Na ja, radeln war es offenkundig nicht. Die Berge hoch, häufig über endlose Serpentinen, die Sonne heiß, der Magen leer und die Kehle trocken.
In Palermo angekommen, legte ich eine zweiwöchige Pause ein. Aus dem Stand erkletterte ich erst (in Sportschuhen) die berühmte Nordwand des Monte Pellegrino, den auch Goethe schon bestiegen hatte. (Leider erklomm ich nie wieder eine Wand, mangels Gelegenheit.) Dann verdiente ich mir als Handwerker in einem Kaufhaus ein paar der riesengroßen Lirescheine und war nun finanziell bereit für Afrika.
Tunesien hatte vor kurzem (1956) seine Unabhängigkeit von Frankreich erlangt und war für mich schön, fremd und freundlich. Zur Schüssel Hirse stellte man mir einen Tonkrug Wasser, den ich auch brauchte, wegen der Schärfe des Essens. Obstsaft bekam ich aus frischgepressten Früchten. Köstlich. In Sfax, in einem dieser exotischen Kellergeschäfte, stöberte ich eine Straßenkarte auf, die mir ins Auge stach. Eine Michelinkarte von Nordafrika mit allem, was eine Straßenkarte so dokumentieren sollte. Eingezeichnet waren Routen und Wege durch die Sahara mit Oasen und Brunnen. Toll. Ich war ganz hingerissen. Die Sahara, die sollte es sein. Ich fuhr weiter entlang der Küstenstraße bis Gabès, wo ich mich endgültig für die Libysche Wüste entschied und rasch entschlossen Ghat, poste restante als Postkasten für die Briefe meiner Familie wählte. Ziemlich blauäugig, genau genommen Wahnsinn. Ghat lag fast tausend Kilometer von der Küste in die pure Sahara hinein. Dies als Beispiel, wie ungemein eine Landkarte motivieren kann.
In der Nähe von Gabès schaute ich mir schon mal eine Oase an, wo ich auch meine ersten Bananenstauden bewunderte. Kopfüber wuchsen sie mannshoch an kräftigen Stängeln. Zu ernten gab es nichts, sie waren noch ganz grün und somit unreif. Ich hätte ein Foto gemacht (konnte ich leider nicht, denn ich hatte keine Kamera, und das war ein großer Fehler). Von der Küstenstadt Gabès fuhr ich nach Süden, über eine vage Sandpiste (von Weg will ich nicht reden), und landete zwei Tage später in Nalut, Libyen. Auf einem wunderschönen Teppich unter einer Art Vorzelt vor einem weißen Haus wurde mir sogleich Tee serviert. Süßer Tee in winzigen Gläsern, die Schnapsgläsern ähnelten. Das war richtig romantisch, so wie man es sich in der Wüste vorstellt. Umgeben von Sand, einem Kamel und wild aussehenden Menschen. Ungezügelt jagten Worte über mich hinweg. Kinder drehten an meinem Rad. Man brachte mir einen ganzen Krug voll Wasser, den ich gleich an den Mund setzte. Das Wasser im Tonkrug war angenehm kühl – somit schnell ausgetrunken. Bald kippte ich in Liegestellung, der erste sandige Abschnitt hatte mich total ausgelaugt.
Nalut hatte auch einen Polizisten. Der wollte meinen Pass sehen. Vor allem suchte er darin einen Stempel von der Grenze. Aber ich hatte keinen und zeigte ihm, wie ich gekommen war. Mit dem Arm wies ich viele Male in die Richtung einer Bergkette. Verständigen konnten wir uns ohnehin nicht. Ich befand mich doch erst wenige Stunden in Arabien, und in Tunesien war ich mit Italienisch zurechtgekommen. »Quanti anni hai?« – »Wie alt bist du?« Das war die Standardfrage. »Diciotto.« Und weiter ging es mit: Woher kommst du? Was machst du? Wohin? Familie? Beruf? Und so weiter.
Am Ende der Reisepass-Diskussion, in die sich scheinbar alle Männer des Dorfes einmischten, war klar: Ich hatte die Grenzstation trotz Karte verfehlt. Puh! Dennoch bekam ich zu essen, zu trinken und ein Lager für die Nacht. Meinen Schlafsack legte ich auf einem dicken Teppich aus, der auf einem Hausdach ausgebreitet lag. Die Dächer hatten keine Schräge. Ob es wirklich nie regnete? Beim Blick in den Himmel kamen mir die seltsamsten Gedanken. Was hätte meine Mutter gesagt, wenn sie mich hier gesehen hätte? Vermutlich: »Bei uns haben wir Betten und fließend Wasser, die Äpfel reifen, und die Kuh gibt gute Milch.« Und meine Freunde erst! Ich befand mich unter Arabern, mich umgab die pure Wüste, und sie waren vielleicht gerade im Schwimmbad. Das war das Außergewöhnlichste in meinem Dorf in der Prignitz, was man sich vorstellen konnte. Mit dem Gedanken »Die Araber sind aber nett, eigentlich genau wie die in Tunesien …« schlummerte ich weg.
Hinein in die Wüste, weil Allah sie erschaffen hat.
Von Nalut wollte ich nach Ghadames. Ich erinnere: alles per Fahrrad. Zwar weniger schwer beladen als zu Anfang der Reise, aber immer noch nicht ganz leicht. Zelt, Luftmatratze und Sakko hatte ich schon in Tunesien gegen eine Schlafstatt, Früchte und so weiter eingetauscht. Die Dinge erschienen mir zwischenzeitlich nutzlos, da für Unterkunft meine »Gastgeber« sorgten.
In Nalut, einem Ort in reiner Sand- und Steinwüste, stand man förmlich Kopf, als ich verkündete, mein nächstes Ziel sei Ghadames. In meiner jugendlichen Unbekümmertheit glaubte ich, ich könnte mich mit zwei Flaschen Wasser mutterseelenallein zu dem menschenfeindlichsten Fleck Erde aufmachen. Doch man ließ mich anderntags tatsächlich weiterfahren. Vermutlich froh, diesen ungebetenen, »illegal« eingereisten Jungen los zu sein. Indes: Man ließ mich nicht aufs Rad, ohne mir noch mehr Wasser im Beutel, Datteln und anderes klebriges Essen mitzugeben. Mit zusätzlich einer Handvoll Fladenbrot, ein paar Stangen Keks und einigen Früchten im Gepäck, wurde ich von Kindern angeschoben. Salam alaikum.
