Vergessene Akten
Donnerstag, 17. Juni 1948
Im Büro auf dem stillen Flur in der Kripo-Zentrale blättert Stave durch seinen Block, entziffert seine Kritzeleien vom Vortag. Nicht gerade das, was einem eine Beförderung einbringt.
Erstaunt blickt er auf, als jemand an seine Tür klopft. Kienle.
»Ich erinnere mich wieder!«, ruft er.
»An Ihren richtigen Namen? Sie sind gar nicht Ansgar Kienle, sondern Martin Bormann, der verschollene Sekretär des Führers. Soll ich Sie verhaften?«
»Man sollte Ihre Abteilung in ›Chefamt SS‹ umbenennen«, erwidert der Polizeifotograf, »für ›schlechte Scherze‹. Ich erinnere mich wieder an den Bronzekopf aus den Trümmern. Die Frau.«
»Ein Porträt der Anni Mewes, Filmschauspielerin. Geschaffen vom Künstler Toni Weber. Ich bin weitergekommen.«
Sein Besucher stutzt. »Dann ist das vielleicht nicht mehr so wichtig«, murmelt er. »Obwohl es schon ungewöhnlich ist.«
»Erzählen Sie es mir.«
»Der Kopf war im Kino.«
»Die Mewes war Schauspielerin.«
»Nein, nicht die Frau. Dieser Bronzekopf, die Skulptur. Ich habe sie im Kino gesehen, muss Ende der Dreißiger gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, in welchem Film. Aber ich weiß, dass ich im Lichtspielhaus saß und dieser Kopf in einer Szene groß gezeigt wurde und ich damals dachte, dass es eigentlich schade ist, solche Sachen nur noch in Filmen zu sehen und nicht mehr im Museum.«
Stave schließt die Augen. »Ich bin ein Idiot«, murmelt er. Als Weber ihm die Sache mit der Requisite und dem Propagandafilm erzählt hat, dachte er an eines der üblichen Machwerke für die Wochenschau. Ein Beitrag über »Entartete Kunst«, höhnische Worte, ein paar Filmaufnahmen, dann Goebbels oder der Führer. Nicht eine Sekunde lang ist ihm ein Kinofilm in den Sinn gekommen. »Sie sind der beste Spurensucher der Hamburger Kriminalpolizei«, lobt der Oberinspektor.
»Ich bin der einzige«, erinnert ihn Kienle gelassen.
Stave weiß nun, was er Toni Weber eigentlich schon gestern hätte fragen sollen: Ob er mehr über diesen Film sagen kann, in dem sein Bronzekopf Requisite gewesen ist. Der Oberinspektor hat sich so sehr auf eine mögliche Verbindung des Künstlers zu Schramm konzentriert, dass er die andere Information zwar notiert, aber nicht wirklich durchdacht hat.
Film, Kino – das ist für den Kripo-Mann noch immer Berlin, Ufa, Hauptstadtglanz. Längst vorbei. Hamburg ist die neue Kinostadt – viel schäbiger zwar als die alte Kapitale, aber immerhin. Leute wie Weber sind seit 1945 von der Spree an die Elbe gekommen, weg von den Russen. Sein ehemaliger Kollege Michel hat ausgesagt, dass Weber wieder als Requisiteur arbeitet, doch jetzt bei Käutner in Hamburg.
Es muss hier noch mehr Überlebende der Ufa geben. Wenn Käutner einen Film hier produzieren kann, dann muss er etliche erfahrene Leute dafür eingestellt haben. Wer weiß: Vielleicht hat einer von ihnen auch an eben jenem Propagandafilm mitgearbeitet, in dem der Bronzekopf zu sehen war? Vielleicht gar als Requisiteur – der die Skulptur besorgt und sie danach an irgendwen wieder abgegeben haben muss.
Stave stürmt aus seinem winzigen Büro, will wie in den Zeiten bei der Mordkommission Erna Berg zurufen, dass er zu Ermittlungen unterwegs sei – und besinnt sich gerade noch rechtzeitig, dass da keine Sekretärin mehr vor seiner Tür in einem Vorzimmer sitzt. Vorbei an geschlossenen Bürotüren, über die Treppe hinab zum Fuhrpark.
»Ich brauche ein Auto«, ruft er dem Mechaniker zu.
»Brauchen wir nicht alle ein Auto?« Der Mann zögert eine Winzigkeit. Das hätte er nicht gemacht, wenn ich noch bei der Mordkommission wäre, denkt der Oberinspektor, schluckt jedoch seinen Groll hinunter. »Ich muss raus bis Fuhlsbüttel, zu den Ley-Hütten an der Langenhorner Chaussee.«
»Zu dem Gesindel? Da brauchen Sie nicht nur einen Peterwagen, sondern auch ein paar Schupos.«
»Es ist helllichter Tag.«
»Ich habe nur einen Vorkriegs-Mercedes da, bei dem wir den Telefunken-Kasten gerade ausgebaut haben. Niemand aus der Leitstelle kann Sie erreichen.«
»Dann stört mich niemand beim Fahren.«
»Und wenn Sie in Schwierigkeiten kommen?«
»Ich habe meine Dienstwaffe dabei«, lügt Stave. Tatsächlich hängt die FN 22 im Holster am Garderobenhaken in der Wohnung.
»Schießen Sie mir keine Löcher ins Blech.«
»Eines mehr oder weniger, das fällt bei diesem Auto auch nicht mehr auf.«
Fünf Minuten später braust Stave am Steuer eines asthmatischen, dunklen Wagens los und macht sich auf den langen Weg in Hamburgs nördliche Stadtviertel.
Der Oberinspektor schlängelt sich durch Harvestehude und Eppendorf. Manchmal passiert er nassglänzende Regenschirmwäldchen auf dem Bürgersteig: Menschenaufläufe hier und dort. Ungewöhnlich, denkt er, bremst ab und erkennt, dass sich die Passanten vor leeren Schaufenstern sammeln. Manche reden, gestikulieren, die meisten starren nur auf die verwaisten Auslagen der Geschäfte. Wird Zeit, dass der Tag X kommt, sagt sich Stave, sonst werden aus solchen Ansammlungen ganz schnell Demonstrationen. Er denkt an die Geldscheine vom Goldbekplatz und kann plötzlich MacDonalds Sorgen besser verstehen.
Nach einer Viertelstunde biegt der alte Mercedes von der Alsterkrugchaussee auf die Langenhorner Chaussee. Stave gibt Gas, denn er hat noch einige Kilometer vor sich, doch der Verkehr wird in den nördlichen Stadtteilen dünner. Der Mercedes keucht. Erst bei der Siedlung der Ley-Hütten bremst Stave ab, parkt und schließt umständlich Fahrer- und Beifahrertür ab. Besser so.
