ALEXANDRA SARRIS

 

Die Rückkehr

 

Alexandra Sarris meint, daß sie zwar seit ihrer Collegezeit eine begeisterte Leserin von SF- und Fantasy-Literatur ist, daß sie aber kaum je den Mut oder das Selbstvertrauen oder auch nur die Selbstdisziplin aufgebracht hat, sich hinzusetzen und ihre eigenen Geschichten zu schreiben.

Demnächst wird sich einiges in ihrem Leben verändern, da sie im Frühjahr nach Prag zieht. Sie freut sich schon darauf, in Europa endlich die Gelegenheit zu erhalten, ihre Deutsch- und Russischkenntnisse aus der Schule anwenden zu können.

 

 

 

»Warum nur geht mir diese Stimme nicht aus dem Kopf?« stöhnte Anelia. Seit zwei Tagen quälte es sie wie ein Juckreiz hinter den Augen, dem mit Kratzen nicht beizukommen war. Und dabei hatte sie das verfluchte Ding nur einmal in die Hand genommen.

Niemand wußte, was es war oder wie es hieß. Lady Marelie, die kaum älter als Anelia, aber bereits Unterbewahrerin war, hatte es mitgebracht, als sie während ihrer Reise nach Neskaya auf Gut Leynier Zwischenstation machte. Einige Monate zuvor hatte ein Jäger am Sandstrand des Sees Hali einen schimmernden Gegenstand entdeckt und diese merkwürdig gewundene Kupferarbeit ausgegraben. Er hatte seinen Fund dem dortigen Lord übergeben, der ihn wiederum an Marelie weitergereicht hatte. Bei ihrer Rückkehr nach Neskaya sollte ihr Matrixkreis den Gegenstand untersuchen und seinen Verwendungszweck herausfinden – es handelte sich eindeutig um ein Laran-Produkt. Inzwischen diente er als bevorzugtes Gesprächsthema, wo immer Marelie sich aufhielt.

Anelia machte sich selbst Vorwürfe. Sie war gerade erst fünfzehn und entsprechend neugierig. Aber als Dienerin hatte sie nur ihre Arbeit zu tun und sich ansonsten so unauffällig wie möglich zu verhalten. Neugierig zu sein zählte ganz bestimmt nicht zu ihren Aufgaben. Das sagte auch Lady Carissa Leynier immer, bevor sie Rogel befahl, Anelia für ihre ›Schnüffeleien‹ zu bestrafen. Ihre letzte Tracht Prügel spürte Anelia immer noch. Dabei ›schnüffelte‹ sie doch gar nicht; sie war halt nur ein wenig neugierig! Aber diesmal war etwas sehr Ernsthaftes passiert.

Anelia wußte ganz genau, daß der Privatbesitz einer Bewahrerin unantastbar und für ihresgleichen absolut tabu war. Und dennoch verspürte sie, als sie Lady Marelies Zimmer reinigte, ein solches Verlangen, den Gegenstand zu berühren, daß sie ihn einfach in die Hand nehmen mußte. Während sie ihn hin- und herdrehte und mit den Fingern den verschlungenen, bläulichen Windungen folgte, die sich zu einem merkwürdigen und hypnotisierenden Muster zu verbinden schienen, wurde ihr plötzlich leicht schwindelig. Nachdem sie ihn zurückgelegt hatte, meldete sich in ihren Gedanken diese flüsternde Stimme.

»Wirst du wohl Ruhe geben!« Anelia ließ ihren Staubwedel fallen und schüttelte den Kopf, als ob sie damit die Stimme verjagen könnte. Fast augenblicklich herrschte Ruhe. Was war geschehen? Dann fing die Stimme von Neuem an. »Hör auf!« befahl sie. Die Stimme gehorchte. Also konnte Anelia sich ihr irgendwie verständlich machen. Vielleicht fühlte sie sich deshalb auch nicht mehr ganz so hilflos.

Als die Stimme sich erneut meldete, konnte Anelia zwar nur schwach, aber deutlich genug ein »Hallo« hören.

»Hallo«, flüsterte sie zurück.

»Hallo! Hallo!« erwiderte die Stimme, die offenbar über die Antwort hocherfreut war.

»Wer bist du?« fragte Anelia zaghaft.

»Vrrrd«, lautete die unverständliche Antwort. Das Wort wurde wiederholt, ergab aber noch immer keinen Sinn. Noch verwirrender aber war, daß sie erkennen mußte, daß jemand aus dem Inneren ihres Kopfes zu ihr sprach!

»Wie ist das möglich, daß du in meinem Kopf bist?« fragte sie mit bebender Stimme und angestrengt auf die Antwort lauschend.

