PATRICIA DUFFY NOVAK
Die Tränen des Kadarin
Ich habe es schon mehrfach erwähnt, daß es mir besondere Freude bereitet, wenn die Lebensgeschichte einer Figur, die ich einmal erfunden habe, fortgeschrieben wird. Von Patricia Duffy Novak haben wir sowohl in den Anthologien als auch in meinem Magazin bereits mehrere Geschichten abgedruckt; diese hier handelt von Figuren aus Herrin der Stürme – die Leser werden mit Coryn, Renata und Allart nicht nur aus dem Roman, sondern auch aus früheren Geschichten bestens vertraut sein, in denen Patricia bereits ihr Einfühlungsvermögen unter Beweis stellte.
Patricia Duffy Novak hat in Agrarökonomie promoviert und lehrt dieses Fach als Professorin an der Auburn University. Dort arbeitet sie derzeit auch noch an einem Magistertitel in Anglistik.
Ansonsten bleibt mir nicht viel mehr zu sagen, außer vielleicht, daß dies die erste längere Geschichte war, die ich für diesen Band ausgewählt habe.
IN DEN BERGEN GIBT ES EIN ALTES SPRICHWORT: KEINEN SOHN ZU HABEN, IST EIN UNGLÜCK, ZU VIELE SÖHNE HINGEGEN EINE TRAGÖDIE. UND CYRIL, LORD VON ARDAIS, BESASS SECHS KRÄFTIGE SÖHNE.
Ari Hastur, der jüngste Bewahrer des Turms zu Hali, erwachte nur widerwillig. Sein Kopf dröhnte und jeder einzelne Körperteil schmerzte bei dem mühsamen Versuch aufzustehen. Aber es half alles nichts – jemand wich nicht von seiner Tür und bestand darauf, ihn zu sehen.
Ist schon gut, ich komme ja schon. Er schlug mit den Beinen die Decke zurück und setzte sich, den Kopf in Händen gestützt, auf die Bettkante. Bei dem pochenden Schmerz hinter seinen Schläfen konnte er sich kaum konzentrieren. Dennoch gelang es ihm, mit einer flüchtigen Gedankenverbindung zu erfahren, wer sein Besucher war.
Dyan? Was machte sein Freund am hellichten Tag hier vor seinem Gemach, wenn alle anderen vernünftigen Matrixarbeiter noch schliefen? Ari schüttelte den letzten Schlaf ab, richtete seine Gedanken ganz auf den Freund und teilte ihm durch diese Verbindung mit: Ich bin wach, Dyan. Du kannst hereinkommen.
Die Tür öffnete sich und Dyan Syrtis trat ein.
»Gerechte Götter, wie siehst du denn aus?« meinte Dyan, nachdem er seinen Freund kurz gemustert hatte. »Was haben sie denn mit dir angestellt?«
Ari stöhnte. Er wußte nur zu gut, welchen Anblick er bot: das Gesicht aschfahl, die Augen tief eingesunken, das Haar ungekämmt und zerzaust. Leander Aillard, Oberster Bewahrer des Turms, hatte ihm ein mörderisches Arbeitspensum aufgebürdet. »Leander hat mich einem Kreis aus acht Altons zugeteilt! Deren Energie fährt mir durch die Knochen, bis ich es nicht länger auszuhalten glaube!«
Dyan legte ganz sacht die Hand auf Aris Schulter. Es war der denkbar leichteste Körperkontakt, und trotzdem mußte der Bewahrer sich zwingen, nicht unter der Hand seines Freundes zusammenzuzucken. Auch das gehörte zu seiner Ausbildung: Sie hatte ihn so sehr sensibilisiert, daß er es nur schwer ertrug, berührt zu werden. Man hatte ihm gesagt, er würde mit der Zeit dieses Problem in den Griff bekommen und nicht ein Leben lang vor der Berührung der engsten Freunde zurückschrecken. Aber von Fremden würde er wohl selbst einen harmlosen Handschlag nie mehr ertragen können. Das war der Preis, den er bezahlen mußte.
»Leander meint es bestimmt nur gut«, besänftigte Dyan ihn. »Es ist nur so – « Dyan zuckte mit den Achseln. »Nun ja, jetzt, da Lord Coryn nicht mehr bei uns ist, bist du der Hastur. Leander ist ein äußerst fähiger Matrixarbeiter, aber kein Hastur.«
»Und manchmal wünschte ich mir, ich wäre es auch nicht.« Dieser Gedanke war Ari in letzter Zeit immer öfter gekommen. Man hatte ihn zunächst gegen seinen Willen nach Hali geschickt; allmählich hatte er dort zumindest zeitweise Frieden gefunden, doch seit Coryns Weggang lastete der Druck, alle Pflichten übernehmen zu müssen, allzu schwer auf Aris noch jungen Schultern.
Ari senkte die Augen, und wieder beschlich ihn dieses Schuldgefühl, das sich immer einstellte, wenn er an das Opfer seines Vaters erinnert wurde: die Zerstörung unvorstellbarer Laran-Kräfte, um ihn, seinen einzigen Sohn, aus der tödlichen Falle zu retten. »Ich weiß sehr wohl, was mein Vater für mich aufgegeben hat. Du mußt nicht glauben, ich sei undankbar. Aber manchmal fürchte ich, daß ich ihn nie ersetzen kann. Es ist schwer, in seine Fußstapfen zu treten.«
Dyan neigte den Kopf zur Seite. »Es ist aus mehr als nur einem Grund zu bedauerlich, daß er nicht mehr bei uns ist.«
»Wie meinst du das?« fragte Ari, dem der bedrohliche Unterton in Dyans Bemerkung nicht entgangen war.
