ELISABETH WATERS

 

A Capella

 

Schon immer habe ich versucht, diese Anthologien entweder mit einer ganz kurzen oder aber lustigen Geschichte abzurunden. Da ersteres diesmal nicht möglich war, habe ich mich für letzteres entschieden. Es gibt ja Leute, die behaupten, ich habe keinen Humor – und über Filme mit Eddie Murphy kann ich nun wirklich nicht lachen. Aber diese Leute hätten einmal sehen sollen, wie ich mich beim Lesen dieser Geschichte vor Lachen gekrümmt habe.

Wie heißt es doch so schön: ›Laß sie lachend zurück, wenn du dich verabschiedest.‹ So soll es sein.

Elisabeth Waters war von Anfang an in jedem Darkover-Band mit einer Geschichte vertreten. Ihr Roman Changing Fate müßte inzwischen erschienen sein. Außerdem hat sie Kurzgeschichten für die Sammelbände von Jane Yolen und Andre Norton verfaßt, und diese hier gehört sicherlich zu ihren witzigsten Werken.

 

 

 

Domna Floria, die erst kürzlich an den Hof zurückgekehrt war, um eine Saison lang in Königin Antonellas Gefolge Dienst zu tun, durchquerte langsam die große Halle und lief auf das Musikzimmer zu. Obwohl sie erst im vierten Monat schwanger war, fühlte sie sich nicht mehr dazu aufgelegt, über die polierten Marmorböden zu schlittern, wie sie es als Kind getan hatte. Ihr Vater, Edric Elbalyn, war, so lange sie denken konnte, Bewahrer im Turm von Thendara gewesen, so daß sie in der Stadt aufgewachsen war und schon früh viel Zeit bei Hofe verbracht hatte.

Auch Floria hatte im Turm gearbeitet. Sie gehörte zum Kreis der Bewahrerin Renata, bis ihre Heirat mit Conn von Hammerfell und die baldige Schwangerschaft es ihr unmöglich machten, die Aufgaben einer Leronis zu erfüllen. Sie hatte aber fest vor, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, sobald die Kinder groß genug waren, denn an geschulten Leroni herrschte in den Türmen immer Mangel. Aber zunächst einmal genoß sie es, etwas Zeit ganz für sich und ihren Mann zu haben; zumindest war das der Fall gewesen, bis König Aidan sie an den Hof zurückgerufen hatte.

Königin Antonella erholte sich gerade von einem Schlaganfall, den sie im vorangegangenen Jahr erlitten hatte. Der König war davon überzeugt, daß Florias Anwesenheit, da sie stets zu den bevorzugten Hofdamen der Königin gezählt hatte, Antonella aufheitern würde. Conn, der auf den Gütern, die ihm der König jüngst verliehen hatte, vollauf beschäftigt war, hatte sich nur ungern von seiner Frau getrennt, aber auch er war König Aidan und Königin Antonella zugetan und wünschte ihnen nur das Beste.

Und es ist ja nicht so, als ob ich hier keine Freunde hätte, sagte sich Floria und versuchte damit, sich selbst aufzumuntern. In letzter Zeit neigte sie allzu oft zu trübsinnigen Gedanken. Die Hebamme meinte, das sei in ihrem Zustand ganz normal und würde sich nach der Geburt schon legen. Meine Schwiegermutter und mein Vater arbeiten beide noch immer im Turm, meine Brüder kommen öfters in die Stadt, und vor allem ist Gavin Delleray hier am Hof

Beim Gedanken an Gavin mußte sie lächeln. Er war wirklich einmalig. Als Sohn der einzigen Schwester der Königin wäre er ohnehin bei Hofe stets willkommen gewesen, selbst wenn er ein ausgesprochener Langweiler gewesen wäre. Aber davon konnte keine Rede sein – Gavin zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Er war ein begnadeter Komponist, besaß eine wunderbare Baßstimme und hegte eine große Vorliebe für modische Kleidung. Was den Leuten aber immer zuerst auffiel, war seine Angewohnheit, sich die Haare rosa zu färben. Er und Conns Zwillingsbruder Alastair waren von klein auf eng befreundet gewesen, und da sie ja alle irgendwie und um drei Ecken miteinander verwandt waren, hatte auch er in ihren Kindertagen zu Florias Spielkameraden gehört.

Es hat also doch seine Vorteile, wieder am Hof zu sein, dachte Floria sich. So kann ich wenigstens die Kantate hören, die er zur Feier Königin Antonellas Genesung geschrieben hat. Floria liebte Musik und hielt sehr viel von Gavins Kompositionen; deshalb lief sie ja jetzt auch zum Musikzimmer, hoffte sie doch, wenigstens einen Teil der Proben belauschen zu können.

Die Töne, die aus dem Zimmer drangen, glichen allerdings in keinster Weise dem Stil, den sie von Gavin gewöhnt war, oder, um es genauer zu sagen, sie glichen eigentlich keiner Musik, die Floria je gehört hatte. Es klang eher so, als ob jemand seine Viola mit Katzendärmen bespannt hätte, ohne sich dabei die Mühe zu machen, die arme Katze davon zu unterrichten – oder wenigstens einzuschläfern.

