Das Gedächtnis der Gestapo
Freitag, 18. Juni 1948
Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als Stave schon wieder die Kripo-Zentrale betritt. Er hat in der vorangegangenen Nacht nicht einmal den Versuch gemacht, sich ins Bett zu legen. In seiner Wohnung roch es nach muffiger Feuchtigkeit. Er hat die Fenster stundenlang aufgerissen. Hoffentlich wird es irgendwann mal wieder trocken werden. Gedanken flackerten durch seinen Geist – manche Überlegungen, die ihn in Sackgassen führten, und andere, die zu Ende zu denken er sich fürchtete. So war er fröstelnd am Küchentisch gestrandet und hatte auf klammem Papier zwei Briefe geschrieben. Einen an Anna. Und einen an einen ehemaligen Gestapo-Agenten.
Er muss Anna wiedersehen, muss mit ihr reden, ihre Vergangenheit irgendwie ansprechen. Er hat ihr nichts von Dönneckes Schnüffeleien geschrieben und erst recht nichts von dem, was der Kollege herausgefunden hat. Nichts von dem Ring. Nichts von »G«. Er hat sie bloß um eine Verabredung gebeten und das einzige Restaurant vorgeschlagen, das er in der Nähe ihrer Wohnung kennt: »Lass uns morgen Mittag in ›Sellmers Kellerwirtschaft‹ essen.« Er wollte noch hinzusetzen: »Ruf mich auf der Dienststelle an, wenn du kannst.« Doch er fürchtet sich davor, mit ihr zu sprechen, ohne ihr in die Augen zu sehen. So schloss er bloß: »Wenn du dich nicht bei mir meldest, dann bedeutet das, dass du kommen wirst.«
Stave hatte den Brief in den Schlitz unter der Tür zu Annas Kellerwohnung geschoben. Es war einsam auf der Röperstraße gewesen, denn es war noch so früh, dass die Ausgangssperre galt. Von der Elbe wehten Nebelschleier hoch. Die Hausmauern glänzten vor Nässe. Die Wohnung war dunkel. Hoffentlich schläft Anna, hatte er gedacht. Nicht, dass diese Dunkelheit bedeutet, dass sie ganz woanders ist.
Der andere Brief war ebenfalls eine Bitte um ein Treffen zum Mittagessen – allerdings eines, bei dem der Oberinspektor nicht daran denkt, die Rechnung für beide zu bezahlen. Während der braunen Zeit war Stave den Kollegen von der Gestapo aus dem Weg gegangen – was nicht ganz leicht war bei mindestens 200 Männern, die in Hamburg für die politische Polizei arbeiteten. Über die Gestapo-Zentrale im Stadthaus sprach man nur flüsternd oder besser gar nicht. Bereits im April 1933 war dort der erste Häftling umgekommen, zumindest der erste, von dem Stave erfahren hatte. Der Werftarbeiter Gustav Schönherr war gefoltert worden und nach diesem »verschärften Verhör« am helllichten Tag aus einem Fenster »gestürzt«. Doch nicht nur im Kollegenkreis munkelte man, dass der eine oder andere Beamte beim fatalen Sturz in die Tiefe nachgeholfen habe. Die ganze Stadt wusste davon und sollte es auch wissen – je mehr man die Gestapo fürchtete, desto besser liefen deren Ermittlungen.
Im Herbst 1938 allerdings war ein Gestapo-Mann am Morgen nach der »Reichskristallnacht« bei Stave auf der Dienststelle erschienen. Warum, hatte der Oberinspektor nie herausgefunden, denn dieser Philip Greiner war so betrunken, dass er kaum noch gehen und gar nicht mehr zusammenhängend reden konnte. Er war verheult und hatte sich beschmutzt. Ausgerechnet in jenem Moment war ein empörter höherer SS-Offizier aufgekreuzt, dem Unbekannte in der Nacht die Reifen seines Mercedes aufgeschlitzt hatten. Stave war es gelungen, den torkelnden Gestapo-Mann in einen Nebenraum zu schleifen und danach die Anzeige des tödlich zornigen Uniformierten entgegenzunehmen. Hätte der SS-Mann den Betrunkenen erblickt, er hätte seine Wut an ihm ausgelassen. Seither hatte Stave bei Greiner einen Gefallen gut – einen Gefallen, den er nie eingelöst hatte. Bis heute.
Greiner war, wie alle Gestapo-Männer, von den Briten 1945 entlassen worden. Stave hatte ihn aus den Augen verloren, doch es war nicht schwer gewesen, seine Adresse herauszufinden: In der Kripo arbeiten Kollegen, die sich mit den ehemaligen Agenten der Gestapo immer noch abends zum Skatspielen treffen. Er hatte Greiner in knappen Zeilen angedeutet, dass er Gestapo-Informationen über Dönnecke und über Doktor Schramm haben wolle. Und er hatte ihn zum Mittagessen im Winterhuder Fährhaus einbestellt – groß, unübersichtlich und weit genug entfernt von der Kripo-Zentrale, sodass es unwahrscheinlich ist, dass sie dort ein Kollege zufällig erkennt. Schließlich hatte er Hauptpolizist Heinrich Ruge zu sich kommandiert und dem Schupo eingeschärft, das Schreiben persönlich bei Greiner abzuliefern. »Und reden Sie mit niemandem darüber!« Auf keinen Fall soll Dönnecke erfahren, dass Stave plötzlich Kontakt zu einem ehemaligen Gestapobeamten aufnimmt.
Der junge Polizist hat sich inzwischen abgewöhnt, nach Anweisungen militärisch stramm die Hacken zusammenzuschlagen, sondern nickt bloß und lächelt verschwörerisch. »Und was mache ich, wenn Greiner sich weigert, den Brief anzunehmen?«
»Dann sagen Sie ihm, ich würde kommen und ihn an den November 1938 erinnern.«
Das Klingeln des Telefons schreckt den Oberinspektor auf. Seit Tagen hat auf dem ganzen Flur des Chefamtes S kein Apparat mehr geläutet.
