Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen
Karl Jaspers
Erdmann Das Meer ist blau und grau, die Wüste braun und gelb. Womit wollen wir anfangen?
Moser Das Meer ist größer. Fang du an.
Erdmann Gut, mache ich gern, aber ich fange doch mit der Wüste an. Für mich ist sie die menschenfeindlichste Region der Erde. Nicht der Berg, nicht der Ozean sind so mörderisch wie die Wüste. Du bist groß, wirkst stark, und ich traue dir lange Strecken zu, aber wie hast du das mit dem Gepäck geregelt? Allein wie du das Trinkwasser transportierst, ist mir ein Rätsel. Man kann sich doch nicht alle Lasten auf den Rücken packen!
Moser Wenn ich mit Kamelen reise, kann ich mehr Dinge und Proviant mitnehmen. Die ganze Ausrüstung wird dann in großen Satteltaschen verstaut. Anders ist es, wenn ich nur mit einem Rucksack unterwegs bin. Dann bin ich Mensch und Kamel in einem, muss mich stark begrenzen, um nicht so viel schleppen zu müssen.
Erdmann Logisch, das hätte ich mir denken können, ich muss mir über Stauprobleme an Bord keinen Kopf machen. Wie viel Kilo packst du dir überhaupt auf den Rücken?
Moser Im Rucksack habe ich nie mehr als 15 oder 20 Kilo auf den Schultern. Ich wandere nach dem Motto: Nimm nur mit, was du tragen kannst. Allerdings hatte ich als junger Kerl, mit siebzehn Jahren, viel zu viele Sachen im Rucksack. Fast 30 Kilo. Völliger Wahnsinn! Reduzierung musste ich erst lernen. Seltsam war, dass ich damals in Marokko weder an den Strand noch ans Meer wollte. Stattdessen zog es mich in die große Wüste Afrikas, obwohl viele meiner Freunde von Südostasien und Indien schwärmten. Indien war ja auch dein erstes großes Ziel.
Erdmann Ja, wer aus Mecklenburg kommt und siebzehn Jahre alt ist, der will gleich bis ans Ende der Welt. Und das war für mich Indien. Also setzte ich mich aufs Rad, und los ging es durch viele exotische Länder Arabiens bis in den Süden Indiens. Dort angekommen, war ich so platt, dass ich begann, mich für Reisen auf dem Meer zu interessieren.
Moser Mich hat damals die Wüste in Marokko total begeistert. Da war die Vielfalt der Landschaft und die ungeheure Stille. Ich fühlte mich so herrlich weit weg von der normalen Welt, als wäre ich auf einem menschenleeren Planeten gelandet. Und dann die Weite, die so magisch verlockend ist, wie stürzende Tiefen; eine Weite, die mich im Laufe der Zeit regelrecht süchtig gemacht hat. Und dann natürlich das Wüstenwandern. Man läuft nicht nur durch eine wüste Landschaft, sondern geht auch durch »innere Wüsten«. Das hat mich am meisten überrascht, dass die Wüste eine riesige »Denklandschaft« ist. Beim stetigen Dahinlaufen verändert sich nicht nur die Landschaft, sondern auch der eigene »Gedankenhorizont«, das ist schon eine irre Erfahrung! Dieser Gedankenwelt ist man total ausgeliefert – und ich musste lernen, mich selber auszuhalten, ohne jede Ablenkung. Das war für mich das Schwerste beim Unterwegssein in der Einsamkeit. Und bei dir?
Erdmann Ich bin sehr wetterabhängig. Läuft alles nach Wunsch, bin ich total begeistert von meiner Situation. Ich schwebe an Bord. Auch bei richtigen Flauten und normalen Sturmphasen fühle ich mich noch gut. Mich fasziniert beim Alleinsegeln das Unerreichbarsein. Mehr noch, das machen zu können, was man will. Ich muss niemandem Rechenschaft abgeben. Wäre ich sonst Einhandsegler? Und trotzdem waren auch meine langjährigen Fahrten mit Astrid und Sohn Kym Paradiestörns. Klar, nicht immer läuft alles rund. Wäre auch zu langweilig. Aber wir hatten an Bord die schönsten Zeiten unseres Lebens. Achill, wie wirst du eigentlich genannt: Wüstengänger, Wüstenwanderer? Obschon Wandern in der Wüste sicher nichts mit »Wanderlust« zu tun hat.
