Im April 1976 war es so weit. Mit viel Proviant und vor allem Zubehör für die nächsten Jahre nahmen wir unsere Südseeroute von Neuseeland in Angriff. Mit kathena faa – der Name verhieß Abenteuer, Weite, Meer und Palmen – wollten wir die Hinterpfade der Inselwelt des Pazifiks erforschen. Auf einer Route unterwegs sein, die von anderen Fahrtenseglern gemieden wurde, wegen widriger Winde, schlechter Ankerplätze, drückender Hitze. Und weitab vom üblichen Weltumseglerkurs. In einer großen Fremde wollten wir unsere eigenen Erlebnisse schaffen.

Etwa dieses: Ich stand am Heck und zerriss meine Scheckformulare. Der Wind erfasste die Schnipsel, und das Kielwasser schluckte meine letzte Bindung an wohlversorgte Jahre.

Das Boot segelte großartig. Eine Windfahnensteuerung hielt zuverlässig Kurs, sodass wir selten an der Pinne sitzen mussten. Auch bei Seegang und mehr Wind lief alles gut, und wir waren überglücklich, als wir nach zwölf Seetagen die Fidschi-Inseln erreichten.

Am besten gefiel uns das Verhalten unseres Kindes. Kym fand das »raffe« (raue) Segeln Klasse und spielte währenddessen mit uns »Hoppe, hoppe Reiter.« Unter Deck erfand er, die Situation nutzend, immer neue Spiele, so etwa Verstecken in den verstreuten Segeln: »Wo bin ich?« Dabei wurde er jedoch rasch müde, und – welch ein Glück – zwölf Stunden Schlaf am Stück waren normal.

Fidschi-Inseln. Ja, ich hatte mich wirklich auf diese Südseereise gefreut. Jetzt konnte die große Freiheit beginnen. Wir kamen uns vor wie Zugvögel, die in schlechten Zeiten davonfliegen und in die fernsten Gegenden der Welt flüchten. Etwa nach Fulanga. An die Insel werde ich mich noch lange erinnern – mit einem kribbeligen Gefühl. Wir steuerten die Lagune durch einen 40-Meter-Pass im Riff an, dazu mit fünf Knoten Gegenstrom und auflandigem Wind. Das Wasser brodelte beängstigend, kathena faa bewegte sich darin wie ein Ei in kochendem Wasser. Die Wellen schwappten vorn und achtern an Deck. Der Druck aufs Ruder war so stark, dass ich fürchtete, die Pinne könnte brechen.

Wer das Risiko scheut, erlebt weniger! Fulanga war das Risiko wert. Wir waren hingerissen, als wir in der Lagune waren. Unzählige Eilande, teilweise pilzförmig und mit nur einer Palme bestückt. Es war eine seltsame Szenerie, die uns geboten wurde. Segelnde Kanus, Speerfischer auf dem Riff, ein kleines Dorf mit Blätterhütten. Wir segelten an Buchten vorbei, die gegen alle Winde geschützt waren und einen herrlich einsamen Sandstrand im Scheitel mit einem Palmenhain hatten. Einfach paradiesisch. Wir ankerten, bestiegen sogleich einen hohen Berg und betrachteten die Lagunenlandschaft aus der Vogelperspektive. Wie hatten wir nur geschafft, hier reinzukommen? Hatten wir den Felsen in der Passage beiseitegerückt? Die Fahrrinne war verdammt eng.

Vor allem auf solche Orte hatte ich mich gefreut. Wir sprachen nur noch von den »Inseln«. Losgelöst von allen Pflichten des Landlebens, erlebten wir Meer und Inseln in einer Weise wie nie zuvor und danach. Das Blau des Himmels, die Farben des Hibiskus, der Duft der Frangipani, das klare Wasser – alles stimulierte uns. Auch Astrid ließ sich vom Aufwind unserer guten Laune beflügeln, vergaß für eine ganze Weile die stete Last, die unser amphibisches Leben ihr aufbürdete, die Seekrankheit.

Nachdem wir die Fidschis rauf und quer abgesegelt hatten, ging es nach Norden zu den Tuvalu-Inseln. Ein ganzer Archipel voller Atolle mit nur 7000 Bewohnern. Sie lebten vom Export ihrer Arbeitskräfte: Die Inselsöhne waren in Neuseeland, auf Nauru oder als Seeleute auf deutschen Schiffen tätig.

