ROXANNA PIERSON

 

Heimkehr

 

Die ersten Beiträge von Roxanna Pierson waren jeweils kurz und lustig; diese Geschichte hier ist weder besonders kurz noch sehr lustig, aber dennoch so gelungen, daß sie mich in ihren Bann schlug. Sie handelt von einer Freien Amazone, die nach langen Jahren heimkehrt – normalerweise ein viel zu häufig beschriebenes Thema, das mich alles andere als fesselt. Aber diesmal erschien es mir besonders einfühlsam behandelt, und darum möchte ich sie mit meinen Lesern teilen. Im allgemeinen halte ich nicht viel von Geschichten, in denen eine Liebesbeziehung zwischen Freien Amazonen geschildert wird – auch davon hat es schon viel zu viele gegeben. Diese Beziehung hier unterschied sich aber von solchen, über die ich schon hundert Mal lesen mußte, und hielt mein Interesse bis zum Schluß aufrecht.

Roxanna Pierson bricht mit dieser Geschichte zu neuen Ufern auf. Anstatt einfach zu wiederholen, was sie bereits erfolgreich getan hat und womit sie sicherlich weiterhin Erfolg hätte – ich bekomme nie genug Beiträge, die kurz und lustig sind – , wagte sie sich an eine längere Geschichte, bei denen der Konkurrenzdruck ungleich größer ist. Und es hat geklappt!

 

 

 

Die Sonne durchbrach gerade die morgendliche Wolkendecke, als Carilla ihr Pferd Greylock mit einem kräftigen Zügelruck zum Stehen brachte. Das Pferd schnaubte müde, und sie tätschelte liebevoll den muskulösen Nacken. »Wir kommen beide in die Jahre, alter Junge.«

Vor ihr verlor sich das lange, enge Tal von Snow Haven im Nebel; die gezackten Bergkämme hoben sich scharf gegen den rötlichen Himmel ab. Es war kaum zu glauben, daß so viele Jahre verstrichen waren, seitdem sie von zu Hause aufgebrochen war. Ihr erschien es wie gestern, daß sie sich bei Dunkelheit und Regen davongestohlen hatte und nicht wußte, was aus ihr werden sollte. Seitdem war viel Zeit vergangen, und nicht nur sie, sondern auch Snow Haven hatte sich verändert. Selbst aus dieser Entfernung konnte sie erkennen, daß das Gut verwahrlost war. Das Dach des großen Gutshauses hing durch und der Graben, den ihr Großvater gegen Angriffe der Ya-Männer hatte anlegen lassen, war mit dickem Gestrüpp überwuchert.

»Eine Menge Grund und Boden«, bemerkte ihre Reitgefährtin Lori. »Ich habe gar nicht gewußt, daß deine Leute zu den Comyn gehören.«

Carilla zuckte mit den Achseln. »Nur eine unbedeutende Seitenlinie. Bestimmt nichts, womit ich angeben könnte.«

»Du vielleicht nicht, aber verglichen mit meiner Familie könnten sie ebensogut Hasturs sein. Du hättest mich jedenfalls warnen können.«

»Sei nicht böse, Lori«, beschwichtigte Carilla sie. »Tut es dir denn schon leid, daß du mitgekommen bist?«

»Du benimmst dich doch so, als ob es dir leid täte, daß ich hier bin. Auf dem ganzen Weg hast du kaum zehn Worte mit mir gewechselt.«

»Ich … ach, es geht mir einfach so viel durch den Kopf. Vielleicht werden sie mich nicht einmal wiedererkennen.« Carilla betrachtete nachdenklich ihre vernarbten und wettergegerbten Hände. Das schlanke, rothaarige Mädchen, das so sehr darauf geachtet hatte, ihre Hände nicht zu beschmutzen, gehörte längst der Vergangenheit an. An ihre Stelle war eine verhärmte Kriegerin getreten, eine Schwertfrau, müde der Schlacht, mit stoppeligen, grauen Haaren und einer gebrochenen Nase, die in jahrelangen Kämpfen zu viel abbekommen hatte. Wohl kaum ein Anblick, der die Aufmerksamkeit von Männern erregte, dachte sie beschämt. Dieser Gedanke war ihr schon seit Jahren nicht mehr gekommen, und Carilla fand es merkwürdig, daß sie ausgerechnet jetzt wieder daran denken sollte.

»Ich kann nicht einsehen, warum du überhaupt zurückkommen willst«, erwiderte Lori bockig.

»Glaub mir, ich habe meine Gründe.« Carilla richtete sich im Sattel auf, befreite die Füße aus den Steigbügeln und hakte sich mit einem Bein am Sattelhorn ein. Dann kramte sie aus ihrer Gürteltasche eine lange, schlanke Zigarre hervor und entzündete sie. Nach einem ersten tiefen Zug des würzigen Kräuterrauchs reichte Carilla sie an Lori weiter und meinte: »Ich habe dir doch die Nachricht von Ranarl gezeigt. Er ist unser Coridom, so lang ich denken kann. Er und seine Frau Mara waren die einzigen, die gut zu mir waren, nachdem … ach, du weißt schon …« Carilla verstummte. Sie hatte Lori schon vor langer Zeit die traurige Geschichte ihrer Kindheit erzählt; weshalb sie also jetzt unnütz wiederholen. »Jedenfalls bin ich ihnen etwas schuldig. Wenn Ranarl die Situation schon für so bedenklich hält, daß er meint, mich ausfindig machen zu müssen, dann …«