»Alter Junge«, ruft MacDonald. Die Verbindung ist schlecht, obwohl es ein Ortsgespräch ist. »Treffen wir uns heute Mittag in der Werkstatt am Holstenhofweg? Vorher habe ich keine Zeit. Aber dann hole ich den Jeep ab. Wir können unseren Besuch bei der Filmgröße für einen der nächsten Tage verabreden. Ich werde bis dahin die Erlaubnis haben.«
»Sehr gerne, wenn Sie mich danach mit dem Wagen nach Winterhude bringen.«
»In meinem nächsten Leben werde ich Taxifahrer. Wir sehen uns um halb zwölf.«
Stave hört das Klicken, gefolgt vom Summen der Leitung. Gedankenverloren blickt er hinaus. Die Musikhalle gegenüber ist in Nebelschleier gehüllt, wie in dünne, schmutzige Gazestreifen. Im Büro riecht es nach altem Reinigungsmittel. Im Kopf des Oberinspektors wirbeln noch immer Überlegungen durcheinander. Anna. MacDonald ist bei einem englischen Geheimdienst. Plötzlich fragt er sich, ob nicht der Lieutenant etwas über Anna von Veckinhausen wissen könnte. Wenn sie einem Gestapo-Mann aufgefallen ist, warum dann nicht auch einem englischen Agenten? Gibt es neben der deutschen vielleicht gar eine britische Akte, irgendwo in irgendeinem Büro? Will ich das überhaupt wissen?
Betrüg dich nicht selbst, ermahnt er sich: Selbstverständlich hätte er keine Ruhe, bis er nicht alles weiß. Einmal Polizist, immer Polizist. Ich werde mich bei MacDonald erkundigen. Er sieht auf die Wanduhr und rechnet die Zahl der Minuten bis zur Verabredung in der Werkstatt aus, und zugleich fürchtet er sich schon vor dem Treffen.
Um nicht durchzudrehen, zwingt er sich, an den anderen Fall zu denken. Wenn ihm der Lieutenant schon einen Gefallen tun soll, dann sollte er sich auch dafür revanchieren. Also die Geldfälscher.
Da der Kripo-Beamte den Telefonhörer noch immer mit der Rechten umklammert, kramt er kurzerhand mit der Linken in seinen Notizen und wählt eine Nummer. Die Landeszentralbank.
Ein paar Minuten später hat er Kurt Flasch am Apparat.
»Ich habe wirklich keine Zeit, Herr Oberinspektor.« Flasch klingt noch etwas gehetzter als sonst.
Guter erster Satz, denkt Stave. Eigentlich würde er sich jetzt zurücklehnen und erst recht ausführliche Fragen stellen. Doch er mag den Nachbarn, der wirkt, als würde er in seiner riesenhaften Familie beständig gegen das Ertrinken ankämpfen.
»Der Tag X naht?«, antwortet er in verständnisvollem Ton.
»Das lässt sich nun wirklich nicht mehr verheimlichen.«
»Sie haben seit heute Morgen besonders viel zu tun?«
»Ein paar Kollegen und ich haben die Nacht durchgearbeitet.«
»Dann ist es jetzt so weit.«
»Es mag lächerlich klingen, Herr Oberinspektor, aber das darf ich Ihnen nicht verraten. Vorschrift ist Vorschrift.«
»Welche Farben werden die neuen Geldscheine haben?«
Stille am anderen Ende der Leitung. »Ich weiß wirklich nicht, ob …«
»Farben, Herr Flasch, es geht bloß um Farben.«
»Blau. Lachsrosa. Und Grün in allen Varianten: Grüngelb, Hellgrün, Türkis. Warum fragen Sie?«
»Gedruckt auf Notenpressen?«
»Selbstverständlich. Aber das …«
»In Deutschland?«
Wieder Stille. Stave glaubt, den schweren Atem des anderen durch das Rauschen der Leitung zu hören. »Nein. Die Geldscheine wurden in einem alliierten Land hergestellt. Mehr …«
»Könnte man derartige Noten in Deutschland drucken?«
»Zumindest noch nicht jetzt. In Frankfurt bei der dortigen Landeszentralbank stehen Druckstöcke. Teilweise zerbombt, das überrascht Sie sicherlich nicht. Aber wenn man sie repariert und einrichtet, dann wohl ja. Das wird aber noch einige Zeit dauern.«
Der Kripo-Mann richtet sich in seinem Stuhl auf, erstaunt und aufmerksam. »Sie meinen, es gibt in allen vier Zonen zurzeit keine Druckerei, die neue Geldscheine herstellen könnte? Auch keine private Druckerei?«
Flasch lacht. »Das wäre verboten. Und sie könnten es auch nicht, selbst wenn das jemand wollte. Zu kompliziert, zu aufwendig. Die alten Reichsmarklappen sind noch in Frankfurt gedruckt worden. Aber neue Scheine? Nirgendwo.«
»Ich will Ihre Arbeitszeit nicht länger in Anspruch nehmen«, erwidert Stave und legt auf.
Die Sache mit den Pfennigscheinen auf dem Goldbekplatz wird immer mysteriöser. Schon Weber hatte ihm gesagt, dass es kompliziert sein muss, diese Blüten zu drucken. Und nun hat Flasch das noch deutlicher gemacht: so kompliziert, dass niemand in den Zonen so etwas fertigbringt. Kein Wunder, dass niemand vom Chefamt S eine Druckmaschine hatte finden können. Wenn niemand derartige Blüten in Deutschland drucken kann, folgert der Kripo-Mann, dann kann das doch eigentlich nur eines bedeuten – dass sie im Ausland hergestellt worden sind. Bin gespannt, was MacDonald dazu sagt.
Er schreckt auf, als sein Vorgesetzter die Tür aufstößt, ohne vorher anzuklopfen. Die schlaffe Haut in Bahrs Gesicht ist gerötet, er atmet schwer.