»Das bin ich nicht! Ich befinde mich in der Oberwelt.«

Die Oberwelt! Das war etwas für die Gelehrten in den Türmen, aber doch nicht für eine einfache Dienerin, bei der man sich noch nicht einmal die Mühe machte, sie auf Laran hin zu überprüfen. Wie konnte sie mit jemandem in der Oberwelt sprechen? Die Stimme fragte immer und immer wieder, bis Anelia es endlich verstand. »Kannst du die Matrix noch einmal berühren?«

»Welche Matrix?« Allein schon bei dem Wort lief es ihr kalt über den Rücken. Sie hatte ihre Herrin dabei beobachtet, wie sie ihren Sternenstein für kleinere Verrichtungen im Hause einsetzte; und obwohl es nützlich zu sein schien, mißtraute Anelia dieser Kraft.

»Die Kupfermatrix.«

Das sollte eine Matrix sein? Es sah so ganz anders aus als die Sternensteine, die die Comyn sonst trugen. »Dann wirst du mich viel besser hören können«, wiederholte die Stimme mehrfach, bis Anelia jedes einzelne Wort deutlich verstehen konnte.

»Aber ich traue mich nicht, nochmals in Lady Marelies Sachen zu kramen« widersprach sie. Was das letzte Mal passiert war, reichte ihr voll und ganz. »Was würde sie mit mir anstellen, wenn sie mich dabei ertappen würde?«

»Gar nichts«, versicherte ihr die Stimme, »wenn du sie vorher höflich bittest. Ansonsten wirst du immer diesen schrecklichen Lärm in deinem Kopf haben, den du schon jetzt kaum aushalten kannst. Ich bitte dich!«

Je mehr Anelia darüber nachdachte, desto überzeugter war sie davon, daß sie ein Leben mit dieser Stimme in ihrem Kopf nicht ertragen konnte. Sie entschloß sich, die Bewahrerin um Hilfe zu bitten. Lady Marelie war immer freundlich zu ihr gewesen, und das, obwohl sie selber so schwach und kränklich war. Die langen Perioden der Matrixarbeit überforderten ihre zarte Konstitution eindeutig. Auf ihrer Reise nach Neskaya hatte sie bereits zwei Schwächeanfälle erlitten, und nach jedem Gebrauch ihrer Matrix benötigte sie längere Regenerationsphasen.

 

Als Anelia an diesem Abend Lady Marelie den Tee servierte, fragte das Mädchen schüchtern, ob sie das Artefakt sehen könne. »Aber natürlich«, lächelte Marelie. »Bring mir das Kästchen.« Anelia stellte es behutsam auf Marelies Nachttisch ab. »Da haben wir es ja«, meinte die Bewahrerin, als sie die Kupferspule hervorangelte und sie Anelia reichte. »Ist es nicht merkwürdig?«

Es fiel Anelia schwer, den Gegenstand länger zu betrachten, während sie mit den Fingern über die verschlungenen Windungen glitt.

»Wunderbar!« rief die Stimme, die jetzt überraschend deutlich zu vernehmen war. Anelia zuckte zusammen und hätte beinahe die Matrix fallen gelassen.

»Es tut mir leid«, sprudelte sie hervor, »aber mir wird ganz schwindlig, wenn ich es ansehe.« Marelie runzelte nachdenklich die Stirn, als sie das Kästchen wieder verschloß und wegstellte.

»Davon wurde dir schwindlig?« erkundigte sie sich. Anelia nickte, konnte Marelie aber kaum hören, da die Stimme vor Freude laut juchzte und jubilierte. Er – denn es handelte sich eindeutig um eine junge männliche Stimme – jubelte: »Ich bin nicht mehr allein!«

»Ich würde dich gern überprüfen«, sagte Marelie. Anelia schaute sie entgeistert an. »Vielleicht besitzt du ja doch eine Spur Laran.« Als die Bewahrerin Anelias Handgelenk berühren wollte, schreckte das Dienstmädchen zurück und floh aus dem Zimmer. Der alte Aberglaube und die Angst vor Laran war bei der Dienerschaft noch immer weit verbreitet.

Um Marelie zu entkommen und in Ruhe ihre Gedanken ordnen zu können, verkroch sich Anelia in ihrem Lieblingsversteck, dem alten Gemüsekeller. »Wer bist du?« flüsterte sie.

»Vardin. Ich heiße Vardin«, erklärte die Stimme mit einem Freudenjauchzer. »Ich habe mich wohl etwas gehen lassen.« Sein Lachen wirkte ansteckend, so daß auch Anelia darin einstimmte. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie wunderbar es ist nach so langer Zeit endlich wieder mit jemandem zu reden! Wenn ich dich damit zu sehr überfallen sollte, mußt du es mir bitte sagen.«

»Und wie mache ich das?« fragte sie laut und belustigt.

»Du mußt es nur denken. Du brauchst es nicht laut auszusprechen. Ich kann dann schon in dir lesen.«

»Dann hast du also Laran. Und du bist in mir drinnen.«

»Nein, das bin ich nicht. Ich bin in der Oberwelt. Aber das andere stimmt, ich besitze Laran, auch wenn ich in keinem Turm ausgebildet wurde.« Sein letzter Gedanke strahlte eine heftige Abneigung aus. »Und du kannst mich verstehen, weil auch du Laran hast.«

»Das hat mir Marelie auch gerade gesagt«, erwiderte Anelia überrascht. »Aber nicht sehr viel.«

»Für uns beide reicht’s schon«, versicherte Vardin ihr.

