In großer Eile hievte ich die Lasten von meinen beiden Kamelen und stapelte das Gepäck in Form eines Hufeisens gegen den Wind. Dann kniete ich mich in die schützende Bucht, drängte mich an die Rücken der Kamelstuten, die mir ein Schutzwall gegen den fauchenden Wind und die heranstürmenden Sandmassen waren. Um den Kopf hatte ich ein langes Turbantuch gewickelt. Mund und Nase schützte ein wassergetränktes Tuch, während die Augen mit einer eng anliegenden Gletscherbrille bedeckt waren.
Kurz darauf vernahm ich ein anschwellendes Tosen wie bei einer langsam näherrollenden Brandung, während ein Regen beißender Sandkörner auf meine Tiere und mich niederging.
»Ruhig, ganz ruhig!«, flüsterte ich in das Fell der Kamele, während die Luft von Knistern, Rauschen und Rieseln erfüllt war. Doch die Tiere schienen keinen Zuspruch zu brauchen. Stoisch hockten sie da und käuten wieder. Grünlich strudelte der Mageninhalt aus ihren Mäulern. Ein Gestank wie Gülle, den ich aber kaum wahrnahm, denn unentwegt schossen Staubwogen und Sandkaskaden wie Gischt über das Gepäck und die Kamelrücken. Sandkörner, die in Mund, Nase, Ohren und kleinste Kleideröffnungen drangen. Sandkörner, die wie Nadelstiche auf der Haut brannten.
Land unter. Und ich konnte nichts anderes tun als im Windschatten meiner Kamele daliegen und hoffen, dass das wilde Toben bald nachließ. Doch das vielstimmige Brausen, Heulen und Pfeifen schwoll immer mehr zu einem Donnern an, das die Kamele mit Gebrüll untermalten, wobei sich ein kindskopfgroßer Hautsack seitlich aus dem Maul stülpte. Schließlich stieß auch ich einen wilden Schrei aus. Ein enthusiastisches Anbrüllen gegen den Sturm, gegen die flatternde Angst. Einmal, zweimal, dann mehrfach. Völlig übergeschnappt und abgedreht. Denn irgendwie liebe ich Stürme, die mir alles abverlangen und mich auf einen einzigen Wunsch reduzieren – unbeschadet davonzukommen.
Seit mehr als zwei Wochen befand ich mich im Norden Chinas in der Wüste Badain Jaran. Mit 47 100 Quadratkilometern ist es die drittgrößte Wüste im Reich der Mitte. Die Namensgebung dieser Einöde ist bis heute nicht eindeutig geklärt: So wird diese Wüste auch Alashan-Gobi genannt, zählt sie doch zum Naturgroßraum der Wüste Gobi. Schon der russische Forscher Nikolai Prschewalski (1839–1888), der vor weit mehr als 100 Jahren durch die Wüsten Asiens reiste, hatte von dem Landstrich Alashan gehört, einer großen Ebene, die er für den Grund eines ausgedehnten Sees oder Meeres hielt. Riesige Salztonflächen und Salzseen, die hier auch heute noch zu finden sind, bestätigen diese Vermutung.
Mit zwei Kamelen war ich zu Beginn der neunziger Jahre unterwegs in die Innere Mongolei. Mit ihren knapp 1,2 Millionen Quadratkilometern ist sie eine der größten Provinzen Chinas mit dem Status einer autonomen Region. Zur einen Hälfte ist sie Wüste, zur andern Weideland. Bewohnt wird sie von etwa 19 Millionen Menschen, von denen 16 Millionen Han-Chinesen sind. Außerdem gibt es noch Hui, Mandschuren und 2,5 Millionen Mongolen, vor denen zu Zeiten Dschingis Khans die halbe Welt zitterte. 1949 wurden die Nachfahren dem chinesischen Riesenreich einverleibt. Doch für ein Leben in Städten und Fabriken sind die Hirten und Nomaden bis heute nur schwer zu begeistern.