»Stave, Sie sind wahrscheinlich der einzige Kollege, der gerade nicht Radio gehört hat!«
»Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen?«
»Reißen Sie keine Witze, die mich nervös machen. Es ist amtlich: Wir kriegen neues Geld. Bürgermeister Brauer hat es eben im NWDR verkündet. Seit heute Morgen haben sie im Radio eine wichtige Rede angekündigt. Bekommen Sie denn gar nichts mit?«
»Ich habe gearbeitet«, erwidert der Oberinspektor knapp. »Wann geht es los?«
»Übermorgen.«
Stave schnappt nach Luft. Kein Wunder, dass Flasch die Nacht durchgearbeitet hat. »Sie geben das Geld an einem Sonntag aus? Ich hätte gedacht, dass der Bürgermeister uns eine etwas längere Vorwarnzeit gönnt. Uns Zeit gibt, sich auf das Geld einzustellen.«
»Sie wollen Spekulanten keine Chance mehr geben. Überall machen außerdem die Geschäfte dicht. Chaos auf den Bahnhöfen, weil alle Bürger zurückwollen. Sie selbst haben auch frei. Heute interessiert uns der Schwarzmarkt mal nicht.«
»Was blüht uns denn?«
»Brauer hat gesagt, dass die Alliierten neue Geldscheine ausgeben werden. Deutsche Mark, an den Namen muss man sich erst mal gewöhnen. Überall in der Stadt werden am Sonntag Umtauschzentralen eingerichtet. Jeder Deutsche bekommt ein Kopfgeld von 40 Mark. Im August sollen dann noch mal 20 Mark dazukommen.«
»Klingt nicht gerade wie ein Vermögen.«
»Haben Sie viel Geld gespart? Den einen oder anderen Schein beiseitegelegt?«
Der Oberinspektor hat in den letzten Jahren das meiste Geld von seinem kargen Verdienst in Kaffee und Zigaretten gesteckt, mit denen er wiederum am Hauptbahnhof Informationen über seinen in Russland verschollenen Sohn eintauschte. Seit Karl endlich daheim war, hatte er ihn hin und wieder unterstützt. »Ich bin so gut wie blank«, gesteht er.
»Herzlichen Glückwunsch. Die richtige Strategie. Bankguthaben werden im Verhältnis zehn zu eins abgewertet. Für Bargeld, das sie zu Hause haben, sieht es noch finsterer aus. Für einen Hundert-Reichsmark-Schein wird man Ihnen fünf Deutsche Mark geben. Eins ist sicher: Reich wird man so nicht.«
Stave schließt die Augen und denkt an Toni Weber. Der Künstler bekam 3000 Reichsmark für seine Arbeit in Travemünde. Die Arbeit von mehreren Wochen. Übermorgen wird er dafür 150 Deutsche Mark erhalten. Wie vielen Menschen wird es so gehen wie ihm? Wie viele werden durch ihre Arbeit kaum noch etwas verdienen? Und wie viele Schwarzhändler, Schieber und Schmuggler werden nun in Panik geraten? Die haben ihre Scheine ja nie auf die Bank gelegt. Kistenweise Geld, das plötzlich nur noch ein Zwanzigstel seines aufgedruckten Wertes hat. Und keine Chance mehr, das bis zum Sonntag irgendwo auszugeben oder umzutauschen.
»Auf dem Schwarzmarkt wird es heute und morgen hektisch zugehen«, murmelt er.
»Oder auch nicht«, erwidert Bahr. »Niemand weiß, wie es nach dem Tag X weitergehen wird. Nur weil man neues Geld hat, kann man sich ja noch nicht mehr damit kaufen. Keine Ahnung, ob der Schwarzmarkt am Montag nicht erst richtig aufblüht. Wenn Sie mich fragen: Die Alliierten benehmen sich wie Glücksspieler, die beim Roulette alles auf eine Zahl setzen. Wenn es funktioniert, dann kann man sich beruhigt zurücklehnen. Wenn es nicht funktioniert, dann hat man ein Problem.«
Stave kommt eine Idee. »Werden auch Pfennige ausgegeben?«
Bahr starrt ihn an. »Sie stellen seltsame Fragen. Ich glaube, Brauer hat verkündet, dass die alten Ein- und Zwei-Pfennig-Münzen in Umlauf bleiben. Lohnt sich nicht, die Geldstücke einzuziehen. Allerdings drucken sie auch Pfennigscheine.«
Der Oberinspektor springt auf. »Sie geben auch Pfennigscheine aus?«
»Fünfer und Zehner. Ich weiß wirklich nicht, wie die aussehen sollen.«
»Blau und grün mit Rautenmuster«, antwortet Stave, plötzlich ungeduldig. »Ich muss unbedingt mit den Engländern reden.«
Er verlässt die Kripo-Zentrale zusammen mit Dutzenden Kollegen. Hektische Bienen, die aus dem Stock schwirren, nachdem die Königin gestorben ist, denkt der Oberinspektor. Er quetscht sich in eine voll besetzte Straßenbahn. Passanten auf den Bürgersteigen, Angestellte, Hausfrauen, Kinder, Kriegskrüppel, in jeder Richtung unterwegs, mit schnellen Schritten. Ein Leierkastenmann, den die Menge umbrandet, so dicht und gleichgültig wie das Meer. Leere Schaufenster. Verrammelte Ladentüren. Handgeschriebene Schilder hinter Regenschlieren: »Wegen Umbau geschlossen«, »Inventur«. Stave fragt sich, ob irgendeines dieser Geschäfte am Montag wieder öffnen wird. Oder ob der Tag X ein gigantischer Fehlschlag werden wird, der Todesstoß für die taumelnde Wirtschaft.
Er quert den Hauptbahnhof und benötigt dafür schon fast eine Viertelstunde. Gedränge auf den Bahnsteigen, in den Zugängen, auf den eisernen Brücken, die die Gleisanlagen überwölben. Kofferberge. Rufe und Kindergeschrei. Scharfe Pfiffe alter Lokomotiven. Die Nervosität der Tausenden knistert in der hohen Halle.
