Als sich meine Nervosität ein bisschen gelegt hatte, entschwanden auch meine bangen Gefühle. Plötzlich fühlte ich mich frei und losgelöst von allem, war gefesselt von dem Rundumblick über eine atemberaubende Landschaft. Es war, als würden wir über die Oberfläche einer fremden Anderswelt fliegen, deren mondgleiche Szenerien bis zum Horizont ausrollten. Ich sah ganz viel weites, flaches Land, sah endlose Dünenmeere oder Gesteinsfelder, eingefärbt in einem starken Gelb, Grau und Braun. Und mittendrin ein paar Zelte, ein winziges Stück Menschenwelt, eine kleine Kamelkarawane, eine Wasserstelle, eine Andeutung von Pfad oder Piste und ein paar grüne Flecken, hineingesprenkelt in eine seit der Schöpfung kaum veränderte Kulisse.
Als Passagier in einem zweisitzigen Ultraleichtflugzeug, dessen Schwingen eine Spannweite von etwa zehn Metern hatten, gab es für mich – im Gegensatz zum Piloten – nicht viel zu tun. Ich war vor allem mit dem Staunen beschäftigt und machte Fotos von der Wüste, in der Mensch und Tier nur kleine Punkte waren, fast mikroskopische Partikel, die sich in einer graugelben Unermesslichkeit verloren. Was für ein Gefühl, wenn sich unser 160 Kilo schweres Fluggerät in eine schräge Kurve legte und eine der Flügelspitzen ins Okular ragte! Dann löste ich die Kamera aus, um mein Unterwegssein im Ultraleichtflieger zu dokumentieren, während mich eine Art Rausch erfasste und Glückshormone durch meinen Körper jagten, als hätte ich Drogen genommen.
Nie hätte ich eine so sinnliche Art des Fliegens für möglich gehalten.
Um Größe und Distanzen der Sahara aus der Sicht eines Vogels zu erleben, war ich zu unterschiedlichen Zeiten mit einem Ultraleichtflugzeug in Marokko, Tunesien und Ägypten über Nordafrikas gewaltiges Trockenmeer geflogen. Ich wollte begreifen, was eigentlich nicht zu begreifen ist: die kosmische Dimension der größten Wüste der Welt. Mehr als ein Dutzend Reisen hatten mich im Laufe der Jahre in dieses gigantische Ödland geführt, wo ich Tausende von Kilometern zu Fuß oder auf dem Kamel zurückgelegt hatte und gegen Weite und Leere angelaufen war. Doch nie war es mir gelungen, die kontinentalen Ausmaße dieses Extremlandes zu erfassen. Zu groß, zu weit und zu phantastisch war Afrikas Ozean aus Sand und Stein.
Und auch aus dem Freiluftsitz eines Ultraleichtflugzeuges musste ich feststellen, dass Größe und Distanzen der Sahara nicht zu erfassen waren. Zu sehr wirkte die Grenzenlosigkeit auf meine Emotionen, und es erschien mir absurd, dass ich dort unten zwischen Sandmeeren, Staubbecken, Steinscherbenfeldern und vulkanischen Gebirgen Tausende von Kilometern zu Fuß und mit dem Kamel zurückgelegt hatte. Was in Gottes Namen machte es für einen Sinn, durch die größte Wüste der Welt zu pilgern?
Sinn?
Ach ja, die Frage, was mich treibt, ist in meinem Kopf noch immer nicht verstummt. Selbst nach vier Jahrzehnten nicht, in denen ich immer wieder unterwegs war.
Wie die Antwort darauf auch lauten mag, über eines bin ich mir ganz sicher: Beim Unterwegssein in den Wüsten der Welt finde ich die ganze Intensität des Lebens. Dabei denke ich oft an einige Worte des französischen Bergsteigers Lionel Terray (1921–1965), der zu den besten Bergsteigern seiner Zeit zählte und auf extremen Routen die Eiger-Nordwand (1650 Meter), den Makalu (8485 Meter) und den Fitz Roy (3406 Meter) bestieg: In einer Welt der Zwecke und des Nutzens muss der Mensch auch an die Eroberung des Unnützen glauben können.
Nicht zuletzt diese motivierenden Worte waren es, die mich bestärkt hatten, in der größten und vielfältigsten Wüste Afrikas mehr als ein Dutzend Mal durch die einsamsten Regionen und entlegensten Winkel zu wandern, wobei sich besonders zwei Reisen ganz tief in meinen Kopf eingebrannt haben.
Im Jahre 2008 durchquerte ich in 135 Tagen die Sahara auf einer Strecke von 5500 Kilometern. Von Westen nach Osten wanderte ich zu Fuß und mit Kamelen auf uralten Karawanenstraßen. Ein Mammuttrip, den ich über Jahre geplant hatte und der mich vom Atlantik bis zum Nil durch fünf Länder führte: Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten.
Allerdings hatte mich die überwältigende Wirklichkeit der Sahara 1991 noch stärker beeindruckt. Damals beeinflusste die Wüstenwildnis mehr mein Gefühl als meinen Verstand. Und mehr als sonst musste ich mit meinen Ängsten fertigwerden, musste mein »Zurückschrecken« vor Einsamkeit und Alleinsein meistern. Zudem war meine Furcht vor der Leere – draußen wie innen – nie größer gewesen, als ich mich entschloss, den Versuch einer Durchquerung der Sahara von Norden nach Süden zu wagen. Ich nahm mir vor, zu Fuß und mit dem Rucksack mitten durch eine der faszinierendsten wie auch gnadenlosesten Landschaften der Welt zu wandern. Eine Wanderung von rund 1300 Kilometern, die im algerischen El Golea begann.
El Golea ist eine Oasenstadt, exotisch und faszinierend. Wie in vielen Regionen der Sahara bezog sich der Oasenname auf eine alte Festung, die hoch oben auf einer felsigen Anhöhe lag und über Jahrhunderte El Menea – »die Uneinnehmbare« – genannt wurde, ehe die Franzosen die algerische Wehrburg besetzten und die Einheimischen ihrer früheren Zufluchtsstätte den Namen El Golea gaben, was so viel wie »die Geraubte« bedeutet.