»Dann hat Lady Marelie dich aber auch hören können. Sie ist eine Bewahrerin, oder wird es jedenfalls bald sein, die Ärmste.« Vielleicht sollte sie Marelie alles über Vardin erzählen.

»Nur das nicht!« erklärte Vardin mit Nachdruck. »Erzähl IHR nichts! Ich rede nicht mit Bewahrern!« Die Verbitterung in seiner Stimme überwältigte Anelia. »Mit dir kann ich reden, weil ich dir vertraue. Aber IHR kann ich nicht vertrauen.« Anelia war zwar verwirrt, fühlte sich aber gleichzeitig geschmeichelt.

»Erzähl mir mehr von dir!« forderte Vardin sie auf. »Wie du lebst, was du machst, was in der Welt so vor sich geht, wer regiert. Mir ist, als ob ich eine Ewigkeit eingesperrt gewesen sei.« Sein Drängen klang so mitleiderregend, daß Anelias Angst vor seinem Laran verflog. Ihre nüchterne Lebensgeschichte war schnell zusammengefaßt: Sie war als fünftes von acht Kindern auf einer ärmlichen Farm groß geworden und konnte sich vor allem daran erinnern, daß es nie genug zu essen gab. Wäre Lady Carissa nicht gewesen, hätte Anelia wahrscheinlich das gleiche erbärmliche Schicksal ihrer Mutter teilen müssen. Aber so lebte und arbeitete sie jetzt in einem großen Gutshaus und saß damit einigermaßen im Trockenen.

»Heute abend, wenn du schlafen gehst, werde ich dir von mir erzählen«, versprach Vardin. »Meine Geschichte ist wesentlich verzwickter.« Anelia glaubte, ein flüchtiges Gefühl des Widerwillens oder sogar der Scham von ihm zu empfangen.

Inzwischen mußte sie sich damit begnügen, seine ständigen Fragen zu beantworten. Er wollte alles mögliche wissen, angefangen von den Verhältnissen der Familie, der Domänen und der Türme bis hin zum Zeitalter des Chaos, worüber sie natürlich nur sehr wenig wußte. Woher stammte er, daß er einige Bräuche kannte, von denen sie noch nie etwas gehört hatte, und wiederum andere nicht, die ihr vertraut waren? Auch wenn sie seine vielen Fragen nur in Gedanken beantworten mußte, war sie damit derart beschäftigt, daß sie sich beim Auftragen des Abendessens äußerst ungeschickt und tolpatschig anstellte. Von Lady Carissa erntete sie daraufhin mehr als einen tadelnden Blick.

Als Anelia spät am Abend das Licht löschte, begann er endlich zu erzählen. »Mein Name ist Vardin Leynier, und ich wurde zusammen mit vier Brüdern und einer Schwester auf diesem Gut großgezogen. Sie fanden alle eine Stellung in den Türmen, nur ich nicht. Als ich noch ganz klein war, machte sich mein Bruder Armand immer einen Spaß daraus, mir mit seinem Laran weh zu tun, und meine anderen Geschwister halfen ihm dabei noch. Wahrscheinlich tat er es nur, weil er glaubte, ich sei zu schwach, mich zur Wehr zu setzen. Ich schwor mir, es ihm heimzuzahlen, aber er war ein Tenerézu …«

»Ein was?« fragte Anelia.

»Ein Bewahrer«, antwortete Vardin.

»Das kann nicht stimmen«, widersprach sie. »Jedes Kind weiß doch, daß nur Frauen Bewahrerinnen werden können.«

»Das mag heute so sein«, gab Vardin zurück, »aber zu meiner Zeit bekleideten sowohl Männer als auch Frauen das Amt des Bewahrers. In meiner Familie gab es allein drei davon, und jeder von ihnen verbrachte mehrere Jahre im Turm.« Er seufzte. »Meine Mutter hatte fünf Kinder, und außer mir wurden alle zum Bewahrer ausgebildet – ich war der Schwächling. In meiner frühen Kindheit litt ich an einer schweren Krankheit, und deshalb blieb ich bei meiner Mutter und verpaßte die Turmausbildung. Ich nehme an, meine Mutter brauchte auch jemanden, der zu Hause blieb, nachdem alle anderen Kinder fortgezogen waren. Ich wollte auch gar nicht zu den Türmen und den Leuten dort, die genauso überheblich und unangenehm waren wie mein Bruder Armand. Ich haßte ihn und seinen ganzen Klüngel, und ich fühlte mich so verletzt, daß ich die Türme mit all ihren Insassen nur noch zerstören wollte. Deshalb dämpfte ich mein Laran, so daß sie glauben mußten, ich besäße nur sehr wenig davon. Und obwohl ich eine Matrix erhielt, erwartete man von mir kaum etwas. Trotzdem lernte ich natürlich damit umzugehen, das war in einem Haushalt wie auf Gut Leynier unvermeidlich.