Ich hatte mir vorgenommen, das ehemalige Reich der Tanguten, auch Xixia genannt, zu durchwandern. Dieses den Tibetern verwandte Volk stammt aus dem Gebiet des Kuku-Nor, dem nordöstlichen Teil der tibetischen Hochebene. Noch heute gelten die Xixia als sagenumwobenes Volk, das einst eine einzigartige Schrift entwickelte, die erst Anfang des 20. Jahrhunderts in einem entlegenen Buddhatempel der Wüste Gobi entdeckt wurde. Bereits vor 990 hatten die Xixia einen wehrhaften Nomadenstaat in Chinas Norden gegründet. 1227, nach einer zweihundertjährigen Herrschaft, wurden sie von den Mongolen überfallen. Damals hatten die Xixia die Oberherrschaft Dschingis Khans über Innerasien zwar anerkannt, doch sie folgten seiner Forderung nicht, die mongolischen Truppen in ihren militärischen Unternehmungen gegen das Reich der Mitte zu unterstützen. So kam es zum Krieg, wobei die Reiterlegionen der Mongolen das Volk der Xixia weitgehend auslöschten. Im gleichen Jahr starb auch Dschingis Khan. Ob auf dem Schlachtfeld im Kampf gegen die Xixia oder Wochen später nach schwerem Sturz von seinem Pferd, bleibt bis heute ein Rätsel. Ungeklärt ist auch die Frage, ob Angehörige der Xixia das einstige Gemetzel der Mongolen überlebten. Und: Wohin waren sie geflohen? Wissenschaftler haben mittlerweile Dokumente aus der Ming-Zeit (14. bis 17. Jahrhundert) entschlüsseln können, die auf eine weitere Existenz der Xixia nach dem Untergang ihres Reiches hinweisen. So sollen im gebirgigen Nordwestteil der chinesischen Provinz Sichuan Menschen leben, deren Sprache viele Ähnlichkeiten mit jener der Xixia aufweisen. Doch eindeutige Beweise gibt es nicht. Bis heute kann man nicht genau sagen, wohin die Überlebenden der Xixia einst flohen. Ihr Weg verliert sich in Überlieferungen und Geschichtsbüchern.
Mich lockten drei ausgedehnte Wüsten, die sich noch heute auf dem Gebiet des ehemaligen Xixia-Reiches erstrecken: die Badain Jaran, die Tengger und die Ordos, die ich von Westen nach Osten durchwandern wollte. Meine Reise sollte von jenem sagenumwobenen Buddhatempel im wüsten Westen Chinas bis zum Dschingis-Khan-Mausoleum bei Ejin Horo auf dem Ordos-Plateau führen. Eine Strecke von 1400 Kilometern. Meine Fortbewegungsmittel waren meine Füße und zwei Kamele, mit denen ich durch drei ozeangleiche Einöden ziehen wollte, die wie fast alle Wüsten Chinas als »Windkammer Asiens« gelten. Hier wütet nämlich der Kara Buran, der »Schwarze Sandsturm«. In manchen Jahren faucht er mehr als 100 Tage mit Stärke acht bis zwölf über das Land und zerstört alles, was sich ihm in den Weg stellt. Seinem Namen wird er meist schon deshalb gerecht, weil er oft den Himmel verdunkelt, wenn er aus Nordosten anrückt und über die weiten Wüstenregionen faucht. Ganze Karawanen und Städte sollen ihm im Laufe der Jahrhunderte zum Opfer gefallen sein. Sogar die gesamte Armee eines chinesischen Kaisers soll unter dem Sand einer 250 Meter hohen Düne begraben liegen.
Viele Monate der Planung lagen hinter mir, als ich nach Peking flog, ausgerüstet mit einem kleinen chinesischen und uigurischen Sprachschatz, den ich akribisch gelernt hatte. Im Zug reiste ich dann von Chinas Hauptstadt über 3000 Kilometer nach Westen. Urumtschi, die Provinzhauptstadt Sinkiangs, das Land der Uiguren, war mein erstes Ziel, ehe es per Lkw weiter nach Dunhuang ging. Eine mit Pappeln, Ulmen und Eschen umfriedete Oasenstadt, die am Rand der Wüste Gashun Gobi liegt. Fünfzehn Kilometer weiter südöstlich befindet sich, zwischen Bergrücken und Sanddünen, die Tempelanlage der Tausend-Buddha-Höhlen. Zwischen dem 4. und dem 14. Jahrhundert, zur Blütezeit der Seidenstraße, erbauten buddhistische Mönche hier nicht nur einen mehrstöckigen Haupttempel im chinesischen Stil, sondern auch Hunderte von Höhlen, die mit primitivsten Werkzeugen in eine 1600 Meter lange Felswand gemeißelt wurden. Zudem schufen Künstler in den mannigfaltigen Höhlen mehr als 45 000 Quadratmeter Wandmalereien sowie Tausende von Buddha-Statuen, vielfältig in Form und Größe, eine schöner als die andere.