»Ich will sagen, daß die Hastur-Ländereien größeren Schutz genießen würden, wäre Lord Coryn noch Bewahrer des Turms.«
»Schutz? Aber warum? Es herrscht doch Frieden!«
»Im Augenblick ja, aber wie lange noch? Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden. Aus Ardais ist eine Botschaft eingetroffen. Ich soll Hali sofort verlassen.«
Jetzt war auch der letzte Anflug von Müdigkeit aus Aris Gesicht gewichen. Die Ankündigung seines Freundes wirkte wie ein Eimer kaltes Wasser, das man ihm über den Kopf gegossen hatte. »Zurückbeordert? Aber warum?«
»Man spricht von Krieg.«
»Krieg?« wiederholte Ari ungläubig. »Aber dafür besteht kein Anlaß!«
»Es gab ein paar Grenzgefechte zwischen einigen niedrigeren Adelsfamilien. Eigentlich nichts von Bedeutung, aber doch Anlaß zum Krieg genug, wenn man unbedingt danach sucht. Cyril von Ardais sitzt zusammen mit seinen Söhnen wie ein alter Wolf mit seiner Meute in den Bergen und lauert nur darauf, den Domänen an die Kehle zu gehen. Gelegenheiten dazu bieten sich viele: Allarts Hastur von Elhalyn besitzt keinen Erben, und Felix Hastur von Hastur wird bestimmt auch keinen mehr zeugen; dein Onkel Regnald Hastur von Carcosa hat seinen einzigen mit Laran begabten Sohn verloren; und jetzt hat sich auch Coryn Hastur nach dem Verlust seiner Gabe nach Aldaran zurückgezogen. Gibt es da noch einen besseren Zeitpunkt, um zuzuschlagen? Der alte Cyril hat zu viele Söhne, und diese Söhne brauchen Land. Sie werden nicht zimperlich sein, wenn es darum geht, sich dieses Land zu verschaffen.«
»Du klingst nicht gerade wie ein besonders treu ergebener Friedsmann, Dyan«, meinte Ari.
»Syrtis ist jetzt im Besitz von Ardais, das ist schon wahr. Aber noch vor nicht allzu langer Zeit waren wir Hasturs Vasallen. Auch wenn wir unsere Treuepflicht verhandelt haben, um damit eine Schuld oder Verpflichtung zu tilgen, so heißt das noch lange nicht, daß wir eine besondere Vorliebe für Cyril und seinen Ehrgeiz hegen.«
Zahllose Gedanken schossen Ari durch den Kopf. Krieg! Er konnte es sich nicht einmal vorstellen, obwohl seine Pflegemutter, Lady Renata Aldaran, ihm genügend Geschichten davon erzählt hatte – und es waren schreckliche Berichte von Tod und Vernichtung, die ein Krieg über sie gebracht hatte, der lange vor seiner Geburt tobte.
Und Dyan? Dyan war durch Eid an Ardais gebunden, war gezwungen, Hali zu verlassen. Für Ari war das der herbste Schicksalsschlag.
»Du wirst mir fehlen, Dyan«, versicherte er dem Freund und ergriff dessen Hand. Dies war keine leichte Berührung zwischen Telepathen, sondern der feste Händedruck zwischen Freunden, der Ari in seiner Überempfindlichkeit eigentlich hätte schmerzen müssen. »Mögen die Götter dich beschützen!«
»Mögen die Götter uns beide beschützen«, erwiderte Dyan grimmig. »Wenn es denn Götter gibt.«
Hoch oben in den Hellers, in Aldaran, warf die Nachmittagssonne ihre langen roten Strahlen gegen die Berghänge. Ein wundervoller, warmer, ungetrübter Spätsommertag, so recht dazu geschaffen, aller Sorgen und Probleme ledig auf einem Balkon der Burg Aldaran zu sitzen.
Und doch …
Renata warf Coryn einen Blick zu, der am Tisch ihr gegenüber saß und das Gesicht leicht abgewandt hatte. Eine Brise fuhr ihm durch das kupferrote Haar, in dem sich bereits Silbersträhnen zeigten, und als er sich eine dieser losen Strähnen aus dem Gesicht strich, funkelte das Sonnenlicht auf dem Kupferarmband, das er am Handgelenk trug. Das passende Gegenstück dazu trug sie selbst.
Während Renata ihn noch so beobachtete, drehte er geistesabwesend an dem Armband und rieb sich die Haut darunter. Als ob es eine Fessel wäre, dachte sie. Ob ihn die Ehe verbittert?
Plötzlich wandte Coryn sich ihr wieder zu, aber seine Augen blieben kalt und ausdruckslos. So waren sie in letzter Zeit fast immer, ganz unabhängig von seiner Stimmungslage. »Es liegt nur an dem Metall«, meinte er. »Ich bin nicht daran gewöhnt. All die Jahre in Hali habe ich nie irgendwelchen Metallschmuck getragen, da Metall elektrisch leitet. Kennst du mich wirklich so schlecht, Renata, daß du glauben könntest, unsere Ehe sei mir eine Last?«
»Wer weiß schon, was du denkst oder fühlst, Coryn«, erwiderte sie verzweifelt. »Ich bestimmt nicht.«
»Es tut mir so leid, daß ich dir ein so schlechter Ehemann bin, Renata.« Er erhob sich und ging zur Brüstung hinüber, von wo er über das Tal blickte. War er zornig? Fühlte er sich verletzt? Fühlte er überhaupt etwas? Noch vor wenigen Monaten hätte Renata es nicht für möglich gehalten, daß sie sich in seiner Gegenwart je so ausgesperrt, so einsam fühlen könnte. Was hatte die Veränderung bewirkt? Warum hatte er Gedankenbarrieren gegen sie errichtet?
Renata war eine geborene Alton und besaß daher die Kraft, solche Barrieren gewaltsam niederzureißen. Ein einziges Mal hatte sie es sogar getan: Das war vor einem Jahr gewesen, als er schwer verwundet und nahezu kopfblind darniederlag, nachdem er den vollen Rückstrom einer Matrix der fünften Stufe aufgefangen hatte, um seinen eigenen und ihren Pflegesohn zu retten. Aber damals war er schwach, verletzlich und mit Drogen betäubt gewesen. Sollte sie jetzt, da er stark und widerstandsfähig war, versuchen, den Rapport zu erzwingen, könnte sie ihn dabei möglicherweise töten. Und selbst wenn es gelänge, was würde sie damit schon gewinnen? Bestimmt nicht seine Liebe und sein Vertrauen.
Sie wußte einfach nicht, was sie tun sollte. Sollte sie zu ihm gehen oder in die Burg zurück, sollte sie ihn ansprechen oder weiterhin schweigen?
Aber Coryn sprach von sich aus. »Reiter! Sie sind schon vor dem Tor.«
»Wer ist es?« Mit schnellen Schritten überbrückte Renata die Distanz zwischen ihnen und blickte, der Richtung seiner ausgestreckten Hand folgend, über die Brüstung hinab. Zunächst sah sie nur eine Staubwolke, aber dann konnte sie die Reiter ausmachen. Es waren drei an der Zahl, schemenhafte Gestalten, die sich dunkel vor den Berghängen abhoben.
