1949 war es der Engländer Sir Wilfred Thesiger (1910–2003), der als erster Europäer die Wahiba Sands durchwanderte – der Name bezieht sich auf die Wahiba-Beduinen, die in diesem Gebiet schon seit langem leben. Zu jener Zeit war der Oman von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Und da dem strenggläubigen Sultan Said ibn Taimur alles Fremde verhasst war, kleidete sich der Brite Thesiger wie ein Einheimischer. Ihn begleiteten drei Beduinen, die er kennengelernt hatte, als er zwischen 1945 und 1949 zweimal durch die Wüste Rub al-Khali (das »Leere Viertel«) reiste. Sie ist das größte zusammenhängende Sandmeer der Welt: in Ost-West-Richtung 1300 Kilometer, in Nord-Süd-Richtung 500 Kilometer. Doch Thesiger wanderte nicht einfach nur durch die Wüste. Fünf Jahre war er unterwegs, lebte bei Beduinenstämmen und wurde ein Nomade, ein Freund der Wüste. Von ihm stammen auch folgende Worte, die ich in seinem Buch Die Brunnen der Wüste immer wieder gerne lese: Niemand kann dieses Leben leben und unverändert daraus hervorgehen. Er wird für immer, mehr oder weniger deutlich, das Zeichen der Wüste, das Zeichen des Nomaden tragen; und er wird immer das Heimweh nach diesem Leben spüren, leise oder brennend, je nach seiner Veranlagung. Denn dieses grausame Land kann einen Zauber ausüben, dem ein gemäßigtes Klima nichts Vergleichbares entgegenzusetzen hat.
Seit ich in jungen Jahren Thesigers Buch gelesen habe, das 1959 unter dem Titel Arabian Sands in England erschienen ist, träumte ich davon, es ihm gleichzutun. Ich wollte durch Wüsten wandern, wie ein Nomade leben und eines Tages auch die einzigartigen Wahiba Sands durchqueren.
Im Vergleich zu Arabiens Wüste Rub al-Khali und Afrikas großer Sahara ist die Wahiba Sands eine eher kleine Einöde. Gleichwohl gilt sie bei manchen Wissenschaftlern als »Modellwüste«, denn die naturräumlichen Gegebenheiten sowie die geologischen und klimatischen Bedingungen sind ganz ähnlich wie in den großen Einöden der Erde. Zudem bergen die Wahiba Sands das weltweit größte Gebiet mit meterdicken versteinerten Sanddünen, die Aeolianite genannt werden. Manche dieser bizarren Formen aus gelbem Sand befinden sich unter den Dünen, andere liegen völlig frei an der Oberfläche. Im Osten der Wüste fallen manche steil zum Meer hin ab.
Kein Zweifel, diese Wüste war genau das richtige Heilmittel gegen Fernweh. Also bremste ich den Alltag aus, packte in bester Stimmung meine Siebensachen und wechselte die Welt in weniger als einem Tag. Einmal mehr hieß mein Motto: »Auf und davon«.
Acht Stunden dauerte der Flug von Hamburg über Frankfurt und Riad nach Maskat, der Hauptstadt des Oman. Als ich das Flugzeug verließ, umhüllte mich brütende Hitze. Heiße Trockenluft wie aus einem Föhn. Schon nach wenigen Minuten klebten die Kleider an der Haut.
Die Zeitverschiebung betrug nur drei Stunden. Doch die Welt, in der ich gelandet war, erschien mir viel weiter und ferner, denn das Sultanat Oman ist ein Land voller exotischer Szenerien aus Tausendundeiner Nacht. Ein Land, dessen Pracht schon der berühmte Weltreisende Marco Polo (1254–1324) lobte, als er über die im Süden des Oman liegende Hafenstadt Al-Baleed schrieb: Es ist eine großartige und schöne Stadt mit einem sehr guten Hafen, in dem es äußerst geschäftig zugeht … Die Kaufleute machen enormen Profit, indem sie mit arabischen Pferden handeln … und viel heller Weihrauch wird hier produziert.