Kurz hinter Wandsbek Markt, schon weniger als zwei Kilometer vor seinem Ziel, sperren Schupos die Ahrensburger Straße. Der Oberinspektor zückt seinen Ausweis.
»Bedaure«, sagt ein schwitzender, junger Hauptpolizist. »Bombenfund in einem Haus direkt neben dem Bürgersteig. Bis die Feuerwerker fertig sind, kommt hier niemand durch. Umgehen Sie die Stelle auf Nebenstraßen.« Er deutet auf die Villen von Marienthal und setzt zu einer Wegbeschreibung an, doch Stave winkt ab. »Ich wohne in der Nähe.«
Der Oberinspektor wendet sich ab. Bäume, mühsam gepflegte Vorgärten, zwei Opel, die am Bordstein parken. Doch selbst hier, hinter den Vorhängen der Villenfenster, hinter Stoffen, die sich bewegen, obwohl der Regen senkrecht fällt, meint der Kripo-Mann, Unruhe zu spüren. Wie kurz vor einer Revolution. Angst um das Geld, das am Sonntag einfach verschwinden und durch ein anderes ersetzt werden wird.
Stave erreicht die Bahnlinie, wendet sich neben dem Gleisbett wieder stadtauswärts und kommt endlich gut voran. Die Jenfelder Straße kreuzt die Strecke, ein Bahnübergang, kaum dreihundert Meter von seiner Wohnung entfernt, doch er ist fast nie hier. Wozu auch? Eine verfallende weiße Baracke an den Gleisen, Relikt einer längst untergegangenen Fabrik. Daneben ein ummauertes Geviert, hüfthohes, sattgrünes Gras, Bäume mit weit gespannten Ästen, ein eisernes Tor. Der Kripo-Beamte will schon weitereilen, als er innehält. Grabsteine, die meisten halb versunken im weichen Erdreich. Ist ihm noch nie aufgefallen. Er tritt näher. Hebräische Schriftzeichen. Ein uralter jüdischer Friedhof.
Wie dieser Friedhof wohl alle Stürme überstanden hat? Wahrscheinlich ist er so alt und versteckt, dass ihn selbst die Nazis in ihrem Furor vergessen haben. Keine Schändung, keine Fliegerbombe, aber, soweit er das von dem eisernen Tor aus sehen kann, auch kein Begräbnis mehr seit Jahren, niemand, der die Gräber pflegt, überhaupt kein Mensch auf diesem verlassenen Geviert. Er denkt an das neue Geld und den Tag X und dabei an die Nervosität und die vergessenen toten Juden – irgendwie fühlt er sich lächerlich und schuldig zugleich. Rasch geht er weiter, nur noch wenige Meter.
Die Nummer 49 im Holstenhofweg ist eine Werkstatt an der linken Seite der Straße, ein schmuddeliger, doch intakter Bau in einem fast unzerstörten Viertel mit Lagerhallen, kleinen Fabriken und einer Druckerei. Auf dem Parkplatz stehen zwei Jeeps und ein Lastwagen der Briten. In einer offenen Garage schwebt ein weiterer Jeep auf einer Hebebühne. Mehrere ölverschmierte englische Soldaten stehen darunter und diskutieren lachend.
»Willkommen bei Rolls-Royce, Army-style!«, ruft MacDonald, der aus dem Schutz eines Vordachs tritt und achtlos eine bloß halb gerauchte John Players fortwirft, die zischend in einer Pfütze verglimmt. »Wir haben unseren deutschen Mechanikern freigeben müssen. Sie waren zu unruhig. Jetzt werden unsere Rekruten den Job alleine erledigen. Ich fürchte, wir werden demnächst wieder auf Pferde umsteigen müssen.«
»Ist das Ihr Jeep auf der Hebebühne?«
»Nein, der gehört glücklicherweise einem Colonel. Meiner parkt im Hof, er ist gerade noch rechtzeitig fertig geworden, bevor Ihr Bürgermeister seine Rede gehalten hat und unsere Mechaniker zitternde Hände bekamen.«
»Meine Hände haben auch gezittert – aber aus anderen Gründen. Sie wussten die ganze Zeit, dass das keine Blüten waren, sondern echte Scheine, nur eben nagelneu. Das sind Geldscheine aus der alliierten Druckerei. Geldscheine, die in Kisten angeliefert wurden, in Kisten, die unter schwerer Bewachung in die Landeszentralbank geschleppt worden sind. Ich stand selbst dabei. Geldscheine, die erst am kommenden Sonntag ausgegeben werden sollen, die aber nur Stunden, nachdem die englischen Lastwagen wieder davongefahren sind, bereits irgendwie in falsche Hände gelangt sind – und plötzlich auf dem Schwarzmarkt herumflatterten.«
»Ich habe meinen Vorgesetzten gleich gesagt, dass Sie herausfinden, woher die Scheine wirklich stammen.«
»Sie haben mir eine Komödie vorgespielt!« Stave weiß nicht recht, ob er empört sein soll oder über die grotesken Ermittlungen lachen muss. »Die Geschichte von den Blüten und den Fälschern ist erfunden. Ich hätte mir den Besuch in der Bruchbude des Einbeinigen genauso sparen können wie die Reise nach Travemünde!«
»Die Ostsee ist doch schön.« Der Lieutenant hebt entschuldigend die Hände. »Aber ich durfte nichts verraten, selbst Freunden gegenüber, Befehl von ganz oben. Sie können sich die Aufregung im Hauptquartier vorstellen: Wir schaffen unter höchster Geheimhaltung und Absicherung neues Geld aus Amerika heran – und das taucht in Hamburg auf dem Goldbekplatz auf, noch während wir die Scheine in den Tresoren stapeln.«
»Sie haben eine undichte Stelle.«
»Und zwar sehr nah an der Quelle. Zum Glück tröpfelte es nur hinaus.«
»Eigentlich ist es jetzt nicht mehr so wichtig, den Täter zu finden. Am Sonntag halten wir alle diese Lappen in den Händen. Die paar Pfennigscheine werden das Vertrauen in das neue Geld nicht zerstören.«