»Der Anführer trägt eine Standarte mit Hasturs Farben«, erklärte Coryn. Er hatte ungewöhnlich scharfe Augen, und Renata sah keinen Grund, seine Aussage zu bezweifeln, auch wenn sie selber die Flagge noch nicht erkennen konnte. Jedenfalls sank ihr bei seinen Worten das Herz. »Jetzt schickt dein Bruder doch noch nach dir.« Sie waren seit sechs Monaten verheiratet, aber Coryn hatte nie die Erlaubnis seines Bruders für diese Heirat eingeholt; vor dem Gesetz des Tieflandes war ihr Ehe ohne den Segen Lord Carcosas nicht rechtsgültig.
Coryn schüttelte den Kopf. »Es geht nicht um meinen Bruder. Und selbst wenn es so wäre, wer würde sich schon darum kümmern? Ich habe dir mehr als einmal erklärt, daß ich mich um Regnalds Meinung – oder seine Ländereien – keinen Deut schere. Was die Heiratserlaubnis anbelangt, so würde er sie nie gewähren, also habe ich gar nicht erst danach gefragt. Aber dieser Trupp kommt nicht von Regnald. Siehst du dort die Krone auf dem Emblem? Das sind Allarts Männer.«
»Allarts Männer? Aber warum?«
»Ich nehme an, daß sie eine Botschaft bringen, die Allart den Relaisstationen nicht anvertrauen konnte. Weshalb sonst hätte er einen berittenen Trupp ausgesandt? Außerdem tragen die Männer keine Hastur-Uniformen, sondern schlichte Bergkluft. Sie sind in geheimer Mission gekommen, Renata; andernfalls hätten unsere eigenen Leute doch schon längst ihre Ankunft gemeldet.«
»Dann wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als sie zu empfangen, um herauszufinden, was sie wollen«, seufzte Renata. »Jedenfalls sind das keine guten Neuigkeiten, da bin ich mir sicher.«
Coryn folgte ihr in die Burg, und obwohl er sie nicht berührte, war sie sich doch seiner Gegenwart und der ungelösten Probleme, die sich über ihren Köpfen wie Gewitterwolken über den Hellers zusammenbrauten, nur allzu schmerzlich bewußt. Aber jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzugrübeln, ganz gleich, wie sehr es sie bedrückte.
Obwohl Renatas Sohn Brenton seit einem Jahr den Titel eines Lord Aldaran trug, wollten die Hastur-Gesandten ihm ihre Botschaft nicht mitteilen. Statt dessen trafen sie sich inoffiziell mit Coryn und Renata. »Wir sind gekommen«, erklärte der Anführer, nachdem einige Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht worden waren, »um Lord Coryn zu bitten, mit uns nach Thendara zurückzukehren. Auf der anderen Seite des Flusses Kadarin wartet bereits ein Luftauto auf ihn.«
Renata war von dieser Mitteilung wie betäubt, aber Coryn verriet keinerlei Überraschung. »Allart ist mein Lehnsherr. Er muß nicht lange bitten. Ich unterliege seinem Befehl.«
»Verzeiht, mein Lord«, fuhr der Hastur-Mann fort, »aber da gibt es noch etwas, das Ihr erfahren solltet. Ardais hat all seine Männer aus den Hastur-Ländereien zurückbeordert. Man spricht von Krieg.«
Renata bemerkte, wie die Farbe aus Coryns Gesicht wich, und sie selbst traf es tief ins Herz. Sie kannte Cyril und seine Söhne nur zu gut – und sie kannte auch ihre Gier nach Land. Die steilen Abhänge der Hellers boten ihrer eigenen Domäne einigen Schutz vor Ardais, aber wenn er gegen die Tieflande ziehen und siegen sollte, konnte Aldaran unmöglich länger neutral bleiben.
Schon einmal hatte sie den Krieg erlebt, als Rakhal von Scathfell gegen ihren verstorbenen Mann Mikhail von Aldaran zu Felde gezogen war. Sie hatte die Schrecken gesehen und seit jener Zeit in der Angst gelebt, es noch einmal erleben zu müssen. Sie schloß sich im leichten Rapport mit Coryn zusammen – ein bloßer Gedankenaustausch, mehr gestattete er nicht. Was könnte Allart von dir wollen, Coryn? fragte sie. Du bist kein Soldat. Und als Bewahrer eines Telepathenkreises kannst du auch nicht mehr dienen.
Coryn betrachtete sie ernst, und in seinen Augen erkannte sie einen tiefen Schmerz. Du irrst dich, Renata; ließ er sie durch die Verbindung wissen. Wir haben uns beide geirrt. Meine Kräfte wurden nicht unwiederbringlich zerstört. Sie sind zurückgekehrt. Ich habe schon die ganze Zeit mehr oder weniger mit einer solchen Aufforderung gerechnet. Allart mußte es früher oder später mit seinem verwünschten Laran herausfinden …
Jetzt öffnete er sich ihr ganz, und einen Augenblick lang spürte Renata jene unglaublich innige Gedankenverschmelzung, ein Versenken, das sie immer an den See von Hali erinnerte, einen See, der weder ganz aus Wasser noch ganz aus Wolken bestand. Und plötzlich konnte Renata in seinen Gedanken einen unendlichen Schmerz lesen, den die letzten Monate auf Aldaran ihm bereitet hatten. Coryn war ein Bewahrer, und sein Eid band ihn an König Allart und den Turm zu Hali, so wie die Heirat den Mann an die Frau bindet. Von seinem Posten war er erst zurückgetreten, als er glaubte, seine Kräfte seien durch den Matrixstrom für immer vernichtet und verloren. Er hatte Allart nie gebeten, ihn von seinem Eid zu entbinden, da er dafür keine Veranlassung sah. Coryn hatte sie in der Annahme geheiratet, nie wieder Bewahrer zu sein. Aber er war genesen, seine Wunden geheilt. Und wie sehr er sie auch lieben mochte, jetzt war er wieder ganz und gar Hastur und dazu bestimmt, die ungeheuerlichen Matrixgeräte zu bedienen. Seine Laran-Begabung wurde dringend benötigt.
Bei dieser Einsicht verblaßte für Renata der drohende Krieg zur Bedeutungslosigkeit. Sie klammerte sich an Coryn. Und das alles hast du mir verschwiegen? Ich würde dich nie gegen deinen Willen hier auf Aldaran zurückhalten! Du mußt deinen Platz in Hali wieder einnehmen, wenn es das ist, was du wirklich willst.