Infolge des »Männerexports« war der Frauenüberschuss in den Dörfern unübersehbar – und der hier und dort an mich gerichtete Tipp unüberhörbar: »Next time you come alone.« Wir verholten uns mit Boot an den Strand einer einsamen Insel und waren allein. Schon wieder? Ja, davon konnten wir zunächst nicht genug kriegen. Ganz so, wie wir uns das erträumt hatten.

Kym verlängerte abends sein Gebet: »Lieber Gott, ich danke dir, dass es die Palme gibt.« In der Tat war sie immer gegenwärtig. Unser großer Freund und Spender: Wir verdankten ihr Schatten, Kokosmilch und -fleisch, Spielzeug und Flechtmatten.

Bald darauf waren wir nahe am Äquator. Heiß und windstill war es auf Betio, einer der Gilbert-Inseln. Kym fragte: »Hat es der liebe Gott nicht zu heiß bei der Sonne?« In der Bucht strich nicht mal ein Hauch übers Deck. Und in der Kajüte war es nur bis zum Frühstück auszuhalten. Eine Gruppe Deutscher mit ihren Familien, Ausbilder der Insel-Seemannsschule, erlöste uns unverhofft aus unserem Brutstall. Im kühlen Häuschen von Christa und Peter feierten wir Kyms Geburtstag mit Selbstgebackenem und vier Kerzen. Es war wunderschön. Ein leichter Wind zog um das blättergedeckte Haus, in der Lagune schwebten Segelkanus, Kinder spielten mit unserem Blondschopf am Ufer, und gelegentlich knatterte der Auspuff eines Mopeds im Dorf.

Wir blieben noch einen Tag und noch einen. Am Ende war es ein ganzer Monat. Der Abschied fiel schwer. Kym war das heulende Elend. Die Kinder winkten. Er tutete. Wir segelten ganz langsam davon.

Als wir nach zwei anstrengenden und nassen Amwindkurs-Tagen in dem palmengesäumten Atoll von Likiep landeten, bedeutete das für uns dasselbe wie für einen Asylsuchenden ein Bett: Ruhe und Geborgenheit. Der Anker fiel in spiegelglattes Wasser ohne Dünung, nicht die kleinste Welle zeigte sich auf der Oberfläche. Eingeborene, die herbeieilten, befestigten unsere Heckleine an einem Brotfruchtbaum und legten uns Blumenketten um den Hals. Zwei, drei, vier … viele. Frangipaniblüten, auf eine Schnur gezogen. Wundervoll der Duft. Er vertrieb Erschöpfung und Müdigkeit von den Nachtwachen. Wir fühlten uns wie zu Zeiten der bounty. So stellt sich ein Weltumsegler ein Willkommen in der Südsee vor.

Auf Likiep gibt es auf dem Außenriff ungefähr zwei Dutzend Motus. Zu diesen Inselchen verholten wir kathena faa und schwammen, suchten Muscheln, angelten oder gaben uns dem Müßiggang hin. Auf dem Motu Meron wurden wir gleich mit frisch aufgeschlagenen Trinknüssen von einer neunköpfigen Familie begrüßt. Unser Besuch freute sie, denn Fremde kamen hier so gut wie nie vorbei. Vor der Hütte stellte man uns Blechteller mit Reis und Fisch auf eine Matte und bedeutete uns zuzugreifen.

Die Jungen und Mädchen der Familie spielten mit selbstgebastelten Bötchen und allem, was der Strand so hergab. Kym passte sich an, er versuchte mit einer Holzplanke zu surfen, so wie die Kinder es ihm vormachten. Wir streiften über das Inselchen, das wirtschaftlich wirklich nicht viel hergab: Limonen, Brotfrucht, Pandanus und natürlich Kokosnüsse. Anderes wuchs auf dem wasserlosen Boden nicht. Kashedok, der Chief, und seine Frau Kiora waren unglaublich nett. Jeden Morgen lagen »Ni« – gekeimte Nüsse – für uns am Strand. Das war dort unser Frühstück.

Obwohl wir viel Zeit aufwendeten, um Muscheln zu suchen, wurden wir kaum fündig – bis Kiora sich unserer annahm. Sie zeigte uns, wie man sucht, auf welche Spuren man achten muss und an welchen Stellen des Riffs man Erfolg haben würde. Die nächsten Tage auf dem trockengefallenen Riff sind mir unvergesslich. Voller Energie lief Kiora immer voran, und wir folgten. »Unsere Trüffelfrau«, nannten wir sie. Unsere Ausbeute an Muscheln, diesen kleinen Wundern der Natur, konnte sich sehen lassen.

