Kapitel 16
Die Luft im Büro von Trueman Enterprises war zum Schneiden dick von Zigarrenrauch. Jack Trueman saß auf einem massigen, ledernen Drehstuhl, ein Glas Whisky in der Hand, und gestikulierte mit seiner Zigarre, während Del und Martin vor ihm standen.
»Ich will euch oben in Nottingham haben, und zwar pronto«, sagte er mit dem Tonfall eines Mannes, der es gewohnt war, Befehle zu geben, die auf der Stelle ausgeführt wurden. »Dieser Nichtsnutz funktioniert nicht richtig, und ihr werdet dort bleiben, bis er begriffen hat.«
Jack Trueman ging auf die sechzig zu, hielt sich aber mit Besuchen in einem Fitnessstudio in Form und schwamm außerdem jeden Morgen fünfzig Bahnen in seinem Swimmingpool, sodass er erheblich jünger aussah. Über einen Meter achtzig groß, mit breiten Schultern und einem zerfurchten Gesicht, war er nie attraktiv gewesen, doch das Alter verlieh ihm eine gewisse Klasse. Sein dunkles Haar hatte einen silbernen Schimmer angenommen, und er trug seinen handgeschneiderten grauen Dreiteiler aus der Savile Row und die goldene Armbanduhr mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der von Geburt an reich gewesen war. Einzig sein Cockney-Akzent verriet seine wahre Herkunft, und der Mangel an Wärme in seinen dunklen Augen ließ ahnen, dass er ein Hai in Menschengestalt war.
Jeder, der seine Villa im Pseudo-Tudor-Stil in Essex sah, wäre überrascht gewesen, dass er sein großes Imperium nicht von einer eleganten Bürosuite in Mayfair aus leitete. Aber die beiden kleinen, mit Möbeln überfüllten Räume über einer Buchhandlung im St. Anne’s Court in Soho, wo er vor etwa vierzig Jahren angefangen hatte, waren genau das, was er wollte. Das Gebäude gehörte ihm, und er betrieb auch den »Mandrake Club« im Keller. Das »Mirabelle’s«, ein Stripperclub, das »Bastille«, ein Café, und »Freddys Nachtclub«, die ihm ebenfalls gehörten, waren nur einen Fußweg von drei Minuten entfernt. Außerdem besaß er Anteile an vielen anderen Geschäften, die ein breites Spektrum abdeckten: Textilwarenhersteller, Restaurants, einige Hotels in Paddington und Spielclubs in allen großen Städten.
Es war der Club in Nottingham, mit dem er ein Problem hatte. Der Manager schöpfte seit einiger Zeit die Profite ab, und Del und Martin sollten dem Mann nicht nur eine Lektion erteilen, sondern auch das zurückbringen, was Trueman als sein Eigentum ansah.
»Geht in Ordnung, Chef«, antwortete Del nickend. »Wie schwer sollen wir ihn verletzen?«
»Schwer genug, dass er es nicht noch einmal versuchen wird. Aber nicht so schwer, dass man ihn ins Krankenhaus schaffen muss. Er macht seine Sache gut, und er kann seinen Job behalten, wenn er das Geld zurückgibt. Doch wenn er es nicht tut …« Trueman machte eine viel sagende Geste mit seiner Zigarre, ein unmissverständlicher Hinweis, dass ihm gleichgültig war, was in diesem Fall mit dem Mann geschehen würde.
Del wandte sich um und ging zur Tür. Martin folgte ihm, blieb dann jedoch abrupt stehen und drehte sich noch einmal zu Trueman um.
»Was ist mit den Frauen?«, fragte er. »Sie brauchen Wasser und etwas zu essen. Sollen wir vorher noch einmal rüberfahren?«
»Das kannst du getrost mir überlassen, Sohn«, antwortete Trueman mit einem Grinsen, das nicht bis zu seinen Augen vordrang. »Ihr fahrt auf direktem Weg nach Nottingham, und ich möchte schnelle Ergebnisse sehen.«
Martin zögerte. Es war Freitag, und seit sie am Dienstagabend die zweite Frau in die Scheune gebracht hatten, waren sie nicht mehr dort gewesen. Aber Del zupfte an seinem Ärmel, um ihn schweigend daran zu erinnern, dass es keine gute Idee war, sich mit dem Boss zu streiten.
Als sie draußen auf dem St. Anne’s Court standen, wandte Martin sich zu seinem Freund um. »Hör mal, Del, wir müssen zuerst zu den Frauen fahren«, beharrte er. »Sie werden furchtbaren Hunger haben, und wahrscheinlich ist auch kein Wasser mehr da.«
»Falls du es vergessen haben solltest, wir haben am Mittwoch den Schlüssel zurückgegeben, also können wir ohnehin nicht rein«, erwiderte Del. »Und jetzt hör auf, dir über die beiden den Kopf zu zerbrechen, er wird schon jemand anderen dort hinschicken. Nicht dass dieses freche Miststück überhaupt etwas verdient hätte.«
Es regnete sehr heftig, und weder Martin noch Del waren besonders begeistert darüber, an einem Freitagnachmittag nach Nottingham geschickt zu werden. Alles, was nördlich von Watford lag, kam ihnen vor wie ein fremdes Land, und wenn sie ihren Auftrag dort erledigt hatten, würden sie gezwungen sein, in irgendeiner Absteige zu übernachten, bevor sie nach Hause fuhren. Was bedeutete, dass ihnen der Samstagabend entging, der Abend, an dem immer am meisten los war.
Zwei Stripperinnen aus dem »Mirabelle« kamen, unter einen Regenschirm gekauert, aus dem Haus. Als sie Del und Martin sahen, leuchteten ihre Gesichter auf.
Die meisten Männer, denen sie im Club begegneten, waren in mittleren Jahren oder älter, und im Allgemeinen waren sie irgendwie pervers. Für die Stripperinnen waren Del und Martin Ritter in schimmernder Rüstung, da sie den Mädchen ein wenig Schutz gaben und Unruhestifter in ihre Schranken wiesen. Del nutzte ihre Bewunderung und ihr Vertrauen aus und verkaufte ihnen häufig Amphetamine, sodass sie abnehmen konnten und in der Lage waren, länger zu arbeiten. Aber andererseits nutzte Del fast jeden aus, Martin eingeschlossen.
»Kommt ihr später noch in den Club, Jungs?«, fragte die Rothaarige.
»Nicht heute Abend, Süße«, sagte Del und ließ seine schneeweißen Hemdsmanschetten unter seiner Anzugjacke aus dunkelgrünem Mohair aufblitzen. »Wir müssen etwas erledigen. Aber vielleicht sehen wir uns ja morgen Abend.« Er blickte zu Martin hinüber und bedeutete ihm mit einer knappen Kopfbewegung, dass sie gehen mussten. Martin begriff, dass Del die Frauen in der Scheune bereits vergessen hatte.