Dann brach er die Verbindung abrupt ab; Coryn blieb ihr die Antwort schuldig. Wie gerne hätte sie jetzt ihr Gesicht in den Händen vergraben und geweint, aber das war natürlich in Gegenwart von Allarts Gesandten nicht erlaubt. Mehr für deren als für Coryns Ohren bestimmt, erklärte sie laut: »Du mußt gehen, wenn Allart dich braucht. Er würde dich nicht aus einer bloßen Laune heraus zurückrufen.«
Coryn nickte ihr sanft zu und wandte sich dann an Allarts Männer. »Gestattet mir einen Augenblick, mich von meiner Lady zu verabschieden. Dann werde ich euch folgen. «
Als die Männer den Raum verlassen hatten, nahm er Renata bei der Hand. »Es tut mir leid, ich hätte es dir sagen sollen. Aber um ehrlich zu sein, ich wußte nicht, was zu tun war. Egal, wie ich mich entschied, immer mußte ich einen Eid brechen.«
»Und was willst du wirklich, Coryn?«
»Ich werde dich nicht belügen, Geliebte: Ich kann es dir nicht sagen, denn ich weiß es selber nicht.«
Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust. Der goldfarbene Seidenbesatz seiner Jacke fühlte sich auf ihrer Wange kalt an, aber darunter konnte Renata spüren, wie sein Herz fest und kräftig schlug. Er war von so kleiner Statur, so schmächtig gebaut, daß man ihn, von ferne betrachtet, für nichts besonderes hielt.
Sie schloß die Augen. Vielleicht würde sie ihn an den Turm von Hali verlieren; sie sah diese Möglichkeit und akzeptierte es. Weitaus schlimmer war der Gedanke, ihn in diesem Krieg zu verlieren. Schon einmal hatte es ihr, noch als Mädchen, so sehr das Herz gebrochen, daß sie geglaubt hatte, sie würde nie wieder einen anderen lieben können. Und vielleicht wäre das sogar das Beste gewesen, nie wieder ihr Herz zu verschenken und ihr ganzes Glück auf das Leben eines sterblichen Menschen zu setzen. »Gib auf dich acht, Geliebter«, verabschiedete sie ihn. »Kehre aus all den Gefahren, die im Tiefland auf dich lauern, sicher zurück. Danach werden wir weitersehen.«
Ari lief eilig den Flur der Burg entlang und hoffte inständig, er habe sich nicht verlaufen. Die Burg mit den zahlreichen verschlungenen Gängen, die nirgends hinzuführen schienen, war verwirrend genug. Hunderte von Leuten kamen und gingen, und viele von ihnen hatten ihr Laran nur unzureichend unter Kontrolle. Auch die Begegnung mit den vielen aufdringlichen Dienern mißfiel Ari, aber im Moment hatte er keine andere Wahl.
Er erreichte Leander Aillards Quartier und wartete vor der Tür. Ihr habt mich gerufen?
Leander, ein großer, breitschultriger Mann mit dunklen Haaren, öffnete selbst und trat in die Halle. »Komm, folge mir«, sagte er zu Ari. »Dein Vater ist hier. Ich soll dich zu ihm bringen.«
Ari blieb wie angewurzelt stehen, bevor er Leander folgen konnte. Coryn hier? Aber warum?
Anscheinend hält es hier niemand für nötig, mir je etwas mitzuteilen, dachte er vorwurfsvoll, verbarg aber vorsichtshalber diesen Gedanken vor Leander. Immer nur heißt es »Ari, tu dies!« und »Ari, mach das!«, aber auf meine Gefühle nimmt niemand Rücksicht. Jetzt haben sie Coryn eingeladen, ohne mir davon auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen!
Als Leander und Ari die Carcosa-Gemächer betraten, sah Ari seinen Vater zusammen mit König Allart auf einem Diwan sitzen. Der Raum war angenehm temperiert, und die beiden Männer schienen in eine freundschaftliche Unterhaltung vertieft zu sein, so als ob Coryns Anwesenheit in Thendara nichts weiter als ein Ferienbesuch sei. Aber natürlich wußte Ari, daß dem nicht so war.
Coryn schaute auf und begrüßte zuerst seinen Sohn und dann Leander. Zu seinen Füßen befand sich eine längliche Holzkiste, die, der Form nach zu schließen, ein Schwert enthalten konnte.
»Bitte, nehmt Platz«, forderte der König die beiden auf und wies ihnen zwei Stühle zu. »Wir haben viel zu besprechen. Ich habe Coryn aus einem Grund herberufen, der uns alle angeht.«
Bei diesen Worten wurde König Allart mit einem Mal sehr ernst. »Ihr kennt die gespannte Lage zwischen uns und Ardais. Auch ohne die Gabe des vorausschauenden Larans läßt sich unschwer erkennen, daß ein voll entfesselter Krieg uns alle zerstören und nichts als Tod und Verwüstung zurücklassen würde. Ardais zielt natürlich darauf ab, die Zerstörung in den Ländereien, die er zu erobern hofft, so gering wie möglich zu halten. Wir sind deshalb übereingekommen, unseren Konflikt durch eine Schlacht der Türme beizulegen.«
Ari verschlug es den Atem. Eine Schlacht der Türme! Aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen! Ardais besaß die besondere Gabe, sein Laran als Katalysator einzusetzen, um so noch schlummerndes Potential bei anderen Telepathen zu erwecken. Aus diesem Grund gab es in seiner Domäne auch mehr mächtige Telepathen als irgendwo sonst; sie waren sogar so zahlreich, daß sie vor dem Ende des Waffenstillstandes an andere Domänen ausgeliehen worden waren, weil es zu Hause nicht genug Arbeit für sie gab. König Allart muß den Verstand verloren haben, wenn er sich auf eine solche Laran-Schlacht mit Ardais einlassen wollte.
