Ich nickte nur und spürte, wie mir die Angst in den Nacken kroch. Mein Herz pochte bis zum Hals. Mein Gott, worauf hatte ich mich da nur eingelassen! Hätte es in der Nähe einen Flugplatz gegeben, ich wäre so schnell wie möglich die Stufen der Gangway hinaufgestiegen, um das wilde, wüste Kurdistan zu verlassen.
»Dort drüben sind sie«, riss mich Ahmeds Stimme aus meinen Gedanken und wies mit dem ausgestreckten Arm zu einem langen Bergrücken, über den etwa zehn Gestalten gingen. Gespenstische Silhouetten, die sich gegen den mondhellen Nachthimmel abzeichneten. An ihrer Körperhaltung konnte ich erkennen, dass sie mit Gewehren oder Maschinenpistolen bewaffnet waren. Auf den Köpfen trugen sie Schutzhelme.
Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit. Was konnten wir tun? Sollten wir im Versteck bleiben oder uns davonschleichen? Was würde passieren, wenn uns die Soldaten entdeckten? Ahmed, Kemil und Mohammed würden sicher im Gefängnis von Diyarbakir verschwinden. Und auch mir würde es vermutlich nicht anders ergehen. Immerhin war ich illegal im kurdischen Rebellenland unterwegs. Allein diese Tatsache hätte schon ausgereicht, um in größte Schwierigkeiten zu kommen. Flucht war also die beste Lösung.
Als Kemil von einer Höhle sprach, die nur einige Kilometer entfernt lag, waren wir sofort bereit, dorthin zu flüchten. Wir mussten nur darauf warten, dass die Soldaten für einige Momente in einer Senke verschwanden. Dann griffen wir rasch zu unserem Gepäck und liefen los. Fast lautlos bewegten wir uns durch die düstere Bergwelt, hetzten durch ein ausgetrocknetes Flussbett, rutschten über einen schroffen Steilhang, folgten einem ausgehöhlten Felsband, kletterten über ein Gewirr von Steinklötzen und zwängten uns zwischen engen Felswänden hindurch.
Dann kurzes Stehenbleiben. Sekunden des Verschnaufens.
Gleich darauf tasteten wir uns weiter voran, einer dicht hinter dem anderen. Wie Schlafwandler fanden Kemil und Ahmed ihren Weg. Offensichtlich waren sie es gewohnt, in den Bergen herumzukraxeln und Hänge auf dem Hosenboden abwärtszurutschen. Mohammed tat sich dagegen etwas schwer, konnte kaum Schritt halten. Unsere Verfolger schienen – zum Glück – etwas zurückzubleiben. Hatten sie uns schon entdeckt?
Irgendwann erreichten wir den Rand einer tiefen Schlucht, die mindestens 200 Meter lang war. Im diffusen Mondlicht waren genaue Schätzungen unmöglich. Gleichwohl konnte ich erkennen, dass die Seitenwände steil und zerschunden in die Tiefe fielen. Die Schlucht mündete in eine kleine Senke, wo neben nackten Felsklötzen ein paar Sträucher wuchsen.
»Wie sollen wir da hinunterkommen?« fragte ich.
»Ich kenne einen Weg«, erklärte Kemil.
Also folgten wir ihm, mussten aber achtgeben, denn an einigen Stellen fiel die Felswand bis zu 300 Meter in die Tiefe.
Seitlich, mit dem rechten Fuß das eigene Körpergewicht abstützend, stiegen wir Schritt für Schritt abwärts, arbeiteten uns Meter für Meter an klaffenden Felsspalten vorbei, als ich weit hinter uns erneut den Lichtstrahl einer Taschenlampe sah.
»Die geben nicht auf«, meinte Ahmed, als wir den Boden der Schlucht erreicht hatten und einen weiteren Felshang erklommen. Er führte uns zu einem steinübersäten Plateau, auf dem die Felswände mit dichtem Gestrüpp bedeckt waren.
»Hinter einem der großen Büsche liegt der Zugang zur Höhle«, sagte Kemil mit gedämpfter Stimme. Wenig später zwängten wir uns lautlos durch das dichte Astwerk und kamen zu einem engen Schlund, der sich zwischen zwei mächtigen Felsplatten öffnete. Die Arme weit vorgestreckt, tasteten wir uns durch den schmalen Höhleneingang, der nicht viel mehr als ein Spalt war, in das feucht-kalte Innere. Kemil fingerte eine Streichholzschachtel aus seiner Jackentasche und entzündete eines der kleinen Hölzchen. Im schwachen Licht der winzigen Flamme erkannte ich, dass die Höhle recht hoch und ziemlich groß war. Als die kleine Flamme erlosch, kramte ich meine Taschenlampe aus dem Rucksack. In ihrem Lichtstrahl konnten wir uns genauer umschauen. Spalten und Risse klafften in der Höhlendecke, die eine fast gleichmäßige Wölbung aufwies. Wasser tropfte an einigen Stellen von den Seitenwänden, die mehrere Meter hoch waren. Auf der linken Seite hatte die Höhle eine Ausbuchtung, in der ein großer Stapel Brennholz aufgeschichtet lag. Rasch richtete Ahmed mit ein paar Steinen eine Feuerstelle her. Kurz darauf flackerten die ersten Flammen auf, zauberten Licht- und Schattenreflexe an die spröden Felswände.
»Bei Sturm und Gewitter habe ich hier schon viele Tage verbracht«, meinte Kemil halblaut. Ich erfuhr, dass die Höhle gelegentlich von Nomaden, Schäfern und auch Partisanen benutzt wurde.
