Was die Kamele in ihren schwergewichtigen Lastkörben trugen, habe ich nie erfahren. Vermutlich handelte es sich um Werkzeug, Kleidung und Saatgut aus Ägypten. Alles Waren, die im Sudan nur schwer zu bekommen waren und die zwei Tage lang mit einem klapprigen Dampfschiff über den großen Nassersee von Assuan nach Wadi Halfa geschippert waren, jenem Grenzort zwischen Ägypten und dem Sudan, von dem aus wir zum Marsch durch die Wüste aufbrachen.
Lebensmittel steckten damals jedenfalls nicht in den großen Lastkörben, denn als uns nach vier Tagen die Vorräte in der Nubischen Wüste ausgingen und sich ein nagendes Hungergefühl bemerkbar machte, hätten wir dieses fraglos gestillt, wenn in den Gepäcktaschen der Kamele etwas Essbares gewesen wäre. Jeder der Nubier – und auch ich – hatte sich beim Provianteinkauf auf den anderen verlassen. Zum Glück schwappte ausreichend Wasser in den Kanistern. Doch das Gefühl des Hungers begleitete uns sechs Tage lang.
Sechs Tage, in denen die Nubier in gleichmäßigem Tempo voranschritten und dabei leise Lieder sangen, um ihren Hunger zu verscheuchen. Bei mir hingegen verkrampfte sich nach drei Tagen der Magen, heftige Schmerzen pochten in meinem Kopf, und auch die Beine wurden sichtlich schwerer und schwächer. Selbst nachts raubte mir der Wunsch nach etwas Essbarem den Schlaf. Ich war froh, als wir schließlich unser Ziel erreichten und ich etwas Hirsebrei und einige Melonenscheiben zu mir nehmen konnte. Ein wunderbarer Augenblick, wenn man nach längerer Entbehrung endlich etwas zu essen hat!
Seit damals weiß ich, dass der Hunger gelegentlich zum Nomadendasein und Wüstenwandern gehört. Auch habe ich seit damals viele bedrückende Zerrbilder des Hungers in den kargen Regionen der Erde gesehen. Nie werde ich vergessen, wie in Timbuktu, in der Südsahara, ein paar ausgemergelte Jungen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, einem alten, halbnackten Mann eine Plastikschale mit Reiskörnern und Brotkrumen abjagten. Als die Schale dabei zu Boden fiel, knieten sich die Kinder auf allen vieren in den Staub und verschlangen gierig, was sie greifen konnten: ein bisschen Brot, etwas Mehl – und viel Sand.
Solche Erlebnisse haben meine Essgewohnheiten gleich zu Beginn meiner Wüstenbegeisterung verändert, sodass ich mir als Erstes Bescheidenheit verordnete, als ich von den Sorgen und Nöten vieler Nomaden erfuhr. Zudem passte ich mich im afrikanisch-arabischen Sprachraum der Nomadenküche an: Morgens süßen Tee mit Hirsebrei, Fladenbrot, Datteln, Schmierkäse und Marmelade. Mittags eine Handvoll Hartkeks und einige Gläser Tee. Abends ein Eintopfgericht aus Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Paprika und Zucchini. Dazu allerlei Gewürze und gelegentlich Fata, gebratenes Lammfleisch.
Neben der Bedürfnislosigkeit zahlreicher Wüstenvölker, die mich stark prägte, erfuhr ich im Laufe der Zeit, dass die Tuareg wie auch die Beduinen seit Generationen eine Art von »Wüsten-Know-how« überliefern, das es ihnen auf langen Karawanenrouten ermöglicht, Hunger und Durst einigermaßen in den Griff zu bekommen. So lutschen viele Nomaden auf langen Kameltrecks kleine Kieselsteine, um die Speichelproduktion anzuregen, oder speicheln eine getrocknete Dattel ein, auf der sie stundenlang herumkauen. Andere zelebrieren beim Wandern mantraartig den immer gleichen Satz: »Du musst zum Stein werden!« Worte, die Hunger und Durst für eine gewisse Zeit ausblenden sollen. Denn ein Stein, so erzählen die Nomaden, kann in der Einöde alles ertragen, ehe er durch Erosion auseinanderbricht.