Als der Verkehr auf der Seidenstraße im 14. Jahrhundert versiegte, gerieten die Buddha-Höhlen von Dunhuang (auch Mogao-Grotten genannt, weil einst ein Fluss gleichen Namens durch diese Region floss) in Vergessenheit. Wanderdünen begruben die gesamte Tempelanlage unter sich. Erst 1899 stieß der taoistische Mönch Wang Yuanlu auf die im Sandmeer versunkene Tempelanlage und entdeckte Hunderte von Felsenhöhlen sowie eine zugemauerte Geheimkammer, in der er eine Bibliothek ostasiatischer Wissenschaften fand: 50 000 Dokumente aus der Zeit vom 3. bis zum 11. Jahrhundert. Das trockene Wüstenklima hatte dafür gesorgt, dass die Kulturzeugnisse länger als 900 Jahre lang erhalten geblieben waren. So auch die Funde aus Höhle Nr. 17, wo die Xixia eine große Anzahl von Bildern und Manuskripten eingemauert hatten, die von ihrem Leben und ihren Herrschern erzählten. Vor allem die hier gefundenen Dokumente nutzten die Wissenschaftler, um mittlerweile mehr als 6000 Symbole des Xixia-Schriftsystems zu entziffern. Ein großer Erfolg, um dieser versunkenen Kultur auf die Spur zu kommen.
Hier also, an diesem entlegenen Ort der Wüste Gobi, wo man in einer uralten Höhle Zeugnisse eines vergessenen Volkes fand, wollte ich mit meiner Wanderung beginnen. Ein sagenumwobener Ort, der über Jahrhunderte als Zentrum der Andacht und der Danksagung galt. Karawanenführer beteten hier um eine erfolgreiche Reise und ersuchten die Götter um Schutz, ehe sie mit ihren schwerbeladenen Kamelen auf der Seidenstraße durch die lebensfeindlichen Einöden zogen.
Auch ich konnte den Schutz der Götter für meine Reise gut gebrauchen, als ich Anfang März in die Wüste aufbrach, wo die Temperatur tagsüber nur selten höher als 25 Grad Celsius stieg und nachts bis auf 10 Grad absank. Kein Vergleich zu den extremen Sommermonaten, in denen die Temperatur über 45 Grad erreicht. Wenn dann die enorme Sonnenstrahlung auch zur Aufheizung erdbodennaher Luftschichten führt, kommt es vielerorts zu gefährlichen Luftspiegelungen, die Schein und Wirklichkeit verschwimmen lassen.
Nach tagelanger Suche hatte mir ein uigurischer Viehhändler für einen stolzen Preis zwei Kamele für einen Monat überlassen. In dieser Zeit wollte ich durch die Wüste Badai Jaran ziehen und bis Minqin am Rand der Tengger-Wüste kommen. Von Minqin sollten die Kamele im Lkw zu ihrem Ausgangspunkt zurückgebracht werden, während ich meine Reise zu Fuß fortsetzen wollte.
Sieben Tage hatte ich mich mit den Kamelen vertraut gemacht, ehe ich aufbrach. Erfahrungen mit den Wüstenschiffen hatte ich in vielen Teilen der Welt schon zur Genüge gesammelt. Dennoch: Asiens Kamele sind eine Spezies für sich – äußerst stolz und arrogant, manchmal schlitzohrig, oft bockig und widerspenstig. Auf früheren Reisen hatten sie mich mehr als einmal aus dem Sattel befördert. Doch diesmal hatte ich zugänglichere Tiere ausgesucht, die mit großem Gleichmut von morgens bis abends meinen Hausstand durch die Wüste schleppten: Zelt, Isoliermatte, Schlafsack, warme Kleidung, eine Daunenjacke für die kalten Nächte, Fotoausrüstung, Kocher, Essgeschirr und natürlich Proviant. Ich hatte eine Menge Müsli dabei – sowie Salami, Corned Beef, Bohnen, Tomaten, Reis, Nudeln, Zwiebeln, Milchpulver, Traubenzucker, Marmelade und Obst. Ein Drittel der Lasten waren Kraftfutter für die Tiere und reichlich Wasservorräte.
In den ersten zwei Wochen kam ich gut voran, zog mit den Kamelen durch wegloses Terrain und wechselte oft zwischen Reiten und Laufen ab, um die Kräfte der Kamele und meinen Hintern zu schonen. Denn das Reiten im Kamelsattel ist wie ein Torkeln auf hoher See, bei dem ich hin und wieder gegen den vorderen und hinteren Sattelknauf rutsche und mir Weichteile sowie die Verlängerung des Rückens quetsche.