Ich begab mich immer wieder auf eigene Faust in die Oberwelt, und dort entdeckte ich, daß meine Gedanken tödlich sein konnten. Das versuchte ich dann auch; besonders die Laranzu’in in Neskaya, wo Armand war, wollte ich töten.«

Anelia war von seiner leidenschaftslos vorgetragenen Erklärung entsetzt. Die Berichte über die Greueltaten im Zeitalter des Chaos waren ja allgemein bekannt. Dann fiel ihr wieder ein, daß er ihre Gedanken lesen konnte.

»Jawohl, ich war so ein bösartiges, totunglückliches Kind, das am Rockzipfel der Mutter hing und über enorme, unkontrollierte Zerstörungskräfte verfügte, von denen niemand etwas ahnte«, erklärte er ernst.

»Schließlich setzten die Laranzu’in aus dem Turm zu Hali meine Seele in der Oberwelt gefangen. Sie schlossen mich, getrennt von meinem Körper, den sie in deiner Welt halb tot, halb lebendig zurückließen, in einen Raum ein. Ich war gerade erst sechzehn Jahre alt. Nur wenn ich meine Taten bereuen würde, so versprachen sie, würden sie mich wieder freilassen. Aber noch haßte ich sie viel zu sehr; jahrelang verfluchte ich sie nur, bis allmählich mein Haß aufgebraucht war. Und schließlich begriff ich die schrecklichen Verbrechen, die ich begangen hatte, und verstand, warum man mich so hart bestraft hatte. Dann wartete ich auf meine Freilassung – aber vergebens. Zuletzt resignierte ich. Bei Zandrus neun Höllen – es ist kalt in der Oberwelt.«

»Zu Zeiten Varzils des Guten wurde der Hali-Turm zerstört«, bemerkte Anelia.

»Und dabei gingen offenbar auch alle Aufzeichnungen über meinen Fall verloren«, stellte Vardin traurig fest. »Jetzt begreife ich wenigstens, warum sich niemand an mich erinnerte. Ich möchte die Oberwelt verlassen, wenn es möglich ist! Aber falls nicht, kann ich jetzt immerhin mit dir reden.«

 

In den nächsten Wochen veränderte sich Anelias Leben grundlegend. Noch nie hatte sie eine derart innige Vertrautheit im Austausch von Gedanken und Gelächter mit einem anderen geteilt wie jetzt mit Vardin, ihrem körperlosen Freund. Während sie ihren Pflichten nachging, unterhielt er sie fortlaufend mit witzigen und sarkastischen Kommentaren über ihre Aufgaben, über die anderen Diener und den Coridom Rogel und nicht zuletzt über die Herrschaften. Wenn Vardin Lord Damianos aufgeblasene Art, seine Beschlüsse der Familie und Dienerschaft zu verkünden, nachäffte, hatte sie alle Mühe, ernst zu bleiben. Er machte sich auch über Lady Carissas Pingeligkeit und ständiges Lamentieren lustig und hielt dem Lady Marelies stilles Leiden entgegen, das sie klaglos und standhaft ertrug.

»Sie sollte keine Bewahrerin sein«, erklärte er eines Abends Anelia, nachdem diese die Fußmassage bei Lady Marelie beendet hatte. »Sie ist schon jetzt zu schwach, und die Kontrolle der enormen Matrixenergien auf den Relaisstationen könnte sie umbringen.«

Eines Tages beschloß Marelie, das geheimnisvolle Fundstück mit Hilfe ihrer Matrix zu untersuchen. Während sie es überwachte, spürte Anelia ein merkwürdiges Prickeln, das sicherlich von Vardin kam. Als die Bewahrerin schließlich wieder aus ihrer Trance auftauchte, fand sie Anelia vor, die ihr gerade ein Tablett mit Süßigkeiten servierte. Das Dienstmädchen schien äußerlich gefaßt, aber im Innern rief Vardin aufgeregt. »Der Schlüssel! Das ist der Schlüssel!«

»Warte noch ab«, warnte Anelia ihn und beobachtete dabei die Bewahrerin. Sie befürchtete, Marelie könne etwas mitbekommen, und verabschiedete sich deshalb rasch.

»Als Marelie die Matrix aktivierte, wurde mir plötzlich klar, wie wir meine Seele befreien können«, platzte Vardin heraus – vor lauter Aufregung konnte er sich kaum verständlich machen.

»Aber wie? Und was kann ich dazu tun?« Anelia glaubte noch immer, daß Lady Marelie viel eher als sie in der Lage war, ihrem Freund zu helfen. »Ich kann doch nicht in die Oberwelt gehen, um dir beizustehen.«

»Das ist auch gar nicht nötig«, erklärte er. »Selbst wenn meine Seele hier oben gefangen ist, so befindet sich mein Körper doch noch in deiner Welt. Und er lebt! Wenn wir mit Hilfe der Matrix meinen Körper befreien, dann wird sich sicherlich auch mein Gefängnis hier oben öffnen – und dann werde ich endlich frei sein!«

»Aber was wird dich davon abhalten, wieder die gleichen Greueltaten wie früher zu begehen?« forderte Anelia ihn heraus, obwohl sie sich kaum vorstellen konnte, daß der Vardin, den sie kannte, etwas mit jenem Ungeheuer zu tun hatte, als das er sich beschrieben hatte.