Die Ley-Hütten sind etwa zwanzig Quadratmeter kleine Holzverschläge: viereckig, ein schrägstehendes Dach, ein primitiver Fußboden, eine zugige Tür, keine Heizung, kein Bad. Schrebergartenlauben eher als richtige Häuser. Italienische Gefangene und Zwangsarbeiter haben sie ab 1943 aus billigstem Material errichtet, als Notquartiere für Zehntausende Ausgebombte. Im Volk heißen sie auch nach 1945 noch nach Robert Ley, dem Führer der Deutschen Arbeitsfront, der den Bau dieser Hütten organisiert hat.
An der Langenhorner Chaussee stehen Dutzende in mehreren Reihen, die Eingangstüren unter dem vorragenden Dach nach Norden gerichtet, die Fensterseite nach Süden – es wirkt, als drehten die armseligen Unterkünfte aus verwaschenem Holz der Stadt schamhaft den Rücken zu.
Zunächst zogen hier Familien ein, die durch die Fliegerangriffe ihre Wohnungen verloren hatten und nirgendwo anders unterkommen konnten. Doch in den letzten zwei Jahren sind viele wieder in der Stadt in bessere Unterkünfte gezogen. Wer geblieben ist, zählt zu den Leuten, die schon vorher wenig Geld hatten – außerdem sind hier Flüchtlinge aus dem Osten, gestrandete DPs, Kriegsheimkehrer ohne Familien untergeschlüpft. Eine Siedlung, die selbst in einer halb zertrümmerten Stadt noch als Elendsquartier gilt. Stave fragt sich, warum jemand wie Weber, der doch angeblich gutes Geld verdient, noch keine andere Bleibe gefunden hat.
Es ist inzwischen Mittag. Der Oberinspektor hat Hunger, doch er ist auch ungeduldig. Er fragt zwei Jungen in abgerissenen Hemden und zu kurzen Lederhosen, die Cowboy und Indianer spielen, nach Toni Weber.
»Haben Sie eine Zigarette?«, fragt der Ältere frech, der höchstens zehn Jahre alt ist. Sein jüngerer Freund heult dazu und schlägt mit der Hand auf den Mund, was wohl der Kriegsruf der Apachen sein soll – oder ein getarntes Hohngelächter. Der Kripo-Beamte hat keine Lust auf Ermahnungen und zieht wortlos eine John Players aus seiner Manteltasche.
»Da hinten wohnt der Weber. Das ist die wärmste Hütte weit und breit.« Der Bengel lacht spöttisch und deutet auf die Kiste, die am weitesten von der Langenhorner Chaussee entfernt steht, fast direkt am Rande eines Wäldchens. Sie ist als einzige frisch gestrichen, blau das Holz, weiß die Tür und die Fensterrahmen. Ein Garten darum, Rosen an Ranken neben dem Fenster, deren Blüten im grauen Nieselregen leuchten. Man kann schlechter wohnen, denkt Stave nun und beginnt zu verstehen, warum jemand hier bleiben möchte. Eine kleine Idylle – vorausgesetzt, man hat die Zeit, die Kraft und das Talent, die billige Behausung ständig zu pflegen und vor dem Elend in den Nachbarhütten die Augen zu verschließen.
»Ist ein hübscher Kerl, dieser Weber«, fährt der Junge fort und grinst.
Stave ignoriert ihn und läuft zur Hütte hinüber. Bevor der Oberinspektor an die Tür klopfen kann, wird diese geöffnet. »Ich habe Sie zufällig kommen sehen«, begrüßt ihn Weber, der müde und misstrauisch aussieht. »Ich bin auch gerade erst mit dem Zug aus Travemünde zurückgekommen. Verspätung, wie immer.« Er winkt ihn hinein. Dem ist es peinlich, mich vor seiner Bude stehen zu sehen, denkt Stave. Kann man ihm ja auch nicht verübeln. Er tritt durch einen Windfang hindurch in eine saubere, überraschend helle Kammer. Ein Bord, ein gemauertes Loch im Fußboden, um Würste und Quark kalt zu halten, zwei einfache Stühle, ein Tisch, der aus einer alten Zimmertür gefertigt worden ist, wohl ein Beutestück aus einer Ruine. Darauf ein Stapel dünnes Papier, Kohlezeichnungen. Zur Rechten trennt eine Wand aus dünnen, gehobelten Brettern eine zweite Kammer ab, statt einer Tür hängt ein Vorhang vor der Öffnung. Als Stave hindurchsieht, erkennt er dort ein schmales Bett und eine Kommode.