»Was dann?« fiel ihr Lori ins Wort. »Glaubst du im Ernst, deine Familie würde dich mit offenen Armen empfangen? Das ist doch verrückt.«

»Vielleicht ist es das«, räumte Carilla nachdenklich ein. »Aber wenn man älter wird, sieht man die Dinge mit anderen Augen.«

Die Jüngere schnaubte nur verächtlich. »Komm mir bloß nicht mit der Leier vom Älterwerden. Nach allem, was sie dir angetan haben, würde ich ganz bestimmt kein Wort mehr mit ihnen wechseln. Ich halte es schon die ganze Zeit für ein Hirngespinst von dir.«

»Warum bist du dann überhaupt mitgekommen?« fragte Carilla verärgert.

»Hätte ich dich etwa allein durch die Berge reiten lassen sollen? Schließlich bin ich deine eingeschworene Bredini, vergiß das bitte nicht. Oder liegt vielleicht genau da das Problem? Du schämst dich meiner, nicht wahr?« Lori stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Du möchtest nicht, daß deine feine Familie erfährt, daß du Frauen liebst – und dann auch noch ausgerechnet so ein hergelaufenes Landei wie mich. So ist es doch, oder etwa nicht?«

»Unsinn, so ist es ganz und gar nicht! Und wenn du es nicht begreifen kannst, wäre es vielleicht wirklich besser gewesen, du hättest mich nicht begleitet«, erwiderte Carilla scharf.

»Und wenn ich geahnt hätte, daß ich eine solche Last für dich bin, hätte ich es auch nicht getan«, gab Lori mit gleicher Schärfe zurück. Sie verzog ihr junges und sonst so sanftes Gesicht zu einem Flunsch, der – das wußte Carilla aus Erfahrung – nichts Gutes verhieß. Wenn sie so weitermachten, würde es Tage dauern, bevor Lori wieder mit ihr sprach. Nicht zum ersten Mal machte Carilla sich Vorhaltungen, eine so junge Geliebte gewählt zu haben, die gut und gerne ihre eigene Tochter sein könnte.

»Du weißt doch, daß es mir schwer genug fällt zurückzukommen«, versuchte sie die Auseinandersetzung zu beenden. »Vielleicht sollte ich wirklich allein nach Snow Haven reiten. Warum wartest du nicht an dem Unterstand auf mich? Jetzt ist es nicht mehr weit, wahrscheinlich kann ich noch vor Einbruch der Dunkelheit zurück sein.«

»Ach, mach doch, was du willst.«

»Sei ehrlich, es geht dir gar nicht so sehr darum, was ich will, sondern was du willst«, meinte Carilla mit einem ungeduldigen Lachen. »Jedenfalls treffe ich dich später am Unterstand.«

»Wie du meinst.« Loris Pferd wieherte heftig, als die Reiterin es am Zügel herumriß. Als sie davonritt, rief sie noch über die Schulter zurück: »Und glaube nicht, ich würde auf dich warten, wenn du bis morgen früh nicht zurück bist!«

»Tu dir keinen Zwang an!« gab Carilla ihrerseits zurück. Sie seufzte schwer. Lorilla war noch so jung. Wie konnte sie es ihr nur begreiflich machen? Es war alles um so vieles anders gewesen, als sie in Loris Alter war. Schwanger und auf sich allein gestellt, hatte man sie bald aufgegriffen und als Marketenderin für eine Soldateska in den Bergen zwangsweise rekrutiert. Zwei Jahre lang hatte sie wie eine Sklavin vor sich hin vegetiert. Die Arbeit nahm kein Ende, die Verpflegung war dürftig und die Grausamkeit der Soldaten unerbittlich. So war es kein Wunder, daß sie ihr Kind nach einer langen und schweren Geburt tot zur Welt brachte und ihm beinahe ins Grab gefolgt wäre. Sie hatte es überlebt, aber die Hebamme hatte ihr auch erklärt, sie dürfe nie wieder ein Kind bekommen. Es war ihr nicht schwer gefallen, diesen Rat zu befolgen; von den Männern war sie ein für allemal kuriert.

Die Hebamme hatte ihr auch von den Entsagenden erzählt, aber es verging noch mehr als ein Jahr, bevor Carilla den Weg zu ihnen gefunden hatte. Nie würde sie vergessen, wie aufgeregt sie gewesen war, weil sie befürchtete, die Schwesternschaft würde sie nicht aufnehmen. Sie hatte ja schon selbst nicht mehr daran geglaubt, daß überhaupt jemand sie wollte.

Nein, Lori konnte sich keine Vorstellung davon machen, welche Qualen sie zu erleiden gehabt hatte. Trotzdem wünschte sie sich jetzt, da es dafür schon fast zu spät war, sie hätte eine Tochter, der sie ihre so schwer erworbenen Erfahrungen weitergeben könnte. Lori übernahm in Carillas Leben vermutlich mehr als nur eine Rolle.