Später auf der Reise wurden wir wagemutig. Sehnsuchtsorte sind nicht nur schön und idyllisch. Das galt auch für unser nächstes Ziel, das Bikini-Atoll. Da es auf unserer Route lag, hatte ich mir in den Kopf gesetzt, es zu besuchen. Die Neugierde siegte über meine Bedenken, denn es ist von vielen Atombombentests verseucht und für dauerhaften Aufenthalt nicht geeignet. Die Amerikaner haben jahrzehntelang versucht, das Atoll wieder bewohnbar zu machen, aber vergeblich.

Nach einer rauen Segelei, wieder mal hoch am Wind, liefen wir mit strammen sieben Knoten in die Lagune ein. Nun waren wir also ohne Genehmigung auf Bikini und befürchteten, auf behördlichen Unwillen zu stoßen. Aber da war niemand, der etwas zu sagen hatte. Wir setzten mit unserem Beiboot über zum Strand und gingen bedächtig den Weg durchs Dorf. Es gab relativ junge Kokospalmen, die kaum Nüsse trugen und der öden Dorfstraße noch keinen Schatten spendeten. Rund 40 von den Amerikanern neu erbaute Häuser säumten den Weg. Nur sechs waren von Einheimischen, den zu Testzeiten evakuierten Bikinesen, bewohnt. Die anderen Gebäude standen leer, verwitterten und verfielen. Nachdem Wissenschaftler eine fortdauernde Gefährdung festgestellt haben, sind inzwischen auch diese Bewohner erneut evakuiert worden.

An die insgesamt 66 Atom- und Wasserstoffbombenversuche in diesem Gebiet erinnerten nur noch ein paar Krater, zwei Betonbunker und das Wrack eines Landungsboots auf dem Strand. Darin spielten die paar Bikini-Kinder Verstecken. Kym zeigte ihnen – verkehrte Welt – auf einem Sandhügel, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht. Diese Kinder besuchten keine Schule, stattdessen speerten sie Fische und tauchten nach Langusten. Sie kannten überhaupt keine regelmäßige Beschäftigung, außer Singen vielleicht. Allabendlich trafen sich alle Bewohner und sangen in die Nacht hinein. Schwermütig hörten sich Melodie und Texte an.

Einen Großteil der Versorgung lieferten die Amerikaner. Vierteljährlich landeten sie Konserven und andere Dinge des täglichen Gebrauchs an. Diese Hilfe hatten sie den Einheimischen bei der Evakuierung in den fünfziger Jahren versprochen. Wir passten uns den Bewohnern ernährungstechnisch an. Aßen von ihren Fischen, tranken von den Nüssen, schwammen und tauchten in der optisch sauberen Lagune, wo um die 50 Schiffe auf dem Grund liegen. Sie waren die Versuchsobjekte während der verheerenden Explosionen. Übrigens: Von hier war 1945 auch ein Flugzeug mit Ziel Hiroshima gestartet. Die Atombombe nahm die Besatzung dann in Tinian auf Guam an Bord.

Nach elf Tagen ging’s Anker auf. Wir waren von den Eindrücken merkwürdig herabgestimmt, verspürten Lust auf Lockeres, Unbeschwertes. Wir wollten endlich unsere ganz persönliche Südseefreiheit. Das Ant-Atoll erschien uns auf der Seekarte genau richtig dafür. Also segelten wir kurzerhand weiter. Vier Seetage später war Ponape erreicht. Schön, aber sehr kommerziell, doch gleich neben Ponape lag das Ant-Atoll. Durch einen Pass im Riff, geformt wie ein S, segelten wir ins Innere der Lagune. Auf glasklarem Wasser schwebte kathena faa sicher und geschützt gegen alle Winde mit dem Mast fast in den Palmkronen. Phantastisch. »Dass es so was noch gibt, wissen viele in Europa gar nicht mehr«, sagte Astrid und genoss, lang ausgestreckt an Deck, die stabilen Verhältnisse der windstillen Lagune, während draußen auf See der Passat blies. Ich hockte neben einer Bananenstaude im Schatten des Großbaums, und Kym pendelte im zur Schaukel umfunktionierten Bootsmannstuhl an einer Palme. Traum und Wirklichkeit – hier waren sie sich begegnet, auf dem unbewohnten Ant-Atoll.