Nach Ghadames konnte man damals nur per Jeep oder Kamel kommen. Ich hatte vollauf zu tun, eine der beiden von Autoreifen eingefahrenen Sandspuren zu halten. Und entscheidender: die Autospuren nicht ganz und gar zu verlieren. Die Distanz betrug rund 200 Kilometer gen Süden, dann rechts ab 150 Kilometer und zurück zur Küste (über 500 Kilometer). Meine Wüste. Dazwischen, im Abstand von 20 bis 40 Kilometern, immer wieder Ansiedlungen, Zelte und Nomaden. Leider keine Oasen, wie man sie von Fotos kannte, sondern Gebüsch, Brunnen, weiß getünchte und lehmfarbene, sehr kleine Hütten. Das Leben fand davor unter Zeltdächern statt, oder waren es Grasdächer? Savannengras? Ich weiß es nicht mehr so genau. Wegweiser? Fehlanzeige. Trinkwasser gab’s nur aus Lederbeuteln und aus meinen Flaschen. Einen Schlafplatz zu finden war die leichteste Aufgabe. Eine Familie mit einem Lehmhaus oder Zelt, wo ich mich ausbreiten konnte, fand sich immer.
Jetzt muss man nicht denken, dass dort nur herrlich weißer oder gelber Sand ist. Verstärkt fand ich auch festen dunklen Sand mit Steinchen und Steinen dazwischen und Savanne. Den losen Sand hatte der Wind zu kleinen Dünen aufgeweht, die ich umfahren musste. Und es war auch nicht so, dass ich mich nach sorgfältiger Wegbeschreibung der Einheimischen aufs Rad setzte und 30 Kilometer in einem Stück durchfuhr. Schon nach wenigen Kilometern landete ich meist an einer Gabelung und musste mir meine Route zusammendenken, mit Hilfe der Sonne und meiner Saharakarte von Michelin. Ohne die hätte ich Ghadames nie gefunden. Darin waren neben Sandpisten auch winzige Ansiedlungen mit Brunnen und Palmen verzeichnet, die aber selten noch bewohnt waren.
Das Fahren war streckenweise nur ein Schieben. Wurde der Sand zu fein, war es nämlich unmöglich, die Balance zu halten. Meine Laufräder rutschten seitlich weg, und die weltbeste Campagnolo-Kettenschaltung knirschte, trotz allem Schmieren und Ölen. Dabei hatte ich mein Gepäck erneut enorm reduziert. Höchstens noch 15 Kilo. Inklusive Fladenbrot, Datteln, Kekse und Wasser in meinen Aluminium-Trinkflaschen. Die waren noch ein Relikt meiner DDR-Rennfahrerzeit – dort die »schnellen Pullen« genannt. Kam ich gegen Mittag in einer Siedlung an, bot man mir sofort einen Schattenplatz und reichte mir einen Krug Wasser. Nie werde ich diese Augenblicke vergessen, wenn das kühle Nass aus dem Tonkrug durch meine Kehle rann. Wurde mir ein Essen gereicht, Lammfleisch und Hirse zum Beispiel, hatte ich ein ähnlich wohliges Gefühl.
Hygiene fand in der Wüste statt – mit Sand. Dennoch fühlte ich mich bald dreckig. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Toilette aufgesucht zu haben. Offenbar transpirierte ich alles Flüssige. Kann mich auch nicht erinnern, Wasser verweigert zu haben. Was Wunder: Es war heiß, brüllend heiß. Tagsüber konnte ich die Hitze nicht abschütteln. Manchmal trat die sandige Wüste ganz nahe heran, und ihr Gelb und Grau wandelte sich in der Weite zu einem dunstigen Violett, das schließlich im blassen Blau des Himmels aufging. Der Horizont flimmerte und verschwamm. Wegen dieser Umstände radelte ich auch nur vom frühen Morgen bis zur Mittagszeit. Zudem hatte ich mit Sportschuhen, Socken, Shorts und Hemden nicht die richtige Kleidung. Vieles war verdammt anstrengend – der Pedaltritt, die Balance in der Spur halten, der Blick in die leere Landschaft. Kein Baum, kein Berg stoppte die Sicht überm Lenker.
Und ich war immer hungrig. Der Hunger schien mein Verbündeter geworden zu sein. Er hielt sich zwar diskret im Hintergrund, war aber immer fühlbar, ohne aufdringlich zu werden. Da alle aus einer Schüssel aßen, sagte ich mir nach einigen Einladungen: Du musst zugreifen, sonst ist die Schüssel leer. Nicht rumgucken, nicht erzählen. Besteck gab es nicht. Alles ging mit der Hand. Ein Stück Fladenbrot abreißen, zwischen die Finger legen und damit in den Topf oder die Tonschüssel, mit Fleischstücken und Hirse auffüllen und in den Mund. Die Männer in der Runde schienen überhaupt nicht zu kauen. Sie schlangen alles schnell hinunter. Der Kehlkopf arbeitete angestrengter als die Kinnbacken. Kaum dass mir dieser Vorgang zu Bewusstsein kam, hatte sich die Schüssel geleert. Die Brotfladen schmeckten gut, auch von der Hirse hätte ich zu gern etwas mehr gegessen, leider war sie rasch verschwunden. Gierig schaute ich dorthin, von wo das Essen gebracht wurde. Als Nachtisch wurden getrocknete Datteln gereicht. Lecker, süß und klebrig. Dazu schwarzer Tee mit reichlich Zucker. Sheih war dann auch eines der ersten arabischen Worte, das sich mir einprägte. So wie Salam. Meist radebrechte ich weiter mit Italienisch, das in der ehemaligen italienischen Kolonie Libyen auch ganz gut verstanden wurde.