Fifi und das, was sie ihm erzählt hatte, hatten Martin verfolgt. Del beharrte darauf, dass sie einen Haufen Unsinn geredet und der Boss sie nur deshalb entführt habe, weil ihr Mann ihn bestohlen und sich mit dem Geld davongemacht habe. Die andere Frau hatte, so behauptete Del, in einem der Unternehmen ihres Chefs die Bücher geführt und ihn übers Ohr gehauen. Die beiden Frauen würden nur so lange festgehalten werden, bis Dan Reynolds wieder auftauchte und die Französin ihre Lektion gelernt hatte.
Aber Martin glaubte das nicht. Wie er wusste, war Dan Maurer, er kannte sogar die Baustelle, auf der er arbeitete, und soweit ihm bekannt war, war in keinem der Geschäfte Truemans eine Französin als Buchhalterin angestellt.
Es war nicht im Geringsten ungewöhnlich, dass Martin und Del den Auftrag bekamen, sich einen Kerl vorzunehmen, der aus der Reihe getanzt war. Dergleichen Dinge stellten den größten Teil ihrer Arbeit dar. Auch Dan hätten sie eine ordentliche Tracht Prügel verpasst, ihn für einige Tage eingesperrt und ihn laufen lassen, sobald er begriffen hatte, dass man Jack Trueman nicht hinterging. Aber noch nie zuvor hatten sie eine Frau entführt und eingesperrt. Frauen, die Trueman in die Quere kamen, waren ausnahmslos Flittchen, denen man drohte, ihr Gesicht zu zerschneiden. Soweit Martin wusste, hatte das immer ausgereicht. Er hatte noch nie den Auftrag bekommen, einer Frau etwas anzutun.
Und was immer Del auch sagen mochte, Fifi war kein Flittchen.
Außerdem war da noch die Geschichte über das ermordete Kind. Er hatte sich am vergangenen Abend bei seiner Großmutter einige alte Zeitungen angesehen und tatsächlich einen Artikel darüber gefunden, genau wie Fifi gesagt hatte.
Del hatte sogar eine Erklärung für die Tatsache, dass die beiden Frauen und John Bolton alle in derselben Straße lebten. Er sagte, dass Trueman einige Häuser dort gehörten, und da Dan Reynolds, die Französin und John Bolton alle für ihn gearbeitet hätten, hätte er sie dort wohnen lassen. Aber Martin war wieder eingefallen, dass Bolton vor seinem Tod in seinem eigenen Haus gelebt hatte, und wenn Trueman tatsächlich Besitz in Südlondon hatte, dann war dies das erste Mal, dass Martin davon hörte.
Dass auch das ermordete Kind in der Dale Street gelebt hatte wie die anderen, konnte kein Zufall sein, auch wenn Del genau das behauptete. Für Martin stank das Ganze zum Himmel – Del hingegen hatte so lange mit üblen Gerüchen gelebt, dass er sie nicht mehr wahrnahm, fürchtete Martin.
Er kannte Del, seit sie als Sechsjährige in demselben Wohnblock in Rotherhithe gelebt hatten. Sie hatten miteinander gespielt und die Schule geschwänzt, und als sie evakuiert wurden, waren sie sogar in demselben Dorf in Sussex gelandet.
Martins Großmutter pflegte zu sagen, dass er ohne Dels Einflussnahme inzwischen in einer Bank arbeiten würde, statt für einen Ganoven die Drecksarbeit zu erledigen. Dies entsprach wohl der Wahrheit, denn Martin war erheblich intelligenter als Del, und wenn er sich nicht mit ihm eingelassen hätte, hätte er wahrscheinlich aufs Gymnasium gehen können.
Aber die Kriegsjahre hatten Del und ihn zusammengeschweißt, angefangen von der Zeit, als sie gemeinsam aus Sussex weggelaufen und in einen Zug gestiegen waren. Von da an hatten sie immer irgendetwas ausgeheckt, und dank der Verdunklung und dem Mangel an elterlicher Aufsicht waren sie meistens damit durchgekommen. Martin hatte immer nur seine Großmutter gehabt. Jetzt hatte er oft ein schlechtes Gewissen, weil er ihr solche Sorgen bereitete. Sie war eine wunderbare Frau, und als seine Mum gestorben und sein Dad auf Nimmerwiedersehen verschwunden war, hatte sie keinen Augenblick gezögert, ihn bei sich aufzunehmen.
Sie ging inzwischen auf die achtzig zu und war in einer hübschen Wohnung in Dagenham untergebracht, aber Dels Einfluss auf ihren Enkel entlockte ihr noch immer düstere Prophezeiungen. »Du solltest lieber abends zu mir nach Hause kommen, Junge, statt bei Del und Jackie, seiner Missus, in Hackney unterzukriechen«, mahnte sie oft.
»Es wird ein böses Ende mit dir nehmen«, sagte sie immer wieder, und Martin lachte dann jedes Mal. Aber tief in seinem Innern dachte er, dass sie möglicherweise Recht hatte. Er wünschte, er hätte sich von seinem alten Freund trennen und einen legalen Job annehmen können, doch das war nicht möglich. Jack Trueman mochte keine »Überläufer«, wie er es ausdrückte. Genau das war John Bolton gewesen, und er war in einem Fluss gelandet.
»Was ist los?«, fragte Del, während sie in Richtung Barnet die Stadt verließen. »Du zerbrichst dir doch nicht immer noch den Kopf über dieses Weibsbild, oder?«
»Nein«, log Martin. Er wusste, dass Del keine zarten Gefühle für Frauen hegte, nicht einmal für Jackie. Er hätte jeden getötet, der versuchte, sie ihm wegzunehmen, doch er schätzte sie nicht als Menschen, sondern nur als Besitz. »Ich bin bloß ein wenig sauer, weil wir nach Nottingham rüber müssen.«
»Ja, es ist ärgerlich, dass wir an einem Freitag hinfahren müssen, aber betrachte das Ganze doch mal von der positiven Seite: Du weißt, wie die Bräute da oben sind: Sie sind ganz verrückt nach Kerlen aus London.«
Martin wusste tatsächlich, wie die Mädchen dort oben waren; sie trugen das Haar noch immer zu diesen hohen, steifen Frisuren toupiert, und sie schminkten sich das Gesicht mit einer dicken Schicht blassen Make-ups. Er mochte Mädchen, die so aussahen wie Fifi, mit klarer, leuchtender Haut und langem, offenem, seidenweichem Haar.
Als Trueman ihnen am vergangenen Dienstag den Auftrag gegeben hatte, Fifi zu entführen, hatte er ihnen gesagt, dass sie auffallend hübsch sei, doch Martin hatte nicht so viel Klasse erwartet. Sie wirkte sauber und adrett, sie hatte das hübscheste Gesicht, das er seit Jahren gesehen hatte, und als sie in den Wagen gestiegen war, hatte er ein nach Blumen duftendes Parfüm gerochen, nicht das starke Zeug, das die meisten Mädchen benutzten und bei dem ihm übel wurde.