Ich schlug das Logbuch auf und zog Zwischenbilanz. Auf »unserer« Insel ging das erste Jahr dieser Weltreise zu Ende. Wir hatten 5214 Seemeilen abgesegelt und dafür 50 Tage benötigt, aber nur 40 Nächte auf See verbracht. Überhaupt: Es ist nicht wahr, dass man sich mit einem Segeltörn wie dem unseren groben Strapazen aussetzt. Auch Kym war nicht überfordert. Nur die Abschiede gingen ihm immer sehr nahe.

Beim Verlassen vom Ant-Atoll flossen die Tränen. Diesmal war es seine Flotte Kokosnussboote mit Segeln aus Blättern, die er am Strand zurücklassen musste. Wochenlang hatte er sie gegeneinander Regatta segeln lassen. Mit einem »Gott beschütze euch« verabschiedete er sich von seinen Booten.

Die Zeit auf Ant verstrich wie im Garten Eden. Das waren Tage, die keiner von uns je vergessen wird. Wir rekelten uns in der Sonne, trugen schon lange keine Kleider mehr, zogen sie nur widerwillig an, wenn ich mit der Kamera herumlief. Niemand hatte Lust zu posieren, aber irgendetwas muss der Mensch tun. Er ist – erkannten wir – fürs Paradies doch nicht geschaffen.

Drei Wochen genossen wir die Ameisen-Insel, dann ging’s wieder Segel auf. Schade. Der Gedanke hielt jedoch nicht lange. Im Bordradio spielten sie auf allen Sendern Beethoven, aus Anlass seines 150. Todestages. Wie schön und passend im Rhythmus der anrollenden Wellen.

Kaum auf dem Meer, erlebten wir nämlich unser eigenes Stück Dramatik: Sturmfock und tief gerefftes Großsegel. Es ging gegenan und wurde nass. Astrid verschwand unter Deck, der Junge versorgte sich selbst, und mir verdrehte sich erstmals auf dieser Fahrt der Magen.

400 Meilen vor uns wartete Papua-Neuguinea. Wir schipperten über Nukumanu, Put-Put, Rabaul, Kaviang nach Garove, wo sich eine Station der Hiltruper Missionare befindet. Es war Sonntag. Ein kleiner Junge läutete zum Gottesdienst, indem er mit einem Stück Eisen auf den verrosteten Kopf einer Granate drosch – ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, der auch Neuguinea nicht verschont hatte.

Die Kirche war ein gelb getünchter Holzbau. Die Gemeinde hockte auf roh gezimmerten Bänken, und die Kinder kauerten auf Matten. Alle waren nackt. Nur die Frauen schmückte ein lap-lap, ein buntes Tuch um die Hüften. In der letzten Reihe saßen Frauen, die ihre Babys stillten, und wir drei. Pater Empten, sozusagen ein ambulanter Priester, kramte Kreuz, Kelch und Kerzen aus der mitgebrachten Messkiste. Die Gemeinde stimmte eine Art Wechselgesang an, und die Predigt, deutlich länger als bei uns zu Hause, wurde in Pidgin gehalten. Ich döste ein wenig, denn es war angenehm kühl und schattig in der kleinen Kirche.

Abends waren wir beim Pater zum Essen eingeladen. Es gab fliegenden Hund. Kym verschlang das Fleisch wie ein Heide. Auch meine Frau, die alles isst, hatte damit keine Probleme. Nur ich brachte das »Vampirfleisch« lediglich mit vielen Chilischoten und reichlich Weißwein herunter. Pater Empten erzählte Anekdoten über das Pidgin, die Sprache der Eingeborenen, die mit 2000 Vokabeln auskommt. »Vor Jahren ließ sich ein Bischof ein Klavier schicken, und wie nannten die Papuas das Ding?« – »Bokis i gat tit sopos ju paitim i krai.« – »Kiste es hat Zähne wenn du beißt ihm es schreit.«

Auf Garove hat es uns gefallen. Zu einem Sehnsuchtsort gehört aber auch ein sicherer Ankerplatz. Für Segler steht immer Schutz vor Seegang und Sturm im Vordergrund. Der war in Garove tausendprozentig gegeben. Die Bucht lag in einem Krater mit einer ganz schmalen Zufahrt.