»Sie wohnen allein?«
»Ja. Mein Talent mit Frauen ist weniger entwickelt als mein Zeichentalent. Hat aber auch Vorteile, in diesen Zeiten.« Als der Kripo-Beamte ihn daraufhin fragend anschaut, zuckt Weber mit den Achseln. »Ich wohne hier auf zwanzig Quadratmetern. Wer kann das heute schon von sich behaupten? Diese Siedlung ist besser als ihr Ruf. Die Nachbarn sind anständige Leute. Die meisten reden nicht viel, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Der Oberinspektor denkt an die beiden Jungen, sagt jedoch nichts. »Und diese Hütten werden noch Jahre halten«, fährt der Künstler fort. »Das sind die solidesten Monumente des Dritten Reichs.«
»Es waren nicht gerade Experten, die sie errichtet haben.«
»Aber sie haben sorgfältig gearbeitet. Dann hat es nämlich länger gedauert, diese Behausungen fertigzustellen. Und je länger man hier arbeitete, desto später hieß es: zurück ins KZ! Wussten Sie, dass selbst der Juniorchef der Nivea-Firma hier gezimmert hat? War nicht ganz arisch, soweit ich weiß. Man muss diese Hütten bloß gut instand halten. Dachpappe war seinerzeit schon so minderwertig, dass die Dächer so dicht halten wie ein zerschlissenes Handtuch. Da muss man rauf und neue Schichten verlegen. Dann hat man Ruhe. Aber Sie sind nicht bis zu mir hinausgefahren, um sich handwerkliche Ratschläge zu holen.«
»Ich hätte welche nötig«, brummt der Kripo-Mann, schüttelt aber den Kopf. »Es geht um den Bronzekopf.«
Der Künstler blickt ihn überrascht an. »Nicht um diese Geldscheine? Ich hatte den Eindruck, dass das Ihre größere Sorge ist.«
»Möglicherweise. Aber es ist der Kopf, zu dem mir noch eine Frage eingefallen ist: Sie sagten, Sie hätten ihn zuletzt als Requisite eines Films gesehen. Das war in Berlin?«
»Selbstverständlich.«
»Im Kino?«
»Nein, bei der Arbeit: 1938 drehten sie bei der Ufa einen Film zur gleichen Zeit, als ich an einem anderen mitgearbeitet habe. Da habe ich den Kopf kurz gesehen, als Dekoration in den Kulissen. Irgendein Propagandaschinken, sie bauten im Studio das Haus eines jüdischen Bösewichtes nach oder so etwas Ähnliches. Da haben sie ein paar Werke aus dem Depot des Propagandaministeriums nach Babelsberg geschleppt und in die Kulissen gestellt. Ich habe wieder einen Riesenschreck bekommen, weil ich befürchtete, dass irgendjemand im Studio die Bronzearbeit als mein Werk erkennt und mich verpfeift. Aber niemand hat sonderlich auf die Werke geachtet, das waren Requisiten wie andere auch. Nach dem Drehtag sind die Sachen wieder verschwunden, wahrscheinlich zurück ins Depot.«
»Dieses Depot des Propagandaministeriums war in Berlin, nehme ich an?«
»Ja, soweit ich weiß. Doch nachgefragt habe ich natürlich nicht.«
»Aber viele Filmschaffende haben sich nach 1945 von der Reichshauptstadt an die Elbe durchgeschlagen. Wissen Sie, ob jemand, der mit dem damaligen Film zu tun hatte, ebenfalls jetzt in Hamburg ist?«
»Machen Sie Scherze?« Weber starrt ihn an, schüttelt dann den Kopf. »Woher sollen Sie das auch wissen? Sie sind ja kein Ehemaliger der Ufa. Der Regisseur des Films lebt heute in Hamburg. Ganz komfortabel, nach allem, was man so hört.«
Stave hält den Atem an. »Wer?«
»Veit Harlan.«
Der Oberinspektor blickt aus dem Fenster, um seine Überraschung zu verbergen. »Der berühmteste Filmschaffende des Dritten Reichs«, murmelt er schließlich.
»Goebbels’ Liebling. Der Schöpfer von ›Jud Süß‹. Der Gatte der Schauspielerin Kristina Söderbaum. Er hat sich 1945 gerade rechtzeitig abgesetzt. Dreht an einem Tag noch einen Durchhaltefilm – und am nächsten ist er aus Berlin verschwunden und taucht in Hamburg wieder auf. Letztes Jahr wurde er dann tatsächlich von der Spruchkammer gecleart: Gruppe V, bloß ein ›Mitläufer‹.«
»Ich erinnere mich an den Skandal. Es gab Artikel in der Presse. Und irgendwelche Künstler sind aus Protest gegen diese Einstufung zurückgetreten.«
»Was dem guten Veit Harlan wahrscheinlich nicht allzu weh getan hat. Er lebt an der Alster. In einer Villa. Manche Menschen fallen immer auf die Füße.«
»Wie viele Filme hat er im Dritten Reich gedreht?«
»Ein Dutzend? Ich weiß es nicht. Viele.«
»Ob er sich da an eine einzige Requisite erinnert?«
»Vielleicht kann man Harlans Erinnerung auf die Sprünge helfen. Ich wüsste auch gerne, wie der Kerl damals an meinen Bronzekopf der Anni Mewes gekommen ist. Aber bei einem so berühmten Mann, der immer noch mächtige Gönner hat, klopft man ja nicht als Vorbestrafter an die Tür und fragt nach einer Requisite. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal zu einem Polizisten sagen würde: Aber ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie gelegentlich wieder bei mir vorbeikämen und mir von Ihrer Unterhaltung mit dem Herrn Meisterregisseur berichten. Ich könnte Sie während des Gesprächs skizzieren.« Der Künstler deutet auf die Kohlezeichnungen. »Als kleines Präsent für Ihre Gattin.«
Stave spürt einen Stich, doch er zwingt sich, nicht einmal zu zucken. »Ich kenne eine Kunstexpertin, die sich vielleicht dafür interessieren könnte«, erwidert er und geht mit schweren Schritten zur Tür.
Als er schon die Klinke in der Hand hat, dreht sich der Oberinspektor noch einmal um, weil ihn ein Gedanke durchfährt: Ob der Tote vom Reimershof vielleicht derjenige war, der den Bronzekopf von Berlin nach Hamburg gebracht hat? »Die Leute, die sich bei der Ufa um die Requisiten gekümmert haben – waren auch Juden darunter?«
Weber starrt ihn einen Moment lang verblüfft an, schnaubt verächtlich. »Juden bei Goebbels’ Lieblingsspielzeug? Jemand mit einem gelben Stern hätte dort nicht einmal den Studioboden fegen dürfen.«
Stave nickt. Wäre auch zu einfach gewesen.
Auf der Motorhaube des Peterwagens prangt die Kreidezeichnung einer nackten Frau mit riesenhaften Brüsten. Die beiden Jungen sind verschwunden. Der Oberinspektor wischt die Karikatur mit einem Taschentuch achtlos ab und bedauert einen Moment, dass sein alter Mercedes kein Funkgerät hat. Eine Anfrage bei der Zentrale und ein paar Minuten später hätte er Harlans Adresse gehabt. Er hätte dorthin fahren, an die Tür klopfen und – vielleicht einen Skandal auslösen können. Er denkt an Webers warnende Worte, dass der Regisseur mächtige Gönner hat. Und ihm fällt ein, dass dessen Gattin Kristina Söderbaum, auch wenn sie seit Jahren in Deutschland lebt, doch immer noch Schwedin ist. Die Briten haben in Hamburg das Sagen. Und die wären nicht erfreut, wenn sich die Bürgerin eines neutralen Landes bei ihnen über einen zudringlichen deutschen Kriminalbeamten beschweren würde. Ich muss mich absichern, sagt er sich. MacDonald wird dafür sorgen, dass ich Harlan gefahrlos auf die Füße treten darf, ich muss mit dem Lieutenant sprechen.
Trotzdem hat Stave keine Lust, den Peterwagen schon wieder in die Polizeigarage zu stellen. Er wird zuvor noch jemand anderen besuchen. Unangekündigt.