Über einen Schotterpfad stieg ich zu den Überresten der ehemaligen Festung auf und entdeckte am Wegesrand viele Fossilien: Muscheln, Schnecken, Panzer, Schalen und Skelette von Meerestieren, Beweise dafür, dass sich hier vor Jahrmillionen ein mächtiger Ozean erstreckte. Mehr noch: Bis zu achtmal waren große Gebiete der Sahara vom Meer überflutet und bis zu 60 Millionen Jahre standen die Fluten in riesigen Becken, ehe das Wasser ablief und maritime Sedimente zurückblieben, in denen man noch heute Überreste der einstigen Meeresfauna findet.
Oben auf dem Festungshügel, wo die Zenata-Berber bereits im 9. und 10. Jahrhundert ihre Wehrburg aus Stein und Lehm errichtet hatten, um sich vor den Überfällen des kriegerischen Wüstenstammes der Cha’ambas zu schützen, bot sich mir ein weiter Ausblick. Ich sah ein Mosaik aus Lehm- und Steinhäusern, hohe Minarette und kleine Gässchen. Gleich daneben ein wogendes Meer aus sattem Grün. Rund um die Oasenstadt wuchsen mehr als 200 000 Dattelpalmen, denen Sonne und Trockenheit kaum etwas auszumachen schien, weil ihre Wurzeln bis in tiefste Tiefen reichten, wo unterirdische Quellen die Wasserversorgung sicherten.
Am Nachmittag schlenderte ich über den Markt von El Golea, wo sich neben vielem Alltagskram auch Aprikosen, Apfelsinen, Feigen und Zitronen türmten. Durch grüne Gärten wanderte ich in den Stadtteil Bel Bachir, wo die »Wüstenkathedrale« Saint Joseph steht. Eine aus Stein gebaute Kirche, wuchtig und massiv, mit zwei Glockentürmen, die jede Palme überragen. Gleich daneben ein kleiner Friedhof, wo Staubfahnen über den Boden tanzten und ich das Grab des Franzosen Charles de Foucauld (1858–1916) suchte – und auch fand. Zu seiner Zeit ein besonderer Mensch mit vielen Facetten: Er war Kavallerist und Offizier der französischen Armee, Provokateur, Playboy, Atheist, Abenteurer, Forschungsreisender, Verkleidungskünstler, Kartograph, Geheimagent, Priester, Einsiedler, Gottsucher, Asket, Tuareg-Freund und Wüstenheiliger. Wegen ihm war ich nach Algerien gekommen, um auf einer Strecke von 1300 Kilometern von Norden nach Süden durch die größte Wüste der Erde zu wandern. So hatte es auch Charles de Foucauld zu Beginn des 20. Jahrhunderts getan, als er zu Fuß und per Kamel als erster Europäer in das algerische Hoggar-Gebirge reiste. Hier, im heißen Herzen der Südsahara, erhebt sich der 2726 Meter hohe Asskrem-Berg, der bei den Tuareg als »Ende der Welt« gilt.
Nur wenig weiß man heute noch von Charles de Foucauld, dessen ungewöhnliche Lebensgeschichte mich seit Jahren faszinierte, ehe ich mir vornahm, auf seinen sinnfälligen Spuren zu reisen. Vom Grabmal de Foucaulds wollte ich zu Fuß eine verbindende Linie mit Eigenerfahrungen ziehen und bis zum Hoggar-Gebirge wandern, und dann noch weiter zur Oase Tamanrasset, wo de Foucauld mehr als fünfzehn Jahre lebte und zum friedvollen Wüsten-Einsiedler wurde, ehe ihn libysche Senussi-Krieger 1916 ermordeten.
Als Charles de Foucauld starb, war er 58 Jahre alt. Ein ewig Suchender, der in einer Zeit ideologischer Auseinandersetzungen, politischer Umbrüche und beginnender kolonialer Veränderungen lebte und dessen verschlungener Lebensweg sich von Anfang bis Ende konsequent in Extremen bewegte: Geboren am 15. September 1858 in Straßburg, im Hause der altadligen Grafen de Foucauld, kam er mit sechs Jahren als Vollwaise zu seinem Großvater, einem Offizier der französischen Armee. Ohne viel Zuwendung wuchs er auf und wurde mit 20 Jahren zur Militärakademie geschickt. Als sein Großvater starb, erbte der junge de Foucauld ein beträchtliches Vermögen, mit dem er ein sehr freizügiges Leben führte, ehe er einen völlig anderen Weg einschlug. Vom reichen Lebemann und Frauenheld der Pariser Gesellschaft zum Offizier der Fremdenlegion. Nachdem er in der Verkleidung eines russischen Wanderrabbiners 1883/84 das noch verschlossene Sultanat Marokko erkundet hatte, stieg er zum gefeierten Reiseschriftsteller auf, der vom französischen Staatspräsidenten ausgezeichnet wurde. Als Afrikaheld der Belle Époque empfand er großen Respekt vor dem Islam, wandte sich wieder dem katholischen Glauben zu und trat in den strengen Trappistenorden ein. Im Alter von 42 Jahren kehrte er Europa endgültig den Rücken, um in der Wüste zu leben.
Mehr als fünfzehn Jahre verbrachte Charles de Foucauld in selbstgewählter Armut in der Sahara, widmete sich Gott und entwarf Pläne für ein neues Mönchtum, wobei Nächstenliebe sein Ideal war. Durch einfachste Lebensweise und körperliche Zähigkeit erlangte er den Respekt der Tuareg. Er lernte ihre Sprache, das Tamaschek, und ihre Schrift, das Tifinagh, sammelte Sagen, Gedichte und Lieder des alten Wüstenvolkes, die er niederschrieb, legte ein 2000 Seiten umfassendes Wörterbuch der Tuareg-Sprache an, das noch heute als einzigartiges Werk gilt, und übersetzte auch die Bibel ins Tamaschek, wenngleich es niemals sein Anliegen war, andersgläubige Menschen zu missionieren. Überdies betreute de Foucauld zahlreiche Kranke und sorgte für Impfungen, veranlasste Pflanzungen und Brunnenbauten, schlichtete bei Streitereien und ließ in der Oase Tamanrasset ein Fort mit hohen Lehmmauern errichten, das den Einheimischen Schutz vor räuberischen Überfällen bot. Zudem war es de Foucauld zu verdanken, dass die damaligen Friedensverhandlungen zwischen den Tuareg und den französischen Kolonialherren nach vielen gescheiterten Versuchen endlich erfolgreich abgeschlossen wurden.