Auf Ungan, unserem nächsten Ziel, waren wir ganz unter Einheimischen, richtig dunklen Papuas. Hier gab es keine Missionsstation: »Go long bloody well to hell allsame!«, hieß es. Für die Eingeborenen war es unbegreiflich, dass wir nur zum Vergnügen hier waren und keine Funktion hatten wie alle Weißen, die sonst hierherkamen: Käufer für Kopra und Stammeskunst, Lieferanten für die allgemeine Versorgung. Auch die »Unganesen« hatten viel Muße. Es gab keine Plantage und schon gar nicht regelmäßige Arbeit. Sie lebten vom Fischfang, machten Kopra und tranken viel Selbstgebrautes, vergorene Kokosmilch: »All times wild too much.« Kym hatte Pidgin schnell begriffen: »Kam long Germany.«

Die Leute auf der Insel Ungan interessierten sich mächtig für unser Segelboot, besonders neugierig waren sie, wie es innen aussah. Wir luden sie an Bord ein, kochten Tee, reichten Kekse. Sie wollten wissen, wie es bei uns zu Hause ist. Astrid zeigte ihnen unseren Deutschlandbildband und gab Erklärungen dazu: Kölner Dom, Rathaus zu Bremen, Schwarzwald. Die Resonanz blieb lahm.

»Wollt ihr wissen«, fragte ich, »wie die Leute in meiner Heimat leben und was sie tun?«

Ich holte ein stark abgegriffenes GEO-Magazin mit einer Geschichte und vielen Bildern vom Leben auf einem Einödhof in Bayern hervor. Steine vom Acker sammeln, ein Schwein schlachten, wie der Bauer sich rasiert und wie die Frau Brennholz macht – das konnten sich die Papuas vorstellen, das faszinierte sie. Ab da riss der Strom der Besucher an Bord der FAA nicht ab. Jeder wollte die Bilder vom »German farmer« sehen, vor allem den Schnee, das Schlafzimmer, Kochen auf einem Holzofen, die Berglandschaft. Und da ihnen dieser Spaß offenbar genug Anlass war, ein Fest für uns zu geben, wurde ein Sing-Sing veranstaltet.

Zum Tamtam der Trommeln hob monotoner Gesang an. Einige Frauen hakten sich unter und liefen im Kreis. Wir hockten im Kreis der Eingeborenen vor Bananenblättern, auf denen Taro, Papaya, Palmherzen, gegarte Fische und gebratene Schweinestücke lagen. Es schmeckte vorzüglich, und später wurden wir wieder und wieder zum Tanz aufgefordert. Doch wir genierten uns.

»Komm, du zuerst«, sagte ich.

Astrid protestierte: »Wieso immer ich? Nein. Und mein lap-lap sitzt auch nicht richtig.«

Irgendwann erhob sie sich, klatschte in die Hände, als ob sie in Düsseldorf vor ihrer Schulklasse stünde, und legte einen Kosakentanz hin. Das löste Begeisterungsstürme aus. Als wären sie Kinder, wollten die Papuas mehr, immer mehr. Nachts schrieb ich beim Schein der Petroleumlampe ins Logtagebuch: Spaß haben ist schöner als Geld.

Nach mehr als sechs Monaten verließen wir Papua-Neuguinea. Mein Weltbild war wieder ein bisschen komplettiert worden, nachdem wir erfahren hatten, dass hier mittlerweile außer Schweinen auch Geld hoch geschätzt wurde. Es fungierte sozusagen als Ersatzschwein: Auf der höchsten Banknote, 20 Kina, war eine prächtige Sau abgebildet.

Zwischen Neuguinea und den Philippinen, unserem nächsten Sehnsuchtsort, lag ein ordentliches Stück See. Dafür planten wir drei Wochen Segelzeit ein, doch nach anfänglich gutem Wind trieben wir tagelang in einer Flaute. Spiegelglatte See, verschwommener, dunstiger Horizont, darüber ein gelber Vollmond. Es war unheimlich. Sogar Astrid, die normalerweise wirklich nichts gegen ruhige See hat, erschauderte: »Das erinnert mich an Conrads Roman Die Schattenlinie – du reißt und zerrst mit Ruder und Segel und kommst keine Meile voran.«

Endlich. Wind kam auf, aber genau von vorn. Wir kreuzten, segelten fast 100 Meilen, kamen unserem Ziel aber nur 20 Meilen näher. Ein Kreuzkurs ist eine Schinderei. Alle paar Stunden eine Wende: Segel auf den anderen Bug, Segelstellung trimmen, Pinne neu justieren. Gucken. Gucken, ob man vielleicht nicht dichter an den Wind gehen kann. Es wurde auf Dauer langweilig, die Etmale beflügelten keineswegs. Auch Kym hatte alsbald genug von Matchboxautos, Legosteinen, Knetgummi. Ich musste ihm Geschichten erzählen. Beispielsweise die:

»Wie war das mit Mami?«

»Also, das war so: Vor vielen Jahren segelte ich mit einem Boot allein um die Welt und kam am Felsen von Gibraltar vorbei. Da stand ein Mädchen mit langem blondem Haar und wollte mitgenommen werden …«

»Stimmt nicht«, kam es von Astrid entschieden aus der Koje.

Ich erzählte weiter über unsere Zeit in Gibraltar, als wir beide mit dem Dingi gekentert waren und dabei meine Uhr ertränkte und ich deswegen Amerika beinahe nicht gefunden hätte. Aber Kym erinnerte mich bald an eines:

»Papi, du hast die Dosen vergessen.«

»Ach ja, genau. Warum ich sie dann doch nicht mitgenommen habe auf meine Reise, war, weil ich die Dosen mit den leckeren Früchten allein essen wollte.«

Für ihn war damit die Geschichte gelaufen. Dass ich Astrid später wiedersah und mit ihr um die Welt segelte, interessierte ihn nicht. Wohl viele Male habe ich ihm dieselbe Geschichte erzählt.

Der 23. Tag auf See. Spüre in der Nacht, wie Wind und Seegang zunehmen. Ziehe Ölzeug über und reffe die Segel. Die Dünung aus Nord nimmt zu, obschon der Wind weiter aus West kommt – also von vorn. Der fallende Luftdruck macht mich kribbelig.

Der 24. Tag. Wind steht weiter um West. Dünung läuft gefährlich hoch aus Nord. Barometer: 1000 Millibar. Tendenz rasch fallend. Ich schraube die Fockbäume ab, zurre sie an Deck fest, verstaue sämtliches überflüssiges Tauwerk unter Deck. Bringe die Rettungsinsel in die Kajüte und lasche sie sorgfältig fest. An Deck bleibt nur noch die Sturmfock, die das Schiff manövrierfähig halten soll.

Warten. Abwarten. Nachmittags peitschten Regenböen übers Meer. Ich ahnte, was kommen würde. Hockte mich ins Cockpit und schlang mir zur Sicherheit ein Tau um den Leib. Es stürmte, und wir trieben. Die See kam von achtern, steuerbords. Die Luke war dicht, alle Ritzen hatten wir mit Tesaband zum Schutz gegen Nässe überklebt. Es konnte losgehen. Damit die See weiterhin mehr achterlich einkam, half ich an der Pinne mit Steuern aus.

Kym erschütterte wie üblich überhaupt nichts. Ich maß neun Beaufort. Hm. Doch ich sagte nichts, und auch Astrid schwieg. Sie hatte sich mit Kissen und Wolldecken in der Koje verkeilt. Es war schwül und stickig. In der geschlossenen Kajüte stand der Mief von durchgeschwitzter Bettwäsche. Ich quetschte mich durchs Luk wieder nach draußen. Der Sturm wuchs. Öfter und öfter stieg die hochgehende See an Deck und ins Cockpit. Ich dachte an meine Frau, die in der unangenehmen Lage war, nichts tun zu können. Zur Verständigung hatten wir Klopfzeichen vereinbart. Dreimal kurz hieß: Alles okay. Mehr als dreimal: Wie steht das Barometer?

Es stand tief.

Weiß schäumende Wellen brachen sich am Heck, das Deck wurde mit festem Wasser überspült. Wir durften bei dem Seegang nicht quer kommen. Auf keinen Fall quer zu den Wellen. Waren es schon Brecher? Ja, vereinzelt. Das reichte. Machtlos sah ich zu, wie der Mast andauernd (fast) in die kochende See stach. Dachte bei der Schräglage (vielleicht 90 Grad) nur an festhalten, festhalten. Und bloß nicht den Mast verlieren. Dachte, dass kathena faa aus England stammte, wo sie etwas von Bootsbau verstehen. Es würde schon gutgehen.

Die extreme Schräglage hatte nur Sekunden gedauert, vielleicht fünf. Die nachfolgende Welle richtete uns wieder auf. Der Mast stand. Langsam floss das Wasser ab – vom Deck, aus dem Cockpit, aus dem Ölzeug. Wie konnte der Mast so tief sinken? Die Frage beschäftigte mich.