»Ab Sonntag würde es aber auch nicht mehr auffallen, wenn aus dieser undichten Stelle nicht mehr nur Tropfen austreten, sondern sich ein wahrer Strom ergießt. Jeder Deutsche erhält ein Kopfgeld von vierzig Mark. Was wird geschehen, wenn plötzlich auf dem Goldbekplatz vierhundert Mark auftauchen? Oder viertausend?«
»Die neuen Lappen wären so viel wert wie die alten Lappen.«
»Ich will diesen Kerl noch immer festsetzen.«
»Und ich habe die ganze Zeit nach einem Fälscher gesucht, einem Drucker oder einem Künstler. Vielleicht ist es eher ein englischer Militärpolizist.«
»Ein Engländer, selbst in Zivil, würde auf dem Schwarzmarkt am Goldbekplatz auffallen wie ein Sherman auf dem Parkplatz bei Ascot. Unser Mann ist ein Deutscher.«
»Nehmen wir an, wir haben es mit einem Einheimischen zu tun. Und was dann?«
»Sie haben einen Verdacht?«
Stave schüttelt müde den Kopf. »Nein. Es gibt noch keinen Verdächtigen.«
»Aber eine erste Spur? Verraten Sie mir etwas?«
»Geht nicht. Befehl von ganz oben.«
MacDonald blickt ihn einen Moment verblüfft an, lacht laut auf und schlägt ihm auf die Schulter. »Geschieht mir recht. Halten Sie mich trotzdem auf dem Laufenden?«
»Ohne Sie bin ich sowieso aufgeschmissen«, erinnert ihn der Oberinspektor.
»Richtig. Die Sache Harlan. Ihr anderer Fall. Sie dürfen ihn morgen befragen. Genauer: Wir dürfen ihn befragen. Ein Engländer muss dabei sein. Frau Söderbaum hat darauf bestanden.«
»Das heißt, dass Harlan und seine Frau bereits wissen, dass ich sie verhören will?«
»Das ließ sich nicht vermeiden. Sie ahnen allerdings nicht, warum sich ein Oberinspektor der Kriminalpolizei für sie interessiert. Könnte mir denken, dass sie das nervös macht.«
»Wenn ich Harlans Vergangenheit hätte, wäre ich auch nervös.«
Ein paar Minuten später rumpelt der Jeep auf den geflickten Straßen Richtung Winterhude. Stave fällt zum ersten Mal auf, wie viele Ruinen inzwischen mit provisorischen Flachdächern geschützt sind.
»Es geht voran«, ruft MacDonald munter, der dem Blick des Oberinspektors gefolgt ist. »Jetzt noch das neue Geld – und in zehn Jahren seit ihr Deutschen bereit für die nächste Runde.« Er lacht.
»Vielleicht kämpfen wir zur Abwechslung mal Seite an Seite statt gegeneinander.«
»O ja – gegen Onkel Joe. The Road to Moscow. Die Kameraden von der US Army wollen, wie ich höre, ihre indianischen Scouts gegen ein paar Landser austauschen. Die kennen ja schon den Weg.«
»Hinein nach Russland und auch wieder heraus.« Stave denkt an seinen Sohn, den die Ostfront die besten Jahre seiner Jugend gekostet hat. In zehn Jahren, rechnet er im Geiste, ist Karl gerade dreißig. Jung genug, um den ganzen Schlamassel noch einmal mitzumachen. Hört das denn nie auf?
Er gibt sich einen Ruck. »Ich möchte Sie noch etwas fragen. Etwas Persönliches«, beginnt er.
Der Lieutenant blickt konzentriert durch die nasse Windschutzscheibe, als kreuzte er den verkehrsumtosten Piccadilly Circus und führe nicht durch die verlassenen Straßen einer zertrümmerten Stadt. »Wenn Sie nicht wissen wollen, wie Sie mir Erna ausspannen können, werde ich Ihnen jede Frage beantworten.«
»Es geht tatsächlich um eine Frau. Anna von Veckinhausen.« Der Kripo-Mann hält die Luft an, nachdem er ihren Namen ausgesprochen hat. Er hat nie zuvor mit dem Lieutenant über sie geredet, weiß nicht einmal, ob der Engländer etwas von ihrem früheren Verhältnis ahnt.
»Ihre Freundin«, stellt MacDonald rundheraus fest.
»Das ist eine komplizierte Geschichte.«
»Jede anständige Frauengeschichte ist eine komplizierte Geschichte.«
»Ist Anna bei den Engländern …«, Stave sucht nach dem richtigen Wort, »bekannt?«, schließt er lahm.
MacDonald erlaubt sich ein jungenhaftes Lächeln. »Machen Sie sich keine Sorgen: Die ganze Garnison weiß, dass diese Dame unseren Offizieren Antiquitäten verkauft. Und selbst der dümmste Rekrut kann sich denken, woher sie ihre Schätze hat – und dass man sie besser in Ruhe lässt, wenn man nicht höllischen Ärger mit einigen kunstsinnigen Colonels und Captains riskieren will.«
»Ich denke eher an die familiären Verstrickungen der Frau von Veckinhausen.«
Der Lieutenant wirft ihm einen raschen, prüfenden Blick zu. »Sind das wirklich private Fragen und keine polizeilichen Ermittlungen?«
Staves Herzschlag setzt für einen Moment aus. »Ja. Aber müsste es mich interessieren? Ich meine: als Polizisten?«
»Bedauerlicherweise ja. Obwohl das eher eine Sache meiner Kameraden ist.« Der Engländer schaltet einen Gang hoch, eine ruckartige, fast wütende Geste. Als hasste er das, was er gerade tun muss. »Die Dame, von der wir sprechen, hat wieder ihren Mädchennamen angenommen, nachdem sie als Ostflüchtling in Hamburg gestrandet war. Was strenggenommen nicht ganz legal ist. Denn um das zu tun, muss man erst einmal vor Gericht ordentlich geschieden worden sein.«
»Wer ist ihr Mann?« Stave merkt, dass seine Stimme klingt, als habe ihm jemand mit einem Schlag in die Magengrube die Luft aus dem Leib gepumpt.