Wieder andere singen Lieder vom Leben, vom Leiden und von der Liebe. Lieder und Gesänge, die belebend wirken, die bedrückende Gefühle vertreiben, die Einsamkeit verscheuchen und die Stille durchbrechen. Hoffnungsvolle Lieder, die vom Glück der Familie erzählen und die Gesundheit der Kamele preisen.
Und dann ist da noch das »Visualisieren der eigenen Ziele«. Schon Lawrence von Arabien hatte in seinem Buch Die sieben Säulen der Weisheit von der Kraft der Vorstellung geschrieben, die beim Ausblenden des Hungergefühls tatsächlich helfen kann. So wurde das Wüstenwandern für mich zu einer Form der Meditation, wobei es mir immer mehr gelang, mein Hungergefühl zu einer Art des Fastens zu machen. Denn beim Fasten erfolgt der Nahrungsverzicht freiwillig, bewusst und geplant, sodass keinerlei psychischer Stress entsteht, während beim normalen Hungergefühl das Gehirn reichlich Stresshormone ausschüttet, die zu einer starken inneren Unruhe und Belastung führen. Erschöpfung und Konzentrationsmängel wirken sich dann rasch leistungsmindernd aus.
Gleichwohl birgt auch das Fasten, der »freiwillige Nahrungsverzicht«, gewisse Risiken: Denn bei dieser Art des Hungerns werden sehr viel mehr Endorphine als Stresshormone gebildet, die als körpereigene Opiate wirken. So habe ich auf langen Wüstenmärschen immer wieder festgestellt, dass sich auch beim bewussten Fasten euphorische Empfindungen einschleichen, die zu einer Art Rauschzustand führen können. Ein Befinden, das bei längeren Fastenperioden auch das Suchtpotenzial steigern kann.
Darüber hinaus habe ich bei den unterschiedlichsten Wüstenvölkern nicht nur die einfachsten, sondern auch die ungewöhnlichsten Dinge auf den Teller bekommen. So etwa im äußersten Nordwesten Chinas, in der Provinz Singkiang, ehemals Ost-Turkestan. Dort erstreckt sich die Dsungarei, eine Sand- und Steinwüste mit rund 770 000 Quadratkilometern, umgeben von drei Ländern: Im Norden liegt Kasachstan, im Westen Kirgisistan, im Osten die Mongolei. In dieser entlegenen Wüste, wo ich mich auf einer wochenlangen Wanderung vor Mücken, Spinnen, Vipern und Skorpionen hüten musste, wurde ich in einer exotischen Oase zum Festmahl eingeladen. Es gab eine Spezialität der Nomaden: in der Glut gebratene Eidechsen. Nicht gerade mein Geschmack, doch hätte ich abgelehnt, wären meine Gastgeber beleidigt gewesen. Also verzehrte ich notgedrungen das scharfgewürzte Echsenfleisch und trank dazu mehrere Schalen turkestanischen Tee, auf dem säuerliche Flocken getrockneter Milchhaut schwammen.
Sehr viel mehr Gaumenfreuden bereitete mir ein grünäugiger Kasache mit einem Gesicht wie Dschingis Khan, den ich mit seinen vier beladenen Kamelen mitten in der Dsungarei-Wüste traf. Er bot mir für die Nacht nicht nur einen Platz an seinem Lagerfeuer an, sondern kochte auch eine Kanne grünen Tee. Ein wohlschmeckendes dampfendes Gebräu, von dem ich bei absinkenden Temperaturen gar nicht genug bekommen konnte, ehe er mir einen Teller mit dicken Nudeln und Hammelfleisch servierte. Dazu gab es reichlich Nang, das flache Weizenbrot der Nomaden, das er in der Glut eines kleinen Feuers gebacken hatte.