All das führte schließlich dazu, dass de Foucauld bei den Tuareg als ein Marabout galt, ein Mann, der über besonderen Zugang zu Gott und dem Jenseits verfügte.
Andere Volksstämme der Sahara, vor allem die libyschen Senussi, hassten dagegen den französischen Pater, da er es mit großem Geschick verstand, die Tuareg der Hoggarregion für sich und damit auch für die Franzosen zu gewinnen. Die kriegerischen Senussi wollte stattdessen alle Europäer aus der Sahara vertreiben.
Ob Charles de Foucauld in jenen Tagen tatsächlich als Spion für die französische Armee arbeitete, bleibt nach wie vor ein Rätsel. Seltsam aber ist, das de Foucauld trotz seines hingebungsvollen Lebens bei den Tuareg tief im Herzen immer Franzose blieb, der sich der »Grande Nation« verpflichtet fühlte. Besonders nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges sammelte er Unmengen von Nachrichten aus Nordafrika mit militärischer und strategischer Bedeutung, die er an seinen Freund, den französischen General Lapperine, weiterleitete.
Bis heute bleibt die Frage offen, welche Rolle de Foucauld, bewusst oder unbewusst, bei Frankreichs Streben nach einem nordafrikanischen Kolonialreich spielte, dessen Herzstück die Sahara sein sollte.
1916, zwei Jahre nachdem Frankreich dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt hatte, zog ein Trupp gesetzloser Senussi und Fellagha raubend und plündernd durch Algerien. Sie waren auf dem Weg in die südliche Sahara, wo sich die Einwohner von Tamanrasset in jenes Fort zurückgezogen hatten, das de Foucauld mit Hilfe französischer Garnisonssoldaten als Zufluchtsstätte hatte bauen lassen. Als ein Verräter das Tor des Forts am Abend des 1. Dezember 1916 öffnete und die fanatischen Krieger hineinließ, wurde de Foucauld überrumpelt, gefesselt und in den Festungsgraben geworfen, wo man ihn später erschoss.
Anderntags, nach dem Abzug der libyschen Marodeure, schnitten Tuareg de Foucauld das Herz aus der Brust und begruben es im Wüstensand der Oase, wo auch sein Leichnam zur letzten Ruhe gebettet wurde. Kein Akt der Grausamkeit, sondern der Liebe.
Erst Jahre später (1929) wurden die sterblichen Überreste von Charles de Foucauld nach Bel Bachir überführt und bei der Oase El Golea, neben der katholischen Kirche Saint Joseph, bestattet, wenngleich de Foucauld seinen Letzten Willen ganz anders formuliert hatte: Ich möchte dort begraben sein, wo ich sterben werde, … ohne Sarg. Ein einfaches Grab ohne Stein, mit einem Holzkreuz darauf … Ich verbiete, meine Leiche abzutransportieren.
Hier, am Grab von Charles de Foucauld, sann ich nochmals der Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Franzosen nach, ehe ich zum Hotel zurückspazierte. Dort ging ich abermals meine sorgfältig ausgewählte Ausrüstung durch, die ich im Rucksack mit in die Wüste nehmen wollte: Sturmzelt, Schlafsack, Isoliermatte, warme Kleidung, Kompass, Fotoausrüstung. Und natürlich Verpflegung: vitaminreiche Fleisch- und Gemüseextrakte, Energieriegel, einige Stücke Räucherschinken, Trockenobst, Streichkäse, Traubenzucker und Fladenbrot. Vor allem aber mehrere Liter Wasser.
Zudem hatte ich von Karawanenführern erfahren, wo ich auf meinem Weg durch die Wüste unterirdische Quellen und Brunnen finden würde, an denen ich mich mit Trinkwasser versorgen konnte.
Dann entfaltete ich auf einem kleinen Holztisch meine Landkarte und vertiefte mich in meine Route. Auf dem bunten Kartenblatt sah man große leere Flächen, manchmal eine Piste, kleine Punkte, die auf Oasen und Orte hinwiesen, Höhenangaben sowie Längen- und Breitengrade. Nur von der Wirklichkeit erzählte mir die Karte nichts. Nichts von Hitze und Staub, nichts von Sandstürmen und Giftvipern, nichts von Durst und Anstrengung. All das lag jenseits meiner Karte und würde ab morgen zu meinem normalen Tagesablauf gehören.
Endlich unterwegs. Einfach nur gehen. Ich konzentrierte mich auf die Atmung, die nächsten Schritte und suchte nach dem Gleichgewicht des Laufens. Schon früh am Morgen war es warm, so um die 20 Grad, während ich durch flaches Gelände lief. Der Boden war hartgebacken, eine Mischung aus farbigen Kieseln, feinem Sand und vielgestaltigen Felsblöcken. Nur hier und da etwas Buschwerk.
Einfach nur gehen. Leere und Licht absorbierten mich, während die enorme Weite spürbar wurde und ich tief im Innern ein altvertrautes Kribbeln spürte, dass durch aufgeregte Erwartung geprägt war. Ein wunderbares Gefühl, wenn die Welt um mich herum mehr und mehr Wüstencharakter annahm und ich wie »elektrisch aufgezogen« durch eine Landschaft lief, die so herrlich anders war. Das waren Augenblicke, in denen ich es genoss, dass mein Wille die Antriebskraft für meinen Körper war, der sich zuverlässig bewegte, während der Rucksack ganz bequem auf den Schultern lag, abgestützt von einem breiten Hüftgürtel. Seit Jahren ist der Rucksack mein Freund, mit dem ich oft spreche. Ich liebe ihn, steckt in ihm doch all das, was ich zum Leben und Überleben brauche.
Einfach nur gehen. Tag für Tag. Über schroffe Steinfelder, ausgedörrte Erdschollen und staubige Wadis. Ich wanderte 20 bis 40 Kilometer zwischen dem frühen Morgen und der Abenddämmerung. Von Wasserstelle zu Wasserstelle, von Oase zu Oase. Ohne Handy, ohne Funkgerät, ohne Lebensmitteldepots. Als Schutz vor Sonne, Wind und Sand hatte ich mir einen roten Chech, ein meterlanges Musselintuch, um Kopf, Hals und Mund gewickelt. Bis auf einen kleinen Augenspalt war der ganze Kopf verhüllt. Ich sah aus wie eine Mumie.