Mit einer gewissen Schadenfreude blockiert der Oberinspektor schließlich mit dem Mercedes die Auffahrt zur Villa an der Fährhausstraße. Dem Hausmädchen drückt er seinen feuchten Hut und den Mantel in die Hand und setzt sich in den Salon, als wäre er hier zu Hause.
»Sie sind impertinent«, schnauft Doktor Schramm, als er fünf Minuten später in den Raum stürmt, gekleidet in einen dunklen, seidenen Hausmantel.
Stave starrt ihn an. Wann hat er ein derartiges Wort das letzte Mal gehört? Wann einen seidenen Mantel gesehen? Er fühlt sich, als sei er durch einen unsichtbaren Tunnel zurück in die Vorkriegszeit gefallen.
»Ich habe eine neue Spur«, erwidert er. Ein Bluff. »Zu den Kunstwerken in Ihrem Kontorhaus.«
»Der Reimershof war nicht mein Kontorhaus. Ich hatte dort bloß zwei Räume gemietet.«
Der Kripo-Beamte ignoriert den Einwurf. »Diese Spur führt zum Film. Zum Regisseur Veit Harlan. Ich dachte, dass Sie als Kunstkenner mir …«
»Mit dem Kerl habe ich nichts zu schaffen!«, unterbricht ihn Doktor Schramm rüde. Die Hand, mit der er die damastbespannte Lehne des Sessels umklammert, ist so angespannt, dass die Haut weiß wird.
»Sie kennen ihn?«
»Seinen Namen, selbstverständlich. Persönlich, das nicht – obwohl er ja beinahe ein Nachbar ist. Ich frage mich, warum die Engländer ihn nicht nur vom Haken lassen, sondern ihm sogar gestatten, in bester Lage zu wohnen.«
»Eines jener Objekte aus dem Reimershof befand sich, wie soll ich sagen: zumindest für kurze Zeit im Besitz von Herrn Harlan. Der Bronzekopf der Frau.«
»Schön für ihn«, erwidert der Bankier mit bebender Stimme. Er beugt sich vor. »Jetzt will ich Ihnen mal das eine oder andere erklären, Herr Oberinspektor: In den Jahren, in denen dieser Mann ›Jud Süß‹ gedreht hat, habe ich immer noch an meinen jüdischen Angestellten festgehalten. Mein engster Vertrauter war mein Prokurist Rosenthal. Allein dieser Name auf meiner Gehaltsliste hat ausgereicht, um mir einen Besuch gewisser Herren in Ledermänteln einzuhandeln. Also selbst wenn Veit Harlan und ich uns für die gleiche moderne Kunst interessieren, was mich überdies ziemlich überrascht, dann ist das noch lange kein Grund, mich mit ihm abzugeben. Damals nicht und jetzt erst recht nicht.«
»Das Bronzebildnis Toni Webers wird irgendwann nach 1933 von den Nazis als ›entartete Kunst‹ beschlagnahmt und 1937 auf der berüchtigten Ausstellung hergezeigt. Es wird im Frühjahr 1938 von Veit Harlan als Requisite in einem seiner Filme benutzt – einem Film, den er in Berlin dreht«, erklärt Stave ruhig. »Spätestens seit 1943 jedoch wird das Kunstwerk in einem Kontorhaus in Hamburg aufbewahrt. Wie kommt es dort hin? Wer hat es dort gelagert? Wenn ich das erfahre, dann weiß ich auch, wem das Werk gehört. Ich könnte es dem rechtmäßigen Besitzer zurückerstatten. Der Fall wäre gelöst.«
Der Oberinspektor überlegt wieder, Schramm auf das Foto mit dem Bronzekopf anzusprechen – dem Beweis dafür, dass die Skulptur schon Ende 1938 in Hamburg war, in eben jener Villa, in der er dem Bankier gegenübersitzt. Alles spricht doch dafür, dass Schramm irgendwann danach das Objekt in seiner privaten Büroetage im Reimershof versteckte – vielleicht, weil die Gestapo-Besuche so bedrohlich wurden, dass er beschloss, »entartete« Kunst nicht mehr in seinen Privaträumen auszustellen. Dort wurde es dann ein Opfer der Bombenangriffe von 1943. Er müsste die Geschichte nur bestätigen, würde den Bronzekopf und wahrscheinlich auch die anderen Kunstwerke zurückerhalten, immerhin ein Vermögen im Wert von einigen Tausend Reichsmark, und kein Polizist würde sich je wieder um die Sachen kümmern.
Mach dir nichts vor, überlegt der Kripo-Mann. Warum hat Toni Weber, der Schöpfer der Skulptur, nie ein Wort mit Schramm gewechselt? Und wie und warum sollte ausgerechnet ein Kunstwerk aus den Händen eines Nazi-Regisseurs in die eines vom Regime bedrängten Mannes gelangen? Und was hat der Tote mit alldem zu tun, den man in den Trümmern neben den Werken entdeckt hat? Irgendetwas stimmt an der Geschichte nicht – und wenn Schramm das Objekt als seines beanspruchen würde, dann bliebe ich ihm trotzdem auf den Fersen, würde nachbohren, keine Ruhe geben. Der Mann weiß das. Hat ja oft genug mit hartnäckigen Polizisten der gefährlichsten Sorte zu tun gehabt. Der wird mir nichts verraten.
»Es gibt so viele ungelöste Fälle«, erwidert Schramm, »aus der Zeit nach 1945 und aus der Zeit davor. Das ist nun wahrlich nicht der wichtigste rätselhafte Fall, nehme ich an. Legen Sie ihn zu den Akten und übergeben Sie die Kunstwerke der Stadt Hamburg. Sie werden ins Museum gelangen. Und da gehören Sie auch hin.«
»Danke für den Ratschlag.«
»Sie sollten ihn beherzigen«, erwidert der Bankier. Es klingt wie eine Drohung.
Stave fährt bis zur Polizeiwache 31 in Barmbek, es sind nur ein paar hundert Meter. Jüdische Mitarbeiter, denkt er. Schramm hat Juden beschäftigt, auch noch nach 1933. Das ist doch schon mal was. Wenn das eine offizielle Ermittlung wäre, würde er sich jetzt Mitarbeiterlisten vornehmen, Personalakten, so etwas. Stattdessen wird er sich einen Umweg einfallen lassen müssen.