»Klaus von Gudow. Hier kommen meine Kameraden ins Spiel. Wir würden diesen Klaus von Gudow gerne befragen. Wir würden ihn noch lieber vor Gericht stellen. Und am liebsten würden wir ihn aufknüpfen.«
»Ein Kriegsverbrecher?« Stave schwindelt.
»Auf der Liste der gesuchten Kriegsverbrecher steht er nicht auf dem ersten Blatt, aber ziemlich weit oben auf dem nächsten. Die zweite Garde des NS-Regimes. Die Kerle, die die Sache zum Laufen brachten.«
»Die Sache?«
»Den Judenmord.«
Stave schließt die Augen. »Sie können mir ruhig die ganze Geschichte zumuten«, murmelt er.
»Tut mir leid, alter Junge. Ich würde Ihnen das alles gerne ersparen. Aber da Sie selbst davon anfangen …«
»Ich habe zufällig Annas alte Handtasche gesehen, mit ihren Initialen: A.v.G. Da macht man sich seine Gedanken.« Stave verzichtet darauf, auch von dem eingetauschten Ehering zu berichten und von Dönneckes Notizen.
»Klaus von Gudow«, fährt der Lieutenant mit nüchterner Stimme fort, »ist ein ostelbischer Junker wie aus dem Bilderbuch: Ahnen aus dem Mittelalter. Irgendwelche Urgroßväter, die sich mit Bismarck auf dem Paukboden schlugen. Der Vater war ein persönlicher Freund Hindenburgs. Gudow selbst ist ein Jurist mit Prädikatsexamen, der im diplomatischen Dienst eine beeindruckende Karriere absolviert hat. Er hatte das richtige Parteibuch.«
»Vor 1933?«
»Weit davor. Jedenfalls endete dieser Aufstieg im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße: Legationsrat und Leiter des Amtes D III. Intern das ›Judenreferat‹ genannt.«
»Aber er ist Ihnen 1945 entwischt?«
»Leider. Verschollen im Endkampf um Berlin. Gerüchte über einen Klaus von Gudow in Österreich. In Italien. In Argentinien. In Paraguay. Niemals Beweise. Als seine Gattin in Hamburg auftauchte, fanden unsere Leute das natürlich interessant. Vielleicht versteckt sich der dazugehörende Gatte irgendwo in Hamburg? Wir haben sie eine Zeitlang observiert. Fehlanzeige. Das und der Namenswechsel legen nahe, dass sie Klaus von Gudow sehr gründlich vergessen will.«
Stave denkt wieder an den Ring, den Anna beim Juwelier gekauft hat. Das wirkte wie das Gegenteil von gründlichem Vergessen. »Hat Anna von Veckinhausen etwas …«, er zögert, »mit der Sache ihres Mannes zu tun?«
»Niemand hat je gegen sie ermittelt. Sie hatte kein Amt inne, hatte nicht einmal ein Parteibuch. Sie war die Hausherrin. Gastgeberin eines recht geschätzten Salons in Berlin, wenn ich mich recht entsinne. Sehr kultiviert. Wissen Sie, die Hälfte der Leute, die auf unserer Fahndungsliste stehen, besteht aus Schlägern, Sadisten und anderen Wahnsinnigen. Charakterliche Wracks, die in der SA aufgestiegen sind und später in einem KZ oder einem Ghetto ihre Triebe ausleben konnten. Die zweite Hälfte jedoch kommt von einem anderen Planeten: perfekte Familienmenschen, liebevolle Gatten, fürsorgliche Väter, Singen unterm Weihnachtsbaum und zur Sommerfrische an die Ostsee. Männer, die Sie gern als Nachbarn hätten, als Kollegen, vielleicht sogar als Freunde. Man musste nicht unbedingt ein Nazi sein, um mit diesen Männern glücklich zu leben. Vorausgesetzt, man war nicht zufällig Jude oder Kommunist. – Wir sind da.«
MacDonald bremst vor dem Winterhuder Fährhaus. Stave hat gar nicht mehr auf den Weg geachtet. Er fühlt sich wie durchgeprügelt. Ungeschickt wuchtet er seine Beine aus dem Fußraum, drückt sich am Karosserieblech aus dem Sitz.
»Ich hätte Ihnen lieber angenehmere Dinge erzählt. Aber verzeihen Sie, wenn ich mich in Sachen einmische, die mich nichts angehen: Nach diesem schrecklichen Durcheinander«, der Lieutenant deutet mit vager Geste auf die Ruinen ringsum, »hat man eine zweite Chance im Leben verdient.« Er macht eine Pause und tippt zum Abschied mit der Rechten an den Mützenschirm. »Vergessen Sie darüber aber unsere Verabredung nicht: Bei Veit Harlan, morgen.« Er braust davon.
Eine zweite Chance, sagt sich Stave. Er würde nun gerne über alles nachdenken. Doch ihm bleibt dazu keine Zeit. Er schlägt den Mantelkragen hoch, weil es aus den traurigen Kastanien am Straßenrand tropft wie aus einem vollgesogenen Schwamm, nimmt die zehn Schritte bis zum Eingang des Winterhuder Fährhauses und drückt die Klinke hinunter. Durch das Glas hat er Philip Greiner bereits entdeckt: Am hintersten Tisch in der dunkelsten Ecke des Raumes, mit Blick zur Tür. Der ehemalige Gestapo-Mann hat ihn ebenfalls erkannt und nickt nervös. Mitte dreißig, schlank, die blonden Haare straff zurückgekämmt, wasserhelle Augen, ein ständiges Zucken unter dem linken Lid. Der Oberinspektor muss sich zwingen, nicht auf diesen Tick zu starren.
