Travemünde

Mittwoch, 16. Juni 1948

Stave und MacDonald fahren in einem dunkelgrünen britischen Jeep über die alte Reichsstraße 75 Richtung Nordost. Hamburg haben sie schon vor einer halben Stunde verlassen. Felder zu beiden Seiten des Kopfsteinpflasters, niedergedrückte blassgelbe Ähren, Kartoffeläcker wie Sümpfe. Ein gebeugter Bauer, der einen massigen dunklen Kaltblüter über eine Wiese führt. Der Sturm peitscht Regen aus Nordwest heran. So ist es schon im Mittelalter gewesen, denkt Stave. Durch einen Riss im Stoffverdeck des Autos dringt Nässe ins Segeltuchgewebe. Inzwischen ist das ganze Dach so feucht, dass jedes Mal ein feiner Schauer auf die beiden Insassen niedergeht, wenn der Geländewagen mit harter Federung über eine Bodenwelle springt. Die kleinen Scheibenwischer zucken über die Windschutzscheibe, doch der Oberinspektor kann trotzdem keine hundert Meter weit sehen. Er ist froh, dass er nicht fahren muss.

In aller Frühe hat er dem Lieutenant vorgeschlagen, mit ihm nach Travemünde zu reisen. Der Brite hat angenommen und, was Stave heimlich gehofft hatte, auch ein Militärfahrzeug angeboten, sodass er sich keinen der wenigen Peterwagen ausleihen und sich mit Fahrtenbüchern und rationiertem Benzin herumärgern muss.

Eine Zeitlang folgen sie einem zerbeulten braunen Opel Olympia aus Vorkriegsbeständen. Am Steuer muss ein Deutscher sitzen: Das Auto trägt ein Nummernschild mit den Buchstaben »BH« und vier Ziffern. Bis vor ein paar Wochen teilten die Besatzungsbehörden noch Nummernschilder mit »HG« zu, für »Hamburg Government«. Nun also »Britische Zone Hamburg« – eine winzige Formalie in zwei Buchstaben, trotzdem ein Zeichen der Entspannung und der Normalität, eine Abkürzung wieder in der eigenen Sprache entziffern zu können und nicht in der der fremden Soldaten. Als die Landstraße freier wird, gibt der Vordermann Gas und entschwindet dem Jeep.

»Der wird vor uns an der Ostsee sein«, murmelt MacDonald gleichmütig, täuscht den Oberinspektor jedoch damit nicht: In seiner Stimme schwingt die Enttäuschung des ehrgeizigen, doch abgehängten Autofahrers mit.

»Ich hoffe, wir unternehmen diese Reise nicht auch noch umsonst«, erwidert er. »Wir sind nicht angemeldet.« Ferngespräche sind, um den Zusammenbruch des maroden Telefonnetzes zu vermeiden, zwischen 19.30 Uhr und 7.30 Uhr verboten. An diesem Morgen hat es der Kripo-Mann einmal versucht, doch eine Telefonistin sagte ihm, dass er bis zu sechs Stunden auf eine freie Leitung hätte warten müssen. Auf ein Telegramm nach Lübeck hat er verzichtet: Oft werden die Depeschen von Boten auf dem Fahrrad oder zu Fuß weitergetragen – da ist er schneller, wenn er gleich mit dem Auto kommt.

»Unser Künstler wird schon nicht davonlaufen«, sagt der Lieutenant, nun wieder fröhlich. »Zumal ihm ein Geschäft winkt.«

»Ich will kein Bild bei ihm bestellen.«

»Aber ich.«

Stave sieht den Offizier erstaunt an. »Sie interessieren sich für Kunst?«

»Ich bin kein Barbar. Der Bronzekopf, den Sie mir aus den Polizeiakten gezeigt haben, gefällt mir. Ich hätte gerne einen ähnlichen für mein Wohnzimmer, irgendwann in Schottland. Mit Ernas Zügen. Und wenn wir keine Bronze auftreiben können, dann bestelle ich ein gemaltes Porträt.«

»Vielleicht kann man die Hülse einer Flakgranate einschmelzen und daraus ein Kunstwerk gießen?«

»Jetzt klingen Sie wie ein Pazifist. Aber etwas Solides aus Metall wäre mir schon lieber als eine Arbeit auf Papier. Und für Erna wäre es eine passende Erinnerung an Hamburg.«

Staves Rechte verkrampft sich kurz am Haltegriff auf dem Armaturenbrett. »Sie reisen bald ab?«