»Nein, nein, Damisela. Das ist noch nicht ganz der gewünschte Effekt, den wir erzielen wollen.« Gavins Stimme klang schrecklich matt. Wahrscheinlich hatte er es an diesem Morgen schon an die fünfzig Mal erklärt. »Am besten, wir legen eine Pause ein.«

»Aber ich bin mir sicher, daß ich den richtigen Ton schon noch treffen werde.« Es war eine weibliche Stimme, äußerst schrill und übertrieben hoch, aber immerhin klang sie beim Sprechen eine Spur angenehmer als bei ihrem Versuch zu singen.

Zumindest nehme ich einmal an, daß sie versuchte zu singen, schoß es Floria durch den Kopf. Oder spielt sie am Ende gar die Katzen-Viola?

»Ganz gewiß doch, davon bin ich überzeugt.« Gavin klang alles andere als überzeugt. »Aber ich benötige jetzt eine Pause. Und Ihr auch.« Gavins telepathische Fähigkeiten waren nicht sonderlich stark ausgeprägt, aber trotzdem konnte Floria deutlich wahrnehmen, was er dachte. Die braucht mehr als nur eine Pause – völliger Rückzug von der Bühne wäre angebrachter.

Floria öffnete die Tür und trat ein. »Gavin«, rief sie leise, »darf ich dich kurz unterbrechen?«

»Floria!« Gavin begrüßte sie so erleichtert wie ein Mann; der sich im Schneesturm verirrt hat und darin unvermutet auf Rettung stößt. »Darf ich dir Capella Ridenow vorstellen.« Die Frau an seiner Seite lächelte Floria etwas zu vertraulich an, obwohl sich Floria ganz sicher war, daß sie sich nie zuvor begegnet waren.

Floria ging eher argwöhnisch auf sie zu und beließ es bei einem unverbindlichen Gruß.

»Dann bist du also Floria«, flötete die Frau auf unpassend mädchenhafte Art. »Ich bin ja so was von froh, dich kennenzulernen! Onkel Aidan und Tante Antonella freuen sich auch schon wahnsinnig auf dich. Nanu, du bist ja schwanger«, plapperte sie weiter und tätschelte dabei Florias Bauch, die daraufhin zurückschreckte. Gavin trat zwischen die beiden, um weiteren körperlichen Kontakt zu verhindern.

»Bitte nicht, Capella«, erklärte er ihr. »Floria ist eine Telepathin.«

»Nein wie nett«, brabbelte sie weiter, ohne darauf zu achten. »Wann soll denn das Baby kommen? Also, ich bin im Mittwinter geboren. Ist es ein Junge oder ein Mädchen? Ich würde ja lieber ein Mädchen haben. Oder sind es gar Zwillinge, so wie dein Mann und sein Bruder? Ich finde die Geschichte ja so was von romantisch: die Zwillingsherzöge von Hammerfell, und schon im Kindesalter voneinander getrennt …«

»Capella«, unterbrach Gavin ihren Redefluß, »warum lauft Ihr nicht rasch zur Königin und unterrichtet sie über Florias Ankunft?«

»Aber natürlich«, sprudelte Capella hervor. »Das mache ich doch gern. Nein, was wird sich Tante Antonella freuen, daß du endlich da bist.« Mit viel Getöse stürmte sie aus dem Zimmer, stieß dabei noch beinahe am Türrahmen an und segelte dann den Korridor entlang.

»Tante Antonella?« erkundigte sich Floria bei Gavin, der ihr einen bequemen Sessel zurechtrückte und seinen Arm als Stütze anbot. Sie legte ihre Fingerspitzen nur ganz sacht auf seinen Unterarm, während sie sich dankbar in den Sessel niederließ. »Die Königin weiß übrigens, daß ich hier bin; ich habe ihr gerade meine Aufwartung gemacht.«

Gavin seufzte. »Ich hatte auch gar nicht die Absicht anzudeuten, du hättest deine Pflichten gegenüber der Königin vernachlässigt. Ich wollte nur endlich Capella los werden. Diese Frau raubt mir noch den letzten Nerv! Ich schwör’s dir, Floria, die macht mich wahnsinnig!«

Selbst nach dieser kurzen Bekanntschaft wollte Floria ihm da nicht widersprechen. »Ist sie irgendwie mit dir verwandt?« Floria versuchte, die Verwandtschaftsverhältnisse in der königlichen Familie aufzudröseln. »Wie war das noch gleich: Deine Mutter war die einzige Schwester der Königin, und du bist ein Einzelkind. Und der König hat weder Brüder noch Schwestern. Wie steht sie nun eigentlich wirklich zu ihnen?«

»Das weiß nur Zandru allein!« stöhnte Gavin. »Nicht einmal Capella ist so dumm, sie in ihrer Gegenwart mit Onkel und Tante anzureden. Das macht sie nur hinter ihrem Rücken, um damit Eindruck zu schinden.«

»Verstehe. Ist sie vielleicht mit einem der Ridenow-Söhne verheiratet? Von denen gibt es doch mehr als genug. Nicht weniger als sechs, wenn ich nicht irre.«

»Acht, um genau zu sein«, korrigierte Gavin. »Und fünf Töchter. Sie ist eine von ihnen.«