Der mongolische Teil der zentralasiatischen Wüste Gobi ist trotz größter Trockenheit teilweise eine steppenhafte Halböde, in der schwankende Sommerregen zuweilen für dichte Grasdecken sorgen. Deshalb konnten hier riesige Pferdeherden heranwachsen, die diesen Teil der Erde zur Wiege eines Reitervolkes machten, das vor 800 Jahren unter der Führung des legendären Dschingis Khan ein Weltreich eroberte. Auch hier war ich immer wieder Gast in einer Jurte und lernte die wichtigsten Grundlagen der mongolischen Küche kennen: Milchprodukte, Fleisch, Wildgemüse, Salz, Zwiebeln, Pilze und dampfenden Reis, den ich aus kleinen Schälchen mit den Fingern aß. Im chinesischen Teil der Gobi musste ich mich hingegen an den Gebrauch hölzerner Essstäbchen gewöhnen, die von den Chinesen kuaizi genannt werden, was so viel wie »Beschleuniger« bedeutet.
Trotz des knappen Nahrungsmittelangebots – ein Problem in allen Wüsten der Erde – waren die kulinarischen Leckereien in den Einöden Chinas und der Mongolei höchst abwechslungsreich. Was wurde da nicht alles in Töpfen und auf Tellern zubereitet: Es gab süßen Quark aus Schafs- oder Ziegenmilch (eesgij), salzlosen Käse (bjaslag) und würziges Kamel-, Hammel- und Rindfleisch, das gekocht oder halbgar gegessen wird, sodass im Blut noch jede Menge Spurenelemente enthalten bleiben, die den Nährwert erhöhen. Ebenso schmackhaft war der mongolische »Feuertopf«. Eine nahrhafte Bouillon, die ich aus einer kleinen Schale schlürfte. Dazu tauchte ich einen kleinen Holzspieß mit Fleischstückchen oder Gemüsescheiben in die kräftige Brühe des Feuertopfes zum Garen ein.
Nicht so ganz mein Fall waren der Fettsteiß des Fettschwanzschafs und ein Gericht namens boodog: eine fast unbeschädigte Ziegenhaut, aus der man alle Innereien und Knochen herausgetrennt hat, wird mit gewürzten Fleischstücken gefüllt, zu denen die Mongolen glühende Steine legen. Dann wird der luftdicht verschnürte »Tiersack« von außen gebraten, sodass das Fleisch von allen Seiten im eigenen Saft schmort.
Zu den Mahlzeiten gibt es immer reichlich Tee, der oft aus gepressten Teeziegeln zubereitet wird. Und da die Mongolen wie auch die Chinesen nicht nur große Esser, sondern auch große Trinker sind, lieben sie verschiedenste Sorten Milchbranntwein, archi genannt, sowie airag, das Nationalgetränk der Mongolen: leicht vergorene und alkoholhaltige Stutenmilch. Alle Milcherzeugnisse gelten bei den Mongolen übrigens als glückverheißend, weil die Farbe Weiß Sinnbild für Reinheit und göttliche Vollkommenheit ist.
Natürlich darf ich den chinesischen Reisschnaps Mou-tai nicht unerwähnt lassen, von dem ich während einer uigurischen Hochzeitsfeier sehr viel mehr trank, als ich vertragen konnte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich in den neunziger Jahren durch Chinas Turfan-Senke wanderte, eine 78 000 Quadratkilometer große Wüstenebene, die mit 154 Metern unter dem Meeresspiegel als eine der tiefstgelegenen Regionen der Welt gilt. Diese Gegend wird von den Chinesen Houzhou genannt – »Land des Feuers«. Denn in dieser Senke klettert die Temperatur im Sommer auf fast 50 Grad, während sie im Winter bis zu minus 15 Grad absinkt. Zudem schwillt hier an fast 70 Tagen im Jahr der heiße Wind zu Sandstürmen an, die mit mehr als acht Stärken durch die Trockensenke toben. Mittendrin liegt die Oase Turfan, einer der heißesten Orte Chinas und dennoch ein Ort der Fruchtbarkeit: Ein 2000 Jahre altes Bewässerungssystem, das aus unterirdischen Kanälen und Hunderten von Brunnen besteht, zaubert sattes Grün in die Wüste. Hier sah ich nicht nur kleine Wäldchen, sondern auch Baumwoll-, Mais- und Melonenfelder sowie die berühmten zuckersüßen, kernlosen Weintrauben, deren Reben einige Straßenzüge umrankten.