»Noch diesen Monat. Es zerreißt Erna das Herz. Einerseits will sie fort mit mir, andererseits wird sie ihren Sohn zurücklassen müssen. Der ist doch erst acht Jahre alt.«

»Er lebt bei seinem Vater?«

»Das Gericht hat ihm das Sorgerecht zugesprochen. Obwohl er«, der Lieutenant zögert, sucht nach dem richtigen Begriff, »ziemlich jähzornig ist.«

»Er schlägt ihn?«

»Der Kleine kann ihm meistens davonlaufen. Der Mann ist einbeinig.«

»Ist der Kerl arbeitslos?«

MacDonald lacht freudlos auf. »Ein Krüppel in diesen Zeiten? Selbstverständlich ist er arbeitslos. Aber eben kein Ehebrecher. Die Scheidung ist Ernas Schuld, sie verliert das Sorgerecht, so steht es im Gesetz. Irgendwie bezahlt jeder einen Preis, der aus diesem Trümmerhaufen herauswill.« Der Lieutenant starrt angestrengt geradeaus.

»Und was zahlen Sie?«

»Zunächst einmal das, was Weber von mir verlangt.«

»Kunst ist teuer.«

»Das ist relativ. Mal sehen, ob die Augen unseres Künstlers aufleuchten, wenn ich nicht mit Reichsmarkbündeln, sondern mit Pfundnoten wedle. Vielleicht habe ich ja den richtigen Riecher: Wenn alles wieder besser wird, könnte einer wie Weber zum internationalen Star werden. Galerien in London, New York, Paris. Ich werde das Werk wieder verkaufen, streiche dabei immense Gewinne ein und quittiere den Dienst.«

»Sie würden ein Porträt von Erna verkaufen?«

MacDonald schüttelt den Kopf. »Sie haben recht: Ich sollte in Travemünde gleich zwei Sachen bestellen. Eine Skulptur für das Wohnzimmer und eine für den Banksafe.«

»Das klingt, als hätten Sie die Idee von einem gewissen Hamburger Bankier. Und Ihre schöne Geldanlage funktioniert nur, wenn Weber nicht der Produzent der gefälschten Pfennigscheine ist, die Ihre Vorgesetzten so beunruhigen.«

»Wenn er das ist, dann wird er bald viel Zeit zum Malen haben. Jahre. Allerdings wird es dann nichts mit den Reisen zu Vernissagen in anderen Ländern.«

»Sie halten ihn für den Fälscher?«

»Nach allem, was Sie mir über Weber berichtet haben, klingt das ziemlich absurd. Aber er scheint unsere einzige Spur in diesem Fall zu sein.«

»Nicht nur in diesem.« Der Oberinspektor erzählt ausführlich von Schramm, der den Bronzekopf 1938 in seiner Villa aufgestellt hatte, sich heute jedoch daran nicht mehr erinnern will.

»Ob die Fälle zusammenhängen?«

»Was sollen diese seltsamen Geldscheine mit dem wiederaufgetauchten Bronzekopf zu tun haben?«

»Schramm ist Bankier.«

Stave blickt den Engländer skeptisch an. »Das ist eine sehr vage Verbindung. Zu vage, um das Cuddel Breuer oder gar dem Staatsanwalt zu präsentieren.«

»Aber Sie haben auch schon daran gedacht, nicht wahr?«

»Sie kennen mich zu gut«, gibt der Oberinspektor zu. »Kunst, Geld, ein Bankier – das klingt irgendwie passend. Aber mehr habe ich nicht in der Hand.«

»Noch nicht. Wir sind bald da.«

Sie fahren in eine Ostseeidylle, als hätte es nie einen Krieg gegeben: Häuser für die Sommerfrische, Terrassen, bunte Fensterläden, gepflegte Vorgärten, Hotels, das Zimmer mit Meeresblick für 500 Reichsmark die Nacht, Frühstück mit Marmelade und echtem Bohnenkaffee inklusive. Die Luft schmeckt nach Salz und Gras und dem Ruß aus dem Schornstein einer großen Schwedenfähre, die gerade im Hafen anlegt.

»Schön, dass die Kameraden der Royal Air Force wenigstens diese Stadt vergessen haben«, kommentiert der Lieutenant. Stave schweigt dazu. Die beiden Männer passieren das Spielcasino – eleganter Jugendstil, vor kurzem wieder eröffnet.