Moser Es ist mir egal, wie man mein Unterwegssein benennt. Entscheidend ist, dass das Wüstenwandern eine große Lebensbereicherung ist. Eine Art Rückkehr zur Langsamkeit, eine Rückkehr zur »Überschaubarkeit«, manchmal auch eine Form der Meditation, wobei ich eine herrliche Leere spüre. Schon in den Wüsten Asiens habe ich erfahren, dass die Leere im Buddhismus als eine Art von Glücksempfindung betrachtet wird. Ein schöner Gedanke. Dieses Glück spüre ich beim Wüstenwandern: Oft bin ich unterwegs nur auf die nächsten Schritte und auf die Schönheit der Natur fokussiert. So rutsche ich dann von Tag zu Tag in ein anderes Leben, bin Nomade, der sich in der Weite wohl fühlt. Genau diese »weite Sicht« ist mir wichtig, das gilt auch für unsere Welt. Was meinst du, brauchen wir heutzutage in der Welt mehr »Weitsicht«?
Erdmann O Gott, da fragst du was. Mit meiner Weitsicht hapert es nämlich, sonst hätte ich jetzt eine schöne Rente. Doch ernsthaft: Ich liebe das Leben, wie die Natur und das Schicksal es bieten. Man hat auf hoher See nicht immer weite Sicht, sondern dann und wann Nebel. Das ist auch schön. Ich fühle mich in dickem Nebel relativ wohl. Segelnd eingehüllt in diesem sauerstoffgetränkten Dunst, fühle ich mich geborgen und gleichzeitig unendlich weit entfernt von allem. Man sieht, auch im übertragenen Sinne, den Schmutz der Welt nicht.
Moser Als Kind habe ich mich sehr eingeengt gefühlt. Die Wüste hat mir dagegen eine phantastische Weitsicht geboten. Ich war total überrascht, dass man so weit – bis über den Horizont hinausblicken kann. Diese Weite hat auch meinen eigenen Horizont erweitert, mir geholfen, neue Wege einzuschlagen, sodass ich auch meiner Angst besser begegnen konnte. Wobei mir aber auch die Tuareg in der Sahara geholfen haben. Sie erklärten mir, dass man als Wüstennomade zum Stein werden muss, denn ein Stein kann alles ertragen, bis die Erosion ihn zerstört. Und wie sieht es bei dir mit den Ängsten aus?
Erdmann Ich bin kein ängstlicher Mensch. In Grenzsituationen indes packt mich schon mal eine kribbelnde Unruhe. Habe primär Furcht um meinen Mast, um mein Schiff, denn ohne Schiff bin ich nichts. Gar nichts. Meine Angst macht sich bemerkbar, indem ich vorsichtiger an Deck agiere, dem Boot mehr Sorgfalt widme und versuche, mich vor allem mit Lesen abzulenken. Die Angst entwickelt sich aber nie so heftig, dass ich das Wesentliche vernachlässige. Nonstop unterwegs zu sein, heißt nicht nur Furcht haben vor den Elementen. Es ist auch – und das ist womöglich der schwierigere Teil – Angst vor der Zeit, die vor mir steht wie ein Berg. Um die emotionale Instabilität zu dämpfen, beobachte ich das Meer, denke an schöne Dinge und rhythmisiere mein Bordleben.
Moser Zum Abenteuer, denke ich, gehört auch der Hunger nach Unerwartetem. Dabei muss man natürlich gewisse Gefahren durch Erfahrungen und sorgfältigste Vorbereitungen einschränken. Dennoch reizt es mich hin und wieder, meine Grenzen auszuloten, mich auszuprobieren. Nervenkitzel war aber nie ein bestimmendes Motiv für mich. Ich bin eher schicksalhaft in Grenzsituationen hineingeraten, habe es aber immer akzeptiert. Gewisse Risiken gehören nun mal zu solcher Art von Unternehmung, wobei ich oft das Gefühl habe, dass jemand auf mich aufpasst. Schließlich sind Wüste und Meer große spirituelle Räume. – Und wer passt unterwegs auf dich auf?
