Einen Tag später, am 21. Juli, setzte Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf die Oberfläche des Mondes und schickte per Funk einige Worte zum amerikanischen Raumfahrtzentrum Houston. Worte, die um die ganze Welt gingen: »Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.« Anschließend spazierten Armstrong und Aldrin in ihren Raumanzügen durch das »Meer der Ruhe«. Mit Raumhelm und Sauerstofftank, der wie ein großer Buckel auf dem Rücken befestigt war, hüpften sie wie ungelenke Gespenster über die Mondoberfläche. Deutlich spürten sie in ihren schwerfälligen Bewegungen die Leichtigkeit einer verringerten Schwerkraft, während kaltes Wasser kontinuierlich in kleinen Röhrchen durch ihre Kunststoffanzüge floss und für Kühlung sorgte.
Nur 21 Stunden blieben Armstrong und Aldrin auf dem Erdtrabanten, sie machten Fotos, sammelten Steine und nahmen Staubproben. Zudem stellten sie eine Fahne, einen Spiegel und einen Seismographen auf, ehe sie zu ihrem Mutterschiff zurückkehrten.
Begeistert verfolgte ich damals am flackernden Bildschirm – zusammen mit weltweit 600 Millionen Fernsehzuschauern – die schemenhaften Bilder vom Spaziergang auf dem Mond. Bilder, die aus der Unermesslichkeit des Alls zur Erde gefunkt wurden und den Beginn einer neuen Epoche einleiteten. Bilder, die mein Vorstellungsvermögen nährten und nur schwer zu fassen waren. Bilder, die mich niemals so ganz losließen.
Zum Mare Tranquilitatis bin ich natürlich nie gelangt, doch fand ich mein »Meer der Ruhe« zwei Jahre nach der ersten Mondlandung im Süden Marokkos, wo sich die Sahara ausdehnt, die größte Wüste der Welt, die die Araber Bahr bela Ma nennen – »Meer ohne Wasser«. Nichts konnte damals meinen Blick mehr bannen als diese endlose Weite, in der ich glückliche Tage voller faszinierender Naturerscheinungen erlebte. Meine Begeisterung und Neugier für die Wüsten der Welt und mein Wunsch, ihre Geheimnisse zu durchdringen, waren geweckt. Damals ahnte ich schon, dass mich die Wüste nicht mehr loslassen würde. Denn es war Liebe auf den ersten Blick.
Seit jenen Tagen – ich war damals siebzehn – hat nichts mein Leben, mein Denken und Fühlen nachhaltiger beeinflusst und verändert als die Wüsten der Erde, die für mich atemberaubende Räume der Schönheit und Stille sind. Magische Räume jenseits aller Vorstellungskraft, maßlos, unberechenbar, lebensfeindlich. In vier Jahrzehnten habe ich mir zu Fuß und per Kamel 27 Wüsten erwandert. Mehr als 2000 Tage habe ich in den Einöden verbracht und rund 20 000 Kilometer wie ein Nomade zurückgelegt. Im Laufe der Zeit ließ mich das Wüstenwandern regelrecht süchtig werden. Die schier grenzenlosen Weiten aus Sand und Stein wurden für mich zur Droge, von der ich nicht mehr lassen kann.
Als ich mich damals auf die Wüste einließ, war alles so herrlich fremd. Ich erlebte eine Welt der Widersprüche, die sich mir einerseits sehr karg und abweisend zeigte, andererseits aber auch bunt und belebt. Denn auch hier gab es Bäume, Büsche und Blüten sowie Menschen und Tiere, die mehr oder weniger perfekt angepasst lebten und sich an die schwierigen Lebensumstände dieser scheinbar unbewohnbaren Extremwelt gewöhnt hatten. Diese Beobachtung war mir in der Wüste unglaublich hilfreich. Ich spürte, dass auch ich mich in diese extreme Welt einfügen musste, sodass die wesentlichen Hindernisse nicht nur in den äußeren Umständen lagen, sondern vor allem in mir selbst.
Auch begriff ich, dass es eine gewisse Zeit der Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse brauchte, um das ureigene Universum der Nomaden kennenzulernen – ein Wunsch, der für mich zu einem einzigartigen Abenteuer wurde und die Erfüllung all meiner Träume war.