»Liegt es nur am Regen«, wundert sich MacDonald, »dass ich hier kaum jemanden sehe? Das Casino ist leer, die Terrassen verlassen. Ich hatte immer gehört, Travemünde sei das Paradies der erfolgreichen Schieber. Für irgendjemanden müssen sie das Casino und die Hotels doch wieder geöffnet haben.«

»Für die Schieber aus allen Zonen. Sie haben recht, bis vor einigen Wochen vergnügten sich hier viele Tausend Jahre Gefängnis. Aber die Gerüchte vom Tag X haben der Klientel die Laune verdorben. Jeder will zu Hause sein, wenn die entscheidende Stunde schlägt. Mein Vorgesetzter vom Chefamt S bekommt Magengeschwüre, weil all die Schieber, die in normalen Sommern ausgeflogen sind, nun in Hamburg hocken und er viel zu wenige Männer hat, um gegen diese Invasion zu ermitteln.«

MacDonald stoppt neben einem Hotel. Stave fragt den gelangweilten Portier nach der Adresse, die ihm Michel gegeben hat. Fünf Minuten später parkt der Jeep vor dem Haus, das Toni Weber bemalen soll: eine Villa aus Holz mit viereckigem Aufbau, der an einen kleinen Leuchtturm erinnert. Ostseeblick, ein Vorgarten so groß wie ein Marktplatz, hinter dem Gebäude erkennt der Oberinspektor die rötliche Ecke eines Tennisplatzes.

»Netter Job«, kommentiert MacDonald anerkennend.

»Wäre wirklich schade, wenn wir ihn mitten während der Arbeit verhaften müssten«, brummt Stave und schwingt seinen durchgerüttelten Körper aus dem Wagen.

Ihnen öffnet ein hagerer Mann, gebeugte Haltung, durch die er noch kleiner wirkt, als er schon ist. Braune Haare, eine Spur zu lang, große Augen, die dunkle Haut eines Menschen, der oft im Freien arbeitet, ungewöhnlich kräftige Hände mit langen Fingern. Er trägt einen langen, mit Farbklecksen gesprenkelten Arbeitskittel. Der Oberinspektor erkennt ihn vom Foto aus der Polizeiakte wieder.

»Herr Weber«, begrüßt er ihn, »wir möchten mit Ihnen sprechen.«

Nackte Angst im Blick, als der Künstler den Polizeiausweis mustert, der ihm vor das Gesicht gehalten wird, die Uniform des Engländers, den Jeep vor der Tür.

»Das ist nicht mein Haus«, stammelt Weber.

»Wir wollen es auch nicht kaufen. Wir wollen von Ihnen nur ein paar Dinge erfahren.«

»Ein Verhör?«

»Es liegt nichts gegen Sie vor.«

Weber führt sie hinein. Hohe Sprossenfenster, die Zimmer sind hell, die Räume wirken noch größer, als sie sind, weil Möbel und Vorhänge fehlen. Weber geht voran bis zur Rückseite, wo sich ein Zimmer über eine Terrasse zu einem Garten hin öffnet. Rosen an bogenförmigen Ranken, die ersten Blüten sind offen: rote Punkte in einer regengrauen Welt. Stave erinnern sie an Blutstropfen.

»Ich muss nur schnell die Farbdosen schließen, damit nichts eintrocknet«, erklärt der Künstler. In dem Raum steht eine Leiter, der Parkettboden ist mit alten Zeitungen abgedeckt. An der Rückseite des Salons ist mit schwarzen Linien ein Bild auf den Putz gezeichnet, dessen Flächen Weber offenbar gerade mit einer scharf riechenden Farbe ausgemalt hat – eine Ostseelandschaft mit Wogen, Segelschiffen, Möwen, Wolken, einem Leuchtturm auf einer Steilküste und einem Dampfer am Horizont.

»Der Wunsch des Hausherrn«, erklärt Weber in einem Tonfall, der nicht verheimlicht, dass ihm sein eigenes Werk peinlich ist.

»Sieht nicht gerade expressionistisch aus.«

»Das ist noch freundlich formuliert. Aber man nimmt heutzutage, was man kriegen kann. Und es übt wieder Hand und Auge und das Gefühl für Farben und Proportionen. Aber Sie haben nicht den Weg von Hamburg bis hier hinaus gemacht, um moderne Wandbilder zu studieren.« Weber blickt sie nervös an.