»Ich, bin schon längst nicht mehr der haßerfüllte Junge, der ich damals war«, versicherte er ihr, und mit einem bitteren Lachen fügte er hinzu: »Schließlich hatte ich mehr als genug Zeit, meine Lektion zu lernen.« Dessen war sich auch Anelia sicher.

»Aber wo ist dein Körper?«

»Er ist hier, ich spüre, daß er sich hier auf diesem Gut befindet. Als Marelie den Schlüssel aktivierte, konnte ich die Schwingungen und eine Verbindung zwischen meiner Seele und meinem Körper wahrnehmen. Ich lebe, und ich bin nicht körperlos. Viele hundert Jahre muß er hier irgendwo versteckt gewesen sein. Wir müssen ihn finden.« Aber Anelia hatte keine Ahnung, wo sie suchen sollten.

Am nächsten Tag drängte Vardin sie erneut. »Was ist das da draußen für ein Gemäuer hinter den Scheunen?« Anelia schaute aus dem Fenster und sah ein längliches, verwittertes Gebäude, das völlig mit Ranken überwuchert war und in einen Bergabhang hineingebaut zu sein schien.

»Das da? Das ist ein altes Lagerhaus, es wird aber schon seit Jahren nicht mehr benutzt«, erklärte sie beiläufig, »oder höchstens als heimliches Liebesnest der Diener. Schon so manches Nedestro-Kind dürfte dort bei einem nächtlichen Stelldichein entstanden sein.«

»Wie sieht es im Innern aus?« fragte er.

Sie zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht. Ich hatte noch keine Veranlassung, da hineinzugehen.«

»Aber jetzt hast du sie. Ich glaube nämlich, daß dort mein Körper ist.«

In der Nacht nahm Anelia eine Laterne und schlich sich zu dem Lagerhaus hinter der Scheune. Da es sich außer Sichtweite des Gutshauses befand und sich auch sonst nur selten jemand dorthin verirrte, hoffte Anelia, daß ihre nächtliche Erkundigung unentdeckt bliebe. Aber sie endete noch bevor sie richtig begonnen hatte, denn die schwere Holztür war verschlossen. Enttäuscht trottete sie zum Hauptgebäude zurück und überlegte, wie sie an den passenden Schlüssel kommen könne.

Am nächsten Morgen fragte sie verschämt die Haushälterin danach. Die ältere Frau zwinkerte ihr vielsagend zu, als sie auf den Schlüssel deutete, der am Eingang zur Speisekammer hing. Anelia errötete. Später nahm sie den Schlüssel unauffällig vom Haken.

 

Es war kurz vor Sonnenaufgang und Liriel stand noch tief und fahl am Himmel, als sie sich mit dem Schloß am Lagerhaus abmühte. Vardin ermunterte sie beständig, doch es kam der Punkt, an dem sie sich frustriert nur noch wünschte, er möge endlich Ruhe geben – was er auch prompt tat. Sekunden später sprang das Schloß auf. Sie öffnete die Tür einen Spalt breit, gerade genug, um sich hindurchzuzwängen. Als sie im Innern die Laterne entzündete, stellte sie fest, daß sie zwischen alten Kisten, Werkzeugen und unbeschreiblichem Gerümpel stand.

»Hier ist es nicht«, entschied Vardin. »Das ist alles noch zu neu.«

Anelia hatte einen ganz anderen Eindruck, alles sah alt und vermodert aus. »Außerdem spüre ich, wie mich mein Körper weiterzieht.« Gehorsam bahnte sie sich ihren Weg durch die gewundenen Gängen, bis sie schließlich in den dunkelsten und muffigsten Teil des Gebäudes kam. »Hier ist es«, erklärte Vardin. »Ich kann es fühlen!« Anelia drehte sich um und leuchtete mit der Laterne in jede Ecke. Schließlich fiel der Lichtkegel auf eine große, längliche Holzkiste, die überraschenderweise einen Glasdeckel besaß. Nachdem sie den Staub und Schmutz von Jahrhunderten weggewischt hatte, konnte sie erkennen, was sich darin befand: der Körper eines Jungen, der jünger als sechzehn wirkte; dichtes, rostrotes Haar hing ihm über das Gesicht, ließ aber den verdrießlich verzogenen Mund noch deutlich erkennen. Der Körper zeigte keinerlei Anzeichen von Verwesung oder Auszehrung; vielmehr hatte es den Anschein, als ob er schliefe, auch wenn der Brustkorb regungslos blieb und keine Atmung wahrnehmbar war. Seine Gliedmaßen waren allerdings derart verdreht, daß es auf einen äußerst unruhigen Schlaf hindeutete. Vardin war tatsächlich der Zeit entrückt.