»Dann, ist sie also nicht verheiratet?« Floria war überrascht. »Aber sie muß schon mindestens dreißig sein. Andererseits ist es begreiflich, daß es schwierig sein dürfte, sie an den Mann zu bringen. Und gerade das Donas der Ridenows ist doch die Empathie, also ein besonderes Einfühlungsvermögen – aber sie besitzt noch nicht einmal den Anstand, eine Telepathin nicht unaufgefordert anzutatschen! Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß sie es so was von romantisch findet, daß Conn und Alastair als Kinder voneinander getrennt wurden, ihr Vater dabei starb und das Haus über ihren Köpfen abgefackelt wurde, so daß jeder von ihnen glaubte, der andere sei tot.«

»Also, über Capella habe ich meine eigene Theorie«, erklärte Gavin. »Die Ridenows züchten die emphatischen Fähigkeiten, damit sie mit den nicht humanoiden Rassen Verbindung aufnehmen können – ich halte Capella für so ein nicht menschliches Versuchskaninchen, an dem der Rest der Familie schon mal üben kann.«

Floria verschluckte sich beinahe vor Lachen. »Wir sollten uns wirklich nicht so über sie lustig machen. Wahrscheinlich ist sie viel eher zu bedauern. Offenbar ist sie völlig kopfblind.«

»Und stocktaub dazu, zumindest was die richtige Tonhöhe betrifft. Aber sie hat einen Halbbruder, der wiederum aus irgendeiner Nedestro-Verbindung des Königs stammt – die genauen Einzelheiten ändern sich jedes Mal, wenn sie die Geschichte neu erzählt – , und der hat sie hier am Hof untergebracht. Irgendjemand muß dann dem König eingeredet haben, sie habe eine Sopranstimme. Und da wurde ihr die Sopranpartie in meiner Kantate zugeschanzt.«

Er ließ sich deprimiert in einen Sessel fallen. »Wieviel hast du denn mitangehört, als du durch die Halle kamst?«

»Jedenfalls genug, um zu wissen, daß sie nicht gerade ein Bariton ist«, erwiderte Floria.

»Wenn ich doch nur geahnt hätte, daß man dich von deinen Pflichten im Turm freistellt! Dann hätte ich dich für diese Partie besetzt.« Gavin schaute sie hoffnungsvoll an. »Wärst du denn bereit, sie einzustudieren? Bitte! Damit ich wenigstens einmal höre, wie es richtig klingen würde!«

»Aber selbstverständlich«, willigte Floria rasch ein. »Nichts lieber als das. Wozu sind denn Freunde da?« Sie lächelten einander zu und teilten einen Augenblick des vollständigen Einverständnisses, wie er sich manchmal zwischen zwei Telepathen ergab. Und wie durch ein Wunder erneuerte sich Gavins ganze Begeisterung für die Musik. Er sprang auf, drückte Floria die Partitur der Kantate in die Hand und griff zu seiner Ryll.

»Laß uns ganz von vorn beginnen«, meinte er eifrig. »Du brauchst nicht mit voller Stimme zu singen, und wenn du willst, kannst du auch sitzen bleiben. Markiere nur die Phrasen und sieh zu, wie weit du es vom Blatt singen kannst.«

Er spielte einige einleitende Takte, um das Tempo vorzugeben, und erteilte dann mit einem Kopfnicken Floria den Einsatz. Leise sang sie den gesamten ersten Teil der Kantate. Ihre Fähigkeit, vom Blatt zu singen, war erstaunlich gut, und natürlich half es, daß der Komponist neben ihr saß und angestrengt darüber nachdachte, wie seine Musik klingen solle. Sie wußte aber auch, daß ihre Atemtechnik noch sehr zu wünschen übrig ließ – mit einem Kind unter dem Herzen war auch die richtige Atmung schwieriger geworden.

Dennoch klang ihre Stimme klar und rein, sie traf die Töne genau, und für einen ersten Probedurchlauf hielt sie auch das Tempo recht gut.

Ein Trupp Reiter sprengte in den Burghof, und das Hufgeklapper übertönte die Schritte Capellas, die durch die Halle zurückgeeilt kam. Sie würdigte die beiden kaum eines Blicks, als sie eintrat, sondern stürzte sofort zum Fenster, riß es auf und lehnte sich weit hinaus, um begierig in den Burghof hinabzustarren. »Ist er nicht wunderbar?« fragte sie verzückt.

Floria schaute Gavin nur fragend an, der sich erhob, um selbst einen Blick aus dem Fenster zu werfen. »Wen meint Ihr? Etwa den alten Lord Alton?« fragte er überrascht.

»Nicht doch, du Dummerchen«, kicherte Capella. »Sein Pferd natürlich – den weißen Hengst – ist er nicht prächtig? Eines Tages werde ich auch so ein Pferd haben, ganz genauso wie das da!«

Gavin war sprachlos, und auch Floria fiel dazu nichts mehr ein. Sie erlebte zwar nicht zum ersten Mal, daß eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts über ein Pferd in völlige Verzückung geriet, aber zum ersten Mal mußte sie dieses Phänomen bei einer ausgewachsenen Frau wahrnehmen. Normalerweise kam es zu solchen Anfällen bei Mädchen im Alter von acht oder neun Jahren und waren spätestens mit fünfzehn überwunden – wenn nicht schon früher, besonders dann, wenn das Mädchen tatsächlich viel mit Pferden zu tun hatte. Es dürfte schwer fallen, von einem Tier zu schwärmen, das einem ständig auf die Füße trat, immer versuchte, jede erreichbare Pflanze anzuknabbern, während man doch reiten wollte, auf den Reitkleidern überall seine zotteligen Haare hinterließ und im entscheidenden Moment entweder sich weigerte, auch nur einen Schritt vorwärts zu tun, oder aber durchging und einen bei erstbester Gelegenheit abwarf. Nein, Floria war ganz bestimmt keine Pferdenärrin, und das war noch gelinde ausgedrückt. Aber die bloße Höflichkeit erforderte es, daß sie auf Capella einging. »Ihr liebt also Pferde, Damisela?«

»Oh ja«, kam die prompte Antwort. »Ich muß Lord Alton dazu kriegen, daß er mich diesen Hengst reiten läßt. Er ist ein Prachttier!« Plötzlich bemerkte sie die Notenblätter auf Florias Schoß. »Was machst du denn damit?« fragte sie mißtrauisch.