Chinas Ödnis, die ich nicht mit modernster Navigationstechnik bereiste, sondern nur mit Kompass und Karte, verlangte jeden Tag ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich ließ mir viel Zeit, denn bei großen Wüstendistanzen können sich leicht Fehler in die Kompasstraverse einschleichen. Und auch die Landschaft forderte all meine Konzentration und Wachheit. Mal ging es über wellige Geröllflächen, die mit windgeschliffenen Felsparcours wechselten. Dann wieder zwangen mich breite, ausgetrocknete Flusstäler zu Umwegen. Ein anderes Mal ritt ich über borkigen Verwitterungsschutt, der unter den tellergroßen Polsterhufen meiner Kamele wie Blätterteig auseinanderbrach. Und immer wieder Sand, so weit das Auge reichte.
Ich erfreute mich an den Rippeln und Fließfiguren des Sandes und genoss die völlige Unabhängigkeit des Unterwegsseins in einem schier grenzenlosen Raum.
Zu Fuß und mit Kamelen konnte ich gehen, wohin ich wollte, musste keiner Straße oder Piste folgen, konnte einfach querfeldein laufen, meinem Kurs folgen, soweit die landschaftlichen Gegebenheiten es zuließen. Alles, was ich brauchte, war Wasser und Proviant. Ansonsten war ich frei. Ein herrliches Gefühl, so selbstbestimmt unterwegs zu sein! Hier gab es niemanden, der mir Vorgaben machte oder mir reinredete. Ich war mein eigener Kapitän im Ozean der Wüste und wählte meinen Weg ganz allein, musste mich nur nach dem Wetter und der Landschaft ausrichten.
Die Wüste Badain Jaran besteht zu 80 Prozent aus Wanderdünen. Viele windmodellierte Sandhügel sind bis zu 200 oder 300 Meter hoch. Und im westlichen Teil der Wüste befindet sich der Biluthu, mit 520 Metern der höchste Sandberg der Erde. Nicht zu vergessen die etwa 140 Salzseen, die inmitten dieser hohen Dünen liegen. Einige gelten den Mongolen als heilig, sodass an den Ufern lamaistische Klöster entstanden. Das Wasser der Seen ist allerdings weitgehend salzig und ihr Mineralgehalt hoch. Nur an den äußersten Rändern einiger Seebecken tritt trinkbares Süßwasser aus tiefergelegenen Quellen hervor.
Und dann, am 17. Tag, kam jener Wahnsinnssturm, der den Himmel verfinsterte und mich zwang, hinter meinen niedersitzenden Kamelen Schutz zu suchen. Einer dieser Kara-Buran-Stürme, der alle Konturen und Distanzen auslöschte, die Farbe des Himmels verdunkelte und eine Decke der Düsternis über das Land warf, während die Atmosphäre zum Bersten mit Elektrizität geladen war. Ein Aufruhr der Natur – wild, unbändig, zügellos.
Wenn ich nur das Biwak hätte aufbauen können, doch daran war gar nicht zu denken. Die flatternden Zeltbahnen wären mir sofort aus den Händen gerissen worden und davongeflogen. Ich selbst konnte mich ja bei diesem Sturm nicht mal auf den Beinen halten. Auch sah ich nichts – zu dicht wirbelten Staub und Sand ringsumher. Der Sturm tobte, als ginge die Welt unter.
Natürlich wünschte ich, dass bald alles vorbei sein würde und ich auf meinem Schlafsack liegen könnte, um neue Kräfte zu sammeln, die ich für den weiteren Weg brauchte. Doch es hatte keinen Sinn, sich jetzt verrückt zu machen. Dadurch würde das Getöse des Sturms keine Minute früher aufhören.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich so geduckt hinter meinen Kamelen lag, eingeschlossen von dunkelgrauen Gischtwogen aus wirbelndem Staub und Sand. Doch irgendwann bereitete mir das gekrümmte Liegen im lärmenden Sturm ziemliche Rückenschmerzen. Meine Muskeln hatten sich völlig verkrampft, und jede Bewegung tat weh. Gleichwohl mochte ich mich nicht zur Seite wenden oder die geduckte Stellung wechseln. Zu groß war meine Sorge, dass ich im diffusen Toben von meinen Kamelen fortgerissen werden könnte. Wenn das geschah, war ich verloren. Unmöglich, in diesem Ödland ohne die Kamele zu überleben. Ohne Wasser, ohne Proviant, das in den großen Satteltaschen steckte. Niemals würde ich aus der Wüste wieder herauskommen.