Außerdem war es sehr mutig von ihr gewesen, Del die Stirn zu bieten. Was um alles in der Welt hatte ihren Mann dazu gebracht, sie zu verlassen? Aber das musste der Wahrheit entsprechen, sonst hätte ihre Behauptung, Dan sei am Wochenende krank geworden, keinen Sinn für sie ergeben. Außerdem musste sie ihn wirklich lieben, sonst wäre sie nicht so bereitwillig in den Wagen gestiegen.
Es musste nachts furchtbar kalt in dieser Scheune sein. Sie hatte nicht einmal einen Mantel dabeigehabt, nur ein kurzes Jäckchen. Was war, wenn sie oder die andere Frau krank wurden?
»Ich habe Hunger«, erklärte Del eine Weile später, als sie Barnet erreichten. »Lass uns anhalten und uns eine Portion Fisch und Chips kaufen. Später werden alle Läden geschlossen sein.«
Martin hatte keinen Hunger, aber eine Tasse Tee konnte nicht schaden. Sie hatten eine Ewigkeit in dem Büro gesessen, und die hochnäsige Sekretärin hatte ihnen nichts angeboten.
Sie stellten den Wagen ab, fanden eine Imbissstube mit Tischen, an denen man essen konnte, und bestellten beide Kabeljau mit Pommes. Martin aß den Fisch, doch nicht die Pommes, und als er seine Zigaretten aus der Tasche angelte, stellte er fest, dass er nur noch eine übrig hatte.
»Ich gehe mir nur mal schnell Zigaretten holen«, sagte er und stand auf.
Drei Häuser von der Imbissstube entfernt befand sich ein Zeitungskiosk. Martin kaufte seine Zigaretten und zwei Schokoladenriegel für später. Er wollte gerade in die Imbissbude zurückkehren, als er den Ständer mit Geburtstagskarten sah. In einer Woche hatte seine Großmutter Geburtstag, und er vergaß oft, rechtzeitig eine Karte zu kaufen und abzuschicken.
Auf der Suche nach einem Exemplar mit einem derart sentimentalen Spruch, wie seine Gran ihn mochte, blätterte er die Karten durch, bis er eine fand, auf der stand: Ich vermisse dich.
Auf der Karte war ein Teddybär abgebildet, dem eine Träne über die Wange lief, und Martin musste abermals an Fifi denken.
»Kommen Sie, Fifi, machen Sie ein paar Übungen mit mir, dann wird Ihnen auch wieder warm«, bat Yvette flehentlich. Sie stand vor der jüngeren Frau, die auf der Matratze lag, und hielt ihr die Hand hin.
»Ich habe dazu einfach keine Energie mehr«, antwortete Fifi schwach. »Mir wird schwindelig, sobald ich aufstehe.«
Yvette war ebenfalls ein wenig schwindelig. Sie hatte ihre letzte Mahlzeit am Montagabend gegessen, nicht lange bevor der Mann gekommen war und sie fortgeholt hatte. Jetzt war Freitagnachmittag, und eine halbe Pastete und etwas Kuchen am Mittwoch konnte man kaum als Mahlzeit rechnen. In der Flasche waren jetzt nur noch etwa fünf Zentimeter Wasser, und sobald sie gezwungen sein würden, es zu trinken, würde ihre Situation sich noch verschlimmern.
In ihrem Herzen glaubte Yvette, dass man sie hier sterben lassen würde. Sie hatte lange und gründlich darüber nachgedacht, und sie kannte die Männer, die hinter all dem steckten, gut genug, um zu wissen, dass es keinen anderen Ausgang geben konnte.
Warum das Risiko eingehen, gesehen zu werden, wenn sie hierher fuhren, oder vielleicht überlistet zu werden, wenn sie versuchten, sie zu töten, wo doch die Zeit allein ihnen die Arbeit abnehmen konnte? Es würde für die Polizei umso vieles schwerer sein, irgendjemandem etwas nachzuweisen, nachdem Regen und Wind die Autospuren und alle anderen Beweise verwischt hatten. Mit Sicherheit hatten die Männer dafür Sorge getragen, dass der Besitzer nicht irgendwann hier auftauchen würde. Es bestand eine gute Chance, dass ihre Leichen vollkommen verwest sein würden, bevor er erschien.
Natürlich konnten nur die grausamsten und kaltblütigsten Männer zwei Menschen an Hunger und Durst sterben lassen, und gewiss fielen nicht alle Handlanger des Mannes an der Spitze unter diese Kategorie, aber ein mächtiger Mann würde diesen Umstand berücksichtigen. Die Männer, die Yvette entführt hatten, waren nicht dieselben gewesen, die Fifi hierher gebracht hatten. Es war ein Leichtes, jedem der Männer zu erzählen, dass die anderen ihnen etwas zu essen brachten. Wenn man ihre Leichen schließlich fand, würde keiner der Beteiligten zugeben, etwas damit zu tun gehabt zu haben, ganz gleich, wie es um seine Gefühle bestellt sein mochte. Die Männer würden schweigen müssen, aus Angst, dass ihnen selbst etwas Ähnliches zustoßen könnte.
Yvette hatte sich in der Vergangenheit oft nach dem Tod gesehnt, da es in ihrem Leben nichts gab, woran sie hätte festhalten wollen. Sie hatte keine Familie, um die sie trauern konnte, nichts, worauf sie sich freuen konnte, und sie wäre glücklich darüber, von ihrer Schuld erlöst zu werden. Vor dem Tod selbst hatte sie keine Angst, aber sie fürchtete sich vor einem langsamen, qualvollen Sterben.
Sie blickte zu den Gitterstäben über ihr empor. Es wäre so einfach, dort hinaufzuklettern und sich mit dem Gürtel an ihrem Rock zu erhängen. Sie hatte in Frankreich einmal mit angesehen, wie ein Mann gehängt wurde – der Tod kam dabei schnell.
Aber sie konnte es nicht tun, nicht mit Fifi im selben Raum. Ihre Freundin glaubte immer nur das Beste von einem Menschen, und sie würde sich an das Leben klammern, überzeugt davon, dass niemand es fertigbrachte, zwei Frauen verhungern zu lassen.
Yvette konnte ihren Optimismus nicht teilen. Sie konnten sich nicht darauf verlassen, dass die Polizei sie finden würde. Selbst wenn Dan und Frank davon überzeugt waren, dass Fifi etwas zugestoßen sein musste, und eine Suche nach ihnen verlangten, würde die Polizei wohl kaum hierher finden. Und es konnten Tage vergehen, bevor irgendjemand ihr, Yvettes, Verschwinden bemerkte. Wenn die Polizei die Namen der Männer, die an dem Kartenspiel beteiligt waren, aus Alfie Muckle nicht herausbekam, bestand nicht die geringste Chance, dass er ihr und Fifi mit einer Aussage helfen würde. Außerdem war Alfie lediglich ein Bauer in diesem Spiel. Wenn er nicht im Gefängnis und somit in Sicherheit wäre, wäre er mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits tot, genau wie John Bolton.
