der Kollegen über das Chefamt S: Chefamt Sackgasse. Es ist wie verhext, auch im zweiten Fall läuft er gegen eine Wand. Er hat einige Schupos auf den Goldbekplatz geschickt, andere zu der Ley-Hütte in Fuhlsbüttel. Keine Resultate. Toni Weber, der Künstler und verurteilte Fälscher, hat sich in der diesigen Luft aufgelöst. Ist er bei einem Hundertfünfundsiebziger-Freund? Er müsste bei den Kollegen der Sitte nachfragen, deren einschlägige Kartei hat die Kapitulation überdauert. Aber es widerstrebt dem Oberinspektor, in diesen Kreisen herumzuschnüffeln. Er glaubt, dass es keinen Polizisten oder Richter etwas angeht, mit wem ein erwachsener Mensch sein Bett teilt.
Doch wo ist der Mann hin? Lebt er noch in Hamburg? Hat er überhaupt etwas mit den gefälschten Geldscheinen zu tun? Mehr als eine vage Beschuldigung hat er nicht.
Wird Zeit, dass ich mehr über diesen Kerl erfahre, beschließt Stave und steht auf. Eine halbe Stunde später trägt er eine weitere Akte in sein Büro: die alten Ermittlungen gegen Toni Weber. Zunächst eine anonyme Anzeige. Nachforschungen eines Kollegen von der Sitte. Die Beschuldigung eines Strichjungen. Eine Anklage wegen Verstoßes gegen Paragraf 175, eine Geldstrafe. Immerhin nur das. Früher, denkt Stave, wären einige Jahre Knast fällig gewesen, oder Schlimmeres: Konzentrationslager und rosa Winkel, Schläge, ein elender Tod in einer Galgenschlinge aus Klavierdraht.
Der nächste Teil der Akte besteht aus ein paar getippten Berichten, schlechten Fotos der auf einem Tisch präsentierten nachgemachten Marken, Kopien von Anklage und Urteil wegen Fälschung. Außer wenigen Daten wie Geburtstag und Adresse in beiden Fällen nichts Persönliches. Kein Name im ersten Verfahren außer dem des Strichjungen. Aber ein weiterer Name im zweiten Fall: Paul Michel.
Der Oberinspektor blättert durch ein Verhörprotokoll. Selbst in der Beamtensprache schimmert die Angst durch, die Michel ausgestanden haben muss. Er war offiziell als Zeuge vorgeladen worden, doch er hatte gewusst, dass auch ihm eine Anklage drohte. Michel hatte mindestens einmal Fälschungen von Weber aus dessen Druckerei bis zum Goldbekplatz transportiert – in seiner stählernen Beinprothese. Ein Kriegsversehrter, vermutet Stave, ein alter Freund von Weber, oder ein spezieller Freund, auch wenn dies den vernehmenden Kriminalbeamten seinerzeit offenbar wenig interessiert hatte, denn nirgendwo findet Stave präzise Angaben dazu, bloß hier und da Andeutungen in den Aussagen des Zeugen, die man bei bösem Willen als ungehörig verstehen könnte, die aber wahrscheinlich ganz harmlos waren.
Michel hatte behauptet, nicht gewusst zu haben, dass er Fälschungen bei sich gehabt hatte; er habe an die Echtheit der Lebensmittelkarten geglaubt. Eine dünne Lüge, denn erstens ist auch der Handel mit echten Bezugsscheinen illegal. Und zweitens wusste er keine Antwort auf die Nachfrage des Krimsches, warum er dann, wenn er an die Echtheit der Papiere glaubte, sie in seiner Prothese versteckt hatte.
Trotzdem findet Stave in den Akten keinen weiteren Hinweis auf Michel. Keine Anklage, damit auch kein Urteil. Sie haben ihn damals laufengelassen, sagt er sich. Vielleicht war Michel ein zu kleiner Fisch. Vielleicht hatte irgendjemand Mitleid mit dem Einbeinigen. Stave mag den Gedanken nicht, nun wie ein Gespenst aus der Vergangenheit bei dem Versehrten aufzutauchen. Doch zurzeit ist es die einzige Spur, die er verfolgen kann. Er notiert sich dessen Adresse und macht sich auf den Weg.