Was mir damals zudem sehr dienlich war, um den Geist und die Seele der Wüste zu erfassen, war die Begeisterung, die ich für die Landschaften der Ödnis empfand. Hingerissen von den Bühnenbildern erster Schöpfungstage, war ich tief bewegt von Sandmeeren und Gesteinskorridoren, von Salzseen und Hochplateaus, von bizarren Vulkangebirgen und himmelstürmenden Felswänden, von staubgefüllten Becken und ausgetrockneten Flussläufen. Hinzu kam das Farbenspiel des Lichts, wenn sich in der Abenddämmerung der Sand der Dünenketten auf der einen Seite rötete und die langen Schatten auf der anderen Flankenseite ganz schwarz wurden. Das waren Augenblicke, in denen ich erkannte, dass Weite und Enge in der Absolutheit eins sind.
Darüber hinaus erlebte ich jede Wüste als ein »Land der Ursprünge«, das vor allem anderen entstanden ist. Schon zu Beginn unserer Erdgeschichte beherrschten die Urwüsten alle kontinentalen Landmassen, nachdem die glutflüssigen Magmaströme erstarrt waren und erste Pflanzen die Vorzeitozeane verließen. Ihnen folgten vielfältigste Tiere, die als erste Landbewohner die Areale der Trockenheit eroberten. Auch heute noch sind 30 Prozent aller Kontinente von Einöden bedeckt, die sich über 31 Millionen Quadratkilometer erstrecken. Damit nicht genug: Unentwegt wachsen die Wüsten der Erde auf allen Kontinenten weiter und weiter. Jährlich gehen weltweit rund 200 000 Quadratkilometer Ackerland an die ariden Zonen verloren.
Kein Wunder also, dass die ozeangleichen Naturräume der Einöden von vielen Menschen als unwirtlich und lebensfeindlich empfunden werden. Vor allem die Angst vor dem Unbekannten führt dazu, dass die Wüste häufig als Todeszone bezeichnet wird, besonders wenn man weiß, dass die Hitze – wie zum Beispiel in der iranischen Wüste Lut – bis auf 70 Grad Celsius ansteigen kann. Dagegen sinkt die Temperatur in der ägyptischen Wüste Sinai während der Wintermonate nachts weit unter null Grad, sodass sich eisige Kälte ausbreitet, die das Trinkwasser in den Kanistern gefrieren lässt.
Gleichwohl mag ich die extremen Temperaturschwankungen der Wüsten, sind sie doch Ausdruck einer kompromisslosen Umwelt, die allen Lebewesen eine große Anpassung abverlangt. Zudem sind die enormen Temperaturschwankungen das prägendste Merkmal der Wüsten, denn sie formen das Bild der Einöde und verleihen ihr ihre bizarre Gestalt.
Vor allem in den heißen Sommermonaten habe ich in den vulkanischen Felsmassiven der Sahara immer wieder ein Krachen und Bersten gehört, wenn gewaltige Gesteinsplatten oder mächtige Felsblöcke plötzlich aufrissen und auseinanderbrachen. Für solche Erosionsprozesse sind die Kräfte der Verwitterung verantwortlich. Denn wenn ein Gesteinsblock erst einmal einen Riss zeigt, dringt in den Nächten Feuchtigkeit ein, Mineralien quellen auf, verschließen die vorhandenen Risse wieder und erzeugen eine enorme Sprengkraft. So verwandeln Hitze und Kälte in großen Zeiträumen ganze Bergmassive, die schließlich zu Trümmerlandschaften zerfallen, ehe der Wind hinzukommt und ein natürliches Sandstrahlgebläse das härteste Gestein zerlegt und zu feinstem Sand zerschmirgelt. Es entsteht eine Landschaft, die eigentlich gar keine Landschaft mehr ist, sondern das Antlitz eines abweisenden, unnahbaren Planeten. Eine Welt, wie sie schon im 1. Buch Mose beschrieben wird: Und die Erde war wüst und leer.
Ich liebe Sand. Er ist ein geheimnisvoller Stoff, der Endzustand aller Materie. Sand ist weder richtig fest noch flüssig. Ein Zwitterstoff, der gleichermaßen verzaubert und große Gefahren birgt: Sand bildet riesige Strandflächen, die wir als Badeplatz nutzen, er dient Kindern zum Spielen in der Sandkiste und dehnt sich in den Wüsten über weite Ebenen, wo er hohe Dünenmeere bildet. Ein Stoff zum Wohlfühlen, fein und geschmeidig, der, je nach Region, meist aus vielfältigen Mineralien besteht, die man unter dem Mikroskop betrachten kann: Mal sind es transparente, milchig trübe Quarzkörper, dann wieder ist es ein Gemenge aus Granit-, Basalt- und Flintsteinchen.