In regelmäßigen Abständen kamen die Erinnerungen. An Besteck und an den Nachtisch daheim bei Mutter: Pudding, Kuchen, Obstkompott. Dort hatten wir nie richtig Hunger, im Grunde mehr als genug zu essen. Fleisch entsorgte ich manchmal heimlich vom Teller, weil ich das nicht gerne aß. Doch wie gerne hätte ich nun in der Wüste einen Nachtisch gehabt. Aber ich saß mit wildfremden Männern (Frauen verschwanden im Zelt) auf einem Teppich, umgeben von bloßem Sand, die Beine eingefahren, mit einem Gläschen Tee in der Hand.
Zum Abend hin besorgte mir ein Beduine eine Bleibe für die Nacht. Eine Pritsche oder einfach einen Schlafplatz auf festem Lehmboden in einem leeren Raum. Mein Rad nahm ich immer mit. In den Radtaschen war meine Schlafwäsche. Nein, ich reiste nicht mit Schlafanzug, schlief fast nackt, bis ich mal in der Nacht von einem nackten Mann Besuch bekam. Da wurde mir erstmals bewusst, dass die Redewendung »einer vom anderen Ufer« im wirklichen Leben tatsächlich zutrifft. Ich hatte zu Hause nie glauben wollen, dass Männer andere Männer mögen. Schnell raffte ich meine Utensilien zusammen und legte meinen Schlafsack draußen in einer Mulde auf blanken Wüstensand. Nach dieser Erfahrung wurde ich bei Übernachtungsangeboten vorsichtiger. Spätestens wenn ein Mann seine Hand auf mein Knie legte, wurde ich wachsam. Und abweisend, egal wie großzügig seine Essenseinladung war. Um eine Erkenntnis reicher, hatte ich anderntags auf dem Rad keine Langeweile.
Zum Ende der Wüstenstrecke gab es eine Zeit der Ausbeutung. Ich schindete meinen Körper bis zum Verrecken. An einigen (wenigen) Tagen war ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs. Treten, schieben, trinken, essen, liegen. Liegen im Schatten von großen Steinen. Liegen im Schutz der Steine vor dem Wüstenwind.
Wie gesagt, meine Wüste war so sandig nicht: Große Felsbrocken markierten meinen Weg, Sand und Steinchen meine Spur. Gluthitze und Staub waren meine Begleiter. Dennoch: Ghadames blieb mein Ziel. Eine Stadt in der Wüste, eher ein Tuareg-Städtchen im Dreiländereck Libyen–Algerien–Tunesien.
Warum eigentlich Ghadames? Heute weiß ich es nicht mehr genau. Der einzige Weg auf der Landkarte, der nach Süden führte, ging über Ghadames. Und ich wollte nach Süden. Die Wüste sehen. Die Wüste erleben. Mir schien, das englische Wort für Wüste traf es besser: desert – verlassen. Vom Leben verlassene Erde. Noch war sie steinig. Und natürlich schien die Sonne – wann tat sie das nicht in diesem Land Libyen. Der Himmel war gewiss blau mit Federwolken. Aber mein Gedächtnis hat das nicht aufgezeichnet. Ich erinnere mich nur an grobe Steine, Schotterfelder und Spuren im Sand. Und an die Einsamkeit, Stille und Weite. Wenn man Menschen traf, trugen sie ein weißes Tuch auf dem Kopf, das nur die Augen frei ließ. Das weiße Tuch, auf Arabisch Litham, schützte auch mich vor der Sonne und vor dem vom Wind aufgewehten Wüstensand. Und bei Stürzen vom Rad.
Mein Blick war fahrig. Ich fürchtete, mich zu verirren. Hinzu kam die körperliche und geistige Anstrengung, die meine Wüstenfahrt mit dem Rad belastete. Überm Lenker gebeugt, mit Sand zwischen den Zähnen, versuchte ich, nicht die Orientierung zu verlieren. Zugleich schwemmten subtile Ängste an die Oberfläche. Ich sah Dinge, die gar nicht da sein konnten. Ein Auto beispielsweise.
Manchmal bewegte ich mich zwischen Realität und Unwirklichkeit. Rings um mich herum war plötzlich ein See mit großen Eisschollen. Ganz fern sichtete ich einen dunklen Strich, das Ufer, und einen kleinen Punkt, das war ein Steinhügel. Dann wieder trieb ich auf einer Eisscholle. Voraus kam etwas auf mich zu, das wuchs geradewegs in mich hinein. Palmen kündigten eine Oase an, und rechts von mir stand ein weiß gekleideter Mann mit einer Umhängetasche voll Wasserflaschen. Weiter ging meine Tour. Sand zog vorbei. Gelber. Dunkler. Steiniger. Eben Wüste. Ich freute mich auf ein Bett, aber ich sah nur graue, zerrissene Sandebenen. Wie erfreute mich ein Vogel, aber es waren nur die Hühner der letzen Siedlung. Sie hatten keinen Misthaufen. Was Wunder, der Kot der Tiere wurde gleich zu den bedürftigen Dattelpalmen gebracht.
Zurück zur Wirklichkeit. Niemand war da. Nichts. Keine Personen, kein Kilometerstein, kein Ortsschild, kein Telegraphenmast. Um mich herum nur baumlose, hügelige Wüste. Weite und Stille. Ungehindert spannte sich Trostlosigkeit von Horizont zu Horizont.
Sinawan. Ein Ort von unbeschreiblicher Melancholie. Weiße Mauern bröckelten. Verworrenes Gestrüpp. Reihenweise Baumstümpfe. Über den Lenker gelehnt, mochte ich gar nicht absteigen und dachte: Worauf habe ich mich bloß eingelassen? Die Zelte waren nach Norden hin mit Schutzwänden aus Reisig und Lehm versehen, gegen den Treibsand des vorherrschenden Windes. Ein Esel, eine Ziege, viele Kamele liefen frei umher. Zäune kann man sich in der Wüste sparen. Hier läuft niemand weg.