Die Lerchenstraße ist schmal, kaum mehr als eine Gasse nahe dem Heiliggeistfeld in St. Pauli. Kein weiter Weg von der Kripo-Zentrale bis dorthin, doch trotzdem ist der Oberinspektor durchnässt, als er ankommt. Stave blickt kurz auf das Schillertheater an der Lerchenstraße, ein rundes Gebäude, das wie ein Zirkuszelt geformt ist und in dem bis 1945 derbe Komödien und Operetten gegeben wurden. Einmal war er mit Margarethe dort gewesen, 1938 oder 1939, er erinnert sich nicht mehr genau. Nun hausen in der ausgeweideten Halle Ausgebombte und Vertriebene. An einer Außenmauer lehnen drei Halbwüchsige, Schlägermützen tief in der Stirn, Hände in den Hosentaschen, Zigaretten zwischen schmalen Lippen. Er spürt ihre Blicke in seinem Rücken, als er langsam den Bürgersteig entlanggeht.
In der Lerchenstraße 23 steht ein von einer Bombe geköpftes Mietshaus: ein Erdgeschoss aus brandgeschwärzten Ziegelmauern, darüber aufgerissene, unbetretbare Wohnungen, durchfeuchtete Zwischendecken, schiefe Wände, sichtbare Rohre, Kaminstümpfe. Vom Dachstuhl ist ein verkohlter Balken geblieben, der in den grauen Himmel ragt wie ein eingesunkenes Grabkreuz. Mit Kreide hat jemand einen Namen an die dunkle Tür geschrieben: »Michel«. Schöne Handschrift, denkt Stave.
Der Mann, der ihm öffnet, ist ausgemergelt und kahl wie ein Greis, die Haut schrundig, dunkle Augen tief in den Höhlen, die magere Linke umklammert einen Gehstock. Trotzdem schätzt der Oberinspektor ihn auf Ende vierzig. Er blickt rasch nach unten: Der rechte Fuß seines Gegenübers steckt in einem alten Filzhausschuh, unter dem linken Hosenbein ragt ein Lederschuh an einem Metallgestänge heraus.
»Herr Michel, ich muss mit Ihnen reden«, sagt er und zeigt seinen Polizeiausweis.
Der Mann wird fahl. »Die alte Geschichte?«
»In gewisser Weise. Aber es geht nicht um Sie«, setzt der Kripo-Beamte beruhigend hinzu. »Darf ich eintreten?«
»Auf Ihr eigenes Risiko«, murmelt Michel, »atmen sie flach, bis Sie sich an den Geruch gewöhnt haben.« Der Gestank nach Fäulnis und Fäkalien umhüllt sie wie ein Gift.
»Das dringt manchmal aus dem Ausguss«, sagt der Einbeinige. »Da kann man nichts machen.«
Zwei kahle Räume, ein Emailleschild mit der Aufschrift »Eigener Herd ist Goldes wert« an der Wand. In den Mauern klaffen Risse, die mit braunem Lehm und alten Zeitungen gefüllt sind. Michel bemerkt Staves Blick und hebt entschuldigend die Hände. »Die Risse werden dauernd größer. Wir schmieren sie immer wieder mit dem zu, was wir haben, damit es nicht zieht.«
»Das macht die Wände nicht stabiler.«
»Ich weiß. Bei jedem Sturm wackelt diese Bruchbude, dass man denkt, man sei auf einem Schiff. Manchmal knallt irgendwo eine Tür so laut wie eine Explosion. Dann rennen wir raus, wie 43, weil wir fürchten, dass nun aber wirklich das Haus kollabiert. Nur nicht mehr in den Keller, sondern ins Freie. Der Keller gehört heute den Ratten. Und manchmal weht hier Steinstaub herein, so dass wir uns feuchte Tücher vor das Gesicht binden müssen, um nicht zu ersticken. Irgendwann wird uns die Ruine über dem Kopf zusammenbrechen.«
»Sie wohnen nicht alleine hier?«
»Mit Frau und fünf Kindern. Sie lösen gerade Marken ein.«
Michel führt ihn zu zwei Stühlen an einem mit Ölfarbe bekleckerten Holztisch, auf dem ein geöffnetes Paket steht. Stave starrt auf den gelben Pappkarton mit der schwarzen Aufschrift »CARE, U.S.A.«. Ein sehnsüchtiger Blick auf die Blechbüchsen darin, auf Fleisch und Margarine in Dosen, auf Zucker, Honig, Speck, Rosinen, Schokolade und, vor allem, zwei Pfund echten Kaffee. Der Oberinspektor weiß nicht, was er von den Hilfspaketen aus Übersee halten soll, die in immer größerer Zahl von mildtätigen Organisationen nach Deutschland geschickt werden. Er hungert nach den so lange entbehrten Köstlichkeiten, andererseits beschleicht ihn ein unbestimmtes Gefühl der Erniedrigung, derartige Spenden zu sehen. Nicht, dass er selbst bislang je in die Versuchung geführt worden wäre, eine Mitleidsgabe anzunehmen, denn er kennt niemanden in Amerika und steht auch auf keiner Verteilerliste von Caritas oder Rotem Kreuz.