Zudem sind Sandkörner Getriebene des Windes, die sich in stechende Ungetüme verwandeln können, wenn wilde Windfurien gelbe Sandbänder vor sich her treiben. Dann verdichten sie sich zu einem Staub- und Sandsturm, der die Wüste im Nu zu einem aufgewühlten Ozean werden lässt. Heftigste Böen peitschen lange Sandstreifen über hohe Dünenkämme, als würde weißer Schaum von den Wellen eines Meeres durch die Luft wirbeln.
Und dann ist da noch der gefürchtete Treibsand, in dem Mensch und Tier versinken können, wenn die Sandkörner keinen »guten Kontakt« zueinander haben. Häufig treten Treibsande dort auf, wo der Sand durch eine unterirdische Quelle mit Wasser gespeist wird. Solche Stellen sind nur schwer zu erkennen, weil der sandige Boden fast immer fest wirkt. Erst unter Druckeinfluss verhält sich der Treibsand wie eine flüssige Substanz, in der ein Mensch rasch den Boden unter den Füßen verliert und versinkt. Da hilft auch nicht das Wissen, das aufgrund der spezifischen Dichte des menschlichen Körpers, die dem Wasser sehr nahe kommt, ein vollständiges Einsinken ausgeschlossen ist. Wer allein in einer Wüste bis zur Hüfte in einem Wasser-Sand-Gemisch feststeckt, hat ohne fremde Hilfe kaum eine Überlebenschance.
Als mir mit den Jahren immer klarer wurde, dass ich für ein bürgerliches Leben mit seinen einengenden Konventionen nicht so gut geschaffen war, nahm ich – neben Schule und Studium – verschiedene Teilzeitjobs an, um finanziell imstande zu sein, die abgesteckten Grenzen unserer Gesellschaft zu verlassen. Manchmal war ich bis spät in die Nacht als Lagerarbeiter tätig, und am anderen Morgen drückte ich schon wieder die Studierbank. All diese Strapazen nahm ich aber gern auf mich, um hinaus in die Welt zu kommen: nach Afrika, Asien, Amerika, Australien – und vor allem in die Wüsten.
Meine Eltern und auch manche Freunde begegneten meinen Bemühungen, in die Ferne und Fremde zu reisen, jedoch mit großer Skepsis. Immer wieder versuchte ich ihnen begreiflich zu machen, dass ich mir ein Leben voller Risiken und Unwägbarkeiten sehr viel eher vorstellen konnte, als am Schreibtisch irgendeines Großraumbüros zu verkümmern. Vor allem wollte ich eigene Ideen und Vorstellungen umsetzen. Damit meine ich nicht ein selbstbestimmtes Leben ohne Beschwernisse. Was mir vorschwebte, war die Freiheit zum eigenen Ich, zum eigenen Leben, um sich selbst auszuprobieren, um Erfahrungen und Erlebnisse zu sammeln, die einem dauerhaft bleiben – so wie ein Drahtseilakt unter hoher Zirkuskuppel, aufregend und gefährlich. Nur: Ich wollte keine Absicherung und kein gespanntes Netz.
Das war es, was ich anstrebte. Doch schließlich musste ich feststellen, dass das Entkommen von zu Hause gar nicht so einfach war. Wieder und wieder musste ich mich rechtfertigten, ließ mich auf ermüdende Diskussionen ein, rannte zuweilen gegen Mauern aus Unverständnis an und war empört, als mir schiere Selbstsucht vorgeworfen wurde.
Was mir schließlich half, war eine »Jetzt erst recht«-Durchhaltetaktik. Mein Ego steckte sich einfach Watte in die Ohren, und ich ließ mich nicht davon abbringen, meine Träume auszuleben.
Auf meinen Reisen konnte ich mich dann zwar in den euphorischsten Gedanken verlieren, musste mich aber besonders in den Wüsten an so mancherlei gewöhnen: an Sand und Staub, Schotter und Geröll, Hunger und Durst, Skorpione und Schlangen, blendende Helligkeit und sengende Glut, die Fliegen, die mich piesackten, das Toben der Stürme, das Knirschen des Sandes zwischen den Zähnen – und daran, dass man nachts wie ein Tier schläft, niemals tief, immer bereit zu reagieren. Trotz all dieser Fremdartigkeit und der physischen wie auch psychischen Anstrengungen fühlte ich mich in der Wüste von Kargheit, Weite und Stille angezogen. Ich war elektrisiert von einer Welt, in der Freiheit kein Tagtraum war. Eine Welt, so komplex wie eine Galaxis, in der ich jenen unwiderstehlichen Drang verspürte, immer unterwegs zu sein, immer weiterzuziehen. Ein Drang, der den Nomaden der Wüste so eigen ist.