»Nichts weiter«, entgegnete Floria ruhig. »Gavin hat sie mir nur schnell zur Ansicht gegeben. Er ist nämlich einer meiner Lieblingskomponisten.«

Capella schaute noch immer etwas argwöhnisch, sagte dann aber nur: »Tante Antonella möchte dich sprechen, und zwar sofort.« Sie ging auf Floria zu und wollte sie schon aus dem Sessel zerren, was Gavin im letzten Augenblick verhindern konnte.

Während Floria sich hastig erhob, nahm er Capella zur Seite und redete ihr ins Gewissen. »Floria ist eine starke Telepathin. Und es gehört sich nicht, sie ohne ihre Einwilligung zu berühren, körperlicher Kontakt mit Fremden verursacht den meisten Telepathen Schmerzen. Außerdem erwartet Floria ein Kind, was sie nur noch empfindlicher macht.«

»Aber das weiß ich doch!« maulte Capella.

»Dann haltet Euch auch bitte daran«, sagte Gavin. »So, und nun werde ich die Damen zur Königin begleiten. Ich habe sie heute noch nicht gesehen.« Beiden bot er einen Arm an. Capella hing wie eine Klette an seinem rechten, während Floria die Fingerspitzen auf seinen linken legte. Und so zogen sie gemeinsam durch die Halle zu den Gemächern der Königin.

Dort angekommen trafen sie auch König Aidan in Begleitung von Lord Aldaran, der gerade der Königin seine Aufwartung machte und sie zu ihrer Genesung beglückwünschte.

»Lord Alton«, platzte Capella dazwischen, »Ihr müßt mir erlauben, Euren herrlichen Hengst zu reiten!«

Lord Alton starrte sie fassungslos an. Anscheinend hat auch er noch nicht ihre Bekanntschaft gemacht, überlegte Floria. Ob die Ridenows sie bislang auf dem Dachboden unter Verschluß gehalten haben?

König Aidan versuchte, die Situation zu retten. »Lord Alton, gestattet mir, Euch Capella Ridenow vorzustellen.«

Nach allen Regeln des Anstands wäre dies eigentlich für Lord Alton das Stichwort gewesen zu versichern, daß es ihm ein Vergnügen sei, die Damisela kennenzulernen, aber dazu schien sich seine Lordschaft im Moment nicht aufraffen zu können. Und Floria fragte sich, wie oft Capella eine solche Reaktion schon bei anderen provoziert hatte.

»Mein Hengst ist ein sehr gefährliches Tier, Damisela«, entgegnete er schließlich mit einem Rest an Höflichkeit. »Ich muß darum bitten, daß ihn außer meinem persönlichen Pferdeknecht niemand zu nahe kommt.«

»Selbstverständlich«, willigte König Aidan ein. »Ich habe bereits Anweisung gegeben, daß man ihn von den anderen Tieren getrennt am Ende des langen Stalles unterstellt. Falls Ihr damit oder mit meinen Dienern irgendwelche Schwierigkeiten haben solltet, dann zögert bitte nicht, es mich wissen zu lassen.«

Lord Alton nickte. »Ich bin Euer Gnaden zu Dank verpflichtet«, erklärte er förmlich. Er verbeugte sich zum Handkuß vor Königin Antonella, der König verabschiedete sich mit einem Kuß auf die Wange, und beide verließen den Raum.

»Aber die Tiere lieben mich!« versicherte Capella, als sich die Türe hinter ihnen schloß. »Ich bin mir ganz sicher, daß ich den Hengst reiten kann!«

»Ohne die Erlaubnis seines Besitzers wäre das äußerst unhöflich«, erklärte Königin Antonella. Als Folge des Schlaganfalls sprach sie noch immer schleppend und etwas undeutlich. Für Floria war es verständlich genug, aber sie befürchtete, daß Capella immer nur das verstand, was sie auch hören wollte. Königin Antonellas sorgenvolle Miene verriet, daß sie wohl Florias Befürchtung teilte. »Da ihr beiden zur Zeit die Jüngsten in meinem Gefolge seid, werdet ihr euch ein Zimmer teilen.«

Oh nein, bloß das nicht, dachte Floria insgeheim. »Ich fürchte nur, Euer Gnaden«, versuchte sie einzuwenden, »daß ich alles andere als ein idealer Zimmergenosse bin. Durch meine Schwangerschaft muß ich in der Nacht öfters aufstehen, und es wäre mir unangenehm, wenn ich dadurch Capella um ihren Schlaf bringen würde.«