Mit gespannten Sinnen lauschte ich den tausend Geräuschen des Sturmes, während ich neben meinen Kamelen lag und trotz Hustenreiz und tränenden Augen versuchte, die Ruhe zu bewahren. Ich wusste ja, dass der Sturm früher oder später aufhören würde, so wie er immer aufhörte und weiterzog. Denn zum Glück dauert ein Sturm in der Wüste zumeist nicht lange an, schwächt sich irgendwann ab, wird zum Starkwind, der flach über den Boden weht und die Erde in wirbelnde Schleier hüllt, bis auch diese Winde abflauen, die Intervalle der Ruhe größer werden und der Sand niederfällt, wenn der Wind endlich einschläft. Gleichwohl ist die Natur unberechenbar, sodass es auch Stürme gibt, die tagelang anhalten. All das hatte ich schon erlebt und eine Menge Sandstürme abgewettert, vor allem im nordafrikanisch-arabischen Raum, wo die Einheimischen den Sandstürmen unterschiedliche Namen gegeben haben: Gibli, Chamsin, Samum, Scirocco und Habub. Allesamt sehr trockene Stürme, die mit warmen oder heißen Windfurien daherkommen und über große Entfernungen ungeheure Mengen von Sand bewegen. Stürme, die verschiedenste Erscheinungsformen haben, denn die Welt der Winde ist so mannigfaltig wie die Schöpfung selbst.
Mehr als zwei Stunden wütete der Sandsturm schon, als ich das Gefühl hatte, dass seine Stärke noch weiter anwuchs. Die Böen schienen sich zu überschlagen und peitschten mit brachialer Gewalt heran. Wie von Urkräften erfasst, fuhren die tobenden Winde in steilem Aufstieg gegen den unsichtbaren Himmel, um von dort in rasantem Sturzflug auf die Erde zu stürzen. Mir war, als würden sich die Kamele unter dem Hagel prickelnder Sandkörner krümmen. Und während schrille Töne in den Lüften gellten, klammerte ich mich an die Tiere wie ein Schiffbrüchiger auf hoher See an seinen Rettungsring.
Plötzlich bekam ich einen Schlag in den Rücken. Was war das? Ein Stück Holz? Ein Gepäckstück? Keine Ahnung. Nur: Deutlich fiel mir jetzt das Atmen schwerer. Die Hustenanfälle häuften sich. Immer wieder keuchte ich und sehnte mich nach Luft, frischer Luft. Wie herrlich doch dieses Atemholen ist! Seltsam, dass einem so etwas erst auffällt, wenn man sich in einer extremen Lage befindet.
Quälend langsam verging die Zeit im Geprassel des Sandes hinter meiner Deckung. Zäh verrann Stunde um Stunde, und ich fragte mich, wie viele Menschen wohl schon in dieser Wüste so wie ich im Sandsturm gelegen hatten und darauf hofften, dass das unbändige Toben endlich aufhörte. Und für wie viele Menschen war es wohl das Letzte, was sie hörten: das Tosen des Windes, ehe sie ihr Leben verloren, erstickt und begraben von Sand und Staub.
Ich dagegen hatte Glück, als der Sandsturm nach fast fünf Stunden spürbar nachließ. Im ersten Moment dachte ich, es wäre nur Einbildung. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass der Sandhagel und die Treibsandschwaden an Heftigkeit verloren und auch die brüllenden Windstimmen verstummten. Deutlich konnte ich es hören, fast fühlen. Der Sturm flaute ab. Leer und ausgebrannt verharrten Himmel und Erde.
Wie in Trance befreite ich mich von den Flugsandverwehungen, verscheuchte die Benommenheit und zog an den Führungsleinen der Kamele, die sich sofort erhoben, ein paar Schritte machten und den Sand abschüttelten. Dann ging ich steifbeinig zu den Wasserkanistern, gab den Tieren zu trinken und trank selbst mit gierigen Zügen, ehe ich einige Stücke Fladenbrot mit Schmierkäse aß und einen Energieriegel. Brennstoff für den Körper.
Nur ein fahler Schimmer deutete am grauen Himmel das Vorhandensein der Sonne an, die noch für Stunden verschwunden blieb. Doch es gab wieder einen Horizont, auch wenn ganz feiner Sandnebel die Luft noch trübte.