Dann blickte ich mich weiter um. Nach rechts führte ein niedriger Gang, eine Art Stollen, der mit Versturzblöcken versperrt war. Weiter hinten, wo der Lichtschein meiner Taschenlampe nur noch schwach hinreichte, versperrte eine mächtige Felsplatte, die aus der Decke heruntergestürzt war, den Weg. Von dort drang das Gurgeln von Wasser an meine Ohren. Vielleicht ein unterirdischer Flusslauf. Zudem war da noch ein seltsames Geräusch, das mal ganz nahe war und sich dann wieder entfernte. Ein geisterhaftes Huschen, das im Schein des Feuers einen riesigen Schatten an die Felswände warf – und schon im nächsten Augenblick wieder aus dem Licht entschwunden war.
»Fledermäuse!«, sagte Ahmed und deutete auf einige versteckte Höhlenwinkel. Mit einem kleinen brennenden Ast, der mir als Fackel diente, ging ich etwas tiefer in das Gewölbe hinein. Und da sah ich sie: dunkelbraune Wesen mit großen Ohren und häutigen Flügeln, die mit ihrem Daumen an der Felsdecke hingen. Nur für Sekunden konnte ich die seltsamen Flugtiere im Schein der Fackel sehen, ehe sie flatternd in der Dunkelheit untertauchten, ohne irgendwo anzustoßen. Denn sie stoßen bei ihren Flügen für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbare Frequenzlaute aus, wobei die Schallwellen von den unterschiedlichen Hindernissen zu ihren Ohren zurückprallen. Eine Art Radarpeilung, die ihnen bei der Orientierung und der Beutesuche hilft.
Bereits im 18. Jahrhundert war es der Italiener Spallanzani, der sich intensiv mit dem Flugverhalten dieser Tiere beschäftigt hatte. In einem Raum, in dem er senkrechte Fäden spannte, ließ er einige Fledermäuse mit und ohne Augenbinden fliegen. Doch allen gelang es, sich geschickt in dem Fädenlabyrinth zu orientieren und den dünnen Hindernissen auszuweichen. So kam man dem Phänomen des geheimnisvollen Fledermausfluges auf die Spur.
Etwas später breitete ich meinen Schlafsack neben dem Feuer aus. Hundemüde machte ich es mir bequem, während Ahmed, Kemil und Mohammed selbstgedrehte Zigaretten rauchten und mir von ihren Familien und dem Leben in ihren Dörfern erzählten. Unsere Gespräche fanden in einem Kauderwelsch aus Kurdisch und Englisch statt. Ausdrucksweise und Wahl der Worte waren eher locker und flüssig als grammatikalisch richtig.
»Die türkische Regierung ist schuld«, sagte Ahmed, »dass es in Kurdistan keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine vernünftigen Straßen, keine Krankenhäuser und keine Schule gibt.«
Kemil nickte und fügte hinzu: »Deshalb wehren wir uns, lassen uns nicht länger als Menschen zweiter Klasse behandeln. Wir wollen keine Zwangsumsiedlung, keine Flüchtlingslager und keine Verschmelzung mit den Türken. Was wir wollen, ist eine selbstregierte Heimat – mit eigener Sprache und unseren Traditionen. Deshalb schließen sich auch immer mehr Kurden den Peshmerga-Kriegern (wörtlich: Kämpfer, die dem Tod ins Auge sehen) an und kämpfen gegen die Armeen im Iran, Irak und der Türkei.«
Nachdenklich stellte ich eine Frage, die mir schon seit Wochen auf der Seele lag: »Türkische Zeitungen haben berichtet, dass es viele kurdische Anschläge gab, bei denen auch Frauen und Kinder getötet wurden. Wer ist dafür verantwortlich?«
»Das sind Terroraktionen radikaler Untergrundgruppen, die aus Syrien und dem Irak kommen. Fanatiker sind das, die nur töten wollen. Ein freies Kurdistan ist denen egal. Nichts haben wir mit denen zu tun.« Kemils Worte hallten noch in mir nach, als ich an Karl Mays Roman Durchs wilde Kurdistan denken musste. Der sächsische Schriftsteller hatte das Schicksal der Kurden mit Worten beschrieben, die immer noch aktuell wirkten: Aus den Tälern Kurdistans ist der Qualm brennender Dörfer und der Geruch von Strömen vergossenen Blutes zum Himmel gestiegen. Wir befinden uns in einem Lande, in dem Leben, Freiheit und Eigentum mehr gefährdet sind als anderswo …
Am nächsten Morgen zog milchiger Dunst aus den Tälern herauf und kroch über Hügel und Bergketten. Der kalte Wind, der am Vortag fast unentwegt von Osten geweht hatte, war eingeschlafen. Draußen vor der Höhle war alles still. Nirgendwo ein Laut oder eine Bewegung. Nirgendwo konnten wir eine Militärpatrouille entdecken. Also packten wir unsere Sachen zusammen, ehe ich noch mal auf die Landkarte schaute und sich mein Blick in einem Namenslabyrinth unzähliger Berge, Schluchten und Flüsse verlor. Dann zwängten wir uns durch das dichte Strauchwerk, das den Höhleneingang vollständig verbarg. Jedes Geräusch vermeidend, machten wir uns wieder auf den Weg.
Nur ein paar Kilometer gingen wir noch zusammen, ehe ich von meinen kurdischen Gefährten Abschied nahm. Sie drückten mich an ihre Brust und wünschten mir alles Gute. Kurz darauf verschwanden sie hinter einem hohen Felsgrat.
Ich war wieder allein, inmitten einer wilden Licht- und Schattenwelt.
Ich befand mich in Kurdistan, einem Land, das in keinem Atlas verzeichnet ist. Ein Rebellenland, das im Schnittpunkt von fünf Staaten liegt: Türkei, Russland, Iran, Irak und Syrien. Seit undenklichen Zeiten kämpfen hier viele Kurden um ihre nationalen Rechte. Es ist das ohnmächtige Aufbäumen eines unterdrückten 20-Millionen-Volkes, das einen eigenen Staat beansprucht. Doch wo liegt dieses Kurdistan eigentlich?