Einfach nur gehen. Manchmal auch nachts, wenn die Temperatur von plus 25 auf 15 Grad sank und mir Mond und Sterne den Weg beleuchteten. Soweit die landschaftlichen Gegebenheiten es zuließen, orientierte ich mich dann am Gesprenkel des Nachthimmels und vertraute meinem geschulten Sensor.
Einfach nur gehen, nach Hassi Marroket, wo das sprudelnde Wasser eines artesischen Brunnens Felder und kleine Gärten in die Ödnis gezaubert hatte.
Einfach nur gehen auf einer holperigen Piste nach Südosten, durch die Ausläufer und das Randgebiet des Grand Erg Oriental. Eine Bilderbuchwüste mit modellierten Dünenmeeren. Windvariationen in Vollendung. Ein Gebiet, so groß und weit, dass man Österreich und die Schweiz leicht darin unterbringen könnte.
Einfach nur gehen. Durch leeres und lebloses Land, wo es dennoch viel Leben gab. Das bemerkte ich besonders am Morgen, wenn ich ein paar Schritte um mein kleines Biwak machte und zahllose Spuren im Sand sah: Abdrücke von Käfern, Eidechsen, Springmäusen und Vipern.
Einfach nur gehen, bis die Füße in dem versandeten Terrain immer wieder knöcheltief einsanken und mein Vorankommen gebremst wurde, sodass ich die Langlaufskier und die Skistöcke vom Rucksack schnallte. Mit großen Laufschritten spurte ich dann über ausgedehnte Sandebenen, langgezogene Senken oder sogenannte Gassi – das sind sandreiche Flächen, die sich zwischen den hohen Dünen erstrecken und wie ein feinnerviges Netz die großen Ergs des Grand Oriental durchziehen.
Zur Abenddämmerung, wenn ich von einem erhöhten Dünenkamm auf meine Langlaufspur zurückschaute, sah ich ein skurriles Fischgrätmuster, das die Spitzen meiner Ski in den Sand gezeichnet hatten. Eine seltsame Fährte, die im Schattenwurf des entschwindenden Lichts noch verstärkt wurde. Und wenn die immer länger werdenden Schatten über die wie Krummdolche gebogenen Dünen fächerten und sich auf den hohen Kämmen ein sanfter Sprühregen aus Sand erhob, war es, als würden die Dünengipfel rauchen. Im letzten Sonnenlicht wirkten die in Bewegung geratenen Dünenketten wie die Gischtbrandung eines Meeres.
Auch bei Sonnenaufgang glichen die Wogen aus Sand einem Meer: immer in Bewegung, nur viel, viel langsamer. Eine Choreographie des Windes, wobei die Luvflanken der Dünenzüge meist fest wie Stein wirkten, während die Leeseiten eher weich, tückisch und oft bodenlos waren. Ich sah Sicheln, Grate, Kurven und langgestreckte Linien. Alles war im Gegenlicht überscharf gezeichnet. Und mit einem Hauch von Rosa, dem Abglanz des morgendlichen Himmels, wellten sich die Dünen in die Ferne. Eine Woge hinter der anderen. Ungezählte Reihen, fast methodisch angeordnet, so weit das Auge reichte.
Wenn der Wind tagsüber günstig wehte, kramte ich meinen Paraflexdrachen, eine Art Schleppsegel, aus dem Rucksack. Mit geübten Handgriffen enthedderte ich rasch die vielen Nylonschnüre und brachte den Windvogel, der in der Luft eine Spannweite von fünf Metern hatte, in Position.
Bereits viele Monate vor meiner Saharawanderung hatte ich an Dänemarks Nordseeküste den Umgang mit einem Paraflexdrachen trainiert. Zur Belustigung vieler Spaziergänger war ich auf Langlaufskiern über den kilometerlangen Strand gelaufen, unterstützt von einem windgeblähten Schleppdrachen, der mich und meinen Rucksack voranzog, was nicht immer elegant aussah. Manchmal konnte ich mit dem Drachen kaum Schritt halten, verlor gelegentlich sogar den Halt und legte mich lang. Mehr als vierzehn Tage brauchte ich, ehe ich »den Dreh« raushatte und meine Skier auf gerader Spur halten konnte, während mich der stablose Lenkdrachen unterstützend voranzog.
Auf diese Weise konnte ich in der Sahara manch günstige Winde nutzen, um in der Wüste »Segel zu setzen«. Durch Armschlaufen und ein gekreuztes Zuggeschirr, das ich an meinem Oberkörper festgezurrt hatte, war ich mit dem Drachen verbunden, der etwa fünf bis sieben Meter über mir im Wind stand und mir meine Langlaufschritte erleichterte. Auch das Gewicht von Körper und Rucksack spürte ich durch die Zugkraft des Drachens viel weniger, während ich im kontrollierten Gleitschritt darauf achten musste, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Denn wenn mein Langlaufschritt nicht das richtige Timing zum Zugsegel fand, der Wind zu stark blies oder unvermittelt abflaute, kam ich keinen Meter voran – oder drohte zu Boden zu fallen.
Gleichwohl schaffte ich im Gleichschritt mit dem Schleppdrachen mal 20, mal 30, mal 40 Kilometer. Einmal legte ich sogar eine Distanz von fast 70 Kilometern zurück. Eine Strecke, auf der ich halb Flug-, halb Erdenmensch war, der auf seinen Skiern durch den weichen Pulversand marschierte. Fast immer erreichte ich die geplanten Etappenziele (Brunnen oder Oasen), sodass auch meine Wasser- und Proviantversorgung gesichert war.
Wie in einem Traum tauchten manchmal ein paar Menschen mit ihren Tieren am Horizont auf. Gestalten, die, in feinen Sandnebel eingehüllt, dahingingen. Kleine Karawanen, die lautlos und langsam durch die Weite zogen. Manchmal sah ich drei oder vier Kamele, meist schwer beladen mit Körben, Decken und großen Satteltaschen. Daneben ein paar Schafe oder Ziegen. Manchmal waren es einzelne Männer, ein anderes Mal kleine Familienverbände, die scheinbar unsichtbaren Spuren durch die Einsamkeit folgten, ihren fernen Zielen entgegen. Menschen der Weite und der Wüste, die mir, ohne haltzumachen, kurz zuwinkten, ehe sie sich in der großen Leere verloren.