Erdmann Ich. Ich. Ich. Auf meinen Nonstop-Fahrten feierte oder besser zelebrierte ich alle großen Kaps, die ich passierte – Kap Hoorn, Kap Leeuwin, Kap der Guten Hoffnung –, mit großer Dankbarkeit und einem Glas Wein. Dankbarkeit gegenüber dem Universum. Wein, um meine gute Stimmung noch zu steigern. Dabei kommt pure Energie zurück. Sich über das Geleistete freuen zu können, ist überhaupt die Krönung. Auch der christliche Glaube spielte für mich eine wichtige Rolle. Ohne das Vertrauen, Gottvertrauen, ist es nicht zu schaffen. Zudem spürte ich unterwegs ein starkes Urvertrauen, dass alles gut sein wird. Diese Zuversicht erleichtert mir vieles. Ergänzend zu deiner Frage: Ich hatte auch eine Bibel an Bord. Doch im Laufe einer Weltumseglung stand mir die Werkzeugkiste – gezwungenermaßen – häufig näher. Wenn ich göttlichen Beistand gebrauchen konnte, wollte ich ihn nicht. Das war mir zu billig. Und wenn ich Zeit und Muße hatte, war es wichtiger, sich zu erholen, zu schlafen und sich zu stärken.
Moser Du hast gerade das Wort Gottvertrauen angesprochen. Auch ich bin im christlichen Sinne aufgewachsen: Taufe, Bibelunterricht, Konfirmation. Mit Anfang 20 habe ich mich abervon der Religion etwas entfernt. Erst durch meine Reisen in die Wüsten und die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen habe ich mich wieder für den Glauben interessiert. Außerdem muss ich nicht mehr alles hinterfragen. Stattdessen fühle ich mich irgendwie spirituell unterstützt und denke: Der Glaube macht es wahr. Zudem habe ich mittlerweile beim Unterwegssein in der Wüste das Gefühl, als würde ein unsichtbarer Papagei auf meiner Schulter sitzen, der mich ständig begleitet und wie ein Schutzengel über mich wacht. Hört sich vielleicht etwas seltsam an, aber so empfinde ich.
Erdmann Und wenn du ein lang ersehntes Ziel endlich erreicht hast: Wie ist das? Kannst du das ganz alleine genießen? Allgemein sagt man, solche Erlebnisse sind schwer in Worte zu fassen.
Moser Du hast recht, solche »Ankomm-Erlebnisse« sind schwer zu beschreiben. Zum einen fühle ich mich unglaublich »happy«. Andererseits empfinde ich eine große Leere. Denn all das, was mich über viele Monate ausgefüllt und angetrieben hat, ist plötzlich entschwunden, sodass sich ein bisschen Melancholie und Traurigkeit einschleicht. – Und wie ist das bei dir, wenn du nach Hunderten von Tagen wieder nach Deutschland kommst und die unterschiedlichsten Eindrücke nur so auf dich einprasseln, wie verkraftest du die Umstellung?
Erdmann Ankommen ist immer das Ziel. Dafür segle ich monatelang. Darauf freue ich mich schon Wochen vorher. Umso schöner, wenn jemand auf dich wartet. Das Ankommen selbst zu verkraften, ist wenig aufregend. Ich habe meine Frau Astrid, die mir dabei hilft. Sie hält mir grundsätzlich den Rücken frei. Dazu lebe ich etwas abseits auf dem Land, das ist auch von Vorteil. Viel aufregender waren einzelne Begebenheiten unterwegs. Meine letzte Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung war magisch. Es war ein so perfekter Tag, wie man ihn selten erlebt. Alle großen Kaps der südlichen Hemisphäre gegen den Wind lagen achteraus, und mir ging ein seliges Glücksgefühl durch den Körper vom Kopf bis in die Beine, wie ich es nie zuvor erlebt habe. Diese Route war bei weitem das anspruchsvollste Seestück, das ich in meinem Leben gesegelt bin. Es hat mir die schlimmsten Situationen, aber auch die großartigsten Momente geboten. Sag mal, wolltest du es nicht auch mal mit dem Wasser aufnehmen? Ich erinnere mich an eine Floßfahrt auf dem Mackenzie River in Kanada. Das war doch bestimmt auch wild und rau. Was waren damals deine Beweggründe?