Yvette kniete sich neben Fifi auf den Boden und strich ihr liebevoll über die Stirn. Sie hatte die junge Frau ins Herz geschlossen, und seit sie hier eingesperrt waren, war diese Zuneigung noch gewachsen. Bis zu diesem Tag war es Fifi gewesen, die ihr Mut gemacht hatte. Sie war eindeutig nicht das verwöhnte Kind, für das Yvette sie zuerst gehalten hatte. Sie hatte sich Spiele ausgedacht, um sich die Zeit zu vertreiben, und sie hatten gesungen und sich Geschichten ausgedacht. Sie hatte ihr Schulfranzösisch an Yvette ausprobiert und viele lange englische Worte benutzt und geprüft, ob Yvette ihre Bedeutung kannte.
Abends war es Fifi gewesen, die Yvette in die Arme genommen hatte, um sie zu wärmen, und sie hatte ihre Ängste für sich behalten.
Selbst Fifis Wunsch, alles über die Menschen zu erfahren, erschien Yvette nicht mehr aufdringlich; ihre Neugier entsprang lediglich dem Verlangen, jemanden näher kennen zu lernen. Sie nahm Anteil und wollte verstehen. Yvette dachte, dass die Welt ein besserer Ort wäre, gäbe es mehr Menschen wie Fifi.
Jetzt öffnete Fifi müde die Augen und versuchte zu lächeln. »Dan wird uns finden«, sagte sie mit Überzeugung. »Ich wette, er hat alle Leute im Pub eingespannt und gefragt, was sie wissen, und seine Freunde bei der Arbeit werden ihm ebenfalls helfen. Sie dürfen nicht verzweifeln, Yvette. Und dann wäre da noch Martin, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er sich eines Besseren besinnen wird. Er schien mir nicht so schlecht zu sein; vielleicht hat er sich mit den falschen Leuten eingelassen, und vielleicht haben sie ihn daran gehindert, uns etwas zu essen zu bringen. Aber ich bin mir ganz sicher, dass er uns nicht in diesem Käfig sterben lassen wird.«
Yvettes Augen füllten sich mit Tränen, denn das Vertrauen der jüngeren Frau rührte sie. »Ich wünschte, ich ’ätte Ihren Glauben«, flüsterte sie. »Aber ich ’abe so viel Bos’eit in meinem Leben gese’en, dass ich an allen Menschen zweifle.«
»Warum erzählen Sie mir nicht davon?«, fragte Fifi. »Kommen Sie und legen Sie sich neben mich. Wir kuscheln uns unter der Decke zusammen, um einander zu wärmen. Nach dieser schrecklichen Zeit, die wir miteinander geteilt haben, werden wir die besten Freundinnen sein. Also sollten wir keine Geheimnisse voreinander haben, nicht wahr? Außerdem sollten wir endlich Du zueinander sagen, finde ich.«
Yvette fror bereits heftig, das Licht verblasste, und die Aussicht auf eine weitere endlose Nacht mit quälendem Hunger, Visionen von Essen und verkrampften Gliedern – weil sie sich zusammenrollen musste, um warm zu bleiben – war niederschmetternd. Vielleicht würde es sie beide für eine Weile ablenken, wenn sie Fifi von ihren Dämonen erzählte, und möglicherweise half es der jungen Frau zu erkennen, dass die Welt nicht der strahlende, schöne Ort war, für den sie sie hielt, und dass es nicht immer ein glückliches Ende gab.
»Ich ’abe meine Ge’eimnisse sehr, sehr lange ge’ütet«, warnte Yvette Fifi, als sie sich niederlegte und an sie drückte. »Es wird schwer für mich sein, Ihnen … dir davon zu erzählen, aber du ’ast mir so viel von dir erzählt, und vielleicht solltest du auch meine Geschichte ’ören.«
Yvette sprach zuerst von ihrem Leben als Kind, von dem Vater, den sie niemals kennen gelernt hatte, von der winzigen Wohnung in der Rue du Jardin und von ihrer Mutter, die ständig mit Näharbeiten beschäftigt gewesen war.
»Wir waren sehr arm«, berichtete Yvette. »Manchmal, wenn Mamas Kundinnen nicht bezahlt ’atten, sind wir ’ungrig zu Bett gegangen, aber wir ’atten auch sehr glückliche Zeiten. Mama ’at mir immer vorgelesen, während sie nähte, und ich machte aus den Stoffresten Kleider für meine Puppe. An Sommerabenden, wenn es dunkel wurde und sie nichts mehr sehen konnte, sind wir oft unten an der Seine spazieren gegangen und ’aben die vorbeifahrenden Boote beobachtet. Wir schauen in die Fenster der großen Häuser und bleiben vor vornehmen Restaurants ste’en, um die Musik zu ’ören. Mama sagt immer, dass sie mich vermisst, wenn ich in der Schule bin, aber sie ist auch sehr stolz auf mich, weil ich klug bin und stets die besten Noten in meiner Klasse ’abe. Sie ’at gehofft, dass ich eines Tages eine gute Stellung finden und nicht so ’art würde arbeiten müssen wie sie.«
Auf einmal war Yvette wieder zwölf Jahre alt, und es war September 1939. Sie konnte sich selbst sehen, wie sie mit ihrer Freundin Françoise von der Schule nach Hause kam, zwei magere Mädchen mit olivfarbener Haut, dunklem Haar und ebenso dunklen Augen. Sie trugen schwarze Wollstrümpfe, die ihnen über die Knöchel rutschten, und ihre langen Zöpfe wippten auf und ab, wenn sie über die Ritzen im Pflaster hüpften. Die Leute hielten sie immer für Zwillinge, weil sie einander so ähnlich waren, aber Yvette fand, dass Françoise hübscher war als sie selbst; sie hatte Grübchen in den Wangen und perfekt geformte Lippen.
In der Schule sprach ihre Lehrerin ständig über den Krieg, der soeben begonnen hatte, und sie hängte Karten auf, um ihnen zu zeigen, welchen Weg die Deutschen durch Polen nahmen, doch diese Dinge sagten Yvette und Françoise wenig, denn Polen war so weit entfernt von Paris, und keines der beiden Mädchen hatte einen Vater, der in den Krieg ziehen musste.
Vor allem waren Yvette aus jener Zeit jedoch die Lebensmittel in den Läden in Erinnerung geblieben und die Gerüche, die damit einhergingen. Vielleicht waren diese Dinge ihr nur deshalb im Gedächtnis haften geblieben, weil dies für viele Jahre die letzte Zeit sein sollte, in der sie solchen Überfluss zu sehen bekam. Rosig polierte Äpfel waren zu hohen Stapeln übereinander gelegt, üppige, purpurfarbene Trauben ergossen sich aus Kartons, und daneben lagen Pfirsiche, Möhren und leuchtend rote Tomaten. Der Anblick von frisch gebackenem Brot und Croissants lockte ebenso wie der Duft von dutzenden verschiedener Käsesorten und Pasteten. Und es gab so viele Herbstblumen, Messingkübel voller Chrysanthemen, Dahlien und Margeriten.