Gastfreundschaft ist hier noch heilig. Völlig überraschend wurde ich von einem uigurischen Brautpaar zur Hochzeit eingeladen. Mehr als 100 Gäste saßen unter freiem Himmel an langen Holztischen im Schatten riesiger Sonnensegel. Ein fröhliches Essgelage, zu dem es gebratene Hühnchen, höllisch scharfes Fleisch, gesalzenen Reis, allerlei Gemüse und Fladenbrot gab. Danach wurde mein Glas immer wieder mit Reisschnaps gefühlt, sodass ich irgendwann, angefeuert durch das rhythmische Klatschen der Uiguren, in dicken Socken wie ein Derwisch über einen großen bunten Teppich tanzte, bis ich über die eigenen Füße stolperte und schallendes Gelächter erntete.
Eine ganz andere Esskultur erlebte ich in der afrikanischen Sahara bei den Tuareg. Dort steht vor allem Getreide wie Hirse, Gerste und Weizen im Mittelpunkt der Ernährung. Hinzu kommen Datteln, die für die gesamte Vitaminzufuhr sorgen, und natürlich Milchprodukte, die die Tuareg weitgehend selbst herstellen. Fleisch gibt es eher selten, Ziegen oder Schafe werden nur zu besonderen Anlässen geschlachtet.
Die Frauen bereiten die Mahlzeiten zu, essen aber niemals mit den Männern zusammen. Das ist so Brauch.
Zum Essen ziehen sich die Tuareg gern in den Schatten ihrer Wohnstätten zurück, egal ob sie in transportablen Kamelhaarzelten oder in selbstgebauten Hütten aus biegsamen Ästen oder trockenem Wüstengras leben. Ihre Habseligkeiten im Inneren der Unterkünfte sind überschaubar: ein paar Kisten mit Kleidung und persönlichem Alltagskram, einige Decken, ein paar Metallschüsseln, Kochtöpfe, Becher, Löffel, Messer, Wasserschläuche sowie mehrere Plastikkanister. Reich ist bei den Tuareg nicht der, welcher viel Besitz mit sich herumschleppt. Reich ist nur, wer auch viele Tiere sein Eigen nennen kann. Daher bestimmen vor allem die Ziegen-, Schaf- und Kamelherden den Alltag und die Ernährung. In vielen Saharaländern führten jedoch soziale und kulturelle Umbrüche, Dürrekatastrophen, Kriege und Flüchtlingsprobleme zu großen Veränderungen im Leben der Tuareg, sodass viele Familien oft in menschenunwürdigen Verhältnissen leben.
Als Gast im geräumigen Tuareg-Zelt, wo zur Mittagszeit die Seitenbahnen hochgerollt werden, sodass der Wind etwas Kühlung bringt, wurde mir immer als Erstes ein Sitzplatz angeboten, dann bekam ich eine Schüssel mit Wasser und einen Tee. Doch ein Targi macht nicht einfach nur Tee. Er veranstaltet eine Zeremonie mit rußiger und bauchiger Blechkanne, kleinen Teegläschen, frischer Minze und grünen Teeblättern, die oft in einer Plastiktüte stecken. Auf einem Kohlefeuer wird die Kanne dann zum Sieden gebracht, ehe man reichlich Zucker hinzugibt, sodass der Tee so süß wie Sirup wird und man sich dem herrlich belebenden Getränk hingeben kann.
Am liebsten mag ich den Morgentee, wenn ich gerade aufgewacht bin und mich im Dämmerlicht an das leise knisternde Lagerfeuer setze. Ein Targi in dunkelblauem Gewand schenkt mir das Getränk nach altem Brauch ein – mit viel Abstand zwischen Kanne und Glas. Auf dem Tee schwimmt noch etwas Schaum, und das heiße Glas wärmt die Hand, während der blasse Mond verschwindet und eine rote Sonne aus dem Erdschatten aufsteigt. Niemand spricht. Schweigen erfüllt die Weite. So fängt der Tag wahrlich gut an.