Eine Übernachtung später war die Sonne wieder über mir, dieses strahlende, blendende, gleißende Gestirn. Und nach meiner Wüstenkarte lag 30 Kilometer vor mir eine Oase. Die Karte, inzwischen in Einzelteile zerfleddert, war meine einzige Stütze gegen die Angst, mich zu verirren. Ich fuhr auf einer Schotter-Sandpiste in der Regel eine Stunde lang am Stück. Machte dann eine kleine Pause, häufte als Wegweiser ein paar Steine übereinander, und weiter ging es. Mehr als 30 Kilometer am Tag schaffte ich nicht mehr. Und die nicht immer exakt in die richtige Richtung.
Inmitten des leeren, flachwelligen Ozeans aus Stein und Sand endlich eine Oase! Daraj. As-salamu alaikum, die stetig wiederkehrende Grußformel. Mein Rad wurde bestaunt, als hätte man nie zuvor eines gesehen. Erwartungsvoll hockte ich mich an eine Mauer. Es gab Tee und Wasser und Neugierde. Ja, ich hatte diesen Punkt im Nichts auf Anhieb gefunden, bestätigte ich.
Daraj war eine Oase ohne See, aber mit Binsengras, Palmengebüsch, etwas distelartigem Kraut und einer Handvoll blattloser Sträucher. Keine zehn Menschen wohnten hier. Aber es gab einen Ziehbrunnen. Mindestens drei Frauen hingen an einem Seil und zogen über eine Rolle die Eimer mit Wasser hoch. Kamele und Ziegen liefen wie üblich frei herum.
Mit Hirse und Fladen in einer Schüssel für mich allein und Wasser im Krug tankte ich für den nächsten Tag auf. Schon vor Sonnenaufgang schob ich mein Rad an den Start zur letzten Etappe. Dachte ich, doch 50 Kilometer waren nicht zu schaffen. Nicht nachdem ich schon einige Hundert in den Beinen hatte. Blödsinn, einige Tausend – von Deutschland aus gerechnet. Drei Tage dauerte die letzte Etappe. Um bei der Wahrheit zu bleiben: drei halbe Tage. Einen ganzen Tag lang in den Pedalen, das ging nicht mehr.
Nur einmal kam ich ernsthaft von meiner Route ab, als es bedeckt war und ich die Sonne nicht als Himmelswegweiser nutzen konnte. Eigentlich ein ideales Wetter zum Reisen – mal nicht gleißendes Licht und hohe Temperaturen. Dafür habe ich mich verirrt. Zur physischen Plackerei kam Angst. Ich glaubte nicht so recht daran, dass Allah es schon richten würde. Alle Richtungen sahen gleich aus. Vorsichtshalber schlug ich mein Nachtlager auf und verharrte bis zum nächsten Tag. Ich hatte ja vorgesorgt, nämlich hier und da kleine Steinpyramiden gesetzt, sodass ich im Notfall immer zum letzten Ausgangspunkt hätte zurückfahren (oder -schieben) können.
Ich habe noch nicht erzählt, dass ich etliche Reifenpannen hatte. Eine Panne bedeutete: Schlüssel zur Hand nehmen, Achsschrauben lösen, Laufrad aus dem Rahmen nehmen, mit Hilfe eines Schraubenziehers den Mantel abnehmen, Spucke sammeln, um damit im Schlauch das Loch zu finden, Kleber aufstreichen und Flicken aufsetzen, warten – möglichst im Schatten eines Felsens. Anschließend wieder Schlauch und Mantel aufziehen und das Laufrad in den Rahmen einsetzen. Fertig. Im doppelten Sinne. Eine Reparatur am Vorderrad dauerte eine Stunde, ein Hinterradreifen zwei. Es ging nicht so schnell wie zu Hause. Aber da hatte ich auch Schlauchreifen, einmal kurz mit den Augen gezwinkert, und der Reifen saß auf der Felge. Ich war trotz allem zufrieden, mich in Italien mit ausreichend Flickzeug, Schläuchen und neuen guten Mänteln eingedeckt zu haben. Speichenreißen? Gleich null. Warum nicht? Leichtes Gepäck und Unterlegscheiben aus Kupfer (am Kopf der Speichen), die die Spannung abfederten.
Schließlich erreichte ich Ghadames, 500 Kilometer von der Küste entfernt. Eine kleine verwinkelte alte Stadt, im Hintergrund von Sand und Bergen umgeben. Hütten, Lehmbauten, Straßen und Wege gingen lehmfarben ineinander über. Die Straßen waren eher Gassen, halbwegs überbaut und im Schutz von Felsvorsprüngen. Weiß getünchte Häuser und Bauten waren durch Torbögen miteinander verbunden. Sie und ein grüner Gürtel um die Oasenstadt boten den ersehnten Schatten. Ich landete, wie bei den Arabern üblich, in einer Teestube. Es war laut: Radiomusik, das Klick-Klack von Dominosteinen, Gespräche. Wieder wurde mein Rad bewundert und ich neugierig befragt. Auch hier in tiefster Wüste herrschte große Freude über mein Italienisch. Eine Frage stellte man hier sehr deutlich: »Dove?« (Wohin?) – »Ghat!« – »Ghat?« Die Männer fassten sich an den Turban und servierten erst mal Tee.
Es wurde Abend. Ich landete in einem Haus am Rande der Stadt, wo die sandige Wüste heran- und herabtreibt, sich zu Wällen aufschüttet, zerrieselt und zerrinnt. Hier und da schmiegte sich Gesträuch an die Mauern. Die Hautfarbe der Familie schien mir dunkler als im Norden Libyens. Fast negride. Schöne Teppiche lagen auf dem blanken Lehmboden. In einem fensterlosen Raum wurde mir eine Schlafstatt aus Lehmziegeln, kniehoch aufgemauert, zugewiesen. Erstmals seit Tunesien breitete ich meinen Schlafsack wieder auf einer Art Bett aus. Keine Frage: Ich schlief überall gut. In jeder Stellung, weil mein Körper nach Ruhe lechzte. Aber das war nicht das Eigentliche: Ich registrierte im Schlaf immer sofort, was um mich herum geschah. Wenn ein Hund sich anschlich, ein Kamel sich erhob, die Ziegen meckerten. Vor Schlangen brauchte man keine Angst zu haben, hieß es. Die kämen nicht ins Haus.
