LINDA ANFUSO

 

Das Auge des Betrachters

 

Linda sagt von sich, daß sie seit ihren Teenagertagen Darkover-Geschichten verschlingt und daß sie sich bei der Lektüre einer neuen Anthologie jedesmal sagt: »Das kann ich auch.« Und jetzt hat sie es uns gezeigt.

Linda gehört zum Volk der Mohawks und stammt ursprünglich aus dem nördlichen Teil des Staates New York (wo auch ich meine Jugendzeit verbrachte), und zwar circa vier Kilometer nördlich von Thendara – für einen Darkover-Fan natürlich ein passendes Plätzchen! Sie hat einen Magistertitel der Schönen Künste erworben und engagiert sich im Kampf für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner.

Als Beruf gibt sie Bildende Künstlerin an – und neben der Schriftstellerei dürfte es gerade in diesem Bereich und in der Musik am schwierigsten sein, sich durchzusetzen und seine Unabhängigkeit zu bewahren. Die vorliegende Geschichte ist ihr literarischer Erstling, obwohl sie auch schon nichtfiktionale Texte sowie Gedichte verfaßte, die sie bereits in Funk und Fernsehen öffentlich vorgetragen hat. Da Linda sich schon auf so vielen Betätigungsfeldern getummelt hat, sind wir froh, sie nun auch bei uns begrüßen zu können.

 

 

 

Das Schild über der Tür verkündete in wunderbar verzierten Kupferlettern ›Zunft der Portraitmaler‹.

Eryn hielt vor der Tür einen Moment lang inne und zupfte sich seinen Kasack zurecht, bevor er anklopfte. Mit dem geschnürten Bündel unter dem Arm versuchte er zumindest, nicht ganz so nervös zu wirken wie er tatsächlich war. Während seiner langen Anreise nach Thendara war er in Gedanken diese Szene unzählige Male durchgegangen, hatte sich die passenden Worte zurechtgelegt, hatte sich vorgestellt, wie er selbstsicher und geschäftsmäßig auftreten würde … aber jetzt, da der Augenblick endlich gekommen war, war er sich seiner selbst keineswegs mehr so sicher wie er gehofft hatte. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Er redete sich selbst Mut zu. Also bringen wir es hinter uns.

Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf eine große und geräumige Halle frei. Ein junger Mann, der sogar noch jünger als Eryn war, hielt ihm die Tür auf. Sein grüner Wappenrock wies ihn als Lehrling aus. Eryn verbeugte sich höflich und erklärte mit so fester Stimme, wie es ihm eben noch gelang: »Ich bin Eryn von Serrais, Geselle Eryn von Serrais. Ich habe für heute eine Verabredung mit Meister Therrold.«

Der junge Mann erwiderte die Verbeugung. »Wir haben eure Nachricht über die Relaisstation erhalten, Geselle Eryn. Meister Therrold wird euch in seinem Amtszimmer empfangen.« Dann zögerte der junge Mann einen Moment lang und fügte schließlich hinzu: »Oder möchtet ihr euch zuvor noch etwas frisch machen?«

Eryn war die Frage peinlich. War es derart offenkundig, daß er gerade erst in der Stadt angekommen war? Roch man es vielleicht sogar schon? Jedenfalls nahm er das Angebot dankend an. Er folgte dem Lehrling durch die Halle, bis sie zu einer kleinen Kemenate kamen, wo er sich erleichtert den Staub der Straße von Händen und Gesicht waschen konnte. Was seine Kleidung betraf, so war auch seine Wechselwäsche in einem derart jämmerlichen Zustand, daß es keinerlei Verbesserung dargestellt hätte, sich noch umzuziehen. Die Reise von Nevarsin nach Thendara hatte nicht nur seine Garderobe, sondern auch seine schmale Börse über Gebühr in Anspruch genommen. Gerne hätte er zumindest noch einen neuen Kasack für dieses Treffen erstanden, aber wie die Dinge nun einmal lagen, hatte er noch nicht einmal genug Geld für ein Nachtquartier, sollte man ihm nicht gestatten, im Zunfthaus zu übernachten. Nicht etwa, daß er die Möglichkeit einer Zurückweisung in Betracht zog. Nein, das gewiß nicht, schließlich verstand er sein Gewerbe besser als jeder Mönch der Abtei. Bruder Randolf selbst hatte ihm das immer wieder versichert. Und als es klar wurde, daß Eryn dem klösterlichen Leben nichts abgewinnen konnte, da war es wiederum Bruder Randolf, der ihm dazu riet, bei der Zunft der Portraitmaler um Beschäftigung nachzusuchen. Bis zum Rang eines Gesellen hatte er es bereits gebracht, und es war durchaus möglich, daß er den Meistertitel erlangte. Aber das konnte er natürlich nur mit der offiziellen Zustimmung der Zunft erreichen. Jedenfalls war er vom Wert seiner Arbeit überzeugt. Mögen die anderen es doch auch so sehen, betete er insgeheim.