Stave zieht das Polizeifoto des Bronzekopfes aus seiner Manteltasche. »Erkennen Sie das wieder?«

»Anni Mewes«, ruft er. Plötzlich ist seine abwartende Ängstlichkeit verflogen. »Die hat mir Modell gesessen, kurz nachdem ich in München meine Ausbildung beendet hatte. Muss mehr als zwanzig Jahre her sein, eher schon dreißig. Wo haben Sie die gefunden? Die Bronze sieht schrecklich aus, und die Trümmer daneben …«

Der Oberinspektor erzählt ihm von den Funden im Reimershof, zeigt ihm die Fotos der anderen Werke. »Die sind nicht von mir«, erwidert Weber, »auch wenn mir die Sachen irgendwie bekannt vorkommen. Damals wurden so viele expressionistische Arbeiten gezeigt. Vor 1933.«

»Wie könnte Ihre Bronze in den Reimershof gelangt sein?«

Ein Achselzucken. »Nach der Machtergreifung war es klüger, sich nicht mehr bei Künstlern und Galeristen sehen zu lassen. Ich bin bei der Ufa untergeschlüpft, was Sie sicherlich in Ihrer Polizeiakte gelesen haben. Den Kopf der Anni Mewes habe ich lange Zeit vorher für einen Filmliebhaber in Berlin geschaffen. Ein reicher Schnösel. Vielleicht nicht nur ein Filmliebhaber, sondern auch ein Liebhaber der Anni. Aber was geht mich das an? Ich weiß nicht, ob er das Werk behalten oder irgendwann verkauft hat. Ich hatte es schon mehr oder weniger vergessen – bis zum Sommer 37. Da wurde mein Bronzekopf plötzlich in der Ausstellung ›Entartete Kunst‹ präsentiert.«

»Da waren Sie in der Gesellschaft vieler berühmter Kollegen.«

»Für den Goebbels waren wir alle Volksfeinde. Das konnten Sie damals jeden Tag in der Zeitung lesen. Und in der Wochenschau gab es Filme darüber. In einer Einstellung, als Hitler und sein Propagandaminister durch die Ausstellung wandern und spotten, konnte man im Hintergrund die Anni Mewes auf einem Podest erkennen. Als ich das im Kino gesehen habe, da bin ich noch im Dunkeln während der Vorführung hinausgeschlichen. Ich dachte jeden Tag, jetzt klopft die Gestapo bei mir an.«

»Klopfte sie an?«

»Nie. In der ›Entarteten Kunst‹ wurden ja noch Hunderte weitere Werke präsentiert. Da habe ich mich nach und nach wieder beruhigt. Die berühmtesten Werke haben die Nazis schließlich zerstört oder ins Ausland verramscht. Die anderen kamen irgendwo ins Depot und wurden vergessen. Meine Anni Mewes gehörte zur zweiten Kategorie. Ich habe sie später noch einmal bei meiner Arbeit gesehen: Die trat in einem Propagandafilmchen auf.« Er lacht. »Der Bronzekopf der Anni ist beinahe in mehr Filmen zu sehen gewesen als die Gute selbst.«

»Wann war das?«

»Im Frühjahr 38. An den genauen Tag erinnere ich mich nicht mehr.«

Stave rechnet nach: Im Herbst 1937 wird der Bronzekopf in der Ausstellung »Entartete Kunst« präsentiert. Die meisten Werke wurden extra dafür requiriert. Er erinnert sich daran, wie die Polizei mithalf, in der Hamburger Kunsthalle missliebige Werke von den Wänden zu nehmen und abzutransportieren. Ganze Säle leerten sich so. Spätestens dann also muss das Bildnis der Anni Mewes dem ursprünglichen Auftraggeber abgenommen worden sein. Im Frühjahr 1938 taucht es bei einem Filmchen auf – wieder, wenn auch nur als belanglose Requisite, als Inszenierung unter Aufsicht des Propagandaministeriums. Im Winter 1938 steht die Büste jedoch plötzlich in den Privaträumen des Hamburger Bankiers Doktor Alfred Schramm. Hat er sie vom Propagandaministerium gekauft? Ein Bankier, der nicht gerade ein Freund der Nazis war? Ziemlich unwahrscheinlich. Und im Sommer 1943 wird die Bronze in den Trümmern eines Hauses verschüttet, in dem Schramm Räume angemietet hatte. Seltsame Odyssee.

»Kennen Sie einen Doktor Alfred Schramm?«

Webers Gesichtszüge werden wehmütig. »Der Bankier? Ein großer Förderer der Kunst und der Künstler. Und: Im Gegensatz zu vielen Männern seines Standes schätzt er nicht nur die Werke toter Künstler, sondern hält auch zeitgenössische Meister am Leben. Zumindest manche. Wenn der einen Maler entdeckt, dann ist das wie ein Lotteriegewinn. Dieses Glück hatte ich in den zwanziger Jahren leider nicht. Und ab 1933 habe ich ja nichts mehr geschaffen, das irgendwer hätte sammeln können.«

»Und seit 1945?«

Weber lacht. »Wenn Schramm mein Mäzen wäre – glauben Sie, ich würde dann das hier pinseln?« Er deutet auf die Ostseeidylle an der Wand.