Aber momentan hatte sie genug andere Sorgen. Sie stemmte ihre Fersen in Greylocks Flanken. Vielleicht war es wirklich besser, daß Lori die Demütigung, die eventuell auf Carilla wartete, nicht miterlebte. Sie machte sich keine Illusionen: Ihr Vater würde sich nie ändern, und wenn er so alt wie Hastur würde.

 

Ranarl empfing sie am Tor. Auch er war alt geworden, aber der kräftige Körperbau verriet noch immer den Preisringer, der er einst gewesen war. Noch bevor sie ihn daran hindern konnte, verbeugte er sich tief vor ihr. »Vai Domna, vai Domna! Endlich seid Ihr wieder hier! Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben.«

»Genug der Ehre!« meinte Carilla lachend. »Du bist wirklich der letzte, der sich vor mir verbeugen muß. Wie du siehst, bin ich alles andere als eine Domna!«

In Ranarls zerfurchtem Gesicht war deutlich die Verwunderung zu lesen, als er ihr kurzgeschorenes Haar und die von Kämpfen zerschlissenen Kleider bemerkte; sein Blick ruhte mißbilligend auf dem Langmesser, das von ihrem Gürtel herabhing. »Ich verstehe …«, sagte er schließlich nachdenklich. »Wer hätte je daran gedacht? Wir haben uns oft gefragt, was aus Euch wohl geworden ist.«

»Was blieb mir anderes übrig?« stellte Carilla sachlich fest.

Ranarl schüttelte den Kopf und sagte: »Es sind traurige Zeiten, wenn Frauen lieber Kämpfe als Kinder austragen.«

Carilla öffnete den Mund, um sich zu rechtfertigen, schluckte dann aber die Worte hinunter. Ranarl meinte es nur gut mit ihr; welchen Sinn machte es, mit ihm zu argumentieren, wenn ihn dies nur verletzen würde? Statt dessen erkundigte sie sich schnell: »Was ist mit meiner Familie? In deiner Botschaft stand, ich solle so schnell wie möglich kommen.«

»Der alte Dom – er liegt im Sterben. Ich fand, Ihr solltet ihn noch einmal sehen.« Traurig schüttelte Ranarl seinen Kopf. »Eure Mutter verstarb vor drei Jahren, aber davon habt Ihr wahrscheinlich nichts gehört.«

»Nein, ich wußte tatsächlich nicht, daß Mutter tot ist«, entgegnete Carilla mit belegter Stimme.

»Seitdem ist hier nichts mehr, wie es früher war. Dom Garyths Gedanken sind verwirrt, und jetzt …« Ranarl verstummte.

Carilla seufzte schwer. Sie waren, wenn auch nur weitläufig, mit den Ardais verwandt, und ihre Mutter hatte immer, wenn sie sich über ihren Mann ärgerte, geschimpft, daß er genauso verrückt wie der Rest seiner Familie sei. Wenn aber einer wirklich verhaltensgestört war, dann Carilla älterer Stiefbruder Felix. Als Erstgeborener aus einer früheren Ehe hatte er Narrenfreiheit besessen. Schon als kleines Kind mußte Carilla erkennen, daß es zwecklos war, sich bei ihrer Mutter über die blauen Augen und Flecken zu beschweren, die Felix ihr regelmäßig verpaßte. Du hast doch sicher wieder angefangen, hatte ihre Mutter stets gesagt, und ihr Vater fügte stets hinzu: Jungs sind nun mal so. Geh ihm einfach aus dem Weg. Kein junger Bursche hat es gern, wenn das kleine Schwesterlein ihm ständig hinterherzottelt.

Aber es war ganz unmöglich gewesen, ihm aus dem Weg zu gehen. Was sie auch tat, wo sie auch war, immer hatte Felix sie aufgespürt und gequält. Aber selbst als er ihre Lieblingskatze als Zielscheibe für seine Schießkünste benutzt hatte, konnte ihr Vater nur lachen. Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Und auf irgend etwas muß er ja zielen, stimmt’s? In der Scheune gibt’s noch genügend Katzen. Geh und hol dir eine andere.

Schließlich waren Felix und seine Kumpane auch für das ›Unglück‹ verantwortlich gewesen, das ihre Kindheit so jäh beenden sollte. Trotz all ihrer Vorsicht hatten sie Carilla eines Herbsttages allein in der Scheune überrascht und auf den Heuboden gezerrt. Sie hatte gebetet, sie möge lieber sterben, hatte zum Himmel gefleht, daß sie wenigstens nicht schwanger werden würde; aber ihre Gebete blieben unerhört. Verzweifelt hatte sie jedes Abtreibungsmittel, das ihr bekannt war, versucht – geheime Kräuter oder wilde Ausritte – aber nichts hatte geholfen. Als die Schwangerschaft nicht länger zu verheimlichen war, hatte sie sich ihrer Mutter anvertraut. Aber weder sie noch ihr Vater hatten ihr Glauben geschenkt.

Noch in derselben Nacht war sie davon gelaufen. Nur Ranarl und Mara hatten sie liebenswürdig behandelt. Der Coridom hatte darauf bestanden, daß sie ihr Pferd Dance mitnehmen sollte, und Mara hatte einen Korb mit Proviant gerichtet. Ganz zum Schluß hatte Ranarl ihr sogar noch einige Münzen in die Hand gedrückt. Die werdet Ihr sicher gut brauchen können, hatte er gesagt und sich dabei die Tränen aus den Augen gewischt. Nein, es ist nicht recht. Glaubt mir, ich kenne Euren Bruder nur zu gut – aber unseren Lord werden wir nicht umstimmen können. Ich hoffe nur, Ihr werdet in Sicherheit sein. Erst viel später hatte Carilla begriffen, welches Risiko die beiden damals eingegangen waren.