»Schau dir das Schloß an«, forderte er Anelia auf. Sie hob die Laterne hoch, um die eine Seite der Kiste im Lichtschein besser betrachten zu können. In das Holz war ein Sternenstein eingelassen.

»Was ist das für ein Schloß?« Es war spiralförmig gewunden. Anelia rieb mit den Fingern über die sonderbare Oberfläche und spürte dabei, wie ein Prickeln ihren Körper durchlief.

»Ein Matrixschloß«, erklärte er. »Es entspricht genau Marelies Matrixschlüssel. Diesen Schlüssel brauchen wir, um den Sarg zu öffnen. Das wird gleichzeitig auch meine Gefängnistür in der Oberwelt aufstoßen.«

»Aber ich kann den Schlüssel nicht nehmen«, stöhnte Anelia. Wieder überkamen sie Verzweiflung und Angst.

»Doch, das kannst du«, versicherte Vardin. »Es ist ganz leicht, und Lady Marelie wird es nicht einmal bemerken.«

»Nein, das mache ich nicht!« Schon der Gedanke, irgend etwas in Marelies Kästchen anzurühren, erfüllte sie mit Schrecken. Anelia stürzte die Gänge zurück, stolperte über Kisten und stieß sich das Knie an. Schließlich erreichte sie den Eingang, löschte die Laterne und zwängte sich ins Freie. Was Vardin von ihr verlangte, ging über ihre Kräfte.

Er versuchte in den kommenden zwei Tagen mehrfach, das Thema wieder anzuschneiden, aber sie weigerte sich standhaft, darauf einzugehen; der Respekt vor ihren Dienstherren war einfach zu groß. »Ich bin nicht so wie du«, meinte sie verzagt. »Ich bin ängstlich und schüchtern. Ich bin nichts besonderes.«

»Für mich bist du es«, erklärte er leise.

»Das sagst du nur, weil du mich überreden willst, dir zu helfen«, rief sie vorwurfsvoll. »In Wahrheit machst du dir doch gar nichts aus mir.« Im gleichen Augenblick, da sich dieser Gedanke bei ihr bildete, konnte sie spüren, wie Vardin zusammenzuckte. Und auch sie wußte, daß sie ihm mit dieser Anschuldigung unrecht tat.

»Das ist nicht wahr«, flüsterte er nur. Von dem Schlüssel sprach er seitdem nicht mehr. Aber das Verhältnis zwischen ihnen war nun doch belastet, und Anelia schämte sich dafür, die wahren Motive ihres Freundes angezweifelt zu haben. Wäre sie an seiner Stelle gewesen, hätte sie ihn um das Gleiche gebeten. Wäre sie doch bloß nicht so ein Feigling!

 

Nach einiger Zeit entschied Marelie, sie habe sich nun lange genug geschont und ein Ausritt würde ihr bestimmt gut tun. Carissa Leynier schlug für die ganze Familie ein Picknick in den Bergen vor. Eine bessere Gelegenheit, an den Schlüssel zu kommen, würde sich Anelia nicht mehr bieten. Marelie verschloß ihr Kästchen nie, da sie davon ausgehen konnte, daß niemand in den Sachen einer Bewahrerin wühlen würde. Ganz egal, wie groß Anelias Angst auch war, wenn sie jetzt nicht den Versuch unternahm, blieb Vardin womöglich auf ewig gefangen.

»Und selbst wenn sie es bemerkt«, bestärkte Vardin sie, »muß sie doch erst zurückreiten, und das gibt uns genügend Zeit, mich zu befreien. Und dann kann ich dich beschützen. Vorher mußt du noch einige Sachen für unsere Flucht vorbereiten«, fügte er hinzu. »Dann können wir gleich aufbrechen, sobald du den Sarg geöffnet hast. Und wie man sich vor den Laran-Trägern versteckt hält, darin habe ich einige Übung.«

Anelia konnte nicht nur genügend Proviant und Kleider für ihre Flucht beiseite schaffen, sondern auch noch zwei alte, aber durchaus brauchbare Wintermäntel organisieren. Etwas schuldbewußt entschloß sie sich dazu, ebenfalls zwei Ponies vom Gut zu stehlen; es waren ältere, aber dafür trittsichere Reittiere. Später konnte sie ja, so hoffte Anelia, die Leyniers für den Diebstahl entschädigen. Jetzt aber war es nötig, daß sie sich so schnell und weit wie möglich von diesem Gut entfernten.

 

Schon sehr früh am Tage des Ausfluges brachte Anelia die beiden Ponies zum Lagerhaus und belud sie dort. Nachdem die restliche Gesellschaft aufgebrochen und in den nebelverhangenen Bergen verschwunden war, betrat sie Marelies Zimmer, um dort wie jeden Morgen aufzuräumen. Während sie noch das Bett richtete, den Wasserkrug auffüllte und die Kleider ordnete, blickte sie immer wieder ängstlich zu dem Schmuckkästchen. Schließlich konnte sie es nicht länger hinauszögern. Als sie den Deckel hochhob, wußte sie instinktiv, daß Marelie im gleichen Augenblick den Alarm spüren würde. Sie schaute in das Kästchen. Der Schlüssel war nicht mehr da! Panische Angst fuhr ihr in die Knochen. Es war also alles umsonst gewesen! Verzweifelt kramte sie unter den Schmuckstücken.