Auf der Barmbeker Polizeiwache gibt es ein Telefon. Er klemmt sich den Hörer ans Ohr, bearbeitet die Wählscheibe und hat nach einigen Minuten erfahren, wo sich MacDonald gerade aufhält: im britischen Offiziersclub in Volksdorf. Der Sergeant, den er an der Strippe hat, redet Englisch mit ihm – laut und langsam, wie mit einem tumben Kind. Trotzdem kann der Kripo-Mann erst beim dritten Nachfragen verstehen, wo genau dieser Club untergebracht ist: die Ohlendorffsche Villa. Er hat von dem Anwesen gehört, vor dem Krieg, dort gewesen ist er aber nie. Er studiert den Stadtplan auf der Wache und entdeckt sein Ziel schließlich am obersten Rand des Papiers.
»Eins muss man den Engländern lassen«, wirft ein älterer Schupo ein, der Stave beobachtet hat. »Sie finden schöne Häuser, selbst wenn sie weit vom Schuss sind.«
»Sie kennen das Haus?«
»Volksdorf gehörte zu meinem früheren Revier. Die Ohlendorffs waren dort lange die bedeutendste Familie. Kleine Fürsten. Die haben ihr Geld als Händler gemacht: Guanodünger aus Peru. Vogelscheiße. Womit die Leute alles Geld verdienen, da wundert man sich schon. Und womit sie es auch wieder verlieren. Es ging mit ihnen aber schon vor 33 bergab, geschäftlich und auch sonst. Der Junior kümmerte sich mehr um die Musik. Außerdem war er Freimaurer. Die Gestapo hatte sicher eine Akte über ihn. Dass die Tommys die Ohlendorff’sche Villa requiriert haben, war sozusagen nur noch der Gnadenstoß für die Familie.«
»Wie lange brauche ich bis in den Norden?«
»Volksdorf ist fast unbeschädigt, die Straßen sind frei. Keine halbe Stunde – vorausgesetzt, der alte Mercedes macht es bis dahin.«
»Der wird mich noch tausend Kilometer weit tragen«, murmelt Stave, nickt dem Schupo einen Dank zu und greift ein letztes Mal zum Hörer. Er klingelt im Offiziersclub an, lässt MacDonald ausrufen.
»Alter Junge, ich lade Sie zum Lunch ein«, ruft der Lieutenant.
»Klingt wie ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann«, erwidert der Oberinspektor.
Die Villa ist ein zweigeschossiger, lachsfarbener Klotz auf einer Anhöhe in einem Park mit exotischen Bäumen, deren Namen Stave nicht kennt. Über dem Eingang spannt sich ein heller Bogen, wie beim Portal einer romanischen Kirche. An der Seite wölbt sich ein halbrunder Anbau heraus, fast wirkt er wie eine Kapelle. Die Außenwände sind unverziert, zur Parkseite hin ist an das Haus ein verglaster Salon angesetzt, der wie das Gesellschaftszimmer eines Restaurants aussieht. Das monumentale Haus ist die Ausgeburt eines Geistes, der sich nach südlicher Leichtigkeit sehnt, aber von hanseatischer Nüchternheit gehemmt wird. Geld aus Vogeldreck. Geschmack wie Vogeldreck. Als der Oberinspektor den Park durchquert, passiert er einige Grabsteine. Die Familie aus der Villa, glaubt er einen Augenblick lang, dann erkennt er Namen, Daten, steinerne Nachrufe. Der Hundefriedhof der Ohlendorffs.
Englische Militärpolizisten, livrierte deutsche Diener, süßlicher Zigarettenqualm, klingelndes Eis in schweren Gläsern – im Offiziersclub fühlt sich Stave, als sei er in die Kulisse eines jener Abenteuerfilme in exotischen Ländern geraten, die vor 1939 populär gewesen waren. MacDonald faltet den »Manchester Guardian Weekly« zusammen, in dem er gelesen hat, und winkt einem Sergeant zu, der den Deutschen nicht passieren lassen will. Dann führt der Lieutenant Stave zu zwei breiten Ledersesseln in dem Zimmer mit Blick auf den Park. Der Oberinspektor lehnt sich zurück. Wie bequem. Der Duft nach altem Leder und Druckerschwärze. Ein Diener, ein älterer, hagerer Mann, stellt ihm ungefragt ein Glas Limonade auf ein Tischchen. Er vermeidet es, Stave anzublicken. Wahrscheinlich hält er mich für einen Kollaborateur, durchfährt es den Kripo-Beamten.
»Sie haben den Geldfälscher?«, flüstert der Lieutenant hoffnungsvoll.
»Ich habe viele Fragen.«
»Wie bedauerlich. Aber wenn dieser Fall einfach gewesen wäre, hätte ja auch ein Amateur wie ich ihn allein lösen können.« MacDonald lächelt, doch verbirgt damit nur unvollständig seine Enttäuschung.
Der Oberinspektor, der weiß, dass sein englischer Freund bei einem Geheimdienst arbeitet, blickt nachsichtig aus dem Fenster, als er das Wort »Amateur« hört. »Ich habe ein paar Kollegen vom Chefamt S darauf angesetzt«, erklärt er, »ohne ihnen Einzelheiten zu verraten, selbstverständlich. Die Kollegen kämmen die bekannten Kunden des Chefamtes S nach Druckmaschinen durch. Wenn Toni Weber recht hat, dann müssen die Blüten gedruckt worden sein. Eine Notenpresse versteckt niemand in einer Dachkammer, dafür ist sie zu groß und zu schwer. Sie brauchen einen großen Raum, in einer Wohnung, einer Halle, einer Werkstatt. Wohnraum aber ist knapp. Farben sind knapp. Papier ist knapp. Wenn jemand ein so großes Gerät irgendwo bei sich stehen hat, dann muss das früher oder später auffallen. Wenn also jemand tatsächlich Blüten druckt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir seine Presse sicherstellen.«
»Möglicherweise haben wir nicht so viel Zeit.«
Stave mustert sein Gegenüber. »Was drängt uns mehr? Der Tag X mit der neuen Währung? Oder Ihre Versetzung?«
»Der Tag X. Wussten Sie, dass die meisten deutschen Firmenchefs ihren Mitarbeitern bereits zum Fünfzehnten den halben Monatslohn ausgezahlt haben? Weil sie glauben, dass man bis zum Ende dieses Monats anderes Geld haben wird. Waren werden gehortet. Die Läden sind leerer als im Hungerwinter, weil Kaufleute ihre Sachen verstecken, sie hoffen, bald bessere Preise zu erzielen. Und weil niemand mehr alte Reichsmark in der Kasse kleben haben will. Wir Alliierten sind irgendwie Gefangene der Deutschen geworden: Wir können gar nicht mehr anders, als möglichst schnell das neue Geld einzuführen. Die Sache entgleitet uns, wir müssen das jetzt durchziehen.«
»Ob nun mit Blüten auf dem Schwarzmarkt oder ohne?«
»Wenn wir den Fälscher nicht bis zum Tag X schnappen, dann eben danach. Sehr schnell danach.«
»Es ist immerhin möglich, dass die Druckpresse, nach der wir suchen, gar nicht in Hamburg versteckt ist.«
»Wir suchen überall in der Britischen Zone.«
»Und wenn sie«, Stave zögert kurz, »bei den Russen ist? Die Sowjetzone beginnt nur ein paar Kilometer hinter Hamburg. Ziemlich leicht, ein paar Blüten über die Elbe zu schmuggeln.«
»Dann bombardieren wir Moskau«, erwidert der Lieutenant ungerührt, und Stave weiß nicht, ob das ein Scherz sein soll oder nicht. Der Oberinspektor trinkt die Limonade in einem Zug leer, weil seine Kehle plötzlich trocken ist. »Ist morgen der Tag X?«
»Nahe dran, mehr darf ich Ihnen leider immer noch nicht verraten«, erwidert MacDonald und erhebt sich aus dem Sessel. »Kommen Sie, ich habe für uns einen Tisch reservieren lassen. Englischer Lunch ist besser als sein Ruf. Beim Essen erzählen Sie mir von Ihrem anderen Fall, während ich Ihnen, wie jeder frischgebackene Vater, sentimentale Geschichten von meiner Tochter auftische.«
Zehn Minuten später stochert Stave unentschlossen in Lammfleisch mit Minze herum, während er vom Schicksal des Bronzekopfes berichtet.