»Mylady«, unterbrach Ranarl sie in ihren Gedanken. »Ihr seid weit gereist. Wollt Ihr nicht wenigstens über Nacht hier bleiben?«

»Über Nacht? Ich glaube kaum.« Mit einiger Mühe wandte sie sich von den Bildern der Vergangenheit ab und der Gegenwart zu. »Aber gegen eine kleine Stärkung hätte ich nichts einzuwenden, und Greylock könnte auch etwas Futter vertragen. Es ist ein anstrengender Ritt gewesen. Nach Scaravel waren die Wege so rauh, daß ich mich schon fragte, ob wir es überhaupt schaffen würden.«

»Das wundert mich nicht. Das Wetter ist schon das ganze Jahr über sehr schlecht. Kaum ein Tag vergeht ohne Schneefall. Ich werde mich selbst um Euer Pferd kümmern. Und was Euch betrifft – nun, Mara steht schon seit heute morgen am Kochtopf. Wie Ihr bemerken werdet, haben wir jetzt nur noch wenige Diener, so daß Mara fast alles im Haus selbst erledigt. Ich fürchte, Ihr werdet vieles verändert finden, seitdem Ihr von uns gegangen seid.«

 

Mara empfing sie an der Tür. Nachdem sie sich die mehligen Hände an der Schürze abgewischt hatte, nahm sie Carilla stürmisch in die Arme. »Wie ich mich freue, Euch zu sehen«, erklärte sie weinend. »Wir haben uns solche Sorgen gemacht, daß Ihr nicht kommen würdet.« Dann musterte sie Carilla ausführlich und rief: »Eine stattliche Frau ist aus Euch geworden. Eine stattliche Frau!«

Carilla erwiderte ebenfalls unter Tränen die Umarmung. Mara war so dünn und zerbrechlich, daß Carilla sie kaum wiedererkannte. »Ich bin so schnell ich konnte gekommen, aber ich verstehe noch immer nicht …«

»Das werdet Ihr schon noch. Ranarl wird Euch später alles erklären. Die meiste Zeit leistet er Don Garyth Gesellschaft. Euer Vater steht ja kaum noch auf. Ranarl muß sich um ziemlich alles kümmern, sei es drinnen oder draußen. Die meisten Diener sind im letzten Krieg davongerannt und haben sich als Söldner verdingt – Ihr wißt ja, wie das bei uns in den Bergen so ist – und jetzt ist außer uns keiner mehr da. Wir tun, was wir können, aber es ist nicht leicht.« Sie schüttelte bekümmert den Kopf. »Aber ich sollte Euch nicht mit unseren Problemen behelligen. Heutzutage hat doch jeder seine Sorgen. Wir dachten nur, Ihr solltet Euren Vater noch einmal sehen, bevor er stirbt. Aber erst müßt Ihr etwas essen! Kommt und setzt Euch zu mir in die Küche, wo es warm ist, wenn Ihr nichts dagegen habt.«

»Wie sollte ich!« lachte Carilla. »Für ein Festbankett bin ich ja wirklich nicht passend gekleidet.«

»Ihr seht genauso aus wie Eure Mutter, als sie in Eurem Alter war. Natürlich trug sie damals kein Schwert, aber die Zeiten ändern sich eben!« Mara nahm Carilla bei der Hand und führte sich durch die lange, düstere Halle zu dem anheimelnden Licht, das aus der Küchentür drang. Carilla nahm an einem groben Holztisch in der Nähe der Feuerstelle Platz, auf den die alte Frau sogleich zwei Tassen mit heißem Kräutertee stellte. Die Küche weckte bei Carilla so manche Kindheitserinnerung an all die vielen Stunden, in denen sie sich zu den Dienern davongestohlen hatte, die ihr mehr Aufmerksamkeit schenkten als ihre Eltern.

Mara tischte ein Gericht nach dem anderen auf und schwatzte dabei in einem fort. »Ich hoffe, Ihr habt Euer Glück gefunden. Aber Ihr – vergebt mir die Frage – Ihr seid nicht verheiratet? Ich meine halt nur es sieht nicht danach aus …«

»Wohl kaum!« rief Carilla, halb scherzend, halb bedauernd. »Die Ehe ist nicht alles im Leben.« Sie machte sich begierig über das Essen her, aber auch ihr konnte es nicht entgehen, daß das Hühnchen ziemlich zäh und mager war und in dem Nußbrot die Nüsse fast völlig fehlten. Bedrückt mußte sie erkennen, daß es wohl nicht nur an Maras hohem Alter lag, daß sie so dünn geworden war.