»Schön, dass Sie pünktlich sind«, begrüßt er ihn, setzt sich. Keiner bietet dem anderen die Hand an.
»Schön für Sie vielleicht«, erwidert Greiner und fingert eine John Players aus der Packung, klopft sie auf den Tisch, zündet sie umständlich an. »Für mich ist das hier ungefähr so angenehm wie ein Termin beim Zahnarzt«, murmelt er durch eine blaue Qualmwolke, die zwischen seinen dünnen, farblosen Lippen quillt. Stave muss an die rauchenden Trümmer am Morgen nach den nächtlichen Bombenangriffen denken. Nimm dich zusammen. Er sieht, dass eine schmale, schwarze Aktentasche unauffällig neben Greiners linkem Fuß steht. Ein gutes Zeichen.
»Essen wir etwas«, schlägt der Oberinspektor vor, »zumindest das unterscheidet unser Treffen von einem Arztbesuch.« Er winkt den Oberkellner heran. Da die meisten Lebensmittel rationiert sind, kann man auch drei Jahre nach Kriegsende kaum eine Mahlzeit in einem Restaurant bestellen. Legal zumindest. Inzwischen hat sich jedoch ein neuer Brauch eingespielt, den Stave eigentlich hasst, wie er alle Tricks hasst, mit denen sinnvolle Regeln umgangen werden. Aber an diesem Tag will er ihn selbst anwenden, denn er glaubt, dass der ehemalige Gestapo-Mann mit vollem Bauch gesprächiger wird.
»Ich habe leider meine Lebensmittelmarken vergessen«, sagt er mit bedauerndem Lächeln zum Oberkellner und verachtet sich dafür.
Der nickt verständnisvoll. »Ich könnte Ihnen meine leihen«, säuselt er. »Gegen 30 Reichsmark Pfand.«
Greiner blickt rasch von seinem Gegenüber zum Kellner und zurück, dann fällt ihm plötzlich ein, dass er ebenfalls seine Marken vergessen hat. Der Kellner verschwindet, 60 Reichsmark in der Tasche, in seinem Block eine Bestellung von Kartoffelsalat und Brot.
»Sie überraschen mich«, gesteht Greiner, als der Kellner außer Hörweite ist.
»Ich habe Hunger«, erwidert der Oberinspektor, und das ist nicht einmal gelogen.
An einem Nebentisch wird unauffällig eine Flasche Rheinwein entkorkt, von irgendwo her duftet es verführerisch nach Mokka. »Hier werden Hunderte Reichsmark verfressen«, brummt Greiner verdrießlich.
»Nächste Woche können Sie sich mit den Lappen nur noch Zigaretten anzünden.«
»Dafür reicht mein Geld auch nicht mehr.«
»Sie hat es hart erwischt?«
»Wer nimmt mich schon? Der alte Beruf klebt an mir wie Aussatz. Und ein Gerichtsverfahren droht mir auch noch. Dabei habe ich bloß meine Pflicht getan.«
»Wer klagt Sie an?«
»Staatsanwalt Ehrlich. Ein Jude, ist doch typisch.«
Armes Schwein, denkt Stave mitleidlos. Laut sagt er: »Vielleicht kommen Sie ja glimpflich davon. Gibt ja auch andere, die weich gefallen sind.«
Er deutet mit dem Kinn auf einen schmalen Mann in langem Wollmantel, der eben eintritt. Korrekter Seitenscheitel, Halstuch, Hut, ernster Blick. Großes Hallo, der Oberkellner buckelt, ein freier Platz an einem hellen Tisch, Gläsergeklirr. Carl Vincent Krogmann, Kaufmann, Nationalsozialist – und bis zum Mai 1945 Erster Bürgermeister Hamburgs. Er setzt sich zu mehreren distinguierten Herren, lächelt jovial.
Greiner mustert ihn, weiß vor Wut. Seine Lippen zittern, sein Augenlid flattert.
»Frisch aus der Internierungshaft in Bielefeld«, flüstert Stave. »Dem wird nicht mehr viel geschehen.«
»Die Kleinen henkt man und die Großen prassen«, flüstert Greiner, Mordlust in den Augen. Stave fragt sich, wie es gewesen sein muss, im Stadthaus in einer Gestapo-Zelle zu sitzen, bis jemand die Tür aufreißt und man in dieses Gesicht starrt.
»Manchmal stolpern auch die Großen«, sagt er und bemüht sich um ein sardonisches Lächeln.
Der Gestapo-Mann nickt, reißt die schwarze Tasche hoch und knallt sie auf den Tisch. »Also gut. Was wollen Sie wissen?«
»Haben Sie die Akte Schramm?«
Greiner schüttelt den Kopf. »Sie stellen naive Fragen.«
»Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.« Dem Oberinspektor ist klar, dass die Gestapo im April 1945, nachdem die Briten schon Lüneburg eingenommen hatten, im Stadthaus, im Gefängnis Fuhlsbüttel und im KZ Neuengamme Spuren verwischt hat: Dokumente verbrannt, Häftlinge exekutiert. Keine Beweise, keine Zeugen. Wahrscheinlich einer der Gründe dafür, warum der Mann ihm gegenüber noch frei herumläuft, trotz aller Bemühungen von Staatsanwalt Ehrlich.