»Ich möchte mich absichern, bevor ich bei Harlan an die Tür klopfe«, schließt er.
»Ich erkundige mich in London«, verspricht MacDonald. »Nach allem, was ich gehört habe, ist es den Schweden außerordentlich peinlich, dass Kristina Söderbaum eine Bürgerin ihres Landes ist. Je seltener das weltweite Publikum darüber in der Presse liest, desto besser. Wenn Sie die Befragung also diskret halten können, wird Stockholms Botschafter wahrscheinlich schon zufrieden sein.«
»Wollen Sie mitkommen?«
»Auch das werde ich meine Vorgesetzten fragen. So einen Kerl wie Harlan will ich schon kennenlernen, aber wie gesagt: Diskretion geht über alles. Ich muss erst sehen, ob ich die Erlaubnis bekomme.«
MacDonald greift in seine Hemdtasche und zieht ein Bündel Fotos hervor: zerknitterte Abzüge, die Ränder verblasst, weil sie schon so oft angefasst worden sind. Erna, lächelnd, ein Baby im Arm. Erna am Ufer der Alster. Ein Baby auf einer Decke. Erna, MacDonald und ein großer Kinderwagen zwischen Bäumen, vielleicht mit Selbstauslöser fotografiert. Erna in einem Sommerkleid, das sie kokett schwingt.
»Die kleine Iris ist ein Sonnenschein«, sagt Stave. »Und Erna ist wunderschön.« Tatsächlich ist sie noch etwas rundlicher geworden, als er sie in Erinnerung hatte, die Haare sind länger. Auf manchen Bildern scheint sie sogar Lippenstift aufgelegt zu haben, was man bei deutschen Frauen kaum noch sieht. Drall, kräftig, voller Lebensenergie. Und doch ist ihm, als läge etwas Trauriges in ihrem Blick. Er denkt an ihren Sohn, den sie nicht zu sich holen darf.
»Sie wird auch meine Familie daheim in Lockerbie bezaubern«, erwidert der Lieutenant. Doch er klingt nicht restlos überzeugt. Er lächelt kurz, schiebt die Fotos wieder zu einem Packen zusammen und stopft sie in die Hemdtasche. Er will noch etwas sagen, kommt aber nicht mehr dazu.
Lärm, Geschrei, Geklapper, ein Zittern im Boden. Stave und MacDonald fahren herum. Der Oberinspektor greift unwillkürlich nach seiner Pistole, erinnert sich im letzten Moment daran, dass er in einem britischen Offiziersclub keine Autorität und seine Waffe sowieso nicht dabeihat, und atmet durch. Ein junger Captain ist vom Park bis in den verglasten Salon gekommen – hoch zu Ross. Irgendwie ist er auf einem nassglänzenden Rappen durch die zweiflügelige Tür bis zwischen die Tische geritten. Nun posiert er im Raum wie ein lebendes Standbild, bedrohlich riesig in dem allseits verglasten Raum. Hochrufe seiner Kameraden, jemand reicht dem Captain ein Whiskeyglas. Der Hengst schnaubt nervös, schüttelt den Kopf. Er riecht nach Schweiß, sein rechter Hinterhuf klappert auf dem Boden.
»Cheers!«, ruft der Captain. Er wirft einem Kameraden das geleerte Glas zu und zieht behutsam am Zügel. Langsam reitet er, tief geduckt über den Hals des Pferdes, aus der Tür wieder hinaus. Eine Szene wie aus einem wirren Traum.
Gejohle seiner Kameraden, englische Ausrufe, die Stave nicht versteht. Er wirft dem livrierten, älteren Diener einen Blick zu. Der starrt auf den Fußboden: Die Hufe des Pferdes haben tiefe Kratzer im alten Parkett hinterlassen, zwischen zwei Tischen dampft Dreck. Der Oberinspektor beobachtet, wie der Captain im Park dem Hengst die Sporen gibt und im Galopp davonstiebt. Er bemüht sich, keine Regung zu zeigen.
»Der Name des Captains ist so lang wie ein Offiziersdegen. Alter Adel, großer Sportsmann, das Übliche«, erklärt MacDonald.
»Ich habe da noch ein Anliegen. Dafür werden Sie garantiert keine Erlaubnis Ihrer Vorgesetzten bekommen«, wechselt Stave das Thema und senkt die Stimme.