Tage später, weiter im Süden, waren es meist Tuareg, die mir begegneten. Imposante Gestalten, die auf ihren Reittieren einen prachtvollen Anblick boten. Sie saßen auf Reitsätteln mit hoher Rückenlehne. Manch einer trug ein Schlagschwert in roter Lederscheide um die Schultern. Meist waren die Männer in blaues Tuch gehüllt. Auch ihre hoch aufgetürmten Turbane waren in sattes Indigo gefärbt, die nur einen Schlitz für die verschatteten Augen frei ließen. Augen, deren Blicke mich immer wieder in Bann zogen, während ihre kargen Gesten von der Freiheit der Wüste kündeten, die die Tuareg schon seit langem weitgehend verloren haben. Denn soziale, kulturelle und wirtschaftliche Umbrüche, Dürrekatastrophen, Kriege, Flüchtlingsprobleme und politische Querelen der Maghrebstaaten untereinander haben einen grenzüberschreitenden Karawanenhandel nahezu zum Erliegen gebracht und in den vergangenen Jahrzehnten zu tiefgreifenden Veränderungen im Leben der Tuareg geführt. Besonders durch Integrationsgesetze und Entwicklungsprogramme hat man die Wüstennomaden ihrer Mobilität und ihres Lebensraumes beraubt. Traditionelle Gemeinschaften und Hierarchien zerbröckelten. Was den Tuareg blieb, war oftmals nur die Flucht vor politischer Gleichmacherei, vor Unfreiheit und menschenunwürdigen Lebensverhältnissen.
Schließlich kam, was einmal kommen musste: Haushohe Sandfahnen verdichteten sich zu einem gelbbraunen Vorhang, der aus großer Ferne näher rückte. Ein diffuses Licht ebnete alles ein, und die Erde hob ab. In aller Eile baute ich mein Biwak in einer Bodenmulde auf, denn ich wusste, was mich erwartete: Ein Sandsturm zog auf. Mit orchestralem Geheul brauste er heran, bedrohlich und angsteinflößend. Gerade noch rechtzeitig zwängte ich mich ins Zelt, da brach auch schon die Hölle los. Millionen und Abermillionen von Sandkörnern prasselten wie trockener Regen auf das knatternde Technotextil. Gelbe Gischt schlug über dem Zelt zusammen, und ich fühlte mich eingeschlossen in einem Treibsandkokon. Um mich herum ein unglaubliches Toben, das die ganze Nacht anhielt. Der Sturm fraß Stunde um Stunde, und ich tat kein Auge zu, dämmerte durch die »Sturmgleiche« ohne Empfindung für Zeit und Raum.
Erst gegen Morgen herrschte plötzlich Stille. Wie betäubt wühlte ich mich durch Sand und Zelttuch ins Freie. Der Sturm war vorüber, der Himmel aschfahl. Nicht ein Sonnenstrahl ließ sich blicken.
Einheitsgraugelb.
Atemloses Schweigen.
Irgendwo kullerten ein paar Steine.
Ich hörte das Gezwitscher eines Vogels.
Wirklich ein Vogel?
Dann Hassi Bel Guebbour. Nicht mehr als eine Barackensiedlung mit Läden, Restaurant und Tankstelle. Für mich aber war es das Paradies. Nach einem Sechzehn-Stunden-Tag saß mir die Sandtristesse in den müden Knochen, sodass ich mir nach mehr als 500 Kilometern Fußmarsch zwei Tage Ruhe gönnte.
Dann lief ich weiter über das Tinrhert-Plateau bis zur Oase Bordj Omar Driss. Ein Ort, der früher Fort Flatters genannt wurde, nach einer Festung der Franzosen, die heute zwei Kilometer außerhalb der Oase liegt. Hier wimmelte es nur so von algerischen Soldaten. Und nicht nur das: Schon weit vor Omar Driss hatte ich zwei Militärstreifen bemerkt, die jedes vorbeikommende Fahrzeug peinlich genau kontrollierten. Um nicht selbst Gegenstand willkürlicher Visitation zu werden, machte ich einen Bogen um die Patrouillen und ging auch in Omar Driss allen Soldaten aus dem Weg.
Nur eine Nacht verbrachte ich in der Oase, um dann abermals mit neuem Proviant und frischem Wasser in die Wüste einzutauchen.
Dann weiter in Richtung Süden, durch ein wüstes Universum voller monotoner Schönheit, wo sich die karge Landschaft mit dem Licht immer neu änderte – und doch immer gleich blieb. Ich wanderte, mit den großen Wolkenschiffen, die ihre Schatten auf den Sand warfen, und mit dem sanften Wind, der über das schroffe Gelände wehte. So fügte sich Kilometer an Kilometer, während ich mit dem Kompass stetig die unterschiedlichsten Punkte im sandigen und steinigen Nichts anpeilte. Punkte, die zu meinen Etappenzielen wurden. Mal war es ein Hügel oder ein großer Felsblock, mal ein Baum oder ein Berg. All diese Orientierungsmerkmale zeichnete ich am Abend in meine Karte ein, und so entstand ein Weg, eine Route, von Bleistiftkreuz zu Bleistiftkreuz. Dass gab mir ein gutes Gefühl.
Kurz vor der Oase Amguid rebellierte mein Magen. Durchfall und Erbrechen. Meine Reflexe und Reaktionen verlangsamten sich. Ich ging trotzdem weiter, biss die Zähne zusammen. Doch jeder Kilometer erschien mir unendlich lang. Ein harter Tag mit zähen Stunden. Mühsam quälte ich mich weiter, bis ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte.