Kurden erzählten mir, dass sich ihr Reich zwischen dem biblischen Berg Ararat im Norden, dem iranischen Hochland im Osten, den Ufern des Tigris im Irak und den zentraltürkischen Ebenen des großen Stroms Euphrat erstreckt. Eine schwer zugängliche Felswüste mit etwa 500 000 Quadratkilometern. Ein Steinland so wild und abweisend wie das algerische Hoggar- oder Tassili-Gebirge im Süden der Sahara – mit wuchtigen Felsmassiven, Geröll und Sand, mit Wadis, Schluchten und Tälern und einem extremen Klima, das nur wenig Vegetation zulässt.
An dieses karge Land klammert sich das Volk der Kurden seit Generationen und trotzt den übermächtigen Armeen diesseits und jenseits der Grenzen. Es ist das größte Volk der Erde ohne eigenen Staat, das die Geschichte in einen tragischen Konflikt grenzüberschreitender Unruhen trieb – wovon die Weltöffentlichkeit kaum Notiz nahm. Selbst als 1988 der Diktator Saddam Hussein Giftgas-Granaten gegen das kurdische Volk im Irak einsetzte, wobei Tausende von Menschen starben, hielt die Welt zwar schockiert den Atem an, tat aber nichts. Bis heute hat die Weltöffentlichkeit wenig unternommen, um das Leid der Kurden zu beenden. Und wenn man bedenkt, dass allein im Irak fast zwei Drittel des gesamten Erdöls aus kurdischem Erdboden gefördert werden, scheint es zumindest so, als würde das Schweigen der Öffentlichkeit das Interesse der Großmächte widerspiegeln. Somit ist der Autonomiestatus, den die irakischen Kurden mittlerweile erreichen konnten, nicht mehr als ein Teilerfolg auf einem langen Weg zu einem eigenen Staat.
Seit meiner Jugend, als ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke Karl Mays Durchs wilde Kurdistan las, beflügelt diese Region meine Phantasie. May hat darin die Auseinandersetzung der Kurden mit ihrer Umwelt in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts geschildert.
So kam es, dass ich mir gegen Ende der achtziger Jahre vornahm, mitten durch den »Wilden Westen« des Nahen Ostens zu ziehen. Vom Dreiländereck Syrien, Türkei und Irak bis zum biblischen Berg Ararat (5165 Meter), an dessen Hängen die Arche Noah gestrandet sein soll. Eine Strecke von etwa 300 Kilometern, die ich zu Fuß bewältigen wollte, nur mit einem Rucksack auf den Schultern. Kurden in Deutschland, die mir umfangreiche Informationen und Kontakte vermittelten, hielten mein Vorhaben für gewagt und meinten, dass der Zeitpunkt meiner Wanderung – aus politischen Gründen – nicht so günstig gewählt war. Doch wann gab es in Kurdistan schon mal eine Zeit, die frei von Unruhen war?
Begonnen hatte meine Reise in der Hauptstadt Syriens, wo ich mich auf den Spuren von Karl Mays Romanfiguren Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar bewegte. Ganz ähnlich war es mir schon im Sudan, in Ägypten und in Tunesien ergangen, wo ich auf vieles gestoßen war, was ich aus Karl Mays vor mehr als 100 Jahren erschienenen Büchern kannte. Die einzigartigen Abenteuer, die er in seinen »Reiseerzählungen« niederschrieb, machten ihn schließlich nicht nur berühmt, sondern auch zum Markenartikel. Das Problem war nur: Karl May behauptete, seine Abenteuergeschichten nicht erfunden, sondern tatsächlich erlebt zu haben, sodass ihm die Literaturkritik Betrug vorwarf. Eine Schmähung und Medienschelte, die ich nicht nachvollziehen kann, weil ich Karl Mays schriftstellerische Tätigkeit als eine genialische Leistung schöpferischer Phantasie empfinde. Mit besten geographischen Kenntnissen und einem gewaltigen Quellenstudium hat er ein einzigartiges Werk geschaffen, das in 42 Sprachen übersetzt wurde und den Vorstellungskosmos ganzer Generationen prägten.
Vor allem Karl Mays Romane Von Bagdad nach Stambul und Durchs wilde Kurdistan boten mir reichlich Anregungen, um in den Orient einzutauchen. Meine erste Station war Damaskus, das einst als eine der schönsten Städte der Welt galt. Syrer erzählen gerne, der Prophet Mohammed habe sich geweigert, diesen Ort zu betreten, weil jeder Mensch nur einmal ins Paradies kommen könne. Doch ich konnte hier zunächst wenig Paradiesisches entdecken. Stattdessen erlebte ich eine ewig lärmende Stadt mit vierspurigen Straßen, bleiweißen Staubsäulen und einer unübersehbaren Häuserflut, die einem steinernen Zellgeflecht glich. Zementgraue Wohnblocks, flimmernd im Licht, die sich in alle Himmelsrichtungen kreuz und quer ausdehnten, manche nur halbfertig. Dazwischen Moscheen in allen Größen, von deren Minaretten die Muezzins per Lautsprecher zum Gebet riefen. Und immer wieder das Porträt von Assad, dem Herrn des Landes, das auf zahllosen Wänden prangte. Ein bilderseliger Führerkult. Damaskus war kein Paradies, eher ein Moloch, der nie Ruhe gab und in dem sich fünf Jahrtausende schatten- und schemenhaft verloren.