»Sind Sie Schramm einmal persönlich begegnet?«

»Nie.«

»Wissen Sie, ob Schramm – und sei es über einen Mittelsmann oder eine Galerie – schon einmal ein Werk von Ihnen erworben hat?«

»Ich habe von ihm noch nie Geld erhalten. Da wird er wohl auch noch nie eine Arbeit von mir gekauft haben.«

»Kein Geld von Schramm? Auch nicht vor dem Krieg? 1938 etwa?«

»Keinen Pfennig. Nie.«

Da haben wir doch schon mal ein Motiv, warum Schramm leugnet, den Bronzekopf zu kennen, denkt Stave und atmet tief durch. Die ermüdende Fahrt nach Travemünde war nicht umsonst. Flüchtig fragt er sich, ob er Weber von dem Foto in Schramms Villa erzählen soll, entscheidet sich jedoch dagegen. Über den namenlosen Toten im Reimershof wird ihm Weber wohl auch nichts erzählen können. Ein Blick zu MacDonald. Der Brite sieht unglücklich aus. Der Oberinspektor unterdrückt ein Lächeln. Den Lieutenant interessiert die Irrfahrt eines Bronzekopfes herzlich wenig. Der will etwas über die rätselhaften Geldscheine erfahren.

»Ich habe da noch etwas«, sagt der Oberinspektor im Plauderton und zieht die Pfennigscheine vom Goldbekplatz aus einer Mappe.

Weber starrt darauf, als wären es scharfe Handgranaten. »O nein«, keucht er, »so etwas mache ich nicht mehr. Das mit den Marken war ein Fehler. Ich hatte Hunger. Trotzdem eine Dummheit.«

»Woher wissen Sie, dass es gefälschte Scheine sind?«, fragt Stave sanft.

»Pfennigscheine in diesen Farben? Was soll das denn sonst sein? Deshalb sind sie also eigentlich hier. Der Bronzekopf interessiert Sie einen Dreck.«

Der Kripo-Beamte geht darauf nicht ein. »Wo waren Sie am vergangenen Montag?«

»In Travemünde. Mein Auftraggeber hat mir im Obergeschoss ein Zimmer hergerichtet, solange ich hier arbeite. Morgen werde ich abreisen. Aber die letzten zwei Wochen war ich an der Ostsee.«

»Gibt es dafür Zeugen?«

»Den Bäcker im Ort. Die Putzfrau, die einmal die Woche hier vorbeikommt. Der Nachbar, der muss mich durch die Fenster bei der Arbeit gesehen haben. Er ist«, Weber zögert, »ein sehr guter Freund.«

»Wir werden das überprüfen«, erwidert Stave und macht sich eine Notiz. Wütend unterstreicht er die Worte. Wenn das stimmt, dann war Weber nicht auf dem Goldbekplatz, als dort die Fünf- und Zehn-Pfennig-Scheine aufgetaucht sind. Wäre auch zu einfach gewesen.

»Sehen Sie sich die Scheine ruhig genauer an«, fordert er Weber auf. »Sie sind Künstler. Vielleicht erkennen Sie darin eine Art Handschrift. Könnte das irgendjemand, den Sie kennen, fabriziert haben?«

»Ich bin nicht mehr in diesem Geschäft«, protestiert Weber, nimmt die Scheine trotzdem in die Hand. Er betrachtet sie, hält sie gegen das Licht, streicht über das Papier, schüttelt schließlich den Kopf. »Das würde ich nicht einmal schaffen, wenn ich es wollte. Und auch sonst niemand, den ich kenne. Ich habe damals die Marken auf Karton gefälscht, mit Tusche und Feder. Das hier ist auf Spezialpapier gedruckt.«

»Von einer Notenpresse?«, hakt Stave nach.