Mit rund 310 000 Quadratkilometern ist der Oman der zweitgrößte Staat auf der Arabischen Halbinsel. Von den etwa drei Millionen Einwohnern ist jeder vierte ein Ausländer. Vor allem Inder oder Pakistani leben hier. Weihrauch machte den alten Oman zu einem reichen Land. Heute ist es das Öl, das schon viele Millionen Petrodollars brachte, wenngleich der Vater des heutigen Sultans früher nur widerwillig Bohrungen zuließ. Zudem wehrte er sich jahrzehntelang gegen jeden westlichen Einfluss. Noch 1970 war das Sultanat Oman eines der rückständigsten und isoliertesten Länder der Erde. In seinem Palast, der sich im Süden des Landes an der Küste von Salalah befand, lebte Sultan Said ibn Taimur mit 170 Frauen und vielen Sklaven, die er gelegentlich wie Pferde vor sein Auto spannte, damit sie das Fahrzeug zogen.
Wie ein Feudalherr herrschte der alte Sultan von 1932 bis 1970 über rund eine Million Menschen. In seinem Reich gab es Sklaverei, Armut und Guerillakrieg. Dörfer wurden bombardiert und Brunnen vergiftet. Nur fünf Prozent der Bevölkerung konnten lesen und schreiben, jedes vierte Kind starb bei der Geburt. Es gab weder Krankenhäuser, Straßen, Schulen noch Banken. Auch Fernsehen, Radio, Fahrräder, Sonnenbrillen sowie das Tragen von westlicher Kleidung oder modernem Schuhwerk waren bei Strafe untersagt. Die Omanis durften nicht einmal im eigenen Land umherreisen. Und wenn eine Freu ein uneheliches Kind zur Welt brachte, wurde sie gesteinigt.
Diesen mittelalterlichen Zustand beendete 1970 der Sohn des despotischen Sultans – Qabus ibn Said Al Said. Überall trifft man auf sein Bild in Maskat, wenn man im Taxi durch die Hauptstadt fährt, vorbei an Palästen, Moscheen und zahllosen Büro- und Wohnhäusern im arabischen Baustil. Sein freundliches Antlitz blickt von Hauswänden, Ladengeschäften und Plakatflächen. Ein absolutistischer, doch weiser und gütiger Herrscher, der mittlerweile die 70 überschritten hat und mit seinen Nachbarländern in Frieden lebt.
Seine Lebensgeschichte klingt wie ein Roman: Als einziger Sohn des Sultans Said ibn Taimur wurde er im November 1940 geboren. Mit sechzehn schickte ihn sein Vater nach England. Dort besuchte er eine Privatschule, studierte Verwaltungswesen, absolvierte eine Ausbildung auf der Königlichen Militärakademie in Sandhurst und diente sechs Monate bei der britischen Rheinarmee in Deutschland. Nach seiner Rückkehr in den Oman lebte er mehrere Jahre in Salalah, wo er sich ausgiebig mit dem Studium des Islam und der Historie seines Landes beschäftigte. 1970 drang er mit einigen englischen Offizieren in die Privatgemächer seines Vaters vor und entmachtete den alten Sultan. Dabei kam es zum Handgemenge. Der Vater schoss sich selbst ins Bein, ehe er widerwillig die Abdankungsurkunde zugunsten seines Sohnes unterschrieb. Anschließend wurde der abgesetzte Despot in ein Flugzeug verfrachtet und nach England in ein Krankenhaus gebracht. Zwei Jahre später starb er im Exil.
Sein Sohn Qabus, der im Palast des Vaters versteckte Gelder in immenser Höhe fand, die der alte Sultan für Erdöllieferungen bekam, hatte indessen die Regierungsgeschäfte im Oman übernommen. Mit seinem unermesslichen Reichtum führte er sein Volk innerhalb von 40 Jahren aus dem Mittelalter ins 20. Jahrhundert. Eine Aufbauleistung ohnegleichen. Es war die schnellste wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung eines Landes, die es je gegeben hat. Qabus ibn Said hob alle unnötigen Bestimmungen und Gesetze auf, schaffte die Sklaverei ab, ließ neue Ölfelder erschließen sowie Straßen, Schulen und eine Universität bauen. Es entstanden Krankenhäuser und Hunderte von Arztpraxen. Zudem garantierte der Sultan jedem Omani kostenlose Gesundheitsvorsorge, schenkte vielen Fischern ein Boot und ein Auto, damit sie ihren Beruf ausüben konnten. Und von allen Studierenden im Land sind bisweilen zwei Drittel Frauen. Diese kleiden sich zwar noch nach alter Tradition in Schwarz, doch nur wenige verbergen ihr Gesicht hinter einer Maske oder einem Schleier.