Nachdem er seine Hände abgetrocknet hatte, klopfte Eryn den Staub aus seinen groben Arbeitshosen und wischte ihn mit dem feuchten Handtuch von den Stiefeln. Er strich sich mit den Fingern durchs Haar – als Kamm mußte das genügen. Dann hob er seufzend seine Siebensachen auf und verließ den Raum. Der Lehrling musterte ihn grinsend, und Eryn erwiderte das Lächeln, als er ihm wieder durch die große Halle folgte. Am anderen Ende befanden sich zwei Doppeltüren, die überreich mit Schnitzwerk verziert waren. Die Türknaufe und Angeln bestanden wie der Großteil der Verzierungen in der Halle aus vergoldetem Kupfer, wie Eryn mit Genugtuung feststellte. Wenn es der Zunft offensichtlich so gut ging, dann würden sie sich vielleicht auch ihm gegenüber großzügig erweisen.

Die Türen öffneten sich, und Eryn trat ein. Der Raum wirkte auf den ersten Blick eher wie eine Bibliothek und nicht wie ein Amtszimmer. Drei der vier Wände waren mit Bücherregalen zugestellt, auf denen schwere Ledereinbände warm glänzten. Durch die Butzenscheiben strömte das Licht der Nachmittagssonne herein und ließ das lebhafte Muster des Teppichs noch lebhafter erscheinen. An einer Seite befand sich ein Kamin, in dem ein kleines Feuer brannte. Darüber hing ein altes Schlachtengemälde. Neben dem Fenster stand ein Schreibpult, das die gleichen Schnitzmotive wie die Kamineinfassung aufwies. An seinem Schreibtisch saß ein Mann vorgerückten Alters, der die Tracht eines Zunftmeisters trug.

Eryn verbeugte sich höflich, als der Lehrling ihn vorstellte. Der Meister erhob sich und nickte dann dem Lehrling zu, der sich daraufhin umwandte und den Raum verließ. Leise schlossen sich die Türen hinter ihm.

»Willkommen, Geselle Eryn. Wie ich höre hast du eine lange Reise hinter dir. Ich nehme doch an, daß alles friedlich verlief.«

Eryn spürte, wie er feuchte Hände bekam. Er hatte sich das alles so viel einfacher vorgestellt! Dann räusperte er sich und erwiderte: »Danke der Nachfrage, Meister Therrold, ich kann nicht klagen. Es dauerte zwar länger, als ich erwartet hatte, aber es gab keine besonderen Vorkommnisse. Um so glücklicher bin ich, endlich hier zu sein …« Doch dann verlor er den Faden. Plötzlich wußte er nicht mehr, was er sagen sollte. Seine schöne, wohlgesetzte Rede wollte ihm einfach nicht mehr einfallen.

Meister Therrold setzte sich und wies Eryn mit einer Handbewegung an, ebenfalls Platz zu nehmen.

»Von Bruder Randolf habe ich mehrere Schreiben über dich erhalten.« Er legte eine Pause ein. Eryn nickte.

»Er scheint von dir und deinem künstlerischen Talent sehr viel zu halten, ja er empfiehlt uns sogar, dich in den Meisterrang zu erheben. Ein solches Lob von ihm wiegt in der Tat schwer.«

Eryn nickte erneut. Das klang schon eher nach seinen Wunschvorstellungen. »Bruder Randolf erwähnte auch«, fuhr Therrold fort, »daß du die Absicht hast, hier in der Stadt einen Laden zu eröffnen. Ist das immer noch der Fall?«

Eryn räusperte sich noch einmal, aber allmählich fand er die so sorgfältig überlegten Worte wieder. »Jawohl, Meister. Ich male Portraits, vorwiegend Miniaturen, aber auch einige Tafelbilder. Man sagt mir, sie seien gelungen. Deshalb hoffe ich nun, mit meinem Talent als Portraitmaler mein Geld zu verdienen.«

»Nun gut, dann laß sehen.« Der Meister beobachtete ihn aufmerksam. »Du hast doch ein Muster deiner Arbeit bei dir?«

Eryn schaute sofort etwas zuversichtlicher drein. Auf diese Frage war er vorbereitet. Er löste die Spange seiner Tasche und holte daraus eine Mappe mit Zeichnungen hervor.