»Ach, mach dir darüber mal keine Sorgen«, warf Capella ein. »Ich habe einen sehr gesunden Schlaf, und du wirst mich nicht im geringsten stören.«

»Darm ist das also geklärt«, entschied die Königin. »Ihr dürft euch bis zum Abendessen zurückziehen; jetzt möchte ich mit Gavin sprechen.«

Floria blieb nichts anderes übrig, als sich mit einem Hofknicks zu verabschieden und Capella durch die große Halle zu dem Schlafgemach zu folgen, das man ihnen beiden zugeteilt hatte. Zum Glück war es ein recht geräumiges Zimmer, und die Betten befanden sich an den zwei gegenüberliegenden Seiten. Die Kammerzofen hatten Florias Sachen bereits ausgepackt und ihre bevorzugte Steppdecke, die sie von zu Hause mitgebracht hatte, auf ihrem Bett ausgebreitet. Dankbar ließ sie sich darauf nieder und lehnte sich in die Kissen zurück; sie fühlte sich viel erschöpfter als sie es für möglich gehalten hatte. Capella schnatterte unterdessen in einem fort, aber Floria schlief ein, bevor sie noch herausbekommen konnte, um was es eigentlich ging.

 

Das Leben am Hof wurde rasch zur Routine. Während Capella immer lange ausschlief, frühstückte Floria zeitig mit den wenigen anderen Frühaufstehern; danach leistete sie den ganzen Vormittag lang der Königin Gesellschaft, wodurch ihr nicht nur Capellas Gegenwart, sondern auch ihre Gesangskunst bei den Proben erspart blieben. Zum Mittagessen schlossen sich ihr Gavin und Capella an, und am Nachmittag löste Capella sie bei der Königin ab. Floria genoß es, das Zimmer dann ganz für sich allein zu haben und nutzte es meist zu einem Mittagsschläfchen. Anschließend ging sie zu Gavin ins Musikzimmer, der weiterhin darauf bestand, mit ihr seine Kantate einzustudieren. »Das brauche ich einfach, um mich wieder aufzurichten, nachdem ich den ganzen Morgen mitanhören muß, wie Capella mein Stück massakriert.«

»Es ist wirklich jammerschade«, meinte auch Floria und nahm in der Partitur, die Gavin für sie hatte anfertigen lassen, eine weitere Notierung vor. »Es ist mit Abstand das Beste, was du bisher geschrieben hast. Hoffentlich kann Conn auch zur Premiere kommen, er würde es nur ungern verpassen.«

Gavin seufzte. »Wenn ich nur nicht mit dieser Frau geschlagen wäre. Glaub mir, Floria, es ist ein einziges Fiasko.«

»Aber sie hat doch sicherlich gewisse Fortschritte gemacht, seitdem ich sie das letzte Mal gehört habe«, fragte Floria hoffnungsvoll.

»Nicht im geringsten«, erklärte Gavin kopfschüttelnd. »Es ist einfach unglaublich, aber ihr Vortrag hat sich kein bißchen verändert. Ihre Sturheit ist fast schon wieder bewundernswert. Sie ist felsenfest davon überzeugt sie könne singen und mache es richtig, und dann kräht sie genauso falsch wie vorher.«

Er lief unruhig im Zimmer auf und ab. »Ich weiß ja, daß ich das nicht sagen sollte, aber manchmal wünsche ich mir, sie würde versuchen, Lord Altons Hengst zu reiten und sich dabei den Hals brechen!«

»Erinnere mich bloß nicht daran! Sie will es tatsächlich! In dieser Woche habe ich sie schon dreimal zurückhalten müssen.«

Gavin starrte sie entgeistert an. »Wie bitte?«

»Sie schleicht sich in ihren Reitsachen mitten in der Nacht aus dem Zimmer. Deshalb hat uns die Königin auch zusammengelegt – damit ich auf sie aufpassen kann.«

»Du Ärmste! Kein Wunder, daß du in letzter Zeit so müde bist. Du mußt sie doch hoffentlich nicht gewaltsam zurückzerren?«

Floria schüttelte den Kopf. »Wenn ich sie ertappe, behauptet sie nur, sie müsse wohl schlafwandeln.«

Gavin konnte es kaum glauben. »Und erwartet sie im Ernst, daß du ihr das abnimmst?«

»Ist mir doch egal«, meinte Floria achselzuckend. »Solange sie diese Ausrede benutzt, bleibt ihr jedenfalls nichts anderes übrig, als sich sofort wieder schlafen zu legen. Es hat also seine Vorteile.«

»Ein idiotisches Spiel«, urteilte Gavin kategorisch.