In gerade mal vier Jahrzehnten hat das Sultanat Oman ein völlig neues Antlitz bekommen. Wie in einem Fahrstuhl ist dieses Land aus dem Mittelalter in die Gegenwart gerauscht. Und nichts erinnert heute mehr an die finsteren Jahre früherer Schreckensherrschaft. Entbehrungen und Not sind vergessen. Stattdessen ist ein islamischer Musterstaat entstanden, der sich westlichen Einflüssen geöffnet hat, ohne seine traditionelle Eigenständigkeit zu verlieren.
Nach einigen Tagen in Maskat fuhr ich in den Osten des Oman. Ein überaus freundlicher und redseliger Omani chauffierte mich im Geländewagen in die Region Sharqiyah, wo sich die Wahiba Sands erstrecken. Ein Meer aus Sand, in dem sich Kämme und Täler wie auf einem Ozean gestalteten. Dazwischen ein paar breite, ebene Flächen und Wadiläufe mit mehlfeinen Sandpisten, die in Nord-Süd-Richtung verlaufen und mir den Weg durch die Wahiba Sands wiesen.
Für die arabischen Beduinen ist diese Wüste das Land der Dschinns, der Geister, die hier nachts zwischen den Sandbergen umherirren und ihre geheimnisvollen Lieder singen. Seit jeher soll die Heimat der Dschinns in dieser Bilderbuchwüste liegen, die auch als »Feuchtluftwüste« gilt. Denn neben traumhaften Sandmeeren gibt es hier einen einzigartigen Pflanzen- und Tierreichtum, der sich durch die Nähe zum Arabischen Meer entfalten konnte. Ozeanische Luftfeuchtigkeit, die sich als Morgentau auf dem Wüstenland niederschlägt, sorgt in einigen Teilen der Wahiba Sands für eine weltweit einmalige Vielfalt von Flora und Fauna: Hier gibt es nicht nur 16 000 wirbellose Tiere, sondern auch 200 Arten von Säugetieren, Reptilien und Vögeln – sowie 180 verschiedene Pflanzenarten.
Im Geländewagen fuhr ich am Nordrand der Wahiba Sands entlang und besuchte einige Oasen: Al Qabil, Al Mintirib, Bidiyah und Al Hawaiyah. Orte mit schlichten, meist weißgetünchten Häusern, deren Fassaden arabische Ornamente zierten. Oasenstädte mit riesigen Palmenhainen, Bananenstauden, Gemüsegärten und manchmal einem kleinen Fort.
Einen Tag vor meinem Aufbruch in die Geisterwüste des Sultanats Oman machte ich es mir am Nachmittag auf einem Sandhügel in Al Hawaiyah bequem, wie sich auch Wilfried Thesiger vor mehr als 70 Jahren friedlich in die Sonne legte, nachdem er den Gipfel einer Düne erklommen hatte. Damals schrieb er über die arabische Gastfreundschaft: Das Bedürfnis allein zu sein, wird der Bedu niemals verstehen und immer mit Misstrauen vermerken. Engländer haben mich häufig gefragt, ob ich mich denn in der Wüste niemals einsam gefühlt habe. In all den Jahren, die ich dort verbracht habe, bin ich wohl immer nur sehr kurze Zeit allein gewesen. Die schlimmste Form der Einsamkeit ist die Verlorenheit inmitten einer Menschenmenge. Ich habe mich in der Schule einsam gefühlt und in europäischen Städten, wo ich niemanden kannte. Aber unter den Arabern war ich niemals einsam. In Städten, wo mich niemand kannte, ging ich einfach in den Basar und begann ein Gespräch mit einem Händler. Er lud mich ein, in seiner Bude Platz zu nehmen, und ließ Tee kommen. Andere Leute gesellten sich zu uns. Man fragte mich, wer ich sei, woher ich komme, und stellte unzählige andere Fragen, die wir einem Fremden niemals stellen würden. Und dann sagte einer: »Komm, iss mit mir zu Mittag.« Beim Essen traf ich dann weitere Araber, und einer von ihnen lud mich zum Abendessen ein. Ich habe mich oft traurig gefragt, was sich wohl ein Araber denkt, der England bereist. Ich hoffe, er hat begriffen, dass wir untereinander ebenso unfreundlich sind, wie wir ihm gegenüber unfreundlich erscheinen müssen.