Der Sturm hatte eine seltsame Stille hinterlassen, die sich nun ringsum ausbreitete. Eine spannungsgeladene, fast unheimliche Stille, die mir die enorme Einsamkeit dieser Region unvermittelt bewusst machte. Eine Stille, an die ich mich erst gewöhnen musste, ehe ich sie ganz tief in meinen Körper und meine Seele hineinließ. Es war, als hielt die Welt den Atem an – und immer wieder horchte ich in die Weite hinaus, lauschte nach einem Geräusch. Da musste doch etwas sein? Doch da war nichts. Nur Schweigen – und das Pochen meines Blutes in den Schläfen.
Irgendwann machte ich mich daran, die Kamele zu beladen und das Gepäck am hölzernen Sattelgestänge mit Seilen festzuschnüren, ehe ich meinen Weg wieder aufnahm. Noch immer war die Luft mit Sandpartikeln und Staubschwaden geschwängert, die um die Beine meiner Kamele huschten. Doch die Tiere, die ich im Schlepptau führte, ließen sich davon nicht beirren. Stoisch liefen sie im Rhythmus ihrer Gangart, zogen im Takt der immer gleichen Schritte dahin.
Endlich konnte ich wieder in Bewegung sein, konnte frei ausschreiten und durch die schattenlose Stille wandern, in der die Schönheit und Größe der landschaftlichen Gleichförmigkeit mich ständig aufs Neue begeisterte. Ich ging in einem ganz sanften, völlig geräuschlosen Wind dahin, der seit undenklichen Zeiten zum bestimmenden Geist der Wüste geworden war. Er formte und veränderte Dünen, Täler, Ebenen und Berge. Er gestaltete die schönsten Landschaften oder zerstörte sie mit unbändiger Kraft. So hatte ich ihn im Großraum der Wüste Gobi schon auf vielen Wanderungen und Reisen erlebt, denn Chinas Wüsten gelten als Heimstatt des Windes und der Geister. Oft hörte ich nachts in den Sandmeeren gespenstische Stimmen, Geflüster und Gesänge, aber auch Klänge von Flöten, Orgeln oder Violinen. Manchmal war es, als würde mitten im Dünengewoge ein ganzes Orchester spielen.
Auch der venezianische Weltreisende Marco Polo berichtet in seinem Buch Il Millione (Die Wunder der Welt) über die Geisterstimmen in der chinesischen Einöde: Folgendes ist bezeugt: Während des nächtlichen Rittes durch die Wüste kann es geschehen, dass einer ein wenig zurückbleibt, sich von seinen Gefährten entfernt, um zu schlafen oder aus irgendeinem andern Grund. Wenn er sich dann seinen Mitreisenden wieder anschließen möchte, vernimmt er Geisterstimmen, die sprechen, als wären sie seine Gefährten; denn sie rufen ihn oft bei seinem Namen. Manchmal führen sie ihn derart in die Irre, dass er die Karawane nie mehr findet. Auf diese Weise sind schon viele gestorben und spurlos verschwunden. Dazu ist noch zu sagen: sogar am Tage hören die Menschen geisterhafte Stimmen, und nicht selten meinen sie, verschiedene Musikinstrumente, besonders Trommeln, zu vernehmen.
Nun wisst ihr, was es heißt, diese Wüste zu durchqueren, wie beschwerlich das ist.
Mein einsamer Weg durch Chinas Wüste Badain Jaran führte mich immer weiter nach Osten. Doch unweit von Zhoujiajing sah ich mich mit einem Male 20 Mongolen gegenüber, die mich herzlich begrüßten. Statt farbenfroher Gewänder trugen sie blaue Arbeitsanzüge des chinesischen Proletariats. Ihr Lkw hatte eine Panne, ein Reifen musste gewechselt werden. Anschließend wollten sie weiter nach Süden, um in Yongchang und Lanzhou im Straßenbau zu arbeiten. Hilfsbereit tränkten sie meine Kamele, füllten die Wasserkanister und luden mich in den Schatten ihres Wagens ein, wo ich mit Brot, Joghurt, getrocknetem Käse und einigen Schalen Milch versorgt wurde. Seit Wochen war ich nicht mehr so verwöhnt worden.
Nach 26 Tagen trennte ich mich in Minqin von den Kamelen. Es war kein leichter Abschied, als die Tiere die Ladefläche eines Lkws zur Rückfahrt nach Dunhuang bestiegen.
Nun begann für mich die zweite Phase der Reise. Zu Fuß und per Rucksack machte ich mich weiter auf den Weg nach Osten und tauchte in das Sandmeer der Tengger-Wüste ein, Chinas viertgrößter Einöde mit 36 000 Quadratkilometern. Ein Sandwogenterrain mit weiten Ebenen und welligen Hügeln. Zudem gab es in dieser Region einige Sümpfe und Hunderte von großen und kleinen Seebecken.