»Wem sagst du das«, seufzte Floria. »Laß uns auf andere Gedanken kommen und diesen Abschnitt hier noch einmal üben.« Sie deutete auf eine Stelle in der Partitur. »Diese lange Phrase habe ich noch nicht ganz korrekt getroffen.«

In den nächsten Stunden arbeiteten sie an der Kantate so intensiv, daß sie darüber die Zeit vergaßen und ziemlich überrascht waren, als Capella den Raum betrat. »Was machst du denn hier, Floria?« fragte sie schrill. »Es ist höchste Zeit, sich für das Abendessen umzuziehen; wir kommen sonst noch zu spät. Und was singst du da überhaupt?« Sie schaute sich die Notenblätter an, die Floria in der Hand hielt, und wandte sich dann an Gavin. »Warum läßt du das Floria singen, anstatt es mir beizubringen? Ich singe doch die Sopranpartie!«

Zu allem Überfluß verlor Gavin jetzt auch noch die Beherrschung. Das war zwar verständlich, aber nicht gerade hilfreich. »Seit einem geschlagenen Monat versuche ich, es Euch beizubringen, Damisela!« donnerte er. »Aber Ihr hört ja nie zu, wenn Euch jemand etwas erklärt. Ihr beharrt darauf, daß das, was Ihr da produziert – denn Singen kann man es wirklich nicht nennen – gut sei. Und wenn Ihr Eure Partie dann einmal richtig gesungen hört, erkennt Ihr sie nicht einmal wieder!«

»Das ist gar nicht meine Partie«, behauptete Capella. »Diesen Teil hast du mir noch gar nicht beigebracht!«

»Oh doch, das habe ich«, fauchte er sie an. »Ihr habt ihn nur nicht einstudiert. Ihr seid ein hoffnungsloser Fall, und genau das werde ich jetzt dem König mitteilen. Ich lasse es einfach nicht zu, daß Ihr mein Werk ruiniert. Und dabei ist es mir völlig gleich, mit welchem Nedestro und um wie viele Ecken Ihr verwandt seid!« Er stürmte aus dem Zimmer.

Capella gaffte ihm mit herabhängendem Unterkiefer hinterher. »Was hat er denn bloß?«

Floria fand, daß Gavin sich deutlich genug ausgedrückt hatte, und außer Capella hätte es wohl jeder begriffen, der diese Szene belauscht hätte. »Kommt, Capella, wir wollen uns zum essen umziehen.«

Capella musterte sie argwöhnisch. »Da steckst nur du dahinter«, beschuldigte sie Floria. »Aber ich werde dir einen Strich durch die Rechnung machen, hörst du!«

 

In Florias Tagesablauf änderte sich nicht viel, auch wenn Gavin sie bei der Einstudierung der Kantate jetzt noch mehr forderte. Er sprach zwar nicht mehr davon, aber Floria wußte, daß er noch immer hoffte, den König von der Umbesetzung überzeugen zu können. Außerdem mußte sie weiterhin auf Capella aufpassen, ganz besonders nach deren Drohungen, die Floria aber nicht ganz ernst nahm. Das änderte sich erst, als sie eines Nachmittags eine überraschende Neuigkeit erfuhr. Sie hatte gerade ihr Solo beendet, als vom Eingang des Musikzimmers unvermutet Applaus ertönte.

»Bravo!« Dort stand Conn und lächelte ihr zu.

»Conn!« Floria flog in seine Arme; so schnell hatte sie sich seit Wochen nicht mehr bewegt. »Was für eine wunderbare Überraschung! Warum hast du mir nicht gesagt, daß du kommst? Und wie lang kannst du bleiben?«

Conn drückte sie einfach nur fest an sich, und für Floria war seine Umarmung köstlicher als die wärmenden Sonnenstrahlen.

Gavin setzte seine Ryll ab und erhob sieh. »Auch ich freue mich dich zu sehen, Conn«, begrüßte er den Freund. »Ich laß euch zwei jetzt am besten allein, ihr habt euch sicher eine Menge zu erzählen.«

»Einen Moment noch«, sagte Conn. »Ich glaube nämlich, daß wir drei uns etwas zu erzählen haben. Setz dich, Gavin.« Gavin kam der Aufforderung nach, Conn nahm in einem zweiten Sessel Platz und ließ Floria auf seinem Schoß sitzen. »Verrate mir doch bitte, wer diese Capella Ridenow ist!«

»Diese Frau spottet jeder Beschreibung«, stöhnte Gavin. »Die mußt du selbst erleben!«

»Sie ist eine der Ridenow-Töchter«, erklärte Floria seufzend, »und gehört zur Zeit zu Königin Antonellas Hofdamen. Sie ist völlig kopfblind und trifft keinen einzigen Ton, aber trotzdem soll sie die Sopranstimme in Gavins neuer Kantate singen.«

»Mein Beileid, alter Junge«, meinte Conn. »Ist das die gleiche Partie, die Floria gerade gesungen hat?«

»Ganz genau. Floria hat sich freundlicherweise bereit erklärt, sie einzustudieren, damit ich sie wenigstens einmal richtig höre. Du kannst dir nicht vorstellen, was diese Person daraus macht!«

»Sie scheint mir eine sehr unglückliche Frau zu sein«, bemerkte Conn plötzlich ernst.

Floria drehte sich zu ihm, um in sein Gesicht blicken zu können. »Hast du sie denn schon getroffen?«

Conn schüttelte den Kopf. »Sie hat mir einen Brief geschrieben.«

Floria begriff sofort, aber für Gavin mußte Conn es erst erklären. »Ich kann durch die Berührung von Gegenständen noch einiges mehr spüren. Am besten klappt es mit oft getragenen Schmuckstücken, aber auch von einem Brief kann ich noch das eine oder andere auffangen, ganz besonders, wenn die betreffende Person beim Schreiben gefühlsmäßig stark erregt war.«

»Wovon hat sie dir denn geschrieben?« wollte Floria wissen.