Damaskus ist eine der ältesten Städte der Erde, aber die Zeit ihrer Gründung ist nicht genau zu bestimmen, da die muslimische Geschichtsschreibung die Fäden der Überlieferung eher verwirrt als entwickelt hat, liest man in Karl Mays Von Bagdad nach Stambul. Die Heilige Schrift erwähnt Damaskus des öfteren. Zu jener Zeit wurde es auch Aram Damasek genannt. David eroberte es und zählte es zu den glänzendsten Perlen seiner Krone. Nachher herrschten die Assyrer, Babylonier, Perser, die Seleukiden, Römer und Araber. Als Saulus zum Paulus wurde, stand sie unter dem Zepter der Araber. … Oft wurde Damaskus erobert und in Trümmer gelegt, aber immer erhob es sich wieder mit neuer Lebensfähigkeit. … Heute spricht man von 200 000 Einwohnern, die Damaskus besitzen soll; die Zahl 150 000 wird aber der Wahrheit näher liegen, berichtet Kara Ben Nemsi durch die träumende Feder Karl Mays.
Mittlerweile hat Damaskus fast zwei Millionen Einwohner. Eine pulsierende Stadt mit einer Fülle von geschichtlichen Highlights: Da gibt es die Omaijaden-Moschee, die zu den ältesten der islamischen Welt zählt. Im Inneren ruht seit 1500 Jahren der abgeschlagene Kopf Johannes des Täufers, mit dem Salome tanzte, als die Welt noch heidnisch war. In Damaskus findet man auch das Grab des Sultans Saladin, der die Kreuzritter bezwang. Dann die korinthischen Säulen zur Vorhalle des damaszenischen Jupitertempels. Und nicht zu vergessen: römische Torbögen und Paläste, Karawansereien und Koranschulen. Überall ist Geschichte sichtbar, begegnet sich Frühchristliches und Frühislamisches, Antike und Mittelalter, Kalifat und Kolonialzeit.
Das exotische Flair von Orient und Morgenland fand ich schließlich in der Damaszener Altstadt, wo der Souk, der große Basar, das Alltagsleben aufsaugt. Schwitzend irrte ich hier durch ein gigantisches Gassengewirr, mitgerissen von einem Menschenstrom, der mich von Laden zu Laden trieb, während hoch oben, zwischen den Hausdächern, Schilfmatten oder Lattengitter die engen Gehwege beschatteten. Die schmalen, winkligen Gassen, die gerade breit genug waren, ein beladenes Eselchen passieren zu lassen, bildeten ein ungeordnetes Netz mit zahllosen Geschäften und Verkaufsständen voller Düfte und Gerüche. Alle zehn Schritte wurde ich von jugendlichen Schleppern angesprochen, die wie Kletten zäh an mir hingen. Für ein bisschen Geld wollten sie mich als Pfadfinder durch das Gassenlabyrinth begleiten oder mir gar die ganze Stadt zeigen.
Tags darauf war es nicht weit nach Palmyra. Was klingt in diesem Namen nicht alles mit: Palmen, Wüstenwind, Myrrhe, Weihrauch und Säulen im Sand. Dort erinnert fast jeder Stein an jene Glanzzeit, als die antike Oasenstadt zwölf Jahre lang – zwischen 260 und 272 – alle Länder zwischen Bosporus und Nil beherrschte. Karawanen aus Arabien und Mesopotamien tränkten hier ihre Tiere, und in den imposanten Säulenhallen wurde Persisch, Aramäisch und Griechisch gesprochen, ehe die römischen Legionen des Kaisers Aurelian den Ort zerstörten. Besonders durch die Anbindung an die Seidenstraße gelangte Palmyra, die seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. unter römischer Hoheit stand, zu großem Reichtum, der sich vor allem in monumentalen Bauwerken offenbart: Da wurden Tempel und Thermen gebaut, Triumphtore, Theater und Wohnhäuser. Ein Spektakel römischer Zivilisation, mittlerweile nur noch ruinenhaft, doch nach wie vor ein grandioses Freilichtmuseum.
Zudem entwickelte sich an diesem geschichtsträchtigen Ort eine ungewöhnliche Kultur, die griechisch-römische und orientalische Elemente miteinander vereinte, ehe Palmyra an Bedeutung verlor und in die Hände der Moslems überging, die bereits unweit der antiken Stadt eine Bergfestung namens Tadmor angelegt hatten. Ein Name mit altsemitischem Ursprung, der so viel wie »Wachposten« bedeutet.
Erst 1678 entdeckten britische Kaufleute die antiken Tempelruinen von Neuem, die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen und für viele Bildungsreisende des Abendlandes zum klassischen Reiseziel wurden.
Auch die alten Karawanenwege, die ehemals von Palmyra nach Bagdad, Babylon und Kurdistan führten, gibt es noch immer. Allerdings werden die verzweigten Wüstenstraßen heute von donnernden Lastwagen benutzt. Doch jenseits aller Wellblechpisten und Asphaltbänder erstreckt sich seit jeher eine große Stille: die Syrische Wüste, zu der zwei Drittel der Landesfläche zählen. Dort war ich mit einem Beduinen unterwegs, der einen grauen Umhang trug und dessen Kopf in ein landestypisches kariertes Tuch gehüllt war. Mustafas Gesicht mit den großen braunen Augen, der gebogenen Nase und dem Stoppelbart am Kinn war fast immer heiter. Seine Bewegungen wirkten locker und geschmeidig, als wir Schritt für Schritt in die Wüste zogen.