Diese Nomaden waren es auch, die mir in jeder Hinsicht eine unbekannte und geheimnisvolle Welt erschlossen. Die archaische Lebensform der Beduinen, Araber, Samburu und Uiguren sprach mein Wesen mehr an als jede andere. So kam es, dass ich Jahr für Jahr mit einem Gefühl der inneren Befreiung – und einem bruchstückhaften Wortschatz verschiedener Sprachen – in das überschaubare und traditionelle Leben unterschiedlichster Nomadenstämme eintauchte, wo ich ein einfaches und bescheidenes Leben genoss, geprägt von der Beschränkung auf das Wesentliche. Keine Verklärung einer idealen Lebensform, die von Einfachheit bestimmt wird, sondern ein Dasein jenseits der übertechnisierten Zivilisationswelt, das mir die Augen für all die tausend Kleinigkeiten öffnete, die die Magie des Lebens ausmachen.
Zudem traf ich in Ödland und Leere viele Menschen, die trotz ihres harten Daseins keine Bitternis zeigten. Stattdessen waren ihre Gesichter von Güte und Heiterkeit geprägt, als hätten sie den Sinn des Lebens erkannt. Und manchmal vermittelten sie mir sogar den Eindruck, als wäre dieses Leben für sie nicht Herausforderung oder Wagnis, sondern ein Geschenk.
So begann ich die wüsten Welten mit den Augen eines Nomaden zu betrachten und war begeistert von dem, was mir widerfuhr. Ich genoss das Erwachen in der lichtdurchfluteten Morgendämmerung, wenn das Gleißen der Sonne den Sternenglanz vertrieb, genoss den Duft des frischen Minzetees, der auf einer kleinen Feuerstelle kochte, während ich mich aus dem Schlafsack wühlte, genoss das Backen eines Fladenbrots, das Blau des ungeheuren Himmels und die grünen Palmengärten der Oasen. Ich genoss das monotone Laufen in einem Kameltreck, genoss das fließende Dahinschreiten der Wüstenschiffe, während das Trinkwasser in den Kanistern der großen Satteltaschen plätscherte. Und ich genoss am Abend das entspannte Ausruhen am Lagerfeuer, wenn ich meine Gedanken in den sternenklaren Nachthimmel entließ.
Die Wüste bot mir die Möglichkeit, viele Nomadengemeinschaften kennenzulernen. Fast immer wurde ich dort mit Wohlwollen aufgenommen, obgleich manche Wüstenbewohner von Armut und Hunger bedroht sind und gerade sie allen Grund hätten, ihr Hab und Gut für sich zu behalten. Doch das Gegenteil war der Fall: In der Achtung vor dem Nächsten zeigten sie mir auf eindrucksvolle Weise ihre selbstlose Gastfreundschaft und Freigebigkeit. Niemals fragten sie mich beim Unterwegssein in der Einöde: »Was bist du? – Was hast du?« Auch erkundigte man sich fast nie nach meiner Religionszugehörigkeit. Niemals musste ich etwas darstellen, um »dazuzugehören«. Ich war einfach da und wurde angenommen, erfuhr vor allem Hilfsbereitschaft und Freundschaft, indem ich mich an ihre traditionellen Lebensumstände anpasste und mich ohne Widerspruch an ihre Bedürfnislosigkeit gewöhnte. Es ist eine bescheidene Genügsamkeit, die zuweilen aus der Not entstand und nach der sich viele Nomaden unbewusst ausgerichtet haben, um so die einzige wirkliche Form der Freiheit zu leben. So spürte ich schon bald, dass es in der Wüste nicht um weltliche Genüsse, sondern um geistige Freuden ging – und erlebte besonders in den großen Einöden des afrikanisch-arabischen Sprachraums kaum eine Trennung zwischen Alltag, Tradition und Spiritualität. Die arabischen Wüstenbewohner sind vom Vertrauen in die Vorbestimmung ihres Schicksals geprägt. Oft erklären sie ihr hartes Dasein in Sand und Stein nur mit einem Wort: Mektub – »Alles steht geschrieben!«
Selbst in der Art des Gehens unterscheidet sich der Nomade von uns Europäern. Sein Gangbild ist ganz anders: Meist schlurfen die Menschen der Wüste über den ausgetrockneten Erdboden, manchmal scheinen sie auch zu »huschen« oder federleicht zu tänzeln, als würde ihnen das Gehen auf dem steinigen und sandigen Untergrund kaum etwas ausmachen. Dabei stecken ihre Füße häufig in Plastiksandalen oder handgenähten Lederpantoffeln. Manch einer ist auch barfuß unterwegs, wobei sich unter den Fersen schon seit Kindesbeinen eine dicke Schicht Hornhaut gebildet hat.