»Das habe ich gerade bei der Post abgeholt«, erklärt Michel, der dem Blick seines Gastes gefolgt ist. »Das hat mich mehr als 44 Reichsmark Zoll- und Frachtgebühren gekostet.«
»Ein geringer Preis für ein Konservenvermögen.«
»Ich habe Freunde drüben, die an mich denken. In Hollywood.«
»Mein Freund Charlie Chaplin schickt mir auch hin und wieder Karten.«
»Das ist kein Scherz. Ich war Requisiteur bei der Ufa. Viele Filmkollegen haben 1933 Fernweh bekommen und sind nach Kalifornien gegangen. Ich habe den Kontakt zu ihnen nie abreißen lassen, zumindest so lange nicht, wie das noch erlaubt war. Sie haben mich dort drüben nicht vergessen.« Er klopft auf den Karton. »Ich würde sofort meine Sachen packen und aus diesem Loch ins sonnige Hollywood ziehen, wenn mich die Amis hineinließen. Aber im Moment nehmen sie keine deutschen Auswanderer, und Krüppel wie mich schon gar nicht.«
»Immerhin sind Sie nicht vorbestraft«, brummt Stave und sieht, wie Michels Gesichtsmuskeln zucken. »Und wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten, dann sehen Sie mich nie wieder.«
Der Einbeinige lässt sich auf einen Stuhl fallen und bietet seinem Gast den anderen an. »Seien Sie mir nicht böse, Herr Oberinspektor. Aber die Versicherung, dass ich von der Polente in Ruhe gelassen werde, die habe ich schon mal gehört. Und nun stehen Sie hier. Beim nächsten Mal wird es einer Ihrer Kollegen sein. Sie können dann sagen, dass Sie Ihr Wort gehalten haben, denn Sie persönlich kreuzen ja nicht hier auf. Aber was nützt mir das?«
Stave ignoriert den Einwurf und zieht seinen zerfledderten Notizblock hervor. »Was wissen Sie über Toni Weber?«
Michel schließt kurz die Augen und seufzt – etwas zu theatralisch, findet der Kripo-Beamte. »Der Toni hat ein Talent, den falschen Leuten Gefallen zu tun. Das ist sein einziges Verbrechen. Er ist ein guter Mann. Und ein sehr guter Künstler. Wenn die Zeiten nicht so barbarisch wären, müssten Sie nicht in meiner Bruchbude aufkreuzen, um etwas über ihn zu erfahren. Dann würden Sie seinen Namen in der Zeitung lesen.«
»Die Zeiten sind aber barbarisch.«
»Und deshalb sind Sie hier. Toni Weber ist kein Freund von mir, aber ein Berufskollege. Freier Künstler in der Weimarer Republik, Bildhauer, Grafiker, ein wenig Ölmalerei. Solide, soweit ich weiß, aber nicht berühmt. Als es Ende 1929 mit der Wirtschaft bergab ging, hat er gerade noch die Kurve gekriegt: Er ist Requisiteur bei der Ufa geworden.«
»Er wechselte zum Film?«
»Ein glücklicher Schritt. Je schlechter es den Leuten geht, desto häufiger gehen sie ins Kino. Außerdem fing damals gerade die Sache mit dem Tonfilm an. Das waren Goldgräberzeiten. In den Berliner Studios brauchten sie Leute mit Händchen, die Kulissen bauen: Burgen, herrschaftliche Innenräume, Fabriken. Dazu Kostüme aus allen Epochen, Kopien von Kunstwerken, die man irgendwo in die Kulissen stellte, Waffen aller Art, Kristalllüster, Schiffe, sonderbare Autos. Sie können sich nicht vorstellen, was wir damals aus Gips und Sperrholz gebaut haben.«
»Sie haben sich bei der Ufa kennengelernt?«
»Zwei gescheiterte Künstler auf einem Vergnügungsdampfer, ja. Mit unseren Werken kamen wir selbstverständlich nicht mehr in die Galerien, dafür brachte man jede Woche eine Lohntüte nach Hause. Ich habe eine Familie gegründet. Der Weber war ein feiner Kollege. Ein wenig still.«