»Oh, sagt so etwas nicht«, nahm Mara den Gesprächsfaden wieder auf. »Jede Frau wünscht sich doch einen Mann. Es ist halt so … nun ja, bei Euch ist es nun einmal anders gekommen. Die Menschen denken, doch die Götter lenken. Und wir werden vermutlich nie wissen, was die Götter noch für uns bereit halten.«

»Nein, vermutlich nicht«, meinte Carilla nachdenklich. Ihr Schicksal hatte sich so oft und auf so merkwürdige Weise gewendet, und vielleicht war diese neue Wendung die merkwürdigste von allen. Wer hätte schon noch damit gerechnet, daß sie noch einmal in ihrem Elternhaus willkommen geheißen würde?

 

Die Gemächer ihres Vaters waren ihr als Kind viel größer vorgekommen, aber auch so waren sie, trotz der vielen Spinnweben am Schnitzwerk, noch imposant. Allerdings hatte man überall den Eindruck, daß eine gründliche Reinigung dringend nötig war; im Zimmer hing der Mief von Moder und Krankheit. Carilla atmete noch einmal tief durch, bevor sie eintrat. Ihre Schritte hallten laut nach.

Ranarl eilte ihr entgegen und verbeugte sich. »Euer Vater erwartet Euch bereits mit Ungeduld.« Und etwas leiser fügte er hinzu: »Euer Pferd habe ich gefüttert. Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen. Seid vor allem nicht beunruhigt, wenn der alte Herr Euch nicht erkennt; manchmal kennt er selbst mich nicht mehr.«

»Es ist alles so lange her.« Carilla fühlte sich plötzlich wieder wie ein Kind. Es war ihr immer streng verboten gewesen, diesen Raum ohne ausdrückliche Aufforderung zu betreten – und das hatte dann gewöhnlich irgendeine Bestrafung bedeutet. Als sie jetzt die ausgemergelte Gestalt so verloren in dem riesigen Bett sah, stand ihr fast das Herz still. Die knöchernen Hände, die verkrampft auf der Bettdecke lagen, konnten doch unmöglich dem gleichen stämmigen, breitschultrigen Krieger gehören, den sie aus ihren Kindertagen kannte.

»Ihr müßt müde sein, Mylady. Nehmt doch bitte Platz«, sagte Ranarl und wies auf einen gepolsterten Stuhl neben dem Bett.

Carilla setzte sich angespannt auf die äußerste Stuhlkante. Ihr Vater sagte nichts, und auch sie brachte kein Wort hervor. Schließlich brach Ranarl das Schweigen. »Ich muß ihn erst wieder aufwecken. Manchmal schläft er mitten im Satz ein. Seid also nicht erstaunt.« Mit einem ermunternden Lächeln richtete er den alten Mann in seinen Kissen auf. »Es ist jemand hier, um Euch zu sehen – jemand, den wir erwartet haben.«

»Wie?« Dom Garyth öffnete einen Spalt weit die Augen und starrte Carilla mißtrauisch an. »Wer bist du?«

»Erkennt Ihr mich denn nicht?« Die Tatsache, daß er sie nicht erkannte, schmerzte sie mehr als offene Feindseligkeit es vermocht hätte.

»Wie?«

»Ich bin es – Carilla. Ich bin zurückgekommen. Kennt Ihr mich nicht mehr?«

»Carilla! Du willst Carilla sein?« Dom Garyth lachte mürrisch. »Halte mich nicht zum Narren! Mein Mädchen hatte Haar wie geflochtenes Kupfer.« Und dabei betrachtete er voller Abscheu Carillas Haare. »Sie war eine Schönheit. Und immer vergnügt und froh, mich zu sehen – so war sie, und nicht wie dieser Nichtsnutz Felix. Ich habe sie überall hin mitgenommen, bis sie dafür zu groß wurde. So ist das nun mal mit Mädchen, verstehst du. Wenn sie zur Frau werden, hält man sich als Vater besser fern.«

»Was … was ist aus ihr geworden?« Carilla fiel es schwer, das aufkommende Zittern zu unterdrücken. Aber sicher war es einfacher, die geistige Verwirrung ihres Vaters zu berücksichtigen und mitzuspielen; ihm zu widersprechen, hätte ohnehin nichts gebracht. Auch ohne Laran spürte sie, wie sehr Ranarl mit ihr litt.

»Aus ihr?« Dom Garyth hob matt und verständnislos die Hand. »Eines Abends ist sie einfach auf und davon.«

»Aber warum?«

»Warum, warum? Was weiß ich? Undankbar war sie, jawohl, das war sie, ein undankbares Gör.«

»Hattet Ihr etwa einen … Streit? Habt Ihr sie nicht … fortgeschickt?« fragte Carilla vorsichtig.

»Ich? Sie fortschicken? Vielleicht hab’ ich das getan. Aber ich habe es nicht so gemeint. Das Haus war leer, nachdem sie fort war. Leer …« Und jetzt rannen dem alten Mann die Tränen über die zerfurchten Wangen. »Du siehst selbst, wie es jetzt ist. Nichts mehr da. Alles fort. Aber wenn Felix heimkommt, werde ich ihm meine Meinung sagen.«

Carilla räusperte sich. »Mara hat mir erzählt, daß Mutter gestorben ist. Es tut mir so leid.« Mara hatte ihr ebenfalls erzählt und sie gleichzeitig gebeten, es gegenüber Dom Garyth nicht zu erwähnen, daß auch Felix schon lange tot war; er war in einem Duell um eine Frau gefallen.