Gleichwohl hat mich das Gehen in der Wüste von Anfang an begeistert. Nicht, weil ich – zum Leidwesen meiner Frau Rita – bis zum heutigen Tag noch immer keinen Führerschein gemacht habe, sondern weil ich ein leidenschaftlicher Fußgänger bin, dem so mancher Schritt in der Einöde als einzigartig erscheint. Denn oft betrete ich unberührten Boden, laufe über unerschlossenes Terrain, auf dem vielleicht nie zuvor ein Mensch gewandelt ist. Und manchmal kann ich es kaum ertragen, dass ich beim Wüstenwandern mit meinen Schritten im unversehrten Sand Spuren hinterlasse, die jedoch der Wind irgendwann wieder hinter mir zudecken wird.
Der Wind ist mir eigentlich immer auf den Fersen. Nur selten lässt er mich allein, fast immer ist er da und begleitet mich, ob ich will oder nicht. Schon am frühen Morgen, wenn ich aus dem Biwak krieche, empfängt er mich. Manchmal streichelt er mich ganz sanft, ein anderes Mal springt er mich unwirsch an. Fast immer führt er Staub- und Sandpartikel mit sich, die sich auf meine Haut legen, während ich durch die Wüste gehe und meinen Gedanken freien Lauf lasse, ohne die Möglichkeit, mit dem Rest der Welt in Verbindung zu treten. Denn niemals habe ich ein Handy oder ein Funktelefon im Gepäck. Es gehört zum einfachen Nomadenleben, dass ich mich nur auf mich selbst verlasse.
Zudem empfinde ich das Gehen in der Wüste als eine Vereinfachung des Lebens. Es ist eine kindliche Begeisterung, die ich besonders spüre, wenn ich durch Sand und Stein gehe und gehe und gehe – und mein Kopf zu einer Art Motor wird, der den Körper wie einen Apparat antreibt. Ich gehe um des Gehens willen, das in Weite, Stille und Einsamkeit Balsam für Körper und Seele ist. Es ist, als würde mich das Wüstenwandern von allem befreien: Alltagsgedanken fallen von mir ab, und meine Sinne können sich in der stillen Abgeschiedenheit vom Lärm der Zivilisationswelt und der Informationsflut durch E-Mails, Internet, Fernsehen und Radio langsam erholen. Meist kann ich mich schon nach wenigen Tagen in der Wüste wieder auf die gegenwärtigen Augenblicke konzentrieren, um die kleinen Dinge meiner Umwelt wahrzunehmen.
Oft gebe ich mich beim Wüstenwandern auch lustvoll einer seltsamen Fiktion hin, die aus dem Gefühl entsteht, in einer wilden Natur – jenseits aller bürgerlichen Normen – unterwegs zu sein. Dann fühle ich mich von der Wüste »angeschaut« und herrlich berauscht. Das sind Augenblicke, in denen ich Glückseligkeit pur spüre, auch wenn ich weiß, dass in all meinen Wüstenreisen etwas Verrücktheit steckt. Sei’s drum, schließlich lebe ich nun schon seit 35 Jahren als Pendler zwischen zwei Welten: auf der einen Seite das Zuhause in Hamburg mit meiner Frau Rita und unseren beiden Söhnen, die mittlerweile erwachsen sind. Und auf der anderen Seite das Leben in der Wüste, wo ich – jedes Jahr aufs Neue – als Nomade unterwegs bin, schreibend und fotografierend, beides freiberufliche Tätigkeiten, die ich mit Begeisterung und Leidenschaft einer sicheren Existenz vorgezogen habe.
Gleichwohl war mein Leben als Pendler zwischen den Welten niemals frei von Unwägbarkeiten, Problemen, Zweifeln und auch Ängsten. In der Summe all meiner Wüstenunternehmungen haben aber die positiven Erlebnisse und Erfahrungen überwogen. Das Leben in den Einöden hat mich mit einzigartigen Erlebnissen, phantastischen Begegnungen und wunderbaren Menschen reich beschenkt. Zudem war und bin ich mir über eines ganz sicher: Das, was ich beim Unterwegssein in der Wüste suche, sucht auch mich.