»Möglicherweise. Möglicherweise auch nicht. Auf jeden Fall von einer Druckerei. Sehen Sie.« Er hält den Zehn-Pfennig-Schein gegen das Licht, deutet auf den Rand. »Die feinen Linien des Rautenmusters, dazu die blaue Farbe. Das passt nicht ganz. Farbe und Linien sind um ein, zwei Millimeter verrutscht, das Rautenmuster ragt eine Winzigkeit in den Rahmen der blauen Farbe hinein. Ein Fehldruck. Oder eine nicht ganz perfekte Fälschung. Aber vielleicht ist das gar nicht wichtig, denn der ganze Schein ist vollkommen unsinnig.«

»Warum?«

»Weil man in den Zonen kaum noch Farben und Papier bekommt, wie Ihnen jeder Künstler bestätigen kann«, erwidert Weber und klingt leicht verzweifelt. »Jeder Fälscher übrigens auch. Allein dieser Fetzen Papier und die blaue Farbe darauf kosten mehr als zehn Pfennig. Wer druckt einen Geldschein, dessen Herstellung teurer ist als dessen Wert? Wer würde Geldscheine drucken, mit denen er arm wird? Mich haben meine Lebensmittelmarken damals viel gekostet: Karton, Farbe, Federn. Aber am Ende habe ich mehr dafür bekommen, als mich das Material gekostet hat.«

»Unter anderem sechs Monate Gefängnis«, wirft Stave ein.

»Wenn Sie sich an Geldscheine wagen«, fährt Weber unbeirrt fort, »dann sind vielleicht Zehn-Mark-Lappen die Mühe wert, besser wohl noch Hunderter. Aber Pfennige? Noch dazu Scheine, die niemand kennt? Fälscher können rechnen.«

Der Oberinspektor denkt an das erste Treffen mit MacDonald, als der ihm die Scheine präsentierte und sagte, dass ihr Auftauchen womöglich das Vertrauen in die neue Währung untergraben könnte. Vielleicht ist das gar kein Nebeneffekt dieser seltsamen Blüten – sondern ihr Hauptzweck? Vielleicht geht es ihrem Hersteller gar nicht um Gewinn, sondern bloß um das Verbreiten von Unsicherheit und Chaos? Den Kripo-Mann beschleicht das Gefühl, in einer völlig falschen Richtung gesucht zu haben.

»Sie haben uns weitergeholfen«, sagt Stave und faltet die beiden Scheine wieder zusammen. Er fühlt sich plötzlich müde.

MacDonald hat der Befragung schweigend gelauscht. Nun schaut er aus dem Fenster, dann atmet er tief durch. Auch er ist enttäuscht, zwingt sich aber ein charmantes Lächeln ins Gesicht.

»Ich habe noch ein Anliegen«, beginnt er.

In der nächsten Viertelstunde verhandelt er mit Weber über ein Porträt von Erna Berg. Der Künstler wird freundlicher, aufgeregter, gestikuliert, läuft im leeren Zimmer auf und ab. Ein Bronzekopf? Unmöglich! Kein Material in der ganzen Zone dafür, nicht einmal, wenn ein britischer Offizier nachfragt. Ein Bild?

»Wenn mir die Dame Modell sitzt«, sagt Weber.

»Dafür bleibt vielleicht nicht genügend Zeit«, erwidert MacDonald. Und wieder ist Stave erschrocken. So bald schon werden sie abreisen, denkt er.

»Aber ich kenne die Dame nicht!«, protestiert der Künstler.

»Ich habe hier ein Foto. Aus einem Studio.« Der Lieutenant zieht ein in Pergamentpapier eingeschlagenes, sepiabraunes Foto aus einer Tasche seiner Uniform und reicht es Weber hinüber wie einen Schatz.

»Ein Ölbild nach einer Fotovorlage zu malen ist künstlerisch ungefähr so anspruchsvoll wie diese Ostseelandschaft an der Wand«, murmelt Weber enttäuscht.

»Ich zahle Ihnen zehn Pfund dafür«, verspricht MacDonald.

»Ich versuche gar nicht erst, diese Summe in Reichsmark umzurechnen«, ruft der Künstler verblüfft. »Ich bin Ihr Mann. Das Foto müsste ich mir eine Zeitlang ausborgen. Eine Woche?«

»Eine Woche«, sagt MacDonald und schlägt zur Bekräftigung in die Hand Webers ein.

Eine Woche, denkt Stave. So lange ist er also mindestens noch in Hamburg.

Als sie einige Augenblicke später an der Tür der Villa Abschied nehmen, wendet sich Stave, schon fast beim Jeep, noch einmal dem Künstler zu: »Wie viel Honorar bekommen Sie eigentlich für Ihr Ostseeidyll?«

»3000 Reichsmark in bar«, erwidert Weber und lächelt wieder nervös. »Ich habe gehört, dass das möglicherweise nicht ganz so viel Geld ist, wie ich noch dachte, als ich den Auftrag angenommen habe. Deshalb reise ich morgen nach Hamburg zurück. Ich will nichts verpassen. Kann sein, dass ich hier nicht nur schlechte Kunst mache, sondern auch noch ein schlechtes Geschäft.«

»Sie scheinen nicht der Einzige zu sein, der ein schlechtes Geschäft macht«, murmelt der Oberinspektor und tippt grüßend an seine regenschwere Hutkrempe.