Nach einem Tag mit starkem Sturm und einem weiteren mit Orkan war die See weiß, und die Luft war weiß von Gischt. Ich atmete Salz.

Astrid meldete sich: »Alles in Ordnung?«

Mich interessierte nur der Druck: »Steht fest.«

Der 25. Tag: Ich lasse mich und das Schiff treiben. Vom Gefühl her war es das. Es ist zwar noch kein Segeln möglich, aber das Schlimmste ist vorbei. Ich steige unter Deck. Müde.

»Kym hat die ganze Nacht geschlafen«, hörte ich.

»Und du?«

Eine Antwort erwartete ich nicht. Wichtiger war: Das Barometer stieg. Das bedeutete, noch einen halben Tag, und die Front wäre durch. Zittrig klopfte ich noch mal aufs Glas: steigend. Das waren 22 Millibar unter Normaldruck.

Zwei Tage später hörten wir im Radio die Stimme Amerikas: »Taifun Kim raste mit 180 Stundenkilometern über Manila. Es war der bisher schwerste Taifun der Saison.« Ironischerweise hieß der Taifun auch noch Kim!

31 Tage lagen hinter uns, als wir vor Davao auf Mindanao ankerten. Kym war nicht zu halten, er stand an der Reling wie ein Boxer, der bereit für den Kampf ist. Kaum an Land, drehte er schnell ein paar Runden: Die Muskeln wollten bewegt werden.

Nach ein paar Tagen Atempause warfen wir die Leinen los. Vor uns lagen die Sulu-Inseln. Da mussten wir durch. Indes: Dort kämpften die Muslim-Rebellen gegen die Truppen der Philippinen – Koran gegen Kreuz. Wegen der Gefahr segelten wir nachts in einem Gewässer, das gespickt ist mit Riffen und anderen Untiefen. Als wir durch waren, glaubten wir, es geschafft zu haben. Doch nördlich von Borneo folgte uns im Abstand von einer knappen Meile ein großes Fischerboot und kam kontinuierlich näher. Plötzlich klatschten dicht neben kathena faa Kugeln ins Wasser. Es wurde auf uns geschossen! Wir konnten es nicht glauben, schließlich hatten die »Fischer« doch ein Netz im Schlepp. Wieder folgten Einschläge im Wasser. Ich zögerte keine Sekunde, startete die Maschine, und mit voller Leistung – Segel plus Schraube brachten immerhin siebeneinhalb Knoten – rauschten wir davon.

Nicht lange, da legten auch sie zu und holten auf. Es waren unzweifelhaft Piraten. Salven pfiffen uns um die Ohren. Wir resignierten. Bargen alle Segel und stoppten den Diesel. Ein Streifschuss erwischte mich am Bein, ein anderer prallte vom Anker ab. Astrid stürzte mit einem weißen Bettlaken an Deck. Der fünfjährige Kym weinte. Er spürte, dass dies kein Spaß war. Die Piraten kamen näher. Wir zeigten uns alle drei an Deck. Eine harmlose Familie, keine Schmuggler. Ich sollte zu ihnen an Bord kommen, wurde uns bedeutet. Ich sprang ins Wasser und schwamm rüber. Eine Handvoll Männer mit Gewehren erwartete mich.

Der Fischdampfer war unbeschreiblich dreckig. Ich hatte Angst, barfuß an Deck kleben zu bleiben. Ein Kerl zog mich am Ohr zum Ruderhaus. kathena faa wurde in Schlepp genommen. Zwei Männer, ebenfalls bewaffnet, stiegen zu Astrid an Bord, und es ging Volldampf voraus. Der Schiffsname an Bug und Heck war mit Tuchplanen verhängt. Nur Manila als Heimathafen war erkennbar.

Nach einer Stunde Schleppfahrt passierte etwas. Der Kapitän stürzte aufs Deckhaus und schaute durchs Fernglas. Das Glas wanderte von Hand zu Hand. Hastige Worte flogen durch die Luft. Ich hörte was von Polizei. Dann ging alles sehr schnell. Astrids Bewacher wurden zurückgerufen, man kappte die Leine zur kathena faa, und ich musste wieder ins Wasser springen, um mein Boot zu erreichen. Das Piratenboot dampfte mit voller Kraft davon. Wir auch, in entgegengesetzter Richtung. Benommen hockten wir an Deck. War wirklich alles vorüber?