Am Nachmittag lag ich im Schatten einer Akazie. Nach 50 Tagen in der Wüste war ich völlig groggy. Mir pochte das Blut in den Schläfen, und mein ganzer Körper zitterte wie Espenlaub. Ich schluckte Pillen, um meinen Magen zu beruhigen, legte mir ein feuchtes Tuch auf die Stirn. Doch die halluzinatorischen Bilder wollten nicht weichen. Was war bloß los mit mir? War es die Sonne, die mir so zusetzte? Oder war mein Körper einfach überfordert? Unmöglich. Es musste etwas anderes sein. Da fiel mir ein, dass am Vormittag ein älterer Araber mit seiner kleinen Herde meinen Weg gekreuzt hatte und mir Ziegenmilch zu trinken gab. Vielleicht war die Milch nicht ganz koscher gewesen? Was soll’s. All diese Fragen konnten mir jetzt nicht helfen, denn meine Hinfälligkeit flößte mir Angst ein. Angst, die ich bislang hatte ausblenden können. Angst, dass mein Körper nicht wieder auf die Beine kam. Angst, in dieser großen Leere verlorenzugehen. Angst, die mich unvermittelt anfiel wie ein wild gewordenes Tier. Das waren Augenblicke, in denen ich keine Vorstellung hatte, wie es mit mir weitergehen sollte.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so dalag, ehe ich das Geräusch eines Motors hörte. Es war ein Targi im klapprigen Geländewagen, der mich fand und mit in sein Lager nahm, wo ich in einem Kamelhaarzelt auf einer Palmmatte in tiefen Schlaf fiel. Wenn ich kurz wach wurde, bekam ich reichlich Tee und einen übelriechenden Brei eingeflößt.
Erst 40 Stunden später wurde ich richtig wach. Mohammed, der mich in der Wüste gefunden hatte, hockte neben mir, als ich die Augen aufschlug. Mit gekreuzten Beinen, die Unterarme auf seine Schenkel gestützt, saß er einfach nur da, hatte seinen kunstvoll gewickelten Tagelmust (Gesichtsschleier) heruntergenommen und lächelte. Im Hintergrund des großen Zeltes tuschelten drei kleine Mädchen, während ein etwa vierzehnjähriger Junge an den Knöpfen eines verstaubten Radios drehte, aus dem schrille arabische Gesänge erklangen. Mohammeds Frau hockte neben einer kleinen Feuerstelle. Eine aristokratische Erscheinung mit schwarzen geflochtenen Zöpfen und einem dunkelblauen Gewand, die in ihrem Schoß ein Baby wiegte. Ich war mitten im Reich der Tuareg.
Als ich mich von meinem Schlafplatz erhob, war ich noch wackelig auf den Beinen. Mohammed führte mich nach draußen, wo wir uns in den Schatten einer großen Tamariske setzten und aus meinem Mund ein dankbares »Al-Hamdulilah« kam – »Dank sei Gott«. Dann kamen seine Frau und die Kinder dazu, ließen sich in ihrer eigentümlichen Hockestellung nieder. Und während wir auf Arabisch, Französisch, Englisch und Tamaschek radebrechten, dachte ich: Was für offene, lachende Gesichter, die trotz eines entbehrungsreichen Lebens auf eine wundersame Weise eine Zufriedenheit ausstrahlen, die von innen kommt.
Nach drei Tagen im Lager der Tuareg fühlte ich mich schon viel besser – und wollte weiter. Mohammed begleitete mich noch zu Fuß ein Stück des Weges. Dann nahmen wir Abschied, wobei die Höflichkeitsfloskeln ein feststehendes Ritual waren: die Fragen, die Antworten und die Segenswünsche.
Kurz darauf war ich wieder allein unterwegs. Mit neuer Zuversicht tauchte ich ein in jenes Land, das die Araber auch Khala nennen, was Ödland, Leere oder auch Ausgeliefertsein bedeutet.
Entlang wuchtiger Hügelketten folgte ich dem Igharghar-Trockenbett, passierte das 1359 Meter hohe Edjeleh-Massiv und die Dünen des Ergs Telachchimt. Immer wieder sah ich vertrocknete Sträucher, die fast versteinert waren, entdeckte zart geformte, von Äonen des Windes zurechtgeschliffene Sandrosen, deren Kristalle in der Sonne funkelten, und stieß auf mumifizierte Kadaver von Ziegen, Schafen und Dromedaren, deren Knochen von der Sonne schneeweiß gebleicht waren. Manchmal hockten kleine Vögel auf den Skeletten, deren Gefiederfarbe kaum von der Landschaft zu unterscheiden war. Zudem sah ich schwarze Wüstenraben, die sich mit kreischenden Lauten protestierend in die Luft erhoben, wenn ich näher kam.
Am 58. Tag erreichte ich das Tefedest-Gebirge. Windgeschliffene Ritterburgen aus Granit wechselten mit wilden Schluchten und monströsen Bergriesen, deren Namen der Magie der Landschaft entsprachen: Igeulmamene, Timehedjene, Timenouara, Tagouna, Acoulmou. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der deutsche Wissenschaftler Konrad Kilian dieses Massiv entdeckt, das den nordwestlichen Ausläufern des Hoggar-Gebirges vorgelagert ist. Die Tuareg fürchten vor allem den sagenumwobenen Garet el Djenoun (2330 Meter), den einzigen heiligen Geisterberg der Sahara, der sich im Norden des Tefedest befindet. Besonders nachts sollen sich hier böse Geister und Dämonen herumtreiben, die Krankheit und Leid bringen.
Darüber hinaus gilt das fast unbesiedelte Tefedest-Gebirge als navigatorischer Albtraum. Ein labyrinthisches Felsgewirr mit schroffen Hügelketten, zerfurchten Canyons und atemberaubenden Steinzeitszenerien. Ein kaum erschlossenes Gebiet mit nahezu unüberwindbaren Hindernissen, das ich entlang der östlichen Abbrüche umging.
Anderntags war ich Gast zweier Tuaregfamilien, die ihre Ehans, niedrige Nomadenzelte, im Schatten einer großen Felswand aufgebaut hatten. Bei stark gesüßtem Tee und einem Teller mit Datteln erfuhr ich einmal mehr, dass Gastfreundschaft das erste Gebot in der Wüste ist. Währenddessen spielten ein paar dunkelhäutige Mädchen und Jungen mit getrockneten Dromedarkötteln Murmeln. Die Haare der Mädchen waren zu kleinen dünnen Zöpfen geflochten, während die Jungen das Haar kurzgeschoren trugen – bis auf einen buschigen langen Schopf am Hinterkopf, an dem Allah die Kinder ins Paradies hinaufziehen kann, sollten sie das Mannesalter nicht erreichen. Als ich fragte, wie alt ihre Kinder seien, schüttelten die Frauen flüchtig verneinend die Köpfe, und die Männer erklärten, dass man das Alter der Töchter und Söhne nicht genau wisse. Denn Tuareg zählen nicht, weder die Anzahl ihrer Tiere noch die Jahre ihres Lebens. Jedes Zählen bringt Unglück.