Sie bleiben noch eine Stunde in Travemünde und fragen bei Nachbarn und Ladenbesitzern – Webers Geschichte stimmt, er ist seit Tagen an der Ostsee. Niemand hat in der Zeit je gesehen, dass er den Ort verlassen hätte, nicht einmal zu einem kurzen Spaziergang.

»Unser Künstler hat ein Alibi«, meint MacDonald.

»Und ich habe noch ein Problem mehr«, erwidert der Oberinspektor verdrossen. »Auch wenn es mich nicht mehr überrascht.«

Auf dem langen Rückweg starrt Stave schweigend aus dem Fenster auf die graue Landschaft. Er denkt über die Fälle nach, unzufrieden mit sich. Zwei Ermittlungen sind eine zu viel für mich, gesteht er sich ein. Und dann noch die heimliche Ermittlung, von der kein Krimsche etwas erfahren darf. Ich wechsle von der Mordkommission zum Chefamt S, was in den Augen der meisten Kollegen schon ein Abstieg ist. Und dann habe ich doch wieder eine Leiche an der Hacke. Und ich komme mit meinen ersten offiziellen Fällen dort nicht einmal voran. Cuddel Breuer wird glauben, dass ich mich von dem Pistolenschuss nie richtig erholt habe. Dass ich ausgebrannt bin. Möglicherweise hat er recht. Irgendetwas habe ich überhört bei der Befragung heute, sagt er sich, irgendein Detail, bei dem ich hätte nachfassen müssen.

Er schreckt erst aus seinen Gedanken auf, als sie schon Ahrensburg durchqueren und das Dröhnen des Zwölfzylinders auf einmal unrunder klingt, als habe sich der Motor verschluckt.

»Die Zündkerzen. Oder der Verteiler«, vermutet MacDonald heiter. »Hoffentlich verreckt uns die Karre nicht unter unseren Sitzen. Wer weiß, wann hier die nächste Streife vorbeikommt und uns aufpickt.«

Der Kripo-Beamte fürchtet einen Fußmarsch durch den Regen. »Wie stehen unsere Chancen?«

»Fifty-fifty. Sie wohnen ja in der Ahrensburger Straße, das ist doch die Verlängerung der Reichsstraße 75. Mit ein bisschen Glück schaffen wir es bis dorthin und ich setze Sie direkt vor Ihrer Haustür ab.«

»Sie fahren weiter?«

»Die Army hat eine Werkstatt am Holstenhofweg, nur ein paar hundert Yards von Ihrem Haus entfernt. Läge direkt am Weg – wäre aber auch gegen die Vorschriften. Ich werde diese alte Schüssel noch quer durch die Stadt bis zu unserem Fuhrpark quälen, ordnungsgemäß abgeben, eine Meldung erstatten – und dann, vorausgesetzt, der Motor ist bis dahin nicht endgültig hinüber, wird irgendein missgelaunter Sergeant den Jeep wieder bis zum Holstenhofweg kutschieren.«

»In dem Fall rauschen wir an meiner Wohnung vorbei: Ich möchte auch noch in die Stadt.«

»Wohin?«

»Grindelallee. Zur Tauschzentrale.«

»Aye, aye, Sir.«

Tatsächlich schleppt sich der Jeep eine halbe Stunde später ruckelnd und stotternd die Grindelallee hinunter. Stave verabredet sich für den nächsten Tag mit MacDonald, um ihn über die Fortschritte der Ermittlungen zu informieren – vorausgesetzt, er wird etwas vorzuweisen haben. Er springt erleichtert aus dem Wagen, der mit hustenden Geräuschen davonrumpelt.

Die Tauschzentrale ist eine lange Wand aus zusammengenagelten Kistenbrettern am Straßenrand, die irgendwann von irgendwem dort aufgestellt worden ist, toleriert von den britischen Besatzern und der deutschen Verwaltung. An das Holz sind Hunderte Zettel gepinnt, vergilbt und aufgeweicht vom Regen, die ausgewaschene Tintenschrift auf vielen Mitteilungen fast unleserlich. Hier werden Sachen angeboten von denen, die sie nicht auf dem Schwarzmarkt verschanzen wollen. Die Polizei schickt ab und zu eine Streife vorbei, denn es ist verboten, Waren anzubieten, die der Rationierung unterliegen – Zucker etwa oder Butter. Ansonsten werden diese »Kompensationsgeschäfte«, wie es in den Polizeiberichten heißt, wohlwollend geduldet, denn sie lindern die materielle Not.