»Du brauchst nicht so bedrückt dreinzuschauen, Ari«, munterte der König ihn auf. »Ardais verfügt über viele starke Matrixarbeiter, das ist schon wahr. Aber keiner von ihnen besitzt die Hastur-Gabe.«
Also darauf lief es hinaus. Wieder diese Last! »Mein Lord, Ihr ehrt mich«, wandte Ari ein, »aber ich kann unmöglich allein gegen die versammelten Kräfte von Ardais antreten.«
»Das würde ich auch nicht von dir verlangen, Ari. Es gibt noch einen Hastur, der die Last mit dir teilen wird.«
»Aber es gibt keinen zweiten ausgebildeten Hastur …«, setzte Ari an, unterbrach sich aber, als er sah, wie der Blick des Königs auf Coryn ruhte. »Ihr, Vater? Aber wie ist das möglich?«
»Es ist möglich«, entgegnete Coryn. »Meine Gabe ging doch nicht unwiederbringlich verloren.«
Ari und Leander starrten ihn beide an. »Stimmt das?« brachte Ari schließlich heraus. »Dann seid Ihr wieder Bewahrer? Aber selbst mit Euren Kräften sind wir noch immer hoffnungslos unterlegen.«
Leander preßte nachdenklich die Lippen zusammen. »Der Junge hat recht. Lord Coryns Genesung ist eine höchst erfreuliche Überraschung, aber trotzdem sind wir Ardais nicht gewachsen.«
»Vor ein paar Wochen hätte ich Euch zugestimmt«, erklärte König Allart. »Aber Ihr kennt mein besonderes Laran, das darin besteht, alle denkbaren Möglichkeiten vorauszusehen. Mit Hilfe dieses Larans habe ich einen Weg gefunden.«
»Ich verfüge nicht über Allarts Gabe«, unterbrach Coryn und lehnte sich dabei zu Leander und Ari vor. »Aber auch ich sehe eine Möglichkeit, Ardais zu besiegen.«
Coryn beugte sich zu der Holzkiste vor seinen Füßen hinab und öffnete sie: darin lag auf purpurnem Samt schimmernd ein Schwert. Aber dies war keine gewöhnliche Waffe – eingelassen in den Knauf, umgeben von vielfarbigen Edelsteinen, blitzte ein ungeheurer, faustgroßer Sternenstein.
Als Coryn das Schwert ergriff und den Sternenstein umschloß, schien er zu riesenhafter Gestalt anzuwachsen, die sich über die anderen auftürmte. Blinzelnd nahm Ari zwei Erscheinungen wahr: die der realen Person und das Trugbild davon.
Dann legte Coryn das Schwert zurück und schrumpfte auf seine ursprüngliche Größe. »Mit dieser Waffe«, erklärte er, »können wir Ardais’ Verteidigung durchbrechen, indem wir das Kraftfeld um die Matrixarbeiter erschlagen.«
»Aber wozu sollte das dienen?« fragte Leander. »Wenn wir eine Bresche schlagen und mit Truppen nachsetzen, verletzen wir das Abkommen, eine reine Schlacht der Türme zu führen.«
»Wir werden nicht mit Truppen nachsetzen«, erläuterte Coryn. »Während Ari mit diesem Schwert die Barriere niederreißt, werde ich mich nach Ardais teleportieren lassen.«
Ari hatte die erste Hälfte des Satzes schockiert vernommen. Er sollte dieses Schwert schwingen? Eine Waffe mit solch einer Wirkung wollte er noch nicht einmal mit dem kleinen Finger berühren!
Leander musterte Ari kühl, der am liebsten im Boden versunken wäre. »Der Junge ist Hastur, aber besitzt er dafür auch die nötige Stärke?« Er wandte sich wieder Coryn zu. »Und selbst wenn es ihm gelänge, dieses Kraftfeld zu durchbrechen, was könntet Ihr im Ardais-Turm schon ausrichten, auf Euch allein gestellt gegen Dutzende von Männern?«
Coryns Ausdruck verriet jetzt eine wilde Entschlossenheit. »Ich werde die Turmmatrix mit bloßen Händen löschen.«
»Ihr seid vollkommen verrückt geworden«, stieß Leander hervor. »Der Unfall in Aldaran muß Euch um den Verstand gebracht haben.«
»Keineswegs, Leander, ich bin nicht verrückt«, entgegnete Coryn. »Dieser Unfall hat mich vielmehr einiges darüber gelehrt. In Aldaran habe ich eine Matrix der fünften Stufe gelöscht und bin dabei fast ums Leben gekommen. Damals wußte ich noch nicht, wie man es richtig beherrscht. Aber ich bin Hastur, und die Energie kann durch mich hindurchströmen, wenn ich nicht dagegen ankämpfe, sondern Ruhe bewahre und sie nur umleite und abfließen lasse.«
Leander verschanzte sich hinter einer Maske, die weder völlige Zustimmung, noch Ablehnung verriet. »Wenn Ihr so entschlossen seid, es zu versuchen, werde ich Euch dabei unterstützen«, erklärte er abschließend, »aber nur, weil ich selber keinen anderen Ausweg sehe.« Damit stand er auf und verabschiedete sich mit einer Verbeugung.
»Besteht eine echte Chance, daß Ihr überleben werdet, Vater?« fragte Ari, nachdem Leander gegangen war.
Coryn spreizte die Finger. »Ja, es gibt eine gewisse Chance, wenn sie auch nicht sehr groß ist. Allein und ungestört könnte ich es wahrscheinlich schaffen, aber unter den Kampfbedingungen sieht es noch einmal anders aus.« Und während er das sagte, spielte er nervös am Verschluß des Armbandes an seinem Handgelenk – jenes Armbandes, das selbst im Tode nicht abgelegt werden sollte. »Was auch geschehen mag, laßt dies bitte Renata zukommen.«
Der König nahm das Armband in Empfang. »Wie Ihr wünscht, Coryn. Ich bete darum, daß Ihr es lebend zurückfordern könnt.«
Ari bemerkte, wie sorgsam Coryn und Allart darauf bedacht waren, einander nicht in die Augen zu sehen. Es liegt an Allarts Laran. Coryn möchte gar nicht alles wissen, was Allart in der Zukunft sieht.
»Die Welt nimmt ihren Lauf«, schloß Coryn düster.
Düster und feindlich war diese Welt geworden, dachte Ari. Noch vor einer Woche hatte er geglaubt, sein riesiges Arbeitspensum, das Leander ihm abverlangte, sei sein größtes Problem. Jetzt erschienen ihm diese Tage im Turm wie das reinste Honigschlecken. Trotz all der gründlichen Ausbildung fühlte er sich der Aufgabe, die sein Vater ihm jetzt stellte, noch nicht gewachsen. Er sollte das furchtbare Matrixschwert schwingen! Nichts, aber auch gar nichts in seinem Leben hatte ihn darauf vorbereitet.
Ari hielt das Schwert prüfend in der Hand und spürte es wie ein Lebewesen pulsieren. Neben ihm stand Coryn, ohne ihn körperlich zu berühren, aber in leichtem Rapport mit ihm verbunden. Um die beiden hatte sich ein Kreis aus zwanzig Telepathen versammelt, angeführt von Leander Aillard, dem Obersten Bewahrer. Ihm zur Seite hatten zwei weitere Bewahrer Position bezogen, um ihm dabei zu helfen, die Energiestöße ins Zentrum auf Ari und Coryn zu leiten. Unter den anderen Leroni befand sich auch Allart Hastur, der einst, so hatte Ari erzählt, in Hali zum Techniker ausgebildet worden war.