Fortan bewegten wir uns zu Fuß oder im ruhigen, schaukelnden Gang der Kamele, die mit Proviant und reichlich Trinkwasser beladen waren. So zogen wir von Tag zu Tag durch eine Landschaft, deren Großzügigkeit keine Grenzen kannte. Manchmal liefen oder ritten wir stundenlang nebeneinander durch sandiges, steiniges Terrain, ohne dabei viele Worte zu wechseln. Es war herrlich für mich, wenn sich die horizontweiten Ebenen aus Sand und Stein vor uns ausrollten. Nicht umsonst heißt es in einem arabischen Sprichwort: Der Weg zur Macht führt durch Paläste, der zum Reichtum durch Basare, aber der Weg zur Weisheit durch die Wüste.
Die Tage zwischen Himmel und Weite hatten ein ruhiges Gleichmaß. Einmal mehr bekam ich in der Wüste eine andere Einstellung zur Zeit, lebte nur noch in der Gegenwart, während es durch ausgedörrte Flusstäler ging, in denen sich alle Schattierungen von Gelb bis Ocker fanden. Mittags machten wir im Schatten eines Baumes eine längere Pause und hofften auf etwas Wind, der die drückende Luft vertrieb. Dann liefen wir weiter – über geriffelte Sandfelder, erodierte Abraumhalden, kiesbedeckte Flächen, sägeartige Höhenzüge und staubiges, steppenartiges Gelände, wo Stechfliegen, Skorpione und Sandvipern zu Hause sind. Ein Land der Durchgangswege von Hochkulturen, ein Land von Völkerbewegungen und Kriegszügen, dessen Weiten bei schwindendem Licht von einer unendlichen Melancholie erfasst werden. Landschaften wie geträumt, in denen der Wind säuselt, Lehm bröselt, Sandkörner fliegen, einzelne Palmen sich im Wind wiegen und nach Sonnenuntergang Myriaden von Sternen am tiefdunklen Nachthimmel erscheinen.
Hin und wieder trafen wir auf kleine Beduinenlager. Oft besaßen die Familien nur das Notwendigste. Die Gesichter und Körper waren kantig und hager, hatten sich der herben Landschaft angeglichen, während die leuchtend bunten Kleider der Frauen in krassem Gegensatz zu den monotonen Farben der Wüste standen. Ihr Leben hatte sich auf das Wesentliche reduziert: Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und das Alltägliche, das getan werden musste.
Meist verbrachten wir eine Nacht in der Obhut der Wüstenbewohner, bekamen zum Abendessen ein Gericht aus Kartoffeln, Reis, Tomaten und Zwiebeln, schliefen in schwarzen Wollzelten und verzehrten morgens zum Frühstück frisch gebackenes Fladenbrot, etwas Ziegenkäse und Marmelade, ehe wir nach Nordosten weiterzogen – zum Euphrat, mit 2736 Kilometern der längste Strom Vorderasiens.
Vom Euphrat führte mich mein Weg in nordöstlicher Richtung nach Kurdistan, wo sich Wüste und Berge die Hand reichten und schon vor Jahrmillionen die Kräfte des Erdinneren eine großartige Landschaft gestalteten. Noch heute sind Erdbeben in dieser Region keine Seltenheit, sie zeigen, dass das unterirdische gashaltige Meer längst nicht zur Ruhe gekommen ist.
Kurdistan ist eine geheimnisumwitterte Felswüste mit menschenabweisendem Charakter. Dennoch besitzt dieser Landstrich eine ganz eigene Schönheit. Ein Reich der Steine, geprägt von erstaunlicher Formenvielfalt, wo ausgetrocknete Flussbetten, die an Tentakeln von Riesenkraken erinnern, das Land durchschneiden; wo windgeschliffene Bergmassive mitten in der Bewegung erstarrt sind; wo schmale tückische Bergpfade in entlegenste Winkel führen – und wo ich nach Einbruch der Dunkelheit oft dem Heulen der Wölfe lauschte, die mich eines Nachts belauerten: Grün schimmernde Augen huschten durch das mondhelle Dämmerlicht, kreisten um meinen Lagerplatz. Mir war klar, dass ich die Tiere verscheuchen musste, und ich erinnerte mich daran, wie ich vor einigen Jahren bei den Berbern im marokkanischen Atlasgebirge saß und eine Handvoll Wölfe um uns herumschlich. Damals steckten die Männer ihre Finger in den Mund und pfiffen so laut, dass ich glaubte, mir würde das Trommelfell platzen. Gleichwohl verfehlten die schrillen Töne der Berber nicht ihre Wirkung: Binnen weniger Minuten waren die Wölfe verschwunden.
Fast ebenso machte ich es jetzt auch: Mit einem langen Stock bewaffnet, lief ich schreiend auf die Wölfe zu, die erschrocken auseinanderstoben und hinter einigen Felsblöcken verschwanden. Dann entfachte ich rasch ein Feuer. Und als die Wölfe nach einer Weile zurückkamen, knurrend und fauchend, ihre Ruten wütend in den Boden schlagend, zog ich zwei brennende Äste aus den Flammen, stürmte in die Richtung der Tiere, schrie erneut aus vollen Lungen und schwenkte die Fackeln wild durch die Luft – bis die Tiere zurückwichen und endgültig davontrabten.
Anderntags war ich Gast in einem kleinen kurdischen Dorf, wo mir ein paar Männer von Sultan Saladin erzählten, der 1187 ein 60 000-Mann-Heer der Kreuzritter besiegte und die heilige Stadt Jerusalem für den Islam zurückeroberte. Vielen Feinden schenkte er damals das Leben und die Freiheit. Nicht zuletzt deshalb wird Saladin, der einst im Land der Kurden geboren wurde, von der kurdischen Bevölkerung noch heute verehrt.