»Es war Françoise, von der ich zum ersten Mal ’örte, dass die Nazis keine Juden mochten«, fuhr Yvette fort. »Sie ’atte Verwandte in Berlin, und sie ’atten ihrer Mutter geschrieben, dass sie versuchten, von dort wegzukommen, da die Juden in der Stadt angegriffen und ihre Geschäfte beschlagnahmt wurden. Aber Françoise und ich, wir betrachteten uns nicht wirklich als Juden. Unsere Mütter gingen nicht in die Synagoge, und sie ’ielten auch keine der alten Traditionen ein. In unseren Augen waren wir einfach Französinnen, und was immer in Deutschland geschah, ’atte nichts mit uns zu tun.
Aber im Frühling 1940 konnte ich spüren, dass Mama schlimmere Sorgen plagten als die nächste Miete und die Frage, ob der Krieg dazu führen würde, dass ihre Damen keine neuen Kleider mehr in Auftrag geben würden. Eines Tages ’abe ich sie danach gefragt, und sie ’at mir erzählt, dass sie Angst um uns ’ätte.«
Yvette konnte sich gut an ihre widersprüchlichen Gefühle erinnern, als die Deutschen Frankreich immer näher rückten. Es lag eine Art primitiver Erregung in der Luft, so viele Männer in Uniform streiften in Paris umher, und an allen Ecken der Stadt konnte man Geschichten von Heldentaten hören. Für sie und Françoise war es beinahe so, als warteten sie auf Weihnachten, sie waren erfüllt von Hoffnung und einer seltsamen Vorfreude, doch da ihre Mütter beide arm und sie an Enttäuschungen gewöhnt waren, verspürten sie auch eine leichte Furcht.
Die Zahl der Kriegsopfer wuchs bereits, und die älteren Leute erzählten Geschichten von jungen Männern in ihren Familien, die in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs gestorben waren. Viele Menschen heirateten in aller Eile und ohne die gewohnten Zeremonien und Traditionen. Junge Frauen, die bis dahin der Inbegriff der Schicklichkeit gewesen waren, zeigten sich mit ihren Freunden in der Öffentlichkeit und tauschten leidenschaftliche Küsse mit ihnen. Am Sonntag waren die Kirchen bis auf den letzten Platz besetzt, und während die Tage länger wurden, blieben die Menschen draußen auf den Straßen; vielleicht taten sie das nur, um über den Krieg zu reden, aber für zwei junge Mädchen hatte das Paris jener Zeit eine beinahe ausgelassene Atmosphäre.
Manchmal gingen Yvette und Françoise zum Gare du Nord, um die Züge zu beobachten, mit denen die Truppen abreisten. Sie waren zu jung, um die Tränen der Liebespaare zu verstehen, wenn sie sich aneinanderklammerten, aber doch alt genug, um an diesem berauschenden Drama selbst teilnehmen zu wollen. Sie warfen Blumen und winkten mit ihren Taschentüchern. Sie hofften sogar, dass der Krieg nicht enden würde, bevor sie erwachsen genug waren, um selbst jemanden zu haben, den sie zum Abschied küssen konnten.
Doch hinter all dieser hektischen Aktivität lag auch ein zunehmendes Unbehagen, das im Laufe der Monate April und Mai weiter wuchs. Die Lehrer in der Schule machten ernste Gesichter, und sie waren mit einem Mal abgeneigt, ihnen den Vormarsch der Deutschen in Holland und Belgien auf der Karte zu zeigen.
Dann, Ende Mai, war ganz Paris entsetzt, als die französischen und englischen Truppen sich auf einen Brückenkopf bei Dünkirchen zurückziehen mussten. Kirchenglocken läuteten, und die Menschen kamen in Scharen herbeigeströmt, um zu beten, dass die Männer ihrer Familien unter jenen waren, die nach England hatten übergesetzt werden können.
Während Frankreich noch immer erschüttert war von dieser Katastrophe, rückten die Deutschen in Richtung Paris vor. Am zehnten Juni verließ die französische Regierung die Hauptstadt, weil sie sich nicht verteidigen ließ. Obwohl die meisten Bürger froh darüber waren, dass ihr geliebtes Paris von der Zerstörung durch Belagerungen und Straßenkämpfe verschont blieb, waren sie dennoch zutiefst entsetzt, als sie die ersten deutschen Truppen in die Stadt einmarschieren sahen.
Yvette und Françoise stahlen sich davon, um zu beobachten, wie die berittene Artillerie der Deutschen durch den Triumphbogen zog, und als sie die kalten, harten Gesichter unter den Helmen sahen und den langen Tross von pferdegezogenen Geschützen, begriffen sie mit einem Mal die Realität des Krieges. Binnen Stunden war Paris besetzt, und obwohl Frankreich sich erst am 22. Juni ergab, war für Yvette der Tag, an dem die ersten Deutschen kamen, der Beginn ihres persönlichen Krieges. Zum ersten Mal durchzuckten sie echte Angst und ein Gefühl böser Vorahnung, dass nichts jemals wieder so sein würde wie vorher. Viel später begriff sie dann, dass an diesem Tag ihre Kindheit geendet hatte.
»Ich konnte alles so deutlich vor mir sehen«, murmelte Fifi dicht an Yvettes Schulter. Es war jetzt dunkel, und sie konnte das Gesicht ihrer Freundin nicht mehr erkennen. »Aber sprich weiter. Haben die Nazis dich und deine Mutter sofort geholt?«
»Nein. Doch alle Menschen ’atten große Angst, Juden wie Nichtjuden. Es war gefährlich, sich nach der Sperrstunde auf der Straße erwischen zu lassen. Mama sagte, dass wir in der Wohnung bleiben müssten und nur ’inausge’en dürften, um Essen zu kaufen. Aber es wurde mit jedem Tag schwerer, etwas zu bekommen, und manchmal mussten wir uns lange mit nur einem einzigen Laib Brot begnügen, und überall waren deutsche Soldaten. Wir ’aben uns so große Mü’e gegeben, nicht aufzufallen, denn sie ’ielten die Menschen auf der Straße an und verlangten, ihre Papiere zu se’en. Mama stahl sich manchmal davon, um mit Leuten zu reden, die sie kannte. Ich denke jetzt, dass sie damals erfahren ’aben muss, wie schlimm die Situation der Juden in Polen, Deutschland und ’olland war. Aber sie ’at mir nur wenig darüber erzählt, nur dass sie mich irgendwo in Sicher’eit bringen muss.
Als Françoise fortgeschickt wurde, war ich neidisch«, gestand Yvette. »Sie ’atte irgendwo im Süden eine Tante, zu der sie ge’en konnte. Ich war sehr einsam ohne sie. Und einige Wochen später sagte Mama, dass ich ebenfalls fortge’en muss.«
Die Stimme ihrer Freundin brach, und Fifi streichelte ihr die Wange, um sie zum Weitersprechen zu ermutigen.