Am späten Nachmittag hatte ich das Glück, einem unblutigen Schaukampf zwischen Vater und Sohn zu erleben, die mit ihren Takubas (Schwertern) effektvoll aufeinander eindroschen. Ohne Unterlass klirrten die Tuareg-Schwerter gegeneinander, wobei Vater und Sohn Schlag auf Schlag parierten und das Keuchen der Männer zuweilen das metallische Scheppern der Waffen übertönte. Jeder versuchte mit wachsamen Augen die zielbewusste Taktik des anderen zu erraten. Und wenn der Vater sein Schwert wie ein Beil über den Kopf zog, ehe die Klinge singend durch die Luft schnitt, sprang der Sohn geschickt zur Seite.
Dann ein tiefes Luftholen des Vaters, ein markerschütternder Schrei und eine blitzschnelle Drehung um die eigene Achse. Es folgte ein beidhändig geführter Schlag, dem der Jüngere nicht standhalten konnte. Das Schwert wurde ihm aus der Hand geschleudert, wirbelte durch die Luft und bohrte sich zitternd in den Wüstensand. Frauen und Kinder stimmten Freudentriller an, klatschten und blickten bewundernd auf die beiden Schaukämpfer. Fast fühlte ich mich in jene Zeit zurückversetzt, als die Tuareg noch als »Ritter der Wüste« galten, die das Universum der Sahara jahrhundertelang beherrschten.
Jenseits der Gueltas (Wasserbecken) von Issakkarasene traf ich in einem bewachsenen Trockenbett, das mit hohen Felsblöcken übersät war, auf vier Männer mit dunklen Gesichtsschleiern, die in blaue Baumwollgewänder und olivenfarbene Armeehosen gekleidet waren. Sie beäugten mich mit argwöhnischen Blicken, und ich spürte im Magen ein mulmiges Gefühl.
Einer der Männer saß auf der hinteren Stoßstange eines Geländewagens mit holländischem Kennzeichen – vermutlich gestohlen. Seine blutverschmierte Linke presste er auf den rechten Oberschenkel, während er mich mit der rechten Hand heranwinkte. Beim Näherkommen sah ich durch die offenstehende Hintertür des Wagens. Auf der Rückbank lagen drei Kalaschnikows, russische Schnellfeuergewehre. Vermutlich hatten sie noch andere Waffen, die ich nicht sehen konnte. Jetzt war mir klar, wen ich da vor mir hatte: Tuareg-Rebellen oder Wegelagerer.
Was sollte ich tun?
Da zog auch schon einer der vermummten Gestalten seine Pistole aus dem Gürtel und forderte mich auf, dem Verletzten zu helfen. Widerwillig kramte ich meine Notapotheke aus dem Rucksack und schaute mir die Wunde an. Eine Schussverletzung – nur eine Fleischwunde, doch unter den gegebenen hygienischen Verhältnissen schlimm genug.
Ich desinfizierte und verband die Wunde, mehr konnte ich nicht tun. Dann verlangten die vermummten Gestalten mein Geld, das ich größtenteils in den Einlegesohlen meiner Stiefel versteckt hatte. Gleichwohl trug ich noch einen Brustbeutel mit algerischen Dinaren im Wert von 400 Euro, den ich ihnen gab. Das war der Preis, den ich zahlte, um gehen zu können.
Die Erleichterung machte mir Beine.
Der 67. Tag. Wie urwelthafte Geistersilhouetten ragten zerklüftete Bergformationen anmutig und erhaben in den Himmel. Jeder Felsblock oder Schlackenhügel war vom Wind der Jahrtausende blankgefegt. Dazwischen Akazien und Tamarisken, Dornengestrüpp, dürftige Myrthen- und Lavendelbüsche – das Hoggar-Gebirge, auch Ahaggar genannt.
Bei den Tuareg heißt dieses 300 000 Quadratkilometer große Felsenreich »Atakor«, was so viel wie »Land unter dem Finger Gottes« bedeutet. Ein Gigantismus aus erstarrter Lava, Basalt und Granit. Eine phantasmagorische Landschaft, die mir im wechselnden Licht von Sonne und Schatten in den unterschiedlichsten Farben erschien: braun, beige, grau, schwarz, gelb, metallblau oder karminrot.
Gleichwohl war es in diesem Felsenreich sehr mühsam, inmitten von Steinscherben, Geröll und Blockmeeren zu laufen. Deutlich machten sich nun auch die Anstrengungen des wochenlangen Unterwegsseins in meinen Beinen bemerkbar. Eine bleierne Schwere hockte in meinem Körper, und an manchen Tagen war es nicht mehr so leicht, die Beine zum Funktionieren zu zwingen. Gern ließ ich mich von den aufregenden Landschaftsszenerien zu längeren Pausen verleiten. Dann konnte sich mein staunender Blick kaum von den bizarren Bergflanken oder skurrilen Felsentürmen losreißen, die bereits vor Millionen von Jahren ihr Antlitz erhalten hatten, als Vulkanausbrüche dieses Gebiet erschütterten und ein einzigartiges Mondland schufen.
Schließlich stieg ich im Zentrum des Hoggar-Gebirges auf schmalem Zickzackpfad Höhenmeter um Höhenmeter den Assekrem-Berg hinauf. In diesem hochgelegenen Wüstengebirge Algeriens herrschen im Winter Temperaturen unter der Frostgrenze. Auf über 2000 Meter wurden schon Tiefsttemperaturen um minus 13 Grad gemessen. Kein Wunder, dass mir auf dem Gipfelplateau, in 2726 Meter Höhe, eisiger Wind ins Gesicht blies. Ich spürte einen Tränenschleier, nahm den Rucksack von den Schultern, setzte mich auf ein paar übereinandergetürmte Steinbrocken und genoss das Glücksgefühl des Angekommenseins. Hier hinauf wollte ich unbedingt kommen, zum Gipfel des Assekrem. Dies war der Ort meiner Sehnsucht, ein magischer Punkt in der Mitte der Hoggar-Berge.