»Aber natürlich. Ich habe sogar mehrere mitgebracht. Darunter sind einige Portraits der Mönche von der Abtei, und dann habe ich unterwegs auch Skizzen von meinen Reisebegleitern angefertigt. Es sind nicht unbedingt meine besten Arbeiten, aber doch gut genug. Jedenfalls sind sie für meinen Stil recht typisch. Ich dachte mir, ich könnte sie in meinem Schaufenster als Proben meines Könnens ausstellen.«

Der Meister nahm das Bündel nickend entgegen. »So, so, in deinem Schaufenster. Na, wir werden sehen.« Er begutachtete die Zeichnungen einzeln und hielt sie dabei so, daß genügend Licht darauf fiel. Er verzog den Mund etwas abschätzig.

»Nun ja, sie sind nicht übel, wenn auch nicht gerade meisterhaft …« Und wiederum legte er eine bedeutungsvolle Pause ein. »Aber immerhin, ganz passabel. Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie sehr die Portraits den Modellen ähneln, aber sie scheinen mir doch recht ordentlich ausgeführt. Einige hübsche Hell-Dunkel-Kontraste hast du da. Vielleicht sind es ja wirklich gute Portraits.« Er lächelte Eryn aufmunternd zu, der daraufhin etwas weniger verkrampft wirkte. Aber dann kam die entscheidende Frage.

»Du möchtest also Werkstatt und Laden eröffnen. Als Geselle hast du dazu auch das Recht. Bruder Randolfs Wort zählt viel bei uns in der Zunft. Und wenn er versichert, du seist ein Geselle, dann werde ich das nicht in Zweifel ziehen. Was aber den Meistertitel anbelangt, da müssen wir abwarten. Darüber muß die Zunft entscheiden. Über Jahr und Tag, wenn wir die Gelegenheit gehabt haben, einige deiner besten Arbeiten zu begutachten, werden wir weitersehen. Wenn du nun trotzdem deinen Laden eröffnen willst, werden natürlich Zunftbeiträge fällig, und wahrscheinlich wirst du die Miete für eine Langwoche im Voraus bezahlen müssen. Wieviel bist du bereit auszugeben?«

Eryn sank der Mut. Jetzt war es also doch schlimmer gekommen als befürchtet. Dabei war er sich so sicher gewesen, sie würden ihn gleich zum Meister machen! Wäre das der Fall gewesen, hätten sie ihm auch die Miete für das erste halbe Jahr vorgestreckt und auf seine Zunftgebühr in dieser Zeit verzichtet. Aber so wie die Dinge jetzt lagen, war er in Thendara gestrandet und hatte weder Geld noch einen Ort, wo er arbeiten oder wenigstens schlafen konnte. Hastig erklärte er dies alles dem Meister Therrold. Er gestand ein, daß er fest darauf vertraut hatte, die Qualität seiner Arbeit sei ausreichend, um den Meistertitel zu erringen und damit viel leichter ein Geschäft eröffnen zu können.

Der Meister runzelte die Stirn, während er Eryns Mappe über den Tisch zurückreichte. »Hat Bruder Randolf dir das vorgeschlagen?«

Eryn mußte das kleinlaut verneinen. »Er meinte, ich solle im Kloster bleiben und weiterhin Heiligenbilder malen. Aber dazu fühlte ich mich nun wirklich nicht berufen. Ich wollte in die Stadt, und so hat er schließlich nachgeben und mich zu Euch gesandt.«

Meister Therrold seufzte. »Es tut mir leid, aber ich kann dir da nicht groß weiterhelfen. Fürs erste kann ich dir einen Platz zum Schlafen anbieten. Wir können auch die Zahlung deiner Zunftgebühren für ein oder zwei Langwochen aussetzen, aber wenn du die Malerei bei uns zum Beruf machen willst, wirst du dafür auch bezahlen müssen. Du kannst ja als Straßenmaler anfangen.«

Als Therrold sah, wie niedergeschlagen Eryn war, sprach er ihm weiter Mut zu. »Das ist wirklich nicht so schlimm, wie es sich jetzt anhört. Du weißt doch, daß einige der größten Künstler als Straßenmaler angefangen haben. Eröffne auf dem Marktplatz einen kleinen Stand, zeichne dort einige schnelle Skizzen … und du wirst überrascht sein, wieviel man an einem guten Tag damit verdienen kann. Wenn du wirklich so gut bist, wie du glaubst, wirst du schneller als du dich versiehst genug Geld zusammengespart haben, um dir deinen eigenen Laden mieten zu können.«

Eryn nahm die Mappe wieder an sich.