Arabische Gastfreundlichkeit ist berühmt. Schon in Tunesien brauchte ich mich um Essen nicht zu kümmern. Stoppte ich in einem Dorf, war ich im Nu von Menschen umgeben und wurde wenig später mit Tee und Essen versorgt. Und in der tiefen Libyschen Wüste war es nicht anders. Stets wurde mir ein Obdach angeboten. Es wurde geteilt, was zu teilen da war. Ich war dort, wo »primitive« Gastlichkeit in Nomadenzelten überdauert hat, willkommen.
Das war eine mir völlig unbekannte Situation. Doch in Wirklichkeit war alles, was ich erlebte, mir völlig unbekannt. Durch die Wüste reisen hieß, sich den Menschen zu stellen. Und dem Staub. Ich bat um Wasser, ich bat um einen Platz für die Nacht. Doch das Lebenswichtigste war: Die Wüstenbewohner haben mir immer den richtigen Weg gewiesen.
Weiter? Weiter nach Süden ging es nicht. Auch nicht nach Ghat, meinem ursprünglichen Ziel. Ich glaubte nicht an ein Durchkommen. Nicht mit meinem Rad. Nicht mit meiner verbliebenen Kraft und Lust. Das war mir bei der Ankunft in Ghadames klar. Ab hier sollte die Wüste gen Süden noch sandiger, öd und leer werden. Unmöglich per Rad. Keine Piste, keine Spuren, keine Zeichen. Die Michelinkarte entpuppte sich mehr und mehr als veraltet. Als ich die Einzelteile in Ghadames vorzeigte, schien es mir, dass die meisten Berber, Tuareg oder einfach Araber nie zuvor eine Karte dieser Art gesehen hatten. Als Reaktion hörte ich, dass ich niemals in Ghat ankommen werde. Die Brunnen würde ich entweder nicht finden, oder sie seien zugeweht, ausgetrocknet, schlichtweg nicht mehr vorhanden. Ich würde mich hundertprozentig verfahren. Das war es letztendlich, was mich vom Weiterfahren abhielt: die Angst vorm Verirren.
Zurück zur Küste, empfahl man mir. Und die Polizei in Ghadames schärfte mir ein, meine Papiere in Tripolis, der Hauptstadt Libyens, unbedingt in Ordnung bringen zu lassen. Die liegt weit entfernt an der Mittelmeerküste. Mir wurde wieder klar, dass ich ohne gültigen Einreisestempel wochenlang in Libyen war. Das hätte einem an der innerdeutschen Grenze nicht passieren können.
Die Konsequenz war: schnell raus aus der Wüste. Die Misere, in die ich mich hineinmanövriert hatte, musste ein Ende haben. Beim Gang durch die Stadt erfuhr ich, dass englische Ölsucher mit einem Lastwagen auf dem Weg zur Küste waren. Das wäre doch eine gute Mitfahrgelegenheit für mich. Unter einer Zeltplane an der windabgewandten Seite einer bröckligen Lehmmauer trank ich zunächst schwarzen, süßen Tee. An einem kniehohen Tischchen spielten ein paar Männer Karten und tranken ebenfalls Tee. Die schattenspendende Plane flatterte im Wind.
Ich steckte wahrlich in der Bredouille. Sollte ich auf einem Lastwagen mitfahren? Das wäre der erste Lift auf meiner Reise nach Indien gewesen. Klar, mein Bedarf an Entbehrungen war gedeckt. Und anders würde ich aus der Wüste wohl nicht herauskommen. Also gab ich mir einen Ruck. Die Stadt Tripolis war mir lieber als erneut sengende Glut, endlose Sand- und Schotterstrecken und geplatzte Lippen. Was ich in zwei Wochen an Strecke gemacht hatte, erledigte sich dann hoch oben auf einem alten Lastwagen an einem Tag.
Tripolis: Der Besuch bei der Immigration war ein Kinderspiel. Keine Fragen, keine Antworten, ich war nun mal da im Königreich Libyen. Ich zahlte ein libysches Pfund fürs Visum und bekam den ersehnten Stempel in meinen grünen Reisepass.
Wieder mal davongekommen!
Von der weglosen Wüste hatte ich genug. Täglich kurvte ich nun ostwärts auf der Küstenstraße entlang – auf der linken Seite das Meer, gegenüber die Wüste mit Sand, Stein, Felsen und Grasbüschel. Es gab kaum Verkehr. Mal ein Jeep einer Ölfördergesellschaft, mal ein Lastwagen, mit Gütern turmhoch beladen. An die Städte Syrte, Bengazi, Cyrene, Tobruk kann ich mich kaum erinnern. Orte, die ich passierte, ohne dass etwas passierte – außer dass es mir zu langsam voranging.
Mein Ägypten wartete. Neben Italien und Indien war dies in meiner Dorfschulzeit das wichtigste Land für mich gewesen. Mein Schulweg führte über Feldwege an Kornfeldern und Wildblumen entlang, und dort repetierte und träumte ich mich tiefer in die Themen des Unterrichts. Nil, Pyramiden, Ramses, Alexandrien, Suezkanal …
Die Provinz Cyrenaika im Osten Libyens war heiß und bergig, sodass es dauerte mit dem Vorankommen. Sehr gut war, dass ich mir in der antiken Stadt Cyrene wieder mal die Mühe gemacht hatte, Tretlager und Schaltung zu reinigen und zu schmieren. Trotzdem lief es nicht wie geschmiert. Die Zeiten, in denen ich die Berge Italiens wie ein sportlicher Rennfahrer hochstürmte, waren endgültig vorbei. Ich arbeitete mit dem ganzen Körper, stieg schon mal ab und schob mein Gefährt. Die Straße war es nicht, die das Fahren mühsam machte. Die antike Küstenstraße von Tunis bis Kairo war asphaltiert. Mir fehlte die Kraft.
In Kairo gönnte ich mir eine Pension mit Frühstück. Ich langte in einem Maße zu, dass es für den ganzen Tag reichte. Ausgehungert und gierig auf Weißbrot und Butter, auf ein Omelette und Kakao, konnte ich mich nicht zurückhalten. Die Hungertage im Staub der Wüste waren noch immer spürbar.