»Still?«
»Vor allem ab 33. Sein privates Leben war ja«, Michel zögert, »etwas außergewöhnlich. Und seine Kunstwerke aus der Weimarer Zeit waren nicht gerade so, dass sich der Adolf die in sein geplantes Museum in Linz gestellt hätte.«
»Entartete Kunst?«
»Es hätte böse mit ihm enden können, wenn er 33 nicht schon beim Film gewesen wäre. Der Film, das war die große Leidenschaft vom Hinkefuß. Goebbels war vernarrt in die Studios – sofern man dort das produzierte, was die Herren im Propagandaministerium zu sehen wünschten. Wir machten Filme, der Goebbels war zufrieden, niemand hat uns je gefragt, was wir vor 1933 getan hatten. Kein Besuch von der Gestapo, keine Einberufung zur Front.«
Stave deutet auf Michels Prothese. »Es hat Sie trotzdem erwischt.«
Er verzieht das Gesicht. »Irgendwann kam die Front dann ja leider zu uns. Wir haben noch gedreht, als der Iwan schon in den Vororten von Berlin stand. Auf dem Rückweg von einem Außendreh sind wir unter Feuer geraten. Einige von denen, die das überlebt haben, behaupten, das war ein sowjetischer Tiefflieger. Andere sagen, ein T-34. Ziemlich hitzige Diskussion und ziemlich überflüssig.« Er klopft auf seine Prothese. Das Eisengestänge klingt hohl.
»Sind Sie mit Weber von Berlin nach Hamburg gegangen?«
»Nein, ich lag lange im Lazarett. Meine Frau war mit den Kindern irgendwo in Berlin, als die Russen einmarschierten.« Er schweigt und starrt zur Decke. »Na, jedenfalls fanden wir uns wieder und schlugen uns Ende 45 bis hierher durch. Da, wo der Russe herrscht, da möchten Sie nicht leben. Den Weber habe ich erst hier wiedergesehen. Ich habe damals gedacht, es hätte ihn bei jenem Angriff erwischt. Aber er war davongekommen. Wir haben uns bei einer Versammlung des Wirtschaftlichen Verbandes bildender Künstler zufällig getroffen.«
»Klingt wie eine Behörde.«
»Ist aber eher eine Art Hilfsverein. Mitglieder erhalten zehn Bögen Aquarellpapier pro Monat zum Festpreis. Wenig, aber besser als nichts. Einen simplen Borstenhaarpinsel, den ich früher für 80 Pfennige bekommen habe, muss ich mir nun für zwölf Reichsmark auf dem Schwarzmarkt besorgen. Leinwände stelle ich selbst her: Jutesäcke, fünfzig Reichsmark die Ladung, bearbeitet mit Kreide und Leim. Das fertige Bild wird dann wohl kaum so lange halten, dass es noch in fünfhundert Jahren in irgendeinem Museum hängt, aber das ist nicht meine größte Sorge.«
»Kann man denn heute überhaupt wieder Bilder verkaufen?«
Michel lacht bitter auf und deutet auf die rissigen Wände des Zimmers. »Ich nicht. Sieht so aus, als hätte ich irgendwo unterwegs bei der Ufa mein Talent verloren. Ich war in meiner Jugend mal ein ganz passabler Bildhauer. Und Holzschnitzer.«
»Und Toni Weber?«
»Der hat sein Talent behalten, und wie, in beiden Metiers. Der ist wieder beim Film untergeschlüpft. Hat mit dem Helmut Käutner gearbeitet, bei der Produktion von ›In jenen Tagen‹ Requisiten zusammengezimmert. Außerdem malt er Aquarelle. Porträts.«
»Von lebenden Personen?«
»Von wem sonst? Sind ja einige Hamburger ganz gut durch den Schlamassel gekommen. Der erfolgreichste Maler der Stadt ist Ivo Hauptmann, der Sohn vom berühmten Schriftsteller. Kostet dreitausend Reichsmark, wenn der Ihre Gattin verewigen soll, mindestens. Bei Weber kommen Sie mit achthundert Reichsmark davon.«