»Wie?« Ihr Vater hob plötzlich ruckartig den Kopf. »Was sagst du?«

»Domna Garyth«, wiederholte Carilla diesmal etwas lauter. »Es tut mir so leid zu erfahren, daß sie tot ist.«

»Tot? Ja, die Domna ist tot. Liegt oben am Hügel begraben.«

»Ich … ich bin noch nicht dort gewesen. Ranarl meinte … nun ja … es sieht nicht sehr gut aus.«

»Gut? Das nennst du gut?« Der alte Mann gestikulierte wild umher. »Schau dir doch an, was aus uns geworden ist! Kein Bauer möchte so hausen. Immer und immer wieder von den Banditen heimgesucht. Und was sie übrig ließen, hat Felix durchgebracht. Vom Rest wird keine Maus satt. Hier findest du nur magere Beute, mein Mädchen. Hörst du, magere Beute!«

»Ranarl sagte bereits, daß es Schwierigkeiten gäbe, aber das habe ich nicht erwartet.«

»Ranarl? Was hat Ranarl damit zu tun?« Hinter seinem Rücken sandte der Coridom einen verzweifelten Blick zum Himmel, als ihr Vater immer erregter sprach. »Das ist alles Felix’ Schuld! Wie oft habe ich ihn gewarnt? Wenn du das Glücksspiel und deine ewigen Frauengeschichten nicht beendest, werde ich dich aus meinem Testament streichen, Erstgeborener hin oder her. Ganze Nächte bleibt er weg. Kann mich nicht einmal daran erinnern, wann er es das letzte Mal für nötig befunden hat, nach Hause zu kommen. Vermutlich wird er schon wieder auftauchen, wenn er Geld braucht. Das hat bisher immer gewirkt. Aber diesmal wird er eine Überraschung erleben. Magere Beute, sag’ ich nur, magere Beute.«

»Das habt Ihr bereits erwähnt«, meinte Carilla. »Aber wißt Ihr denn nicht, daß Felix – « Sie biß sich auf die Lippen, als Ranarl ihr mit einem warnenden Blick bedeutete zu schweigen.

»Was ist mit Felix? Daß er ein Narr ist? Glaub nicht, ich wüßte das nicht selber. Aber schließlich ist er mein einziger Sohn und …« Er lehnte sich vertraulich zu Carilla hinüber und fuhr mit einem anzüglichen Grinsen fort. »In Wirklichkeit ist er doch ein Prachtbursche – ganz wie ich selbst in meinen jungen Jahren. Steht voll im Saft, der junge Stier. Soll er sich doch die Hörner abstoßen, später wird er schon noch zur Vernunft kommen.« Seine Miene verfinsterte sich wieder. »Nicht so meine Tochter, dieses wilde Fohlen! Verschwand auf Nimmerwiedersehen in der großen weiten Welt. Hat ihrer Mutter damit das Herz gebrochen, jawohl, das hat sie!«

Carilla schluckte mit Mühe die zornigen Worte herunter, die sie ihm am liebsten entgegengeschleudert hätte, ob er nun zurechnungsfähig war oder nicht. Schlagartig sprang sie auf und verabschiedete sich. »Ich muß jetzt gehen. Ranarl, bitte begleite mich!«

»Dann geh doch, geh!« tobte der Alte und fuchtelte wirr umher. »Was kümmert’s mich! Um mich kümmert sich ja auch niemand, es sei denn, man will was von mir. Aber es gibt nichts mehr zu holen!« kicherte er blödsinnig.

»Ich werde Euch nach draußen geleiten, Domna«, warf Ranarl rasch ein.

Als sie außer Hörweite waren, sagte er: »Jetzt seht Ihr ja selbst, wie es um ihn bestellt ist.«

»Er hat nicht mehr Sinn und Verstand als ein Kralmak!« verschaffte Carilla sich Luft.

»Zeitweise ist er noch ganz klar im Kopf. Und dann wieder … ach, vielleicht ist es auch besser so.«

»Ich verstehe nicht, warum du dir überhaupt die Mühe gemacht hast, mich kommen zu lassen«, erklärte Carilla jetzt sehr müde. »Hier kann ich doch nichts ausrichten. «

»Das stimmt nicht ganz. Es gibt da noch etwas im Studierzimmer Eures Vaters, das ich Euch zeigen muß.«

Und wieder bestürmten sie die Erinnerungen, als sie Ranarl in das staubige Zimmer mit den langen Reihen ledergebundener Bücher folgte. Wie oft hatte sie hier auf dem Schoß ihres Vaters gesessen, während er die Gutsgeschäfte führte. Und wie oft war sie an seiner Seite ausgeritten – er war so stolz auf ihre Reitkünste gewesen. Wie hatte sie das nur vergessen können? Mit einem plötzlichen Schuldgefühl wurde ihr erst jetzt bewußt, welch ungewöhnlich enges Verhältnis sie bis zu jenem unglückseligen Tag mit ihrem Vater gehabt hatte. Sie hatte so sehr auf seine Zuneigung gezählt, daß sie plötzliche Zurückweisung sie nur um so schmerzlicher traf. Und bis heute hatte sie all das verdrängt.