Gelegentlich erschwerten traumhafte Dünenteppiche mein Vorankommen. Vor allem wenn ich in die tiefen Senken abstieg, kam ich hin und wieder vom eingeschlagenen Kurs ab. Meine Peilpunkte lagen so weit entfernt, dass ich alle Sinne zusammennehmen musste, damit sich keine Fehler in meine Kursberechnungen einschlichen.
Dreimal traf ich eine kleine Karawane, die jeweils von einigen Mongolen geführt wurde. Vermummte Gestalten, die mit einigen beladenen Kamelen aus dem gelbbraunen Fluidum auftauchten. Für mich war das ein Glücksfall. So konnte ich nicht nur meine Wasservorräte auffüllen, sondern bekam auch etwas Proviant für meinen weiteren Weg – und am Abend eine warme Mahlzeit unterm Sternenhimmel.
Sechs Tage marschierte ich durch die Tengger-Wüste. Keine 200 Kilometer, doch eine Strecke, die mir viel Kraft abverlangte. Gleichwohl erlebte ich Landschaften, in denen die Reduktion der Elemente die Gegenwärtigkeit verstärkt. Monotone und karge Landschaften, die nur wenig mitteilen und doch tief in die Seele eindringen. Mal lief ich am Tag 30 Kilometer, mal 40, ein anderes Mal nur 20 – je nachdem, wie sich mir das ozeangleiche Land offenbarte. Die Mongolen nennen es Tengger Dalei – »Himmels-Ozean«. Es heißt, wer die Sanddünen der Tengger erklimmt, kann den Himmel berühren.
Wie Perlen an einer Schnur reihten sich ein paar mongolische Zeltlager, Dörfer oder Oasenstädte aneinander, ehe ich am 42. Tag das über 200 Kilometer lange Helan-Shan-Gebirge erreichte, das durchschnittlich 2000 Meter hoch ist und das die Xixia einst als heiligen Bezirk betrachteten. Neun Herrscher bestatteten sie hier und mehr als 70 führende Würdenträger ihres Volkes. Die Grabstätten erstreckten sich auf einer Fläche von viermal zehn Kilometern: 20 Meter hohe Steinaltäre, die kleinen Pyramiden glichen. Trotz der enormen Verwitterung konnte ich die Achteckform der siebenstöckigen Grabtürme gut erkennen.
30 Kilometer weiter erreichte ich Yinchan. Die Hauptstadt der autonomen Region Ningxia ist ein Industriestandort für Maschinenbau und Textilherstellung mit 650 000 Einwohnern. Für die Xixia war Yinchan im 11. Jahrhundert eine der bedeutendsten Städte, die damals »Hauptstadt des wachsenden Glücks« genannt wurde. Mittlerweile erinnern nur noch Ruinen an dieses ehemalige Handelszentrum.
Schließlich traf ich auf die breiten Fluten des Gelben Flusses (Huang-ho), wo mich ein Fährmann mit seinem Boot übersetzte und ich in die Ordos-Wüste kam, die der Huang-ho in einem weiten Bogen umschließt. In dieser ursprünglich so wüstenhaften Region sorgt eine Menge Grundwasser für viel Pflanzenwuchs. Sümpfe und Steppen wechseln mit Flusstälern, Terrassenland und Grashügeln. Dazwischen befinden sich mächtige Dünenketten.
Am 51. Tag rastete ich auf einer Anhöhe an einem Obo. Das ist ein kegelförmiger Schrein aus Stein, der einen kleinen Buddha in seinem Inneren birgt. Auf der Spitze flatterten an einem Stab weiße Gebetsfahnen. Ein alter Mann kniete vor dem Heiligtum und presste die Handflächen zusammen, während seine Lippen die Silben eines Mantras murmelten. Immer wieder rezitierte er die heilige Formel. Wohltuende Worte, die zu einem beruhigenden Summen verschmolzen und den frommen Mann in eine Art Trance versetzten, während ich mich etwas abseits auf einen erhöhten Steinblock setzte. Nach dem Gebet begrüßte mich der Alte mit nicht enden wollenden Grußformeln und goss mir aus einer bunten Thermosflasche milchigen mongolischen Tee in einen Becher. Ich kramte aus meinem Rucksack ein paar Kekse, reichte sie ihm und erzählte von meiner Wanderung. Er sagte kein einziges Wort, verstand aber fraglos, was ich in der Wüste wollte.