Stave denkt an Bankier Schramm und nickt. »Ein kleiner, aber lukrativer Markt.«
Der Einbeinige kratzt sich am Kopf. »Und einer, der wächst. Zwar weiß keiner genau, was nach dem Tag X kommt. Aber Kunstwerke sind in unsicheren Zeiten eine gute Anlage. Je unsicherer die Zeit vor dem Geldwechsel, desto besser für Künstler. Für die meisten jedenfalls, für mich nicht. Weber hat neulich bei C & A ausgestellt. Sie haben dort eine Vernissage organisiert, die sie ›Kunstrunde‹ nennen. In einem Kaufhaus! War aber ein Erfolg, wie ich gehört habe.«
»Warum hat Weber dann 1946 Lebensmittelmarken gefälscht, wenn er doch so erfolgreich war? Marken, die Sie in Ihrer Prothese versteckt hatten.«
»Danke für den Hinweis, ich hätte es schon beinahe vergessen«, erwidert Michel mit säuerlichem Gesichtsausdruck. »1946 war Weber noch nicht bekannt. Ein Künstler, der keine Werke verkaufen konnte. Man muss sich halt durchschlagen. Nach der Haft hat er sich aber geschworen, dass ihm so etwas nie wieder geschieht. Und irgendwie hat er es hinbekommen, nach seiner Entlassung aus Fuhlsbüttel tatsächlich Bilder zu verkaufen. Dann kam Käutner mit seinem Film. Und seither geht es ihm gut.«
Stave überlegt kurz, ob er Michel nach Webers besonderen Vorlieben fragen soll. Nach speziellen »gute Freunden« des Künstlers. Vielleicht ahnt der aber davon kaum mehr als das, was er schon angedeutet hat. Der Oberinspektor weiß, dass die Hundertfünfundsiebziger ihr Privatleben gerne sehr privat halten. Kein Wunder. Er entscheidet sich dagegen, die Sache zu verfolgen.
»Wissen Sie, wo ich Weber finden kann?«
»In Travemünde.«
Der Kripo-Beamte lehnt sich zurück, halb befriedigt, endlich eine verwertbare Aussage zu bekommen, halb enttäuscht darüber, dass der Mann, den er sucht, nicht in Hamburg ist. »Warum?«
»Er hat bei der C & A-Ausstellung einen neuen Kunden kennengelernt. Einen jener Herren, die erst in letzter Zeit zu einem gewissen Vermögen gekommen sind.«
»Einen Schieber?«
»Sie dürfen das laut sagen. Wenn einer wie ich das tut, dann klopfen muskulöse junge Männer an meine Tür und treten mir vor mein verbliebenes Schienbein.«
»Und weshalb ist Weber in Travemünde?«
»Sein neuer Kunde hat sich ein Häuschen an der Ostsee zugelegt. Weber soll es dekorieren. Der Kunde hat ihn eingeladen. Er ist seit einigen Tagen dort.«
»Haben Sie seinen Namen?«
»Zufälligerweise ja. Weber war so stolz auf den Auftrag, dass er es überall herumerzählt hat.«
Fünf Minuten später verlässt der Kripo-Mann die Wohnung, erleichtert, dass ihm die Ruine nicht über dem Kopf zusammengestürzt ist. Er atmet tief durch und schüttelt seinen Mantel aus, in der Hoffnung, irgendwie den Fäulnisgeruch aus dem Stoff zu bekommen. Auf dem Notizblock hat er eine Adresse in Travemünde, im Bauch ein schlechtes Gefühl. Toni Weber ist gut im Geschäft: als Requisiteur bei einer der wenigen Filmproduktionsgesellschaften, die in Deutschland arbeiten. Als Maler, der Porträts von Wohlhabenden für einige hundert Reichsmark anfertigt. Als Dekorateur im Haus eines Schiebers. Warum sollte ausgerechnet so jemand obskure Geldscheine fälschen? Als Wiederholungstäter würde er dafür ein paar Jahre Haft riskieren. Stave befürchtet, schon wieder in eine Sackgasse eingebogen zu sein.