Greiner zieht eine Karteikarte aus grauer Pappe hervor. »Eine Personalkarte«, flüstert er und lächelt wehmütig. »Zwei Millionen hatten wir davon: Juden, Kommunisten, warme Brüder, Bibelforscher, Gewohnheitsdiebe, Engelmacherinnen. Wir haben sie alle erfasst. Reichsfeinde. Wehrkraftzersetzer. Einmal irgendwo im Reich bei der Gestapo gelandet – und der Name steht für immer in der Kartei. Die Menschen haben immer gedacht, dass unsere Spitzel allgegenwärtig sind. Oder dass wir in den Zellen alles aus den Gefangenen herausprügeln.«
»Haben Sie das nicht?«
»Doch. Aber dafür muss man ja erst einmal einen Gefangenen haben. Und das«, Greiner streicht liebevoll über den Karton, »ist unser Gedächtnis gewesen. Namen, Namen, Namen. Sind wir alle nicht immer noch Jäger und Sammler, wie unsere Ahnen in den Höhlen? Der Jäger ist der Held. Aber der Sammler ist derjenige, der für die harten Zeiten vorsorgt. Wir haben die ausführlichen Akten vor den Nasen der Tommys verbrannt. Aber diese Karten, zumindest einige, habe ich behalten. Für andere Zeiten.«
Stave fragt sich, ob es irgendwo auch eine Karte gibt, auf deren Vorderseite sein Name in penibler Schrift geschrieben steht. Er zieht die Pappe aus Greiners widerstrebendem Griff.
»Schramm, Dr. Alfred«, liest er, darunter die Adresse, die er schon kennt. »Bankier, kein Pg, Kontakte zum Ausland«, steht dort. Vermerke darüber, dass Schramm verdächtigt wird, Geld über die Grenzen zu schaffen und Juden »zu unterstützen«. Ein Verzeichnis mehrerer Verhöre und Hausdurchsuchungen. Kein Hinweis auf ein je ergangenes Urteil. Kein Vermerk über »entartete Kunst«. Kein Name eines mit Schramm verdächtigten Komplizen, Gehilfen oder Mitarbeiters. Wäre auch zu schön gewesen, wenn ich etwas über expressionistische Werke bei der Gestapo lesen würde, denkt sich der Oberinspektor, oder wenn mir hier ein Mann mit dem Vornamen »Rolf« entgegengeleuchtet hätte.
»War das Ihr Fall?«, fragt er.
Greiner schüttelt den Kopf. »Ich hatte nie mit dem zu schaffen. Ich habe diese Personalkarte nur behalten, weil Schramm ein einflussreicher Mann geblieben ist. Und man kann ja nie wissen …«
Stave dreht die Karteikarte um. Die Namen der Polizeibeamten, die für die Anlegung der Personalkarte verantwortlich waren. Zwei kaum leserliche Namen, die Stave nichts sagen. Und ganz unten: »Cäsar Dönnecke, K.z.b.V.«
Die Abkürzung steht für »Kommando zur besonderen Verwendung« – eine Sondereinheit in Hamburg, die auf allen Dienststellen gefürchtet war.
»Der Dönnecke hat es richtig gemacht«, brummt Greiner, der dem Blick des Oberinspektors gefolgt ist. »Hat sich nie zur Gestapo versetzen lassen, ist immer brav bei der Kripo geblieben. Die Tommys haben ihn laufengelassen.«
»Ich weiß«, murmelt Stave düster. Plötzlich ahnt er, warum Dönnecke den Fall des unbekannten Toten im Reimershof geräuschlos beenden möchte: Der hat Angst, dass jemand vom Reimershof auf Schramm kommt – und von Schramm wiederum eine Verbindung zu Dönnecke herstellt. Schramm hat jetzt wieder viel Macht. Würde der Bankier erfahren, dass einer seiner einstigen Bedränger immer noch bei der Polizei ist und gar in seinen alten Angelegenheiten herumschnüffelt, er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um Dönnecke zu ruinieren.
»Dabei hat der Dönnecke mit uns zusammen im K.z.b.V. gearbeitet«, fährt Greiner ungerührt fort, weil ihm Staves Wut entgeht. »Ein ganz harter Hund. Hat noch im Februar 1945 zwei Arbeiter überführt, die in einer zerbombten Fabrik Lebensmittelmarken gefunden und verschanzt hatten. SA-Männer der ersten Stunde. Hat ihnen nichts genutzt.« Mit den Händen formt er eine imaginäre Schlinge und legt sie sich um den Hals.
Stave nimmt die Karteikarte und steckt sie ein. Er macht sich nicht die Mühe, um Erlaubnis zu bitten. Als der Oberkellner kommt und den Kartoffelsalat bringt, reibt Greiner verlegen die Fingerspitzen aneinander, wartet, bis der Kellner wieder gegangen ist, blickt sich um, reckt schließlich vertraulich den Kopf über die Tischplatte. »Als SS-Sonderführer Heißmeyer, der im KZ Neuengamme mit Häftlingen Tuberkulose-Experimente durchgeführt hat, im Frühjahr 1945 kalte Füße bekam, ließ er zwanzig infizierte Kinder in eine Schule am Bullenhuser Damm bringen. Im Keller bekamen die Kinder Morphium, dann haben einige Männer die Bewusstlosen erhängt. Und jetzt raten Sie mal, wer dabei war.«
Stave starrt auf den Kartoffelsalat und dann aus dem Fenster. Sein Magen fühlt sich an, als hätte er Säure geschluckt. »Beweise?«, keucht er.
»Ich könnte welche suchen. Haben Sie was gegen den Kollegen Dönnecke?«
»Man kann ja nie wissen«, murmelt Stave. Wenn ich jetzt laut werde oder einfach gehe, dann wird der Kerl mir nie wieder etwas anvertrauen, denkt er. Und vielleicht brauche ich ihn noch. Er zwingt den ersten Löffel Kartoffelsalat in den Mund und würgt die klebrige Pampe hinunter.
»Für dreißig Reichsmark konnte man zu Führers Zeiten an die See fahren«, verkündet Greiner, »und so einen Salat hätte man nicht einmal einem Juden vorgesetzt.« Aber er schaufelt seine Mahlzeit trotzdem mit erstaunlicher Geschwindigkeit in sich hinein.
»Die Zeiten ändern sich«, erwidert Stave und wünscht sich, dass er weit fort wäre.