Wir tranken Tee und aßen Fladenbrot, als acht türkische Soldaten lärmend in das Dorf stürmten. Rücksichtslos drangen sie in die Hütten der Bewohner ein und suchten nach Waffen. Es folgten rüde Verhöre. Doch die Kurden, die offiziell in der Türkei gar nicht existieren, zeigten sich trotzig und verschlossen. Schließlich war ich an der Reihe. Man wollte wissen, woher ich kam und wohin ich wollte. Argwöhnisch durchblätterte ein Soldat meinen Reisepass, während ein anderer den Rucksack filzte. Ich erklärte, dass ich mich auf einer Wanderung verlaufen hätte. Doch überzeugen konnte ich die misstrauischen und gereizten Soldaten nicht. Irgendwann stand fest: Ich musste die Patrouille zurück nach Hakkari begleiten.
Ein Gewehrlauf wies mir die Richtung.
Noch am gleichen Abend bezog die Militärstreife in einem einsamen, leerstehenden Haus ihr Nachtquartier. Um einen Holztisch sitzend, tranken die Soldaten heißen Tee und Raki-Schnaps gegen die Kälte, während ich draußen im Dunkeln hockte und über meine Lage nachgrübelte. Wie würde es mit mir weitergehen, wenn mich die Sicherheitsbeamten in Hakkari für einen Spion hielten? Keine Frage: Ich musste abhauen – und zwar schnell.
Als der Mond gegen Mitternacht hinter einer ausgedehnten Wolkenbank verschwand, schaute ich noch einmal durch das Fenster in den Raum, wo die Soldaten hockten, und vergewisserte mich, dass alle beschäftigt waren. Keiner dachte ernsthaft daran, dass ich mich aus dem Staub machen würde. Ein Umstand, den ich nutzte. Ganz leise nahm ich meinen Rucksack auf und folgte zwischen hohen Felsen einem steilen Pfad bergauf, zwängte mich durch einen Gesteinsspalt, der gerade breit genug war, dass ein Mensch hindurchkam – und tauchte im Zwielicht des Sternenhimmels unter, das mir gerade ausreichend Sicht bot.
Nach einigen Kilometern verlangsamte ich meine Schritte, blickte mich aber weiterhin wachsam um und verwischte meine Spuren, indem ich meine Stiefel auszog, die Hosenbeine hochkrempelte und einem kleinen Flusslauf aufwärts folgte.
Hinter einem höher gelegenen Seitencanyon, gut versteckt zwischen Büschen und Felsblöcken, suchte ich mir erschöpft einen Platz zum Ausruhen und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
Tags darauf traf ich auf einige Kurden, die allein oder in kleinen Gruppen unterwegs waren. Stolze Gestalten mit hohen Wangenknochen und Adlernase. Illegal, ohne sich um die Grenzlinien zu kümmern, wechselten sie von einem Staat in den anderen, so wie auch ich die kaum kontrollierten Grenzen mehrmals »schwarz« passierte. Dabei stieß ich gelegentlich auf kastenförmige Häuser, die am Hang klebten: Wohnstätten kurdischer Familien, die dunklen Höhlen glichen, kaum erleuchtet durch Kerzen und Petroleumlampen. Kinder mit kurzgeschorenen Köpfen und großen Rosinenaugen pressten ihre ernsten Gesichter von innen an die Plastikfolien, die vor die lukenartigen Fenster gespannt waren. Hier backten die Frauen den Brotteig noch an heißen Wänden großer Tonkrüge, wobei der dünne Teig erst dann von der erhitzten Innenwand abfiel, wenn er gar war.
Diese Dörfer waren von der Außenwelt völlig abgeschnitten, die Familien isoliert. Keine Straße führte hierher, nur winzige Pfade, auf denen allenfalls ein Maultier vorankam. Kein Wunder, dass die Zahl der Kranken in den kurdischen Dörfern enorm hoch war. Es fehlte an Ärzten und Medikamenten. Von 500 Neugeborenen starben 80 im ersten Lebensjahr. So wurde ich oft nach Tabletten und Salben gefragt. Doch meine Notapotheke war nicht groß. Nur bei Hals-, Magen- oder Darmbeschwerden konnte ich behilflich sein.
Weiter führte meine Route nach Nordosten zum iranischen Urmiasee (kurdisch: Gola Urmiyê), dessen Oberfläche vom sanften Wind leicht gekräuselt war. Es ist der größte Binnensee des Iran: 140 Kilometer lang und 55 Kilometer breit. Ein riesiger Steppensee mit mehr als 100 Inseln, der von Jahr zu Jahr mehr austrocknet und schrumpft. Ursache sind die geringen Niederschläge, das trockene Klima und der hohe Salzgehalt des Sees, der bis zu 30 Prozent beträgt, sodass am Ufer Unmengen von Salzkristallen liegen. Zudem gibt es hier kaum Tier- und Pflanzenarten. Gleichwohl gönnte ich mir nach tagelanger Katzenwäsche ein erfrischendes Bad im salzigwarmen Wasser, ehe ich den See verließ und es weiter gen Norden ging. Ich wanderte durch ein leeres Stück Land voller kahler Felsen und gesprenkeltem Steppengras. Nur hier und da ein paar Lehmhütten und eine stelzende Esel- oder Kamelkarawane. Doch wenn ich auf ein grünes Tal traf (allerdings nur sehr selten), wimmelte es dort von Schafen, die den Nomaden neben Nahrung auch Wolle für Zeltstoffe, Kleider und Decken liefern.