Während ich weiter nach Nordosten zog, kam ich mir in der großen Leere oft ganz klein und verloren vor. Wie ein Schwamm saugte die Weite meine Kräfte auf. Die Füße wurden schwerer, die Rucksackriemen bohrten sich schmerzhaft in die Schultern, und der Schweiß lief mir aus allen Poren. Kein Wunder, dass meine Konzentration nachließ und ich schließlich mehrere Navigationsfehler machte, die mich einige Male vom Kurs abbrachten. Wie besessen arbeitete ich mit Kompass und Karte, blickte immer wieder zum Horizont und suchte nach spezifischen Landmarken. Ich war froh, als ich inmitten einer großen Fläche aus Schotter und Sand einen Punkt im weiten Nichts entdeckte – und bald darauf zu einer Jurte aus Flechtweiden, Stoff und Leder kam, vor der einige Kamelhirten saßen. Bei heißem Tee und einer Portion gekochtem Hammelfleisch erfuhr ich, dass es bis zum Mausoleum Dschingis Khans, dem Ziel meiner Wanderung, nicht mehr weit war. Ich war unglaublich erleichtert. Sogleich spürte ich, dass die Worte der Mongolen ein enormer Schub für die Energiereserven meines Körpers waren. Nun konnte ich auch meiner Navigationsarbeit wieder vertrauen.
Und dann, am 61. Tag, erblickte ich Ejin Horo auf dem Ordos-Plateau, unweit von Dongsheng. In üppigem Grün erhob sich die Gedenkstätte des Dschingis Khan, für die Mongolen ein heiliger Ort. Acht weiße Palastzelte, wie sie der Khan bewohnt hatte, waren in drei achteckigen Gebäuden mit jurtenförmigen Kuppeldächern untergebracht, deren blau- und gelbglasierte Ziegel in der Sonne glänzten.
Vorbei an einigen Männern in blauen Gewändern und gelben Schärpen, die als Nachfahren mongolischer Soldaten die Gedenkstätte bewachten, trat ich in das Innere des Mausoleums, wo ich erwartungsgemäß den Mongolenfürsten antraf. In Stein gehauen. Eine fünf Meter hohe Statue in sitzender Haltung, die am Eingang des Mausoleums stand. Auf einem Altar brannten Kerzen, daneben Blumensträuße und kleine Opfergaben. Mehrmals im Jahr werden hier Feierlichkeiten zu Ehren des mächtigsten Herrschers des mongolischen Reichs abgehalten: Dann singen mongolische Mönche, werden Butterlampen angezündet und gebratene Schafe vor dem Standbild Dschingis Khans aufgebahrt. Eine Verherrlichung, die die chinesische Regierung nur widerwillig duldet.
Bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts soll hier im Mausoleum ein Sarg mit Reliquien des Dschingis Khan gestanden haben. Reliquien, die chinesische Muslime verbrannten, sodass sich nur noch ein leerer Sarg in der Gedenkstätte befindet. Die wirkliche Grabstelle des Dschingis Khan ist nicht bekannt. Angeblich soll sie im Norden der Mongolei im Chentii-Gebirge irgendwo am Südhang des Berges Burchan Chaldun (2445 Meter) liegen, in dessen Nähe Dschingis Khan geboren wurde. Der Name des Berges bedeutet so viel wie »Göttliche Weide«. Dort sollen Geister leben, die den Menschen Wasser und Fruchtbarkeit bringen.
Und über die Grabstelle Dschingis Khans heißt es, dass 1000 mongolische Reiter den Ort der Bestattung mit den Hufen ihrer Pferde eingeebnet hätten. Über den genauen Ort der letzten Ruhestätte konnte jedoch keiner der Reiter Auskunft geben, da alle Reiter nach ihrer Rückkehr hingerichtet wurden.
Als ich die Gedenkstätte des Dschingis Khan verließ, merkte ich, wie ich mich in einem Hochgefühl aus Erschöpfung und Freude verlor. Am liebsten wäre ich gleich morgen weitergezogen, weiter und weiter, um im Gehen zu leben. Aber mein Körper war ziemlich mitgenommen: Muskeln, Gelenke, Blasen und entzündete Augen brauchten Ruhe und etwas Pflege. Es würde einige Zeit dauern, ehe ich wieder ganz der Alte war. Einige Wochen würden darüber ins Land ziehen, in denen meine Bilder im Kopf, die ich aus Chinas Wüsten mit nach Hause nahm, ein Paradies bildeten, aus dem sich nichts vertreiben ließ – weder die Tage der Anstrengung noch die Tage voller Glück.