»Ich bin dabei.«
»Sie haben noch gar nicht gehört, was ich will.«
»Wenn es verboten ist, dann macht es Spaß. Manche Kameraden traben durch Häuser. Ich ziehe es vor, ausgerechnet mit einem deutschen Polizisten verbotene Dinge zu unternehmen.«
»Ich möchte bei einem Kollegen einbrechen.«
MacDonald lässt die Gabel sinken. »In der Kripo-Zentrale oder bei ihm zu Hause?«
»In der Zentrale. Nachts, in sein Büro.« Stave räuspert sich. »Ich habe so etwas letztes Jahr schon einmal gemacht. Wäre beinahe erwischt worden. Es wäre gut, wenn diesmal jemand Schmiere steht.«
»Klingt nicht wie das, was ein Offizier und Gentleman tun sollte«, erwidert der Lieutenant lächelnd. »Wann soll es losgehen?«
»Mitternacht?«
»Perfekt. Wen besuchen wir?«
»Oberinspektor Cäsar Dönnecke von der Mordkommission.«
MacDonald lehnt sich zurück. »Dieser Herr ist meinem Dienst bekannt.«
»Gestapo-Verbindungen, sagt man. Aber niemand hat ihm je etwas nachweisen können.«
»Und Sie wollen das ändern?«
»Nein. Ich will nur wissen, was der Kollege in einem aktuellen Fall ermittelt hat. Oder warum er untätig geblieben ist.« Stave setzt MacDonald über seinen heimlichen dritten Fall ins Bild.
»Der Bankier Schramm schützte Juden, das hat er selbst gesagt, und Staatsanwalt Ehrlich hat es bestätigt. Schramm hatte zudem eine Etage im Kontorhaus gemietet. Könnte sich dort ein Jude versteckt gehalten haben? Andererseits: Mindestens eines der Kunstwerke, die neben den Überresten eines toten Juden entdeckt wurden, hat zu den Requisiten eines Regisseurs gehört, der Hetzfilme gedreht hat. Veit Harlan wäre ungefähr der Letzte im Dritten Reich, der sich eine Verbindung mit einem Juden hätte nachsagen lassen, wie obskur auch immer diese Verbindung gewesen sein mag. Also denke ich, dass sich Kollege Dönnecke in seinem offiziellen Bericht irrt: der Tote ist kein zufälliges Opfer eines Bombenangriffs. Sondern er hat irgendetwas mit den Kunstwerken zu tun. Und ich möchte wissen, ob Dönnecke etwas, sagen wir: inoffiziell über ihn herausgefunden hat. Oder ob er gar nichts über ihn herausfinden wollte – und falls das so ist, warum.«
»Klingt nach einem guten Grund, um seine Karriere bei einem Einbruch zu riskieren«, antwortet MacDonald.
Am Spätnachmittag kehrt Stave in sein Büro zurück. Er hat MacDonald ein bestimmtes Fenster an der Rückseite der Kripo-Zentrale beschrieben, wo ihn der Lieutenant erwarten soll. Stave verbringt lange Stunden im fünften Stock. Irgendwann geht Wilhelm Bahr, der Leiter des Chefamtes S. Von den sonstigen Mitarbeitern ist längst niemand mehr da. Kein Türenknallen mehr von anderen Fluren, keine lauten Stimmen, keine Schritte auf Linoleum. Den großen Klotz umhüllt tiefes Schweigen, auf den verwaisten Gängen glimmt nur noch die Notbeleuchtung. Als sich der Oberinspektor vorsichtig die Treppen hinunterwagt, kommt er sich so vor, als schleiche er durch ein labyrinthisches, verhextes Schloss. Vom letzten Treppenabsatz späht er vorsichtig bis in den Vorraum: Ein älterer Schupo ist diensttuender Offizier, er blättert in einer zerlesenen Ausgabe der »Welt«, neben ihm glüht die Röhre eines alten Volksempfängers. Die sanfte Musik des Nachtprogramms des NWDR. Der Mann hört ihn nicht. Gut so.
Stave schleicht im Erdgeschoss den Gang hinab bis zu dem Waschraum, vor dessen Fenster er MacDonald einbestellt hat. Er betritt eine Toilette, schließt zur Sicherheit ab, drückt ein Fenster auf.
»Das ging leichter, als ich dachte«, flüstert MacDonald, der sich hochzieht und durch die Öffnung zwängt. Er trägt Zivil, dunkle Hose und ein altes, dunkles Hemd. »Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln.«
»Wenn man Sie erwischt, landen Sie im Gefängnis.«
»Wenn ich als Soldat erwischt werde, lande ich auf dem Heldenfriedhof. Das ist eindeutig die unangenehmere Alternative. Schießereien, Einbrüche – je länger ich mit Ihnen zusammenarbeite, desto größer wird meine kriminelle Erfahrung.«
»Hier lang«, sagt der Kripo-Beamte mit gedämpfter Stimme und schließt das Fenster.
»Haben Sie eine Taschenlampe dabei?«
»Ich mache das nicht zum ersten Mal«, erinnert ihn Stave. Er knipst den kleinen Apparat an, ein gelber Lichtkegel tanzt durch den Waschraum. »Wir müssen in den sechsten Stock«, flüstert er.
Dönneckes Büro ist nicht abgeschlossen, in der Luft hängt der Geruch nach Zigarrenrauch und verschwitzter Kleidung. Auf dem Schreibtisch sind Akten und Dokumente zu mehreren schiefen Stapeln getürmt, manche Türen und Schubladen der Schränke stehen eine Handbreit offen – der Raum eines Mannes, der sich sehr sicher ist, dass niemand hier je herumschnüffeln würde.
MacDonald sieht sich nur kurz um. »Dieses Durcheinander überlasse ich Ihnen«, flüstert er. »Ich weiß nicht einmal, nach was ich hier suchen sollte.«
»Ich auch nicht«, gesteht Stave. »Postieren Sie sich am Ende des Flurs – so, dass sie von dort sowohl dieses Büro als auch das Treppenhaus im Blick haben. Falls der Diensthabende zum Inspektionsgang kommt, warnen Sie mich.«
Der Oberinspektor durchstöbert vorsichtig die Stapel, darauf achtend, nichts verrutschen zu lassen. Zumeist sind es die Akten längst abgeschlossener Fälle. Woran arbeitet Dönnecke? Schließlich, fast versteckt zwischen zwei hohen Papiertürmen, eine schmale Mappe aus grüner Pappe, darauf ein Etikett mit schiefer Schreibmaschinenschrift: »Unbekannter Toter, Reimershof, 11. Juni 1948.«
Stave greift sich den Ordner, setzt sich, blättert rasch: Die Polizeifotos von Kienle. Ein sehr kurzes Vernehmungsprotokoll der Trümmerfrauen, erst Tage nach der Entdeckung der Leiche und der Kunstwerke durchgeführt von einem jungen Beamten. Czrisinis Obduktionsbericht – mit dem Hinweis auf den Judenstern, den der Rechtsmediziner in den Kleiderresten gefunden hat. Keine Notiz daneben, keine Ermittlungen danach, zumindest keine, die sich in den Akten widerspiegeln. Der Oberinspektor fragt sich, ob sein Kollege den Obduktionsbericht überhaupt gelesen hat. Keine weiteren Zeugenvernehmungen. Nicht einmal eine Anfrage an den Suchdienst des Roten Kreuzes. Ein Abschlussbericht Dönneckes, kaum ein Blatt lang. Als Fazit: »Kein Hinweis auf ein Verbrechen oder auf Suizid. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Opfer der Bombenangriffe von 1943. Nicht identifiziert. Vorname: Rolf (siehe Anlage).«
Der Kripo-Mann stutzt, blättert weiter zu den Anlagen. Ein handschriftlicher Vermerk, offenbar von einem Untergebenen Dönneckes, dazu ein weiteres Polizeifoto: Zusammengepresste, ledrige Fetzen sind unter dem Toten gefunden worden, nachdem man ihn angehoben hatte. Vielleicht die Überbleibsel einer Brieftasche, zersetzt von Regenwasser und Leichenflüssigkeit. Keine Münzen, kein Schlüssel, kein Foto. Aber ein Rest Papier, ein gräulicher Karton, womöglich der Mitgliedsausweis einer Vereinigung, eine Bibliothekskarte oder dergleichen. Verschmierte Tinte auf dem Fragment, ein einziges Wort mühsam entzifferbar: »Rolf«. Der Vorname des Karteninhabers? Oder desjenigen, der die Karte ausgestellt hat? Immerhin der einzige, wenn auch sehr vage Hinweis, der mit dem Toten überhaupt irgendeinen Namen verbindet.