Ranarl schloß eine Schublade im Schreibtisch ihres Vaters auf und entnahm daraus ein Kästchen mit Eisenbeschlägen. »Das gehört Euch.«

Carilla erkannte das Schmuckkästchen ihrer Mutter sofort wieder. Sie öffnete es langsam und nahm ein mit Edelsteinen reich besetztes Halsband heraus. Auch daran erinnerte sie sich gut; ihre Mutter hatte es bei jeder festlichen Gelegenheit getragen. Carilla war überrascht, den gesamten Schmuck unangetastet vorzufinden; sie konnte sich kaum vorstellen, wie es ihnen gelungen war zu verhindern, daß er gestohlen oder versetzt wurde. Ganz zu unterst in dem Kästchen befand sich eine kleine Schriftrolle mit dem Siegel ihres Vaters, und daneben lag – zu ihrer großen Verwunderung – sein Siegelring.

»Auch das ist für Euch«, meinte Ranarl.

»Ich verstehe nicht.«

»Lest das Schriftstück.«

Carilla beugte sich über das vergilbte Pergament. Lesen war nie ihre Stärke gewesen, aber wenn es darauf ankam, konnte sie es mehr recht als schlecht. Mit dem Zeigefinger folgte sie jedem einzelnen der krakeligen Buchstaben, und sie begann langsam und laut vorzulesen.

»Versteht Ihr jetzt?« fragte Ranarl.

»Er hat mir Snow Haven hinterlassen, wenn ich es recht gelesen habe. Aber nein, ich verstehe es noch immer nicht.«

»Es gibt sonst niemanden. Und ich glaube, er hat bereut, was vorgefallen war. Er hat dies niedergeschrieben, als er noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. Schon damals versuchten Mara und ich, Euch ausfindig zu machen, aber wir wußten ja noch nicht einmal, ob Ihr noch am Leben wart.«

»Und wie habt ihr mich gefunden?«

»Eines Tages ging Mara hinunter ins Dorf, um bei einer Geburt zu helfen, und die Hebamme war zufällig eine Freie Amazone.« Etwas verlegen fuhr er fort: »Sie … sie trug die gleichen Kleider wie Ihr, und das Dorf hat sich noch tagelang darüber die Mäuler zerrissen. Aber Mara dachte sich, egal ob nun Amazone oder nicht, Hebammen kommen viel rum, und so hat sie nach Euch gefragt. Es dauerte dann noch eine ganze Weile, aber eines Tages hörten wir ein Gerücht, daß Ihr in Thendara lebt und wohlauf seid. Wir waren überglücklich!«

»Aber wie konntet ihr annehmen, daß ich zurückkommen würde?«

»Wir haben es einfach nur gehofft. Was hätte ich denn auch anderes tun können? Das Land gehört jedenfalls Euch, und so weit ich weiß gibt es keine anderen Verwandten, die darauf Anspruch erheben könnten.«

Tausend Gedanken wirbelten Carilla durch den Kopf. Sie hatte sich oft gefragt, wohin sie gehen sollte, wenn sie einmal zu alt zum Kämpfen war. Und gerade in letzter Zeit hatte sie wiederholt daran gedacht, daß es bis dahin nicht mehr lange dauern würde. Der Gedanke, ihrem Gildenhaus zur Last zu fallen, war ihr unerträglich. Aber jetzt … Mit anderen Schwestern hatte sie schon seit langem überlegt, Land zu erwerben und eine Pferdezucht zu betreiben. Aber die meisten Güter wurden innerhalb der Familie vererbt oder ihr Besitz war sonstwie heiß umstritten. Hier oben in den Bergen sah es jedoch anders aus. Hier regierte das Schwert und nicht die Comyn.

Damit drängte sich gleich die nächste Frage auf: Waren die Entsagenden stark genug, Snow Haven zu verteidigen? Gleich nach dem Ableben ihres Vaters würden sie wahrscheinlich von allen Seiten her angegriffen werden. Es war so schon ein Wunder, daß Snow Haven bislang einigermaßen ungeschoren davongekommen war. Aber Carillas Gedanken eilten schon weiter in die Zukunft. In ihren langen Dienstjahren hatte sie sich einiges zur Seite gelegt, und mit dem Geld, das sie aus dem Verkauf des Schmucks erwarten durfte, hätten sie genug Kapital, um Vieh und Gerätschaften zu kaufen. Unterstützung würde sie genügend erhalten – sie kannte Dutzende von Frauen, die für die Möglichkeit dankbar wären, ein neues Gildenhaus zu eröffnen. Und an einem so entlegenen Ort brauchten sie vielleicht nicht einmal eine besondere Genehmigung! Es war fast schon zu schön um wahr zu sein.

Carilla rutschte aufgeregt auf ihrem Stuhl hin und her und rieb sich nervös das Gesicht. »Das kommt alles so unerwartet; ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

»Überlegt nicht zu lang, Mylady«, mahnte Ranarl sie. »Wir werden alle nicht jünger. Wer weiß, was passiert, wenn Ihr zögert.«

»Du sprichst mir aus dem Herzen«, erwiderte Carilla. »Trotzdem muß ich es erst mit meinen Gildenschwestern besprechen und die rechtlichen Fragen abklären. Ich werde eine Menge Hilfe benötigen, wenn ich ein solches Gut führen soll – und ich fürchte, ich verstehe mehr von Kriegsgeschäften als von Friedenszeiten.«

»So lange ich lebe, sollt Ihr diese Hilfe erhalten«, erklärte Ranarl ernst.