Als Hauptgericht essen die Tuareg zerstampfte Hirse, die in einem zerbeulten Eisentopf über dem Feuer erhitzt wird. Zu dem sättigenden Brei (eralé teyni), der mit Ziegenmilch, Salz oder Käse vermischt wird, gibt es Kamelmilch oder einen Becher mit Wasser. Eine vierköpfige Familie benötigt etwa fünfzehn bis 20 Liter Wasser in einer Woche. Davon trinken und kochen sie. Die schmutzigen Teller oder Schüsseln scheuern sie erst mit Sand und benetzen sie anschließend mit einigen Wassertropfen.
Auch für die Hygiene wird nicht viel Wasser verbraucht. So waschen sich viele Tuareg, die in stadtfernen Wüstengebieten leben, nur zweimal im Monat. Kein Wunder also, dass sie oft einen herben Geruch aus Schweiß, Sauermilch, Urin und dem Rauch vom Holzfeuer verströmen. Doch nie habe ich mich daran gestört. Dieses Aroma gehört nun mal zum Wüstenleben, und jeder, der länger in der wasserarmen Einöde unterwegs ist, riecht ebenso. Aus gesundheitlichen Gründen ist die Hygiene in den großen Wüsten Afrikas nicht so dringend notwendig – denn in dem trockenen Klima verbreiten sich Krankheitserreger zum Glück nicht so rasch wie in feuchten Tropengebieten.
Auch in anderen Wüsten der Erde sind die lebensbestimmenden Essgewohnheiten der Nomaden von klimatischen Bedingungen, überlieferten Traditionen und landschaftlichen Gegebenheiten geprägt. Viele Menschen, die ich in den großen und kleinen Einöden traf, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nie werde ich ihre Hilfe, ihre Unterstützung und ihre großzügige Gastfreundschaft vergessen.
Gleichwohl ist es mir in der Rückschau unmöglich, alle Völker und Stämme zu benennen, denen ich in den Wüsten begegnete. Ebenso wenig kann ich an dieser Stelle all die spezifischen Essgewohnheiten aufzählen, denn nicht alles war mir gleich wichtig. Es ist nun mal so, dass mir an manchen Erlebnissen und Erfahrungen mehr liegt als an anderen, und manche Menschen, mit denen ich ein Stück Weg geteilt habe oder die mich in ihren Hütten beherbergten, sind mir mehr ans Herz gewachsen als andere. Aus diesem Grund darf ich weder die Aborigines in den wüsten Weiten Australiens unerwähnt lassen noch die Turkana, die im Norden Kenias, an der Grenze zu Äthiopien, eine der unwirtlichsten Regionen der Welt bewohnen. Ihr Siedlungsraum ist die Kaisut- und die Chalbi-Wüste, die zu den härtesten von Menschen bewohnten Gebieten der Erde zählen. In diesen entlegenen und unfruchtbaren Regionen wächst kaum etwas. Ein Land so heiß und unbarmherzig, wie ich es nur selten erlebt habe, voller Fliegen, Moskitos, Skorpione und Vipern – und dennoch anziehend und faszinierend.
Viele Monate lebte ich bei diesem afrikanischen Naturvolk, wo die Menschen den Willen Gottes am Himmel ablesen. Hier gibt es noch Regenmacher und Aberglauben, und die Männer sind mit Schlagstöcken, Speeren sowie Pfeil und Bogen bewaffnet, neuerdings auch mit Gewehren oder Kalaschnikows. Die Frauen tragen dicke Kettenwülste, Unterlippenpflöcke und Ohrringe aus Knochen oder Elfenbein – und gemäß einem traditionellen Schönheitsideal werden ihnen die unteren Schneidezähne ausgeschlagen.
Anfangs sahen die Turkana in mir nur eine Art Goldesel, der sie mit nötigem Geld versorgen würde. Doch als sie begriffen, dass auch meine Mittel begrenzt waren, beschimpften und bedrohten sie mich, bis ihr Interesse an meiner Person nachließ. So konnte ich viele Monate lang bei ihnen bleiben und das Gefüge eines afrikanischen Wüstenstammes kennenlernen, das vor 30 Jahren fast noch in vorkolonialer Zeit lebte.