Moser Neben den Wüsten hat es mich immer mal wieder aufs Wasser gezogen. Ich bin im Kielwasser des Odysseus und der Wikinger gesegelt. Allerdings nicht so spektakulär wie du. Vor allem reizten mich aber immer mal wieder die Flüsse: Nil, Niger, Jangtsekiang und natürlich im Norden Kanadas der große Mackenzie River. Er ist der einsamste unter den großen Strömen der Erde. 1600 Kilometer vom großen Sklavensee bis zum Eismeer.
Erdmann Toll. Großartig. Die jungen Jahre zu genießen, zu experimentieren und so viel wie möglich in der freien Natur zu leben. Bevor man in der Verspießerung landet.
Moser Ja, wir waren damals zu dritt und bauten über einen Zeitraum von drei Wochen ein Holzfloß aus Baumstämmen, das 28 Quadratmeter groß war. Alle Arbeiten haben wir per Hand ausgeführt. Mit Bügelsäge, Axt und Hammer. Es war die Erfüllung eines großen Traums. Schon immer wollte ich mal so ein Abenteuer wie Huckleberry Finn erleben und einen großen Fluss im Norden Amerikas hinabschippern. 54 Tage waren wir dann auf dem Mackenzie River quer durch die Einsamkeit Nordamerikas unterwegs. Herrlich war’s. Wildnis pur. Riesige Wälder mit Bären und Wölfen. Noch heute kann ich mich für Flüsse begeistern, sie sind für mich so eine Art »Sinnbild der Bewegung«. – Hast du auf deinem Sommertörn durch die Ostsee nicht auch mit deiner Segeljolle einige Flussläufe kennengelernt?
Erdmann Mein Sommertörn durch Mecklenburg-Vorpommern ist kein Vergleich zum Mackenzie. Du hattest reißende Stromschnellen und manchmal heftigen Wind im Segel, ich hatte still fließende Flüsschen, Kanäle und absolut stille Seen. Das war im Jahr nach dem Mauerfall. Die Bewohner schienen irgendwie unentwegt auf Reisen zu sein. Verständlich nach Jahren, in denen man eingemauert war. Jedenfalls war der Sommer der Vereinigung sehr spannend. Komm, lass uns einen roten Holundersaft bestellen. Der ist hier im Fährhaus hausgemacht und erinnert mich sehr an meine Jollenreise. Alles schien dort auch hausgemacht. Das Essen, die Früchte, der Schnaps, die Boote, die Segelvereine. Das Leben im Osten war bis zum Mauerfall sehr bodenständig. Man hatte Gemüsegärten, ein Hausschwein, Hühner sowieso. Der Natur ist das gut bekommen. Auf meiner Route wucherte sie wild vor sich hin. Der Sozialismus hat der Natur viel gegönnt. Auch für meine Gesundheit war es eine Supertour. Mangels Motor und mangels Wind musste ich auf den Kanälen häufig stundenlang das Vorankommen mit einem Stechpaddel unterstützen. Dass ich mit einem kleinen, reinen Segelboot ohne technische Finessen reiste, hat mir viel Anerkennung im Osten gebracht.
Moser Wenn du so vom Unterwegssein schwärmst, bekomme ich richtig Aufbruchlust.
Erdmann Sag mal, Achill, gibt es einen Moment während deiner Wüstenreisen, den du besonders schätzt, der dir viel bedeutet?
Moser Da fällt mir sofort Ägyptens Wüste Sinai ein, wo ich viele Male unterwegs war. Auf einer dieser Reisen, zusammen mit meinem damals vierzehnjährigen Sohn Aaron, verbrachten wir eine Nacht ganz allein in Schlafsäcken unter freiem Himmel auf dem Gipfel des Mosesberges. Mitten in der Nacht stand Aaron plötzlich auf, trat an den Rand einer Steilwand und streckte seine Arme aus. Er konnte das millionenfache Leuchten des Sternenhimmels kaum fassen und sagte: »Weißt du, Papa, hier oben ist es noch viel stiller als still.« Ein wunderbarer Augenblick, für den ich sehr dankbar bin. Ich glaube, das kannst du gut nachvollziehen, oder?