Wieder gut bei Kräften, landete ich eine Tagesfahrt später im ägyptischen Städtchen Port Tawfik. Das ist die südliche Einfahrt in den Suezkanal. Dort, wo die Dampfer in Konvois zusammengestellt wurden, um durch den Kanal gelotst zu werden. Hinter mir lag praktisch – von Tunis bis zum Kanal – nur Wüste, Staubwüste, Sandwüste, Steinwüste. Manchmal eine Stadt, vor allem aber Siedlungen oder die schlichten Zelte von Nomaden. Und jetzt, an der Grenze zu Asien, tauchte plötzlich diese grüne Stadt auf. Mit gierigen Augen durchkurvte ich die grüne Fremde, um sie zu begreifen. Auf der westlichen Seite lag der Hafen, in der Bucht daneben sah ich kleine Holzboote mit Lateinersegeln. Entgegengesetzt, Richtung Suezkanal, zeigte sich eine mit Palmen und Zypressen beschattete Promenade. Der eigentliche Kanal erschien mir schmal. Was sind 100 Meter, wenn unendliche Wüste hinter einem liegt. Auf der Böschung des Kanals, im Schatten der Bäume auf grünem Gras streckte ich mich aus. Ich betrachtete die Schiffe, die im Konvoi vorbeizogen. Schiffe aller Länder. Schiffe allen Kalibers. Ich war fasziniert. Etwa sechs Stunden zogen sie in Richtung Nord, dann, nach einer Pause, zog ein neuer Konvoi vom Norden kommend vorbei nach Süden. Abends überflutete Licht den Kanal, und das Erlebnis mit unzähligen Frachtern, Tankern und undefinierbaren Schwimmfahrzeugen ging weiter.
Regungslos beobachtete ich das und träumte. Wahrscheinlich schon von Indien, wo ich nun bald sein wollte. Oder von zu Hause, wo meine Mutter Kühe melkte, mein Vater zum Messer griff, um ein Schwein abzustechen, und mit der Hand Blut rührte, damit es nicht gerann, wo mein Bruder Elektrokabel verlegte und Lampen montierte, wo meine Freunde an der Fernstraße fünf in Mecklenburg standen, um die neuesten Westautos anzuschauen, und die Mädchen im Oktober ihre Mäntel rausholten, um an irgendwelchen Ecken herumzustehen, meist nicht weit entfernt von den Jungen. War meine Freundin Anne auch dabei?
Diese Kanalpassage zu erleben war für mich das Allerschönste in Ägypten. Schöner als die Touristenattraktionen Alexandria, Pyramiden, Sphinx, Nil. All die Nationalflaggen der Schiffe und die unterschiedlichen Embleme auf den Schornsteinen. Großartig.
Yussouf kannte alle Reedereiflaggen, die Nationalflaggen, die Schiffstypen. Hatte ich ein Frage, beantwortete er sie auf Deutsch. Yussouf, ein Ägypter, der noch vor dem Krieg in Hamburg eine Ausbildung zum Reedereikaufmann gemacht hatte, hatte ein Herz für mich. Und eine Hütte, ganz für mich allein – völlig ungestört, nur wenige Schritte vom Kanal entfernt. Hamburg hat ihm offenbar gefallen. Glück gehört zum Reisen. Als Zugabe befand sich auf der Rückseite der Hütte eine Küche samt Köchin.
Vierzehn Tage hielt ich es am Golf von Suez aus. Schiffe gucken, Bohnen, Linsen, Reis, Eier essend. (Essen war wichtig, aber nicht das Wichtigste.) Mit Yussouf und seiner Familie auf der Balustrade seines Hauses bei einem Glas Wasser mit Eiswürfeln im milden Abendlicht sitzen. Nur dasitzen. Entspannt dasitzen und seinen Kindern zuschauen, wie sie spielten, stritten, sangen.
Die schwarzen Augen der Köchin auf mich gerichtet, fiel mir der Abschied von Port Tawfik schwer. Sehr schwer.
160 Kilometer weiter nördlich, entlang des Kanals, erreichte ich Port Said. Die Stadt der Schiffe. Hier buchte ich eine Schiffskarte (Deckplatz) nach Beirut.
Eine Nachtfahrt übers Meer, und ich war in Beirut. Im Libanon. Europa, Afrika und jetzt Asien. Bergig, schön, gepflegt und praktisch. Der Tag war noch nicht rum, da hatte ich mit dem Verlegen von elektrischen Leitungen in einem Haus schon eine Handvoll libanesische Pfund verdient. Ich entdeckte köstliche Orangen, kühle Limonengetränke und die besten Melonen der Welt.
Es mag den Eindruck erwecken, als hätte ich bisher nur die gute heile Welt erlebt. Es stimmt, ich habe das Reisen fast immer von einer angenehmen Seite kennengelernt. Ich habe nur wenige Menschen getroffen, die etwas gegen mich hatten oder mich bewusst ignorierten. Vorurteile hatte ich sowieso nicht. Woher auch? Bestimmt nicht aus meinem mecklenburgischen Dorf. Gefahren drohten nicht. Oder ich sah sie nicht, weil ich ein naiver Schwärmer war.
Syrien. Ich erinnere mich an amerikanische Limousinen, Damaskus, Aleppo, Basare. Passfotos machen, Visa beschaffen für Irak und Persien. Ein fließend Deutsch sprechender Polizeikommissar, der seine Ausbildung in Dortmund absolviert hatte, zeigte mir sein Damaskus.
Irak. Ich erinnere mich an Wüste pur. Der Lastwagen, der mich nebst Rad nach Bagdad beförderte, spurte nicht. Er fuhr einfach quer durch die Wüste. Annähernd 20 Sunden durchs Nichts auf einer festen Wüstensanddecke mit gebrochenen Linien. Den einzigen Schatten spendete unser Lastwagen. Als ich den ersten Tee in einer Stube hinter der Tigrisbrücke trank, fühlte ich eine seltsame Stimmung. Alles war so anders als Ägypten. Fast märchenhaft. Solche Bilder hatte ich als Kind in den Märchen von Wilhelm Hauff gesehen. Seltsames Schuhwerk, Turbane, Wasserpfeifen, Kaffeegeschirr. In den Teestuben servierten Kinder, farbig angezogen und mit wunderschönen Turbanen, wie der »kleine Muck«.