Es folgte ein wunderschöner Tag mit leichtem Wind und wolkenlosem Himmel. Wir ankerten gegenüber einem Dorf auf der Insel Tigabu. Die Bewohner schenkten uns Früchte und Hühnereier. Doch wir hatten Schwierigkeiten, uns zu entspannen. Wir scharrten mit den Füßen im Sand, ließen unser Boot nicht aus den Augen. Die Unbefangenheit war dahin. Wir schilderten unser Malheur einem Funker der Sabah-Polizei auf der Insel, der die Bewegungen der Piraten in der Sulusee beobachtete. Nach seiner Meinung waren es Filipinos gewesen.

Lustlos hangelten wir uns die Westküste von Borneo hinunter. Die große Begeisterung war erst mal futsch, denn inzwischen wussten wir, dass es auf unserem Kurs rund um Singapur, Thailand, in der Andamanensee und im Roten Meer auch Piraterie gab.

Die Stimmung an Bord blieb angespannt. Nein: Unsere Reise war nicht, wie erhofft, eine einzige Spazierfahrt durchs Paradies. Öfter als sonst schrieb ich Privates ins Tagebuch:

Astrids Zustand ist erbärmlich. Seekrankheit plus mangelndes Selbstvertrauen. Plus innere Unruhe. Ich bin sicher, aber auch beschämt, dass ich ihr mit dieser Fahrt das Segelleben endgültig verleidet habe.

Mit Bleistift, um es radieren zu können, fügte ich hinzu:

Ich vermute, in einem Haus renkt sich alles wieder ein. Ein zerbrochenes Wir wird es nicht geben.

Als sich einmal ein schwarzer Seevogel auf dem Schiff niederließ, verscheuchte sie ihn mit einer Wildheit, die mich bestürzte. Kämpfe haben wir nicht miteinander ausgetragen. Sicher krachte es schon mal für wenige Stunden und oft im Zusammenhang mit Ereignissen an Land. Auf See dagegen nie. Da gab es auch nichts zu diskutieren, es wurden die Entscheidungen des anderen akzeptiert. Manchmal schweren Herzens.

Dann wurde alles doch noch einmal geheimnisvoll und leicht. Wir besuchten malaysische und thailändische Inseln mit schattigen Buchten und steil aufragenden Felswänden. Schwimmen, tauchen, Muscheln suchen und spielen. Wir segelten und lebten.

Kunafoldu auf den Malediven war unsere letzte tropische Insel. Ein Atoll zum Ausklang dieser Südseereise. Die Insel hatten wir für uns ganz allein. Logisch. Doch leider hatten wir keine unbegrenzte Zeit mehr für Paradiese: Kyms erster Schultag rückte näher.

Daher folgten nur noch See- und Hafentage im Roten Meer, Suezkanal, Mittelmeer. In Griechenland und Italien gab es Yachten über Yachten. Etwas hämisch registrierten wir: »Rechts und links nur noch Fly und Charter. Die Armen.« Wir wurden zu einem Glas Wein eingeladen, wobei meine mittlerweile verheilte Schussverletzung Aufmerksamkeit erregte. Doch letztlich versackten die Konversationen im Trivialen. Wie viel Wasser könnt ihr bunkern? Zu wenig. Wo hat es euch am besten gefallen? Likiep, ein Atoll und Ko Phi Phi, eine Felseninsel. Wart ihr krank? Nie ernsthaft.

Kym, inzwischen fast sieben Jahre, mischte sich auch gerne ein: »Palstek kann ich, meine Schuhe zubinden nicht.« Wie auch? Zu selten hatte er welche getragen.

Astrid schwärmte: »Zu gerne würde ich in einem Badezimmer mit Heißwasser und vorm Spiegel rumrumoren.«

Mein Beitrag »Wir sind reif fürs Trockendock« wurde belacht.

»Was, ihr wollt nach Deutschland zurück? Bloß nicht! Alles ist schwieriger geworden. Arbeit, Lohn, Preise. Ihr werdet nicht zurechtkommen.«

In Beaulieu an der Côte d’Azur machten wir kathena faa fest und brachten das Schild »A VENDRE« an. Zu verkaufen. Dann setzten wir uns in einen Zug nach Düsseldorf, dem neuen Sehnsuchtsort. Bald würden wir wieder Schecks brauchen.

Von der Wüste und vom Meer: Zwei Grenzgänger, eine Sehnsucht
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