Als Nomaden, die seit jeher Schafe, Ziegen und Kamele züchten, besitzen sie nur so viel, wie sie selbst oder ihre Lastentiere tragen können. Überdies wohnen die Turkana in transportablen Hütten, die aus langen Zweigen geflochten werden und mit vertrockneten Gräsern und Palmenblättern abgedeckt sind. Aus der Ferne wirken diese Hütten, die nur durch ein Kriechloch zu betreten sind, wie umgedrehte Vogelnester.
Die Hauptnahrungsmittel der Turkana sind Milch, Blut und Fleisch. Doch die Dürre hat dieses Volk in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder dazu gezwungen, die Wüste zu verlassen, um sich an den Ufern des 300 Kilometer langen und im Durchschnitt 50 Kilometer breiten Turkanasees anzusiedeln, wo Fische, Krokodile und Schlangen zur alternativen Nahrungs- und Einnahmequelle wurden. So kam es, dass sie mit umherziehenden Händlern tauschten: Tierhäute und Trockenfisch gegen Zucker, Tee und Getreide, während sie die wenigen Regenzeiten dazu nutzten, um Kürbisse und Hirse anzubauen. Als eines der wichtigsten Gerichte der Turkana gilt Ugali: Maismehl wird in aufgekochtem Wasser zu einer dicken Pampe angerührt. Keine besonders schmackhafte Speise, aber reich an Kohlenhydraten. Ebenso deftig sind die Teigfladen aus Wasser, Weizenmehl und etwas Salz, die über dem Feuer gebacken werden. Mit ein paar Gewürzen oder etwas Zucker schmecken sie sogar ganz lecker.
Etwas ganz Besonderes erlebte ich bei den Turkana, als in ihrem Kral ein Breitschwanzschaf geschlachtet wurde. Mit einem Schnitt durch die Kehle musste das Tier ausbluten, ehe man das Schaf zerlegte und die älteren Männer anhand der Eingeweide die unterschiedlichsten Prophezeiungen anstellten. Erst dann wurden die Fleischstücke gekocht oder geröstet, wobei Fettstreifen und Teile des Dickdarms als absolute Delikatesse galten, allerdings nicht für mich.
Das Bush Food (Buschessen) der australischen Aborigines hat dagegen Einzug in Restaurants und Hotels des fünften Kontinents gehalten. Selbst Supermarktketten bieten unter dem Begriff bush tucker Nahrungsmittel der Ureinwohner an und verkaufen traditionelle Gewürze und Öle, seit man sich in Australien für das Wissen der ältesten noch lebenden Menschenrasse interessiert. Ein uraltes Wissen, zu dem auch die australische Pflanzenwelt des Outbacks sowie die Zubereitungsarten der traditionellen Küche der Aborigines zählen, die vor 40 000 bis 50 000 Jahren aus dem südostasiatischen Raum über eine damals noch bestehende Landbrücke auf den fünften Kontinent kamen.
In den Halbwüsten und Savannen, die die Aboriginies seit eh und je durchstreifen, ist man nicht unterwegs, um irgendwo anzukommen, sondern kehrt in die Zeitlosigkeit zurück und wird zum Einsamkeitsenthusiasten, den die Natur neu »erdet«. Unter einem gnadenlos blauen Himmel, der viel tiefer zu hängen scheint als der in Europa, wandert man durch ein Wüstenreich, das mit einem Überfluss an Weite gesegnet ist. Wie im Breitwandkino erscheint einem die Landschaft, in der struppiges Spinifexgras immer wieder die rotbraune Erde überzieht. Und wenn sich roter Staub auf Haut und Kleidung legt, die Fliegen und Mücken ebenso piesacken wie die Dornen, die Luft unter einer sengenden Sonne flirrt und die Zunge wie trockener Lehm schmeckt, kann man dennoch ein Gefühl für die 1000 Wunder dieser scheinbar leblosen Wildnis bekommen, in der die Aborigines Felsen und Höhlen, Hügel und Flüsse als geheiligte Stätten verehren, wo die Geister ihrer Ahnen wohnen. Seit der Traumzeit ihrer Schöpfung fühlen sich die Ureinwohner im Roten Herzen Australiens eins mit der Natur, aus der sie gekommen sind und in die sie immer wieder zurückkehren, weil sie an die Wiedergeburt glauben und ihr Leben mit allen lebenden Dingen der Natur tief verhaftet sehen. Daher erscheinen einem auch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, die viele Aborigines auch heute noch besitzen, nicht mehr so unglaublich: Es heißt, sie können Wirbelstürme voraussagen, auf große Entfernungen Wasser riechen, auf nacktem Fels wochenalte Spuren lesen und die Schwingungen von kilometerfernen Ereignissen wahrnehmen.