Leander und die anderen Bewahrer trugen traditionelle rote Roben, während Ari und Coryn wie Soldaten ein schweres, schwarzes Lederwams trugen: Sie waren heute keine Bewahrer, sondern vielmehr Krieger in einer denkwürdigen Schlacht, die vor ihnen lag.
Es war geplant, daß Ari Coryn durch die Oberwelt begleitete, wobei aber sein leiblicher Körper in Thendara zurückbleiben sollte. Coryn hingegen würde sich nicht nur in Gedanken, sondern in voller Gestalt teleportieren, um durch den Kreis von Ardais zu schreiten, sobald der Verteidigungsgürtel durchbrochen war.
Ari nahm immer deutlicher wahr, wie sich die Energie in dem Kreis aufbaute, sich über ihn ergoß, ihn förmlich verschlang und noch immer weiter anwuchs. Er versuchte, seine eigenen Ängste nicht aufkommen zu lassen, als er den Knauf des Schwertes ergriff und in das Grau der Oberwelt aufstieg. Hier wurde er zum Riesen, der sich turmhoch über die graue Ebene erhob. In weiter Entfernung sah er die Burg Ardais, auf die er rasch zuschritt, und jeder seiner Schritte brachte ihn seinem Ziel Meile um Meile näher.
Als er die Burgtore erreichte, sah er, wie ein Schatten an ihm vorbeihuschte. Das mußte Coryn sein. Ari schwang das Schwert und ließ es krachend gegen die Burgmauer niedersausen. Ein Sprung!
Das geht leichter, als ich gedacht habe, stellte er verwundert fest und riß das Schwert gleich noch einmal in die Höhe. Plötzlich taumelte er zurück, als der Kreis der Leroni von Ardais sich neu formierte. Er spürte einen heftigen Schlag gegen den Kopf, so daß sich alles vor seinen Augen drehte; dennoch versuchte er, sich wieder vorwärts zu stürzen und das Schwert zu erheben. Doch dazu fehlte ihm die Kraft. Er forderte vom Kreis mehr Energie, sog und verbrauchte immer mehr davon, und trotzdem reichte es nicht.
Wenn alles gut gegangen wäre, wäre er sich seines leiblichen Körpers gar nicht bewußt geworden. Dem war aber nicht so; eine merkwürdige Doppelwahrnehmung drängte sich ihm auf. Ari spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat.
Er mußte das Schwert schwingen! Alles hing davon ab, daß er die Barrieren niederriß. Noch vehementer zapfte er die Energieverbindung an.
Wir können die Belastung nicht länger aushalten! Leanders Stimme mischte sich in das Grau der Oberwelt. Der Kreis droht auseinander zu brechen. Komm zurück, Ari, oder wir werden dich verlieren!
Ari erstarrte. Nein! Er konnte nicht zurückkehren. Das Kraftfeld war noch immer nicht durchbrochen, und irgendwo zwischen Oberwelt und Thendara saß Coryn gefangen.
Komm zurück! Komm zurück! Leanders Stimme, zunächst noch laut und deutlich, verblaßte immer mehr. Zum Nachdenken blieb keine Zeit. Ari bündelte die gesamte verbliebene Energie des Kreises und warf sich mitsamt seines Körpers in die Oberwelt. Mit Zittern und Beben fanden Körper und Geist in dem grauen Nebel wieder zueinander. Dann spürte er, wie er an dem Traumturm vorbei und durch die Nebel auf die real existierende Burg zustürzte. Im Sturz noch hob er mit beiden Händen das Schwert und schwang es in einem weiten Bogen über dem Kopf. Mit geschlossenen Augen, einzig geleitet durch sein Laran, ließ er das Schwert niedersausen, bis es auf Widerstand traf. Er sammelte seine Kräfte zu einer letzten Anstrengung und stieß das Schwert hindurch.
Plötzlich fand er sich auf dem Boden einer Matrixkammer wieder und starrte unvermutet in die benommenen Augen von Dyan Syrtis. Wie ungerecht, dachte Ari, ausgerechnet auf Dyan als Feind zu stoßen. Aber darüber nachzudenken, hatte er jetzt keine Zeit. Direkt vor ihm lief das eigentliche Drama ab. Coryn schritt durch die Mitte des Kreises. Jeder Schritt schien ihm Todesqualen zu bereiten, als er sich langsam dem großen Matrixschirm näherte.
Ari konnte spüren, wie der Alarm sich wellenförmig durch den Kreis von Ardais fortpflanzte und sich seine Kräfte gegen Coryn richteten, um ihn aufzuhalten.
Alles kam Ari wie ein Traumbild vor: Ganz langsam, so als ob er durch Wasser waten müßte, strebte Coryn mit ausgebreiteten Armen der Matrix zu. Die Leroni von Ardais schienen sich nicht mehr zu regen, ja nicht einmal mehr zu atmen. Neben Ari lag das Matrixschwert jetzt ausgebrannt und leblos auf dem Boden. Aber das spielte keine Rolle mehr, denn er besaß ohnehin nicht mehr die Kraft, es noch einmal zu führen, selbst wenn das Schwert heil geblieben wäre.
Ari bemerkte auch, daß Coryn all seine Kraft brauchte, den Kreis von Ardais abzuwehren. Damit besaß er aber nicht mehr die nötige Gelassenheit und ausschließliche Konzentration, um den Rückstrom aufzufangen. Sie würden alle sterben, jeder einzelne in diesem Raum. Ari war nur froh, daß die Verbindung mit Thendara abgebrochen war. Dadurch würden zwar er und Coryn sterben, aber Allart würde überleben. Und der Krieg mit Ardais käme zu einem Ende.
Nein!
Wessen Stimme war das gewesen? In dem selben Augenblick, da Coryn den Matrixschirm erreichte, zerriß der Kreis von Ardais, die Energie brach zusammen und erstarb. Und plötzlich war Coryn frei und konnte ungehindert die Matrixenergie durch seinen eigenen Körper entleeren, sie gefahrlos in der Luft verströmen lassen.
Die Matrix verlöschte.
Coryn taumelte. Jemand schrie.
Es ist vorbei, war Aris letzter Gedanke. Vorbei! Dann schloß er die Augen.