Carilla legte den Inhalt in das Schmuckkästchen zurück und verschloß es. Dann erhob sie sich langsam, ging zum Fenster und blickte hinaus. Es war später geworden, als sie angenommen hatte; draußen wurde es allmählich dunkel, und Lori würde sich schon Sorgen machen. Sie wandte sich zu Ranarl um. Der Kloß im Hals hinderte sie fast am Sprechen. »Ich hätte viel früher zurückkommen sollen«, brachte sie hervor.

»Das wäre eine große Hilfe gewesen«, entgegnete Ranarl unter Tränen. »Vielleicht sollte ich das Euch nicht sagen, aber … Felix … er war ein Ungeheuer. Zum Schluß konnte selbst der Dom ihn nicht mehr bändigen. Er hat … einmal hat er den alten Mann halbtot geschlagen – und das hat ihn dann auch um den Verstand gebracht. Vielleicht war es der Schlag auf den Kopf, vielleicht war es auch der Schock … ich weiß es nicht. Danach sperrte Felix ihn immer wieder ein, und wir durften uns nicht in seine Nähe wagen. Ich schäme mich es einzugestehen, aber wir hatten alle viel zu große Angst vor Eurem Bruder. Wenn Ihr je Euren Vater gehaßt habt, weil er Felix bevorzugte, dann glaubt mir, daß er es bitter bereut hat.« Ranarl zögerte, bevor er fortfuhr. »Und das gilt auch für Eure Mutter. Das Geld, das Euch Mara damals zugesteckt hat, als Ihr fortlaufen mußtet – es stammte von Eurer Mutter. Sie hatte es uns gegeben und das Versprechen abgenommen, es Euch nicht zu erzählen. Sie fürchtete sich vor Eurem Vater.«

»Ich … ich hatte ja keine Ahnung …« Carilla mußte schwer schlucken. Sie hatte immer nur eines gewollt – Rache; doch jetzt verspürte sie nur eine innere Leere, als die Wut, die sie jahrelang gehegt und geschürt hatte, verflog. Aber allmählich ließ das Schwindelgefühl nach und die Benommenheit wich größerer Klarheit. Selbst die verblichenen Farben der Vorhänge erschienen ihr jetzt voller und das gelbe Kerzenlicht heller, so als ob ein Schleier von ihren Augen fiel. Zum ersten Mal begriff sie, daß das Schicksal sie auf den richtigen Weg geführt hatte. Mit dem engen Leben als Ehefrau und Mutter wäre sie nie glücklich geworden – und nur die Götter mochten wissen, welchen Tölpel ihr Vater als Schwiegersohn ausgesucht hätte! Das Ereignis, das sie aus der vorgezeichneten Bahn geworfen und das sie immer nur als Tragödie betrachtet hatte – jetzt erwies es sich nachträglich als Segen. Und jetzt wurde ihr auch klar, wie sie ihre Verbitterung dazu benutzt hatte, jede drohende echte Bindung abzuwehren. Stets hatte sie sich über jede Kleinigkeit beschwert und dann gewundert, daß selbst ihre Gildenschwestern sie oft mieden. Auch in ihrer Liebe zu Lori hatte sie diese Distanz gewahrt. Warum hatte sie das nie sehen wollen?

»Ich … ich weiß nicht, wie ich dir danken kann.« Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie Ranarl umarmte, und der alte Diener blickte verlegen zur Seite.

»Nicht weinen, Mylady«, tröstete er sie. »Ich tue doch nur meine Pflicht.«

»Ich wäre in jener Nacht gestorben, wenn du und Mara mir nicht geholfen hättet.«

»Es war nicht recht, was Euer Vater tat. Wenn ich nur mehr für Euch hätte tun können, aber ich stand ja in seinen Diensten.«

»Ich weiß, welches Risiko du schon damit auf dich genommen hast. Hat er eigentlich nie Dancers Verschwinden bemerkt?«

Ranarl grinste. »Wir haben einfach behauptet, daß die Stute über einen Zaun gesprungen sei. Euer Vater hatte mit dem Gut so viel zu tun, daß er dem keine weitere Beachtung schenkte.«

Carilla hob das Schmuckkästchen auf und verbarg es sorgfältig unter ihren Kleidern. »Es ist Zeit für mich zu gehen. Die Freundin, die mich begleitet, wartet am Unterstand. Es ist nicht weit von hier, aber sie wird sich Sorgen machen, wenn ich nicht vor Einbruch der Dunkelheit zurück bin.«

»Es freut mich, daß Ihr eine Freundin habt«, entgegnete Ranarl nachdenklich. »Es ist doch ein weiter Weg, besonders wenn man allein ist.«

»Ja, es war wirklich eine lange Reise – aber jetzt bin ich angekommen.« Carilla hatte noch so vieles zu sagen, so viele Pläne zu verwirklichen. Sie wollte Snow Haven wieder zu einem staatlichen Gut machen, wollte Pferde züchten und Schwertkämpferinnen ausbilden … Das ganze Leben lag noch vor ihr – ein neues Leben ohne Verzweiflung und Bitterkeit. Und das schönste daran war: Lori wartete auf sie.