Kurz vor fünf Uhr. Er tritt ins »Tanz-Café Fiedler«, ein Flachdachbau, hineingezwängt in eine Bombenlücke zwischen mehrstöckigen Mietskasernen. Auf der schäbig weiß verputzten Fassade prangt unter dem Namen eine hingepinselte Mitteilung: »Warme Küche«. Stave, der wieder einmal mittags nichts gegessen hat, ist einen Moment versucht, sich ein frühes Abendmahl bringen zu lassen, doch dann erinnert er sich an Annas Vorlieben und bestellt bei einer sehr jungen Kellnerin zwei Tassen Ersatzkaffee. Als er ihr einen Reichsmarkschein in die Hand drückt, senkt die Bedienstete schüchtern den Blick.
»Ich kann Ihnen nichts herausgeben. Wir haben keine Münzen mehr. Und nicht einmal Briefmarken.«
Stave will schon erwidern, das sie den Rest gerne als Trinkgeld behalten dürfe, doch fällt ihm gerade noch rechtzeitig ein, wie absurd das nun ist: Soll sich die Kellnerin ein Stück vom Geldschein abschneiden? Keine Münzen, kein Trinkgeld. Also legt er ihr noch eine Reichsmarknote in die Hand. »Für Sie.«
Das Café ist ruhig um diese Zeit, der Kripo-Mann setzt sich an einen wackeligen Resopaltisch am Fenster, mit Blick zur Tür. Er fragt sich flüchtig, woher Anna dieses Haus kennt, sie sind hier nie zusammen eingekehrt. Dann erinnert er sich an das »G« in den Initialen auf ihrer Handtasche. An den ausgelösten Ehering beim Juwelier. Man muss nicht jahrelang bei der Kriminalpolizei gewesen sein, um daraus gewisse Rückschlüsse ziehen zu können. Eifersucht zerfrisst sein Herz, und Sehnsucht auch. Und die Neugier des Polizisten: Wer ist dieser G? Ist er in Hamburg? Ist er der Grund, warum sich Anna zurückgezogen hat? Ein Gatte, der wieder aufgetaucht ist, eine Affäre, die seine Ehefrau diskret beendet hat? Soll Stave seine Verbindungen in der Zentrale nutzen und ein wenig in Annas Vergangenheit wühlen? Und wenn er schon dabei ist, ebenfalls in ihrer Gegenwart? Eine unauffällige Observation, bloß wenige Tage, um zu sehen, mit wem sie sich trifft? Tu ihr das nicht an, sagt er sich, tu dir das auch selbst nicht an.
Zehn Minuten später tritt Anna ein, ein wenig außer Atem, das Gesicht gerötet. Sein Herz setzt einen Moment aus, als er sie erblickt. Er hätte sie jetzt gerne geküsst, doch reicht er ihr in einer linkischen Bewegung bloß die Hand.
»Ich habe etwas für dich!«, ruft sie, noch bevor sie ihren Regenmantel abgeworfen und sich zu ihm gesetzt hat. »Deshalb habe ich mich auch verspätet: festgegraben in der Kunsthalle.«
»Wo sonst?«, erwidert er. Tatsächlich ist er erleichtert, dass sie nicht anderswo gewesen ist. Bei einem anderen Mann.
Sie zieht das Foto des bronzenen Frauenkopfes aus ihrer Handtasche. »Das ist ein Porträt der Schauspielerin Anni Mewes«, erklärt sie triumphierend.
»Woher weißt du das?«, fragt Stave voller Bewunderung.