Iran. Ich erinnere mich an Betten. Die Iraner hatten richtige Bettgestelle mit weißen Laken und Zudecken. Die Iraner bauten überall Straßen und Brücken. Die Iraner zeigten mir regelrechte gekachelte Badetempel, feine Märkte und Moscheen. Mir blieb vor Staunen das Herz stehen. Nur die Distanzen zwischen den Ortschaften waren groß. Manchmal zu weit auseinander, sodass ich in verlassenen Hütten am Wege übernachtete. Ich passierte die Städte Kermanschah, Hamadan, Teheran, Ghom, Isfahan, Kerman, Bam, Zahedan. Es war November, und es wurde kühl. Gut zum Fahren, weniger schön des Nachts.
In Karachi/Pakistan logierte ich im Gästehaus des YMCA, einem flachen Steinbau mit Innenhof direkt am Ufer einer Bucht. Dort traf ich die ersten Tramper. Einen Schweizer, einen Deutschen, einen Holländer. Alles Rucksackreisende, sehr selbstbewusst.
Ganz Pakistan wirkte selbstsicher und geordnet. Die Leute stolz und ausgeglichen, klar aufgeteilte Städte, enge, aber prima Straßen zum Fahren (weil es wenig Straßenverkehr gab) und schöne Häuser. Höhepunkte waren Quetta, Lahore und einige Dörfer – mit all ihren Vor- und Nachteilen. Ich war nie allein. Im Handumdrehen umgab mich eine Menschentraube. Von Pakistan kam man nur per Eisenbahn nach Indien. Die ratternde Verbindung durch die Wüste Thar war Gott sei Dank kurz.
Indien. Mein Ziel vom ersten Tag dieser Tour an.
Ich stand auf dem Bahnhof Jodhpur. Einerseits: Ich bin da. Endlich und überhaupt, Arme hoch. Andererseits: Mit einem beklagenswerten Stück Fahrrad bin ich da. Meine schöne Diamant-Maschine war Schrott. Geflickte Schläuche, mit Bindegarn zusammengehaltene Mäntel, Draht hielt die Schutzbleche in Stellung, die Gepäcktaschen waren zum Schämen. Schlimmer noch: Mir fehlte das Bewegungsgefühl fürs Fahrrad. Es eierte. Ich fühlte mich mit dem Rad nicht mehr als Einheit. Bombay würde ich noch schaffen. »Dort gibt es Ersatzteile für dein Rad«, sagte ein Inder zu mir. Und ich glaubte ihm.
Ich war nun fast ein Jahr unterwegs, und nach Passieren der ockerfarbenen Stadtmauern von Jodhpur hatte ich 1000 Meilen bis Bombay vor mir. Falls ich nicht durch Reparaturen aufgehalten werden würde, schien mir die Entfernung nicht besonders weit. Wieder begegnete ich Kamelen. Kühe lagerten mitten auf der Straße. Amerikanische Autos und Lastwagen überholten mich. Bettler traf ich auf freier Strecke. Und zum Ende hin kam der Regen.
Monsun. Vom Indischen Ozean kommend prasselten tagelang heftige Schauer nieder. Sie peitschten die Palmen, doch die Menschen freuten sich. Ich war weniger angetan und schlüpfte unter – in einem Bahnhof, einer Schule, Teestube oder einem Tempel.
Endlich angekommen in Bombay, quartierte ich mich im Bahnhof ein. Leider hatte mir jemand mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche gestohlen. Da das ausgerechnet auf dem Hauptbahnhof (Victoria Station) passierte, wollte ich hier den geklauten Inhalt, 15 US-Dollar, »abwohnen«. Und es hat mich niemand daran gehindert, in der imposanten Kuppelkonstruktion mein Lager aufzuschlagen. Ich war ja in Indien, wo die meisten Reisenden ihr Hab und Gut (also Schlafutensilien) in Bündeln transportierten. Und wo in jeder Straße Menschen kampierten. Tagsüber irrte ich durch die Stadt. Meine Ziele: der Seemannsklub (wo es Eiswasser gab), der Strand (Chowpatty Beach, wo tote Fische ans Ufer schwappten und es nach Diesel, Öl und Abwasser roch), der Hafen (kaum Schiffe) und ein Zahnarzt (der mir einen ersten Backenzahn zog).
Kopfzerbrechen bereitete mir mein Rad. Ich fuhr praktisch auf blanken Felgen. Ohne neue Laufräder, Bereifung und Tretlager war kein Weiterfahren möglich. Dann stieß ich auf Ram, einen Radhändler, der mein Leben veränderte. Da ich nicht die Mittel für eine Reparatur hatte, tauschte ich mit ihm mein Rad gegen einen englischen Militärrucksack. Gebraucht, aber gut vernäht, mit aufgesetzten Taschen für die sogenannten Kleinigkeiten. Der Tausch erinnerte mich an Hans im Glück. Erst hatte ich das Zelt gegen Übernachtungen in Gabès eingetauscht, dann verschenkte ich Werkzeug und Luftmatratze (um Ballast abzuwerfen), das Sakko gab ich für Essbares her, Flanellhose, Socken, Wäsche landeten im Müll.
Nun reiste ich mit Gepäck, das ich unterm Arm hätte tragen können. Auch ich wurde leichter. Meine Geldbörse sowieso. Wie Hans im Glück rutschte mir in Bombay gewissermaßen alles in den Brunnen. Noch zählte ich ganze 20 US-Dollar mein eigen. Doch als ich in Deutschland startete, war es nicht wesentlich mehr gewesen: etwa 250 Mark, rund 50 Dollar.
Also ging es mit Trampen und Bahnfahren weiter. Indien rauf und runter: Kalkutta, Delhi, Agra, Jaipur, Bangalore. Der englische Rucksack förderte mein Vorankommen. Die Neugierde der Inder auf einen vermeintlich »zurückgebliebenen Engländer« war groß. Die Kolonialzeit war so lange nicht her.