Ari erwachte in einem fremden Zimmer, aber die Stimme, die er vernahm, war ihm sehr vertraut. »Du lebst also doch noch. Eine Zeit lang habe ich schon daran gezweifelt.«
»Dyan!« Ari richtete sich mit einiger Anstrengung im Bett auf. »Den Göttern sei Dank! Wie ich mich freue, dich zu sehen! Aber wo bin ich? Immer noch in Ardais? Und bin ich euer Gefangener?«
»Gewiß, du bist noch in Ardais, aber nicht als Gefangener. Wir haben mit Thendara einen Waffenstillstand erreicht. Es blieb uns keine andere Wahl, nachdem ihr uns in der Schlacht der Türme besiegt habt, obwohl wir das nie für möglich gehalten hätten.«
»Und was ist mit meinem Vater?« erkundigte sich Ari. Er hatte Coryn stürzen sehen. »Geht es ihm gut?«
»Es scheint so. Gerade eben war er hier und meinte, er würde zurückkommen, sobald du erwachst.«
Trotz dieser guten Nachricht schien Dyan etwas zu bedrücken, wie Ari verwundert feststellte. »Jetzt ist doch alles vorüber, Dyan. Keiner ist gestorben. Und das Land blieb verschont. Warum schaust du dann so traurig aus?«
Dyan errötete heftig, und Ari glaubte schon, sein Freund würde in Tränen ausbrechen. »Es ist meine Schuld! Ich habe den Kreis durchbrochen. Ich konnte doch nicht mit ansehen, wie Lord Coryn umkommt. Er war mein Bewahrer! Ich konnte es einfach nicht …« erzählte Dyan mit erstickter Stimme. »Verstehst du denn nicht, was ich jetzt bin? Ein Verräter!«
Da erinnerte sich Ari an diesen letzten, klagenden Schrei, bevor der Kreis zusammenbrach. »Dann verdanke auch ich dir mein Leben«, erklärte er dem Freund. »Coryn hätte auf alle Fälle die Matrix gelöscht, auch wenn du nicht eingegriffen hättest. Nur wären dann alle in dem Raum in einer furchtbaren Explosion ums Leben gekommen, weil Coryn nicht in der Lage gewesen wäre, die Energie kontrolliert abzuleiten.«
»Lieber einen ehrenhaften Tod erdulden als das Leben eines Verräters führen«, erwiderte Dyan. »Ich habe meine Familie und meinen Namen entehrt. Jeder wird mich jetzt für einen Feigling halten, der sich vor dem Sterben fürchtet. Aber das war nicht der Fall! Ich wußte nicht, wie weit der Rückschlag reichen würde. Aber ich konnte Lord Coryn doch nicht zu Schaden kommen lassen!«
Vor der Tür wurde es laut, und die beiden jungen Männer schauten fast schuldbewußt auf, als ob sie sich ertappt fühlten.
»Es ist schon in Ordnung, Dyan«, meinte Coryn, als er eintrat. »Ich verstehe dich sehr gut und ich bin dir sehr dankbar. Und wegen der Ehre deiner Familie und deines Namens brauchst du nicht zu verzweifeln. Ich habe über die Relaisstationen lange mit Allart gesprochen. Wir haben einen Handel mit Ardais abgeschlossen und Syrtis zurückgekauft, so daß die ursprüngliche Lehenstreue wieder hergestellt ist. Von heute an bist du wieder Allarts Vasall.«
Bei diesen Worten hellte sich Dyans finstere Miene auf. »Das habt Ihr für mich getan? Mein Lord, ich bin zu überwältigt, um Euch gebührend danken zu können.«
Coryn legte sanft seine Hand auf Dyans Arm. »Es besteht auch wirklich kein Anlaß, daß du mir dankst. Vielmehr bin ich es, der immer in deiner Schuld stehen wird.«
Dann wandte er sich mit einem breiten Lächeln Ari zu. »Wir sind alle sehr stolz auf dich, mein Junge. Es wäre alles umsonst gewesen, wenn du nicht das Kraftfeld zertrümmert hättest.«
Ari errötete verlegen bei diesem unerwarteten Lob. »Wann werde ich nach Hali zurückkehren?« fragte er. »Ich möchte mich hier nicht länger aufhalten.«
»Sobald du reise- und transportfähig bist, kannst du aufbrechen. Dyan darf dich begleiten, wenn er es wünscht.«
»Nichts lieber als das, Sir«, strahlte Dyan.
»Dann wünsche ich euch beiden jetzt Lebewohl«, sagte Coryn abschließend. »Mein Weg führt mich woanders hin. Mögen die Götter euch Frieden schenken.«
»Lebt wohl«, erwiderte auch Ari. Und als er etwas später darüber nachdachte, verspürte er endlich einen gewissen Frieden. Die Gabe, die er in sich trug, konnte mitunter eine schwere Last sein, aber er hatte auch ein Matrixschwert in seinen Händen gehalten und diese Gabe genutzt, um sein Land vor schrecklicher Zerstörung zu bewahren. Er war nicht sein Vater, vielleicht würde er nie Coryns Größe als Bewahrer erreichen. Aber das zählte nicht. Er war er selbst. Er war Hastur. Und das war voll und ganz genug.
Renata wußte nicht, was sie dazu trieb, an diesem Morgen allein zu der Flußgabelung zu reiten, an der sich der Kadarin in einen nach Westen und einen nach Norden fließenden Arm teilte.
Die Sonne stand noch tief über dem Horizont, und um sie herum schien alles still und friedlich zu sein. In weiter Ferne, jenseits des nördlichen Flußarms, erkannte sie die Gipfel von Ardais, und sie fragte sich, was dort wohl vor sich ging. Aus den Tieflanden hatte sie keinerlei Nachrichten erhalten. Die Relaisstationen waren stumm geblieben; immer nur das gleiche Rauschen der atmosphärischen Störungen. Vor drei Nächten hatte man ein besonders heftiges Störfeuer empfangen, eine Art sinnloses, unzusammenhängendes Anschwellen der Kräfte, danach nichts mehr.
Renata stieg von ihrem Pferd ab und ließ es in der Aue grasen. Die Wasseroberfläche funkelte und blitzte im Sonnenlicht golden und weiß. Als kleines Mädchen hatte sie einmal die Geschichte gehört, daß der Kadarin aus den Tränen der Chieri entstanden sei, die im Exil im Gelben Forst das Aussterben ihrer Art beweinten. Sie kniete sich am Flußufer nieder, tauchte eine Hand in das Wasser und ließ die kühlen Tropfen durch die Finger perlen. Tränen. Ein Fluß voller Tränen. Wie viel Leid! Wie viel Tod!
Sie wandte ihr Gesicht himmelwärts. Was machte sie hier, allein, an diesem Fluß? Welch innerer Drang hatte sie an diesem Morgen dazu gebracht? Ihr Sohn und die Damen aus ihrem Gefolge wären außer sich, wenn sie wüßten, daß sie ohne Schutz unterwegs war, so daß jeder Bandit sie überfallen könnte.