»Ich kann die Wohnung noch immer vor mir se’en, Mamas Gesicht und alles, geradeso, als wäre es erst gestern gewesen und nicht vor dreiundzwanzig Jahren.« Yvette seufzte. »Aber vielleicht liegt das daran, dass ich damals so plötzlich abreisen musste.«
Sie schloss die Augen, während sie sich noch einmal die letzten Stunden in der Wohnung ins Gedächtnis rief. Sie konnte sich die Treppe hinaufgehen sehen, atemlos, weil sie durch den Regen von der Schule nach Hause gerannt war.
Das Treppenhaus war aus Stein, mit verrosteten, verschnörkelten Geländern aus Schmiedeeisen. Das einzige Licht kam von einem Oberlicht im vierten Stock und von der Haustür, wenn sie offen stand.
All die Gerüche aus den anderen Wohnungen – und es gab vier Wohnungen in jedem Stockwerk – blieben im Sommer im Gebäude haften, ein durchdringendes Gemisch aus Knoblauchsuppe, Käse, Kräutern, Waschlauge und manchmal auch Abwässern. Madame Chevioux, die Witwe, die im Erdgeschoss zur Straße hin lebte, hatte die größte Wohnung, und das ließ sie die anderen Mieter auch spüren, denn sie war mit dem Besitzer verwandt und trieb die Mieten ein.
Madame Chevioux war auch der Grund, warum die Mieter kamen und gingen, aber Yvette und ihre Mutter lebten, seit Yvette ein Baby war, im obersten Stockwerk unter dem Dach. Mama schenkte der Tyrannin aus dem Erdgeschoss stets ein liebenswürdiges Lächeln. Jede Woche schrubbte sie die Treppen bis ganz nach unten, sie putzte in jedem Stockwerk das Badezimmer und nähte Madame bisweilen einen Rock oder eine Bluse ohne Entgelt, nur um sicherzustellen, dass man sie nicht auf die Straße setzte. Yvette war hundert Mal oder öfter gewarnt worden, der Frau gegenüber niemals frech oder unhöflich zu sein, denn billige Wohnungen waren schwer zu bekommen.
Als Yvette an jenem Tag die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, blickte Mama von ihrer Arbeit am Tisch auf.
»Ich habe gute Neuigkeiten für dich«, meinte sie.
Mama war ein zierliches Persönchen und sehr klein; selbst mit ihren dreizehn Jahren war Yvette bereits ein wenig größer als sie. Françoise hatte einmal gesagt, ihre Mutter wirke wie verblasst, obwohl das Yvette bis dahin gar nicht aufgefallen war. Aber sie hatte Recht; Mama war von der üppigen Schönheit mit dem rabenschwarzen Haar und den Rehaugen, die Yvette auf der Fotografie auf der Kommode oft bewunderte, zu einem Schatten ihrer selbst geworden. Jetzt hatten sich ihre schmalen Schultern gerundet von den vielen Stunden, die sie über ihre Nähmaschine gebeugt dagesessen hatte, und ihr Haar war eher grau als rabenschwarz. Selbst ihre Augen waren verblichen; sie wirkten milchig wie Schokolade, die man zu lange liegen gelassen hatte. Sie war fünfunddreißig, was Yvette sehr alt vorkam, und ihr Gesicht, das zwar noch keine Falten aufwies, hatte einen gelblichen Ton angenommen.
»Wir fahren irgendwohin!«, rief Yvette überglücklich, denn neben den Kleidern auf dem Tisch lag eine Reisetasche.
»Du fährst allein, mein Liebling«, antwortete Mama. »Ich habe einen sicheren Ort für dich gefunden, bis die Deutschen wieder weg sind.«
»Aber ich kann ohne dich nirgendwo hinfahren«, protestierte Yvette, deren Freude bei der Aussicht auf eine Reise sich in nichts aufgelöst hatte. »Warum kannst du nicht auch mitkommen?«
»Weil du ohne mich sicherer sein wirst, außerdem habe ich meine Arbeit hier.«
Mama schlug nur selten diesen energischen Tonfall an, doch wenn sie es tat, wusste Yvette, dass sie keine Einwände erheben durfte.
»Wo werde ich denn hinfahren?«, fragte sie.
»In eine Stadt auf dem Land. Du wirst reichlich zu essen und frische Luft haben, und es wird ein gutes Leben sein. Ich werde dich holen kommen, so bald ich kann.«
»Reise ich denn schon bald ab?«, wollte Yvette wissen.
»In zwei Stunden«, sagte Mama. »Wir werden zum Markt hinuntergehen, und dort wird man dich abholen. Ich möchte nicht, dass Madame Chevioux erfährt, dass du verreist. Ich vertraue ihr nicht.«
Yvette hielt in ihrer Geschichte inne, und Fifi bemerkte, dass sie leise weinte.
»War das das letzte Mal, dass du deine Mutter gesehen hast?«
»Ja«, antwortete Yvette, und ihre Stimme klang schroff vor Erregung. »Aber ich wusste, dass ich sie und die Wohnung niemals wiederse’en würde, das denke ich ’eute in meinem ’erzen, denn während ich etwas Brot und Käse aß und ein Glas Milch trank, ’atte ich das Gefühl, als würde ich jede noch so kleine Einzel’eit in mich aufsaugen.
Ich kann alles noch immer so deutlich vor mir se’en, den ’ölzernen Boden, den Mama mit Tünche gestrichen ’atte, die Flickenteppiche, die sie genäht ’atte, und ihre alte Nähmaschine. Es war im Grunde nur ein einziger großer Raum; wir ’atten ein Bett hinter einem Vor’ang ste’en, und der Tisch war so riesig, dass Mama dort ihre Kleider zuschneiden konnte. Wir ’atten eine Art Sideboard unter dem Fenster, und darauf lag ein Kissen, auf dem man sitzen konnte. Wenn die Sonne schien, lag ich dort wie eine Katze zusammengerollt. Und ich ’abe die Menschen unten auf der Straße beobachtet und über die Dächer zu der Kuppel von Sacré Cœur geschaut. Vielleicht war die Wohnung sehr schäbig, doch ich ’abe sie nie so gese’en.«
Nach einer Weile sprach Yvette weiter und erzählte Fifi, dass sie und ihre Mama zur verabredeten Zeit auf dem Markt von Madame und Monsieur Richelieu empfangen worden waren. Es schienen warmherzige, liebenswerte Menschen zu sein, ein wenig älter als ihre Mama, und sie sagten, sie wollten Yvette als ihre verwaiste Nichte ausgeben. Sie lebten in Tours, wo sie eine Boulangerie hatten, und Yvette, so meinten sie, könne ihnen in der Bäckerei helfen. Außerdem versprachen sie, dass sie ihre Ausbildung würde fortsetzen und nach Kriegsende nach Paris würde zurückkehren können, um dort die Universität zu besuchen.