»Ich weiß ja, daß du etwas anderes erwartet hast. Hast du denn keine Verwandten, die bereit wären, dir das Geld zu leihen? Du kommst doch aus Serrais …?«

»Jawohl, ich bin ein Nedestro-Sohn von Lord Alexi. Aber er hat bereits meine Ausbildung in Nevarsin und auch die Reise hierher bezahlt. Er meinte, ich verdiene eine Chance, aber für einen Laden würde er mir kein weiteres Geld geben. Ich müsse meinen eigenen Weg gehen.«

»Und damit hat er völlig recht«, pflichtete Meister Therrold bei. »Es ist gar nicht so schwer, einen Versuch zu unternehmen, wenn man gut ist und an sich glaubt.«

»Aber das tue ich doch! Ich würde nur wesentlich mehr verdienen, wenn ich meinen eigenen Laden hätte. Die Adligen werden doch keinen Straßenmaler für ihre Portraits beauftragen.«

»Nein, das wohl nicht. Aber dafür wirst du auf dem Markt eine viel interessantere Kundschaft haben als auf der Burg. Du wirst es jedenfalls nicht bereuen.«

Schöne Worte – aber Eryn bereute es bereits jetzt! Doch was blieb ihm schon anderes übrig, als aus Meister Therrolds Vorschlag das beste zu machen? Er verstaute seine Zeichnungen in der Tasche, verbeugte sich artig und dankte dem Meister für seine Güte und Großzügigkeit. Diese Worte stießen ihm bitter auf.

 

Die nächsten zwei Langwochen vergingen für Eryn wie im Flug. Täglich verließ er früh morgens das Zunfthaus und begab sich zum Marktplatz. Es dauerte einige Tage, bis er die günstigste Stelle für seinen Stand ausfindig gemacht hatte. Einerseits brauchte er zum Arbeiten viel Licht, andererseits benötigte er eine Hauswand, an der er seine Zeichnungen leicht ausstellen konnte. Aus dem Zunfthaus borgte er sich zwei Stühle und ein Zeichenbrett, das er als Unterlage auf dem Schoß hielt, wenn er seine Portraits malte. Diese waren zwar nicht so detailliert und elegant, wie er es sich selber gewünscht hätte, aber trotzdem lief das Geschäft.

Zuerst fertigte er nur Kohlezeichnungen an. Als er damit genug Geld verdient hatte, kaufte er sich vom Apotheker einige billige Pigmente, mit denen er seine eigenen Tuschen mischte, um so seinen rasch schwindenden Vorrat aufzustocken. Außerdem leistete er sich einige feinere Zeichenstifte, mit denen er viel detaillierter skizzieren konnte.

An Kundschaft mangelte es ihm nie. Seine Fähigkeiten sprachen sich auf dem Markt schnell herum, und seine Preise hielt er bewußt niedrig, so daß sich auch die meisten aus dem einfachen Volk seine Arbeiten leisten konnten – Eryn sagte sich, daß es besser sei, viele billigere Portraits zu verkaufen als einige wenige teure Exemplare. Je mehr Leute ihm etwas abkauften, desto schneller würde sich auch sein Ruhm verbreiten.

Und genau so kam es – sogar in einem Ausmaß, daß seine Portraits schon bald auch im Zunfthaus zum Gesprächsstoff wurden. Es war kaum zu fassen. Die Leute kamen in Scharen zu seinem kleinen, improvisierten Stand und standen bei jeder Witterung geduldig Schlange, um sich von dem neuen, jungen Künstler zeichnen zu lassen. Andere Zunftgenossen fingen bereits an, sich zu beschweren und Gerüchte über unlautere Geschäftsmethoden zu verbreiten. Dies kam schließlich auch Meister Therrold zu Ohren, der daraufhin zwei seiner begabtesten Künstler zum Marktplatz sandte, um mehr über dieses Phänomen herauszufinden. Sie kehrten völlig verdutzt zurück.

