343 Tage auf See
Wilfried Erdmann
Die einen vergraben sich, die anderen sind unterwegs.
Bruce Chatwin
Dienstag, 15. August 2000 – 2. Tag
Kein Wind und tiefe Wolken. Schwül ist es. Drückend. Der zähe Anfang einer langen Reise. Wie lang? Wer weiß. Vier Menschen vor mir haben das geschafft, was ich jetzt versuche: eine Nonstop-Weltumseglung gegen die vorherrschenden Windrichtungen. Der Engländer Chay Blyth war der Erste. Er hat mit seiner achtzehn Meter langen Ketsch british steel 292 Tage gebraucht. Wie lange wird meine Fahrt dauern? Mein Schiff kathena nui ist acht Meter kürzer. Mein Proviant reicht für 315 Tage.
Die drei großen Kaps der Erde habe ich vor mir. Kap Hoorn an der Südspitze Amerikas, Kap Leeuwin am südwestlichen Ende Australiens, Kap der Guten Hoffnung am Südende Afrikas. Und zwischen ihnen der gefürchtete südpolare Ozean.
Doch erst einmal liegt voraus die Deutsche Bucht, unbewegt und grau wie Mehlsuppe. Keine Brise. Kein Mensch segelt, alle fahren unter Maschine. Mein Schiff hat keine Maschine. Mit schlaffen Segeln trägt der Tidenstrom mein nur zehneinhalb Meter langes Aluminiumschiff nach Westen.
Hinter mir liegt Cuxhaven. Ein Abschied, der noch immer im Gesicht reißt. Die letzte Umarmung meiner Frau, der letzte Händedruck meines Sohnes. Die letzten Fragen der Reporter: »Warum machen Sie das?«