Ein Trödelmarkt auf Zetteln, vor dem selbst bei diesem Wetter Dutzende Frauen und Männer vorbeidefilieren, die Blicke konzentriert auf die Papiere gerichtet, bei besonders verwaschenen Botschaften die Nase so dicht darüber, als seien sie Insektenkundler, die eine rare Spezies erforschen.

Stave reiht sich ein, liest: »Kartoffeln gegen Fahrradbeleuchtung«, »Habe Mantel, suche Schuhe«, »Biete Bettwäsche, suche Kaninchen (lebend)«.

Er selbst sucht ein Fahrrad, denn drei Jahre nach dem Krieg sind die wichtigsten Straßen wieder von Trümmern freigeräumt worden. Und er ist es müde, stundenlang zu Fuß durch die Stadt zu wandern. Sei altes Rad stand im Keller des Mietshauses, in dem er bis 1943 gewohnt hat – es wird dort noch immer sein, begraben unter Tonnen von Ziegeln und Balken, die darauf gestürzt sind, als in jener Nacht die Bombe traf.

Stave findet einen Zettel, dem Zustand nach ein Angebot, das noch nicht allzu lange am Brett hängt – vielleicht kommt er nicht zu spät: »Biete Herrenrad, suche Schreibmaschine«.

Er hat eine schwarze, schwere Olympia zu Hause. Die Schreibmaschine stand auf dem Tisch der Wohnung, die er nach dem Bombenangriff zugeteilt bekam. Er weiß bis heute nicht, wer zuvor dort gelebt hat und was aus den Mietern geworden ist. Die Schreibmaschine hat er nie benutzt, sich aber jahrelang eingeredet, dass er sie behalten müsse, um sie den früheren Eigentümern zurückzugeben, falls die je bei ihm anklopfen sollten. Doch nun, in diesem Augenblick vor dem Brett, da er das Angebot sieht, wird ihm klar, dass niemals jemand bei ihm anklopfen und die Olympia zurückfordern wird. Er notiert sich den Namen und die Adresse des Anbieters. Ein Telefon hat er selbstverständlich nicht.

Stave will sich schon abwenden, als ihm noch ein Zettel auffällt. Es ist die Schrift: blaue Tinte, ausladend, ein wenig ungelenk, eine Erwachsenenschrift, durch die noch die bemühten Schwünge des Schülers hindurchschimmern. Eine Schrift, die er kennt – Karls Schrift.

Plötzlich ist er ganz aufgeregt und liest, was sein Sohn anbietet: »Tausche Persilkarton voll getrocknetem Tabak gegen Mommsens ›Römische Geschichte‹«.

Der Oberinspektor steht so lange vor dieser Anzeige, dass ihn andere Interessenten anrempeln. In seinem Kleingarten zieht Karl Tabak. Getrocknete, kleingehackte Blätter werden in Zeitungspapier zu »Besen« gerollt, wie diese selbst fabrizierten Zigaretten genannt werden. Ein attraktives Angebot in Zeiten wie diesen. Aber warum will sein Sohn dafür ein Buch haben? Er versucht sich zu erinnern, weil ihm der Name Mommsen vage bekannt vorkommt. Ein Roman? Ein Fachbuch?

So sieht sich der Oberinspektor um, bis er einen älteren, bebrillten Herrn einige Meter weiter erblickt, Typ pensionierter Lehrer.

»Entschuldigen Sie«, spricht er ihn an, »was ist mit ›Mommsen, Römische Geschichte‹ gemeint?« Er deutet dabei auf Karls Anzeige.

Der Mann blickt ihn an, als hätte er ihn nach Kaiser Wilhelm gefragt, grinst schließlich herablassend. »Theodor Mommsen war ein großer Gelehrter am Ende des letzten Jahrhunderts. Althistoriker. Seine ›Römische Geschichte‹ ist noch immer ein Standardwerk. Ich persönlich würde mein Exemplar nicht für einen Karton Tabak hergeben. Aber der Bieter wird sicher jemanden finden. Von Mommsens Werk existieren Dutzende Auflagen. Das stand mal im Bücherschrank jedes besseren Haushalts, bevor die Zeiten barbarisch wurden.« Der Mann schnaubt und blickt ihn abfällig an.

Stave dankt, blickt verwirrt auf den Zettel und fragt sich, warum sein Sohn ein Buch über die Geschichte des antiken Roms haben will.