Über Jahrtausende haben die Aborigines in den ödesten und unfruchtbarsten Wüsten überlebt, wo es von der Kängururatte bis zur Honigameise und von der giftigen Mulgaschlange bis zum Passum mehr als 250 verschiedene Arten von Lebewesen gibt. Nie haben die Aborigines ein Haus gebaut, ihnen genügte ein Baum, ein Busch oder ein paar verflochtene Zweige als Windschutz. Und dennoch hatten sie schon eine jahrtausendealte Kultur, bevor die Pharaonen ihre Pyramiden bauen ließen.
Gleichwohl verübten die weißen Siedler in den letzten 200 Jahren grausame Untaten an den Aborigines, die mit ihren steinzeitlichen Waffen keine Chance zur Gegenwehr hatten. Sie wurden gejagt, vergiftet, verbrannt und erschossen, weil sie den Weißen im Wege waren. Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein wurden sie als halb Mensch, halb Tier verachtet und ebenso behandelt.
Heute prägen Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und andere soziale Probleme das Leben vieler australischer Ureinwohner. Dennoch gibt es mittlerweile große Gruppen von Aborigines, die sich wieder für die alte Kultur begeistern und das Buschleben neu aktivieren. Zu diesem Leben und Überleben im Outback, im »Weit-draußen«, gehört natürlich auch die traditionelle Ernährung. Wobei die sorgsame Nutzung von Flora und Fauna deutlich macht, wie eng die Aborigines mit dem Land verbunden sind, das eigentlich ihres ist.
Als Jäger und Sammler verfügen sie seit Generationen über ein spezifisches Wissen, das ihnen in der wüsten Weite des australischen Outback eine nahrhafte und vielfältige Ernährung ermöglicht. Zum einen jagen sie Kängurus, Wallabys, Ameisenigel, Schlangen, Salamander, Fledermäuse, Frösche und kleinere Amphibien – und zum anderen sammeln sie verschiedene Pflanzen, die ein wichtiger Bestandteil ihrer Ernährung sind. Da gibt es die wilde Buschpflaume, die einen hohen Anteil an Vitamin C hat, die gelblichgrünen Blüten der Grevillea, die Honig enthalten, die Pflanze Warigal Greens, die dem Spinat sehr ähnlich ist, sowie die Buschtomate (Solanum centrale), die Buschbohne (Rhyncharrhena), die Buschbanane (Marsdenia australis), die Australische Karotte (Daucus glochidiatus), die »Wilde Birne« (Pouteria sericea) – und nicht zuletzt den Känguru-Apfel und die Feige. Überdies wird aus den Samen der Wattleseed-Akazie das sogenannte »Busch-Brot« gebacken, Insekten und Maden liefern das nötige Protein. Als Leckerbissen gilt die Witchetty-Made, die leicht in Asche gegart oder roh gegessen wird. Buschteeblätter lindern hingegen nicht nur den Durst, sondern helfen auch bei Atemwegsproblemen, wie auch der Eukalyptus, der seit jeher für medizinische Zwecke genutzt wird.
Zudem wissen die Aborigines seit frühester Zeit um die Wasserstellen in ihrem rotbraunen Wüstenreich. Denn ohne das kostbare Nass ist ein Leben im australischen Outback ebenso wenig möglich wie in jeder anderen Wüste der Welt. Vielleicht unterscheidet deshalb auch nur ein kleiner Laut zwei arabische Wörter, die für alle Nomaden der Einöden von gleicher existenzieller Bedeutung sind: Aman, iman! – »Wasser (ist) Leben«.