Einmal mehr war ich von diesen Zeilen tief berührt. Und so blätterte ich noch etwas weiter in dem Reisebericht Thesigers, las über seine Reise durch die Wahiba Sands: Wir ritten vier der schönsten Kamele Arabiens und konnten, wenn es sich als nötig erwies, schnell reisen und große Strecken zurücklegen. Zunächst überquerten wir eine Kiesebene, auf der fleckenweise rötlicher Sand lag und die von kleinen Kalksteintafeln unterbrochen wurde, wo wir viele scheue Gazellen sahen. Allmählich nahm der Sand überhand, bis er den Kalksteinboden schließlich völlig bedeckte. Am zweiten Tag erreichten wir den etwa zweieinhalb Meter tiefen Brunnen von Tawi Harian, wo wir einige Wahiba trafen, die Esel, aber keine Kamele bei sich hatten. Sobald wir Wasser gefasst hatten, zogen wir weiter, da wir überflüssigen Fragen aus dem Weg gehen wollten. Nun ritten wir nordwärts durch Talungen, die einen Kilometer breit und von etwa 60 Meter hohen Dünenzügen flankiert waren. In diesen Talungen erheben sich seltsamerweise in Abständen von etwa drei Kilometern kleine Stufen aus hartem Sand. Der Sand auf der Talsohle war rostrot, die Dünen jedoch zeigten auf beiden Seiten honiggelbe Farbe.
Am nächsten Morgen ging es hinein in die Wüste. Zehn Tage wanderte ich im Gebiet der Wahiba Sands – von Norden nach Süden. Ich folgte einem langgezogenen Wadi, einer sandigen Piste und vielen welligen Tälern, flankiert von hohen, sich übergipfelnden Dünen, die sich zu beiden Seiten meines Weges erstreckten. Zehn Tage, in denen die Sonne zwischen Morgen- und Abenddämmerung mit grellem Licht vom Himmel brannte. Eine Helligkeit, die in jeden Quadratmeter dieser Landschaft einzudringen schien, während die Luft über dem Erdboden gelegentlich flimmerte und wie ein durchsichtiger Film über dem Gelände lag.
Zehn Tage zu Fuß in einer weltweit einmaligen Wüste, in der meine Wanderung keine Extremtour war, eher eine Tour großer Momente. Zehn Tage, in denen das Gehen fast alle meine Gedanken in Anspruch nahm. Alles Überflüssige war ausgeblendet, die Beine liefen rhythmisch, die Füße rollten ab, die Arme schwangen unterstützend mit, und die Lunge atmete dazu. Zehn Tage wanderte ich zumeist im Vier-Schritte-Tempo. Was das heißt? Vier Schritte gehen, dann einatmen, wieder vier Schritte gehen, dann ausatmen. Kilometer für Kilometer. Alles war Bewegung, alles erschien mir ganz leicht, jeder Schritt, jede Atmung, selbst der Rucksack drückte kaum, war Teil meines selbstvergessenen Gehens. Ich war Herr meiner Zeit, meines Schicksals und spürte bald schon eine große Leichtigkeit. Was für ein wunderbares Gefühl, wie ein Kind durch die Welt zu laufen: übermütig, unbeschwert, neugierig.
Selbst der Körper veränderte sich, war nicht mehr so ungelenk und kantig, eher weich und meditativ. Besonders in den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne noch nicht so hoch stand und die Luft herrlich frisch war, tankte mein Körper Energie, von der ich den ganzen Tag lebte, wenn ich schweigsam voranging, das Alleinsein genoss und meine Augen alle möglichen Sandstrukturen und Farbkompositionen aufsaugten. Eine kaum zu bewältigende Bilderflut. Landschaftsbilder von archaischer Eintönigkeit und sinnlicher Wucht, die in dieser Region oft einem abstrakten Gemälde glichen. Kargheit und Leere in immer neuen Variationen. Ewigkeit im Augenblick.