Erdmann Und ob. Aber ich hatte einen ganz anderen Moment, den ich nicht vergessen werde. Es war der 135. Seetag meiner ersten Nonstop-Reise. Im Zwielicht des Morgens, bei Nieselregen und folglich schlechter Sicht wäre es beinahe passiert. Fast wäre ich auf einer winzigen Felseninsel gestrandet, die nördlich von Macquarie liegt. Ich war zwar auf Deckwache, musste aber kurz auf die Toilette unter Deck, und als ich wieder bereit war, lagen die Felsen Judge and Clerk gute 100 Meter vierkant vor dem Bug. Es herrschte ein ordentlicher Wellengang, und ich dachte, was ist das bloß wieder für eine See, als ich erkannte, dass die Wellen sich immer an derselben Stelle brachen. Das gibt es doch nicht, die können uns umdrehen, dachte ich noch … Oh, da sind ja Steine. Mannomann, alles ging dann rasend schnell. Sie sprangen uns förmlich an, so schnell kamen sie näher. Ich hechtete über Deck an die Segel und an die Pinne. Mit etwas mehr als einer Bootslänge Abstand schrammte ich an den Steinen vorbei. Das war knapp. Ich holte tief Luft und sah, dass auf diesen Felsen kein Überleben möglich gewesen wäre. Es war nur blank gewaschener Stein und etwa 20 Meter hoch. Davongekommen zu sein, gab mir fortan Kraft und Freude in kritischen Wettersituationen.
Moser Du sprichst von Kraft. Da muss ich an Chinas Westen denken, wo ich in den 1980er Jahren viel Kraft gelassen habe, als ich zu Fuß und per Rucksack 700 Kilometer durch die Wüste Gobi wanderte. Eine Tour, die mir meine Grenzen aufgezeigt hat. Ich habe eine wahre Wechseldusche der Gefühle erlebt: Tage voller irrer Glücksvisionen, dann wieder abgrundtiefe Ängste. Oft habe ich bitterlich geweint, weil ich das Auf-mich-selbst-geworfen-Sein nicht mehr ertragen konnte. Eine Gratwanderung durchs eigene Seelenlabyrinth, die mich ganz schön verändert hat, mich vor allem bescheidener und demütiger gemacht hat.
Erdmann Du sprichst beim Wüstenwandern hin und wieder davon, dass deine Seele beim Gehen Schritt hält. Wie kam es zu dieser Erkenntnis?
Moser Vor vielen Jahren war ich in der Kaisut Wüste im Norden Kenias unterwegs. In diesem Wüstenland lebt auch das afrikanische Naturvolk der Turkana, bei dem ich mehrere Monate lang lebte. Dort erfuhr ich, dass die Männer, wenn sie längere Strecken zu Fuß hinter sich gebracht haben, kurz vor ihrem Ziel noch einmal haltmachen und einen Moment warten, damit ihre Seele sie einholt. Denn – nur zu Fuß hält die Seele Schritt. Manchmal frage ich mich, ob unsere Welt vielleicht etwas besser funktionieren würde, wenn die Menschen mehr zu Fuß gehen würden; sich entschleunigen und runterkommen von diesem sinnlosen Hektiktrip.
Erdmann Auf meinem Kurs durch die Südsee habe ich entschleunigtes Leben vorgefunden. In Tahiti beispielsweise. Diese Lockerheit der Polynesier hat mich fasziniert. Auch die Schönheit von Mensch und Natur hat es mir angetan. Du sitzt an einem Bach, kühlst deine Füße, schon kommt ein Polynesier und bringt dir eine Kokosnuss zum Trinken, oder ein Mädchen reicht dir eine Frucht. Man ist um das Wohlsein der Gäste besorgt.
Moser Stichwort Südsee. Das bringt mich zu der Frage, wie sieht das gemeinsame Segeln mit deiner Frau Astrid aus? Ihr habt ja wohl Tausende von Tagen zusammen gesegelt.
Erdmann Richtig, um die 3000 Tage – die Nächte nicht zu vergessen. Wenn ich Kaps oder Riffe zu sehr schneide oder die Segel zu lange stehen lasse, kracht es schon mal. Wenn wir wochenlang auf See sind, gibt es dagegen kaum Differenzen. Astrid kämpft mit der Seekrankheit, ich mit den Segeln. Das ist die Rollenverteilung. Wer krank ist, diskutiert nicht. Ansichten und Lösungen des anderen werden respektiert. Hilfreich für das Miteinander auf so engem Raum ist, dass jeder seinen Freiraum hat. Auf See bin ich aktiver, im Hafen ist es Astrid. Wir haben eine gute Aufgabenteilung entwickelt.