Ihr Mann konnte sich bei der Antwort ein Lachen nicht verkneifen. »Sie behauptete, du und Gavin würden ganz unverhohlen eine Affäre miteinander haben und am Hof einen Riesenskandal verursachen, und sie hielte es für ihre Pflicht, mich darüber zu unterrichten.«

Floria mußte erst einmal schlucken. »Nein, wie gütig von ihr«, meinte sie schließlich schwach.

Gavin fand es überhaupt nicht komisch. »Dieses hinterhältige, intrigante, skrupellose Mist …«

»Na na, wer wird sich denn so aufregen«, beruhigte Floria ihn. »Du weißt doch genausogut wie ich, daß Conn einem solchen Unsinn keinen Glauben schenken würde.«

»Ganz bestimmt vertraue ich meiner Frau und meinen Freunden mehr als dem Gerede einer mir Unbekannten«, bekräftigte Conn. »Aber immerhin hatte ich damit einen Vorwand, an den Hof zu kommen und Floria wiederzusehen – und natürlich auch, deine neue Kantate zu hören.«

»Wenn du sie richtig aufgeführt hören willst«, erklärte Gavin bissig, »muß vorher noch jemand dieser Kanaille die Gurgel umdrehen! Es ist schon schlimm genug, daß sie meint, sie könne singen, aber Floria derart zu verleumden! Da hört sich doch wohl alles auf!«

»Hat sie denn versucht, auch anderen diese Geschichte unterzujubeln?« erkundigte sich Conn.

»Das glaube ich kaum«, erwiderte Floria. »Die Königin hätte mir sicherlich etwas gesagt, wenn Capella probiert hätte, solche Gerüchte auszustreuen. Und da wir schon von der Königin sprechen – sollten wir nicht besser zu ihr gehen und sie von deiner Ankunft unterrichten?« Floria löste sich widerstrebend aus Conns Armen und erhob sich.

»Da hast du völlig recht«, stimmte Conn ihr zu. »Es ist wirklich nachlässig von mir, nicht zuerst der Königin meine Aufwartung gemacht zu haben, aber ich wollte dich unbedingt sehen.«

Floria lächelte geschmeichelt. »Ich glaube, das wird die Königin – und auch der König – verstehen können.«

»Aber natürlich werden sie das«, pflichtete Gavin bei, als sie in die Halle hinaustraten. »Wer selbst einmal verliebt war, wird Liebe auch bei anderen erkennen.«

Als sie sich den Gemächern der Königin näherten, hörten sie von dort erregte Stimmen. Gavin und Floria schauten sich besorgt an.

»Das ist doch Lord Alton«, meinte Gavin.

Floria nickte. »Ich hoffe nur, daß Capella sein Pferd in Ruhe gelassen hat. Aber ich könnte wetten, daß es genau darum geht.«

»Ist das etwa Capella? Diese Närrin, die ich bei meiner Ankunft in den Stallungen gesehen habe?« fragte Conn. »Eine Frau so Mitte dreißig mit krausen, roten Haaren?«

»Das klingt ganz nach ihr«, sagte Gavin. »Was hat sie denn angestellt?«

»Sie lief gerade auf den hinteren Teil der Stallungen zu, der normalerweise nicht benutzt wird. Sie schien dort eine Verabredung mit jemandem zu haben.«

»So kann man es auch nennen«, seufzte Floria. »Der Jemand ist Lord Altons weißer Hengst …«

»Du willst doch wohl nicht sagen …« Conn wußte nicht so recht, wie er es ausdrücken sollte.

»Nein, nicht was du denkst«, lachte Floria. »Sie möchte das Pferd nur reiten. Lord Alton hat es ihr aber verboten, weil es zu gefährlich ist. Doch Zuhören ist nicht gerade Capellas Stärke, besonders dann nicht, wenn es ihr gegen den Strich geht.«

Als die drei eintraten, wurden sie Zeugen, wie Capella es erneut zu hören bekam.

»Ich habe es Euch deutlich genug gesagt, daß dieses Tier gefährlich ist«, donnerte Lord Alton sie an. »Und ich habe Euch eingeschärft, Euch von ihm fernzuhalten! Und was muß ich sehen, als ich in den Stall komme? Da steht Ihr in seiner Box!«

»Ihr hättet ihn nicht schlagen dürfen!« schrie Capella zurück. »Ihr seid ein brutaler Kerl!«

»Ich hätte ihn gar nicht schlagen müssen, wenn Ihr nicht dazwischen gekommen wärt. Begreift Ihr denn nicht, daß er gerade dabei war, Euch kräftig in den Arm zu beißen?«

»Das hat er nicht!« widersprach Capella. »Er mag mich.«

»Da dürfte er so ziemlich der einzige sein«, murmelte Gavin sotto voce, aber unglücklicherweise bekam Capella es mit.

»Ihr seid alle so gemein zu mir. Ich hasse euch!« schrie sie. »Am liebsten wäre ich tot!«

»Der Fall könnte leicht eintreten, wenn Ihr noch mal versucht, mein Pferd zu reiten«, entgegnete Lord Alton grimmig.

Capella schaute sich nach Mitleid heischend um. Da sie aber bei keinem darauf stieß, brach sie in Tränen aus und stürzte aus dem Zimmer.

Eine Zeit lang herrschte betretenes Schweigen. Jeder im Raum versuchte sich zu sammeln, und schließlich beruhigten sich Pulsschlag und Atmung wieder.