»Ich ’abe keinen Verdacht geschöpft, was die beiden betraf«, meinte Yvette. »Ich mochte sie, genau wie Mama. Sie meinten, es sei das Beste, wenn wir einander keine Briefe schrieben, zumindest nicht für den Augenblick, weil die Gefahr beste’e, dass sie abgefangen würden. Aber Mama ’atte ihre Adresse, des’alb ’at mir das keine Angst gemacht.«
»Erzähl mir nicht, dass die beiden Schurken waren!«
»Oh doch, das waren sie. Von der schlimmsten und verkommensten Sorte, denn sie ’aben Mama betrogen. Aber zuerst war es so, wie ich gesagt ’abe: Wir sind mit dem Zug nach Tours gefahren, und die Papiere, die sie für mich ’atten, sind überprüft und akzeptiert worden. Es gab tatsächlich eine Boulangerie in der Mitte der Stadt, und ich ’atte ein kleines Zimmer in ihrer Wohnung über dem Laden. Tante Grace, wie ich sie nennen sollte, gab mir gut zu essen und ließ mich nicht allzu ’art arbeiten, und obwohl ich nicht allein ausge’en durfte, dachte ich, dass sie mich auf diese Weise nur zu beschützen versuchten.
Aber etwa drei Monate später wurde ich eines Nachts von einem Wagen abge’olt. Sie müssen mich betäubt haben, denn ich erinnere mich an nichts mehr, was nach dem Abendessen geschah, und dann erst wieder an die Bewegung eines Autos. Als ich aufwachte, befand ich mich in einem Raum mit vergitterten Fenstern, und eine Frau kam ’erein, um mir zu sagen, dass ich von jetzt an ihr Besitz sei.«
»Was war das für ein Haus?«, fragte Fifi. Sie hatte ihren Hunger, die Kälte und die Dunkelheit schon bald vergessen, nachdem Yvette sie auf die Reise in ihre Vergangenheit geführt hatte.
»Ein Bordell.« Yvette spie das Wort förmlich aus. »Nicht dass ich diesen Ausdruck damals gekannt oder gewusst ’ätte, was in solchen ’äusern vorging. Ich ’atte zu jener Zeit noch nicht einmal meine Menstruation und auch keinen Busen. Ich wusste über’aupt nichts über die Welt der Erwachsenen. Ich war erst dreizehn und noch ein Kind.«
Fifi sog scharf die Luft ein.
»Man zwang mich, ein Bad zu nehmen und mir das ’aar zu waschen, dann bekam ich ein Nacht’emd, das ich anzie’en sollte. Ich ’abe immer wieder nach ›Tante Grace‹ gefragt, und ich ’abe geweint, aber diese Frau wollte mir nicht einmal ihren Namen nennen. Sie ’at mich geschlagen und gesagt, dass ich ihr stets ge’orchen müsse, oder man würde mich bestrafen.«
Während Yvette Fifi davon erzählte, erlebte sie jene Nacht noch einmal. Sie konnte die nackte Holztreppe vor sich sehen, die sie hinuntergehen musste, den langen, finsteren Flur und eine Tür am unteren Ende des Gangs. Sie hatte Angst, nicht vor dem, was vor ihr lag, denn sie ahnte nicht, was ihr widerfahren würde. Aber sie fürchtete sich vor dieser Frau, denn sie hatte ein langes, knochiges Gesicht und unfreundliche dunkle Augen, außerdem fehlten ihr die Schneidezähne, was ihr das Aussehen einer Hexe aus einem Märchenbuch gab. Allerdings war sie nicht gekleidet wie eine Hexe – ihr Kleid war aus dunkelblauem Kreppstoff, und das dicht gewellte, blonde Haar fiel ihr bis fast auf die Schultern –, aber die Hand, die Yvettes Unterarm umklammert hielt, war wie ein Klaue, fand Yvette, und der große Rubinring an ihrem Finger sah aus wie Blut.
Der Raum, in den man Yvette führte, war nur schwach beleuchtet, mit schweren Vorhängen vor dem Fenster gegen Einblicke geschützt und lediglich mit einem Bett und zwei Stühlen möbliert. Auf einem der Stühle saß ein Mann.
Er war untersetzt und in Yvettes Augen schon alt, obwohl er wahrscheinlich um die vierzig war, und er trug einen dunkelgrauen Anzug mit einer gelben Weste darunter. Er hatte ein grobes, gerötetes Gesicht und ein Doppelkinn, und als er bei ihrem Eintreten lächelte, fielen ihr seine feuchten, wulstigen Lippen auf.
»Sind Sie sich sicher, dass sie unversehrt ist?«, fragte er und musterte Yvette, als wäre sie ein preisgekröntes Schaf oder ein Schwein. Er war Franzose – nach seinem Akzent zu schließen, kam er aus Paris.
»Ich habe sie selbst untersucht. Sie hat noch nicht einmal Haare auf der Möse«, antwortete die Frau.
Es war dieses grobe Wort, das Yvette sagte, welcher Art das Interesse des Mannes an ihr war, und sie versuchte, sich dem Griff der Frau zu entwinden und wegzulaufen, aber sie ließ sie nicht los.
Der Mann erhob sich von seinem Stuhl und kam auf sie zu, um sie mit beiden Händen zu packen und an sich zu ziehen. »Komm, meine kleine Blume«, meinte er. »Ich will dich ansehen.«
Jetzt schrie Yvette laut auf, und ihr Schrei schien in dem kahlen Raum widerzuhallen. Der Mann lachte, hob sie hoch und warf sie auf das Bett.
»Sie können jetzt gehen«, sagte er zu der Frau. »Wenn sie all das ist, was Sie behauptet haben, werden Sie Ihren Bonus bekommen.«
Jede Sekunde dieses beängstigenden und qualvollen Martyriums hatte sich in Yvettes Gedächtnis eingebrannt. Sie konnte den Atem des Mannes auf ihrem Gesicht riechen und die Wärme seines Körpers durch seine Kleider spüren, während er sie auf dem Bett niederrang. Es beschämte sie so sehr, als er versuchte, sich ihre intimsten Körperteile anzusehen, und es tat weh, als er mit den Fingern in sie hineinstieß. Sie versuchte, ihn abzuwehren, aber er schlug ihr unbarmherzig ins Gesicht und drückte sie so heftig auf das Bett hinab, dass sie glaubte, er würde sie töten.
Dann knöpfte er seine Hose auf, und daraus hervor ragte ein so Furcht erregendes Ding, dass sie abermals schrie. Sie hatte bisher lediglich den Penis eines kleinen Jungen gesehen, nie den eines erwachsenen Mannes, und obwohl ein Mädchen in der Schule ihr einmal eine Zeichnung eines männlichen Glieds gezeigt hatte, hatte sie geglaubt, es sei ein Scherz.
»Er ’at es in mich ’ineingepresst, Fifi«, flüsterte sie. »Es war ein Gefühl, als würde ich entzweigerissen. Ich war unter ihm gefangen, und der Schmerz war schrecklich. Es kam mir so vor, als ’ätte es Stunden gedauert. Ich glaube, ich bin ohnmächtig geworden. Ich wünschte nur, ich ’ätte an Ort und Stelle sterben können.«
Fifi weinte mit Yvette, während sie einander fest umschlungen hielten und sich gemeinsam hin- und herwiegten. All die Fragen, die sie Yvette in der Vergangenheit gestellt hatte, ihre Versuche herauszufinden, ob sie einen Freund gehabt hatte oder verheiratet gewesen war, beschämten sie jetzt. Sie wünschte, sie hätte Worte finden können, um Yvette zu zeigen, dass sie ihr Leiden nicht nur voll und ganz verstand, sondern ihren Schmerz mit ihr teilte.