»Ich kann es einfach nicht verstehen. Er zeichnet ganz ordentlich, aber so berauschend sind seine Portraits nun auch wieder nicht. Und trotzdem ist jeder einzelne Kunde mit seinem Kauf glücklich und zufrieden.« Der andere bestätigte das. »Wie gesagt, seine Arbeit ist gut, aber auch wieder nicht so gut. Und noch etwas ist merkwürdig. Jedesmal gelangt er bei seinen Zeichnungen an einen gewissen Punkt, bei dem er das genaue Abbild des Modells trifft. Jedenfalls erscheint es mir so, und auch alle anderen finden das. Aber er läßt es damit nicht genug sein. Er zeichnet weiter, ändert hier etwas leicht ab und fügt dort eine Kleinigkeit hinzu. Und das Verrückte ist: selbst wenn es danach dem Modell nicht mehr so treffend ähnlich sieht wie zuvor, schätzt es der Kunde nur um so mehr.«

Meister Therrold wurde sehr nachdenklich. »Schickt ihn zu mir. Ich möchte ihn heute abend sprechen.«

 

Eryn erschien erwartungsvoll vor dem Meister. Vielleicht würden sie jetzt sein Talent anerkennen und ihm den Rang verleihen, den er so sehr verdiente.

Meister Therrold begrüßte ihn mit einem Lächeln. »Nun, Geselle, von dir und deiner Arbeit hört man ja die erstaunlichsten Dinge. Es heißt, du hättest dich recht beliebt gemacht.«

»Oh ja, Meister. Mit dem Stand auf dem Marktplatz hattet Ihr völlig recht. Vielleicht habe ich schon bis zum Mittsommerfest für einen Laden genug zusammen. Es läuft jedenfalls besser als ich zu hoffen wagte.«

»Auch davon habe ich gehört. Und die Kundschaft scheint mit deiner Arbeit hoch zufrieden zu sein. Stimmt das?«

Eryn strahlte, als er das bestätigen konnte. Meister Therrold fuhr fort. »Man hat mir berichtet, daß deine Portraits recht – nun, sagen wir mal – interessant seien. Ich habe sogar gehört, daß sie sehr beliebt seien, und das, obwohl sie nicht immer lebensecht ausfallen. Jedenfalls scheinst du nie unzufriedene Kunden zu haben. Wie kannst du mir das erklären?«

Eryn war verwirrt. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich Euch richtig verstehe. Ich halte meine Portraits durchaus für lebensecht. Und meine Kunden meinen es auch. Eigentlich ohne Ausnahme.«

»Sagen das nur deine Modelle, oder auch andere Zuschauer?«

»Ich kann Euch nicht ganz folgen.«

»Findest du es nicht auch ziemlich ungewöhnlich, daß deine Portraits den Kunden immer gefallen, obwohl sie nicht immer ein genaues Abbild der Person wiedergeben? Ich werde dir jetzt eine ganz direkte Frage stellen, und wenn du sie ehrlich beantwortest, werde ich dafür sorgen, daß du dafür nicht bestraft werden wirst, sofern du versprichst, es nie wieder zu tun. Also, Eryn, setzt du Laran ein, damit deinen Kunden ihre Portraits gefallen?«

»So etwas würde ich nie tun, Meister! Das widerspricht meinem Eid!«

»Du besitzt also Laran? Und wurdest in einem Turm ausgebildet? In welchem?«

»Im Turm zu Neskaya.«

»Und, du schwörst, daß du dein Laran niemals dazu gebraucht hast, deine Kundschaft für deine Bilder einzunehmen oder sonstwie zu beeinflussen?«

»Nein, Meister, niemals. Es ist verboten! An so etwas würde ich nicht einmal denken.«

Meister Therrold lehnte sich nachdenklich zurück. Der junge Geselle schien die Wahrheit zu sagen. Die Lage war äußerst verzwickt. Falls er log, wäre es nicht das erstemal, das so etwas vorkam. Skrupellose Händler und Handwerker, die mehr als nur ein Quentchen Laran abbekommen hatten, benutzten gelegentlich ihre übersinnlichen Fähigkeiten, gutgläubige Käufer davon zu überzeugen, sie hätten mehr erstanden als ihr Geld wert war. Das Zunftsystem hatte nicht zuletzt die Aufgabe, solche Mißbräuche zu unterbinden. Aber natürlich war es auch denkbar, daß Eryn nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit sagte. Möglicherweise setzte er seine Fähigkeiten nur unbewußt ein. Jedenfalls mußte Therrold der Sache auf den Grund gehen.