Noch nicht der Endpunkt meiner Wanderung, doch irgendwie das gefühlte Ziel. Denn hier war es, wo Charles de Foucauld 1911 eine kleine Einsiedlerkirche aus Trockenziegeln und naturbelassenen Steinen errichtete und ein halbes Jahr in völliger Abgeschiedenheit lebte.
Nur zwei oder drei Tagesmärsche lagen noch vor mir, um die Oase Tamanrasset, kurz »Tam« genannt, zu erreichen. Es ist der Hauptort der südsaharischen Hoggarregion und zugleich der Endpunkt meiner Wüstenwanderung.
Der Ausblick vom Assekrem-Gipfel war ein absoluter Höhepunkt meiner Reise. Schon Charles de Foucauld hatte beeindruckt geschrieben: Die Aussicht ist wunderbar, man überblickt das Massiv des Ahaggar, das nach Norden und Süden zu den unendlichen Wüstenebenen abfällt. Im Vordergrund hat man den eigenartigsten Wirrwarr von Bergspitzen, Gebirgsnadeln und phantastisch gestalteten Felsen vor sich.
Und so ist es noch heute. Hier schien es alle Gesteinsformationen zu geben, die sich die Phantasie ausmalen konnte: pittoreske Kegel, windgeschliffene Pyramiden, groteske Kamelhöcker, märchenhafte Kathedralen und erodierte Wehrburgen. Zudem zahllose Bergriesen, hintereinandergestaffelt, die wie einsame Wächter wirkten. Und dann waren da noch die »Zähne«: erstarrte Basaltpfropfen längst abgetragener Vulkane, die wie Orgelpfeifen oder auf den Kopf gestellte Stalagmiten wirkten und die schon Charles de Foucauld von seiner einsamen Gipfelhütte aus betrachtet hatte. Phantastische Vulkanpfeiler, die vielfach isoliert und senkrecht aus ihrer Umgebung aufragten und zu den charakteristischen Merkmalen des Hoggar-Gebirges zählen. Einst gaben die Tuareg diesen Vulkantürmen geheimnisvolle Namen, die zum Teil ihrer Sagenwelt entstammen: so bei den Doppelbergen Tezouiadje, dem Tadjerdjist, dem Tidjemayene, dem Segueika, dem Ilamane, dem Tahat. Auch gibt es eine bizarre Felsnadel, die nach dem Tod des französischen Paters »Pic Foucauld« genannt wurde.
Irgendwann ließ der schneidende Wind mich auf dem Gipfel des Assekrem derart frösteln (es herrschten nur fünf Grad), dass ich mich von den Steinklötzen erhob und zu der Einsiedelei von Charles de Foucauld hinüberging. Eine viereckige Hütte, klein und schlicht, die mittlerweile nicht nur an den französischen Pater erinnert: Sie ist auch ein Wallfahrtsort für Christen und Moslems, die Jahr für Jahr den steilen, schotterigen Pass zum fast 3000 Meter hohen Assekrem hinaufsteigen.
Durch einen engen Korridor gelangte ich in das frühere Arbeitszimmer de Foucaulds, das er auch als Bibliothek nutzte. Ein winziger, quadratischer Raum mit schmuckloser Pritsche, Stuhl und Holztisch, darauf ein paar nostalgische Stahlfedern und ein Tintenfass. Gleich daneben einige meteorologische Instrumente sowie Schriften von de Foucauld und einige Bücher über die Sahara.
Hier also war es, wo Charles de Foucauld ein halbes Jahr lang in völliger Abgeschiedenheit lebte, wobei die Tuareg ihn gelegentlich mit Vorräten und Wasser versorgten. Sechs Monate lang schrieb er hier sein gesammeltes Wissen über die Tuareg auf, fertigte ein Wörterbuch sowie eine Grammatik der Tuareg-Sprache an, betrieb philologische Studien, fühlte sich Gott nahe – und kam zu der Erkenntnis: Die Wüste ist der Ort der Wahrheit, kein Ort der Weltflucht.
Nur wenig größer war der Raum der Kapelle, den ich durch schwere Vorhänge vom Flur aus betrat. Gleich links vom Eingang, auf einem Holzbord, lag eine aufgeschlagene Bibel. Darüber hing eine Ikone. In einer Nische befand sich der Altar, eine glatte, unbearbeitete Granitplatte, die auf drei Gesteinssäulen ruhte. An der Steinwand dahinter sah ich einen leidenden Christus aus Metall an einem einfachen Steinkreuz. Daneben, auf beiden Seiten, zwei dicke Kerzen. Rechts davon die rote Lampe des heiligen Sakraments.
Die einzigen Lichtquellen in dem Raum waren zwei Fenster. Eines befand sich in der Außenwand, das zweite im Dach, direkt über dem Altar. Auf dem nackten Steinboden, der mit Binsenmatten und Ziegenfellen bedeckt war, setzte ich mich zu einer Handvoll Touristen, die im Geländewagen aus Tamanrasset gekommen waren, um in der kleinen Kapelle an einem Gottesdienst teilzunehmen. Andächtig lauschte ich den Worten von zwei Priestern in weißen Mönchskutten, die den Gottesdienst zweisprachig hielten, in Französisch und Deutsch.
Als die Messe beendet war, blieb ich noch eine Weile allein auf dem Fußboden sitzen. Schweigend hockte ich da und lauschte dem Sausen und Heulen des Windes, der ungestüm um die kleine Klause brauste. Es ist gut, hier zu sein, dachte ich und spürte, wie mein Atem langsamer wurde. Ich war glücklich wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum. Ein Gefühl des Friedens und der Dankbarkeit breitete sich in mir aus, und ich begriff, dass meine Wanderung von El Golea bis ins Hoggar-Gebirge viel mehr war als die Überwindung eines geographischen Naturraums. All die Anstrengungen der vergangenen Wochen empfand ich nun als Geschenk. Ein Gewinn fürs Leben, der sich nicht in materiellem Gegenwert aufrechnen ließ.
Kein Zweifel, dieser Gipfel war für mich ein Ort der Geborgenheit; ein Ort, an dem ich das Gespür für das »Stimmige« bekam; ein Ort mit Aura. Denn hier, in diesem entlegenen Winkel der Erde, ist alles Lust und Freude, alles ist Sand und Stein.