Tagsüber, im grellen Sonnenlicht, wirkten die Sandketten eher blass, fahl und konturenlos. Auch im Gegenlicht erschienen sie mir beinahe grau und trist. Doch am frühen Morgen und am Abend erlebte ich eine Explosion der Farben. Dann zeigten sich die windgeformten Dünenhänge in einem Gemisch aus Rot, Orange, Gelb, Braun und Weiß. Manchmal blieb ich minutenlang stehen, betrachtete den Sand und konnte mich nicht sattsehen am Anblick der Farben. Oft waren sie so vielfältig, dass ich manche gar nicht benennen konnte, weil ich kein Wort dafür wusste. Kaum eine andere Wüste bietet eine so abwechslungsreiche Farbenpracht. Die Wahiba-Beduinen sollen mehr als hundert Bezeichnungen für die Farben des Sandes kennen.
Hinzu kam der Formenreichtum des Sandes: gewaltige Dünenzüge, parallel verlaufend, mit prägnantem Charakter. Scharfe Grate, alpine Verwerfungen, bullige Rundungen, Riffe, Kegel, Kessel – alles aus Sand. Jede Düne, jede Dünenkette war anders gestaltet, keine glich der anderen. Ich sah Flugsandwellen mit konkaven und konvexen Oberflächen, sah Dünen, die seltsamen Kreaturen glichen, mal weich geschwungen, mal spitz zulaufend. Dann wieder mächtige Sicheln und horizontale Schlangengebilde. Sandformationen, die sich wie lebende Organismen bewegten, angetrieben durch die Luftströme des Windes. Aerodynamik, die eine ungeheure Formenvielfalt schuf – auch im Detail: Ich sah zauberhafte Rippung und Riffelung, skurrile Maserungen und kräuselnde Wellen. Myriaden von Mustern und Strukturen. Ein unglaublicher Reichtum an Nuancen und Schattierungen. Sandmeere als ästhetische Kunstform: wild und archaisch.
Dann war da der Wind, der stetig über die hohen Kämme der Dünen blies, sobald das Licht des glühend-flammenden Sonnenuntergangs verschwunden war. Fast täglich fauchte er mit schneidenden Böen zwischen sechs und neun Uhr abends heran. Kein wirbelnder Sturm, bei dem man weder Oben noch Unten unterscheiden konnte, sondern ein unablässiges Wehen, das den Sand aber so in Aufruhr brachte, dass ich mich für zwei oder drei Stunden in mein kleines Biwak zurückziehen musste, um vor den stechenden Partikeln geschützt zu sein.
Da waren die Wahiba-Beduinen, meist Kamel- und Ziegenzüchter, von denen noch etwa 3000 in den Wahiba Sands leben. Menschen des Sandes und des Windes. Viele Familien leben noch heute sehr zurückgezogen. Engere Kontakte zur Außenwelt meiden sie. Ihre Heimat ist die Wüste, das Land ihrer Vorväter. Ihre Stärke ist der Verzicht auf Bequemlichkeit, die ihnen die zivilisierte Stadtwelt bieten würde. Doch niemals könnten sie in der Stadt leben. Sie brauchen die Weite. Sesshaftigkeit und materielle Bindungen lehnen sie ab. Nur so können sie ein naturgemäßes Leben führen, dem ich mich auf seltsame Weise verbunden fühle.
Manche Beduinen, die ich auf meinem Weg traf, gaben mir mit eindeutiger Gestik zu verstehen, dass sie für sich sein wollten, was ich respektierte. Andere halfen mir mit Wasser und Nahrung aus, wenn ich etwas brauchte. Und wieder andere umarmten mich und hießen mich mit dem ganzen feierlichen Begrüßungsritual der Wüstenbewohner willkommen und luden mich in ihre einfachen Hütten ein, die hin und wieder vorsintflutlichen Behausungen glichen. Im Schneidersitz saß ich dann mit den Männern auf einer Decke. Alle trugen die Dishdash, das traditionelle omanische Gewand, bodenlang und aus Naturfasern gefertigt, das den ganzen Körper bedeckt. Ihre dunkelhäutigen Gesichter waren von Sonne, Wind und Staub gegerbt, während die oft buntgekleideten Beduinenfrauen ihre Gesichter ausnahmslos hinter einen Schleier verbagen. Für ein paar Stunden genoss ich Gemeinschaft und Gastfreundschaft, bekam Kaffee und Wasser, aß mit Genuss das köstliche Fladenbrot, das in der heißen Asche einer kleinen Feuerstelle gebacken wurde. Anschließend klopften die Frauen es mithilfe eines Tuches und eines Steins ab, damit kein Sand zwischen den Zähnen knirschte. Nach dem Essen wurde laut palavert, gelacht oder geschwiegen. Denn in der Welt der Beduinen muss nichts Besonderes geschehen, um sich wohl zu fühlen.