Da! Ganz zuunterst lag der Schlüssel!

Sie schnappte ihn sich, schlug den Deckel des Kästchens zu und stürzte aus dem Zimmer.

Während sie die Tür zu dem alten Gemäuer aufbrach, hoffte sie inständig, daß Vardin sie auch wirklich, wie versprochen, beschützen würde. Sobald sie hineingeschlüpft war, wollte sie die Laterne entzünden, aber ihre Hand zitterte so sehr, daß es ihr erst nach mehreren Versuchen gelang. Und als sie die Gänge zum Sarg entlangstolperte, schreckte sie immer wieder vor ihrem eigenen Schatten zurück, den die schwankende Laterne an die Wand warf.

»Sei ganz unbesorgt!« Vardin sprach ihr Mut zu. »Hier ist niemand! Ich würde es sonst wissen.«

Endlich erreichte Anelia den Sarg. Sie beugte sich darüber und versuchte, die spitz zulaufende Matrix in den Schlitz zu zwängen.

»Nein, nicht so! Nicht hineinstecken!« riet Vardin ihr. »Leg es einfach flach auf das Schloß. Das hier ist ein Matrixschloß, da kommst du mit den normalen Methoden nicht weiter.« Zögernd tat sie, was Vardin ihr geraten hatte. Der Schlüssel sprühte bläuliche Funken und schmolz sich in das Schloß ein. Der Sargdeckel sprang schnappend auf. Plötzlich wurde Vardins Körper von konvulsivischen Krämpfen ergriffen, er wand und bäumte sich auf, und seine Arme und Beine zuckten in spasmischen Anfällen.

Anelia wich entsetzt zurück. »Heilige Avarra! Es ist alles vergebens!« Vardin würde vor ihren Augen sterben!

Aber allmählich ließen die Krämpfe nach. Zunächst rang er nach Luft, doch dann atmete er tiefer und ruhiger. Es war klar, daß sein Körper noch einige Zeit brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen und seine volle Funktionstüchtigkeit wiederzuerlangen. Anelia näherte sich ihm, und als sie ihn zaghaft berührte, öffnete Vardin langsam die Augen. Er blickte sie verschwommen an, und seine bleichen Lippen formten die ersten Worten. »Ane Ane a.« Sie ergriff seine rechte Hand. »Ich … danke … dir.« Schon dies kostete ihn große Anstrengung. Anelia rannen die Tränen über die Wangen. Nach mehr als tausend Jahren war Vardin in seinen Körper zurückgekehrt.

Obwohl er dringend Ruhe brauchte, wußte Anelia, daß dafür jetzt keine Zeit war. Sie mußten fliehen. Also zerrte sie Vardin förmlich aus seinem Sarg, bis er keuchend am Boden lag. Mit ihrem Laran konnte sie deutlich wahrnehmen, wie er sein schwaches Fleisch verfluchte, das seinem Willen nicht so gehorchen konnte, wie es sein Geistkörper getan hatte.

»Es ist sehr viel schwerer als ich dachte«, brachte er etwas später mühsam hervor, als er sich gegen eine der Kisten abstützte. »Ich bin einfach nicht mehr daran gewöhnt.«

Anelia drückte ihm aufmunternd die Hand. »Wir müssen sobald wie möglich hier verschwinden. Ich bin sicher, daß Marelie bereits weiß, daß ich etwas aus ihrem Kästchen entwendet habe, und bestimmt wird sie jemanden losschicken, um nach mir zu suchen.«

»Du hast recht«, stimmte Vardin ihr zu. »Aber ich bin doch weitaus schwächer, als ich mir vorgestellt hatte.« Sie brauchten fast eine ganze Stunde, um sich schwankend bis zum Ausgang vorzukämpfen. Während Vardins Kräfte Stück um Stück zurückkehrten und die benötigten Ruhepausen immer kürzer ausfielen, wuchs auch Anelias Furcht, entdeckt zu werden, bis es ihr fast die Kehle zuschnürte. Als sie sich endlich dem Weg ins Freie näherten, legte sich plötzlich ein Schatten darüber. Erschrocken sahen sie auf. Im Türrahmen stand Marelie. Jetzt war alles aus!

»Was ist hier vorgefallen?« fragte sie verwirrt und schaute dabei abwechselnd Anelia und Vardin an. Marelie spürte, daß Laran im Spiel war, aber sie wußte nicht, wie oder warum. »Anelia, was geht hier vor?«

»Willkommen, Leronis«, säuselte Vardin mit gespielter Höflichkeit und erwiderte unerschrocken ihren Blick. Sie wich einen Schritt zurück.

»Wer bist du?« murmelte Marelie verunsichert. Sie suchte tastend nach ihrem Sternenstein.