Sehr viel später beendete Yvette dann ihre Geschichte. Sie erklärte Fifi, dass sie eins von vielen Mädchen gewesen war, die man dort hingebracht hatte. Das Bordell existierte schon seit einigen Jahren; die meisten der älteren Mädchen waren nach Paris gekommen, um Arbeit zu suchen, und man hatte sie mit dem Versprechen auf ein Bett und eine Mahlzeit ins Haus gelockt. Einige von ihnen waren keineswegs Unschuldslämmer gewesen; das eine oder andere Mädchen fand sogar Gefallen an diesem Leben, in dem sie einen bequemen Ausweg sahen. Aber der Krieg machte es den Besitzern erheblich leichter, jüngere Mädchen zu erwerben, für die es in den verderbtesten Kreisen ihrer Kundschaft große Nachfrage gab. Verzweifelte jüdische Eltern, die den Hass der Nazis fürchteten, wünschten sich eine sichere Zuflucht für ihre Kinder, bis der Krieg vorüber war, und für skrupellose Menschen wie die Richelieux’ war es nur allzu leicht, die Angst dieser Menschen auszunutzen und Profit daraus zu schlagen. Yvette hatte davon gehört, dass kleine Jungen in ein anderes Haus gebracht und auf ähnliche Weise missbraucht worden waren.
Auch Waisen, die auf den Straßen lebten, wurden aufgelesen, und einige Mädchen hatte man aus Nordafrika nach Frankreich geholt. Die afrikanischen Mädchen waren von allen am schlimmsten dran, da sie oft nicht einmal in der Lage waren, mit irgendjemandem zu sprechen.
Jeder »Neuerwerb« wurde hinter Schloss und Riegel gehalten, bis das betreffende Mädchen akzeptierte, dass es jetzt eine Hure war, und schließlich sogar dankbar war für ein Dach überm Kopf und genug zu essen. Aber die Jüdinnen litten noch eine zusätzliche Angst, denn man erklärte ihnen täglich, was mit ihnen geschehen würde, wenn sie den Männern nicht gefielen, die sie missbrauchten. Es gelangten genug Informationen von außen in das Bordell, um einiges über die Ereignisse in der Welt zu erfahren. Sie wussten, dass jeden Tag Züge voller Juden nach Deutschland oder Polen fuhren, wo die Menschen in Arbeitslager gebracht wurden.
Yvette wurde geschlagen, man ließ sie hungern und sperrte sie nackt in ein kaltes Zimmer, und nach einiger Zeit begriff sie, dass sie nur überleben würde, wenn sie lernte, zu lächeln und so zu tun, als gefiele ihr das, was diese schrecklichen Männer mit ihr machten. So lernte sie schließlich, jedes Gefühl zu unterdrücken, bis gar keine Empfindungen mehr übrig waren.
Die meisten Räume im Haus hatten verschlossene Läden an den Fenstern, nicht so jedoch die Dachkammern, in denen die Mädchen schliefen. Yvette stand oft eine Stunde oder länger dort, starrte auf die Dächer hinaus und hielt Ausschau nach irgendetwas, das sie erkannte. Aber sie konnte weder die Kuppel von Sacré Cœur noch die Seine sehen, daher hatte sie keine Ahnung, in welchem Teil von Paris sie sich befand.
Gelegentlich floh eins der neuen Mädchen, doch kurze Zeit später hörte man immer, dass es erschossen oder ertrunken im Fluss aufgefunden worden war. Daher wagten die Mädchen es nicht, irgendjemandem zu vertrauen, nicht einmal einander, denn jede von ihnen konnte in Versuchung geraten, die anderen zu verraten, wenn ihr dadurch eine Nacht mit einem der brutaleren oder besonders perversen Freier erspart blieb.
Nach außen hin wurde Yvette so wie die anderen Mädchen, fügsam, umgänglich, dankbar für jede kleine Freundlichkeit.
»Aber in meinem Kopf war ich nicht so wie sie«, erklärte sie mit einem scharfen, trotzigen Unterton in der Stimme. »Ich wusste, dass sie ’uren bleiben würden, wenn der Krieg endete, aber ich nicht. Ich ’abe mir fest vorgenommen, nach England zu gehen. In diesem ’aus ’abe ich die Näharbeiten erledigt; ich wusste, dass ich mich gut darauf verstehe. Wenn ich nicht diesen Traum von England in meinem Kopf ge’abt ’ätte, wäre ich verrückt geworden.«
Fifi konnte nichts sagen. Sie verspürte tiefe Bewunderung für die innere Stärke, die Yvette besessen haben musste, um so schreckliche Erfahrungen zu überleben. Andererseits konnte sie erkennen, dass ihre Freundin ihre Freiheit in England nicht wirklich wiedergewonnen hatte. Sie lebte auch weiterhin in einer Art Gefängnis und hatte, wenn man so wollte, nur die Männer, die in Frankreich ihr Leben beherrscht hatten, gegen anspruchsvolle Frauen hier ausgetauscht, denen sie diente, indem sie ihnen Kleider nähte.
Yvette hatte kein wirkliches eigenes Leben. Sie ging nur aus dem Haus, um ihre Kundinnen zu besuchen, und ihre voll gestellte Wohnung ähnelte wahrscheinlich der, die sie sich während ihrer Kindheit mit ihrer Mutter geteilt hatte. Ein leeres Leben ohne jedwede Liebe, ohne Glück.
Plötzlich stieg heiße Scham in Fifi auf, wenn sie darüber nachdachte, dass sie sich häufig vom Leben so schlecht behandelt gefühlt hatte. In Wirklichkeit hatte sie keinen Grund zur Klage gehabt – bis zu dieser Zeit hatte sie niemals Hunger oder wirkliche Angst kennen gelernt. Armut, Krankheit, Obdachlosigkeit, nichts von alldem hatte sie je erfahren, nicht einmal wahre Einsamkeit. Niemand, der ihr nahestand, war je gestorben, und sie war in einer guten, liebevollen Familie aufgewachsen. Dann war Dan gekommen, ihr Freund, ihr Ehemann und Geliebter, der, wenn nötig, wahrscheinlich für sie gestorben wäre. Nun gut, die Missbilligung, mit der ihre Mutter Dan betrachtete, entbehrte vielleicht jeder Grundlage, doch andererseits waren Mütter überall auf der Welt gleich, sie wollten lediglich ihre Kinder beschützen.
Yvettes Mama hatte ihr Kind in die Obhut jener Leute gegeben, weil sie geglaubt hatte, dort würde es in Sicherheit sein. Wenn sie vor der Wahl gestanden und sich hätte entscheiden müssen, ob Yvette entweder mit ihr zusammen in dem Zug nach Polen sterben oder in das Bordell gehen sollte, welche Möglichkeit hätte sie gewählt?