Entlang einer Bergregion mit über 3000 Meter hohen Gipfeln, die von den Einheimischen im Iran Kuh-e Zaki genannt wird, legte ich am Tag zwischen 20 und 30 Kilometer zu Fuß zurück. Mühsam stieg ich über brüchige Schotterpfade, ging Stunde um Stunde hinauf und hinunter, als ich in der Ferne auf ein paar winzige Punkte aufmerksam wurde. Sofort griff ich zum Fernglas und sah eine kleine Eselkarawane. Stämmige Maultiere mit Frauen im Sattel, die leuchtend grüne, rote und gelbe Kleider trugen. Feiner Staub wirbelte zwischen den Beinen der Packtiere auf, die mit Säcken, Taschen, Ziegenbälgen und bunten Decken beladen waren. In einem Korb hockten ein paar Hühner, die ihre Köpfe aus dem Flechtwerk steckten. An den Schultern einer Frau war ein hölzernes Traggestell befestigt, in dem ein Baby lag. Kannen, Töpfe und Pfannen baumelten über dem Sattelknauf. Alle paar Minuten verlangsamten die Esel ihr Tempo und knabberten zwischen Geröll und Steinbrocken an buschigen Grassoden, bis einige Kinder den Lasttieren mit heftigen Stockhieben Beine machten.
Nicht weit dahinter trippelte eine Schaf- und Ziegenherde, angetrieben von zwei Männern, vermutlich Vater und Sohn, die merkwürdig-kehlige Laute ausstießen, denen die Nachzügler gehorchten. Die beiden Männer trugen abgenutzte Hosen und Jacken und auf dem Kopf eine hohe Kappe, um die ein Turbantuch geschlungen war. Menschen der Berge und des Windes, die sich nicht zur Sesshaftigkeit zwingen ließen, sondern vom Unterwegssein geprägt waren. Menschen, die, getrieben von ständiger Sorge um ihr Vieh, jahrein, jahraus durch das Land zogen, immer auf der Suche nach Wasserstellen und Weideflächen. Ein hartes und einfaches Leben in biblischer Existenzform.
Je weiter ich auf türkischem Boden nach Norden gelangte, desto heißer und stickiger war es. Gleichwohl kam ich gut voran, bis ich die ganze Wetterküche Kurdistans hautnah erlebte. Erst tobten orkanartige Fallböen gegen mein Biwak, das ich die halbe Nacht mit beiden Händen am Gestänge fest umklammert hielt. Dann entluden sich schwarze Wolkenungetüme in sintflutartigem Regen. Fast schmerzhaft peitschten mir die Tropfen ins Gesicht und brannten auf der Haut, ehe ich unter einer überhängenden Felswand etwas Schutz fand. Dort fühlte ich mich wie in einer wasserfallumtosten Grotte. Doch damit nicht genug: Als die heftige Regenflut nachließ, zerschnitten wilde Blitze das tief hängende Gewölk. Grollender Donner erschütterte die Berge, und der nächtliche Himmel erglühte in violettem Feuerzauber.
Am nächsten Morgen, als das Unwetter sich verzogen hatte, entdeckte ich neben meinem Biwak eine Schlange, die in eine Felsspalte floh. Entsprechend vorsichtig rollte ich mein kleines Kunststoffhaus zusammen, denn bei den meisten Schlangen dieser Region handelt es sich um giftiges Getier.
Welch unglaubliches Glück, als ich in einem ausgedehnten Tal einige weiße Woll- und erdbraune Ziegenzelte entdeckte! Ich traf auf einige Schäfer, kurdische Halbnomaden. Ein paar magere Wachhunde sprangen mir knurrend entgegen, kläfften laut, als ich mich dem kleinen Zeltlager näherte. Rasch war das Misstrauen der Nomaden verflogen, als ich mit wenigen Worten von meiner Wanderung erzählte. Sie boten mir einen Platz am Lagerfeuer an, und zu Fladenbrot und Schafskäse gab es ein buttermilchartiges Getränk. Später am Abend wies mir Yasar, ein stattlicher und freundlicher Kurde um die 30, einen Schlafplatz im großen Wohnzelt zu. Unter einem gewebten Dach aus Ziegenhaar brauchte ich auf einem weichen Lager aus übereinanderliegenden Decken nur noch meinen Schlafsack auszurollen. So bequem hatte ich es schon lange nicht mehr gehabt.
Nach drei Wochen Fußmarsch erreichte ich Doğubeyazıt. Eine türkische Stadt mit Cafés, kleinen Hotels, Einkaufsläden, Barbierstuben und Apotheken, die vor langer Zeit an einem jahrtausendealten Karawanenpfad gegründet wurde. Bewaffnete Jandarma-Soldaten patrouillierten durch die Straßen. Graubärtige Männer knieten mit weißer Andachtshaube auf schattigen Hinterhöfen und murmelten ihre Koran-Suren. Junge Frauen mit ebenholzfarbenen Gesichtern und bunten Kleidern machten Einkäufe, während ihre Kinder zwischen Autos und Eselskarren tobten.
Nach ein paar Ruhetagen im weichen Hotelbett brach ich zum weißen Haupt des biblischen Berges Ararat auf, der in assyrischen Inschriften als Urartu überliefert ist, den die Armenier Masis nennen, die Mutter der Welt, und die Anatolier Büyük Ağri Dağı, Berg der Schmerzen. Völlig freistehend ragt er von einem 1000 Meter hohen Plateau über 4000 Meter in den Himmel. Und mit einer Gesamthöhe von 5165 Metern ist kein Berg im Umkreis von mehreren Kilometern machtvoller und größer. Zudem bedeckt der Ararat, zusammen mit dem Kleinen Ararat (Kücük Ağri Dağı, 3896 Meter), eine Fläche von rund 1500 Quadratkilometern. Seit fast 2000 Jahren ist dieses Bergmassiv Bestandteil des christlichen Glaubens, denn laut Bibel gibt es keinen Zweifel, dass die Arche Noah auf dem Gebirge Ararat strandete und von dort auch das Menschengeschlecht stammt. Und die Wasser wuchsen gewaltig auf Erden hundertundfünfzig Tage, heißt es in der Heiligen Schrift. Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und ließ Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen. Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels, und dem Regen vom Himmel wurde gewehrt. Da verliefen sich die Wasser von der Erde und … am siebzehnten Tag des siebten Monats ließ sich die Arche nieder auf dem Gebirge Ararat.
