Was die Wüste alles lehrt
Achill Moser
Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.
Johann Wolfgang von Goethe
»Wenn es mir mal schlecht geht, gehe ich in die Wüste!« – Das war das Fazit meines vierzehnjährigen Sohnes Aaron, als wir nach einer dreiwöchigen Kameltour durch die ägyptische Wüste Sinai nach Dahab zurückkehrten, ein kleiner Ort am Golf von Akaba. Mit einer so positiven Reaktion hatte ich nicht gerechnet, denn unser Kamel- und Fußmarsch durch das Land der Bibel war voller Anstrengungen gewesen, die Aaron in bewundernswerter Weise meisterte, ohne sich auch nur einmal zu beklagen. In 21 Tagen waren wir kreuz und quer über die Sinai-Halbinsel gewandert, um in einem entlegenen Wüstenwinkel zu einer etwa 200 Meter langen Sandsteinformation zu gelangen, die wie ein ruhender Saurier wirkte. Ein imposantes Steingebilde, das von der Erosion in Jahrmillionen geformt worden war und den Beduinen seit undenklichen Zeiten als Begegnungsstätte und Wegmarke gilt. Begleitet wurden wir von zwei Beduinen: Hamed, ein guter Freund, dessen Familie seit Generationen in der Wüste lebt, und sein Neffe Machmud. Ein Glücksfall für meinen Sohn, denn in Machmud hatte er einen gleichaltrigen Gefährten an seiner Seite, mit dem er sich die Wüste erobern konnte. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, hatten eine Menge Spaß miteinander und wurden nicht müde, sich in einem Kauderwelsch aus Arabisch, Deutsch und Englisch auszutauschen.
Ganz behutsam hatte ich meinen Sohn an die Wüste herangeführt, die ihm damals noch absolut fremd war. Ich hatte ihm ein Stück Welt gezeigt, in dem es andere Regeln gab, ihm gezeigt, dass man auch ganz anders leben kann, jenseits dessen, was in unserer übertechnisierten Zivilisationswelt als normal und akzeptabel gilt.