Wenn ich mir als Jugendlicher vorstellte, irgendwo hinzufahren, dann wünschte ich mir immer den Süden. Eine einsame Küste, weiter Sandstrand, eine verlassene Schilfhütte am Wasser, Schwimmen im Meer und Tauchen, wo Fische mit der Hand zu greifen sind.
Gleich meine erste Fahrt brachte mich tatsächlich bis in den Süden Indiens. Beim Start hatte ich kein spezielles Bild vor Augen gehabt, wusste nur, dass dort die Menschen halb nackt und mit Turban herumliefen. Auch dachte ich an Elefanten und Tiger, mit denen ich mich »messen« wollte. Und an Maharadschas, die ganze Tempel voller Gold hatten. Keine schlechte Wahl und vor allem kein schlechtes Ziel. Diese Bilder im Kopf, setzte ich mich mit achtzehn aufs Fahrrad und stellte mir vor, dass ich über 10 000 Kilometer damit reisen werde, ohne mich um irgendwas kümmern zu müssen. Essen würde ich von den Bäumen pflücken, schlafen würde ich in meinem Zelt, Pause machen am Strand und in anderen schönen Ecken. Ich war wild und sehnte mich nach der Fremde. Ich hätte alles getan, um dorthin zu gelangen. Erst später begriff ich, dass manche Entfernungen unendlich weit sind, unter hochstehender, heißer Sonne und mit wenig Essen im Bauch, und dass ein Sandstrand meist nicht zu finden ist, wenn man ihn sich gerade wünscht.
Ich hatte verdammt viel Angst, dass mir mein Fahrrad gestohlen würde. Ohne Rad wäre ich ein Nichts gewesen. Man hätte mir die Luft zum Atmen genommen. Ohne (fast ohne) Geld hätte ich weder vor noch zurück gekonnt. Ich war also gebunden, und daher fühlte ich mich nicht wirklich frei. An so mancher Abzweigung fragte ich mich: »Wo bin ich? Welche Richtung muss ich einschlagen?« Die Sprache, die Schriften, die Gebräuche, alles war mir total fremd. Noch vor einem Jahr war »meine spannendste Welt« das Schwimmbad in unserem Dorf gewesen. Und jetzt? Meine Zeit ging drauf für Irrgänge jeglicher Art und den anstrengenden Umgang mit Menschen, die mir gut sein wollten.
So landete ich nach einer langen Reise ein Jahr später an der Malabarküste im Süden Indiens. Dort war das Paradies: Klima, Früchte, Kokospalmen, Sand und unendlich viel Wasser. Ich sprang ins Meer und aalte mich dann im Schatten der Palmkronen. Im Rücken eine fruchtbare Ebene, dahinter hoch aufragende Berge und vor mir eine Lagune mit allen Farben: Blau, Grün, Türkis, Braun und in der Ferne ein brandendes Riff. Und über mir?
Ein strahlend blauer Himmel.
Mensch, so etwas hatte ich nie zuvor gesehen! Doch, natürlich, nur nicht zur Kenntnis genommen. Nicht in Italien, nicht in Libyen. Die Straße verlief zwar in Sichtweite der Küste, aber die Libyer schienen das Meer verbergen zu wollen. An die Strände kam man nicht über Wege heran. Später lag meine Route weit von der Küste entfernt. Syrien, Irak, Iran mit ihrer Monotonie.
An der bevölkerungsreichen Malabarküste gab es keine Unendlichkeit, doch dahinter lag das unendliche Meer: der Indische Ozean, genauer das Arabische Meer. Hier wollte ich nicht weg. Wollte keine Tiger sehen, keine Elefanten, nichts mehr dergleichen. Ich schlug mein Lager am Ufer auf und fühlte mich großartig. Fast wie damals am Suezkanal. Nur freier und unabhängiger.
Und so lernte ich irgendwann einen Engländer kennen, in Begleitung von zwei indischen Mädchen. Schwestern, wie sich später herausstellte. Ja, ich hatte wieder Sinn und Blick für Mädchen. Die Zeit, wo ich nur weiter, immer weiter wollte, lag hinter mir. Sie boten mir eine Fahrt auf einem Segelboot an. Es war keine Yacht, sondern ein kleiner indischer Fischerkahn, umgebaut zum Segeln. Und das war der Moment, wo ich erstmals das Erlebnis Wasser und Segeln hatte. Wie aufgeregt war ich! Plötzlich sah ich das Land aus einer anderen Perspektive. Wir machten Fahrt, ohne etwas tun zu müssen. Ich verbrauchte keine Kraft, ja, ließ meine Beine im Wasser baumeln. Mein Gott, war das herrlich. Einfach schweben. Einfach reisen. Ohne den Staub und Schweiß der Landstraße. Kochen und schlafen, wann ich will. Auf dem Wasser zu sein machte mich glücklich. Das wollte ich.
Es war schon paradox: Monatelang fuhr ich am Wasser entlang und hatte nie das Verlangen gespürt, es zu nutzen. Die Erfahrung jetzt hatte ich nur den Mädchen zu verdanken, die mich an Bord verfrachteten. Es ging mir nicht um die Aussicht auf Liebe, höchstens um Unterhaltung. Später, als ich mich mit Queenie, einer der Schwestern, küsste, stellte ich fest, dass das nicht so viel anders war als in Mecklenburg. Zugegeben hitziger, was auch an den tropischen Temperaturen gelegen haben kann.
An der Malabarküste feierte ich meinen 19. Geburtstag. Solo. Ich leistete mir ein »Ein-Rupie-Gericht«: Reis und eine scharfe Soße. Als Nachtisch Weißbrot mit Banane und weißen Tee. Eine Rupie hatte damals einen Wert von 20 Pfennig. Mehr als eine Rupie kostete auch eine Tasse Tee nicht. Es war Milchtee. Ein Standardgetränk in Indien. Ein leicht aromatischer Tee mit viel Milch und Zucker. Die Wärme und Süße waren mir willkommen. Und ich wünschte mir das Meer und ein Boot. Ein Segelboot musste her. Ich hatte erkannt, dass keine Landschaft so viele Bilder bot wie das Meer. Das war mein »one moment in time«.