»Niemand« antwortete er. »Ich bin ein Niemand.« Sie blickte auf ihre Matrix. Laß sie fallen! befahl er ihr in Gedanken, und die Wucht seines Larans ließ die Bewahrerin zu Boden sinken.

Anelia starrte ihn mit offenem Mund an. »Hast du sie verletzt?« Sie war zutiefst erschrocken und besorgt, Marelies ohnehin schon angegriffener Zustand könne sich noch verschlimmern.

»Aber nein, ich habe sie nur in einen tiefen Schlaf versenkt, und das wird uns genügend Zeit geben zu entkommen.«

»Bist du sicher, daß du ihr nichts Schlimmeres zugefügt hast?« Anelia beugte sich mitfühlend über die Leronis, während Vardin ein hämisches Lachen nicht unterdrücken konnte. »Keine Sorge. Ich habe mit meinen Gedanken auch schon getötet, also ist mir der Unterschied bekannt. Sie schläft nur, und wenn sie wieder aufwacht, werden wir längst weit weg sein.«

 

Die Leyniers waren außer sich vor Sorge. Wo war Marelie geblieben? Seit ihrer überstürzten Rückkehr hatte sie niemand mehr gesehen. Bei dem Picknick hatte sie sich plötzlich unwohl gefühlt, woraufhin Andres, einer der Leynier-Söhne, sie nach Hause begleitet hatte. Dort war sie dann verschwunden. Die ganze Nacht hindurch hatte die gesamte Familie nach ihr gesucht. Mit einem Mal war sie dann wieder aufgetaucht, benommen zwar und hungrig, ansonsten aber unverletzt.

»Was ist passiert?« wollte Damiano wissen. »Wir sind seit gestern abend auf den Beinen, um Euch zu finden.« Ein anregender Trank und reichlich zu essen halfen ihr, wieder klare Gedanken zu fassen, so daß sie sich schließlich erinnern konnte.

»Ich bin mir nicht ganz sicher«, versuchte Marelie zu erklären. »Ich fühle mich schon während des ganzen Ritts zurück so sonderbar und spürte, daß eine ungewöhnliche Matrix aktiviert worden war. Dieser Spur ging ich nach, und sie führte mich zu jenem Gebäude hinter der Scheune, wo ich schließlich auf Anelia und einen fremden, jungen Mann traf.« Ihre Miene verfinsterte sich. »Jedenfalls habe ich ihn nie zuvor gesehen, obwohl er ganz bestimmt ein Comyn war; er besaß außergewöhnlich starkes Laran.« Sie klang auf einmal wieder verwirrt. »Irgend etwas faszinierte mich an seiner Geisteskraft. Und dann fügte er mir etwas zu, das mich schlafen ließ! Das Gefühl dabei war nicht einmal unangenehm, nur unendlich überraschend. Ich hatte nicht geahnt, daß einer Bewahrerin so etwas zustoßen könnte.« Unvermittelt sah sie auf. »Ich muß in meinem Kästchen nachsehen.« Sofort eilte Rogel die Treppe hinauf.

»Wo ist Anelia?« erkundigte sie sich.

»Sie ist nicht mehr hier«, teilte Carissa mit. »Ein junger Mann sagte, er käme von ihrer Mutter, und sie solle sofort heimkehren, es sei ein Notfall. Gestern morgen hat sie uns verlassen. Andres hat mit dem jungen Mann gesprochen.«

»Das muß er gewesen sein«, erklärte Marelie. »Da bin ich mir ganz sicher. Aber wer ist er? Und was geht hier eigentlich vor?«

Rogel brachte das Kästchen und legte es ihr in den Schoß. Sie öffnete es und durchwühlte den Inhalt. Als sie wieder aufsah, war ihr Gesichtsausdruck noch verblüffter. »Das kupferne Artefakt ist verschwunden! Aber was hatte es zu bedeuten? Und wie konnte Anelia wissen, wie man es benutzt? Hat sie doch Laran?« Carissa verneinte dies mir einem Kopfschütteln.

Marelie maß diesem kleinen Geheimnis nur ein leichtes Achselzucken bei, da es offenbar keine gefährliche Auswirkungen hatte. Wenn sie nach Neskaya zurückkehrte, konnte sich vielleicht ihr Kreis darum kümmern und nach dem Gegenstand oder sogar nach Anelia und jenem geheimnisvollen und so mächtigen jungen Mann forschen.

 

Inzwischen trabten Vardin und Anelia auf ihren stämmigen Ponies langsam und schwerfällig in die Hellers.

»Ich wollte schon immer Aldaran kennenlernen«, sprudelte Anelia erwartungsvoll hervor. »Man hat mir fantastische Dinge über diesen Ort erzählt.«

Vardin grinste ihr zu. »Auch ich bin gespannt, wie es jetzt im Vergleich zu meinen Erinnerungen aussieht. Heutzutage ist alles so ganz anders. Und ich bin so froh und dankbar, daß ich nicht mehr allein bin, sondern daß du bei mir bist.« Er lehnte sich zu ihr und drückte ihre Hand. »Und wir haben noch ein ganzes Leben vor uns, das wir miteinander teilen können.«