»Ich möchte gern, daß du ein Portrait von mir anfertigst, so als ob ich einer deiner Kunden sei. Würdest du das für mich tun?«

»Aber natürlich, Meister. Falls Ihr aber glaubt, ich würde meine Kunden mit Laran beschwindeln, dann irrt Ihr …«

Therrold schnitt ihm mit einer raschen Handbewegung das Wort ab. »Ich glaube ja nicht, daß du es absichtlich tust. Zumindest hoffe ich das. Aber ich frage mich, ob du es nicht vielleicht machst, ohne dir dessen bewußt zu sein.«

Widerwillig holte Eryn seine Zeichenutensilien hervor und begann im Kerzenschein am Portrait Meister Therrolds zu arbeiten. Zunächst skizzierte er oberflächlich die Hauptgesichtszüge; dann zog er mit dem Zeichenstift die Details nach. Außer dem Kratzen auf dem Papier und dem Knistern des Kaminfeuers war nichts zu hören.

Ab und zu ließ sich Therrold das noch unfertige Bild zeigen, um es zu untersuchen. Nichts ungewöhnliches daran, schon gar nichts außergewöhnliches.

Danach machte Eryn sich daran, das Bild zu kolorieren. Er setzte seine Pinselstriche sauber und selbstsicher, und so entstand ein getreues Abbild des Zunftmeisters. An einem gewissen Punkt bat Therrold ihn, seine Arbeit zu beenden. Er nahm das Gemälde an sich und betrachtete es.

»Da haben wir es! Das Portrait trifft mich perfekt. Hervorragend! Ich habe mich schon oft malen lassen, und ich muß sagen, deine Arbeit ist so gut wie die jedes anderen Meisters.«

»Aber es ist noch nicht fertig!« rief Eryn aus. »Ich muß noch einiges daran tun, bevor es vollendet ist!«

»Nicht vollendet? Welch ein Unsinn! Es könnte nicht besser sein!«

»Ich bitte Euch, laßt mich noch etwas daran arbeiten.«

Therrold gab das Bild zurück, setzte sich wieder in Positur und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Jetzt wurde es spannend. Genau so hatten es ihm seine Männer berichtet. Er war jedenfalls auf alles gefaßt. Während Eryn an dem Portrait weitermalte, erweiterte Therrold seine gesamte Sinneswahrnehmung, stets darauf bedacht, einen möglichen psi-Kontakt mit dem jungen Künstler aufzufangen.

Aber ein solcher Kontakt bestand nicht.

So saßen sie minutenlang da – der Maler auf seine Arbeit konzentriert, das Modell auf den Maler. Schließlich legte Eryn seinen Pinsel nieder und lächelte zufrieden. Therrold machte sich auf das Äußerste gefaßt, aber auch als Eryn ihm das vollendete Portrait zur Ansicht hinhielt, entstand kein Kontakt.

Therrold betrachtete das Bild nur kurz, dann brach er plötzlich in schallendes Gelächter aus.

»Aber natürlich, das ist es! Jetzt werde ich direkt mit der Nase darauf gestoßen. Du hast also doch dein Laran benützt!«

Eryn rang nach Luft. »Nein, das habe ich nicht!«

»Doch, das hast du sehr wohl!« Lachend erklärte Therrold es ihm. »Aber nicht, um mich zu beeinflussen, sondern um dich selbst zu inspirieren. Noch vor wenigen Minuten war das Portrait ganz realistisch, aber dann hast du es abgeändert. Schau her, hier hast du mein Haar etwas voller gemalt, und mein Gesicht wirkt jünger. Du hast mich nicht so gemalt wie ich bin, sondern wie ich selbst mich sehe! Und deshalb ist jeder mit deiner Arbeit so zufrieden – weil jeder in deinen Bildern das wiederzuerkennen glaubt, wofür er selbst sich hält!«

Eryn war fassungslos. Seine hochgesteckten Hoffnungen auf Ruhm und Ehre schwanden rapide.

»Ist es denn falsch, so etwas zu tun, Meister?«

»Falsch?« Therrold lachte. »Ganz im Gegenteil, mein Sohn, damit wirst du dein Glück machen!«

Das munterte Eryn sofort wieder auf.

»Heißt das, daß Ihr mich jetzt zum Meister macht?« Therrold lehnte sich in seinem Stuhl zurück und faltete selbstgefällig seine Hände.

»Nun ja«, erwiderte er, »das ist nun wieder eine andere Geschichte …«