Moser Hat Astrid wegen ihrer ständigen Übelkeit beim Segeln nicht mal die Flucht ergriffen?
Erdmann Nein. Astrid kommt vom Sport, ist keine Heulsuse, keine Plüschmaus. Zudem muss ich ihr ein großes Kompliment machen. Sie hat für den Start von Kyms Leben, als er drei Jahre mit uns an Bord war, mehr, viel mehr getan als ich. Wie notwendig das ist, weißt du selbst, du warst ja auch einige Male mit deinen Söhnen in den Wüsten unterwegs.
Moser Es war immer etwas Besonderes, wenn meine Söhne, Dirk und Aaron, mit in die Wüste reisten. Rita, meine Frau, ist dann hin und wieder lieber zu Hause geblieben. Mit ihr kann man wirklich Pferde stehlen, doch die Wüste, die sie in Nordafrika schon einige Male erlebt hat, ist nicht so ihr Ding.
Erdmann Kommen wir zu den Kosten. Ohne Geld ist bekanntlich alles nichts.
Moser In jungen Jahren habe ich neben der Schule und dem Studium alle möglichen Jobs angenommen, um meine Reisen zu finanzieren. Später kamen Magazine wie Stern und GEO hinzu, auch Buchverlage und Firmen, die einen Teil der Reisekosten übernommen haben. Und dann sind da noch die Honorare für Vortragsveranstaltungen sowie Fernseh- und Radioberichte. Hierbei hatte ich oft viel Glück, weil ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Menschen traf. So konnte ich vom Reisen, Fotografieren und Schreiben leben. Natürlich gab es in 35 Jahren auch einige Wellentäler. Doch die »Ups and Downs« gehören nun mal zum Leben – auch bei der Finanzierung größerer Reiseprojekte.
Erdmann Segeln ist nicht ganz billig, vor allem wenn man übers Meer will. Daher dauerte es auch volle drei Jahre, bis ich mein erstes Schiff mein Eigen nennen durfte. Meine kathena. Damit segelte ich 1966 als erster Deutscher allein um die Welt. Gut. Das hat mir natürlich beim Geldverdienen geholfen. Dann verkaufte ich kathena und hatte sogleich das Grundkapital für das nächste Schiff, ein etwas größeres. So ging es bis heute. Da alle unsere Schiffe immer gepflegt wurden, ließen sie sich auch gut verkaufen. Inzwischen bin ich beim zehnten. Hinzu kamen Einnahmen aus Beiträgen in Magazinen sowie von meinen Büchern und Vorträgen. Letztendlich finanzierte ich meine aufwendigen Nonstop-Törns mithilfe von Sponsoren. Das alles zusammen reichte, um vom Segeln leben zu können. Nicht zu vergessen unser großer Obst- und Gemüsegarten, der sehr hilfreich war.
Moser Was sind eigentlich deine stärksten Eigenschaften?
Erdmann Hm, die Frage ist mir nicht neu. Meine Eigenschaften? Weiß ich nicht so genau. Vielleicht, das Einfache in den Vordergrund zu stellen. Und mein Freiheitswille. Ja. Eben das tun zu können, was ich möchte.
Moser Ich denke, individuelle Unabhängigkeit und Freiheit ist wie ein Virus. Wenn man einmal infiziert ist, kann man nicht mehr davon lassen. Doch heutzutage wird es für die jüngeren Menschen immer schwieriger, sich aus unserer komplizierten Welt zu lösen. Nicht umsonst heißt es: Freiheit liegt hinter den Mauern, die wir uns selbst errichten. Doch diese Mauern muss man erst einmal erkennen, um sie dann zu überwinden. – Ich wünschte, unsere Welt würde etwas überschaubarer und einfacher werden. Vor allem einfacher. Ein schöner Gedanke ist das, der auch auf das Leben in Wüste und Meer zutrifft.
Erdmann Ich würde gerne eine Lanze brechen für die See, für die Wüste, für einen Ausbruch aus dem Alltag generell. Und den Protagonisten mehr Anerkennung in der Gesellschaft wünschen.
Moser Zu jedem Ausbruch aus dem Alltag gehört aber nicht nur Willenskraft und Glück, man muss auch mit dem Alleinsein klarkommen. Warum bist du so viel allein unterwegs gewesen?