Nach dem Rückgang der Sintflut soll die Wiederbesiedlung der Erde durch die Söhne Noahs erfolgt sein: Ham und Sem, die Urväter der Hamiten und Semiten, zog es ins Morgen- und Abendland hinaus, während Japhet, der jüngste Sohn, sich in der Nähe des Ankerplatzes der Arche niederließ.
Der Koran, in dem Prophet Nuh (Noah) und sein Rettungsschiff ebenfalls verewigt sind, will es in der 11. Sure noch genauer wissen: Und es nahm ab das Wasser, die Ordnung wurde wiederhergestellt und das Schiff hielt auf el-Cudi.
Der islamischen Überlieferung nach soll Noahs Holzschiff also in der südlichsten Tauruskette auf dem Gipfel des 2114 Meter hohen Berges Cudi angelandet sein, der sich an der türkisch-irakisch-syrischen Grenze erhebt und einer steinernen Mauer gleicht.
Nach wie vor gibt es Geschichten über Geschichten, die sich um den Verbleib der Arche Noah ranken, aber keine Beweise. Doch eine große Überschwemmung hat es zwischen Euphrat und Tigris gegeben. Das überliefern nicht nur die Annalen von Sumer und Ur, das haben auch Grabungen von Altertumsforschern und Archäologen ergeben, die umfangreiche Erd- und Schwemmsandschichten aus uralter Zeit fanden. Vor allem der Engländer Sir Charles Leonard Woolley, der im Südirak die sumerischen Königsgräber von Ur entdeckte, lieferte eindeutige Beweise für eine gewaltige Überschwemmungskatastrophe im Zweistromland.
Im Morgengrauen stieg ich an der Nordwestseite des Ararat aufwärts. Über schroffe Hänge mit erstarrten Lavaschlacken, ausgedörrten Disteln, stacheligen Gräsern und Geröll kam ich trotz empfindlicher Kälte flott voran. Höhenmesser, Kompass und Karte wiesen mir den Weg, wobei meine Füße wie von selbst ihren Halt zwischen den kantigen Basalt- und Trachytblöcken fanden. Als ich auf 4200 Meter Höhe das Biwak für die Nacht aufschlug, zogen sich finstere Wolkenbänke zusammen. Bald streiften Nebelfetzen über das Gelände, und ein rauer Wind rüttelte an den Zeltwänden. Die Temperatur sank rapide. Südoststurm. Nervenzermürbend blies er die ganze Nacht.
In der Morgendämmerung schälte ich mich mit ungelenken Gliedern aus dem Schlafsack. Auf die Flammen meines kleinen Gaskochers setzte ich einen Topf mit Schnee. Ich bereitete mir heißes Wasser zu, rührte ein Suppenpulver hinein, worauf sich im Zelt der Geruch von würziger Kraftbrühe verbreitete. Hungrig schlürfte ich die Suppe, aß etwas Brot und Speck dazu.
Nach dem Frühstück stieg ich über eisige Schatten bergan und gewann rasch an Höhe, ehe ich im klaren Morgenlicht mit Steigeisen und Stahlpickel über die bläuliche Eiswüste des Gletschers stapfte, der bei 4900 Metern begann. Auf einer verharschten Schneeschüssel brachen meine Füße immer wieder durch die Firnkruste. Quellwolken umhüllten mich, während ich Meter für Meter an Höhe gewann.
Als ich den Gipfel erreichte, jagten heftige Böen über den Grat und zerrten an meiner Kleidung. Die Luft war spürbar dünner. In der Eiseskälte gefror mein Bart. Müde setzte ich mich auf einen Felsen und schaute ringsum, als für Augenblicke das graue Gewölk auseinanderriss. Der unbegrenzte Blick verlor sich in einer atemberaubenden Weite. Eine Welt vielfältigster Farben, ohne Menschen, Autos und Lärm. Nur Natur.
Beim Abstieg vom Gipfel des Ararat zog sich ein schwefelgelber Wolkenkranz um das Massiv zusammen. Ein Unwetter drohte und trieb mich zu keuchendem Vorwärtshasten an. Doch erst am späten Nachmittag, als ich bis auf 2000 Meter hinabgekraxelt war und mich in sicheren Gefilden befand, entlud sich das Gewitter. Danach zog sich eine grauweiße Nebelwand über mir zusammen. Ich war heilfroh, den Weidegründen der Nomaden näher zu sein als dem Gipfel.
Zwei Tage später packte auch mich das Arche-Noah-Fieber, und zusammen mit meiner Frau Rita, die mich am Fuße des Ararat erwartet hatte, brach ich im Geländewagen zu einem Tal auf, das einige Kilometer weiter zu den Ausläufern des Ararat-Massivs zählt. Dort ragte eine schiffsähnliche Erdformation aus dem Boden. Ein 164 Meter langes und 42 Meter breites Gebilde, das der amerikanische Astronaut James Irwin während seines Mondflugs mit Apollo 15 entdeckt hatte und später aufsuchte, um zahlreiche Untersuchungen durchzuführen. Für ihn stand anschließend fest, dass dies der Ort sein musste, wo die Arche Noah strandete.
An den Wänden des riesigen Steingebildes, das die Form eines Schiffsrumpfes hatte, fand Irwin einige Holzreste, die über 6000 Jahre alt sein sollen. Doch eindeutige Beweise wurden nicht gefunden, sodass das Wrack der Arche Noah und der Ankerplatz des biblischen Kahns auch in Zukunft ebenso Menschheitstraum und Herausforderung für die Wissenschaft sein werden.