Wenn ich mich dann wieder auf den Weg machte, wusste ich, dass ich meine Gastgeber nie wiedersehen würde. Das ist das Merkwürdige beim Unterwegssein in entlegenen Erdwinkeln, das mich nach wie vor berührt: Man trifft Menschen, lernt sie kurz kennen und nimmt wieder Abschied. Was bleibt, sind Erinnerungen an ein paar Stunden voller Geselligkeit und menschlicher Wärme. Erinnerungen an Menschen, die ein ganz anderes Leben führen und die für mich Hüter und Bewahrer einer äußerlich armen, aber innerlich sehr reichen archaischen Lebensform sind.
Da waren die Pflanzen und Tiere, die in dieser scheinbar leblosen Ödnis existieren. Überwiegend traf ich auf pflanzliches Leben, das sich meist knorrig, borstig und dornig zeigte. Zwischen vereinzelten Akazien, Tamarisken, Mesquite-Bäumen, Sträuchern und Büschen wuchsen verschiedenste Grasarten. Manchmal klammerten sich nur ein paar zarte Halme an die Sandberge, dann wieder ganze Büschel von leuchtend grünem Dünengras. Nicht zu vergessen die Ghaf-Bäume, die sehr tief im Erdboden wurzeln und so die Dünenhänge stabilisieren; die salzresistente Rimth-Pflanze, die den Beduinen zur Fertigung von Seife dient; der drei bis sechs Meter hohe Zahnbürstenbaum, dessen hängende Zweige sich zur Zahnreinigung eignen, während die Blätter der Arta-Pflanze bei Zahnschmerzen gekaut werden. Und auch die Früchte des Wüstenkürbis, die wegen ihres Giftstoffes als Nahrungsmittel ungeeignet sind, werden im medizinischen Bereich vielfältig genutzt.
Ebenso ungewöhnlich ist die Tierwelt der Wahiba Sands: Da gibt es blutsaugende Mücken, piesackende Bremsen, nervige Fliegen, Tausendfüßler und Käfer. Zudem leben hier Wüstenwarane, Geckos, Sandskinks, Mungos, Wildkatzen, Füchse, Wölfe und verschiedenste Reptilien. Allesamt perfekte Überlebenskünstler, die sich dem trockenen Klima und dem sonnendurchglühten Erdboden auf ganz unterschiedliche Art und Weise angepasst haben. Hinzu kommen zwei wesentliche Faktoren, die ein Leben in einer solch extremen Dürrezone überhaupt erst möglich machen: Zum einen ist es die Luftfeuchtigkeit, die vom Arabischen Meer über die Wahiba Sands treibt und sich auf den Dünenketten niederschlägt. Zum anderen ist es der Wind, vor allem der stetige Abendwind, der aus den fruchtbaren Randgebieten der Wüste viel Nahrung in die Einöde trägt, zumeist Samen und Pflanzenteilchen.
Gleichwohl habe ich auf meiner Wanderung durch die Wahiba Sands nur wenig von der Tiervielfalt zu Gesicht bekommen. Hin und wieder kreuzten ein paar Echsen und Wüstenspringmäuse meinen Weg. Zweimal sah ich eine Gazelle, sehr scheue Tiere, die eigentlich eher in den sandfreien Gebieten der Wüste leben; sie flüchteten rasch, als sie mich bemerkten. Dafür gab es Tausende von Käfern in unterschiedlichster Form und Größe, die eilig über die Dünenflächen krabbelten, oft im losen Sand strauchelten, darin schwammen oder tauchten. Auch stieß ich täglich auf Spuren von Schlangen, die hier zuhauf lebten: Arabische Sandboas, Eidechsennattern, Sandrennnattern und Sandrasselottern, die sich seitenwindend fortbewegen und sich blitzschnell in den Sand eingraben können. Mühelos gleiten manche dieser Schlangen in tiefere Sandschichten, wenn ihnen die Sandoberfläche zu heiß wird, sodass sie die heißesten Stunden des Tages in ihrem unterirdischen Versteck verschlafen. Besonders vorsehen musste ich mich vor der etwa 80 Zentimeter langen Hornviper. Eine Giftschlange, die man an den spitzen Schuppendornen oberhalb der Augen erkennen kann und die ich zuweilen am Abend in der einen oder anderen Sandkuhle entdeckte, wenn ich mir mein Lager herrichtete. Mit einem langen Stock verscheuchte ich dann die Vipern. Doch wenn ich mich auf meiner Decke im Sand ausstreckte, war ich manchmal unsicher und schaute um mich herum, ob ich mein Nachtlager nicht doch mit einer Hornviper oder anderem giftigen Getier teilte.