Erdmann Schwierige Frage. Ich finde es einfacher, allein zu reisen. Und das Gelingen ist größer.
Moser Und es ist immer alles gut gegangen.
Erdmann Ich habe zumindest nie fremde Hilfe auf See benötigt. Einfach gesagt, ich habe einen gewissen Instinkt, ein Gefühl, wann ich seglerisch auf dem richtigen Weg bin. Das hat mir geholfen. – Vielleicht nennst du mir mal ein unterschätztes Utensil für unterwegs?
Moser Mein Chech, ein meterlanges Kopftuch, das ich nicht nur als Schutz vor Sonne und Wind verwende. Mittlerweile ist es auch ein Talisman geworden. – Und bei dir?
Erdmann Eine Sonnenbrille, ganz wichtig.
Moser Kannst du über dich lachen?
Erdmann Klar kann ich das, ist sogar sehr vorteilhaft, wenn man lange allein ist. Ohne Lachen könnte ich 343 Tage auf See nicht überstehen. Lachen kann ich besonders über Tiere, wie Fische und Vögel, die über ihre Beute herfallen. Zum Totlachen sind aber auch Kakerlaken, die ich gelegentlich an Bord hatte. Sie können ewig um einen Krümel Brot kämpfen. Oder ich lache, wenn ich selbst verzeihliche Fehler mache. Nach dem Kaputtlachen folgt meistens ein Lied aus vollem Hals. Besonders dann, wenn ich ausgeschlafen bin.
Moser Eine positive Einstellung ist eben ungemein wichtig. Vor allem wenn beim Unterwegssein ab und an der Gedanke des Aufgebens aufflattert. Dann suche ich im Kopf nach Reserven, nach dem Zuspruch eines imaginären Partners, der mir dann sagt: »Komm, das wird schon!« Und tatsächlich geht es dann irgendwann weiter, und man überwindet seinen inneren Schweinehund. – Wie war das bei dir, Wilfried, hast du auf See gelegentlich ans Aufgeben gedacht?
Erdmann Ja, gedacht schon. Nur, der Hafen lag meist weit entfernt, sodass ich Zeit hatte, mir die Sache noch mal zu überlegen. 1985, östlich von Macquarie Island war das der Fall. Ich hatte über 100 Tage im Logbuch, dann kamen Gegenwind, Regen, Nebel und Sturm. Alle Wetter standen gegen mich. »Muss ich hier segeln?«, fragte ich mich und legte den Kurs Richtung Neuseeland. Doch nach einem Tag fand ich, dass das nicht das Richtige war, und ging wieder auf Nonstop-Kurs.
Moser Und?
Erdmann Der sporadische Abbruch hat mir gutgetan. Ich habe viel Kopfballast abgestoßen.
Moser Und wo war es für dich auf See am intensivsten?
Erdmann Natürlich im Südpolarmeer. Das war die Zeit, wo ich über lange Strecken eins mit meinem Schiff war. Wo ich meinte, kathena nui segelt mich und nicht ich das Schiff. Und wenn man nicht alles richtig, aber wenig verkehrt macht, möchte man da immer wieder hin, dieser wilden Mischung wegen.
Moser Für mich war Islands Ódáðahraun-Wüste ein absolutes Highlight. Es ist die größte Lavawüste der Erde. Die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA hat diese Region in den 1960er Jahren als Übungsgelände für die ersten Apollo-Astronauten ausgewählt. Kein anderes Gebiet auf der Erde ist der Mondoberfläche so ähnlich. Eine Landschaft wie die Kulisse eines Science-fiction-Films. Keine Büsche, keine Bäume, nur erstarrte Lavafelder mit skurrilen Steingebilden und Gebirgen. Ich liebe das! Dort war es kaum möglich, die gewaltigen Eindrücke der Natur zu verkraften. Aber dort spürte ich auch die ganze Intensität des Lebens.
Erdmann Komm, wir trinken noch einen Kaffee vor deiner Rückfahrt nach Hamburg.
Moser Eigentlich wollte ich unsere Ziele noch ansprechen.
Erdmann Meine Ziele sag ich nicht.
Moser Vielleicht sollte ich mal ziellos durch die Wüste wandern.
Erdmann Ich frage mich des Öfteren, wann kann ich wieder los. Auch ziellos übers Meer würde mir passen.