Lord Alton wandte sich an Königin Antonella. »Euer Gnaden, ich muß mich für diesen Auftritt entschuldigen …«

Die Königin lächelte nachsichtig und schüttelte den Kopf.

»Unsinn«, warf König Aidan rasch ein. »Eure Reaktion ist völlig verständlich. Diese Dame braucht dringend eine starke Hand.« Dann erblickte er die Drei, die noch immer wie angewurzelt bei der Tür standen. »Conn, alter Junge! Welch eine Freude, Euch zu sehen! Ihr kommt wohl nachschauen, wie es Eurer Frau bei uns ergeht?«

Conn verbeugte sich erst vor dem König, dann vor der Königin. »Ich bitte um Nachsicht, daß ich hier unaufgefordert erscheine, aber ich habe meine Frau doch sehr vermißt.«

»Floria kann sich glücklich schätzen, einen Mann zu haben, der sie so sehr liebt«, erklärte Königin Antonella sanftmütig. Und an Floria gewandt meinte sie: »Ich nehme an, du würdest gern ein eigenes Zimmer haben, um mit ihm allein zu sein?«

»Ja, Euer Gnaden, wenn das möglich wäre«, sagte Floria dankbar.

»Die Diener sollen deine Sachen umräumen, wenn wir beim Abendessen sind. Jetzt weint sich Capella wahrscheinlich gerade auf ihrem Zimmer aus, da brauchen wir sie nicht auch noch zu stören.«

Floria war damit einverstanden. Capella hat es sicherlich nicht so beabsichtigt, aber sie hat mir mit ihrem lächerlichen Brief an Conn einen großen Gefallen getan.

»Es ist doch zu schade, daß sie nicht verheiratet ist«, fuhr die Königin fort. »Wie wäre es denn mit Euch, Gavin?«

Gavin wehrte erschrocken ab. »Nicht um alles in der Welt! Sie trifft keinen einzigen richtigen Ton.«

Der König hörte es sich belustigt an. »Kein Wunder, daß Ihr Euch bei einem solchen Vorschlag taub stellt. Aber Capella muß doch auch ihre guten Seiten haben.«

»Davon dürfte zumindest sie überzeugt sein«, meinte Lord Alton, der sich inzwischen etwas beruhigt hatte.

»So weit ich es verstehe, glaubt sie, ganz gut reiten zu können«, schlug Conn vor.

»Sie glaubt ja auch singen zu können«, schränkte Gavin ein, »aber das ist nun ganz gewiß nicht der Fall.«

»Wenn sie nur halb so gut mit Pferden umgehen könnte wie sie meint, würde ich sie vom Fleck weg heiraten«, erklärte Lord Alton. »So ein Charakterzug macht sich gut in meiner Familie.«

Floria biß sich auf die Lippen, konnte sich aber ihre Bemerkung nicht verkneifen. »Und wenn Ihr sie im Stall schalten und walten laßt, müßtet Ihr sie nicht so oft im Haus ertragen.«

Lord Alton lachte herzlich, und damit wich auch die noch verbliebene Spannung.

 

Beim Abendessen verhielt sich Capella still, war aber offensichtlich darauf bedacht, den Anschein zu erwecken, sie würde auf Rache sinnen. Floria, die von Capellas erstem Versuch in dieser Richtung nur Vorteile geerntet hatte, machte sich darüber keine Sorgen.

 

Am nächsten Morgen war Capella verschwunden – und mit ihr auch Lord Altons weißer Hengst. Floria und Conn saßen gerade bei der Königin, als Gavin die Neuigkeit überbrachte. Er schien sich köstlich darüber zu amüsieren.

»Nein, nein«, versicherte er Königin Antonella, »sie ist kein bißchen verletzt. Es sieht so aus, als ob sie mit ihrer Behauptung recht behalten hat, daß Tiere sie mögen. Zumindest auf den Hengst trifft es zu. König Aidan hat sie mit seinem Sternenstein ausfindig gemacht. Sie hatte das Tier nicht einmal gesattelt, ist nur mit einem Halfter geritten. Lord Alton war mächtig beeindruckt. Er ist hinter ihr her und will sie mit nach Hause nehmen. Seinen Vater will er um die Einwilligung zur Heirat bitten.«

»Und wie steht es mit ihrer Einwilligung?« fragte Floria. »Noch gestern hat sie ihn einen brutalen Kerl genannt.«

»Sie wird ganz bestimmt zustimmen«, sagte Gavin voraus.

»Dafür wird schon für Vater sorgen. Bei so vielen Kindern kann er es sich nicht leisten, ihren Launen nachzugeben, wenn sie schon mal ein solch gutes Angebot erhält.«

Conn tätschelte ihr beruhigend die Hand. »Mach dir um sie keine Sorgen. Sie wird sich im Glanz des Titels Lady Alton sonnen.«

»Da dürftest du recht haben«, meinte auch Gavin.

»Wahrscheinlich ist es so«, sagte Floria abschließend. »Jedenfalls scheint sie mir mit Pferden besser umgehen zu können als mit Menschen. Und Lord Alton sie schon glücklich besitzt mehr Pferde als irgendjemand sonst in den Domänen. Da sollte werden.«

»Und ich bin entzückt!« rief Gavin begeistert. »Jetzt, da wir Capella los sind, kann endlich Floria die Sopranstimme in meiner Kantate singen. Ich finde, damit ist doch allen gedient.«