»Eine Kuratorin im Museum hat Anni Mewes wiedererkannt.«
»Nie von ihr gehört.«
»Ein mittelprächtiger Stummfilmstar der zwanziger Jahre. Sie hat als junge Frau in Hamburg neben Gründgens gespielt, 1920 ging sie nach Berlin und stand mit Marlene Dietrich auf der Bühne. Danach einige Rollen in Ufa-Filmen, weiter Theater. Seit Jahren hat niemand mehr etwas von ihr gesehen. Ich weiß nicht, wo sie lebt, ja, ob sie überhaupt noch lebt. Aber ich weiß, wer diese Bronzeplastik von ihr geschaffen hat.« Anna macht eine Kunstpause und lächelt ihn an. Glücklich wie ein junges Mädchen, wie eine Sportlerin nach einem gewonnenen Lauf. Hinreißend, denkt Stave. »Ein Expressionist aus Berlin: Toni Weber.«
Der Kripo-Beamte verschluckt sich an seinem Ersatzkaffee.
»Ein Freund von dir?«, fragt sie erstaunt.
»Ein Mann mit vielen Freunden, ich habe allerdings bloß von ihm gehört«, keucht Stave. »Und das ist noch nicht sehr lange her.« Er hustet noch einige Male und erzählt ihr dann, ohne in jene Einzelheiten zu gehen, die MacDonald lieber vertraulich halten möchte, dass auf dem Goldbekplatz gefälschte Geldscheine aufgetaucht sind und er deshalb den Künstler befragen will. Zugleich rasen seine Gedanken: expressionistische Kunst. »Entartete Kunst«. Porträts von Stummfilmstars. Das würde erklären, warum einer wie Weber in der Krise beim Film gelandet ist – alte Kontakte. Und auch, warum er nach dem Krieg wieder ins Geschäft gekommen ist – er hat sich eine gewisse Reputation als Porträtist der Reichen und Berühmten erhalten über all die Jahre.
»Sind die anderen Skulpturen aus dem Reimershof auch von Weber?«
»Die Kunsthistorikerin, die ich im Museum gesprochen habe, glaubt das nicht. Sie kennt Weber, schon seit der Weimarer Zeit. Wusstest du, dass er den Krieg überlebt hat und jetzt in Hamburg wohnt?«
»In einer Ley-Hütte an der Fuhlsbütteler Straße. Aber er ist selten zu Hause. Weilt lieber an der Ostsee.«
Sie lacht überrascht auf. »Wir ergänzen uns prächtig!«, ruft sie.
»Ja«, sagt Stave versonnen und dann, bevor seine Reaktion einem von ihnen peinlich werden könnte, wechselt er rasch das Thema. »Hat der Bankier Schramm diesen Toni Weber gefördert? Kennen die beiden sich?«
»Möglich. Aber meine Freundin im Museum konnte mir darüber nichts sagen.«
Der Oberinspektor lehnt sich zurück. Webers Kunstwerk in Schramms ausgebombtem Kontorhaus. Früher in seiner Villa. Schramms Leugnen, die Bronzearbeit zu kennen. Ein toter Jude. Weber als Verdächtiger, als Zeuge, als vielleicht ganz Unbeteiligter im Geldfälscherfall vom Goldbekplatz. Kein Muster, sagt er sich, da gibt es überhaupt kein Muster. Und doch kommt er sich wie ein Jagdhund vor, der die erste Witterung aufgenommen hat. Und zugleich fühlt er sich, als hätte er endlich wieder einmal Glück: Ich werde Weber zum Mysterium des Bronzekopfes befragen, denkt er. So komme ich unauffällig an ihn heran. Und dann erst konfrontiere ich ihn mit dem anderen Fall. Normalerweise ahnt ein Verdächtiger, warum ihn ein Polizist befragt. Blitzschnell legt er sich eine Verteidigungsstrategie zurecht. Hier nicht: Weber muss denken, dass es allein um sein altes Kunstwerk geht. Er wird nicht auf der Hut sein, hofft der Kripo-Mann, und so kann er ihn vielleicht überrumpeln und entscheidende Hinweise zum Goldbekplatzfall herauskitzeln. Falls er überhaupt darin verwickelt ist.
Stave gelingt es, Anna zu einem frühen Abendessen zu überreden. So stillt er seinen Hunger – und hat eine Stunde mehr, die er mit ihr verbringen kann. Das schäbige Café mit den wackeligen Tischen und dem Regen, der an den schmutzigen Scheiben herunterläuft, ist ihm der schönste Ort der Welt. Irgendwann steht sie doch auf. »Ich muss gehen«, sagt Anna.
»Sehen wir uns wieder?«
»Gerne.«
Und Stave weiß in diesem Augenblick, dass er doch keine Sackgasse hinuntergeht.