Falls Coryn zurückkehrte, würde er aus der anderen Richtung kommen, wo Thendara lag, und nicht auf dieser Straße, die nach Ardais führte.
Falls er überhaupt zurückkehrte.
Auf dieser Straße nach Ardais sah sie jetzt, noch ziemlich weit entfernt, eine Staubwolke, wie sie ein Reiter aufwirbeln konnte. Ich sollte wirklich besser gehen, dachte sie. Ich darf mich keiner Gefahr aussetzen. Schon um Brentons Willen muß ich weiterleben. Aber sie rührte sich nicht, sondern blieb wie angewurzelt stehen, als der Reiter näher kam.
Das ist Wahnsinn. Jetzt konnte sie bereits das Pferd erkennen, einen Rappen, der offensichtlich in den Bergen gezüchtet worden war. Auch der Reiter in seiner Leder- und Pelzkluft war bestimmt ein Bergbewohner. Vielleicht ein Bandit? Wer konnte das schon so genau wissen? Noch immer wartete sie ab, und das Herz schlug ihr immer heftiger in der Brust.
Renata!
Ja, es war Wahnsinn. Diese Stimme – seine Stimme! Sie mußte es sich einbilden. Dann sah sie den Sonnenglanz im kupferroten Haar des Reiters. Coryn, bist du es wirklich?
Gewiß, kein anderer.
Sie stand regungslos am Flußufer; nur ihre Augen folgten ihm, wie er immer näher ritt, sich aus dem Sattel schwang und schließlich in ganzer Größe vor sie trat.
Nein, gut roch er wirklich nicht. Staub und Schweiß des langen Ritts hafteten ihm und seinen Kleidern an. Noch nie hatte sie ihn in einem solchen Aufzug gesehen. Aber was machte das schon? Sie lag in seinen Armen, und die überschäumende Freude über seine Rückkehr ließ sie alles andere vergessen. Aber dann bemerkte sie an seinem rechten Arm den Streifen bleicher Haut, den sonst ein Armband bedeckte. Ein Stich ins Herz. Er war nicht zu ihr heimgekehrt; er war gekommen, um von ihr Abschied zu nehmen.
Wie zur Antwort hob er seinen Arm hoch und deutete auf das Handgelenk. »Ich habe dir ja gesagt, Renata, daß ich einen furchtbar schlechten Ehemann abgebe.«
Sie riß sich von ihm los und wagte es nicht, ihm in die Augen zu blicken. »Coryn, du weißt, daß ich dich nicht gegen deinen Willen halten werde. Du mußt gehen, wenn das dein Wunsch ist.«
»Nun, bevor du mich hinauswirfst, Geliebte, darf ich dir vielleicht noch erzählen, wie ich die Catena verloren habe. Das heißt, sie ist gar nicht verloren. Allart hat sie.«
»Allart? Wieso das?«
»Kannst du es dir nicht denken?«
»Liegt es an deinem Bruder? Hat er unsere Ehe für null und nichtig erklärt?«
»Nein, ganz gewiß nicht. Regnald hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Ich habe das Ding durchaus freiwillig abgelegt.«
Renata packte ihn bei den Schultern. »Coryn, damit treibt man keine Scherze. Was ist aus diesem Armband geworden?«
Jetzt lächelte er offenherzig. »Ich mußte es abnehmen, um im Kreis arbeiten zu können. Andernfalls hätte ich mir die ganze Hand verbrannt. Ich muß gestehen, daß ich mich trotz des Gelübdes, das ich dir gegeben habe, doch lieber für meine Hand entschieden habe. Ach, und übrigens – der Krieg ist aus.«
Renata atmete erleichtert durch. »Ist das wahr, Coryn?«
»So wahr ich hier stehe, Geliebte.« Dann nahm er sie in seine Arme, und Körper und Geist verschmolzen zu einer einzigen Harmonie. Jetzt bestand kein Zweifel mehr. So weit sie in die Zukunft blicken konnte – er würde in Aldaran bleiben.
»Allart hat mich von meinem Eid als Bewahrer entbunden«, sagte Coryn, nachdem sie sich aus der innigen Gedankenverbindung gelöst hatten. »Ich muß mir eingestehen, daß auch ich nicht unersetzlich bin. Ein schmerzlicher Schlag für mein Ego«, lächelte er, »aber das werde ich schon verkraften. Ari zeigt die Gabe in vollem Umfang – und vielleicht sogar noch etwas mehr. Er hat Mut, den ich nie besessen habe. Und er ist jung und bereit, die Last auf sich zu nehmen. Im Krieg oder anderen unruhigen Zeiten wird Allart mich zur Hilfe rufen. Ansonsten aber bin ich frei und kann mein Leben führen, wie ich es will.«
»Aber was ist mit Ardais passiert?« fragte Renata. »Und wie kommt es, daß der Krieg so schnell zu Ende ging?«
»Tja, diese Geschichte lohnt sich wirklich zu erzählen«, sagte Coryn. »Aber zunächst möchte ich mich einmal waschen und aus diesen widerlichen Kleidern steigen. Ich stinke schlimmer als ein Kralmak! Und versuche gar nicht erst, etwas anderes zu behaupten, Renata, oder ich glaube dir kein einziges Wort mehr.«
Sie lachte. »Nein, das kann ich wirklich nicht abstreiten.«
Er nahm sie beim Arm und führte sie vom Fluß weg zu ihren grasenden Pferden. »Und bist du wirklich gewillt, mir wegen dem catenas-Armband zu verzeihen? Ich hätte ja auch zuerst nach Thendara zurückreiten können, um es dort zu holen – aber das erschien mir dann doch eine unnötige Zeitverschwendung. Allart hat ohnehin versprochen, es nachzusenden.«
»Soll doch Zandru das blöde Bißchen Metall holen!« rief Renata lachend. »Mir ist es ganz gleich, was Allart damit anstellt!«
»Und ich habe die ganze Zeit geglaubt, du würdest mir das nie vergeben. Wie ungerecht von mir, dich so falsch einzuschätzen.« Er drückte liebevoll ihre Hand.
Dann half er ihr auf das Pferd, bestieg dann sein eigenes, und gemeinsam ritten sie nach Aldaran. Noch einmal schaute Renata zurück und sah, wie der Kadarin in der späten Morgensonne rotgolden strahlte. War es die Farbe eines Kupferbandes? Und flossen wirklich Tränen in diesem Fluß? Sie wußte es nicht. Aber sollte es tatsächlich so sein, konnten es dann vielleicht auch Freudentränen sein?