Da war die Nacht: Eingehüllt in glitzernde Dunkelheit, lag ich im Freien auf einer Decke im weichen Sand, wenn der Wind endlich zur Ruhe gekommen war. Um mich herum herrschte völlige Stille. Ich hörte mein eigenes Blut rauschen, während die Augen in das Sternenmeer eintauchten. Über mir, auf einem schier grenzenlosen Tuch aus dunkelstem Blau, strahlten Tausende und Abertausende von Lichtpunkten, die dicht beieinanderstanden: glanzvoll und unwirklich. Ich sah Lichterbahnen, Lichterteppiche und immer wieder Sternschnuppen, die mit leuchtendem Schweif durch die Milchstraße zischten. Manchmal zählte ich in einer Nacht so viele Sternschnuppen, dass ich schon längst keine Wünsche mehr hatte. Und wenn sich Schlaf und Wirklichkeit ineinanderschoben, war das Licht der Sterne das Letzte, was ich sah, ehe mir die Augen vor Müdigkeit zufielen.
Und schließlich das Arabische Meer: Ich erblickte es am Ende eines welligen Sandteppichs, jenseits der Küstenstraße, die den Norden des Oman mit dem Süden verbindet. Unter der hohen Mittagssonne erstreckte sich ein blauer wogender Streifen Unendlichkeit. Karges Wüstenland rollte zum Meer hin aus. Nur hier und da spärliches Buschwerk, mehr Steine als Grashalme. Der Himmel darüber, in dem große Wolkenovale schwebten, war die Grenze. Was für ein Kontrast! Eben noch die Gleichförmigkeit des gelben Sandmeers und das Laufen zwischen hohen Dünen – und nun ein ozeanisches Blau, das mir die Weite des Meeres bot. Schritt für Schritt lief ich über einen ausgedehnten Strand, näherte mich den Wellen, die von weit herkamen, die sich kräuselten, gewundene Kanäle erzeugten, um gischtend zu zerfallen. Die Sonne war so grell, dass das Wasser ihre Strahlen reflektierte. Ganz deutlich nahm ich dieses stetige Ziehen und Schieben der See wahr, während die Brandung hoch aufschäumte, Gischt über die Kämme sprühte, lange Wellenzüge heranrauschten und auf dem Strand ausrollten. Meeresschaum auf hellbraunem Sand. Zischendes Wasser, das meine Zehen und Füße benetzte, die Beine bis zu den Knien umspülte. Ich spürte den Wind, der auf das Land zublies. Feinsalzige Frische. Prickelnde Kühle auf der Haut. Momente, in denen ich das Ankommen genoss.
Nach einer Weile setzte ich mich auf den Strand. Die Hand voller Sand, ließ ich die Körner langsam durch meine Finger rinnen, wie auch meine Zeit in der Wüste durch das Stundenglas lief. Ich wusste, dass mein Weg in die zivilisiertere Welt nicht mehr weit war und der kleine Küstenort Khuwaymah nur noch wenige Kilometer entfernt lag.
Für einige Augenblicke ergriff mich Melancholie, denn mir war klar, dass sich ein Tag wie dieser nicht wiederholen würde. Und so saugte ich alles in mich auf, hielt diese Augenblicke fest – und ließ das Wallen des Ozeans eine ganze Zeit lang auf mich wirken. Versunken lauschte ich dem Raunen, Rauschen, Murmeln und Flüstern der See, schaute dem lebendigen Wellenballett zu, fühlte mich der Wüste und dem Meer verwandt und dachte, wie schön es wohl wäre, von den rücklaufenden Wasserströmungen hinaus aufs Meer getragen zu werden. Doch die Realität hielt mich am Ufer – ein Zustand des bloßen Da-Seins.