Er spürt, wie sein Herz schneller schlägt. Das ist es, was ihn alle die Jahre bei der Kriminalpolizei gehalten hat: das alte Jagdfieber. Nichts davon sieht er in den Papieren, die er in Händen hält. Nüchterne Worte, keine Vermutung, keine Spekulation. Wenn das Dokumentenfragment mit dem Namen nicht einem Mitarbeiter aufgefallen wäre, der es zu den Akten gegeben hätte, dann hätte Dönnecke es sogar ganz ignoriert, vermutet Stave.
Er klappt die Mappe zu. Was hat er erwartet?
Eher aus Enttäuschung über dieses magere Ergebnis als aus echter Hoffnung auf einen weiteren Fund reißt er die Schreibtischschubladen auf: eine Lesebrille, zwei Zigarren, ein paar Bleistifte – und schließlich ein einziges Blatt, eine Seite aus einem Notizheft, vollgekritzelt in Dönneckes steiler, pedantischer Handschrift, die Überschrift doppelt unterstrichen: »Memo Stave«.
Der Kripo-Mann lehnt sich zurück, atmet tief durch. Plötzlich zittert seine Hand. Er erinnert sich an die Gerüchte, dass Dönnecke etwas mit der Gestapo zu tun gehabt haben soll. Deren Zentrale in Hamburg war zwar das Stadthaus, in dem der alte Oberinspektor nie Dienst getan hat. Doch wer weiß?
»St. ermittelt auch in dem Fall; Kunstwerke«, liest Stave. Der Kerl hat ein Dossier über mich angelegt, erkennt er fassungslos. »St. kein Kamerad, politisch und fachlich unzuverlässig. Kontakte zu Engländern. Labil seit Tod der Frau 1943, verschärft seit Schussverletzung in diesem Frühjahr. Entfernung aus Mordkommission, nur noch Chefamt S.
St. ermittelt Kunstwerke bis zu Schramm! Gestapo-Akte Schramm – verschwunden? Verbrannt? Nachforschen.
Falls St. Schwierigkeiten macht: Druck ausüben. Sohn Kriegsheimkehrer? Oder Ehebruch? (A.v.G. alias A.v.V.)«
Stave muss sich beinahe übergeben, ihn schwindelt. Ihm wird klar, dass sich Dönnecke durch die Ermittlungen bedroht fühlt. Irgendeine Geschichte mit Schramm, mit dem Bronzekopf und mit der Gestapo, die ich nicht erfahren darf. Und falls ich sie erfahre: Dann wird er sich Karl vornehmen. Oder … Er schließt erschöpft die Augen. »Ehebruch«, denkt er, und »A.v.G. alias A.v.V.« Anna. Der Kerl weiß irgendwoher, dass wir mal ein Verhältnis hatten. Er weiß, dass ich Witwer bin. Ehebruch, das kann dann also nur bedeuten, dass Anna verheiratet ist. Ausgerechnet Dönnecke zerstreut den letzten Zweifel. Das verdammte »G«.
Er will in rasender Wut dieses Büro zertrümmern, alles kurz und klein schlagen, hinausstürmen ohne Rücksicht, durch die nächtliche Stadt eilen, Dönneckes Wohnungstür einschlagen und … Nimm dich zusammen. Er sitzt starr auf Dönneckes Stuhl und atmet tief durch. Das ist mehr, als die Wut zu erkennen, dass da jemand in seinen privatesten Angelegenheiten herumgeschnüffelt hat. Anna ist verheiratet. Er blickt aus dem Fenster, über das feine Regenschlieren laufen, die im Licht einer Laterne funkeln wie Diamanten.
Diamanten – das führt Staves Erinnerung zurück zum vergangenen Sommer, als er Anna dabei beobachtete, wie sie bei einem Juwelier in den Colonnaden ein Schmuckstück kaufte. Einen alten Ehering. Ich bin ein Idiot, sagt er sich, ein Idiot, ein Idiot, ein Idiot. Dönnecke hat recht. Labil.
Er schreckt zusammen, als plötzlich die Bürotür aufgeht. »Haben Sie etwas gefunden?« MacDonald, der im Schein der Taschenlampe aussieht wie ein besorgtes Gespenst.
»Mehr als mir guttut«, erwidert Stave müde.
»Der Fall ist gelöst?«
»Nein, es sind bloß einige Puzzlestücke aufgetaucht, die vielleicht ein Bild ergeben. Der Tote im Reimershof hieß möglicherweise mit Vornamen Rolf. Über Doktor Schramm gibt es vielleicht eine Gestapo-Akte, die Dönnecke auf keinen Fall in meine Hände fallen lassen möchte. Vielleicht ist das der Grund, warum er die Ermittlungen verschleppt.«
»Unser Abenteuer hat sich gelohnt.«
»Mehr als ich gedacht hatte.« Stave erhebt sich. Er wünschte, er wäre nie in Dönneckes Büro eingestiegen. Aber es gibt Dinge, die man nicht einmal einem Freund anvertrauen kann. »Verschwinden wir, bevor uns doch noch jemand erwischt.«